Skip to main content

Innovation in Tirol (Dezember 2017)

Page 1

DAS MAGAZIN ZU FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG AUSGABE 02/2017

UN KT: SCHWERP GKEIT I T L A H H C NA

BERGAUF/ BERGAB Wie ein Tiroler Erfinder ein multifunktionales Sportger채t entwickelt hat.

NACHGEWIESEN

Was Abw채sser 체ber den Drogenkonsum in Innsbruck verraten.

NACHGEFRAGT

Warum sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht widersprechen m체ssen.

NACHGEAHMT Wo Technik von der Natur lernen kann.


WEITERE TRÄGER:

MEDIENPARTNER:

PANTONE 341C RAL 6016 Türkisgrün

DIE AUSZEICHNUNG FÜR UNTERNEHMEN MIT VERANTWORTUNG

EINREICHMÖGLICHKEIT AB JÄNNER 2018 IN DEN NEUEN KATEGORIEN

 VORBILDLICHE PROJEKTE  REGIONALE WERTSCHAFFUNG  SOCIAL INNOVATION UND FUTURE CHALLENGES

WWW.TRIGOS.AT ANSPRECHPARTNER Tiroler Wirtschaftskammer | Wirtschaftspolitik & Strategie Mag. Marlene Hopfgartner | Wilhelm-Greil-Straße 7 | 6020 Innsbruck T 05 90 90 5-1264 | E marlene.hopfgartner@wktirol.at | W WKO.at/tirol/wp


EDITORIAL

Inhalt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Die Redaktion

TECHNIK 06

Zu Fuß bergauf, per Ski bergab

10

Schwitzen in virtuellen Welten

14

Digitaler Assistent

15

Die Evolution als Lehrmeister

16

Geschichte in Schichten

20

Innovatives aus Holz

22

Außerdem Neues in der Technik

24

© AXEL SPRINGER

Forschung über den Dächern Innsbrucks

MEDIZIN Proben für den Ernstfall

26

Prostatavorsorge: Weniger ist oft mehr

29

Lesen lässt sich lernen

32

Was das Abwasser verrät

36

Warum Zellen Müll trennen

40

Außerdem Neues in der Medizin

42

© DANIEL WINKLER

W

issenschaftler und Forscher, Techniker und Ingenieure, Bastler und Erfinder: Sie alle haben es sich zum Ziel gesetzt, unser Leben einfacher, sicherer, angenehmer und besser zu machen. Im Idealfall gelingt es ihnen, uns, unsere Gesellschaft und nicht zuletzt unsere Umwelt langfristig positiv zu beeinflussen. Deswegen haben wir uns in dieser Ausgabe von „Innovation in Tirol“ dazu entschieden, das Magazin um einen zusätzlichen Schwerpunkt zu erweitern. Neben Technologie und Medizin befassen wir uns diesmal auch mit dem weit gestreuten Thema der Nachhaltigkeit – von alternativen Energiequellen über Möglichkeiten, die Belastung durch den Tourismusverkehr einzudämmen, bis hin zur Frage, wie und wohin uns der Weg in eine ebenso digitale wie nachhaltige Zukunft führen kann. Wie immer in „Innovation in Tirol“ dreht sich dabei auch dieses Mal wieder alles um die hellen Köpfe, die in ganz Tirol neugierig und mit viel Kreativität forschen und entwickeln. Dabei präsentieren wir eine kleine Auswahl all dessen, was normalerweise hinter verschlossenen Türen in Laboren, Entwicklungsabteilungen aber auch Werkstätten und im privaten Heim von Tüftlern geschieht. Die Projekte sind dabei ebenso vielfältig wie die Tiroler Forschungs- und Entwicklungslandschaft. Sie reichen von der Traditions-Tischlerei, die 123-jähriges Know-how mit innovativen Ideen verbindet, über Geologen, die mithilfe von Bohrkernen einen Blick in die Vergangenheit werfen, bis hin zur Analyse von Abwässern, die zeigen, wie es um den Drogenkonsum in Städten steht. Mit dabei sind große, weithin bekannte Institutionen, wie die Universität Innsbruck und das MCI, ebenso wie Maturanten, die aus ihrem Matura-Projekt ein Produkt entwickelt haben und ein EinPersonen-Unternehmer, der im Alleingang den Wintersport revolutionieren möchte. Und so laden wir Sie auch mit dieser Ausgabe ein, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und sich selbst davon zu überzeugen, wie viel Forscher- und Erfindergeist in Tirol steckt.

04

© WERKSTÄTTE WATTENS

BITCOIN: KRYPTISCHES GELD

NACHHALTIGKEIT

Impressum

Digitalisierung: Ein Hebel zur Nachhaltigkeit

44

Gestörter Energiefluss

48

Innovation in Tirol, Beilage in der „Tiroler Tageszeitung“ Herausgeber, Medieninhaber und Verleger: TARGET GROUP Publishing GmbH Redaktion: Daniel Feichtner, Barbara Wohlsein, Klaus Erler, Eva Schwienbacher, Rebecca Müller, Julia Tapfer, Hannah Pixner, Theresa Kirchmair, Kathrin Fenkiw Layout: Christina Wulfert, Sebastian Platzer, Lisa Untermarzoner | Illustrationen: Monika Cichoń | Anzeigenverkauf: Wolfgang Mayr | Anschrift für alle: Brunecker Straße 3, 6020 Innsbruck, T: 0512/58 60 20, E: office@target-group.at, www.target-group.at | Druck: Intergraphik GmbH, Innsbruck

Mit der Bahn in die Berge

50

Drei helle Köpfe

54

Außerdem Neues zum Thema Nachhaltigkeit

60

3


Kryptisches Geld Die Kryptowährung Bitcoin ist in aller Munde. Manche versprechen sich ungeahnte Gewinne oder gar einen Umsturz des Bankensystems. Andere sehen eine Blase, die bald platzen wird. Doch wie funktioniert das digitale Geld? Eine (stark vereinfachte) Erklärung: Von Daniel Feichtner

TRANSAKTION MAL 3 Wie am Schulhof

A

B

Die einfachste Form, Wert weiterzugeben, ist die persönliche: A übergibt das Objekt der Begierde an B. Damit wechselt es seinen Besitzer.

Klassische Überweisung

BANK

A

B

Heute geschehen Transaktionen meist über einen Mittelsmann, wie eine Bank, der A und B vertrauen. Diese zentrale Stelle nimmt den Wert und leitet ihn weiter. Oft kostet das etwas.

Verschlüsselt

A

B

Bitcoins brauchen keine Bank. An ihre Stelle tritt Verschlüsselung. Dank ihr hat A einen Schlüssel, mit dem der Wert eingesperrt wird und B einen anderen, der das Schloss öffnet – ohne, dass A seinen Schlüssel weitergeben muss. So sind beide Schlüssel sicher vor Abhör-Angriffen.

TRANSAKTION

LEDGER LEDGER

TRANSAKTION

TRANSAKTION

LEDGER

TRANSAKTION

TRANSAKTION

Bei jeder Transaktion wird im Ledger geprüft , ob der Sender genügend Bitcoins besitzt.

TRANSAKTION

LEDGER LEDGER

BUCHHALTUNG FÜR ALLE Damit jeder nur überweist, was er auch besitzt, müssen alle Transaktionen festgehalten werden. Normalerweise übernehmen das Banken. BitcoinTransaktionen werden im „Ledger“ verzeichnet. Kopien dieses „Kassenbuchs“ sind auf privaten Computern in der ganzen Welt gespeichert. Und weil es viele Kopien davon gibt, kann niemand den Ledger fälschen.

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAK

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAK

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAK


WETTRENNEN

MINER

MINER

Miner ordnen überprüfte Transaktionen in Blöcken an. TRANSAKTION

TRANSAKTION

ZU LANGSAM

LÖSUNG

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

BLOCK A

BLOCK B

Miner kann jeder werden, der genügend Rechenleistung zur Verfügung stellt. Mining-Software ordnet unsortierte Transaktionen in beliebiger Reihenfolge als Block an. So macht das Programm jedes Miners einen Vorschlag, wie das nächste Glied der Blockchain aussehen könnte. Darüber, welche Variante angenommen wird, entscheiden Rätsel: Mining-Programme lösen mathematische Aufgaben. Wer als erster die richtige Antwort findet, dessen MINER Block wird in die Kette eingebunden und die enthaltenen Transaktionen sind damit bestätigt.

BLOCKABFERTIGUNG Um Transaktionen in den Ledger einzutragen, müssen sie sortiert werden. „Miner“, also „Schürfer“, ordnen anstehende Überweisungen in „Blöcken“ an. Jeder Block wird mithilfe eines mathematischen Rätsels verschlüsselt. Außerdem wird für jeden Block eine sogenannte „Prüfsumme“ errechnet, die dem darauffolgenden Block beigelegt wird. So entsteht eine Kette aus miteinander verknüpften Blöcken: Die „Blockchain“. Anhand der Prüfsumme kann festgestellt werden, ob ein Element der „Block-Kette“ manipuliert worden ist. Stimmt sie, ist die Blockchain intakt, verlässlich und wird akzeptiert. So wird garantiert, dass praktisch niemand den Ledger im Nachhinein verändern kann.

MINER

MINER

Der erfolgreiche Miner erhält Bitcoins als Belohnung.

BITCOINS HAUSGEMACHT

Der Miner mit Vorschlag B war schneller. Sein Block wird das nächste Glied der Kette.

BLOCKCHAIN

KTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

KTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

KTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

TRANSAKTION

Als Belohnung für jedes gelöste Rätsel erhalten Miner Bitcoins. Diese werden niemandem abgezogen, sondern neu erschaffen. Weil die Rätsel so designt sind, dass sie jeweils zehn Minuten bis zur Lösung brauchen, ist das vorherberechenbar. Die letzte und 21-Millionste Bitcoin wird voraussichtlich 2140 erzeugt werden.


TECHNIK

01

Forschung über den Dächern Innsbrucks Die neue Messstation der Uni Innsbruck ermittelt die Emission von Stickoxiden und gibt darüber hinaus Aufschluss über ihre Herkunft.

B

unte Kabel, Technikkästen und diverse Geräte – am Dach der Uni Innsbruck gibt nicht nur der tolle Ausblick Grund zum Staunen. Die viele Technik gehört zur Fakultät für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften, die sich direkt darunter im achten Stock des Gebäudes befindet. Eine ihrer neusten Anschaffungen ist zugleich jene, die am meisten auffällt: Ein riesiger Turm, mithilfe dessen die Emission von Stickoxiden im Umkreis von einem Kilometer gemessen wird. Dabei handelt es sich um Gase, die sich negativ auf Umwelt und Gesundheit auswirken. Sie entstehen hauptsächlich durch Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle – in Ballungsräumen wie Innsbruck ist der Verkehr eine relevante Quelle.

und berechnen anhand derer Verzögerung die dreidimensionale Windfluktuation. Durch die Kombination der Stickoxidkonzentration und der vertikalen Luftbewegung kann bestimmt werden, welche Menge an Stickoxiden nach oben und nach unten transportiert wird. Die Differenz daraus zeigt genau, wie viele Schadstoffe tatsächlich in die Atmosphäre ausgesendet bzw. emittiert werden.

Informationsträger Wind Die Messstation lässt auf Emissionswerte rückschließen, indem sie nicht nur den reinen Stickoxidgehalt der Luft analysiert, sondern gleichzeitig auch ihre Bewegung durch Windkräfte. Dafür senden klauenartigen Vorrichtungen am Arm des Turmes Ultraschallwellen aus

Im Gegensatz dazu beschäftigen sich gewöhnliche Messungen, wie zum Beispiel auf Autobahnen zur Einhaltung des Immissionsschutzgesetzes Luft (IG-L), lediglich mit der reinen Immission bzw. der Stickoxidmenge pro Kubikmeter und erlauben nur eine indirekte Abschätzung der Emissionsquellen.

© AXEL SPRINGER

Von Kathrin Fenkiw

Thomas Karl

„Die Messung muss auf einer gewissen Höhe über der Stadt erfolgen. Deshalb ist die Position am Dach der Uni perfekt.“

6


TECHNIK

01 Der Stickoxid-Messturm ragt weit über das Dach der Uni Innsbruck hinaus und gibt Aufschluss über die Emission von Stickoxiden im Umkreis von einem Kilometer.

„Im Unterschied zur klassischen Hochrechnung, bei der beispielsweise von Emissionsmessungen auf Fahrzeugprüfständen auf einen größeren Raum geschlossen werden muss, setzen wir eine sogenannte Top-Down-Methode ein. Dabei bestimmen wir direkt die tatsächlichen Gesamtemissionen in einem Umkreis von rund einem Kilometer um den Messstandort, aus denen sich der relative Anteil aus Verkehr dann sehr gut rückrechnen lässt“, erklärt Thomas Karl, der den Messturm gemeinsam mit einem Team aus Innsbrucker Wissenschaftlern Anfang des Jahres errichtet hat. Neben der exakten Windanalyse

gibt es noch eine zweite wichtige Voraussetzung, um korrekte Werte zu garantieren: „Die Messung muss auf einer gewissen Höhe über der Stadt erfolgen. Deshalb ist die Position am Dach der Uni perfekt“, freut sich der Forscher. Thomas Karl ist Professor für Atmosphärenphysik. Er war 13 Jahre lang am National Center for Atmospheric Research (NCAR) tätig, einem Forschungszentrum für Atmosphärenwissenschaften in Amerika. Seit seiner Rückkehr nach Österreich im Jahr 2013 forscht und unterrichtet er an der Uni Innsbruck über die Zusammensetzung der Atmosphäre, die Wechselwirkungen zwischen der Erdoberfläche und der Atmosphäre sowie chemisch-physikalische Prozesse, die in Wetter- und Klimaprognosen eingehen.

7

Den Ursachen auf der Spur Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass mit der Messstation der Uni Innsbruck auch die Herkunft der Stickoxide ermittelt werden kann. „Wir wissen, dass die meisten Luftschadstoffe in Innsbruck durch den Verkehr und durch Hausbrand verursacht werden, also durch die Verbrennung von Brennstoff wie Gas, Holz

←


TECHNIK

← 02

04

Stickoxide • Stickoxide (NOx) ist der Überbegriff für gasförmige Verbindungen die entstehen, wenn Kohle, Öl, Gas, Holz oder Abfälle verbrannt werden. • Die wichtigsten Stickoxide sind NO (Stickstoffmonoxid) und NO2 (Stickstoffdioxid). Direkt gesundheitlich relevant ist allerdings nur NO2, ab einer gewissen Konzentration in der Luft wirkt es toxisch und schadet Lunge und Herz.

• Stickoxide können Pflanzen schädigen und sind mitverantwortlich für die Bildung von bodennahem Ozon sowie der Versauerung von Böden und Gewässern.

© AXEL SPRINGER (3)

• Neben Feinstaub sind Stickoxide die wichtigste Begründung für das Immissionsschutzgesetz Luft (IG-L), das gewisse Grenzwerte vorschreibt.

03 02 In schwindelerregender Höhe über der Stadt wird der Stickoxidgehalt der Innsbrucker Luft gemessen. 03 Zusätzlich ermitteln klauenartige Vorrichtungen anhand der Verzögerung von Ultraschallwellen die dreidimensionale Windfluktuation. 04 Im Forschungslabor werden die ermittelten Daten kombiniert, ausgewertet und optisch aufbereitet.

oder Öl für Herd und Heizung“, erklärt Karl. Deshalb werden die gewonnenen Daten in einem sekundären Schritt mit Informationen wie Verkehrszählungen und dem durchschnittlichen Energieverbrauch des jeweiligen Tages verglichen. Dadurch kann auf den relativen Anteil der Stickoxidquellen rückgeschlossen werden. Brandneue Erkenntnisse „Unsere Messgeräte dienen keinem Routine-Monitoring“, erklärt Karl. „Stattdessen werden Kampagnen-Messungen durchgeführt, um Antworten auf spezielle Forschungsfragen zu erlangen.“ Aus diesem Grund war ein ähnlicher Stickoxid-Messturm vor zwei Jahren bereits für sechs Monate aktiv und hat kontinuierlich, also fast jede Zehn-

Thomas Karl

„Unser Ziel ist es, Trends und Veränderungen zu erkennen. Besonders interessant wird zum Beispiel die Auswirkung der Heizperiode im Winter.“

8

telsekunde, Daten erfasst. Die Ergebnisse dieser Messung wurden in einer kürzlich veröffentlichten Studie aufbereitet. Daraus geht ganz klar hervor: Der Verkehr hat einen wesentlich höheren Anteil am Stickoxidausstoß, als bisher angenommen. Für über 80 Prozent der Gesamtmenge war er während des Untersuchungszeitraums verantwortlich. Das ist bis zu viermal so viel, als bisherige Rechnungen aufzeigen. Ab Januar soll die neue Messstation in Gang gebracht werden und für mindestens ein Jahr, ständig messen. Auch das dazugehörige Forschungslabor wird gerade in unmittelbare Nähe des Turmes übersiedelt. „Unser Ziel ist es, Trends und Veränderungen zu erkennen. Besonders interessant wird zum Beispiel die Auswirkung der Heizperiode im Winter“, so Karl.


Mehr als als 3.000 3.000 Wissenschaftlerinnen Wissenschaftlerinnen und und Wissenschaftler Wissenschaftler forschen forschen hier hier an an den den Fragen Fragen Mehr der Zeit Zeit und und vermitteln vermitteln den den 28.000 28.000 Studierenden Studierenden das das Wissen Wissen für für die die Zukunft. Zukunft. Breit Breit der vernetzt mit mit der der heimischen heimischen Wirtschaft Wirtschaft entstehen entstehen gemeinsam gemeinsam neue neue Ideen, Ideen, die die auch auch zu zu vernetzt innovativen Produkten Produkten und und Dienstleistungen Dienstleistungen weiterentwickelt weiterentwickelt werden. werden. innovativen Mit über über 50 50 Millionen Millionen Euro Euro Forschungseinnahmen Forschungseinnahmen im im Jahr Jahr 2016 2016 schafft schafft die die Universität Universität Mit Innsbruck die die Voraussetzungen Voraussetzungen für für international international wettbewerbsfähige wettbewerbsfähige Forschung Forschung Innsbruck auf höchstem höchstem Niveau, Niveau, wie wie Hochschul-Rankings Hochschul-Rankings regelmäßig regelmäßig zeigen. zeigen. Dabei Dabei schärfen schärfen fünf fünf auf interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte Forschungsschwerpunkte das das Profil Profil der der Universität: Universität: Alpiner Alpiner Raum Raum interdisziplinäre Mensch und und Umwelt, Umwelt, Kulturelle Kulturelle Begegnungen Begegnungen –– Kulturelle Kulturelle Konflikte, Konflikte, Molekulare Molekulare –– Mensch Biowissenschaften, Physik Physik sowie sowie Scientific Scientific Computing. Computing. Biowissenschaften,

Wir bauen bauen Brücken Brücken in in die die Zukunft Zukunft Wir www.uibk.ac.at www.uibk.ac.at

© BfÖ 2017, Bildmaterial: Universität Innsbruck, Gerhard Berger © BfÖ 2017, Bildmaterial: Universität Innsbruck, Gerhard Berger

Die Universität Universität Innsbruck Innsbruck ist ist die die größte größte BildungsBildungs- und und Forschungseinrichtung Forschungseinrichtung im im Die Westen und und damit damit ein ein wichtiger wichtiger Motor Motor für für Wirtschaft Wirtschaft und und Gesellschaft. Gesellschaft. Sie Sie steht steht für für Westen internationale Spitzenforschung Spitzenforschung im im Herzen Herzen der der Alpen. Alpen. internationale


TECHNIK

Wintersporthybrid – made in Tirol In einer Werkstatt in Innsbruck werden fahrbare Schneeschuhe und Hightech-Skistöcke produziert. Der Kopf dahinter heißt Paul Munter. Er fertigt die außergewöhnlichen Wintersportgeräte in Handarbeit. Von Hannah Pixner

D

er Firmenname „Muntepa“ prangt groß an der Eingangstür der ansonsten unscheinbaren Werkstatt beim Olympiastadion. Er steht für Munter Paul, den Inhaber, Entwickler und zurzeit einzigen Beschäftigten des Unternehmens. Und dieser hat vor, den Sport zu revolutionieren. Seit sechs Jahren tüftelt er, jetzt hat er Ergebnisse vorzuweisen: Hightech-Ski- und -Wanderstöcke und einen fahrbaren Schneeschuh. In seiner Zweizimmerwerkstatt arbeitet er mit seiner selbstgebauten Vakuum- und Skipresse an den 100%-made-in-(Süd-)Tirol-Sportutensilien. Er will sie für den Spaß im Schnee perfektionieren und jeden Abhang damit bezwingen. Und das, obwohl er nicht einmal Ski fahren kann.

auf die schneebedeckten Gipfel zu steigen und mit dem Gerät hinunterzufahren. Zusätzlich sollte er kurz, leicht, sicher und auch für NichtSkifahrer geeignet sein. Klingt unmöglich, ist es aber nicht. Mit dem fahrbaren Schneeschuh ist ihm die abenteuerliche Kombination aus (Touren-)Ski, Schneeschuh und Bergschuh gelungen. Selbst ist der Mann Über drei Jahre werkelte der Brixner am Aufbau des fahrbaren Schneeschuhs herum. Wie ein Ski gemacht wird, wusste er von einem Bekannten. Frei nach dem Motto „Wenn er das kann, kann ich das auch“ baute sich Paul Munter selbst eine Vakuumpresse und produzierte seinen ersten Ski als Bestandteil des fahrbaren Schneeschuhs. „Alles selber machen ist meine Devise“, erklärt er: „Ich kann genauso Teile aus China bestellen, aber lieber kaufe ich die Grundstoffe und verarbeite sie selbst weiter. Das ist billiger, ich bin flexibler und weiß, dass die Qualität stimmt.“ Bei zugekauftem Werkstoff achtet er auf Regionalität. „Dafür habe ich meine Werkstatt in Innsbruck“, begründet der kreative Kopf: „Das ist für meine Branche eine Metropole, von hier bekomme ich alles, was ich brauche.“

All-inclusive Der gelernte Konditor fährt Snowboard, Ski gefahren ist er noch nie. Aber das Schneeschuhwandern hat er ausprobiert. „Das Hinuntergehen nach dem anstrengenden Aufstieg fand ich lästig“, erzählt Munter. Diese Problematik brachte ihn auf die Idee: Es muss ein Schneeschuh her, mit dem man wie mit einem Ski abfahren kann. Am besten mit Bergschuhen benutzbar, um im Frühjahr zu Fuß

10


TECHNIK

01 Entwicklerstolz: Paul Munter entwarf den Wintersporthybriden im Alleingang.

01

Paul Munter

© AXEL SPRINGER, SHUTTERSTOCK.COM

„Alles selber machen ist meine Devise. [... ] Lieber kaufe ich die Grundstoffe und verarbeite sie selbst weiter. Das ist billiger, ich bin flexibler und weiß, dass die Qualität stimmt.“

Der Stoff, aus dem Träume sind Das schwierigste Unterfangen bei der Entwicklung des fahrbaren Schneeschuhs war die Suche nach dem richtigen Werkstoff. Die verschiedenen Schneetypen verlangen flexibles Material, das aber zugleich steif genug sein muss, um Sicherheit zu gewährleisten. Paul Munters Lösung ist ein kurzer Ski als Basis. Dieser wird im Sandwichverfahren hergestellt. Den Boden bildet, wie bei einem normalen Ski, der Belag. Auf ihn wird später das Steigfell für den Halt auf Schnee und Eis angebracht, wie beim Tourenski. Dem Belag folgen die Kanten, eine Schicht aus Glasfaser, der Kunststoffkörper des Skis, verschiedene Verstärkungen, eine Titanalblechplatte für die Bindung und schließlich die designte Oberfläche. Die Schichten werden durch Epoxidharz zusammengehalten und bei 60° bis 80° Celsius für 45 Minuten in der speziell angefertigten Presse mit einem Druck von bis zu 20 Tonnen fixiert.

man mit den kurzen Modellen „mehr surft als Ski fährt“, lässt das größere Modell die Verwendung auf der Piste zu. So sollte das Carven keine Schwierigkeit darstellen. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist das selbsterstellte Design des Schneeschuhs – für den erfahrenen Grafiker kein Problem. Jedes Paar der fahrbaren Schneeschuhe besteht aus einem roten und einem weißen Ski. Der Rest des Geräts besteht aus einer Bindung, die durch Schienen verstellbar ist. Die Kunststoffbindung des Schuhs erzeugt Munter selbst mithilfe seiner Vakuumpresse. Das Aussehen erinnert an die Bindung eines Snowboards. Es wird jedoch kein spezieller Schuh benötigt, sondern nur ein wasserdichter

Etwas ganz Besonderes Mehrere Aspekte dieses Skis machen ihn zu etwas Besonderem, angefangen bei seiner Größe: Paul Munter produziert den fahrbaren Schneeschuh mit 84 cm, 99 cm und 114 cm. Während

11

←


TECHNIK

←

Bergschuh. Dieser wird mit Schnallen festgezurrt. „Im aktuellen Modell hat jeder Bergschuh von Größe 35 bis 46 in der Bindung Platz“, versichert Munter. Die Modelle Medium und Large werden noch folgen. Der Vorteil daran ist einerseits, dass eingetragene Bergschuhe bequemer sind als Skischuhe, andererseits kann man mit den Bergschuhen auch zu Fuß Gipfel erklimmen. „Und man ist schneller beim Après-Ski!“ scherzt der Unternehmer.

Paul Munter kommt eigentlich aus Brixen. Nach seiner Konditorlehre hat er sich der Kunst gewidmet und fünf Jahre lang in seinem Atelier gearbeitet. Er machte sich als Grafiker selbständig und betrieb 25 Jahre lang ein Grafikstudio. Im Jahr 2011 entschloss er sich zur Entwicklung eigener Sportgeräte.

Paul Munter

„Aus den Schlaufen kommt man viel leichter heraus“, merkt Munter an. Der Ski- und Wanderstock verspricht seinen Kunden einen natürlicheren Gang und die Unterstützung der Muskulatur. Die nach unten gebogene Spitze soll außerdem Halt in Steilhängen geben und zugleich beim Skifahren und Wandern absichern.

„Ich höre den Leuten zu und überlege mir, wie ich ihre Probleme lösen könnte.“

Leistbares Vergnügen Der Südtiroler erhielt bei der Entwicklung seiner Produkte Unterstützung von allen Seiten: Die Firmenräume wurden Paul Munter von der Stadt Innsbruck vermittelt und auch die Wirtschaftskammer half ihm mit einer Entwicklungsförderung. Dank dieser sollen die Innovationen Munters ab nächstem Herbst verkauft werden. Dabei geht es dem Tüftler nicht um Geld. „Es soll leistbar sein“, nickt der Tüftler. Unter 700 Euro soll der fahrbare Schneeschuh inklusive den Steigfellen kosten, die Ski- und Wanderstöcke zwischen 65 und 110 Euro. Für die Zukunft hat der Unternehmer einige Projekte geplant: „Ich höre den Leuten zu und überlege mir, wie ich ihre Probleme lösen könnte.“ Dabei bleibt er stets seinem Leitsatz treu: Simple is the Best!

Dynamik im Fokus Als nützliches Accessoire für den fahrbaren Schneeschuh bietet Muntepa einen HightechSkistock an. „Auf diese Idee kam ich beim Nordic Walking“, erinnert sich Paul Munter zurück: „Ich fand die Wanderstöcke störend. Daheim habe ich mich 20 Minuten hingesetzt und an einem Konzept für dynamische Ski- und Wanderstöcke gearbeitet.“ Länger brauchte der Hobbysportler nicht, um die geschwungenen Stöcke zu designen. Nach weiteren zwei Monaten ging er in die Produktion. Auch heute fertigt der Unternehmer seine Stöcke von Hand: „Die geraden Aluminiumstöcke kaufe ich in Südtirol, in meiner Werkstatt biege ich sie dann.“ Spezielle Griffe sollen besseren Halt ermöglichen und dank der eigens entwickelten Schlaufen ist das Unfallrisiko gesenkt.

12


TECHNIK

02

03

04

© AXEL SPRINGER (4)

05

02 Die verstellbare Schiene ermöglicht eine individuelle Anpassung an den Besitzer des Ski-Schneeschuhs und an die vorherrschenden Schneebedingungen. 03 Durch die geschwungene Form, die Paul Munter in seinem Ski- und Wanderstock-Design verwendet, sind sie hervorragend auf den natürlichen Bewegungsablauf des Gehens angepasst. 04 Zurzeit gibt es den fahrbaren Schneeschuh in drei verschiedenen Größen, die für unterschiedliche Schneetypen geeignet sind. 05 Mit seiner selbstgebastelten Vakuumpresse baut Paul Munter Skier im Sandwichverfahren.

13


TECHNIK

Schwitzen in virtuellen Welten Das Fitnessgerät Icaros vereint Technik und Training auf einzigartige Weise – eine absolute Innovation in Sachen Virtual Reality. Von Kathrin Fenkiw

T

Karsten Böhm ist seit 2006 an der FH Kufstein Tirol tätig und leitet die Studiengänge Web Business & Technology (Bachelor) und Web Communication & Information Systems (Master). Außerdem ist er Leiter des WEBTA-Instituts (Institute for Web Technologies & Applications), das 2016 erstmals eine TEDx-Veranstaltung an einer österreichischen Fachhochschule organisiert hat.

© ICAROS GMBH

echnik ist Kopfsache und Sport etwas für den Körper – diese klassische Trennung wirft Icaros über Bord. Das brandneue Lehrmittel der FH Kufstein Tirol bietet ein faszinierendes virtuelles Erlebnis, das man sich allerdings durch körperliche Anstrengung verdienen muss. Die Anwendung ist simpel: Der Benutzer befindet sich in einer waagrechten Position, stützt sich nur mit Händen und Füßen ab und wird durch eine Virtual Reality Brille in eine naturbelassene Bergwelt versetzt. Mit der Verlagerung des Körpergewichts nach vorne, hinten oder seitlich kann er nun durch die Landschaft fliegen. Um dabei Höhenunter-

14

schiede zu meistern, ist eine starke Körperspannung gefragt. Zur zusätzlichen Motivation werden Gaming-Elemente eingesetzt: Der Benutzer ist zum Beispiel dazu aufgefordert, auf seinem Flug so viele schwebende Ringe wie möglich zu erwischen. „E-Sport erfordert bereits hohe Konzentration und mentale Anstrengung. Icaros erweitert dieses Format erstmals durch realen körperlichen Kraftaufwand“, erklärt Karsten Böhm, FH-Professor und Studiengangsleiter an der FH Kufstein Tirol. Ein Gerät – viele Überlegungen Icaros findet an der FH Kufstein Tirol in drei Bereichen Anklang. Die Studiengänge Web Business & Technology (Bachelor) sowie Web Communication & Information Systems (Master) verfolgen das Ziel, das Virtual Reality Erlebnis zu erweitern. „Die Standard-Programmierung beschränkt sich auf eine immer gleiche, imaginäre Landschaft. Das wollen wir ändern und reale Landschaften programmieren – wie zum Beispiel ein 3D-Modell des Wilden Kaisers“, erklärt Böhm. Gleichzeitig wird die Benutzerfreundlichkeit des Gerätes analysiert. Hierbei besteht enger Kontakt mit dem Hersteller, einem Start-up aus München. Der Bachelorstudiengang Sport-, Kultur- & Veranstaltungsmanagement untersucht hingegen die Möglichkeiten, Icaros im Event-Kontext einzusetzen – zum Beispiel in Form von virtuellen Wettbewerben bzw. E-Sport. „Insgesamt wird Icaros von unseren Studierenden sehr gut angenommen und erzeugt großes Interesse“, freut sich Böhm über die neue Investition.


TECHNIK

Digitaler Assistent Die FH Kufstein Tirol hat ein neues Mitglied: Seit Sommer 2017 ist der humanoide Roboter NAO fixer Bestandteil des Unterrichtsalltags.

© FH KUFSTEIN TIROL

Von Kathrin Fenkiw

Z

wei Arme, zwei Beine und ein kleiner Kopf mit zwei Augen: NAO ist uns Menschen um vieles ähnlicher, als so manch anderer Roboter. Aber nicht nur sein Aussehen, auch sein Verhalten und seine Reaktionsfähigkeit wirken menschlich. Durch viele kleine Sensoren ist er in der Lage, sich in seiner Umgebung ideal zu orientieren und genau abzuschätzen, wie weit Gegenstände oder Personen von ihm entfernt sind. Zwei Kameras ermöglichen es ihm außerdem, Objekte und sogar Gesichtsausdrücke zu erkennen. Auch die Kommunikation mit Menschen ist für den kleinen Roboter kein Problem. Diese funktioniert sowohl über eine WLANVerbindung mit dem Tablet oder dem Handy als auch über Sprachsteuerung. „NAO ist dazu fähig, vorprogrammierte Fragen zu verstehen und darauf zu ant-

worten“, erklärt Markus Ehrlenbach, Laborverantwortlicher der FH Kufstein Tirol. Er hat zum Beispiel richtige Antworten auf die Fragen „Wie lange gibt es die Kufsteiner FH bereits?“ oder „Welche Studiengänge werden angeboten?“. Anwendung und Technik Vor allem Studenten der Studiengänge Wirtschaftsingenieurwesen (Bachelor) und Smart Products & Solutions (Master) beschäftigen sich mit NAO. Einerseits werden verschiedene Anwendungsbereiche analysiert und die Möglichkeiten auf Funktionalität und Umsetzung geprüft. Der Roboter könnte zum Beispiel als Berater in Geschäften eingesetzt werden, indem er über externe Indoor-Navigationssysteme den Standort von Produkten bestimmt und Kunden anschließend den Weg durch 15

Markus Ehrlenbach arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Laborverantwortlicher an der FH Kufstein Tirol. Er ist vor allem im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen tätig, unterrichtet Elektronik sowie Elektro- und Automatisierungstechnik und betreut diverse Praxisprojekte. Zusätzlich ist er maßgeblich in Entscheidungen involviert, welche die Investitionen der FH betreffen – wie zum Beispiel NAO.

das Geschäft zeigt. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, seine Fähigkeiten zu erweitern. „Wir bemühen uns darum, NAO smalltalkfähig zu machen. Er soll in Zukunft nicht nur auf vorprogrammierte Fragen eine Antwort parat haben, sondern mithilfe schneller Internetrecherche auf beliebige Fragen eingehen können“, erklärt Ehrlenbach.


© WERKSTÄTTE WATTENS

TECHNIK

01

Die Evolution als Lehrmeister Im FabLab der Werkstätte Wattens, dem Center for Rapid Innovation, haben unter anderem Teilnehmer der Business School der der FH Kufstein Tirol die Möglichkeit, bionische Prototypen herzustellen und zu testen. Von Theresa Kirchmair

S

eit Leonardo da Vinci hat sich in der Technik einiges getan. Während das Renaissancegenie Vögel beobachtete, um Flugmaschinen aus Holz und Stoff zu planen, bauen heute Industrieroboter mit Dispensern komplexe, von der Natur inspirierte Konstruktionen aus Beton auf. Es ist die Suche nach Lösungen, die den alten Meister und den Roboter verbinden. „Die Evolu-

tion hat in Sachen Innovation einen Vorsprung von 3,8 Milliarden Jahren“, beschreibt Christian Teissl, Lektor an der FH Kufstein Tirol und Leiter des FabLab der Werkstätte Wattens, die Motivation der Bionik. Bionik vs. Biomimetik In der Bionik gibt es zum einen die Technik, die sich den Kopf über ein Problem 16

zerbricht, und zum anderen die Biologie, die zumindest einen Hinweis auf die Lösung parat hat. In der realen Welt sucht jemand etwa nach einer effizienten Art und Weise, ein Bauteil zu konstruieren, das sowohl leicht als auch robust ist. Da die Verschwendung von Ressourcen in der Natur evolutionär selten belohnt wird, ist das Wachstum von Pflanzen in dieser Hinsicht optimiert. Die Technik


TECHNIK

01 Das FabLab der Werkstätte Wattens wird stetig weiter ausgebaut.

Christian Teissl

„Biomimetik ist ein direktes Nachahmen von natürlichen Strukturen, zum Beispiel für einen künstlerischen, gestalterischen Zweck.“

terischen Zweck.“ Die technische Funktion tritt dabei in den Hintergrund. Der Unterschied zwischen den Begriffen Bionik und Biomimetik ist damit sozusagen „hauchdünn“.

beobachtet nun die Struktur eines Baumes so lange, bis sie den biologischen Mechanismus verstanden hat, der hinter seiner stabilen Beschaffenheit steht. Ist dieser Mechanismus ausreichend erforscht, kommt der nächste Schritt: Zu überprüfen, ob die biologische Lösung auf das technische Problem angewandt überhaupt umsetzbar ist. Die Forscher können die Strukturen der Natur nämlich nur selten direkt übernehmen, sondern nutzen sie eher als Inspiration, deren Kernidee sie dann abstrahieren und verändert schrittweise auf einen Prototypen übertragen. „Bionik ist also klassisches Anschauen und technisches Anwenden – ein Neuerfinden mit starker Unterstützung aus der Natur“, erklärt Teissl. „Das im deutschen Sprachraum oftmals pseudonym verwendete ‚Biomimetik‘ ist nach Werner Nachtigall, dem Vater der Bionik in Deutschland, mehr ein direktes Nachahmen von natürlichen Strukturen, zum Beispiel für einen künstlerischen, gestal-

Von der Natur lernen Mit dem technologischen Fortschritt in der Analytik und bei Herstellungsverfahren haben sich für die Bionik ganz neue Möglichkeiten aufgetan. In der Robotik werden nicht nur die Bewegung und die Intelligenz verbessert, auch an der sozialen Komponente wird gearbeitet. Die Leistungsfähigkeit des Menschen wiederherzustellen, zu bewahren oder gar zu steigern ist Thema der bio-inspirierten Medizintechnik. Mit Hilfe von Exoskeletten könnte man etwa die Gelenke eines Läufers schonen oder anhand neuer Anpassungsmöglichkeiten Prothesen extrem natürlich und individuell gestal-

ten. In der Informatik gibt es Algorithmen, die nach dem Vorbild der Evolution arbeiten. Dadurch kann man heute komplexe Optimierungsprobleme lösen, deren Berechnung ohne die Entwicklung des Algorithmus nicht in endlicher Zeit machbar wäre. In den letzten 20 Jahren hat sich die Bionik als interdisziplinäres Forschungsgebiet etabliert, berichtet Teissl: „Das Gebiet selbst gab es schon lange. Viele Prozesse der Biologie finden aber auf Mikro- oder Nanoebene statt, die man früher kaum beobachten konnte.“ Hier kommt die Weiterentwicklung von Analyseinstrumenten und deren Verfügbarkeit zum Tragen. Bionik könne radikale Innovationssprünge bieten, führt der FH-Professor weiter aus. Unternehmen fordert sie aber heraus: „Für Bionik muss man bereit sein, auch mittel- bis langfristige Forschung zu betreiben und in Grundlagenforschung zu

Christian Teissl studierte Physik und legte sein Diplom in Festkörper- und Laserphysik ab. Nach seinem Doktorat im Bereich Angewandte Physik/Medizintechnik spezialisierte er sich im Rahmen einer MBA Ausbildung am MCI weiter auf Innovationsmanagement. Das Arbeiten in FabLabs lernte er 2014 bei einem Sabbatical am MIT kennen. Seit 2015 lehrt er an der FH Kufstein und leitet das FabLab Wattens.

17

←


TECHNIK

←

Christian Teissl

„Für Bionik muss man bereit sein, auch mittel- bis langfristige Forschung zu betreiben und in Grundlagenforschung zu investieren.“

02 © WERKSTÄTTE WATTENS (2)

investieren.“ Firmen seien aber tendenziell an kurzfristigen Erfolgen interessiert und würden so die „schwachen Signale“ leicht übersehen. Es lebe der Prototyp Was den Firmen so entgeht, ist für die Studenten und Start-ups dennoch interessant. Hier kommt das FabLab ins Spiel: Seit zwei Jahren gibt es die Werkstätte Wattens und ihr integriertes Fabrication Laboratory (FabLab), in dem aus einer Idee mittels hochmoderner technischer Ausstattung ein fertiger Prototyp wird. „Der Kern des FabLabs ist die sogenannte Machbarkeitsprüfung, also das schrittweise Fertigen, Testen und Modifizieren einer technischen Lösung“, erklärt Teissl. Die Idee für das FabLab kommt vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), weltweit gibt es etwa 1.300 derartige Fertigungsstätten. „Das Ziel ist es, möglichst vielen Menschen Zugang zu moderner digitaler Fabrikation zu verschaffen“. In Wattens gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der FH Kufstein Tirol, die das FabLab bereits in mehrfacher Weise mitnutzt. Bionik an der FH In Zukunft bekommt diese Zusammenarbeit Struktur – in Form eines Masters der Business School der FH Kufstein Tirol namens Bio Inspired Engineering. „Wir haben uns absichtlich nicht nur auf einen Teilbereich der Bionik spezialisiert. Stattdessen lernen die Studenten sie als Ganzes kennen“, erklärt Teissl, der den Masterlehrgang leiten wird. Der gesamte zweijährige Master ist berufsbegleitend in Modulen aufgebaut, die stets einen Praxisteil enthalten. Durch die internationale Vernetzung der FabLabs und die Fab-Academy gibt es auch eine Zusammenarbeit mit dem MIT.

03 02 Die Fertigung von Prototypen ermöglicht es, biologische Lösungsansätze in der technischen Praxis zu testen. 03 Die Analyse verschiedener Materialien liefert wertvolle Erkenntnisse für die Bionik.

18


FH KUFSTEIN TIROL

UNIVERSITY OF APPLIED SCIENCES

r e t n u n e erb w e b t z t e J c.at a . n i e t s f u www.fh-k

BACHELORSTUDIENGÄNGE >> >> >> >> >> >> >> >>

Energiewirtschaft* (vz) Facility Management & Immobilienwirtschaft (vz,bb) Internationale Wirtschaft & Management (vz, bb) Marketing & Kommunikationsmanagement (vz, bb) Sport-, Kultur- & Veranstaltungsmanagement (vz, bb) Unternehmensführung (vz) Web Business & Technology (vz) Wirtschaftsingenieurwesen (vz)

POST-GRADUATE & WEITERBILDUNG

MASTERSTUDIENGÄNGE

>> Masterlehrgang Bio Inspired Engineering >> Executive MBA >> Automotive Management

>> >> >> >> >> >> >> >> >> >>

Weitere Studienangebote online auf unserer Webseite. vz=Vollzeit, bb=berufsbegleitend; * Start vorbehaltlich der Akkreditierung durch die AQ Austria

19

Digital Marketing (bb) ERP-Systeme & Geschäftsprozessmanagement (bb) Europäische Energiewirtschaft (bb) Facility- & Immobilienmanagement (bb) International Business Studies (vz) Smart Products & Solutions (bb) Sport-, Kultur- & Veranstaltungsmanagement (bb) Sports, Culture & Events Management (vz) Unternehmensrestrukturierung & -sanierung (bb) Web Communication & Information Systems (bb)


TECHNIK

Geschichte in Schichten Im neuen Bohrkern-Labor der Universität Innsbruck, der Austrian Core Facility, analysieren Michael Strasser und sein Team Bohrproben, deren Schicht-Aufbau tiefe Einblicke in die Vergangenheit gewährt. Dabei steht das Labor nicht für sich alleine, sondern arbeitet mit vielen Instituten aus aller Welt zusammen. Von Daniel Feichtner

ANZIEHEND

EIN METER GESCHICHTE

Mit dem „Magnetische Suszeptibilität Punkt Sensor“ wird alle 2 Millimeter gemessen, wie stark das Sediment oder Gestein in der Probe auf ein Magnetfeld reagiert. So erhalten die Wissenschaftler Auskunft über die Häufigkeit magnetischer Mineralien in der Probe.

Am Grund von Seen lagern sich über Jahrhunderte und Jahrtausende Sedimente ab. Bei Gewässern, in die jahreszeitenbedingt unterschiedliche Materialien – wie Laub im Herbst – eingebracht werden, ergeben sich so regelrechte „Jahresringe“.

Michael Strasser hat an der ETH Zürich als Seegeologe promoviert und nahm unter anderem an mehreren Meeresexpeditionen der Universität Bremen teil. Seit 2015 ist er als Sedimentgeologe an der Universität Innsbruck tätig und leitet dort unter anderem den Aufbau der Austrian Core Facility.

© AXEL SPRINGER (5)

v

EINGELAGERT Sicher in Plastik verpackt und in Regalen verstaut warten bei vier Grad Celsius Bohrkerne in Innsbruck auf ihre Analyse. Die Proben stammen dabei aus der ganzen Welt – von Chile über Alaska und Tirol bis Japan. Die ältesten Schichten stammen aus der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren.

20

ERSCHÜTTERT Ein Bohrkern aus dem Millstätter See in Kärnten lässt tief blicken. Der größte Teil der feinkörnigen Sedimentschichten in dieser Probe ist durch jährliche Ablagerung entstanden. Diskrete, gröbere Lagen sind Zeugen von Hochwasserereignissen, die Sand in den See geschwemmt haben. Die unterste, deutlich dickere Schicht dieses Bohrkerns geht dagegen auf ein einzelnes Ereignis im Jahr 1348 zurück: Ein Erdbeben, dessen Epizentrum in Kärnten lag und ganz Mitteleuropa erschütterte.


TECHNIK

PHYSIKALISCHE EINBLICKE Mit dem GEOTEK Multi-Sensor Core Logger lassen sich Bohrkerne innerhalb weniger Stunden untersuchen, ohne die Probe zu zerstören – eine Aufgabe, die früher rund zwei Monate in Anspruch genommen hätte. Das Gerät misst in bis zu 0,1 Zentimeter dünnen Schichten physikalische Eigenschaften wie Dichte und Porosität des Kerns.

DURCHBLICK Hinter einer Abschirmung kommt radioaktives Cäsium-137 zum Einsatz. Mit der Strahlungsquelle wird die Dichte des Materials im Bohrkern gemessen.

Durchschaute Chemie Mit dem Itrax Corescanner können auf bis zu 50 Mikrometer genau die chemischen Eigenschaften einer Probe gemessen werden. Das Gerät analysiert mit einer Geschwindigkeit von fünf Stunden pro Meter das ElementeSpektrum des Bohrkerns – von Aluminium bis Uran. Daraus ziehen die Wissenschaftler unter anderem Rückschlüsse auf klimatische und ökologische Veränderungen. Außerdem wird zugleich eine Röntgen-Aufnahme des Bohrkerns angefertigt.

1480

Aufzeichnungen aus dem Jahr 1480 zeugen von einem Flutereignis, das nicht nur in Kärnten, sondern auch in Salzburg und Niederösterreich Verwüstungen verursachte und zur Verbreitung der Pest beitrug.

Ein schweres Erdbeben, dessen Epizentrum im Friaul lag, löste Mitte des 14. Jahrhunderts einen Bergsturz am Dobratsch aus, der zu einer Überflutung des Gailtals führte. Die Ablagerungen von diesem Ereignis sind im Grund des Millstätter Sees deutlich zu erkennen.

1348


© AXEL SPRINGER (3)

TECHNIK

01 In der Produktion der Tischlerei Auer entsteht derzeit eine Wandverkleidung für ein Restaurant, die Meereswellen darstellt.

01

Innovatives aus Holz Ein Innsbrucker Tischlereibetrieb hat sich zum Ziel gesetzt, die Grenzen des Materials Holz auszuloten und auf den ersten Blick Unmögliches möglich zu machen. Welche Voraussetzungen es dafür braucht und warum auch Fehlversuche dazugehören. Von Eva Schwienbacher

I

nnovation hat mit handwerklicher Erfahrung zu tun. Das Können der Mitarbeiter in Verbindung mit moderner Technik macht Innovation aus“, sagt Heinrich Auer, der den 123 Jahre alten Tischlereibetrieb „Auer – Holzmanufaktur und Vitrinenbau“ in dritter Generation führt. Das Innsbrucker Familienunternehmen ist auf Möbelbau und Innenausbau spezialisiert, realisiert aber auch ganz spezielle Kundenwünsche. Immer wieder hat es die Tischlerei mit Anfragen zu tun, die im ersten Moment kaum realisierbar erscheinen.

Heinrich Auer

„Innovation heißt auch, Mut zum Scheitern zu haben.“

22

Holz als Schutz vor Feuchtigkeit So entwickelte die Tischlerei zum Beispiel eine Armlehne sowie einen Kotflügel für die Luxusausführung eines in Tirol hergestellten Elektronutzfahrzeugs. Die Umweltfreundlichkeit des Produkts sollte sich auch in der Optik widerspiegeln – so lautete der Kundenwunsch. Aufgrund der Tatsache, dass das Fahrzeug bei Arbeiten im Freien Wind und Wetter ausgesetzt ist, musste das Material besonders beständig sein. Denn in der Armlehne sollten die komplette Elektronik sowie ein Bildschirm verbaut


TECHNIK

02 Der Hocker „Auer3parts“ besteht aus drei Teilen und lässt sich dank eines patentierten Verschlusssystems einfach auf- und abbauen. 03 In der von Auer entwickelten Armlehne für ein E-Nutzfahrzeug aus Nussholz wird die komplette Elektronik verbaut.

03 02

werden. Um herauszufinden, welches Material am besten geeignet ist, wurden zwei Prototypen aus unterschiedlichen Holzarten entwickelt – aus Eiche und Nussholz. Aus beiden Hölzern wurden Kleinserien produziert. In der Langzeitbeobachtung hat sich herausgestellt, dass das Nussholz die besseren Eigenschaften besitzt, erzählt Auer. „Wir optimieren die Idee des Kunden und unsere Ideen so lange, bis wir ein qualitativ hochwertiges Endprodukt haben.“ Unverzichtbar für die Entwicklung innovativer Produkte sind außerdem moderne Maschinen, die in der Lage sind, mit höchster Präzision komplexe Formen in kleinen und großen Serien herzustellen. Wissen weitergeben In der Entwicklung eines neuen Lösungsansatzes muss man sich Schritt für Schritt herantasten, sagt Auer. Was sind die Grenzen des Materials? Und wie kann man diese umgehen? – solche Fragen gilt es dabei zu beantworten. Grundvoraussetzung dafür sind das Wissen und die Erfahrung rund um das Material und seine Verarbeitungsmöglichkeiten. Deshalb legt Auer auch großen Wert darauf, dass das Know-how innerhalb des Betriebs weitergegeben wird. „Wir beschäftigen

Heinrich Auer ist staatlich geprüfter Holztechniker und leitet die Auer – Holzmanufaktur und Vitrinenbau – in dritter Generation.

sowohl junge als auch erfahrene Mitarbeiter. Erfahrung wird nur selten niedergeschrieben, weshalb ein permanenter Wissensaustausch wichtig ist.“ Jedes Stück, das die Tischlerei Auer verlässt, ist eine Maßanfertigung. Der wichtigste Markt ist Österreich. Durch eine Kooperation mit zehn Tiroler Tischlereien, die unter dem Namen „Baumstark“ auftritt, ist es außerdem gelungen, am internationalen Markt Fuß zu fassen. So wird derzeit eine Wandverkleidung für ein Restaurant in Paris produziert, das im Zusammenspiel mit einem speziellen Licht an Meereswellen erinnert. Mut zum Scheitern „Innovation heißt auch, Mut zum Scheitern zu haben“, sagt Auer. Als Chef, aber auch als Mitarbeiter müsse man es in Kauf nehmen, dass auch mal etwas schiefgeht. „Gelingt jedoch eine Erfin23

dung, gewinnt der Mitarbeiter an Selbstbewusstsein und ist stolz darauf, mit seinen handwerklichen Fähigkeiten und seiner Kreativität eine Lösung gefunden zu haben.“ Und manche Erfindungen sind auch in der Tischlerei Auer dem Zufall zu verdanken. So etwa die Entwicklung des Hockers „Auer3parts“. Ein CNC-Techniker der Tischlerei, der den Auftrag hatte, sich ein Kundengeschenk zu überlegen, entwickelte ein spezielles Verschlusssystem für eine transportierfähige Sitzmöglichkeit. Dabei handelt es sich um einen kleinen Hocker, der aus drei Teilen besteht, und ganz ohne Schrauben einfach und schnell auf- und abzubauen ist. Man kann ihn zusammenklappen und dank einer Öffnung transportieren. Inzwischen ist das Verschlusssystem patentiert und findet auch bei anderen Produkten Anwendung.


MEDIZIN

AUSSERDEM: NEUES IN DER

TECHNIK

DA BRAUT SICH WAS ZUSAMMEN... Craft Bier ist zurzeit in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes. In seiner Geschmacks- und Sortenvielfalt hebt es sich von herkömmlichem Bier ab, was Bierkenner und -liebhaber schätzen. Amerika war der Vorreiter des Trends. Von dort verbreitete er sich sich weltweit. „Handgemachtes“ Bier hat jedoch auch in Österreich und besonders in Tirol Tradition. In Zusammenarbeit mit der BOKU hat das MCI ein Projekt ins Leben gerufen, das kleine Brauereien bei der Brautechnologie und Produktentwicklung unterstützt.

JETZT GEHT’S EIN QUÄNTCHEN LEICHTER Quantenmechanik ist nicht nur schwer zu verstehen, sondern auch schwer zu erforschen. Quantenmechanische Phänomene für Untersuchungen sind kaum zugänglich. Doch durch die Erzeugung von ultrakalten Quantengasen aus Erbiumatomen wird es einfacher. Verantwortlich für diesen Fortschritt ist Experimentalphysikerin Francesca Ferlaino, die gemeinsam mit ihrem Team die Erste war, die die ultrakalten Gase erzeugt hat. Nun wurde der Professorin der Universität Innsbruck der AntonioFeltrinelli-Preis für italienische Gelehrte unter 40 Jahren, die in ihrem Fach außergewöhnliche und international beachtete Erfolge erzielt haben, verliehen.

© SHUTTERSTOCK.COM (3)

SCHÖNER ARBEITSPLATZ: PLANIERRAUPE Baustellen sind laut. Die Bediener der Baumaschinen sind ständig diesem Lärmpegel ausgesetzt. Doch das soll sich nun ändern: Dank der Simulationsmethodik von Christoph Guem soll es möglich werden, frühzeitig Schallentwicklungen zu erkennen und diese an die Baumaschine anzupassen. Dadurch ist nicht nur das Arbeitsumfeld für die Bediener angenehmer, sondern es werden auch Kosten und Zeit gespart. Christoph Guem ist der Kopf dahinter. Mit seiner Masterarbeit „Numerische Untersuchung des vibroakustischen Systemverhaltens einer Planierraupe“ konnte er die Simulationsmethodik an einer Planierraupe anwenden. Die Firma Liebherr sowie der MCI-Lektor Franz Josef Falkner unterstützen ihn dabei. Guem wurde mit dem Wissenschaftspreis der Wirtschaftskammer Tirol ausgezeichnet.

24


TECHNIK

ALLESKÖNNER-PIXEL Das Problem kennt jeder: Gerade bei Nahaufnahmen zeigen viele Digitalkameras Schwächen: Unschärfe und verpixelte Bilder sind oft die Folge – zumindest bislang. Dem Problem soll bald eine völlig neue Pixel-Struktur Abhilfe schaffen, oder zumindest Farbrauschen deutlich reduzieren und die Bildqualität verbessern. Entwickelt wurde die Idee von Thomas Ußmüller, Professor am Institut für Mechatronik der Universität Innsbruck. Statt nur einer Farbinformation wie bislang, enthalten seine konzentrischen Pixel jeweils die Information für alle drei Grundfarben Grün, Rot und Blau. Bislang musste ein Kamera-Sensor aufgeteilt werden: Rund 50 Prozent des Sensors erkennen Grün und jeweils 25 Prozent nehmen Rot und Blau wahr. Mit Ußmüllers Entwicklung könnte die ganze Fläche des Bildsensors genutzt werden, um alle Farben festzuhalten.

© HETWIN

ROBOTER IM KUHSTALL

L

iebe Landwirte, legt die Mistgabeln beiseite, ab heute übernimmt diese Arbeit ein Roboter. Die Firma HETWIN – FÜTTERUNGSTECHNIK produziert verschiedenste autonome Maschinen, angefangen von Mist- und Einstreurobotern bis hin zur automatischen Fütterungsmaschine. Die akkubetriebenen Geräte werden zu 100 Prozent von HETWIN entwickelt. Die Firma betreibt einen vollautonomen Kuhstall, wo jeweils 50 Milchkühe und Kälber nur durch Roboter versorgt werden. Dieser Stall wird nicht nur als Schauraum für potenzielle Kunden, sondern auch als Testbetrieb für die eigenen Produkte genutzt. Besonders Nebenerwerbs- und Großbauern nehmen die vollautomatischen Roboter gerne in ihr Unternehmen auf, da Arbeitskräfte für die Landwirtschaft schwer zu finden sind. Das gesteigerte Wohlbefinden der Tiere sowie die hohen hygienischen Standards sorgen für bessere Milch- und Fleischqualität.

25


MEDIZIN

© AXEL SPRINGER

01 Medizinische Puppen machen lebensnahe Simulationen möglich.

01 26


MEDIZIN

Proben für den Ernstfall Im neuen Interprofessionellen Trainings- und Simulationszentrum im Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe (AZW) proben nicht nur die Profis für den Ernstfall, sondern auch die Studierenden der fh gesundheit. Von Rebecca Müller

D

as neue interprofessionelle Trainings- und Simulationszentrum des AZW, das Ende Oktober in Betrieb genommen wurde, bietet Studierenden der fh gesundheit wie Profis die Möglichkeit, neben Fertigkeiten wie Wiederbelebung oder Arztassistenz auch Arbeitsabläufe und die Kommunikation mit Kollegen zu verbessern. Das Trainingszentrum beherbergt mehrere Seminarräume für den Unterricht, zwei Übungsräume für Fertigkeiten, eine Normalstation, die auch zum Kreißsaal umfunktioniert werden kann, sowie einen OP-Saal und eine Intensivstation. Die medizinischen Geräte, die im Zentrum zum Einsatz kommen, sind dieselben, die auch in den Krankenhäusern der Tirol Kliniken verwendet werden. „Wir proben hier sozusagen den Ernstfall und das ergibt nur Sinn, wenn man mit den Geräten übt, mit denen man später auch im Beruf arbeitet“, erklärt Roland Wegscheider, Leiter des Trainingszentrums. Zur Ausstattung im Zentrum gehören auch mehrere medizinische Puppen – die allerhand Menschliches simulieren können. Lebensnahe Simulationen Die Puppen weinen, bewegen ihre Augenlieder, sie atmen, ihre Zungen können anschwellen, man kann an ihnen einen Luftröhrenschnitt vornehmen, Infusionen legen und Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen. Trainer und Lehrende können die Puppe über den

Martina König-Bachmann ist Leiterin des FH-Bachelor-Studiengangs Hebamme und des Master-Lehrgangs in Advanced Practice Midwifery an der fh gesundheit. Zudem leitet sie den Lehrgang Akademische Hebammen für perinatales Management, ist Familienhebamme-Fortbildungskoordinatorin und betreibt eine private Praxis für Psychotherapie.

Kontrollraum sogar sprechen lassen. Außerdem stehen eine spezielle Pflegeund eine Geburtspuppe zur Verfügung. Letztere können zum Beispiel Studierende des Studiengangs Hebamme der fh gesundheit nutzen. „Wir können da-

mit von Geburt bis zur Erstversorgung des Babys alles durchspielen“, erzählt Martina König-Bachmann, Leiterin des Studiengangs. Auch eventuelle Komplikationen, die bei einer Geburt auftreten können, können simuliert und deren Bewältigung geübt werden. Martina König-Bachmann hat in den vergangenen Wochen, seit das Zentrum geöffnet hat, die Erfahrung gemacht, dass gerade diese Simulationen gut für ihre Studierenden sind: „Dabei geht es nicht nur darum, den Ernstfall einmal durchgespielt zu haben; man lernt auch sich selbst und wie man unter Stress reagiert besser kennen.“ Feedback sehr wichtig Alle Übungsräume des Trainingszentrums sind mit Kameras ausgestattet, mit den die Simulationen aufgezeichnet werden können – warum erklärt Roland Wegscheider: „Wir zeichnen die Übungseinheiten auf, um sie später mit den Studierenden und Teilnehmern analysieren können.“

Martina König-Bachmann

„Dabei geht es nicht nur darum den Ernstfall einmal durchgespielt zu haben, man lernt auch sich selbst, und wie man unter Stress reagiert, besser kennen.“ 27

←


MEDIZIN

fh gesundheit wir bilden die zukunft

←

Die fh gesundheit bietet Ihnen FH-Bachelor-Studiengänge sowie Weiterbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten für Gesundheitsberufe mit international anerkannten akademischen Abschlüssen.

02 Die Simulationen können per Livestream in die Seminarräume des Zentrums übertragen werden.

P FH-Bachelor-Studiengänge

Augenoptik* NEU Biomedizinische Analytik Ergotherapie Gesundheits- und Krankenpflege* NEU Hebamme Physiotherapie Radiologietechnologie

© AXEL SPRINGER

■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

P Master-Lehrgänge ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Advanced Practice Midwifery Biomedical Sciences Kunsttherapie NEU MBA im Gesundheitswesen NEU Osteopathie Suizidologie NEU Suchtarbeit NEU

02

Studierende oder auch professionelle Teams, wie zum Beispiel ein Arzt mit Krankenpflegern, erkennen in der anschließenden Videoanalyse nicht nur fachliche Fehler, sondern auch, wo es im Zusammenhang mit Kommunikati-

P Akademische Lehrgänge ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

Anästhesiepflege Atempädagogik Cancer Nursing Intensivpflege Kinder- und Jugendlichenpflege OP-Pflege Psychiatrische Pflege

Roland Wegscheider

8

m 201 Program

* vorbehaltlich der Akkreditierung

„Man kann hier nur dazulernen und schlussendlich üben wir dafür, Leben zu retten.“

on und Arbeitsabläufen Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Zum Beispiel in einer Situation, in der ein Vorgesetzter eine falsche oder missverständliche Anweisung gibt und der Mitarbeiter sich nicht traut, etwas zu sagen. „Wenn sich anschließend beide das Video anschauen, kommt von dem Vorgesetzten oft die Frage, warum der Mitarbeiter nichts gesagt habe. Eventuelle Hemmungen oder Ängste können dann im Gespräch aus dem Weg geräumt werden“, berichtet Roland Wegscheider aus der Praxis. Hebamme König-Bachmann sieht auch in der Tatsache, dass das Feedback von Kollegen und nicht von Außenstehenden kommt, einen großen Vorteil.

www.fhg-tirol.ac.at

28

Gewinn für Alle „Das Trainingszentrum ist ein großer Gewinn für die Studierenden, sie sind von den Möglichkeiten, die es bietet, begeistert“, erzählt König-Bachmann. Roland Wegscheider hofft, dass neben den Studiengängen der fh gesundheit und den Studierenden der Medizinischen Universität auch angehende Ärzte, die gerade ihr Turnusjahr starten, Ärzte, Pfleger und das gesamte Personal der Tirol Kliniken das Zentrum ebenfalls nutzen: „Man kann hier nur dazulernen und schlussendlich üben wir dafür, Leben zu retten.“

Roland Wegscheider ist Leiter des interprofessionellen Trainings- und Simulationszentrums am AZW und nebenberuflich selbstständig als Notfalltrainer.


MEDIZIN

Weniger ist oft mehr Die Früherkennung von Prostatakrebs kann Leben retten. Eine Studie der UMIT zeigt nun aber, dass damit auch erhebliche Risiken einhergehen. Im schlimmsten Fall schaden Screenings sogar mehr, als sie nutzen. Von Julia Tapfer

© SHUTTERSTOCK.COM

01

01 Die blaue Schleife gilt als Symbol für die Solidarität mit Prostatakrebserkrankten.

W

ir haben etwas Auffälliges entdeckt.“ Einen Satz wie diesen will niemand von seinem Arzt hören. Er verunsichert und weckt Ängste, nicht zuletzt vor einer Krebs-Diagnose. Aber mit fortschreitendem Alter werden Vorsorgeuntersuchungen immer wichtiger, darunter bei Männern auch eine Messung des PSAWerts im Blut. Denn das sogenannte prostataspezifische Antigen ist ein wichtiger Indikator bei der Früherkennung von Prostatakrebs, der gerade im Alter immer häufiger auftritt. Ist der Wert erhöht, kann nur mittels einer Biopsie geklärt werden, ob es sich tatsächlich um Krebs handelt. Bei bestätigtem Verdachtsfall wird die Prostata entfernt oder bestrahlt – in frühen Stadien kann der Krebs dadurch geheilt werden. Allerdings können durch die Behandlung auch langfristige Schäden wie Impotenz, Inkontinenz oder Darmbeschwerden entstehen, wodurch Lebensqualität verloren geht.

Eine Oncotyrol- und UMIT-Computersimulationsstudie unter der Leitung von Nikolai Mühlberger wog nun die Chancen und Risiken der Prostatakrebsfrüherkennung gegeneinander ab – und kam zum Schluss, dass bei Männern mit durchschnittlichem Prostatakarzinomrisiko über alle Teilnehmer hinweg der Schaden durch die Früherkennung überwiegen kann. Krebsarten Ein Problem bei der Prostatakrebsfrüherkennung ist, dass Krebs nicht gleich Krebs ist, erklärt Uwe Siebert, Leiter des UMIT-Departments Public Health: „Der Großteil der Männer über 70 hat heute Prostatakrebs. Wir können aber vereinfacht ausgedrückt sagen: Die meisten sterben mit Prostatakrebs und nicht an Prostatakrebs.“ Allerdings gibt es auch Prostatakrebs mit aggressivem Verlauf, der tödlich sein kann. In diesem Fall kann die Früherkennung lebensrettend sein. 29

←


MEDIZIN

←

Unter die Lupe genommen Ein häufig propagiertes Mittel zur Vermeidung der Schäden durch Überdiagnose ist die Aktive Überwachung – Patienten mit Krebs in Anfangsstadien werden dabei erst dann behandelt, wenn es Anzeichen für ein Fortschreiten des Tumors gibt. Die UMIT-Studie konnte aufzeigen, dass Active Surveillance nicht uneingeschränkt sinnvoll ist. Wird der Zeitpunkt für die Therapie falsch gewählt, kann sogar Schaden erzeugt und die Prognose verschlechtert werden.

Früherkennung teilnehmenden Männer erleidet daher ausschließlich Schaden“, bringt es Mühlberger auf den Punkt.

Uwe Siebert ist Leiter des Departments für Public Health, Versorgungsforschung und Health Technology Assessment an der UMIT, das sich u. a. mit der Evaluation von Prävention und Früherkennungsverfahren beschäftigt. Derzeit steht Siebert zudem als Präsident der Society for Medical Decision Making vor.

Uwe Siebert

„Der Großteil der Männer über 70 hat heute Prostatakrebs. Wir können aber vereinfacht ausgedrückt sagen: Die meisten sterben mit Prostatakrebs und nicht an Prostatakrebs.“

Überdiagnose und Übertherapie Leider gibt es bisher keine Möglichkeit, einen gefundenen Tumor bereits bei der Früherkennung als langsam oder schnell wachsend einzustufen. So kommt es häufig zu Überdiagnosen, die Nikolai Mühlberger in seiner Simulationsstudie fokussierte: „Überdiagnose bedeutet, eine Krankheit zu erkennen, die während des Lebens des betroffenen Menschen keine Symptome verursacht hätte und so unbemerkt geblieben wäre. Die Überdiagnose führt meist zur Übertherapie, bei der ein Patient keinen Nutzen, allenfalls einen Schaden hat“, so der Projektleiter. Durch die Prostatakrebsfrüherkennung werden also auch solche Tumore entdeckt und anschließend behandelt, die dem Mann Zeit seines Lebens keine Probleme gemacht hätten. Durch die Therapie ist er aber denselben Risiken – Impotenz, Inkontinenz und Darmbeschwerden – ausgesetzt wie ein Mann mit aggressivem Prostatakrebs. „Ein Teil der an der

Schaden und Nutzen Ein Ergebnis der Studie, in der Wahrscheinlichkeiten und Durchschnittswerte für die gesamte Bevölkerung errechnet wurden, war unter anderem, dass sich die meisten Todesfälle durch ein jährliches Screening im Altersbereich zwischen 55 und 69 Jahren vermeiden ließen. Allerdings stünden jedem vermiedenen Todesfall rund 40 bis 50 Fälle von Überdiagnose mit zum Teil negativen Folgen gegenüber. Für Männer mit durchschnittlichem Prostatakarzinomrisiko überwiegt damit der Schaden den Nutzen einer Früherkennungsuntersuchung. Ganz anders verhält es sich aber bei Männern, die ein erhöhtes familiäres Risiko für die Erkrankung haben. Traten Fälle von Prostatakrebs schon bei Verwandten auf, überwiegt 30


MEDIZIN

01 01 Ursachen eines erhöhten PSA-Werts

Krebs

© SHUTTERSTOCK.COM (2)

Entzündung, gutartige Vergrößerung der Prostata, vorübergehende Schwankung

der Nutzen der Früherkennungsuntersuchung. In Zahlen ausgedrückt kommen nur noch zehn bis 20 Überdiagnosen auf einen vermiedenen Todesfall.

in Kauf nehmen wollen, sagen andere vielleicht, Hauptsache ich lebe so lange wie möglich und sehe meine Enkel aufwachsen, die Früherkennung kann mir dabei helfen“, veranschaulicht Siebert die individuellen Einschätzungen. Wichtig ist deshalb: „Die Entscheidung muss mit dem Patienten gemeinsam getroffen werden.“ Die Nutzen-Schaden-Balance der Prostatakarzinomfrüherkennung hängt also vor allem auch von den persönlichen Risikofaktoren und Bewertungen des Patienten ab. Mühlberger will mit der Studie dazu beitragen, noch mehr Bewusstsein für das Thema Abwägung zu schaffen, die Patientenaufklärung zu verbessern und Früherkennungsuntersuchungen gezielt einzusetzen.

Nikolai Mühlberger

„Wir wollten Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig die patientenorientierte und gemeinsame Entscheidungsfindung ist.“ Individuelles Abwägen Den Forschern ist es ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass es immer eine individualisierte Betrachtung brauche. „Wir wollten Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig die patientenorientierte und gemeinsame Entscheidungsfindung ist“, erklärt Mühlberger. Dabei geht man davon aus, dass es bei einer ärztlichen Beratung zwei Experten gebe: einerseits den Arzt, der über Therapieverfahren, Heilungsraten und Nebenwirkungen Bescheid weiß; andererseits den Patienten selbst: Nur dieser kann einschätzen, wie wichtig ihm eine mögliche Heilung und wie belastend im Vergleich dazu die möglichen Nebenwirkungen wären. „Die Einschränkung der Lebensqualität durch eine sexuelle Funktionsstörung kann maßgeblich von den Lebensumständen eines Mannes abhängen, z.®B. ob er in einer sexuell aktiven Partnerschaft lebt oder nicht. Während manche ein solches Risiko nicht

Nikolai Mühlberger war Projektleiter der mehrjährigen, internationalen Oncotyrol-/ UMIT-Studie, deren Ergebnisse vor Kurzem veröffentlicht wurden. Kooperationspartner der Studie waren u. a. die Medizinische Universität Innsbruck und die Universität Toronto.

31


MEDIZIN

Lesen lässt sich lernen Im Zentrum für Lernen und Lernstörungen in Hall erhalten Kinder und Jugendliche mit Lernstörungen und -schwächen individuelle Förderstunden. Gleichzeitig werden hier Studierende des Fachs Psychologie in diesem Themenschwerpunkt praktisch ausgebildet.

© UMIT

Von Eva Schwienbacher

32


MEDIZIN

Silvia Pixner ist Leiterin des Zentrums für Lernen und Lernstörungen an der UMIT in Hall, welches von den Tirol Kliniken unterstützt wird. Pixner ist zertifizierte Klinische- und Gesundheitspsychologin und ausgewiesene Expertin in Bezug auf Lernstörungen.

K

inder mit einer Lese- und Rechtschreib- oder Rechenschwäche sind in der Regel mindestens normal intelligent. Sehr oft sind sie Meister, wenn es darum geht, kompensatorische Mechanismen zu entwickeln, sozusagen einen Plan B, um bestimmte Aufgaben, die ihnen eigentlich schwerfallen, zu bewältigen. „Wir hatten einmal einen Jungen im Zentrum, der überdurchschnittlich gut darin war, Texte auswendig zu lernen, sodass man seine Lese-Rechtschreibschwäche lange Zeit nicht bemerkt hat“, erzählt Silvia Pixner, Gründerin und Leiterin des Zentrums für Lernen und Lernstörungen an der Privaten Universität für Medizinische Informatik und Technik UMIT in Hall. Doch werden die Aufgaben komplexer, im Fall des Jungen die Texte, stoßen die Betroffenen an ihre Grenzen und kommen nicht weiter. Spezielle Bedürfnisse Österreichweit leiden zwischen fünf und sieben Prozent der Bevölkerung an einer Lese-Rechtschreib- bzw. Rechenschwäche – oder einer Legasthenie bzw. Dyskalkulie wie es in der Fachsprache heißt. Dyskalkulikern fehlt die Vorstellung von Mengen. „Zeit oder Ressourcen einzuteilen, fällt ihnen schwer, genauso der Umgang mit Geld“, nennt Pixner ein Beispiel. Legastheniker finden sich hingegen in der Buchstabenwelt nicht zurecht. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO werden beide Formen der Lernstörung als Krankheit eingestuft. In Deutschland bewirkt das etwa, dass betroffene Schüler spezielle Förderungen erhalten oder nicht benotet werden. In Österreich ist man erst dabei, das Bewusstsein für Lernstörungen und den damit einhergehenden Förderbedarf zu entwickeln. Denn diese Kinder benötigen im Erwerb von Lese- und Rechtschreibkompetenzen oder Mathematik ganz spezifische Unterstützung.

Zentrum für Lernen und Lernstörungen 18 Plätze für Kinder und Jugendliche mit Legasthenie, Dyskalkulie oder Lernschwächen 12 Ausbildungsplätze für Studierende des Fachs Psychologie an der UMIT 45- bis 60-minütige Einzelförderstunden

Gemeinsam lernen Silvia Pixner, Klinische- und Gesundheitspsychologin und Expertin für Lernstörungen, hat im Jahr 2010 das Zentrum für Lernen und Lernstörungen gegründet. Das Spezielle daran ist, dass es einerseits zur Diagnostik und Behandlung von Lernstörungen dient und gleichzeitig eine Lehr- und Forschungseinrichtung ist. Letzteres deshalb, zumal Studierende des Fachs Psychologie an der UMIT unter Anleitung der Expertin im Zentrum mitarbeiten und dadurch eine praktische Ausbildung erhalten. „Insgesamt werden zwölf Studierende in die Aktivitäten des Zentrums eingebunden. Jeweils in Zweierteams betreuen sie ein Kind“, erklärt Pixner. Die Unterrichtseinheiten für die Kinder finden in Einzelstunden statt und dauern zwischen 45 und 60 Minuten. Die 18 Plätze sind mittlerweile sehr gefragt. Wer keinen Platz bekommt, wird an externe Experten weitervermittelt. Der Vorteil des Zentrums als Lehr- und Forschungseinrichtung für Eltern ist auch finanzieller Natur, da die Einzelstunden etwas günstiger sind als private Therapiestunden. Tierischer Unterricht Das Angebot des Zentrums richtet sich vor allem an Kinder mit entwicklungsbedingten Lernstörungen, aber auch an solche mit Lernschwächen ohne diagnostizierte Lernstörungen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Auch Jugendliche finden hier Hilfe. Die Behandlungsmethoden sind ausschließlich kognitiv-psychologischer Natur. Das heißt, im Rahmen der Behandlung sollen die Kinder jene Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernen und verbessern, die für die Schriftsprache und das Rechnen relevant sind. Die Maßnahmen werden individuell an den Betroffenen angepasst und orientieren sich am aktuellen Wissensstand des Kindes.

33

←


MEDIZIN

←

© UMIT

01

Veranstaltungshinweis: Die Themen Legasthenie und Dyskalkulie stehen auch im Mittelpunkt einer Fachtagung, die am 24. Februar 2018 an der UMIT stattfindet. Auf dem Programm ist unter anderem eine Diskussionsrunde, die sich sowohl an Experten, als auch an Betroffene und Interessierte richtet. Nähere Infos unter www.umit.at/tagung

01 Teil des Teams: Die Therapiehündin Amy ist während der Unterrichtseinheiten dabei und unterstützt die Kinder auf einfühlsame Art im Umgang mit ihren Lernschwächen.

Eine weitere Besonderheit ist die tiergestützte Therapie: Zum Team im Zentrum für Lernen und Lernstörungen gehört nämlich auch der Retro-Mops Amy. Der Therapiehund ist während der Unterrichtseinheiten dabei und hilft den Kindern beim Lernen, etwa beim lesen Üben. „Die Kinder sind sehr sensibel. Passiert ihnen beim Vorlesen ein Fehler vor Erwachsenen, erkennen sie sehr schnell an deren Reaktion, dass etwas nicht passt. Ein Hund hingegen bewertet sie nicht“, erklärt die Expertin.

Silvia Pixner

„Die Kinder brauchen Erfolgsgefühle, wie ‚Ich bin der beste Tormann oder der beste Stürmer‘. Das motiviert ungemein.“

Selbstbewusstsein stärken Erfolgserlebnisse sind für Betroffene sehr wichtig, denn im Schulalltag bleiben ihnen diese oft ungewollt verwehrt: Die Klassenkameraden können besser lesen, müssen weniger üben und erhal34

ten trotzdem lauter Einsen oder haben höhere Chancen, die weiterführende Schule selbst auszusuchen. Umso bedeutender ist es, dass man sich auf die Stärken der Betroffenen fokussiert, betont Pixner. „Es ist wichtig, das Kind als Ganzes zu sehen. Es hat zwar seine Schwächen und diese werden auch bleiben, aber sie sollen nicht im Mittelpunkt stehen. Der Ausgleich, egal ob auf dem Fußballfeld oder sonst wo, ist für ein Kind essenziell. Denn die Kinder brauchen Erfolgsgefühle, wie ‚Ich bin der beste Tormann oder der beste Stürmer‘. Das motiviert ungemein.“ Wichtig ist es außerdem den Kindern adäquate Förderung zu bieten, denn schließlich weiß man nie, ob in ihnen nicht ein begnadeter Chemiker oder Ingenieur steckt.


4 Departments. 27 Studiengänge. 180 Mitarbeiter/innen. 325 Forschungsprojekte. 2.973 Absolvent/inn/en.

Eine Universität. 15 Jahre Erfolg. Renommiert in der Forschung. Erfolgreich in der Lehre. Das zeichnet die Privatuniversität UMIT in Hall aus. 15 Jahre Spezialisierung auf die neuen Berufs- und Forschungsfelder im Gesundheitswesen und der Technik haben fast 3.000 hochqualifizierte Absolvent/inn/en hervorgebracht. Der Erfolg gibt uns recht und lässt uns als moderne Gesundheitsuniversität voller Optimismus in die Zukunft blicken. www.umit.at


MEDIZIN

Was das Abwasser verrät Die Abwasseranalytik gilt als aufstrebendes Forschungsgebiet. An der Gerichtsmedizin Innsbruck wird das lokale Abwasser unter anderem auf illegale Drogen untersucht. Von Barbara Wohlsein

M

DMA (Ecstasy) wird in Innsbruck vor allem am Wochenende konsumiert, die höchste Nutzung wurde im vergangenen Jahr ziemlich punktgenau zu Silvester verzeichnet. Diese Erkenntnisse stammen nicht aus einem Polizeibericht – sie gehen auf Untersuchungen des heimischen Abwassers zurück. Federführend bei diesem zukunftsträchtigen Projekt ist das Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck (GMI). Hier leitet Herbert Oberacher das forensisch-toxikologische Forschungslabor, das sich intensiv mit dem Thema Abwasseranalytik beschäftigt.

Hohe Ansprüche an die Labore Als Teil des europäischen Netzwerks SCORE hat das Innsbrucker Institut heuer bereits zum zweiten Mal Daten zu einer jährlichen Studie beigetragen, die

die Spuren von Suchtmitteln in den Abwässern europäischer Städte ermittelt und vergleicht. „Für diese Studie haben wir im Frühjahr 2017 an 14 aufeinanderfolgenden Tagen Mischproben aus dem

Herbert Oberacher

„ Das Faszinierende an der Abwasseranalytik ist, dass man relativ einfach und schnell Informationen über die Drogensituation an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt bekommt.“ 36


MEDIZIN

Herbert Oberacher hat an der Universität Innsbruck Chemie studiert und 2002 am Institut für Analytische Chemie promoviert. Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt in Deutschland wechselte er 2003 ans Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck. Er habilitierte 2007 und leitet heute das forensisch-toxikologische Forschungslabor.

Innsbrucker Klärwerk auf vier verbotene Substanzen – nämlich Kokain, MDMA, Amphetamin und Methamphetamin – untersucht“, erzählt Oberacher. Veröffentlicht werden die Ergebnisse der Studie dann im Frühjahr 2018 als Teil des Europäischen Drogenberichts. Als teilnehmendes Labor muss die Innsbrucker Gerichtsmedizin ihre Expertise jedes Jahr aufs Neue in qualitätssichernden Probeuntersuchungen beweisen – erst dann werden die Ergebnisse als zuverlässig angesehen und in die gesamteuropäische Studie aufgenommen. Bislang nur in Innsbruck Innsbruck ist derzeit die einzige Stadt in Österreich, deren Abwasser auf Spuren illegaler Suchtmittel untersucht wird. Das liegt einerseits am hohen Knowhow, das man als Labor mitbringen muss. „Als Chemiker an der Gerichtsmedizin beherrschen wir natürlich die Methoden, um Drogen nachzuweisen. Um dieses Know-how auch bei Abwasserproben korrekt anzuwenden, muss man gewisse Zusatzfaktoren beachten, die Methodik anpassen und natürlich validieren“, erklärt Oberacher. Dass bislang nur Innsbrucker Daten für Österreich in die europaweite Studie einfließen, liegt für ihn auch daran, dass Drogen generell als etwas gesehen werden, mit dem man nicht in Berührung kommen will. Beim Versuch, andere Städte von der Teilnahme

an der Studie zu überzeugen, scheiterte man mitunter an einer, wie das Beispiel Innsbruck zeigt, eigentlich unbegründeten Furcht vor negativen Schlagzeilen. Daher ist Herbert Oberacher zuversichtlich: „Einige vielversprechende Gespräche in Hinblick auf eine Ausweitung hat es bereits gegeben.“ Umfassendes Monitoring Die Arbeit des forensisch-toxikologischen Forschungslabors hat sich in den letzten zwei Jahren aber nicht nur auf die Daten für die europäische SCOREStudie beschränkt. „Seit März 2016 untersuchen wir Proben aus dem städtischen Klärwerk vierteljährlich auf eine Reihe von Substanzen.“ Durch diese Aufzeichnungen ist ein kontinuierliches und engmaschiges Monitoring möglich. Gezeigt hat sich zum Beispiel ein Anstieg der Kokainrückstände im Innsbrucker Abwasser. Dies ist durch die Tatsache zu erklären, dass seit einigen Jahren wieder mehr und auch reineres Kokain am Drogenmarkt erhältlich ist. Ob sich die Tiroler Beobachtungen mit den Ergebnissen anderer Städte und Länder decken, wird die europäische Studie zeigen. „Das Faszinierende an der Methode ist, dass man relativ einfach und schnell Informationen über die Drogensituation an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt bekommt“, bringt Oberacher die Vorteile auf den Punkt.

37

Sind die Rückstände gefährlich? Nein. Die Spuren der illegalen Drogen, die über das Abwasser in der Kläranlage landen, werden dort fast vollständig entfernt. Geringste Rückstände lassen sich nur mit hochmoderner chemischer Analytik nachweisen. Es besteht also keine Gefahr für den Menschen, denn bei den gemessenen Konzentrationen müsste man mehr als eine Million Liter des gereinigten Abwassers trinken, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen.

←


MEDIZIN

←

© SHUTTERSTOCK.COM

01

01 Wenn Drogen konsumiert werden, gelangen Rückstände über den Urin ins Abwasser, welches schließlich im Klärwerk landet. Wird das Abwasser wie in Innsbruck analysiert, sind Rückschlüsse auf den Drogenkonsum möglich.

„Dass man diese umfassenden Informationen erhält, ohne die Privatsphäre einer einzelnen Person zu stören, ist eine weitere Stärke der Abwasseranalytik.“ ₁,₃ Tonnen Koffein Um zu zeigen, wie zutreffend die Messungen des Innsbrucker Forschungslabors sind, hat das Team auch eine an sich harmlose Substanz untersucht: Koffein. Herbert Oberacher erklärt den Grund: „Unsere Messungen haben gezeigt, dass pro Tag etwa 3,6 Kilo Koffein ins städtische Klärwerk gelangen. Das sind etwa 1,3 Tonnen Koffein pro Jahr, die praktisch vollständig in der Kläranlage abgebaut werden. Rechnet man von diesem Wert zurück auf den ProKopf-Verbrauch, kommt man auf rund vier Tassen Kaffee pro Tag und Person.

Was wird bei der SCORE-Studie gemessen? An 14 aufeinander folgenden Tagen werden die lokalen Abwasserproben auf vier illegale Substanzen untersucht: Kokain, MDMA (Ecstasy), Amphetamin, Methamphetamin (besser bekannt als Crystal Meth).

38

Dieser Wert ist etwas höher als gängige Schätzungen, aber es landet zum Beispiel ja auch der weggeschüttete Kaffee im Abwasser.“ Dieses alltagsnahe Beispiel verwenden die Innsbrucker Wissenschaftler gerne, um die Plausibilität ihre analytischen Methoden zu zeigen. Über die genauen Umstände des Drogenkonsums können die Abwasserdaten freilich keine Auskunft geben. „Das Hauptziel unserer Arbeit ist, zeitliche Trends aufzuzeigen und Vergleiche zwischen verschiedenen Städten, Regionen und Ländern zu ermöglichen“, so Oberacher. Die Verwertung der Daten im Hinblick auf gezielte Aufklärungsund Präventionsmaßnahmen sei immer noch die Aufgabe der Gesundheitsbehörden, von Beratungsstellen und der Polizei.


Wir forschen... fĂźr Ihre Gesundheit. www.i-med.ac.at


MEDIZIN

Warum Zellen Müll trennen

01

Die Zellen im menschlichen Körper produzieren täglich Proteine, die für das Funktionieren des Körpers notwendig sind. Dabei haben sie Recyclingsysteme für fehlerhafte Proteine eingebaut. Warum und wie Zellen diesen „Müll“ entsorgen, wollen Zellbiologe David Teis und sein Team herausfinden. Von Rebecca Müller 01 Der Aufbau einer Zelle. Der menschliche Körper besteht aus bis zu 100 Billionen dieser kleinen Kraftwerke.

„Würden die fehlerhaften Proteine in der Zelle bleiben, würde die Zelle sehr schnell sehr krank werden und mit ihr der Mensch.“

Die Zelle Der menschliche Körper, schätzt man, besteht aus 50 bis 100 Billionen Zellen. In Summe gibt es über 200 unterschiedliche Zelltypen, die die unterschiedlichsten Gewebe – vom Gehirn über den Darm bis hin zum Herz – aufbauen. Unterschiedliche Zellen haben also verschiedene Aufgaben.

Wie die Zelle ihren Müll entsorgt Nachdem die Qualitätskontrolle der Zelle die fehlerhaften Produkte erkannt hat, müssen diese zerstört werden. Dafür hat die Zelle zwei Systeme. Das eine sind kleine membrangebundene Organellen, sogenannte Lysosomen. Diese kann man sich wie kleine Säckchen in der Zelle vorstellen, die mit Verdauungsenzymen gefüllt sind, die die Proteine auflösen. Die zweite Art, die Proteasomen, sind eine Art Häcksler, die die fehlerhaften Proteine zerstückeln. Die meisten Zellen verfügen über beide Systeme und welches zum Einsatz kommt, hängt von den Proteinen ab – ähnlich wie bei der Mülltrennung. „Plastik und Glas kommen ins Proteasom, Papier und Metall ins Lysosom," erklärt Teis.

Kleine Fabriken, enorme Leistung Im Prinzip kann man den Aufbau einer Zelle mit einer Fabrik vergleichen, die täglich enorme Leistungen erbringt. „Die Zellen in unserem Blut zum Beispiel können 100 Millionen Hämoglobin-Moleküle in der Sekunde produzieren und ermöglichen uns, den eingeatmeten Sauerstoff zu transportieren“, erklärt David Teis, Zellbiologe am Biozentrum Innsbruck. Qualitätskontrolle – und warum sie wichtig ist Weil die Zelle in der Lage ist so viele Produkte effizient herzustellen, gibt es in ihr auch eine Qualitätskontrolle. Zelluläre Kontrollabteilungen erkennen, welche Produkte funktionsfähig sind und welche nicht und bestimmen so, was in den Ausschuss kommt. Und das muss so sein, sagt Zellbiologe Teis

Warum die Zelle ihren Müll entsorgt Würden die schadhaften von der Zelle produzierten Proteine von ihr nicht entsorgt werden, würden sie sich anhäufen und ihr auf Dauer schädigen. Der 40


MEDIZIN

02 03

© T.SLACK/SHUTTERSTOCK.COM, SHUTTERSTOCK.COM (4)

04

03 Es ist wichtig, dass die Zelle ihren Müll entsorgt, sie recycelt sogar und trennt die verschiedenen Proteine. 04 Würde sie ihren Müll nicht entsorgen, würde es in der Zelle bald aussehen wie in Neapel: Der Müll würde in der Zelle herumschwimmen und sie – und damit der Menschen – krank werden.

02 Über Proteasome und Lysosome entsorgen die Zellen ihren Müll – also fehlerhaft produzierte Proteine – eine Art Qualitätskontrolle.

Zellbiologe erklärt: „Fehlerhafte Zellen oder Zellen, die sich nicht mehr anpassen können, sind die Ursache für Krebs, Autoimmunerkrankungen oder Diabetes.“ Zu verstehen, wie Zellen funktionieren bedeutet also auch, Krankheiten besser zu verstehen und besser auf sie reagieren zu können. Konkrete Forschungsfrage Zellbiologe David Teis und sein Team erforschen konkret das Lysosom bzw. wie die abzubauenden Produkte in das Lysosom gelangen, um dort von den Verdauungsenzymen zersetzt zu werden. Dafür braucht es nämlich eine spezielle molekulare Maschine, die zu entsorgende Proteine spezifisch erkennt und so verpackt, dass nur sie in Lysosome gelangen können.

David Teis leitet an der Sektion für Zellbiologie am Biozentrum Innsbruck das ‚Membrane Traffic and Signaling‘ Labor. Der Genetiker und Zellbiologe promovierte 2002 am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie in Wien, anschließend folgten Forschungsaufenthalte an der University of California San Diego und der Cornell University in New York. Im Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck arbeitet er seit 2009.

Potenzielle, positive Nebeneffekte Je besser die Wissenschaft versteht, wie diese Mechanismen funktionieren bzw. unter welchen Bedingungen sie nicht mehr funktionieren, desto besser kann sie auch die Krankheiten verstehen, die auftreten, wenn die Mechanismen versagen. Die Entdeckungen aus der Grundlagenforschung von

Teis und seinem Team helfen zu erklären wie Zellen funktionsfähig bleiben und liefern neue Denkansätze. David Teis: „Das wiederum kann Ansatzpunkte für neue Therapieformen liefern – aber wie immer, wenn man etwas Spannendes entdeckt, gibt es keine Garantie.“ 41


MEDIZIN

AUSSERDEM: NEUES IN DER

MEDIZIN

EPILEPSIESCHALTER HERZENSANGELEGENHEIT

© SHUT TERSTO

CK .COM (3)

Radiologietechnologen und ihre Patienten sind bei nukleardiagnostischen Untersuchungen, bei denen radioaktive Kontrastmittel zum Einsatz kommen, erheblicher Strahlenbelastung ausgesetzt. Bei Untersuchungen des Herzens ist das aber nicht immer in diesem Ausmaß nötig. Den Nachweis dafür erbrachte Magdalena J. Enderle in ihrer Bachelorarbeit an der fh gesundheit. Ihre Abschlussarbeit wurde zudem mit dem 1. Platz des MTD-Innovationspreises 2017 in der Kategorie Bachelor ausgezeichnet.

R

und ein Prozent der weltweiten Bevölkerung leidet an Epilepsie. Bei einer der häufigsten Formen dieser neurologischen Erkrankung ist bekannt, dass die Anfälle mit dem Absterben bestimmter Nervenzellen im Hippocampus, einer zentralen Schaltstelle unseres Gehirns, einhergehen. Einem Team rund um Meinrad Drexel unter der Leitung von Günther Sperk vom Institut für Pharmakologie der Medizinischen Universität Innsbruck ist es nun gelungen, in einem Tiermodell selektiv zu inaktivieren und so epileptische Anfälle auszulösen. Damit gelang ihm der Beweis, dass schon die punktuelle Ausschaltung dieser Zellen Epilepsie verursachen kann – gewissermaßen ein Schalter für die Entstehung der Krankheit. Diese Erkenntnis könnte als Grundlage zur Entwicklung neuer Therapien dienen.

€ 5.000.000 FÜR FORSCHUNGSINSTITUT „Phytovalley Tirol“ nennt sich ein Projekt, das Tirol zu einem Standort für die Entwicklung pflanzlicher Wirkstoffe machen soll. Ein neues Forschungsinstitut entsteht dafür an der Fakultät für Chemie und Pharmazie in Innsbruck. Nicht nur Bionorica stellt finanzielle Mittel für die Einrichtung bereit, auch das Land Tirol finanziert ab 2018 mit 1,5 Millionen Euro das Michael-PoppForschungsinstitut. Damit erhält es über 5 Millionen Euro für die kommenden fünf Jahre.

42


MEDIZIN

AFAMINFORSCHUNG 2.0 Bereits 2016 entdeckte Hans Dieplinger, Biochemiker an der Medizinischen Universität Innsbruck, dass das Glykoprotein Afamin als früh messbares Warnzeichen für Schwangerschaftskomplikationen und das metabolische Syndrom dienen kann. Nun hat ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Bernhard Rupp aus der Sektion für Genetische Epidemiologie einen weiteren wichtigen Beitrag zum Verständnis von Afamin geleistet: Am ESRF, Europas stärkster Röntgenstrahlenquelle, gelang den Wissenschaftlern eine detaillierte Analyse der Struktur des Proteins.

BLUTSAUGER IM WINDKANAL Der Institutsleiter für Zoologie in Innsbruck, Thorsten Schwerte, erforscht, inwieweit sich die Mücken ihre Opfer mithilfe ihrer Sehkraft aussuchen. Bis jetzt war bekannt, dass die Blutsauger ihrer „Nase“ folgen. Für sein Experiment setzt Schwerte Moskitos in einem Windkanal aus und leitet Kohlendioxid als Duftfahne hinein. Zudem projiziert er Lichtmuster in den Tunnel und beobachtet, ob sie die Flugbahn des Insekts beeinflussen. In Zukunft könnte sein Verfahren zum Schutz vor Stechmücken dienen. Thorsten Schwerte wurde heuer mit dem ersten Preis des Edmund Optics Educational Award für Europa ausgezeichnet.

43


NACHHALTIGKEIT

Digitalisierung: Ein Hebel zur Nachhaltigkeit? Oliver Som erforscht am MCI in Innsbruck im Department Wirtschaft und Management unter anderem das Phänomen der Digitalisierung. Im Interview erklärt der Professor für Innovationsmanagement und -ökonomie die komplexe Beziehung zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Das Interview führte Daniel Feichtner.

H

err Som, die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Zugleich steigen das Bewusstsein und der Bedarf für Nachhaltigkeit. Auf den ersten Blick sind das zwei komplett gegensätzliche Prozesse. Sind die beiden Trends wirklich gegenläufig? Oliver Som: Widersprüchlich sind sie nur auf den ersten Blick. Digitalisierung beschleunigt zunächst den Alltag als auch Produktlebenszyklen. Zugleich wird sie mit Entmenschlichung und „Technokratisierung“ gleichgesetzt. Nachhaltigkeit ist dagegen in der Wahrnehmung vieler Menschen mit Verlangsamung und längerer Nutzung von Produkten verbunden. Betrachtet man aber mögliche Auswirkungen der Digitalisierung, finden sich Brücken: Digitale Geschäftsmodelle sind extrem kundenorientiert. Bei ihnen rückt der Kunde stärker in den Mittelpunkt – nicht zuletzt, weil die digitale Welt einen direkten Draht zwischen dem Hersteller und dem Endkunden bietet. Ähnlich ist es, wenn man sich ansieht, was die Digitalisierung auf Prozessebene tut. Dort bietet sie erhebliche Möglichkeiten – 3D-Druck zum Beispiel und die

damit verbundene Materialeinsparung. Oder auch die Optimierung von Produktions- und Logistikwegen. Hier tun sich Möglichkeiten zur Reduktion des Treibstoff- und Energieverbrauchs auf. Oliver Som

„Langfristig wird vermutlich irgendwann nicht mehr das Produkt, sondern nur noch der Nutzen verkauft werden.“ Die Digitalisierung kann – die Betonung liegt auf kann – Hebel sein, um Nachhaltigkeit voranzutreiben. Im Consumer-Bereich ist die Beschleunigung enorm – und damit auch der ökologische und soziale Fußabdruck. Mobiltelefone sind nur eines von vielen Beispielen, in denen sich die immer kürzeren Lebenszy44

klen von Produkten manifestieren. Wird sich das wieder ändern? Insbesondere bei Smartphones müssen wir zwischen der Digitalisierung und ihren Begleiterscheinungen unterscheiden. Hier haben wir es zum Teil mit PseudoInnovationen zu tun. Da geht es mehr um Prestige und um Lifestyle als um einen merkbaren technologischen Unterschied. Solche Objekte sind vor allem mit Emotion aufgeladene Statussymbole. Im Sinne der Nachhaltigkeit denke ich aber nicht, dass das so weitergehen kann und wird. Langfristig wird vermutlich irgendwann nicht mehr das Produkt, sondern nur noch der Nutzen verkauft werden. Das heißt, ich kaufe nicht mehr das Smartphone, sondern einen standortoder endgeräteunabhängigen Kommunikationszugang. Oder statt ein Auto zu besitzen bezahle ich für Mobilität. Digitalisierung bedeutet damit auch Dematerialisierung. Die Hardware ist dann nur noch der Träger eines Service, der eigentliche „Wert“ liegt in der Leistung. Dementsprechend könnte ich mir vorstellen, dass die Wertschöpfung immer mehr mit der Leistungserbringung ver-


© AXEL SPRINGER

NACHHALTIGKEIT

Oliver Som

„Selbst die kleinste nachhaltige Initiative im kleinsten Dorf kann heute auf digitalen Plattformen globale Reichweite entwickeln und die Welt verändern.“

schmilzt. Die Musik- und Filmindustrie macht das mit Streaming-Konzepten bereits vor. Und je mehr die Hardware in den Hintergrund tritt, desto mehr kommen wir von kürzeren Lebenszyklen weg und bewegen uns in Richtung nachhaltigerer Geschäftsmodelle. Also können digitale Geschäftsmodelle langfristig Nachhaltigkeit fördern? Wie gesagt kann die Digitalisierung zur Prozessoptimierung beitragen, was Nachhaltigkeit mit sich bringt. Aber es herrscht auch im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit großes Potenzial. Es gibt eine ganze Reihe sogenannter sozialer Innovationen, wie das Ocean Clean-up

Projekt, bei dem Plastik aus dem Meer gefiltert wird. Das sind alles Start-ups und Initiativen, die ohne digitale Technologien wie Crowdfunding und Social Media nicht möglich wären. Die Rahmenbedingungen um Skaleneffekte zu erzielen – also aus einer „kleinen“ Idee ein großes Projekt zu machen – waren noch nie so günstig und so leicht zugänglich wie heute. Selbst die kleinste nachhaltige Initiative im kleinsten Dorf kann heute auf digitalen Plattformen globale Reichweite entwickeln und die Welt verändern. Dazu kommt die Verfügbarkeit von unglaublichen Informationsmengen als Basis für die Entwicklung nachhaltigkeitsorientierter Geschäftsmodelle 45

und -prozesse. All das trägt dazu bei, dass Nachhaltigkeit mehr in den Köpfen der Menschen ist als je zuvor. Wir sind uns des Bedarfs nicht nur bewusster, wir haben mit der Digitalisierung auch die Werkzeuge, um zu handeln. Digitalisierung ist mit unmittelbaren Gewinnen verbunden, Nachhaltigkeit nicht. Droht die nicht finanziell rentable Entwicklung damit nicht automatisch ins Hintertreffen zu geraten? Im globalen Maßstab ist Nachhaltigkeit leider kein großes Thema. Wenn man nach Afrika, China oder auch nach Bangalore – dem „indischen Silicon Valley“ – schaut, wo die Flüsse über Jahr-

←


NACHHALTIGKEIT

←

zehnte mit Schwermetallen belastet sind, erkennt man, dass Nachhaltigkeitsdenken auch Luxus ist. Auch Schwellen- und Entwicklungsländer wollen Wohlstand entwickeln. Und das kann man ihnen nicht verübeln. Global gesehen ist es aber glaube ich noch nie so schlecht um die Nachhaltigkeit gestanden, wie heute. In Industrienationen ist das allerdings anders. Hier wird die Digitalisierung zum Werkzeug der Nachhaltigkeit. Immer mehr Menschen legen Wert auf gesunde Ernährung und regional verträgliche Produkte, die inzwischen in allen Preissegmenten erhältlich sind. Der Trend zieht sich durch die ganze Wertschöpfungskette – vom Rohstoffproduzenten bis zur Verpackung – und durch alle Branchen, egal ob Lebensmittel-, Textil- oder Möbelindustrie. Durch die Digitalisierung treten selbst internationale Konzerne erstmals

direkt mit Endkunden in Kontakt. Für Konsumenten bedeutet das, dass sie bei vielen Produkten herausfinden, wer eigentlich dahintersteht. Die Digitalisierung schafft für Unternehmen Druck, transparent und seriös nachhaltig zu sein. Konsumenten finden in fünf Minuten heraus, ob Unternehmen „Greenwashing“ betreiben oder ob Nachhaltigkeit im Unternehmen wirklich gelebt wird – und können in noch weniger Zeit den größten Shitstorm lostreten. All diese Überlegungen sind nur sinnvoll, wenn wir annehmen, dass wir Kontrolle über den Prozess der Digitalisierung haben. Lässt sie sich überhaupt lenken? Dass solche großen Entwicklungen immer erst eine Spitze erreichen, bevor regulierend eingegriffen wird, haben wir bei den historischen Monopolen der Öl-, Stahlindustrie oder 46

der Post bzw. Telekommunikation mehrfach erlebt. Es gibt Forscher, die meinen, dass es mit der Digitalisierung ähnlich passieren wird. Versuche einer Steuerung von oben sind in den vergangenen Jahren aber nur bedingt gelungen – wie man das bei Kaufprämien für Elektroautos oder auch beim Thema Industrie 4.0 und Standardisierung sieht. Das Problem ist, dass die Digitalisierung ein gewisses Maß an Monopolisierung braucht: Warum sind alle bei Whatsapp und Facebook? Weil alle bei Whatsapp und Facebook sind. Hier würde Regulierung einer Zerstörung des Geschäftsmodells gleichkommen. Von daher sind neue Steuerungsansätze für die Digitalisierung ein spannendes Thema. Physische Produkte sind ortsabhängig. Autos oder Textilien können nicht überall im gleichen Maß produziert werden. Digitale Güter sind dagegen ortsungebunden. Sie entziehen sich weitgehend nationalstaatlicher Kontrolle. Wenn, dann kann uns das nur auf überstaatlicher Ebene gelingen. Schlussendlich glaube ich, werden es keine Regierungen oder der Markt sein, die die Digitalisierung regulieren werden, sondern ethische Standards und humanistische Moralvorstellungen. Es wird irgendwann der Punkt kommen, an dem sich unsere Gesellschaft selbst die Frage des Stellenwerts der Menschen im Verhältnis zur Digitaltechnologie stellen muss und entscheiden wird: „Und hier ist Schluss.“ Danke für das Gespräch. Oliver Som lehrt und forscht seit 2016 hauptberuflich am Department Wirtschaft und Management des MCI und ist seit 2017 Professor für Innovationsmanagement und –ökonomie. Davor war er elf Jahre lang am Fraunhofer Institut für System und Innovationsforschung in Karlsruhe im Bereich Innovation tätig.


WERBUNG

Genosse vs. Bro Altbewährtes wird heute unter neuen Mänteln wieder in. Dadurch besteht so manche Innovation über Jahrzehnte.

I

m dritten Jahrtausend ist vieles hip, neu und digital. Was nicht aus dem Silicon Valley stammt, funktioniert nicht, mag man manchmal meinen. Die Strukturen und unser Umfeld entwickeln sich rasant und erfinden sich fast stetig neu, alte Ideen und Organisationsformen passen dabei irgendwie nicht mehr ins dynamische Bild. Und dennoch vertrauen heute mehr Menschen als je zuvor auf traditionelle Heilkunde, natürliche Dämmstoffe oder ihre eigenen Fähigkeiten an der Werkbank – Stichwort Do-it-yourselfKultur. Das macht schnell klar: Was sich über lange Zeit bewährt hat, ist nachhaltig und sinnvoll. Deshalb gibt es auch heute noch Genossenschaften. Genossenschaften, das sind jene Organisationen, die viele Menschen heute vor allem mit der Landwirtschaft verbinden. Eine unternehmerische Rechtsform, bei der sich viele zusammentun, um gemeinsam etwas voranzubringen. Eine GmbH mit sehr vielen Gesellschaftern also, oder eine AG, in der die Aktionäre wirklich am Unternehmen mitbauen und nicht nur auf die Dividende warten. All das würde vielleicht ähnlich funktionieren, in der Realität ist es aber nur die Genossenschaft, die echte Mitbestimmung und vor allem breite Unterstützung abseits

Daniel Wibmer ist seit mehr als zwanzig Jahren im Bereich der Regionalund Organisationsentwicklung tätig. Seit 2016 leitet der promovierte Jurist die Stabsstelle „Innovative Genossenschaft“ bei der Raiffeisen-Landesbank Tirol AG und zeigt vor allem auch jungen Unternehmern, dass Innovation schon bei der eigenen Rechtsformwahl beginnen kann. Auf www.genoblog.at berichtet er in einem RaiffeisenCorporate Blog regelmäßig über aktuelle Entwicklungen und informiert zusätzlich über ein WhatsApp-Service.

des reinen Kapitals generieren kann. Und deshalb finden sich Genossenschaften heute auch in vielen Branchen und längst nicht mehr nur im Agrarbereich wieder. Wohnbaugesellschaften, Handelsketten und sogar Banken haben das Modell für sich entdeckt und sind erfolgreich und glücklich damit. Doch was heute manchmal antiquiert zu klingen scheint, hat sich längst auch im dritten Jahrtausend durchgesetzt: Shared Spaces, Carsharing, Booksharing oder Site-Sharing – all das, was heute so dynamisch, innovativ und modern klingt, ist inhaltlich Genossenschaft. Es ist dasselbe Paket mit neuem Mascherl – sozusagen. Denn hier schließen sich mehrere zusammen und machen

47

etwas gemeinsam. Sei es nun der gemeinsame Wohnungsbau, die gemeinsame Verwendung von Autos oder von Büros, von Büchern oder gar von Flugzeugen (mit dem Codesharing teilen sich sogar Flugunternehmen die Flieger), all das funktioniert nach dem Genossenschaftsmodell, das einst Friedrich Wilhelm Raiffeisen salonfähig gemacht hat. Er gilt heute als Vater der Genossenschaftsidee und die damit Erfolgreichsten im Land tragen deshalb seinen Namen. Die Raiffeisenbanken funktionieren nach diesem Prinzip: Eine Bank, die allen gehört, nicht wenigen. In der Genossenschaft steckte vor hundert Jahren viel Kraft und Innovationsgeist, und auch heute ist diese Form ein Modell, das sich gerade auch für neue, hippe und junge Unternehmen eignet. Denn wo, wenn nicht dort, geht es um mehr als nur um Kapital. Es sind die Ideen, die die Welt bewegen. Und der richtige Platz für frische Ideen ist die Genossenschaft.

Kontakt: Raiffeisen-Landesbank Tirol AG – Adamgasse 1–7, 6020 Innsbruck Tel. +43(0)512/5305-12422, daniel.wibmer@rlb-tirol.at, www.genoblog.at


NACHHALTIGKEIT

Gestörter Energiefluss Die Wirtschaftswissenschaftler Christopher Ball und Markus Kittler untersuchen die Auswirkungen geglückter und missglückter staatlicher Fördermechanismen anhand kleiner Ökostrom-Betriebe. Von Klaus Erler

G

erade in Zeiten, in denen Investitionen in erneuerbare Energien auf dem Prüfstand stehen und Phänomene wie der Klimawandel populistisch angezweifelt werden, besitzt die Beschäftigung mit den Mechanismen der vorherrschenden Energiepolitik große Relevanz. Auch aus diesem Grund haben sich die beiden Wirtschaftswissenschaftler Christopher Ball (Institut für Energieund Klimaforschung Jülich) und Markus Kittler (MCI) 2015 und 2016 in einem vom britischen Economic and Social Research Council (ESRC) geförderten Forschungsprojekt mit Unterschieden in der Energiepolitik Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens auseinandergesetzt. Ökologisch und ökonomisch sinnvoll Im Zuge dieses im Wissenschaftsmagazin Small Business Economics veröffentlichen Forschungsprojekts wurden

Christopher Ball hat an den Universitäten Stirling (Schottland) und Strasbourg (Frankreich) internationales Management studiert und anschließend in Stirling über den Nexus unternehmerischer Tätigkeit und erneuerbarer Energien promoviert. Seit 2016 ist er Analyst für Energiesysteme am Institut für Energie- und Klimaforschung (IEK-STE) im deutschen Forschungszentrum Jülich.

28 Start-up-Energieunternehmen (klein und mittelständisch) als Anbieter und Abnehmer innovativer Energielösungen befragt. Ball und Kittler wollten dabei herausfinden, wie sich die im jeweiligen Land angewandten Fördermechanismen aus der Sicht der befragten Unternehmen auf die weitere Verbreitung erneuerbarer Energien auswirken. Dabei kommen die Forscher zu dem Schluss, 48

dass staatliche Fördermaßnahmen im Bereich erneuerbarer Energien in allen drei untersuchten Ländern bis in die frühen 2000er-Jahre durchaus die Verbreitung erneuerbarer Energien unterstützten. Eine wesentliche Fördermaßnahme war dabei eine fixe Einspeisevergütung, die Energieunternehmen für ihren über Wind, Wasser, Biogas oder Sonne hergestellten Ökostrom ausgezahlt bekamen. Die Vergütung erreichte dabei eine Höhe, die Ökostrom-Produktion auch für kleine Unternehmen ökonomisch sinnvoll machte. Durch Reform gefährdet „Genau dieser Erfolg der Fördermaßnahmen könnte durch aktuelle Reformen und die daraus resultierende Ungewissheit bei Investoren jetzt gefährdet sein“ führt Markus Kittler ein zentrales Ergebnis der Studie an. Als Indiz dafür nennt er die Reformen des deutschen Gesetzes für den Ausbau erneuerbarer Energien


NACHHALTIGKEIT

Markus Kittler

„Um nachhaltige Energieformen zu unterstützen, muss auch die Förderlandschaft selbst nachhaltig orientiert sein.“

© SHUTTERSTOCK.COM

01

(EEG). Dieses Gesetz erlaubt Einspeisungen in das öffentliche Netz nur mehr nach positivem Abschluss eines aufwändigen und kostenintensiven Ausschreibeverfahrens. Kleine Öko-Energieanbieter werden so gegenüber Großkonzernen deutlich benachteiligt. Die parallel verlaufende Krise in der deutschen Solarindustrie verstärkt die seitens der Befragten geäußerten Befürchtungen, dass bereits die Unsicherheit über die zukünftige Förderlandschaft gesellschaftlich erwünschte Entwicklungen wie die „Bürgerenergiebewegung“ der kleinen Anbieter ausbremsen kann. Ein Energieversorgungs-Monopol der Großen und eine Schwächung der Innovationskraft „von unten“ wären die Folgen. Befremden und Unsicherheit In Frankreich und Großbritannien waren in der 1990er- und frühen 2000erJahren zwar die Förderinitiativen für Energie-Kleinunternehmen und private Haushalte geringer ausgefallen als in Deutschland. Dennoch rufen auch hier aktuelle Reformen Sorgen unter den für die Studie Befragten hervor. Christopher Ball erklärt die Gründe: „In Großbritannien müssen die erneuerbaren Energien mit der erneut aufgeflammten Liebe zur nuklearen Energie konkurrieren, die künftig wohl stärker von staatlicher Unterstützung profitieren wird“. Das könnte die weitere Ausbreitung erneuerbarer Energien trotz vergleichsweise niedrigerer Energiekosten verlangsamen. In Frankreich haben sich die von Ball und Kittler Befragten vor allem über rückwirkende Änderungen an der Einspeisevergütung befremdet gezeigt. 49

Eine mögliche Folge davon sei der Vertrauensverlust in die staatlichen Förderungsmechanismen und eine weitere Unsicherheit hinsichtlich künftiger Investitionen. Aus den Erfahrungen mit der Wahrnehmung von Fördermechanismen in anderen Ländern könne auch Österreich profitieren, so Ball: „Der Grundtenor unserer Befragten ist, dass Start-upEntscheidungen im Bereich der erneuerbaren Energie vor allem dann getroffen werden, wenn die Förderlandschaft transparent und einfach zugängig ist.“ Idealerweise sollten die Fördermechanismen gegen Volatilität, die aus Änderungen politischer Machtverhältnisse resultiert, weitgehend immun und langfristig stabil ausgerichtet sein.

Markus Kittler Studierte an der FriedrichAlexander-Universität Erlangen-Nürnberg Betriebswirtschaftslehre und verfasste dort auch seine Dissertationsschrift. Nach zehnjähriger Forschungs- und Lehrtätigkeit an der University of Stirling ist er seit September 2017 Lektor am MCI Department für Management und Recht.


NACHHALTIGKEIT

Mit der Bahn in die Berge Die jährlich zur Wintersaison anrollende Lawine von Urlauberautos wird gemeinhin als Problem angesehen. Das Projekt „Tirol auf Schiene“ der Tirol Werbung versucht, den Gästen die Anreise per Zug schmackhafter zu machen. Von Theresa Kirchmair

D

er Weg in den Skiurlaub kann ein streseiniges an Last abgenommen werden kann – siger sein. Ein voll bepacktes Auto, verwortwörtlich. Wer am Reisetag keine Koffer über stopfte Straßen und dann auch noch lanBahnsteige schleppen will, kann sie auch im Vorhige Anreisewege – all das rückt Erholung nein vom Heimatort aus ins Hotel schicken lassen. erst mal in weite Ferne. Katleen Johne, Projektleiterin von „Tirol auf Schiene“, weist auf die Bewusstseinsschaffung paradoxe Lage hin: „Die Gäste nehmen mit dem „Es hat sich gezeigt, dass wir eher die Hoteliers Auto einen weiten Weg und viele Unannehmals die Gäste überzeugen müssen“, stellt Johlichkeiten auf sich. Sind sie angekommen, steht ne fest. Das beste Mittel der Tirol Werbung, um der Wagen aber bis zur AbNachhaltigkeit zu fördern, sei reise oft still – kaum jemand die Bewusstseinsschaffung bei braucht während des Winterden Vermietern. Viele hätten Katleen Johne urlaubs sein Auto.“ sich bislang nur darauf konzentriert, dass alle Betten be„Es hat sich gezeigt, Motor aus legt sind, und die UmweltproDas hohe Verkehrsaufkomblematik der Anreise kaum dass wir eher die men beeinträchtigt nicht bedacht. Um das zu ändern, nur die Nerven der Auto- Hoteliers als die Gäste hat die Tirol Werbung das Mofahrer, sondern auch die überzeugen müssen.“ bilitätscoaching gestartet, in Qualität der Luft in Tirol. dessen Rahmen die Hoteliers Von jenen zehn Millionen unter anderem über ZugverbinAnkünften, die jährlich verzeichnet werden, dungen informiert werden – durchaus mit Erfolg, geschehen derzeit nur fünf Prozent via Bahn wie die Projektleiterin berichtet. Beispielsweise – nur 500.000 Gäste setzen also auf die Schiekonnte ein Coach im Zuge eines Coachings eine. Das Ziel des Projekts, das zwischen 2012 nen Hotelier, der den Bau einer teuren Tiefgarage und 2020 läuft, ist es, doppelt so viele Menplante, vom Potenzial des nahen Bahnhofs überschen zur Anreise mit den Öffis zu animieren. zeugen. Mit dieser Information im Blick wurden „Wir hoffen, so 8.000 Tonnen Kohlendioxid die Baupläne revidiert: Die Tiefgarage wurde kleieinsparen zu können“, erklärt Johne den Umner umgesetzt und so neben der Umwelt auch sein weltnutzen. Hinzu kommt, dass den Gästen Portemonnaie geschont.

50


NACHHALTIGKEIT

Katleen Johne arbeitete zehn Jahre lang bei Ötztal Tourismus, bevor sie auf die Uni Innsbruck wechselte. Dort war sie ein Jahr lang im Arbeitskreis Freizeit und Tourismus, ehe sie 1996 ihre Arbeit bei der Tirol Werbung aufnahm. Heute ist sie dort für Strategieprojekte im Bereich Landwirtschaft, Mobilität und Nachhaltigkeit zuständig und betreut die Anliegen der Tourismusverbände.

Mentalitäten Die Tiroler können sich oft nicht vorstellen, ohne Auto mobil zu sein. Die Gäste dagegen seien einen solchen Zustand oft gewohnt, so Johne: „Von den Urlaubern in Tirol kommen 60 Prozent aus Städten mit über 100.000 Einwohnern, sie sind die Nutzung des öffentlichen Verkehrs also bereits gewohnt. In Großstädten sind es 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung, die auf ein Auto ganz verzichten. Viele junge Leute machen dort keinen Führerschein mehr, weil sie ihn schlicht nicht benötigen.“ Da sich die persönliche Situation von Touristikern und zugerprobten Gästen teils so sehr unterscheidet, klären die Mobilitätscoaches auch über das Mobilitätsverhalten dieser Zielgruppe auf, das man in Tirol so nicht kenne.

seiner Unterkunft und von dort ins Skigebiet gelangen. Durch die Finanzierung der Tourismusverbände und der Bergbahnen hat der Verkehrsverbund Tirol das Skibusnetz weiter ausgebaut. Vor Ort setzen die Tourismusverbände auf verschiedene Methoden, um die Gäste umweltschonend zu befördern. In den Kitzbüheler Alpen etwa ist die Gästekarte zugleich Fahrkarte. „Vom Bahnhof in Wörgl durch das ganze Brixental bis nach Hochfilzen können die Gäste mit der Karte kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.“

Die Vorzeigekandidaten „Das Image von Bahnreisen ist derzeit noch verbesserungsfähig. Dabei ist es viel angenehmer, den Zug zu nehmen, statt selbst zu fahren – wenn die Kette stimmt“, erklärt Johne. Mit Kette ist die Mobilität vor Ort gemeint, denn der Gast möchte auch vom Bahnhof zu

51

© TIROL WERBUNG

←


NACHHALTIGKEIT

Sichtbarkeit Der Prozess der Bewusstseinsbildung läuft. Derzeit gehe es darum, dass die Vermieter die Informationen zur Bahnanreise auch an ihre Gäste weitergeben. Empfehlungen und die Buchungsmaske für konkrete Zugverbindungen sollen die Hotels auf ihren Websites einbinden, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Auf den Reisezeitenkarten der Tirol Werbung, die Katleen Johne

„Von den Urlaubern in Tirol kommen 60 Prozent aus Städten mit über 100.000 Einwohnern, sie sind die Nutzung des öffentlichen Verkehrs also bereits gewohnt.“ bald in den Unterkünften und an den Bahnhöfen aufliegen, ist ersichtlich, in welchem Takt die Tiroler Bahnhöfe insbesondere von Fernzügen angefahren werden. „Tirol auf Schiene“ kooperiert nicht nur mit den Österreichischen Bundesbahnen, sondern auch mit der Deutschen Bahn und den Schweizerischen Bundesbahnen. Eine gewisse Lücke besteht bei Buchungsportalen – dort sind die Verweise auf Bahnanreise bisher noch nicht zu finden.

Adlerweg Wer Tirol zu Fuß durchqueren möchte, ist nicht gezwungen, aus der Froschperspektive sehnsüchtig auf die Berge starrend in den Tälern zu wandern. Stattdessen kann man auch dem Adlerweg folgen, der sich auf einer Länge von 413 Kilometern über die Gebirge schlängelt. Die Tour durch Nordtirol umfasst 24 Tagesetappen und führt von St. Johann im Osten bis hin nach St. Christoph am Arlberg im Westen. Auch für Freunde Osttirols gibt es eine Tour, die in neun Tagen von Ströden bis auf das Lucknerhaus führt. Wer beide Teile des Adlerweges vollständig schafft, hat 31.000 Höhenmeter hinter sich gebracht. Für alle, die auch mit Teilstücken zufrieden sind und die Anreise per Zug vorziehen, gibt es neun besonders geeignete Strecken in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Diese haben den Vorteil, zum Beispiel am Bahnhof in Jenbach zu starten und vier Tage später am Innsbrucker Hauptbahnhof wieder zu enden. Die Touren variieren in ihrer Länge von einem Tagesausflug bis hin zur sechstägigen Wanderung.

© TIROL WERBUNG (2)

←

52


WERBUNG

Green Shopping im SILLPARK In Sachen Nachhaltigkeit ist der SILLPARK auf mehreren Ebenen aktiv. Das hauseigene Wasserkraftwerk und die dazugehörige Fischtreppe sind nur zwei Beispiele.

01

02

03

B

ereits seit 1990 wird der SILLPARK mit Ökostrom aus dem hauseigenen Wasserkraftwerk, das rund 4 Millionen KWh Strom pro Jahr produziert, versorgt. Auch die Kühlaggregate des Eislaufplatzes, der dieses Jahr Premiere feiert, werden mit 100 Prozent Strom aus dem eigenen Kraftwerk betrieben. Außerhalb der SILLPARK-Öffnungszeiten fließt die produzierte Energie in das öffentliche Stromnetz. Auch zwei kostenlose Elektrotankstellen in der Tiefgarage des Shoppingcenters werden mit dem hauseigenen Ökostrom betrieben. 2016 ging der Sillpark gemeinsam mit dem Brenner Basistunnel (BBT SE) im Rahmen dieses Projekts den nächsten Schritt und eröffnete eine innovative Fischtreppe an der Sill. Die Fische können nun an dieser Stelle die Sill in beide Richtungen ungehindert passieren. Einzigartig in Europa Die Fischrampe entspricht den modernsten Standards, ist praktisch wartungsfrei

01 In der Tiefgarage darf gratis Strom getankt werden. 02 Auch der Eislaufplatz wird mit Strom aus hauseigener Wasserkraft versorgt. 03 Den Fischen wurde der Aufstieg in der Sill wieder ermöglicht. 04 Vier Millionen KWh Ökostrom jährlich werden hier produziert.

04

und einzigartig im Shoppingcenter-Bereich, erzählt Christoph Andexlinger, Head of Center Management beim SILLPARKBetreiber SES Spar European Shopping Centers: „Soweit uns bekannt ist, ist der SILLPARK europaweit das einzige Shoppingcenter, das ein Kraftwerk samt Fischtreppe betreibt.“ Öffis vor der Tür, Enten auf dem Dach Dass die Fischtreppe funktioniert, konnte bereits kurz nach der Fertigstellung beobachtet werden. Bald tauchten aus dem Unterwasser der Rampe stammende Äschen auf und auch ein vermehrtes Vorkommen von Regenbogenforellen konnten Experten feststellen. „Nach rund 70 Jahren können die Fische wieder vom Inn kommend sillaufwärts schwimmen“, freute sich Eduard Forstenlechner von Wasser und Umwelt, dem technischen Büro für Wasserwirtschaft. Neben dem Kraftwerk und der Fischtreppe ist der Sillpark auch in anderen Bereichen nachhaltig aktiv. Das Shopping-

53

center ist durch seine Lage und die Nähe zum Hauptbahnhof Innsbruck sowohl mit den Öffis als auch mit dem Fahrrad und zu Fuß bequem erreichbar. Bereits zwei Drittel der SILLPARK-Besucher reisen CO2neutral an, wie eine Studie des renommierten Marktforschungsinstituts Gallup zeigt – Tendenz steigend. Dabei ist die Gruppe derer, die mit den Öffis kommen, mit 35,8 Prozent am größten. Zu Fuß in den SILLPARK gelangen 20,8 Prozent und mit dem Fahrrad 8,3 Prozent der Befragten. Am Vorplatz des SILLPARK gibt es auch eine Fahrrad-Servicestation. Einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung des Klimas leistet auch das begrünte Dach des Shoppingcenters, das auch optisch punktet.

Kontakt: SILLPARK Shopping Center GmbH Museumstraße 38, 6020 Innsbruck Tel: +43 (0)512 / 56 74 00 office@sillpark.at | www.sillpark.at


NACHHALTIGKEIT

Drei helle Köpfe Vom Maturaprojekt zum Start-up: Drei junge Tiroler entwickeln ein Modul für Fenster und Fassaden, das Schatten spendet und gleichzeitig Strom erzeugt. Eine innovative Idee, die Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbindet. Von Julia Tapfer

V

or einem Jahr nahm wohl kaum ckeln. Aus dem Maturaprojekt wurde jemand die drei Maturanten und bald mehr. Zillner, Fill und Hager tüfihre Idee ernst. Dass sie schon telten in jeder freien Minute daran, oft kurz nach ihrem Schulabschluss bis spät in die Nacht. Auf Anraten eines auf Investorensuche für ihr Start-up Lehrers meldeten die Maturanten im gehen würden, ahnten Patrick Zillner, Frühjahr 2017 ihre Idee als Patent an Maximilian Fill und Elias Hager damals und gründeten die GesbR E-Glass. Derselbst nicht. zeit führen sie bereits Gespräche mit Im Herbst 2016 möglichen Partnern, besuchten die drei die in ihre Verschatdie Abschlussklasse tungselemente für Patrick Zillner der HTL Glas und Fenster und FasChemie in Kramsach investieren „Zuerst dachten wir saden und mussten sich möchten. an Privathaushalte, ein Maturaprojekt überlegen. Über und aber schon bald merk- Verschattung Umwege kam ihnen Energiegewinnung ten wir, dass unsere „Zuerst dachten wir eine zündende Idee, um Wohnen effizian PrivathaushalIdee besonders für enter zu gestalten: te, aber schon bald Bürokomplexe Eine Kombination merkten wir, dass von Verschattungsunsere Idee besoninteressant ist.“ element und Enerders für Bürokomgiegewinnung, die plexe interessant ist. an Fassaden angeWer am Computer bracht wird und durch Solarzellen die arbeitet, braucht eine Möglichkeit der dahinterliegenden Räume mit Strom Verschattung. Wir kombinieren diese versorgt. mit Energiegewinnung“, erklärt Pa„Anfangs war es nur eine Spinnerei“, trick Zillner das Konzept. An Fenstern sagt Patrick Zillner heute rückblickend. und Fassaden werden die sogenannten Doch schon bald zeigte sich, dass die Verglasungszusatzelemente befestigt, drei jungen Männer dabei waren, ein an denen Paneele mit Solarzellen angevielversprechendes Produkt zu entwi- bracht sind. Im Prototypen sind diese 54

Das Pfosten-RiegelSystem ist die Tragstruktur und nimmt die statischen Lasten ab.

Außenglas als Schutz: Damit die UV-Strahlung ungehindert durchkommt, muss hierfür entfärbtes Glas verwendet werden.


NACHHALTIGKEIT

Solarpaneele: Je nach Wunsch und Budget können unterschiedliche Solarzellen angebracht werden. Die kostengünstigste Standardvariante hat 13 Zentimeter breite Paneele.

Dreifachisoliertes Fensterglas: Das Verglasungszusatzelement kann an jedes handelsübliche Fenster angebracht werden.

Patrick Zillner hat im Sommer 2017 die HTL Glas und Chemie in Kramsach abgeschlossen und absolviert derzeit seinen Zivildienst. Währenddessen kümmert sich der 21-Jährige um die Weiterentwicklung von E-Glass, derzeit v. a. um die Investorensuche.

© E-GLASS

13 Zentimeter breit, was damit in etwa auch der Tiefe des Moduls entspricht, das vor den Fenstern angebracht wird. Allerdings können sie auf Wunsch auch schmaler zugeschnitten werden, was sich wiederum auf die Abmessungen des Vorbaus auswirkt. Je nach gewünschtem Verschattungsgrad kann man die Paneele anhand eines eingebauten Elektromotors im Winkel verstellen. Während man so am Schreibtisch vor blendenden Sonnenstrahlen geschützt ist, wird gleichzeitig vor dem Fenster Strom erzeugt.

Pufferzone: Durch die Sonneneinstrahlung entsteht hier warme Luft , die entweder einfach weggeblasen oder abgeleitet und etwa für die Warmwasseraufbereitung verwendet werden kann.

55

Effizienz Die erzeugte Solarenergie kann direkt genutzt werden, erklärt Maximilian Fill. Selbstverständlich könne man den Strom auch ins öffentliche Stromnetz einspeisen, allerdings habe man dabei immer finanzielle Verluste. „Untertags verkauft man die Energie in einem Privathaushalt zum Beispiel um 12 Cent pro kW/h, abends kauft man sich seinen Strom um 18 Cent pro kW/h zurück“, verdeutlicht Zillner den wirtschaftlichen Nachteil. Die direkte Stromnutzung ist effizienter: Bei guter Sonneneinstrahlung kann ein E-Glass-Modul pro Quadratmeter 200 Watt pro Stunde erzeugen – das würde reichen, um zwei Computer damit am Laufen zu halten. „Das Innovative an E-Glass ist, dass wir Solarzellen nicht nur am Dach, sondern auch auf allen vertikalen Flächen anbringen können“, erklärt Zillner. Dies erweitert die Möglichkeiten der solaren

←


NACHHALTIGKEIT

←

Stromerzeugung besonders in dicht besiedelten Gebieten wie Städten. Mehrstöckige Büro- oder Industriegebäude seien prädestiniert für E-Glass-Module. Zwar gebe es bereits die Möglichkeit, mit Dünnschichtzellen an Fassaden Energie zu erzeugen. Im Vergleich zum Konzept der HTL-Absolventen sei die Effizienz davon aber viel geringer, zudem wird das Fensterglas bei einer Beschichtung mit Dünnschichtzellen matt und die Durchsicht ist nicht gegeben. Ökologie und Ökonomie Zillner, Fill und Hager sind überzeugt, dass die Zukunft eindeutig weg von fossilen Brennstoffen gehe. „Ein ökologisches Produkt kann man aber nur weiterbringen, wenn es ökonomisch vertretbar ist“, bringt es Zillner auf den Punkt. Den drei Entwicklern war es deshalb wichtig, dass ihr Produkt möglichst langlebig ist. Wie bei einer Doppelfassade ist ihrem Modul mit den Solarpaneelen deshalb ein Außenglas vorangestellt. Dieses schützt das Innenleben des Moduls vor Schäden durch Witterung. So ist keine Wartung der Solarpaneele nötig. Indem das ganze Modul in der Fabrik vorgefertigt wird und auf der Baustelle nur noch eingesetzt werden muss, werden weitere Kosten eingespart.

Patrick Zillner

„Jetzt braucht es Leute mit Praxiserfahrung in der Branche, damit wir es gemeinsam vermarkten können.“

Der 21-jährige Maximilian Fill beschäftigt sich vorwiegend mit der Konzeption und technischen Umsetzung von E-Glass. Wie Zillner und Hager hat er die HTL Glas und Chemie in Kramsach sowie den technischen Aufbaulehrgang für Glastechnik absolviert. In Kürze wird er – wie bereits Elias Hager – seinen Präsenzdienst beim Bundesheer antreten.

Systems gebe. Derzeit tüfteln Zillner, Fill und Hager schon an einem hochfahrbaren Modell ihres Verschattungselements. „Das sollte dann wie eine Außenjalousie funktionieren und ist vor allem für Privathaushalte interessant, wo man nicht eine ständige Verschattung, sondern bei Bedarf eine freie Durchsicht haben möchte“, führt Zillner aus. Man überlege auch, eine selektive Beschichtung am Außenglas anzubringen. Diese Beschichtung würde wie ein einseitiger Spiegel funktionieren, die UV-Strahlung würde von außen auf das Modul treffen, zurückfallen und wieder auf das Modul gespiegelt werden. Die nochmalige Brechung würde zu höherer Effizienz führen.

Zukunftspläne An Ideen mangelt es den ehrgeizigen jungen Männern also nicht. An Wirklichkeitsnähe aber auch nicht: „Wenn man sich einbildet, alles selbst zu können und keine Hilfe zu brauchen, geht es schief“, sagt Zillner und erzählt, dass ihnen während des Entwicklungsprozesses immer wichtig war, Expertenmeinungen einzuholen. Auch nicht im Alleingang geht es an den nächsten Schritt: „Wir wissen, dass wir durch viel Fleiß aber auch Glück dieses Produkt geschaffen haben. Aber jetzt braucht es Leute mit Praxiserfahrung in der Branche, damit wir es gemeinsam vermarkten können“, sagt Zillner überzeugt.

01

01 Maximilian Fill (l.) und Patrick Zillner beschreiben die Dämmleistung ihres Moduls, das sie gemeinsam mit Elias Hager (nicht im Bild) entwickelt haben.

© AXEL SPRINGER

Weiterentwicklung Die Abteilung Landesentwicklung und Zukunftsstrategie des Landes Tirol förderte das Projekt E-Glass mit 3.000 Euro. Diese investierten die Maturanten in den Bau eines Prototyps, um zu testen, wo es weiteren Entwicklungsbedarf des 56


WERBUNG

Eine Bierspezialität von Tirolern für „Tyroler“ Das „Zillertal Tyroler – Imperial-Zwickl“ ist die neueste Spezialität von Tirols ältester Privatbrauerei Zillertal Bier. Die heimische Köstlichkeit wird aus Fisser Imperial Gerste gebraut, die zu 100 % von Tiroler Landwirten angebaut wird.

In Zell am Ziller entsteht ein ganz besonderes Bier: Aus der fast vergessenen Fisser Imperial Gerste wird dort das „Tyroler“ gebraut – ein Bier, das echten Tiroler Trinkgenuss mit Regionalität, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung, die im Land bleibt, vereint.

W

as mit Entdeckergeist und einer Portion Neugier begann, steht heute für die kreative Verfeinerung Tiroler Bierkultur: Mit dem „Zillertal Tyroler – Imperial Zwickl“ ist aus einer alten Gerste ein neues Bier entstanden. Auf Basis einer fast vergessenen Gerstensorte – der Fisser Imperial Gerste – ist die aktuelle Spezialität von Zillertal Bier der Beweis, dass das Brauereihandwerk innovativ, regional verwurzelt und geschmacklich außergewöhnlich sein kann. „Das ‚Tyroler‘ ist zu 100 Prozent aus Tiroler Gerste gebraut und bringt damit unsere Verbundenheit mit dem Standort und unser Streben nach höchster Qualität perfekt zum Ausdruck“, betont Martin Lechner, Geschäftsführer von Zillertal Bier. Stärkung der regionalen Wertschöpfung Tatsächlich hatte die wiederentdeckte Gerste einst eine große Tradition. Bis vor fünfzig Jahren wurde die Tiroler Gerste auf den Äckern von Fiss angebaut und in die Welt exportiert. Die Neugier des Biobauern Christian Sturm und Herbert Röck, der

Sohn von Karl Röck, der das Korn einst in Tirol kultivierte, brachte die Gerste wieder zurück in die Braukessel. Auf Initiative von Zillertal Bier und zusammen mit Anbaukoordinator Martin Schöpf gab es 2013 die ersten Gehversuche zur Saatgutvermehrung, im Jahr 2017 erntete man bereits 180 Tonnen des robusten Korns. Die Anbaufläche konnte sukzessive auf ca. 70 Hektar ausgeweitet werden, mittlerweile sind 50 Bauern nach Bio-Richtlinien eingebunden. Den Projektpartnern bietet Zillertal Bier außerordentliche Konditionen – für die Gerste erhalten sie das Vierfache des Weltmarktpreises. Durch Tradition zum perfekten Trinkgenuss Die Wiederentdeckung der alten regionalen Gerstensorte passt auch perfekt mit der Rohstoffphilosophie von Zillertal Bier unter dem Motto „So nah als möglich, 100% natürlich“ zusammen. Tatsächlich war das Brauen mit der Fisser Imperial Gerste eine große Herausforderung, da sich diese Gerste anders verhält als normale Braugerste und deshalb ein eigenes Sudverfahren

57

entwickelt werden musste. „Unser Ehrgeiz, unsere Ausdauer und unsere Leidenschaft für beste Zutaten haben sich ausgezahlt“, ist Lechner aber überzeugt. Das ‚Tyroler – Imperial Zwickl‘ ist ein waschechter Tiroler mit einem Hauch Exotik.“

Kontakt: Zillertal Bier Getränkehandel GmbH Bräuweg 1, 6280 Zell am Ziller Tel: +43 5282 2366 19 | Fax: +43 5282 2366 71


WERBUNG

Regionalität als Trumpf

© AXEL SPRINGER

Tirols kleinteilige Wirtschaft kann Fluch wie Segen sein. Wie die Idee des Regionalen Hand in Hand mit dem Konzept der Nachhaltigkeit geht und wo die aktuellen Herausforderungen für die Tiroler Wirtschaft liegen, erklärt Dietmar Hernegger, Obmann der Sparte Information und Consulting der Wirtschaftskammer Tirol, im Interview.

H

err Hernegger, die Sparte Information und Consulting zieht sich durch eine Vielzahl von Branchen. Lässt sich aus Ihrer Perspektive sagen, wie es generell um das Thema Nachhaltigkeit in Tirols Wirtschaft bestellt ist? Dietmar Hernegger: Tiroler Betriebe sind sehr stark auf den Fokus der Regionalität und damit auch der Nachhaltigkeit ausgerichtet. Grund dafür ist, dass es bei uns sehr viele Familienbetriebe und Kleinbetriebe gibt. Solche Unternehmen schauen natürlich möglichst darauf, dass alles

im regionalen Raum bleibt. Denn alles, was im Land bleibt, – egal, ob im urbanen oder ländlichen Bereich – wirkt sich positiv auf sämtliche Betriebe aus: auf die Wertschöpfung, auf den Nachwuchs und die Arbeitsplätze. Und davon profitieren alle. Je weiter die Wirtschaft gestreut ist, desto schwieriger wird es, Arbeitsplätze, Know-how und damit langfristigen Wert in einer Region zu halten. Themen wie Digitalisierung und Industrie 4.0, die in aller Munde sind, sind zwar nette Schlagwörter. Für einen Bereich wie Tirol ist das aber schwer umzusetzen. Wir haben

58

natürlich ein paar Leuchtturm-Unternehmen, aber der Hauptteil sind eben doch regionale Betriebe. Früher herrschte in Tirol vor allem Kreiswirtschaft vor. Diese Kreisläufe sind durch Prozesse wie Globalisierung und Digitalisierung inzwischen nahezu überall aufgebrochen. Mittlerweile wird Regionalität aber zum Trend. Liegt darin eine Chance für die Wirtschaft? Es kann gar nie genug auf die Wichtigkeit von Regionalität hingewiesen werden. Wir können nur durch unsere Qualifikationen, die wir vor Ort ha-


WERBUNG

ben, die Leistung an den Kunden weitergeben. Beratung, Service, handwerkliche Fähigkeiten in Verbindung mit dem persönlichen Zugang zum Kunden sind ein Trumpf. Sie erlauben es, eventuelle Mankos, die man in preislicher Hinsicht im Vergleich zu Mitbewerbern aus dem globalen Markt haben könnte, durch Qualität und Flexibilität auszugleichen. Deswegen ist gerade heute ein starker Fokus auf genau diese Regionalität gefragt. Gerade im Consulting-Bereich ist die Nachhaltigkeits-Thematik nicht mehr wegzudenken. Ist das auch ein direkter Wunsch von Kunden? Oder muss dahin gehend erst aktiv Bewusstsein geschaffen werden? Ich würde sagen: Es wird von den Kunden extrem geschätzt. Jeder vernünftig denkende Unternehmer weiß, ebenso wie jede Privatperson, dass alles, was ich vor Ort habe, auch der Nachhaltigkeit dienlich ist. Alle Ressourcen, die greifbar sind, wirken sich vorteilhaft auf das gesamte Umfeld aus. Dietmar Hernegger

„Auch großen Unternehmen hat Tirol etwas zu bieten. Wir haben hochqualifizierte Fachkräfte. Das ist ein wichtiger Grund, warum der Standort Tirol trotz seiner Kleinheit ein sehr Guter ist.“ Als Obmann der Fachgruppe Druck Tirol sind Sie auch in eine Industrie involviert, in der sich technologisch viel getan hat. Ist die Branche heute nachhaltiger als früher? Und gibt es Raum nach oben? Es gibt immer Raum nach oben. Es wäre fatal zu sagen, wir haben alles erreicht, und uns auf den Lorbeeren auszuruhen. Das wäre definitiv falsch. Aber auch hier gilt das Gleiche, wie in allen Branchen: Man hat seine Kunden. Man baut im Laufe

Dietmar Hernegger

„Es dauert wahrscheinlich noch, bis die Idee, dass man nur mit einer akademischen Ausbildung etwas werden kann, nicht mehr das Denken der Eltern und Jugendlichen dominiert.“

der Jahre eine sehr innige Geschäftsbeziehung auf und je nachhaltiger diese ist, desto mehr habe ich die Gewährleistung, dass mir der Kunde treu bleibt – auch wenn ein anderer Anbieter einmal günstiger sein sollte, oder ein Mitbewerber in irgendeiner Form auf den Markt drängt. Jemanden vor Ort zu haben bietet langfristig Vorteile, die sich nicht durch eine kurzfristig bessere Gewinnmarge aufwiegen lassen. Als Standort ist Tirol im Vergleich zur internationalen Konkurrenz verhältnismäßig klein aufgestellt. Können wir uns gerade in einer preisdominierten Wirtschaft langfristig überhaupt behaupten? Ja, das können wir mit Sicherheit. Die Gefahr von Outsourcing besteht vor allem bei Großbetrieben, in denen jeder Cent aus dem Produktionsbereich in irgendeiner Form Gewinnoptimierung bedeutet. Im handwerklichen und kleinunternehmerischen Bereich ist das weniger der Fall. Da zählen andere Werte. Aber auch großen Unternehmen hat Tirol etwas zu bieten. Wir haben hochqualifizierte Fachkräfte. Das ist ein wichtiger Grund, warum der Standort Tirol trotz seiner Kleinheit ein sehr Guter ist. Wir liegen verkehrstechnisch nicht gerade ungünstig – schlussendlich im Zentrum von Europa. Und das ist auch für größere Betriebe unabhängig von steuerlichen Vorteilen sehr attraktiv.

59

Ist gerade da der aktuelle Fachkräftemangel nicht bedrohlich? Das ist eine Entwicklung, der wir definitiv Herr werden müssen. Es wird wichtiger denn je, dass wir wieder beginnen mehr Wert auf Ausbildung zu legen, Arbeitskräfte hier zu behalten und Arbeitsplätze im Land nachzubesetzen. Und woran scheitert das? Vor allem beim Stellenwert des Lehrberufs und des Lehrlings müssen wir umdenken. Eine Zeit lang hat nun die Meinung vorgeherrscht, dass jemand ohne Matura am Arbeitsmarkt nichts wert wäre. Viele Berufsbilder haben sich mittlerweile radikal geändert, ebenso wie die Möglichkeiten. Man denke nur an die Lehre mit Matura oder die Lehre nach der Matura. Und je umfassender die Ausbildung ist, desto besser ist es für den Betrieb, der gute Arbeitskräfte bekommt, genauso wie für den Lehrling, der dann eine vernünftige Basis hat. Es dauert wahrscheinlich noch, bis die Idee, dass man nur mit einer akademischen Ausbildung etwas werden kann, nicht mehr das Denken der Eltern und Jugendlichen dominiert. Dabei ist dem bei Weitem nicht so. Im Gegenteil: Wir haben eine Akademikerschwemme und den Absolventen fällt es immer schwerer, Anstellung zu finden. Zugleich fehlt es in den Lehrberufen an allen Fronten.


MEDIZIN

AUSSERDEM: NEUES ZUM THEMA

NACHHALTIGKEIT

© SHUT TERSTO

CK

ALMWIRTSCHAFT VS. KLIMAWANDEL

E

in Aufrechterhalten von bewirtschafteten Almen könnte negative Konsequenzen des Klimawandels abmildern – zu dieser Erkenntnis kamen Markus Schermer vom Institut für Soziologie und Ulrich Strasser vom Institut für Geografie der Universität Innsbruck mit ihren Teams im Zuge des Projekts STELLA. Wälder nehmen Wasser aus dem System auf, was zu größerer Trockenheit führt. Kultivierte, frei gehaltene Almflächen könnten somit eine wichtige Wassererhaltungsfunktion bieten. Am Beispiel des stark bewaldeten Brixentales zeigten die Forscher in enger Kooperation mit den Brixentaler Waldbewirtschaftern, Experten und Stakeholdern, wie sich Temperaturzunahme und Trockenheit gemeinsam mit verändertem Waldmanagement auf die Hydrologie eines Gebirgstales auswirken können.

KNOW-HOW BEWAHREN Die Übergabe eines Familienunternehmens bringt meist viele Probleme mit sich. Eines davon ist der Verlust von Wissen, der unweigerlich stattfindet – besonders, wenn der Betrieb nicht von einem Familienmitglied übernommen wird. Wenn die Übermittlung des Know-hows so vernachlässigt wird, vergeht wertvolle Zeit, bis das Wissen vom Übernehmer angeeignet wurde – Zeit, die für die Betriebsführung aufgewendet werden müsste. Martin Anderl hat sich unter anderem mit dieser Problematik im Zuge seiner Meisterarbeit beschäftigt, mit Betreuung von MCI-Professorin Anita Zehrer. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der Wissensaustausch zwischen der alten und der neuen Generation. Anderl entwickelte ein Modell, das Einflussfaktoren und Methoden des Wissenstransfers vom Übergeber an den Übernehmer darstellt und erhielt dafür den Wissenschaftspreis der Wirtschaftskammer Tirol.

60


NACHHALTIGKEIT

NETZWERK-GARTEN

© MR. WHISKEY/SHUTTERSTOCK

Frisches Gemüse und Zierpflanzen auch ohne eigene Beete anbauen – das verspricht das Innsbrucker Unternehmen i3-garden. In einem Modular aufgebauten System können Pflanzen mobil, vertikal und damit platzsparend gezogen werden. Anstatt individueller Beete wachsen sie in Docks, die alle mit einem Depot mit Substraterde verbunden sind. Dort können die Pflanzen Wurzeln schlagen und sich mit Nährstoffen versorgen. Das aktuell angebotene Modell des Systems bietet mehr als 24 Möglichkeiten zur Bepflanzung. Dabei soll der Hightech-Garten um 80 Prozent weniger Platz benötigen und den Wasserverbrauch um 70 Prozent senken. Hergestellt werden die i3-Systeme in Europa aus hoch-isolierenden, lebensmittelechten, BPA- und HBCD-freien Werkstoffen, die nicht nur ultraleicht, wetterfest und witterungsbeständig, sondern auch 100 Prozent recyclebar sind.

IT’S A MATCH!

© ARNOLD HA

NGARTN ER

Tinder für die Berufswelt – das in Innsbruck entwickelte EU-Projekt OpenSKIMR soll dabei helfen, den individuell passenden Karrierepfad zu finden. Vielen Menschen fällt die Berufswahl schwer – besonders im Angesicht der vielen Möglichkeiten. Zugleich ist es für Betriebe wichtig, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Damit ist nicht nur großer zeitlicher, sondern oft auch finanzieller Aufwand verbunden, insbesondere, wenn eine Stelle mehr als einmal besetzt werden muss, bis der Geeignete gefunden ist. Hohe Fluktuationen können sowohl Unternehmen langfristig schaden, als auch frustrierend für Arbeitnehmer sein. Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit sowohl für Betriebe als auch für Bewerber verspricht OpenSKIMR: Die Software gleicht die Profildaten des Users mit den sich ergebenden Berufswegen und Weiterbildungen ab und „matcht“ sie. Entwickelt wurde das kostenlose Programm von Mathematikern und Forschern des MCI gemeinsam mit der PDAgroup.

DIE FLUT KOMMT!

© DANIEL WINKLER

Die Problematik von Überflutungen betrifft die Tiroler Bevölkerung seit jeher. Im Rahmen eines Forschungsansatzes zur Entwicklung und Anwendung von Fluiddynamik hat Daniel Winkler vom Institut für Infrastruktur am Arbeitsbereich Umwelttechnik der Universität Innsbruck einen Überflutungssimulator entwickelt. Er soll realitätsnah Wasserberechnungen und Darstellungen simulieren, um in der virtuellen Welt verschiedene Maßnahmen zum Schutz zu testen. Beispielsweise wurde bereits die Überschwemmung 2016 in Aldrans simuliert, sowie das Szenario einer Überflutung in einer U-Bahn. Es kann dadurch auch die Kapazität der Kanäle ermittelt und optimiert werden. Für diese Leistung hat Daniel Winkler für seine Arbeit den Poul Harremoës Award auf der ICUD-Conference in Prag verliehen bekommen, außerdem den Best Student Paper Award der Uni Innsbruck und den Euregio-JungforscherInnenpreis.

61


ZUM SCHLUSS

Beim Namen genannt Jeden Tag benutzt man Dinge, deren Namen man nicht kennt. Diese nennt man zwar „Dingsda“ oder „Dingsbums“, aber eigentlich heißen sie ja anders. Wer kennt zum Beispiel schon den Namen des Metallstücks, das den Bleistift mit dem kleinen Radiergummi verbindet? Von Hannah Pixner

8.

1. Jeder kennt den unverkennbaren Geruch nach einem Regenschauer. Beschreiben kann man das Aroma am besten als „erdig“ und doch frisch, aber es hat auch einen Namen: PETRICHOR, benannt nach dem griechischen Petros für Stein und Ichor, dem mythologischen Blut der Götter.

Umgangssprachlich umstritten ist auch der Begriff für das Toblerone-förmige Ding, das man im Supermarkt auf das Kassen-Förderband legt, um seine Einkäufe von denen anderer zu trennen. Die Bezeichnung „Näkubi“, also „Nächster Kunde bitte“ ist zwar lustig, besser und logischer ist aber WARENTRENNER. So heißt das nämlich.

3.

7.

© ILLUSTRATIONEN: MONIKA CICHOŃ

2.

Ein Schnauzbartträger kann sein PHILTRUM nicht begutachten. Sonst ist die senkrechte Vertiefung zwischen der Mitte der Oberlippe und Nase gut zu erkennen.

6.

Bestimmte Teile von Bananen und Orangen stellen ebenso ein sprachliches Hindernis dar. Wie heißt der weiße, seltsam flauschige Kram in der Mitte der Orange? Oder auch die Fäden der Bananenschale, die man vor dem Essen herunterzupft? Ganz einfach: Der Orangenflausch heißt ENDOKARP und die Bananenfäden nennt man PHLOEME. Diese kann man übrigens bedenkenlos mitessen – wie eigentlich die gesamte Bananenschale!

4.

Zur Auflösung des Bleistift-Metalldings-Radiergummi-Rätsels: Die FERRULE hält den Radiergummi und den Bleistift zusammen. Genauso nennt man es auch beim Pinsel, bei dem sie die Borsten und den Holzstiel verbindet.

Die meisten von uns kennen auch das lästige „Einschlafen“ der Hand. Wer das Kribbeln gern benennen möchte, aufgepasst: Der medizinische Fachbegriff dafür lautet PARÄTHESIE.

5.

Ein weiterer Gegenstand, den jeder täglich benutzt, ist der Haustürschlüssel. Man kennt zwar den gezackten „Bart“, aber wie der Abschnitt heißt, den man hält, wissen die wenigsten. Zur Klarstellung: Es handelt sich um die RÄUTE.

62

Ein garantiert vom Normalverbraucher nahezu nie benutztes Wort ist EUROLOCH. Damit meint man die genormte Ausstanzung in Plastiktüten (z. B. Gummibärchenpackungen), mit denen man sie aufhängen kann.


erben!rmine w e b t z t te Je ufnahme

ZZEERRTTI FI FI K I KAATTSS- L- LEEHHRRGGÄÄNNGGEE(Auswahl) (Auswahl) CZ C LEA LE |I K |A CA C C TH TR Z RASRTSTISI CFII CFI K TOTO SMS-MPL-PALEACEH R GGÄÄNNGGEE(Auswahl) (Auswahl) CControlling C LA LA S S ISCI C | & |C C OUnternehmenssteuerung O MM PP AA CC TT Controlling &Unternehmenssteuerung | | Digital DigitalBusiness BusinessAnalytics Analytics & & Digital DigitalStrategies Strategies | |General GeneralManagement Management | |Innovations-, Innovations-, ProduktProduktControlling Controlling &&Unternehmenssteuerung Unternehmenssteuerung | | Digital Digital Business BusinessAnalytics Analytics &&Digital Prozessmanagement Prozessmanagement | |Marketing Marketing | |Personalmanagement Personalmanagement | |Sales Sales Digital Strategies Strategies| |General General Management Management | |Innovations-, Innovations-,ProduktProduktManagement | | Unternehmenskommunikation Unternehmenskommunikation &Management &Prozessmanagement Prozessmanagement | |Marketing Marketing| |Personalmanagement Personalmanagement| |Sales Sales Management Management | | Unternehmenskommunikation Unternehmenskommunikation

www.mci.

why not study at the top?

edu/a

International studieren an der Unternehmerischen Hochschule ®

BBAACCHHEEL LOORR BBAACCHHEEL LOORR Wirtschaft Wirtschaft&&Gesellschaft Gesellschaft Wirtschaft Wirtschaft&&Gesellschaft Gesellschaft Betriebswirtschaft Betriebswirtschaft Betriebswirtschaft Betriebswirtschaft Business BusinessAdministration Administration

EXECUTIVE EDUCATION EXECUTIVE PHD

Business Business& Administration Administration Business Business & Management Management Business Business & & Management Management Digital DigitalBusiness Business &&Software SoftwareEngineering* Engineering*NEU NEU Digital DigitalBusiness Business &&Software SoftwareEngineering* Engineering* NEU NEU Management, Management, Communication Communication &&ITIT Management, Management, Communication Communication & & IT IT Management Management&&Recht Recht Management Management &&Recht Recht Nonprofit-, Nonprofit-, SozialSozial&&Gesundheitsmgmt. Gesundheitsmgmt. Nonprofit-, Nonprofit-, SozialSozial& & Gesundheitsmgmt. Gesundheitsmgmt. Soziale SozialeArbeit Arbeit Soziale SozialeArbeit Arbeit TourismusTourismus&&Freizeitwirtschaft Freizeitwirtschaft TourismusTourismus& & Freizeitwirtschaft Freizeitwirtschaft Wirtschaft Wirtschaft&&Management Management

European Doctoral Program for Decision Makers in Management

EXECUTIVE MASTER General Management Executive MBA International Business MBA Digital Marketing & Analytics MSc NEU Management & Leadership MSc Internationales Wirtschafts- & Steuerrecht LL.M.

Wirtschaft Wirtschaft&&Management Management Technologie Technologie&&Life LifeSciences Sciences Technologie Technologie &&Life LifeSciences Sciences BioBio&&Lebensmitteltechnologie Lebensmitteltechnologie

ZERTIFIKATS-LEHRGÄNGE CLASSIC | COMPACT

Digital Business Analytics & Digital Strategies NEU | Controlling

BioBio-&&Lebensmitteltechnologie Lebensmitteltechnologie Mechatronik Mechatronik Mechatronik Mechatronik Umwelt-, Umwelt-,VerfahrensVerfahrens-&&Energietechnik Energietechnik

& Unternehmenssteuerung

Umwelt-, Umwelt-,VerfahrensVerfahrens-&&Energietechnik Energietechnik Wirtschaftsingenieurwesen Wirtschaftsingenieurwesen Wirtschaftsingenieurwesen Wirtschaftsingenieurwesen

Management Program©

MMAASSTTEERR MMAASSTTEERR Wirtschaft Wirtschaft&&Gesellschaft Gesellschaft Wirtschaft Wirtschaft & & Gesellschaft Gesellschaft Corporate CorporateGovernance Governance &&Finance FinanceNEU NEU Corporate Corporate Governance Governance &&Finance FinanceNEU NEU Entrepreneurship Entrepreneurship&&Tourismus Tourismus Entrepreneurship Entrepreneurship Tourismus Tourismus European EuropeanMaster Masterin& in& Health Health Economics Economics&&Mgmt. Mgmt. European European Master Master in in Health Health Economics Economics&&Mgmt. Mgmt. International InternationalBusiness Business&&Management Management International International Business & Management Management International InternationalBusiness Health Health&&& Social Social Management Management International International Health Health & & Social Social Management Management Management, Management,Communication Communication &&ITIT Management, Management, Communication Communication & &ITIT Soziale SozialeArbeit, Arbeit, Sozialpolitik Sozialpolitik&&-management -management Soziale Soziale Arbeit, Arbeit, Sozialpolitik Sozialpolitik & & -management -management Strategic StrategicManagement Management&&Law Law

Strategic StrategicManagement Management&&Law Law Technologie Technologie&&Life LifeSciences Sciences Technologie Technologie&&Life LifeSciences Sciences Biotechnologie Biotechnologie

Management Leadership

|

|

|

|

TUTIONAL S STI TR IN

REDITAT IO ACC N NT

EMIUM

General

Management, Psychologie & Patent- & Lizenzmanagement |

|

Strategische

MANAGEMENT-SEMINARE Impulse für Management, Führung, Kommunikation & Recht

MASSGESCHNEIDERTE TRAININGS Innovative Programme für Unternehmen, Nonprofit-Organisationen und Universitäten

TECHNISCHE WEITERBILDUNG und |

Regelungstechnik

|

Betriebliches

Grundlagen Verfahrenstechnik

SUMMER / WINTER SCHOOLS = in englischer Sprache,

= in deutscher und englischer Sprache;

= Vollzeit,

= berufsbegleitend;

= Blended Learning (Online- & Präsenzmodule); *vorbehaltlich Akkreditierung; © Stubaier Gletscher

w w w. m c i . e d u

Internationales Internationales Doktoratsprogramm Doktoratsprogramm für fürberufstätige berufstätige Entscheidungsträger Entscheidungsträger MANAGEMENT CENTER INNSBRUCK · 6020 Innbruck / Austria · Universitätsstraße 15 · +43 512 2070 0 · office@mci.edu für fürberufstätige berufstätigeEntscheidungsträger Entscheidungsträger

EEXXEECCUUTTI V I VEE MMAASSTTEERRSSTTUUDDI U I UMM

|

International

Unternehmenskommunikation | Women‘s Leadership Program

C MANAGE EGI ME AT

PR

|

Sales Management

Wirtschaftsingenieurwesen Wirtschaftsingenieurwesen

EEXXEECCUUTTI V I VEE EEDDUUCCAATTI O I ONN EEXXEECCUUTTI V I VEE EEDDUUCCAATTI O I ONN EEXXEECCUUTTI V I VEE PPHHDD E E XXEECCUUTTI V I VEDoktoratsprogramm EDoktoratsprogramm PPHHDD Internationales Internationales

Family Business

Unternehmensführung | Tourismus, Destination & Leadership |

Energiemanagement

Mechatronik Mechatronik &&Smart Smart& Technologies Technologies Umwelt-, Umwelt-,VerfahrensVerfahrens& Energietechnik EnergietechnikNEU NEU Umwelt-, Umwelt-,VerfahrensVerfahrens-&&Energietechnik EnergietechnikNEU NEU Wirtschaftsingenieurwesen Wirtschaftsingenieurwesen

|

Marketing

Personalmanagement

Automatisierungs-

Biotechnologie Biotechnologie Lebensmitteltechnologie Lebensmitteltechnologie&&Ernährung Ernährung Lebensmitteltechnologie Lebensmitteltechnologie &&Ernährung Ernährung Mechatronik Mechatronik &&Smart SmartTechnologies Technologies

|

Innovationsmanagement


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook