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Blinder Fleck – Preview aus der Designwerkstatt

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Blinder Fleck Hachleitner Hieslmair Zinganel

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Impressum

Inhalt

Verkehrsinfrastruktur und Stadt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 1872—1918 Gelenkter Liberalismus, böhmische Industrie und das Tor nach Preußen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Vorgeschichte, Fischgeschichte, Donauregulierung und Spekulation............................................. 64

1918—1938 Ein Bahnhof zu viel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Schenker & Co. ............................................ 104

1938–1945 Reaktivierung für Arisierung, Raub, Zwangsarbeit und Krieg. . . . . . . . . 124 Die Hass-Ausstellung „Der Ewige Jude“ ...................... 162

1945–2022 Wiederaufbau, Boom-Jahre im Kalten Krieg und der Anfang vom Ende. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Vor-Ort Interventionen als Erinnerungsarbeit ...............212

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Index. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Blinder Fleck Nordwestbahnhof Biografie eines innenstadtnahen Bahnhofsareals Bernhard Hachleitner, Michael Hieslmair und Michael Zinganel Lektorat . . . Grafik . . . . . Druck . . . . . Vertrieb. . . .

Brigitte Ott seite zwei, Christoph Schörkhuber, Stefan Mayer Holzhausen Gerin GesmbH Falter Verlagsgesellschaft mbH Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien T: +43/1/536 60 – 928, F: 43/1/536 60 – 935 E: service@falter.at, W: faltershop.at

Auflage . . . . 1.500 ISBN 978-3-85439-716-8 Gefördert von Zukunfts- und Nationalfonds der Republik Österreich

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1872–1918:

Blinder Fleck Nordwestbahnhof

Gelenkter Liberalismus,

W. Bäumer, Der Nordwestbahnhof in Wien. In: Allgemeine Bauzeitung, 1873 © ÖNB Bildarchiv Austria.

böhmische Industrie und das Tor nach Preußen 12

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1918–1938: Blinder Fleck Nordwestbahnhof

Zwischennutzung: Die leerstehende, zum „Schneepalast“ adaptierte Nordwestbahn-Halle, 1927. © ÖNB Bildarchiv Austria

Ein Bahnhof zu viel

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1918–1938 A Nordwestbahnhof N

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Ein Bahnhof zu viel

(1872) Franz-Josefs-Bahnhof (1872) Nordbahnhof (1838/1852/1864/1898) Handelskai, Donauhafen

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Donauregulierung (1870–1875)

Unregulierte Donauarme A B

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Stadt Zentrum

Mit dem Ersten Weltkrieg endete auch die Habsburgermonarchie. Die ehemaligen Kronländer Böhmen und Mähren bildeten nun die Tschechoslowakei, die Staatgrenze verlief nun bei Streckenkilometer 87 der Nordwestbahn. Drei Bahnhöfe mit einem nach Norden bzw. Nordosten ausgerichteten Streckennetz waren zu viel und ein beträchtlicher Kostenfaktor für die Österreichischen Bundesbahnen. Auf der Suche nach Einsparungen verglich deren Direktion den Personenverkehr von Nordbahnhof, Nordwestbahnhof, Franz-Josefs-Bahnhof und Ostbahnhof vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Während beim Nordbahnhof die Kennzahl für die Auslastung der Hallengleise von Sommer 1914 auf Sommer 1923, bzw. Winter 1923/24 sogar leicht steigt (von 9,2 auf 9,8 bzw. 10,0), beim Franz-JosefsBahnhof nur leicht, beim Ostbahnhof etwa um etwa ein Viertel (von 9,1 auf 6,6) sinkt, fällt er beim Nordwestbahnhof von 9,1 auf 3,5 bzw. 2,8.1 Andere Bahnhöfe kämen dagegen auf Werte von 12 und mehr. Was heißt das in anschaulicheren Zahlen? Im Jahr 1913 waren von Franz-Josefs-Bahnhof, Nordwestbahnhof, Nordbahnhof und Ostbahnhof zusammen 146 Fernzüge abgefahren, 1923 waren es nur mehr 68, der Rückgang an Passagieren war noch größer. Allerdings sei „durch die große Wohnungsnot […] eine erhebliche Steigerung des Nahverkehres eingetreten“, trotzdem habe der Nordwestbahnhof fast zwei Drittel seines früheren Personenverkehrs verloren. In mehreren Schritten wurde seine Stilllegung vorbereitet: Zunächst ein Teil des Nordwestbahnverkehrs über Floridsdorf zum Nordbahnhof umgeleitet, im Herbst 1923 eine Nachtsperre des Bahnhofs durchgeführt und weiterer Verkehr umgeleitet.2 Am 1. Februar um 19 Uhr 1924 verließ der (vorerst) letzte Personenzug den Bahnhof. Wehmütig kommentierte der Pester Lloyd: „Und es war gleichsam, als sei eines der letzten Bänder zerrissen worden, das noch aus den Tagen der Monarchie länderverbindende zu uns hinüberreichte. Denn: Der Nordwestbahnhof war gewissermaßen das zentrale Einfallstor der Länder der böhmischen Krone nach Wien, seiner der Hauptsache nach in der Tschecho-Slowakei liegende Verkehrsstrecke benützte die uralte nord-südliche Reichsstraße, und er war die Domäne der deutschböhmischen Eisenbahner, aus deren Reihen sich hundertprozentig das Personal rekrutierte. Die historische alte Taborlinie stirbt mit dem Bahnhof …“ 3 Mit der Einstellung des Personenverkehrs verschwand der Bahnhof ein Stück weit aus dem Alltagsleben der Stadt, die „Halle des ehemaligen Nordwest-Bahnhofes, die jetzt nicht mehr in Benützung für den Personenverkehr stand“ wurde, wie Heimito von Doderer in den Dämonen 1 ÖStA/AdR/10/Bundesbahn Dion. NO/1924/Abt. V Kt. 72/Auflösung der Bahnhöfe Wien Nordwestbahnhof u. Jedlesee AZ 50.0026/24/Technischer Bericht. 2 Neues Wiener Tagblatt, 1. 2. 1924, S. 11. 3 Pester Lloyd, 2. 2. 1924, S. 13.

Überlagerung der vormaligen Donauauen mit dem durch Aufschüttungen neu gewonnenen Bauland für den Ausbau des Nordbahnhofs, des Nordwestbahnhofs und des Hafens entlang des Handelskais © Zeichnung: Hieslmair und Zinganel.

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1918–1938

Arbeitslosenauszahlung in der Kassenhalle des Nordwestbahnhofs, Welt-Neuigkeits-Blatt, 29. März 1925 © ÖNB.

Ein Bahnhof zu viel

schreibt, „ein blind gewordenes, verschlossenes Fenster der Ferne, groß und grau und tot ...“ 4 Die Stadt Wien, namentlich der Stadtsenat und der zuständige Gemeinderatsausschuss protestierte gegen die Schließung des Bahnhofes, da sie „eine schwere Schädigung der Interessen Wiens als Großstadt und Verkehrsknotenpunkt“ darstelle. Zudem sei zumindest im Sommer der FranzJosefs-Bahnhof bereits überlastet und auch der Nordbahnhof weise eine Frequenzsteigerung gegenüber der Vorkriegszeit auf. Zwar sei derzeit der Fernverkehr reduziert, doch das könne sich wieder ändern. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß die beste Verbindung nach Dresden, Berlin und Hamburg von Wien über die Nordwestbahnstrecke führt.“ Der Nordbahnhof sei zwar äußerlich schön aber veraltet. „Anstatt […] neue Bahnhöfe zu schaffen, wird der Versuch der Ausschaltung eines Wiener Bahnhofes gemacht, und zwar gerade eines jener Bahnhöfe, die der lästigen, eine rasche Verkehrsabwicklung hindernden Stiegenanlagen entbehren.“5 Die meisten Zugverbindungen wurden auf den Nordbahnhof verlegt, die Schnellzüge nach Prag fuhren ab 1. Februar 1924 vom Ostbahnhof ab, jene nach Berlin vom Westbahnhof. Es ging Wien aber nicht in erster Linie um die komfortable Abwicklung der Bahnverkehres: „Der um den Nordwestbahnhof liegende Bezirksteil des 20. Bezirkes mit seiner ganzen Geschäftswelt steht in einem ursächlichen Zusammenhange mit diesem Bahnhofe, lebt und fällt mit ihm.“6 Hier kollidierten die betriebswirtschaftlichen Überlegungen der Bundesbahnen mit den Interessen der Stadt, die den Bahnhof vor allem als Standortfaktor für dessen Umgebung betrachtete. Gewerbetriebende und Kaufleute hielten ein Protestversammlung ab; der Leopoldstädter Bezirksvorsteher „erklärte, daß die Erregung nicht nur die Gewerbetreibenden und Kaufleute ergriffen habe, sondern auch weite Schichten von Angestellten und Arbeitern, vor allem die Gepäckträger, die Chauffeure, die Hotel- und Kaffeehausangestellten, deren Existenz vernichtet, wenn der Nordwestbahnhof nicht bald wieder geöffnet und Schnellzüge wieder auf den Nordbahnhof geleitet werden.“7 Später intervenierte auch der Wiener Bürgermeister Karl Seitz bei den Bundesbahnen, die Schließung des Nordwestbahnhofs für den Personenverkehr blieb dennoch aufrecht. Vier Jahre später versuchte es die Bezirksvorstehung der Leopoldstadt erneut, mit Verweis auf das bevorstehende Sängerbundesfest und die Bedeutung des Bahnhofes für den Tourismus ebenfalls erfolglos. Auch die von Heinrich Nübel im Österreichischen Volkswirt formulierten Überlegungen blieben ohne praktische Folgen: Ausgehend 4 Heimito von Doderer: Die Dämonen. Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff. München: dtv, S. 140. 5 Amtsblatt der Stadt Wien, Nr. 21, 12. 3. 1924, S. 270. 6 Ebenda. 7 Arbeiter-Zeitung, 27. 2. 1924, S. 7.

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Ein Bahnhof zu viel

von den Wiener Donaubrücken analysierte er die Wiener Verkehrssituation. Während eine dritte Straßenbrücke fehle, sei eine Eisenbahnbrücke überzählig. Es wäre denkbar, diese Brücke zur Errichtung einer Schnellbahnverbindung mit dem linken Ufer“8 vom Nordwestbahnhof zu verwenden. Oder, die Stadlauer Staatseisenbahnbrücke für Straßen- und Schnellbahnverkehr zu verwenden und den Bahnverkehr „auf die Nordbahnbrücke und Nordwestbahnbrücke zu verteilen. Hiebei könnte der brachliegende Nordwestbahnhof wieder Verwendung finden.“9

Im Roten Wien erfolgte eine verspätete Nachverdichtung der Umgebung des Nordwestbahnhofs mit Wohnbauten. Plan des 20. Bezirkes Brigittenau der Bundeshauptstadt Wien, 1925-30. © Wiener Stadt- und Landesarchiv

Der „Hauptspeditionsbahnhof“ und seine Umgebung Wie groß die Auswirkungen auf die Umgebung des Bahnhofs tatsächlich waren, lässt sich schwer sagen, vermutlich bedeutete der Februar 1924 aber nicht den ganz großen Einschnitt. Für die Hotels war der Bahnhof ohne Fernverkehr schon vorher kein besonderer Faktor gewesen, am ehesten ließen sich negative Auswirkungen auf das Geschäftsleben in der Einkaufsstraße Taborstraße vermuten. Die jüdische Zeitung Der Morgen schreibt im Dezember 1932 allerdings, es habe sich gar nicht so viel geändert, die Kund*innen aus den umliegenden Regionen würden nun mit dem Autobus kommen.10 Abgesehen von dem an das Bahnhofgebäude Richtung Innenstadt anschließendem Gebiet dürften die Auswirkungen des Personenverkehrs auf die Umgebung des Bahnhofs gering gewesen sein. Die im Zuge der Donauregulierung fehlgeschlagene Spekulationsverwertung der Fläche zwischen Bahnhof und Donau erwies sich für die für die Stadtverwaltung des Roten Wien als Vorteil. Die große, weitgehend unverbaute Fläche wurde für die Errichtung einiger großer Gemeindebauten genutzt: den Winarskyhof, den Hof am Engels-Platz oder den Janecek-Hof. Entlang des Handelskais und des Bahnhofs hatten sich bereits im 19. Jahrhundert Industrie- und Gewerbetriebe angesiedelt, sie waren Teil des Ökosystems „Güterbahnhof“, der ja nach 1924 nicht verschwand: Die Heizanalgen für die Lokomotiven blieben bis 1930, es arbeiten weiterhin hunderte Menschen auf dem Bahnhofsgelände. Die umliegenden Firmen mussten ihre Güter nun bei einer Spedition aufgeben oder zum – nicht weit entfernten – Nordbahnhof transportieren. Es blieben aber auch die negativen Auswirkungen – Barrierewirkung vollständig, Lärm und Luftverschmutzung durch die Dampflokomotiven in stark reduziertem Ausmaß – bestehen. Schon vorher hatte aber die Direktverladung bei Speditionen 8 Heinrich Nübel: Die Wiener Brückenfrage. In: Der österreichische Volkswirt. 1.9.1928, S. 1362–1364, hier 1364. 9 Nübel: Brückenfrage, S. 1364. 10 Der Morgen, 12. 12. 1932, S. 12.

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1918–1938

Der Nordwestbahnhof als Drehort der fiktiven Deportation im Film „Stadt ohne Juden“ 1924, Filmstandbild © Filmarchiv Austria

Ein Bahnhof zu viel

und anderen am Bahnhof angesiedelten Firmen einen wichtigen Teil des Betriebs ausgemacht, wie eine Reportage in Neuen Wiener Journal anschaulich beschreibt: Hauptspeditionsbahnhof Wiens ist der Nordwestbahnhof. Hier befinden sich die Riesenmagazine von Schenker & Co, Caro & Jellinek, Ginzkey, Leinkauf usw. Regstes geschäftiges Leben bewegt sich täglich die anderthalb Kilometer lange Bahnhofsfront entlang. Und endlos lange Züge rollen Tag und Nacht, gespenstisch beleuchtet von den hochmastigen Bogenlampen, ab und zu. Gegenwärtig wird Schnee geschaufelt, vor den Magazinen, im langgestreckten Hofe und vor den Bureauhäusern. Meist ziemlich, unnütz, denn schon einige Stunden später breiten sich wieder dichte Schneedecken über das Pflaster, das aber trotzdem immerhin noch wenigstens wegsam bleibt.11 Zwar schrieb Der Tag über nun wertlos gewordenen Magazine: auf Ersuchen der Speditionsfirma Leinkauf folgte die Klarstellung „daß der Nordwestbahnhof für den allgemeinen Güterverkehr gesperrt worden ist, hingegen der Waggonladungsverkehr jener Firmen, die auf dem Territorium des Nordwestbahnhofs Lagerhäuser oder Magazine betreiben, keinerlei Beschränkung erfahren hat.“12 Davon profitierten nicht nur die Firmen, die direkt auf dem Bahnhofsareal angesiedelt waren, sondern auch jene mit Betriebsstätten in Bahnhofsnähe, die zum erweiterten Ökosystems des Güterbahnhofs gehörten: Speditionen, Zulieferer für den Bahn- und Speditionsbetrieb (beispielsweise Hersteller von Säcken und anderen Transportverpackungen) und Holzhändler, eisenverarbeitenden Firmen – kurz gesagt, Industrie- und Gewerbebetriebe, die auf Schienentransport angewiesen waren. Dazu kamen Kantinen, Gasthäuser und Branntweinschenken, die von den Arbeitern frequentiert wurden. Neben den vom Neuen Wiener Journal genannten Firmen befanden sich weitere Speditionen auf dem Areal. Es gab zwischen 1924 und 1938 zwar eine gewisse Fluktuation, die von der Bahn freigegeben Flächen und Hallen nutzen manche Firmen, um ihre Anlagen auszuweiten, es kommen neue Firmen hinzu, andere stellen ihren Betrieb ein. Insgesamt zeigt sich aber auf dem Areal des Bahnhofs und in seiner Umgebung eine starke Kontinuität. Die bestehende Logistikinfrastruktur erfährt zwar teilweise eine krisenbedingte Umnutzung, sie bleibt aber bestehen und erfüllt auch durch die Weltwirtschaftskrise hindurch ihre Funktion, der Nordwestbahnhof bleibt für manche Branchen ein attraktiver Standort. Die schiere Masse im physikalischen, wie im ökonomischen Sinn bewirkt Resilienz. „Jedenfalls kann man sagen, daß der ‚tote‘ Nordwestbahnhof heute bis auf den letzten Quadratmeter und besser ausgenützt ist 11 Edmund Eichler: Besuch am Frachtenbahnhof. Im Reiche der Kohlenrutschen. In: Neues Wiener Journal, 7. 1. 1924, S: 3–4. 12 Der Tag, 9. 2. 1924, S. 4.

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Reaktivierung fuer Arisierung, Raub, Zwangsarbeit und Krieg

Am 2. August 1938 wurde in der stillgelegten Bahnhofs-Halle des Nordwestbahnhofs die große antisemitische Hass-Ausstellung „Der ewige Jude“ eröffnet, die auch in der nunmehrigen Ostmark die Legitimation für die barbarischen Judenverfolgungen bilden sollte. 1 Als Wanderausstellung konzipiert, wurde „Der ewige Jude“ am 8. November 1937 im Bibliotheksbau des Deutschen Museums in München eröffnet. Die Ausstellung und die massive Berichterstattung sollten den Beginn einer seit längerem vorbereiteten massiven „Arisierungswelle“ im Deutschen Reich begleiten und legimitieren. In 20 Sälen auf insgesamt 3.500 m2 wurden – wie der Historiker Wolfgang Benz argumentiert –, „mit denunziatorischen Gesten, dem Appell an stereotype Feindbilder und der Wiederholung diffamierender Behauptungen die schlichte Weltsicht eines Rassenantisemitismus propagiert, der im 19. Jahrhundert entstanden war, sich aber erst nach dem Ersten Weltkrieg als programmatisches Element rechtsextremistischer, ultrakonservativer und deutschnationaler Agitation voll entfalten konnte.“ 2 Die Ausstellung bemühte dabei auf den ersten Blick sachliche scheinwissenschaftliche Statistiken, Diagramme und Darstellungstechniken in musealem Ambiente, die von überzeichneten Karikaturen oder Fratzen bis hin zu regelrechten Gruselkabinetten unterbrochen wurden, in denen mit dramatischen Beleuchtungseffekten, wandfüllenden Fotomontagen, sowie dem Einziehen niedriger Decken und schräger Wände eine physisch bedrückende Desorientierung beabsichtigt wurde. Völlig enthemmt wurden dabei Judentum mit Bolschewismus, mit Freimauerei, mit Wucher und kulturellem Verfall gleichgesetzt, wurde die jüdische Unterwanderung oder Dominanz ganzer Berufsgruppen beklagt und konkrete lebende Persönlichkeiten diffamiert. Dabei wurde – wie es Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seiner Eröffnungsrede formulierte – authentisches Material objektiv vorgeführt, das „hieb- und stichfest in jeder Richtung“ sei und das sich gleichzeitig als „so grauenvoll, dass es mit Worten gar nicht mehr geschildert werden kann“ darstelle. 3 In der Ausstellung wurde auch das Medium Film prominent eingesetzt: In einem 200 Personen fassenden Kino das in etwa auf

Die Hass-Ausstellung „Der Ewige Jude“

Portalgebäude der Nordwestbahnhalle an der Taborstraße mit dem großem Plakat zur Ausstellung, 1938. © ÖNB Bildarchiv Austria

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1 Wolfgang Benz: „Der ewige Jude”: Metaphern und Methoden nationalsozialistischer Propaganda. Berlin 2010. 2 Benz, S. 66-68. 3 Dr. Goebbels eröffnet Ausstellung „Der ewige Jude“, in: Münchner neuste Nachrichten, 9.11.1937, TS, zitiert nach Rosemarie Burgstaller, Verhöhnung als inszeniertes Spektakel im Nationalsozialismus: Die Propaganda-Ausstellung „Der ewige Jude“, in: Lucile Dreidemy, Richard Hufschmied, Florian Wenninger u. a. (Hg.), Bananen, Cola, Zeitgeschichte. Oliver Rathkolb und das lange 20. Jahrhundert, Bd. 1, Wien/Köln/Weimar, Böhlau Verlag 2015, 346–356., S. 349. 4 Dieselben Filmsequenzen und dieselbe Argumentation bildeten auch die Basis für den Propaganda-Film „Der ewige Jude“ von Fritz Heppler, der im November 1940 in Berlin Premiere haben sollte.


1938–1945

Reaktivierung fuer Arisierung, Raub, Zwangsarbeit und Krieg

Werbeplakat und Sonderpostkarte zur Ausstellung "Der ewige Jude". Publiziert unter der Verwendung des Pseudonyms „Horst Schlüter“ © ÖNB Bildarchiv Austria

halbem Weg in die Ausstellung eingebaut wurde, zeigte ein 20 minütiger Zusammenschnitt unter dem Titel „Juden ohne Maske“ Szenen jüdischen Filmschaffens vor 1933, der dokumentieren sollte, „welchen Schmutzkübel dieses über Deutschland ausgeschüttet hat.“ 4 Dabei wurde bewusst Fiktion als Fakt kommuniziert: „So war der Jude nicht nur im Film, so war er in Wirklichkeit!“ So wie der jüdische Schauspieler Peter Lorre, der im Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ einen Kindermörder spielt, sich in einer Szene selbst der Taten bezichtigt und um Erlösung bettelt, so wird in der Propaganda das Judentum generell bezichtigt und zu dessen eigener Erlösung für vogelfrei erklärt: „Nur ein Jude konnte solche Verbrecher mit solcher Leibhaftigkeit darstellen, dass Rolle und Spieler eins geworden zu sein scheinen! Wen packt da nicht das Grauen, wenn dieser Jude, den Verbrecher aus innerstem Antrieb spielend, unschuldige Opfer an sich lockt, plötzlich gefasst wird und dann winselnd und hysterisch fast wie ein Wahnsinniger dem Gericht demonstriert, dass er doch morden m u s s (im Original gesperrt), weil er sich nicht gegen sein Inneres wehren kann (...) Es konnten nur Juden sein, die solche Szenen drehten.“5 Darüber, wie mit Juden umgegangen werden muss, ließ die Ausstellung in München keinerlei Zweifel: schon im ersten kreisrunden Raum, der die von der NS-Rassenideologie behaupteten ‚biologischen Grundlagen des Judentums’ darstellt, illustriert unter anderem mit extrem vergrößerten Darstellungen physiognomischer Wachsmoulagen von Nasen, Ohren und Augen, – die an Juden und Jüdinnen in Konzentrationslagern abgenommen wurden, also ob dadurch die ‚Authentizität’ der scheinwissenschaftlichen Forschung bewiesen wäre. In weiteren Räumen wurden Konzentrationslager zynisch als ideale Aufenthaltsorte von Juden und Jüdinnen dargestellt. Und im allerletzten Raum wurden als Abschluss die Nürnberger Rassegesetze als Werkzeug zur Erlösung des deutsche Volkes vom Judentum propagiert. Das Neue Wiener Tagblatt hatte die Münchner Ausstellung im November 1937 auf ihrer Titelseite noch schockiert als „eine einzige Aufforderung zum Pogrom“ kritisiert.6 Anlässlich der Vorankündigung und Berichterstattung über die Eröffnung in Wien am 2. August 1938 übte sie sich hingegen genau so wie die anderen mittlerweile politisch gleichgeschalteten Zeitungen nur mehr in Superlativen: Wien wird nun unisono als „Stammstadt des Antisemitismus“ gerühmt, hätten doch „dessen Vorkämpfer Schönerer und Lueger hier gewirkt“.7 Wien hätte ja in besonderem Maße unter jü5 Juden ohne Maske. Film in der Ausstellung „Der ewige Jude, in: MagdeburgerGeneral-Anzeiger vom 24.5. 1939, zitiert nach Benz, S. 135-36. 6 „Der ewige Jude“, in: Neues Wiener Tagblatt, 12.11.1937, TS. 7 Neues Wiener Tagblatt: Vorschau auf die Ausstellung „Der ewige Jude". 30. 7. 1938, S. 5. 8 Wiener Zeitung, 30.7.1938.

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discher Überfremdung gelitten,8 die sich insbesondere am Standort der Ausstellung, an der Grenze des 20. und 2. Bezirks, der zwei Wiener Bezirke mit den höchsten Anteilen jüdischer Bevölkerung , so offenkundig darstelle. Daher wird hervorgehoben, wie wichtig diese Ausstellung für Wien sei – und wie großartig die Wiener Erweiterung um sechs zusätzliche Räume für das Verständnis oder die Überzeugungskraft des Gesamtprojektes wäre, sodass die Ausstellung erst in Wien „ihre Krönung erfahren habe: in der Stadt der antisemitischen Tradition.9 „Nirgends im Gebiet des Deutschtums war die Judenfrage so brennend, wie hier in Wien, nirgends war auch der Einfluss des Judentums so entsetzlich übermächtig wie bei uns“.10 Man habe „nicht ohne Grund die Ausstellung gerade in der Nordwesthalle untergebracht, auf dass sie sich hier mitten in der Leopoldstadt wie eine Trutzburg des Deutschtums erhebe.“11 Denn gerade über die Taborlinie seien die Ostjuden eingewandert, um sich in der Leopoldstadt und in der Brigittenau einzunisten. Besucher*innen, die sich die Ausstellung ansehen wollten oder dazu gezwungen wurden (wie z.B. 350.000 Wiener Schüler*innen), reisten mit den Straßenbahnlinien 2 oder 5 durch die beiden Stadtteile an und nach der verhetzenden Wirkung der Ausstellung wieder durch dieselben Stadtteile ab – mit einem durch die Ausstellung geprägten Blick auf deren jüdische Bevölkerungsgruppe. „Es ist daher mehr als nur ein Symbol, wenn das Bild des ewigen Juden am Eingang der Nordwestbahnhalle diese beiden Bezirke beherrscht.“12 Erfolgte der Zugang zur Bahnhofshalle während des Personenverkehrsbetriebes bis 1924 über die Längsseite an der Nordwestbahnstraße, so wurde der Eingang zur Ausstellung nun genau in die Mitte der Stirnseite des Portalgebäudes an die Taborstraße verlegt. Hier konnte das riesige Plakat, das auf gelbem Grund das Zerrbild eines bärtigen Juden zeigte, eine offene Hand mit Münzen nach vor gereckt, in der anderen Hand eine Geißel, und unter dem Arm eine Weltkarte des Bolschewismus geklemmt, im Einklang mit der Architektur eine monumentalere Wirkung entfalten und Fernsicht genießen. In der dahinterliegenden großen Halle wurde durch Errichten einer Trennwand, künstlicher Säulen und Abhängen einer niedrigen Decke ein 800 m2 großer feierlicher Vorraum in Form einer Säulenhalle geschaffen, dessen einziges Exponat, eine Ehrentafel mit Inschrift, ein Zitat des Führers aus „Mein Kampf“ der Wie-

Reichsstatthalter Seyß-Inquart bei seiner Eröffnungsrede der Wiener Ausstellung vor einem Hitler-Zitat in der Eingangshalle des Nordwestbahnhofs, 2. 8. 1938. Foto: Weltbild © ÖNB Bildarchiv Austria.

Pseudowissenschaftliche Darstellung der "jüdischen Rasse" im ersten Raum der antisemitischen Wanderausstellung "Der ewige Jude", fotografiert in München, 1937. © Bundesarchiv

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9 Neues Wiener Tagblatt: Vorschau auf die Ausstellung „Der ewige Jude". 30. 7. 1938, S. 5. 10 Illustrierte Kronen Zeitung, 30.7.1938. 11 Wiener Zeitung, 30.7.1938. 12 Peter Payer, Jüdisches Leben in der Brigittenau. Ein Rundgang zu den stummen Zeugen der Vergangenheit. In: Verein Bezirksmuseum Brigittenaus (Hg.): Brigittenau. Gestern - heute - morgen. Wien 1999. S.111-121.


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Einreichplan für die Einbauten der Ausstellung „Der ewige Jude“ in die Nordwestbahnhalle 1938 © Wiener Stadt- und Landesarchiv. Markierungen durch die Autoren: Nur für Wien: Vorhalle mit Zitat des „Führers“ aus „Mein Kampf“ Die „biologischen Grundlagen des Judentums“ Eine 50 Meter Zeitachse mit angeblichen Vergehen des Judentums Collage aus Filmszenen in einem Kino mit für 200 Personen Denunziationen nach „unterwanderten Berufsgruppen“ geordnet Die Nürnberger Gesetze als Abschluss der Münchner Ausstellung Erweiterung der Fläche um ein Drittel für die Wiener Ausstellung Die Wiener Apotheose: Der „Führer“ fährt als „Befreier“ in Wien ein

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Kontinuitäten der Gestaltung Rosemarie Burgstaller schlägt vor, die Entwicklung der rassistischen propagandistischen Argumente und visuellen Gestaltungsprinzipien in der Ausstellung „Der ewige Jude“ als Teil einer ganzen Reihe von Ausstellungen zur antisemitischen und antibolschewistischen Feindbild-Inszenierung zu lesen, die im Rahmen des sogenannten „Propaganda-Winterfeldzuges der NSDAP“ ab 1936 mit „Der Bolschewismus – Große antibolschewistische Schau“ in München begonnen hatte15 und mit „Entartete Kunst“ fortgeführt wurde. Gestaltungsmittel, die in der von den Nationalsozialisten kritisierten Moderne entwickelt wurden, wurden zunehmend in den Dienst der visuellen Diffamierung einer Feindgruppe gestellt, bezüglich deren inhaltlicher und gestalterischer Bandbreite der „Der ewige Jude“ neue Maßstäbe gesetzt hat.16 Für den Wiener Kontext ist aber eine andere Kontinuität von Interesse, nämlich der politische Opportunismus jener Akteure, die den neu hinzugekommenen Wien-Teil maßgeblich gestaltet haben: Inhaltlich verantwortlich waren Robert Körber und Gustav Zettl. Die visuelle Gestaltung leiteten Otto Jahn und Gottfried Fischer vom dem Österreichischen Institut für Bildstatistik, das aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum hervorgegangen ist, einer vom austromarxistischen Soziologen und Ökonomen Otto Neurath 1924 gegründeten Institution, die im Sinne sozialdemokratischer Volksbildung sozialpolitische und volkswirtschaftliche Sachverhalte einer breiten Bevölkerung zu vermitteln und gleichzeitig auch die Reformpolitik des Roten Wien zu legitimieren versuchte. Hier entwickelte Otto Neurath mit dem Grafiker Gerd Arntz und der Illustratorin Marie Rademeister die »Wiener Methode der Bildstatistik«, die sie als zentrales Instrument der interkulturellen Verständigung und Demokratisierung des Wissens verstanden und die unter dem Namen »Isotype« (International System of Typographic Picture Education) zu einer umfassenden Bildpädagogik erweitert wurde. Mit Beginn des Austrofaschismus 1934 wurden Neurath, als einer der prominentesten Denker des Roten Wien, Arntz und Rademeister in die Emigration in die Niederlande (und später nach England) gezwungen. Ein großer Teil der Belegschaft blieb unter

Das Schlussbild der Wiener Ausstellung als "Apotheose": Während der "Führer" in einem Triumphzug in Wien einfährt, werden die Juden und Jüdinnen die Flucht geschlagen. © akg-images

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16 Rosemarie Burgstaller: Verhöhnung als inszeniertes Spektakel im Nationalsozialismus: Die Propaganda-Ausstellung „Der ewige Jude“, in: Lucile Dreidemy, Richard Hufschmied, Florian Wenninger u. a. (Hg.), Bananen, Cola, Zeitgeschichte. Oliver Rathkolb und das lange 20. Jahrhundert, Bd. 1, Wien/Köln/Weimar, Böhlau Verlag 2015, 346–356. 17 Günther Sandner: Demokratisierung durch Bildpädagogik – Otto Neurath und Isotype. In: SWS-Rundschau (48. Jg.) Heft 4/ 2008, S. 463–484. 18 Vgl. Günther Sandner, „Bilder trennen und Bilder verbinden: Wege der Wiener Bildstatistik (1934-1945)“. In Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich, herausgegeben von Andreas Kranebitter und Christoph Reinprecht. transcript Verlag, 2019, 286–287.


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