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E fräche Siech: Bernhard Stirnemann

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E fräche Siech: Bernhard Stirnemann

Berner Troubadour und Kleintheaterpionier

Herausgegeben von Rolf Marti

Beat Hodler

E fräche Siech: Bernhard Stirnemann

Berner Troubadour und Kleintheaterpionier

Herausgegeben von Rolf Marti

Autor, Herausgeber und Verlag danken für die Unterstützung:

Der Zytglogge Verlag in der Schwabe Verlagsgruppe AG wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026–2028 unterstützt.

© 2026 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Fabio Mussi

Korrektorat: Philipp Hartmann

Transkription der Liedtexte und -ansagen: Ruedi Krebs

Coverbild: Foto von Bernhard Stirnemann, Christoph Hoigné, Bestand Berner Troubadours, Stiftung SAPA, A-1204; Aufbereitung durch Thomas Müller Fotografie, Allschwil

Backcoverbild: Foto von Bernhard Stirnemann, Fotograf:in unbekannt, Bestand Berner Troubadours, Stiftung SAPA, A-1204

Covergestaltung / Layout / Satz: mittelstadt 21, Vogtsburg-Burkheim

Bildaufbereitung: Stefan Schaer

Druck: Finidr, Tschechische Republik

Herstellerinformation: Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@zytglogge.ch

Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de

ISBN: 978-3-7296-5230-9

www.zytglogge.ch

Inhalt

Einleitung: Hat die Biografie etwas mit dem Chansonsingen zu tun? 11

Familiengeschichte: Hans im Schnoggeloch

Harlekin: Auftritt aus dem Nichts heraus

Troubadours: Theorie und Praxis

Stirnemann als Nonkonformist (und Grobian)

Stirnemann als politischer Liedermacher

Stirnemann als Volkssänger

als Übersetzer

Rampe: Stirnemann als Theatermacher

Kulturbericht von 1974: Einblicke in die Berner Theaterszene

Politisches Theater in Zeiten des Kalten Kriegs

Keine One-Man-Show: zur Rolle von Marian Stirnemann-Berger

Stirnemanns Fichen: unter Beobachtung des Staatsschutzes

Politische Lieder und Ansagen: freche Anmerkungen zur

Das Ende der «Rampe»

Stirnemann als Kulturunternehmer: Musigbistrot

Vorwort

Mys Käthi schmöckt nach Schoggola.

Kenne ich. Mani Matter. Nein. Bernhard Stirnemann. Ach so … Richtig.

Wie oft habe ich bei meinen Auftritten als Berner Chansonnier solche Dialoge schon geführt. Wer mit der Geschichte des Berner Chansons nicht vertraut ist, ordnet alles, was danach klingt, vorschnell Mani Matter zu. Schliesslich hat er – so die landläufige Lesart – das Genre erfunden. Doch die Wirklichkeit ist komplexer. Wie so oft.

Tauchen wir ein in die späten 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts. In den Berner Altstadtkellern tut sich Erfrischendes. Junge Intellektuelle bemächtigen sich der Berner Mundart – literarisch, theatralisch, musikalisch. Befreien sie vom Staub gotthelfscher Zeiten, entreissen sie den Fängen sittenstrenger Sprachwächter (ich wähle bewusst die männliche Form). Und siehe da: Das Berndeutsche erweist sich als gegenwärtig. Die Sprache trifft den Zeitgeist. So sehr, dass sie rasch von der Subkultur zur populären und später gar zur Popkultur mutiert.

Bernhard Stirnemann prägt diese Metamorphose mit. Fasziniert vom Chanson der Pariser Rive Gauche, schreibt er alsbald eigene Lieder. Berndeutsche, da vermeintlich konkurrenzlos. Dass zur selben Zeit ein anderer dasselbe tut, weiss er nicht – und umgekehrt. Mani Matter und Bernhard Stirnemann gelten als Urväter des Mundart-Chansons, obwohl das Kabarett lange zuvor mit schweizerdeutschen Liedern experimentierte. Sei’s drum.

Während Mani Matter heute Kultstatus geniesst, gerät Bernhard Stirnemann allmählich in Vergessen-

heit. «Ach so … Richtig» ist da bereits ein Erfolgserlebnis. Zu Unrecht. Wir sollten «Bene» – wie ihn sein Umfeld nannte – nicht vergessen. Er war ein begnadeter Chansonnier und Entertainer. Er war ein leidenschaftlicher Kleintheaterleiter und -förderer. Er war ein scharfzüngiger Kultur- und Gesellschaftspolitiker. Und er war ein engagierter Volksschullehrer.

Ob Kultur, Politik oder Schule: Bernhard Stirnemanns Herkunft prägte dessen Wirken. Der Grossvater: Wirtschaftsflüchtling aus dem Elsass. Der Vater: Schreiner in der damals ärmlichen Berner Matte. Die Familie: katholisch im protestantischen Bern. Bernhard Stirnemann fühlte sich den Aussenseiter:innen, den Narren, den gefallenen Engeln zugetan. Zwar erkämpfte er sich peu à peu seinen Platz in der Gesellschaft, wurde nadisna Teil des Berner Establishments. Aber er blieb zeitlebens ein gesellschaftskritischer und aufmüpfiger Geist.

Auch Benes Chansons widerspiegeln seine proletarische Herkunft. Worte wie Flic, Siech und Hallelujabäse oder Redewendungen wie «’s chasch nid frässe», «uf d Schnurren übercho» und «dr Picku ga uf feschi Lisis schwinge» gaben vielen seiner Texte die Würze – und wurden zum unverwechselbaren Stilmittel. Er war kein «Metaphoriker», der seine Botschaften in vordergründig harmlose und damit kindergerechte Geschichten packte. Er mochte es direkt, unverblümt, ungeschminkt. Meist karikierend, teils ironisch, bisweilen sarkastisch. Aber immer so, dass alle wussten, was gemeint ist.

Die Idee, Bernhard Stirnemann mit einer Biografie und einem Gedenkprogramm zu würdigen, gärte lange in mir. Für mich als Berner Chansonnier ge-

hört er zu den wichtigen Vorbildern. Sass ich in den Programmen der Berner Troubadours – lange nach Mani Matters Tod –, freute ich mich ganz besonders auf ihn. Er war der Politischste, der Aufmüpfigste, der Schalkhafteste. E fräche Siech – im wohlwollendsten Sinne des Wortes: witzig-vorwitzig, geistreich-eloquent, doch stets liebenswürdig-charmant. In seinen Liedern wie in seinen Ansagen. Irgendwann durfte ich ihn als einen meiner Förderer kennenlernen – wofür ich ihm bis heute dankbar bin.

Damit Ideen Wirklichkeit werden, braucht es zuweilen den einen oder anderen Glücksfall. Glücksfall Nummer 1: Beat Hodler, Historiker und Freund aus jungen Jahren. Er stösst in seinen Tagebüchern auf meinen Namen und lädt mich zum Kaffee in die Berner Lesbar. Wir reden – auch über Bernhard Stirnemann. Beat ist sofort hellwach. Und bald schon durchforstet er die Archive. Das Ergebnis: dieses sauber recherchierte Buch. Glücksfall Nummer 2: Lisa Catena, Comédienne und Chansonnière. Wir lernen

uns 2017 an den Berner Chansons-Tagen kennen. Heute teilen wir ein Büro und die Freude an Benes Chansons. Gemeinsam mit ihr ist ein Gedenkprogramm für den legendären Berner Troubadour entstanden.

Genug der «Vorworte»? Fast, wäre da nicht noch diese persönliche Anekdote:

Mys Käthi schmöckt nach Schoggola. Kenne ich. Bernhard Stirnemann. Woher weisst du das?

Ich ging bei Chocolat Tobler in die Lehre.

Ach so …

Rolf Marti

PS: Danke an alle, die mitgeholfen haben. Ihre Namen stehen am Ende dieses Buchs.

Einleitung: Hat die Biografie etwas mit dem Chansonsingen zu tun?

Ein halbes Jahrhundert lang war Bernhard Stirnemann eine prägende Figur im Berner Kulturleben. Sein musikalisches Schaffen als Chansonnier und sein grosses Engagement als Theatermann, Politiker und Pädagoge verdienen eine ausführliche Würdigung und Einordnung. Aber wer war Stirnemann eigentlich, wie hängen all diese Aktivitäten zusammen? Er selbst fragte sich in einer undatierten Skizze, wie seine Lebenserfahrungen in seine Chansons eingeflossen seien:

Woran erkennt man meine elsässische Abstammung?

Mon Oncle Charly sieht in Thann (Haut-Rhin) vom Fenster aus zu, wie das Gehölz sich seinen Weinberg zurückholt. Er ist traurig darüber, aber wer hat denn heute von den Jungen noch Zeit für sowas! Ist Oncle Charly in meinen Liedern zu erkennen? Findet man darin meinen Vater mit den staubigen Haaren und den guten Händen: den Schreiner? Und was ist mit meinen Berufen? Wo machen sich meine Schüler bemerkbar? […] Und mein Theater, die «Rampe», die ich 21 Jahre geleitet habe […]. Und die Politik […]. Und Bern, die «gnädige» Stadt? Wo findet Bern bei mir statt? 1

Die Erinnerung an den 2011 Verstorbenen ist bis heute lebendig, er hat viele Spuren hinterlassen, nicht nur in Bern. Was er selbst vom Projekt einer StirnemannBiografie gehalten hätte, wissen wir allerdings nicht. Bestimmt war ihm bewusst, wie anspruchsvoll das Unterfangen ist, nicht nur die wichtigsten Lebensdaten zu sammeln und zu ordnen, sondern auch dem Menschen dahinter einigermassen gerecht zu werden. Stirnemann wählte in seiner Theaterarbeit auffällig oft Stücke aus, in denen es um die Suche nach

Identität geht. Ein Beispiel dafür ist «Ein Eremit wird entdeckt» von James Saunders, das er 1964 in der «Rampe» inszenierte. Darin kommen vier Schauspieler und eine Schauspielerin zusammen, um sich gemeinsam Klarheit darüber zu verschaffen, was für ein Mensch der titelgebende Eremit wirklich war. Stirnemann selbst übernahm in diesem Stück die Rolle eines Zynikers, der den Sinn dieser Recherche anzweifelte. Seine Position lässt sich so zusammenfassen: Lebensdaten seien für sich genommen nichtssagend, denn der Mensch selbst bleibe letztlich unfassbar. Das sei aber nicht schlimm, denn vermutlich sei die Biografie des Eremiten (wie auch die der meisten anderen Leute) ohnehin nicht besonders spannend

Stirnemanns reales Leben war das eines weltzugewandten Menschen, der sich leidenschaftlich mit der Gesellschaft, in der er sich bewegte, beschäftigte, der als extravertierter, gut vernetzter Macher auf vielen Hochzeiten tanzte. Ein weltabgeschiedener, zurückgezogener Eremit war er gewiss nicht. Er war ein «Kind seiner Zeit», dessen rastloses und vielseitiges Wirken glücklicherweise recht gut dokumentiert ist. So umfasst allein der Nachlass der «Rampe» im Schweizer Archiv der Darstellenden Künste (SAPA) mehr als 30 Archivboxen.

Bei deren Durchsicht fällt aber auch auf, dass der politisch engagierte, redegewandte und sendungsbewusste Stirnemann erstaunlich selten persönlich wurde. Zuweilen entsteht so der Eindruck einer gut polierten Oberfläche. Daran ist Stirnemann nicht ganz unschuldig: In öffentlichen Auftritten und Interviews hat er, der begnadete Fabulierer, wiederholt bestimmte Geschichten erzählt, die nach und nach ein Eigenleben zu entwickeln begannen.

Aarstrasse 62, Stirnemanns Wohnsitz ab 1968

Typisch dafür sind die Legenden, die sich um das Haus der Stirnemanns an der Aarstrasse 62 ranken. Nach einem Besuch wusste eine beeindruckte Journalistin von einem «zufällig entdeckten und wieder zugeschaufelten unterirdischen Geheimgang direkt zum Casino hinauf» zu berichten; auf einer Treppe vor dem Garten geistere ausserdem das «ChörbliMannli», das an jeder Hand zehn Finger habe und an jedem Finger einen schweren Korb trage, und auf der anderen Aareseite, im Schwellenmätteli, tanzten nachts die Beginen. Die Berichterstatterin bilanzierte den abendlichen Besuch bei Stirnemanns: «Wenn’s nicht wahr ist, ist’s gut erfunden! Immerhin: ein wenig komisch wurde mir schon zumute! Dämmerstunde, Stirnemann erzählt, im Kamin knistert ein Feuer, unten rauscht die Aare, und ich bin bereit, das Gruseln zu lernen.»2

Nicht alle Stirnemann-Anekdoten sind so leicht als Flunkerei erkennbar. Eine andere Lieblingsgeschichte betrifft ebenfalls sein Haus im Berner Mattequartier. Stirnemann pflegte zu behaupten, es handle sich dabei um just jenes «Etablissement», dem der Abenteurer Casanova im Jahr 1760 einen Besuch abgestattet habe. Aus Casanovas eigener Schilderung lässt sich das aber nicht ableiten. Zu seinem Besuch in der Berner Matte schreibt Casanova: «Von einer Anhöhe bei der Stadt überschaute ich weithin die Gegend, die ein kleiner Fluss durchströmte. Ich stieg einen treppenartigen Weg hinunter und sah plötzlich an die vierzig kleine Hütten vor mir, die nichts

anderes als Badekabinen sein konnten. Ein Mann von anständigem Äusseren fragte mich, ob ich baden wolle, und öffnete mir auf meine bejahende Antwort ein Badehäuschen […].» Welches dieser vierzig Badehäuschen das gewesen sein könnte, wird nicht mitgeteilt.3 Klar ist freilich: Keine dieser kleinen Kabinen kann mit dem stattlichen Haus an der Aarstrasse 62 identisch sein.

Nach heutigem Wissensstand könnte dieser Bau im 18. Jahrhundert als Fährhaus gedient haben, ein Besuch Casanovas lässt sich weit und breit nicht nachweisen.4 Das erinnert tatsächlich ein wenig an den bekannten Spruch «se non è vero, è ben trovato».

Die Vorstellung ist naheliegend, Stirnemann schaue einem beim Recherchieren schalkhaft über die Schulter und amüsiere sich köstlich über den braven Historiker, der sich darüber den Kopf zerbricht, wie es wirklich war.

Gesichert ist immerhin, dass dieses Haus an der Aare ein Ort war, an dem sich Stirnemann wohlfühlte, ein Ort der Geselligkeit und Gastfreundschaft. Hier war er aber auch sehr produktiv, wovon Stirnemanns Arbeitszimmer zeugte.

In seiner Ansprache an der Gedenkfeier für Bernhard Stirnemann → S. 14 erinnert sich Ruedi Krebs, Berner Troubadour und Freund von Stirnemann, wie er in dessen Büro auf eine Fülle von Notizen stiess, festgehalten auf zahllosen Post-its, Spuren eines offenen, neugierigen und kreativen Zeitgenossen.

Ruedi Krebs, Berner Troubadour

Es paar Wort für e Bene

Trauerrede an der Gedenkfeier in der Nydeggkirche Bern, 31. März 2011

Aafangs Novämber, auso vor öppis meh als vierne Mönet, han i vom Bene am Telefon vernoh, dass är Chräbs heig u dass är nümm lang wärdi läbe. U won i ne bi ga bsueche, isch är vor mir langsam di schmali, schtotzigi Schtägen i sys Büro ufe, das isch es chlyses

Eschtrig-Zimmer im Dach obe, är het ihm Büro gseit.

I säuber bi i dene 47 Jahr, wo mir zäme ufträtte sy, öppe nume zwöi, drü Mau dert obe gsi, u denn, im Novämber, het är mir eifach no zeigt, wo de syni Sache vom Singe wäre: hie inere Schachtle u da imene Ordner u dert imene Schublädli, u dunge i der Wohnstube heig’s de o no es Mäppli mit Lieder.

Mir sy nid lang blibe, är isch müed gsi, und i ha ne gfragt, öb i das aues no dörf fotografiere, für dass är, wenn är de mau öppis bruuchti, mir eifach uf der Foto chönnti zeige, wo die Sache syge. Das het is de würklech viu ghulfe.

U won är mir du ändlech – ersch im Februar – gseit het: Gang lue mau, und i de wider i das Bene-Zimmer ufegschtige bi, bin i nümm us em Schtuune usecho. Auso: Das Büro isch gsi, wi we dr Bene vor füf

Minute no schnäll i d’Schtadt ufe wär! Das het gläbt! U was dä Bene aus gsammlet het! U dä Bieneflyss! U au die Gedanke, wo da umechläbe! Im wahrschte Sinn chläbe.

Dir, dä het um sy Schrybtisch ume – überau, wo me nume het chönne – häugäubi Post-it-Zedeli aakläbt! Mit emene Spruch oder Satz oder Gedanke druff, wo ihm gfaue het u wo für ihn wichtig isch gsi. I ha aui fotografiert u ha aui abgschribe: 153 verschideni! Aues meh oder weniger churzi Sätz. Sätz us em Radio, us ere Zytig, us emene Buech oder vom ene Gschpräch. Mit Schrybmaschine oder vo Hang het är se schön u mit viu Liebi uf häugäubi Post-it-Zedeli

gschribe, Zedeli, wo wi chlyni, gäubi Fänschterli id Wält use lüüchte! I lisen ech jetz eifach es paar vor.

Der Mensch ist das einzige leidende Wesen, weil er als Einziger weiss, dass er sterben muss.

Radio DRS 2, 24.10.1997, 21.55

Sterben müssen wir alle, aber um mich wär’s schad! Nestroy

Man sollte lachen, bevor man glücklich ist, sonst kann es sein, dass man stirbt, ohne gelacht zu haben.

La Bruyère

Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. Voltaire

Wer vom Glück immer nur träumt, darf sich nicht wundern, wenn er es verschläft. Ernst Deutsch

Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun. Voltaire

Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.

Rosa Luxemburg

Da ist ein Land der Lebenden, und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen beiden ist die Liebe, das einzig Bleibende, der einzige Sinn.

Thornton Wilder

Merci, Bene! U merci für dyni 130 Lieder!

Stirnemann neigte nicht nur zu fantasievollen Ausschmückungen, er war auch ein Meister des Understatements. Die Einwanderung des Grossvaters, eines elsässischen Schreiners, hat er ab und zu kurz angedeutet, aber in ihrer Bedeutung gleich wieder relativiert: Das alles liege weit zurück, sei ohnehin nicht rekonstruierbar und überhaupt liesse sich damit wenig Staat machen. Typisch ist, wie Stirnemann seine Familiengeschichte in einem Prospekt der «Troubadours» abhandelt: Er beschränkt sich auf wenige, launische Sätze, die teilweise in der Möglichkeitsform gehalten sind. → S. 16

Bei der Rekonstruktion von Stirnemanns Biografie ist also mit allerlei Herausforderungen zu rechnen. Diese haben natürlich auch mit Stirnemanns facettenreicher, teilweise recht widersprüchlicher Persönlichkeit zu tun. In den vorhandenen Quellen – insbesondere in den Erinnerungen von Menschen, die ihm nahestanden – erscheint er einmal als volkstümlicher Unterhalter, dann als avantgardistischer Dadaist, zuweilen als vornehmer Grandseigneur. Er war ein engagierter Sozialdemokrat, der aber seine Freude an materiellen Gütern und seine Faszination für Luxus nicht versteckte. Seine Weltoffenheit bewies er immer wieder, etwa bei der Organisation der «Internationalen Festivals kleiner Bühnen» Anfang der 1970er-Jahre. Das hielt ihn aber nicht davon ab, zuweilen einen recht penetranten Lokalpatriotismus zu zelebrieren und chauvinistische Aussagen über Zürcher und andere Nicht-Berner zum Besten zu geben.

Seine eigene, tiefe Verbundenheit mit der Stadt Bern war offensichtlich. Viele seiner Texte sind gleichwohl ausserhalb Berns entstanden – nicht nur im «Häftli» (Büren an der Aare), sondern auch im Tessiner Coglio (Maggia) oder in Formentera (Balearen), teilweise auch unterwegs, häufig im Zug. Stirnemann stand in der herrschaftskritischen Tradition der Aufklärung; gleichzeitig war er bekennender Romantiker, der seine Faszination für mittelalterliche Kathedralen und edle Minnesänger nicht versteckte. Seine Lust an Sprachspiel, Rhetorik und Debatte ist unübersehbar. Er äusserte sich denn auch zu allen möglichen weltpolitischen Konflikten furchtlos, scharfzüngig und

zeitnah. Ganz besonders betonte er dabei seine Affinität zur frankophonen Welt. Und dennoch blieb er (wie viele andere) im naheliegendsten und schmerzhaftesten Streit in der Berner Nachkriegsgeschichte, dem Jurakonflikt, erstaunlich wortkarg, irgendwie ratlos.

Solche Widersprüche machen aber die Beschäftigung mit Stirnemann umso reizvoller: Sind sie nicht bezeichnend für die dynamische und spannungsreiche Nachkriegsgesellschaft, die nach 1945 komplett umgepflügt wurde? Diese Formulierung lässt sich im wörtlichen Sinn verstehen. So wurde in Bern ab 1956 die Altstadt saniert. Gerade das Mattequartier, in dem Stirnemann seine ersten Jahre verbracht hatte, veränderte sich nun stark.5 Das lässt sich in einen grösseren Zusammenhang setzen. In ganz Europa wurde nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs aufgeräumt, renoviert, neu gebaut. Diese schöpferische Unruhe erfasste auch die kriegsverschonte Schweiz. Die Kulturschaffenden versuchten allenthalben, an «unterbrochene Traditionsstränge der Moderne» anzuknüpfen, wobei gerade die Schweiz «weithin als ein Laboratorium der Modernität wahrgenommen wurde».6 Aber was heisst hier «Modernität» konkret und wie «modern» war die schweizerische Gesellschaft damals tatsächlich? In Bezug auf die politischen Rechte der Frauen war die Schweiz der Nachkriegszeit bekanntlich eine Nachzüglerin, in anderen Bereichen galt sie als überaus innovativ und weltoffen. Gewiss gab es grosse regionale Unterschiede. Wie modern war die Bundesstadt, der Schauplatz von Stirnemanns Wirken?7

Die folgende Untersuchung geht davon aus, dass Stirnemann zu jenen Kulturschaffenden gehörte, die die Modernisierungsschübe der Nachkriegszeit kritisch und selbstbewusst begleiteten, teilweise unterstützend und vorantreibend, teilweise bremsend und kritisierend, manchmal bedauernd und resignierend. Ebenso wenig wie sich Bern auf das bekannte Klischee einer behäbigen Beamtenstadt reduzieren lässt, kann man Stirnemanns Wirken mit seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei und seiner (wie auch immer definierten) progressiven Haltung abschliessend erklären. Den Wandel der Nachkriegs-

Biografische Angaben zu Bernhard Stirnemann in einem Prospekt der «Berner Troubadours»

zeit begleitete er – je nach Thema unterschiedlich argumentierend – mit zunehmender Skepsis, was bei der Analyse seiner Vorstösse als Politiker deutlich wird. Er scheute sich zuweilen auch nicht vor der Rolle des konservativen, ja nostalgischen Warners, der beispielsweise der alten Beizenkultur nachtrauerte.

Die Widersprüche, die sich in Stirnemanns Biografie zeigen, spiegeln also auch die Umbruchzeit, in der er lebte. Er selbst hat darauf hingewiesen, wie befremdet seine Eltern reagierten, als er sich mit seiner Frau Ende der 1960er-Jahre in der Matte niederliess. Für die Elterngeneration hatte der Wegzug aus diesem übel beleumdeten Quartier seinerzeit den mühselig erarbeiteten sozialen Aufstieg dokumentiert. Dass nun der älteste Sohn, kaum hatte er sich als Lehrer in einem respektablen, bürgerlichen Beruf etabliert, freiwillig in dieses Viertel der «Vaganten» zurückkehrte, irritierte sie.8 Allerdings war das nicht mehr die alte Matte und der Umzug dorthin war gegen Ende der 1960er-Jahre nicht mehr Indiz für einen sozialen Abstieg. Ganz im Gegenteil: Bernhard Stirnemann war im Grunde ein Vorbote der Gentrifizierung des ehemaligen Armenquartiers. In seinen eigenen Worten: «Ich bin der Sohn eines Schreiners aus der Matte. Und die Matte war damals das Quartier, wo man versuchen musste wegzukommen. Das bedeutete, dass man es gesellschaftlich geschafft hatte. Meine ganzen Verwandten sind aus der Matte weggezogen in den Breitenrain oder wo auch immer hin. Mein Vater hat es noch erlebt, als ich wieder in die Matte runter ging, aber er hat das nie verstanden. Das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. Heute ist das ein einigermassen schickes Quartier.»9

In der Matte, diesem Sehnsuchtsort Stirnemanns, lässt sich eine Art «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen» beobachten, also ein Nebeneinander von Alt und Neu. Nachdem Bernhards Vater, der Schreiner Friedrich (Fritz) Stirnemann, mitsamt seiner Familie an die Schänzlistrasse in gepflegte, bürgerliche Verhältnisse gezogen war, behielt er seine alte Werkstatt an der Gerberngasse in der Matte. Er stand mit einem Bein in vorindustriellen Handwerker- und Krämertraditionen, mit dem anderen in der Moderne. Bernhards Cousin René Stirnemann wohnte selber nicht in der Matte, engagierte sich aber im MatteÄnglisch-Verein.10

Ein Blitzlicht auf den Wandel, der dieses Quartier seit den 1960er-Jahren erfasste: Der Philosoph Gerhard Lischka erinnerte sich, dass er von einem Vertreter der Familie Stirnemann (dem Onkel oder dem Cousin von Bernhard Stirnemann) an der Gerberngasse 21 eine winzige, aber gemütliche Dachwohnung zu günstigen Konditionen erhielt. Dass nun ein langhaariger Intellektueller zu seinen Mietern zählte, habe der Hausbesitzer mit einer Mischung aus Amüsement und Genugtuung registriert.11

Jedenfalls zog es Bernhard Stirnemann, den Avantgarde-Theaterpionier, zurück ins Quartier seiner Kindheit, wo er und seine Frau Teil des Matte-Lebens wurden, das noch lange pittoreske Züge aufwies. Bezeichnend ist, dass Marian und Bernhard Stirnemann an der Aarstrasse Hühner hielten.12

Biografie einer Berner Legende

Direkt und unverblümt, manchmal unbequem und kämpferisch, stets leidenschaftlich – Bernhard Stirnemann hat polarisiert. «Bene», wie ihn sein Umfeld nannte, stand viele Jahrzehnte lang mit den Berner Troubadours auf der Bühne und gilt als einer der Urväter des Mundart-Chansons. «Mys Käthi schmöckt nach Schoggola», sein wohl bekanntestes Lied, können noch heute viele mitsingen. Nicht nur als Troubadour hat er Spuren hinterlassen. In seinem Theater «Die Rampe» hat er der Berner Kleinkunst eine viel beachtete Bühne gegeben. Als Politiker hat er sich im Stadtrat und später im Grossen Rat lautstark für die Kulturschaffenden eingesetzt. Seinen Schülerinnen und Schülern blieb der Volksschullehrer für seinen inspirierenden Unterricht in Erinnerung.

Der Historiker Beat Hodler zeichnet das bewegte Leben und Wirken des Berner Nonkonformisten nach. Dazwischen erzählen Weggefährtinnen und Weggefährten, wie sie den charismatischen Menschen erlebt haben. Ausgewählte Liedtexte ergänzen das Bild.

ISBN 978-3-7296-5230-9

9 783729 652309

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