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Marc Du Buisson: Vier Freunde fahren ab

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Vier Freunde fahren ab

Roman

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MarcDuBuisson VierFreundefahrenab

VierFreunde fahrenab

FürMalu, ohnedieunserevierFreunde nieFahrtaufgenommenhätten

Friedhöfehabenmichschonimmerfasziniert.Aufdereinen SeiteverkörpernsiesovielTrauer,dermansichnichtstellen will,undaufderanderenistesdortimmersoruhig,anmutig undfriedlich.Inmeinen81JahrenaufdieserErdehabeich schoneinigenBeerdigungenundTrauerfeiernbeiwohnen müssen,sodassichmichdortmittlerweileauchwohlfühle.

DenFriedhofinmeinerHeimatstadtZuchwilimKanton Solothurnbesucheichregelmäßig,wasdaranliegt,dassmeine FrauundmeinSohndortbeerdigtsind.NochimmerverspüreicheinmulmigesGefühlimBauch,wennichihreNamen aufdemGrabsteinlese,abereströstetmich,dasssieaneinem solchschönenOrtihreletzteRuhegefundenhaben.

VordemGrabstehenderinnereichmichmanchmalaneinenlustigenodertraurigenMomentmitihnen,abundzu schaueicheinfachnurdenGrabsteinanundseltenleseich dieZeitung,dieichvonzuHausemitgenommenhabe.

VieleBesucherinnenundBesucherunterhaltensichmit denMenschen,derenGräbersiebesuchen.Sieerzählenihnen vonihremLeben,wasInteressantesaufderWeltpassiert, oderinformierensieüberdieletztenResultateihresLieblingsteams.IchhingegenbineherderruhigeTyp.Auchwenn ichmeinemSohnodermeinerFrauetwasmitteilenmöchte, öffneichmeinenMundnicht.Ichsageesihnendurchmeine Gedanken,dennimmerhingehtesnursieundmichetwas an.

HeuteistSamstag,der16.August2024,kurzvorelf.Vorein paarMinutenhatesbegonnenzuregnenundderWind nimmtimmermehrFahrtauf.Ichverkürzedeshalbmeinen

AufenthaltundbegebemichschonnacheinerViertelstunde zurückzumAuto.

MeinenweißenMazda – undmeinenFührerschein –habeichvorgutdreiMonatenzurückbekommen,nachdem ichletztesJahrmitAlkoholamSteuererwischtwurde.Das GerichtstelltemichvordieWahl:Entwederichgebedas AutounddenFührerscheinabundkommeohneStrafedavon,oderichbezahleeineBußeimhohenvierstelligenBereich,bekommedafürbeidesaufBewährungzurück.Weil sichmeinKnöchel,denichgegenEndeletztenJahresverstauchthatte,niezuhundertProzenterholthat,binichzu Fußnichtmehrsosicherunterwegs,alsoistmirdieEntscheidungziemlichleichtgefallen.

GeradeinSituationenwiediesen,wenndasWetterumschlägtundichspontanentscheidenkann,obichgehenwill odernicht,weißich,dassichvorGerichtrichtigentschieden habe.

IchlaufezügigdurchdenFriedhof,öffnedasGittertorund schauezuerstnachrechtsunddannnachlinks.Daichkein Autosehe,willichbereitsdieStraßeüberqueren,alsichnoch malnachlinksblicke.EineFraustehthinterihremRollator, hältsichmitzitterndenHändendaranfestundhatihre Schulternhochgezogen,umsichvordemWindzuschützen. «Siekenneichdoch»,sageichundgehezuihrhin.

«Wiebitte?»,fragtsieundschautmichan.EsdauerteinenkurzenMoment,dochdannerkenntsiemich.«Ach,Sie sindes!DerMannvomMahlzeitendienst.»

«Naja,nichtmehr.»

«Natürlich,natürlich»,sagtsieundwinktab.«Wiegeht esIhnen?»

IchhalteeinenMomentinneundbinerstaunt,wiesehr siesichseitunserererstenBegegnungveränderthat.Damals warsieTeilmeinerRoute,alsichbeimMahlzeitendienstaus-

geholfenhatte.SielebtealleinineinemHausamSchwarzerlenwegimUnterfeldquartier,undichverstandkeinWort, dasihrenMundverließ.Esstelltesichheraus,dasssieschwerhörigwarundsichselbstnichtmehrredenhörte,weshalb ihreSätzereinesKauderwelschwaren.DurchdieHörgeräte istsiejetztjedochproblemloszuverstehen.

«Ichkannnichtklagen»,beantworteichihreFrage. «UndIhnen?»

«FabianistvoreinpaarWochenverstorben,Siewissen schon … »,sagtsieundformtdannausihrenHändeneine Brille,diesiesichvordieAugenhält.

AucherwarTeilmeinerRoute,hatunteranderemauch durchmeinenEinflussdieFraukennengelerntundistzuihr insHausgezogen.

«Dastutmirleid»,sageichundsenkemeinenKopf. EinestarkeWindböefegtdenHanghinunter,sodassich meineSchulterngenausohochziehewiedieFrau.

«Ichglaube,ichsolltelangsamlos»,sageichundbekommevonihrnureinNickenzurück.IchmacheeinenSchritt, bleibedanachstehenunddrehemichwiederzuihr.«MöchtenSiemitfahren?IchkönnteSienachHausebringen.»

IhreSchulternlösensichetwas.«Gerne»,sagtsie.«Mein TaxiwürdeerstineinerhalbenStundekommen.»

Ichhelfeihrdabei,denRollatorvomhohenTrottoirzu heben,undbegleitesiedannzumeinemMazdaaufdem Parkplatz.

DieFrausetztsichaufdenBeifahrersitz,währendichden RollatorimKofferraumverstaue,bevorichselbstendlich demRegenentkommenkann.

«SiesindmitdemTaxigekommen?»,frageichsie,nachdemwirlosgefahrensind.

«Nein,ichbinzuFußgekommen.Aberichhabenur nochKraftfüreinenWeg.DasTaxihabeichfürdenHeimwegbestellt.»

«SiesindzuFußvomSchwarzerlenwegbiszumFriedhof gelaufen?»,frageicherstaunt.

«Naja,nichtwirklich»,antwortetsie.«Ichbinvonzu HausebiszumJuraplatzgelaufen,dortindenBusgestiegen undbisinsZentrumgefahren.Vondortbinichhochgelaufen.»

«Ziemlichumständlich,odernicht?»

«SagenSiemireineeinfachereVariante,umdenFriedhof zuerreichen.EinTaxiwirdaufDauerzuteuerundeinAuto habeichnicht.»

WeilichkeineAntwortdaraufhabe,fährtsiefort:«Um ehrlichzusein,binicherstaunt,dassmanIhnendenFührerscheinwiederzurückgegebenhat.»

Siebeginntzulachenundauchichstimmemitein.Alswir unsbeideberuhigthaben,frageichsienachdenanderen Menschen,denenichdasEssenletztesJahrvorbeigebracht habe,dochkaumhatsiebegonnenzuerzählen,halteichvor ihremHaus.

«VielenDankfürsMitnehmen»meintsie,alsichihrden RollatorvordieTürstelleundihrbeimAussteigenhelfe. «Eswarschön,Siewiederzusehen.»

«Ebenfalls»,sageichundsteigezurückinsAuto.

DieganzeHeimfahrthabeicheinLächelnaufdenLippen, welchesdieBegegnungmitderFrau,derenNamenichnoch immernichtkenne,hervorgerufenhat.Icherinneremichan dieKundschaft,diesichbeimirüberihreProblemebeklagt, mirZigarettenangebotenodersexuelleAvancengemachthat. IchdenkeanmeinedreibestenFreunde,diemirzurSeite gesprungensind,alsichsiedringendgebrauchthabe.

MeinLächelnverschwindeterst,alsichrealisiere,dassich michseitdemEndemeinerTätigkeitbeimMahlzeitendienst nichtmehrsoglücklichgefühlthabe.

EswarmeinEnkelMichael,dermichimHerbstdesletzten JahresumeinenGefallengebetenhatte.Eristnochheuteder LeiterdesMahlzeitendienstesderOrganisation LebenPlus , welchedenEinwohnerdienstenderGemeindeZuchwilangebundenist.IhmsprangeinLieferantinletzterSekundeab, alsofragteermich,obichaushelfenkönne,biserjemandanderengefundenhat.

EtwasgegenmeinenWillenhabeichzugesagt,hattedanachabereinewundervolleZeit.AlsichFührerscheinund Autoabgebenmusste,holteichmeinedreibestenFreunde mitinsBoot.NachdiesemAbenteuerhabenwirunsallevorgenommen,dassesauchohnedenMahlzeitendienstindiesemStilweitergehensoll.DasswirwiederDingeunternehmenundgemeinsametwaserleben.Dochschnellerals erwartethatsichderAlltageingeschlichenundwirallesind wiederinunsererRoutinegefangenundsehenunsnureinmaldieWochezumStammtisch.

Wirtreffenunsjeweilssonntagsumhalbzehnim Restaurant Mürgelihof. WeilichdirektgegenüberwohneunddenkürzestenWeghabe,binichimmerderErste.Auchheutehat sichdasnichtgeändert.

FrankkommtalsZweites.DerehemaligeBuschauffeur und-mechanikerkommtmitdemöffentlichenVerkehr,den erfürdenRestseinesLebensgratisnutzendarf.

DieHupevonLuigisrotemElektromobilkündigtseine Ankunftan.Ichfinde,dassdieHupenichtmehrsolautist wieauchschon.DieGästeimRestaurantschreckenjedoch nochimmerauf.

PeterkomplettiertunserenStammtischalsLetzter.Früher istermitdemTaxigekommen,dochseitseineFrauverstorbenistundihmdieAHVgekürztwurde,kommterzuFuß. Kaumsitzenwirda,bringtdieBedienungunserevierTassenKaffeeandenTisch.Weilessichmittlerweilerumgesprochenhat,dasswirkeinTrinkgeldgeben – egalwiegutder Serviceist –,werdenwirjedeWochevonjemandanderem bedient.

«IchhabegesterndieFraumitdemRollatorvom Schwarzerlenweggetroffen»,kommeichaufmeinegestrige Begegnungzusprechen.

«WieistihrName?»,fragtLuigi.

«Dasweißichnicht,aberihrwisstschon:Siewarkaum zuverstehen.»

«Ja,natürlich.SiebrauchtebloßHörgeräte»,erinnert sichFrank.

«Genau!PeterhatsiedannzumArztgeschickt,weißtdu noch?»,frageichdenehemaligenKantonsarzt.

ErschütteltdenKopf.«Ichkannmichnichtmehrerinnern.»

«Naja,egal»,sageichundwinkeab.«Jedenfallshabe ichsiegesehenund … »

«Ah,jetzt»,unterbrichtmichLuigi.«WirhabenSiemit demMannmitderdickenBrilleverkuppelt.»

«WieistseinName?»,stelltFrankdieFrage,diemirLuigivorwenigenSekundengestellthat.

«Fabian»,erinnereichmichdiesmal.DieFrauhatseinen NamengesternaufdemFriedhoferwähnt.

«IchhabesiezumArztgeschickt?»,fragtPeterdazwischen,dernochimmernichtweiß,umwenessichhandelt.

«Jedenfallshabeichsiegetroffen.Ihrgehteseinigermaßengut,aberFabianistleiderverstorben.»

WirallehabensolcheNachrichtenindenletztenJahren immeröfterzuhörenbekommen,sodassunsdieWortenicht mehrschockieren.WiesooftinsolchenMomentenschweigenwireineWeile.

«Wisstihrnoch,alswirKebabbestelltundandieKundschaftverteilthaben?»,unterbrichtLuigiunsereSchweigeminute.«FabianhatihndannzumAufwärmenindieMikrowellegelegt.DasProblemwaraber,dasserdieAlufolienicht weggenommenhatunddieMikrowellefastexplodiertwäre.»

Wiralleerinnernunsdaranundbeginnenzulachen.Danachatmenwiralletiefaus,soalsobunsbewusstist,dasses eineschöneZeit – einebessereZeit – war.

Jedervonunsweißdas,dochkeinerversuchtesanzusprechen.LuiginimmteineSchmerztabletteausseinerTasche undwirftsiesichindenMund.Peterschautabwesenddurch dasFensterhinausaufdenKreisel.UndFrankschauthinunteraufseineFinger,dienervösaufdemTischherumtippen.

«Ichmusseuchetwaserzählen»,sagtFrankundlenktdamitdieAufmerksamkeitaufsich.«Ichweißnichtwirklich, wieicheseuchsagensoll … »

«Dubistschwanger»,fälltihmLuigiinsWort.«Ich wusstees.»

«Nein»,sagtFrankundschütteltdenKopf. «Schwul?»,frageich.

DafürbekommeichnureineGrimmassegeschenkt.

PeteröffnetbereitsseinenMund,umseinenVorschlagabzugeben,dochFrankschautihnwarnendan,sodasserstattdesseneinenSchluckvonseinemKaffeenimmtunddie Schnauzehält.

«IchhabeesmirgründlichüberlegtundbinzurEntscheidunggekommen,dassichimNovembermeineSachenpackenundauswandernwerde.»

MirfälltfastdieTasseausderHand,alsichseineWorte höre.LuigigibteinpaaritalienischeKraftausdrückewieder undisterstwiederstill,alsersicheineweitereTablettein denMundschiebt.

«Wieso?»,trautsichPeterdieFragezustellen,dieuns allenaufderZungeliegt.

«IchhattedieletztenMonategenugZeit,darübernachzudenken.Célinehatsichvonmirscheidenlassen,undmit Karinhatesleiderauchnichtfunktioniert.»

MitCélinewarFranküberdreißigJahrelangverheiratet gewesen,undmitKarin,dieerletztesJahrdurchdenMahlzeitendienstkennengelernthat,istesniezueinerBeziehung gekommen.

«IchsitzefastdenganzenTagnurzuHauseundweiß nicht,wasichmitmeinerZeitanfangensoll.Ichbingesund, habekeinerleiVerpflichtungenundmöchtedenRestmeines Lebens,wielangedasauchseinmag,nichtvergeuden.Ichwill ausmeinerKomfortzonegedrängtwerden,neueMenschen kennenlernen,Abenteuererleben.»

FranksWortetreffenunsalle,dennwirwissen,dasssie wahrsindundnichtnurihnbeschäftigen.AbernurFrank hatsichdamitauseinandergesetztundeinenEntschlussgefasst.

«Ichhoffe,dugehstnichtnachItalien»,sagtLuigi. «SonstwürdeichganzItaliensagen,dasssiedichwiederzurücknachZuchwilschickensollen.»

Frankweiß,dasservonLuiginichtnäheranein«Ich werdedichvermissen»rankommtalsdas,worauferzulächelnbeginnt.

WirtrinkenunserenKaffeezuEnde,währendFrankuns davonerzählt,dassernachGranCanariagehenwird,woer einekleine,aberfeineWohnungdirektamMeergekaufthat.

IchhörenurmiteinemOhrzu,denninmeinenGedankenbinichganzwoanders.IchschauedurchdieRundeund merkezumerstenMal,dassunserStammtischnichtfürimmerbestehenbleibenwird.DerStammtischwarüberJahre hinwegdieeineKonstantegewesen,andieichmichhalten konnte.Etwas,aufdasichmichWochefürWochegefreut habe,ohnedassichjedavonenttäuschtwordenwäre.

DurchFranksBekanntgabeistmirklargeworden,dass nichtsfürimmerseinwird.NichteinmalunserStammtisch.

«Undwiefühlstdudichjetzt?»,sprichtmichAlineamselbenAbendaufFranksPlänean,alsichbeiihrzuAbendesse.

IchzuckebloßmitdenSchultern.

«AuchdasisteineAntwort»,sagtsieundräumtdieTellerindieSpülmaschine.«DuwirstimmernochdieMöglichkeithaben,dichmitihmzuunterhalten.Mitderheutigen TechnologiekönnteersogarnochbeimStammtischdabei sein.»

IchschüttlebloßdenKopf,weilichweiß,dassFranksein Smartphoneniedabeihat,wenneresbraucht.

«Themawechsel»,gibtAlinebekannt,«bevordumir nochzuweinenbeginnst.IchhabebaldmeinenletztenEinsatz.»

«Wirklich?»,frageichundtönedabeiinteressierter,als ichestatsächlichbin.

SeitdemEndeihresArbeitslebens,indemsiealsKrankenschwesterinverschiedenenKlinikenderStadtSolothurntätig war,istAlinealsFreiwilligeunterwegs.Siehattesichfürein Patenprogrammangemeldetundverbringtseithermehrere TageimMonatmitihrenverschiedenenPatenkindern.Das ProgrammdientvorallemFamilien,diesichkeineKindertagesstätteoderBabysitterleistenkönnen,abertrotzdemeine AufsichtspersonfürihrKindbrauchen,währendsiearbeiten.

FürAline,dieselbstnieMutterwerdenwollte,jedochKindermag,wardasdieperfekteLösung.JedesPatenkindhatsie zwei-bisdreimalimMonatbesuchtundsiehatetwasmit ihmunternommen.Egal,obesHausaufgaben,Ausflüge, Shopping,VorlesenoderSchulaufführungenwaren,Alinehat beiallemausgeholfen.

«Soziale Medien?», frage ich nach. «Instagram, TicTac, Chapsnat oder wie diese Plattformen auch heißen.»

«Aber unsere Zielgruppe nutzt doch solche Plattformen gar nicht», sage ich. «Ich glaube, wir würden besser fahren, wenn wir eine eigene Faxnummer aufschalten würden.»

Neben mir höre ich Michael leise lachen. Auch Bichsel schmunzelt, schüttelt jedoch seinen Kopf. «Bei der Sichtbarkeit geht es nicht darum, mehr Kundschaft zu gewinnen. Es geht darum, den Zuchwilerinnen und Zuchwilern zu zeigen, dass sich die Gemeinde um die älteste Generation kümmert.»

Nun habe auch ich es verstanden. Die Online-Präsenz des Fahrdienstes soll Bichsel weitere Stimmen einbringen, vor allem aus der jüngeren Wählergruppe.

«Kennen Sie sich mit den sozialen Medien aus?», fragt mich Bichsel.

«Zählt Online-Dating dazu?»

ISBN 978-3-7296-5225-5

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