Ein Schatten webt die Nacht
Ein Schatten webt die Nacht 1 Ein Klopfen weckt mich aus dem Schlaf. Poch, poch, poch. Es ist ein entschlossenes Pochen mit konkreter Absicht. Wer kann es sein? Ich habe keine Verabredung. Ich bin erst vor zehn Tagen in dieses Haus gezogen. Es liegt am Meer, in einer Gegend, in der es das ganze Jahr über warm ist. Tag und Nacht habe ich das Meeresrauschen im Ohr, für mich Großstädterin etwas völlig Neues. Der Sommer schäumt noch in der Meeresbrandung. Der weiße Schaum des Meeres reflektiert das Sonnenlicht so stark, dass das Wasser wie flüssiges Licht aussieht. Der Geruch steigt in meine Nase und löst ein unbeschreibliches Wohlbehagen aus. Die Meeresbucht ist am Pazifik. Es ist der einzige Ort, der es vermag, mich glücklich zu machen. Seit langem habe ich mir das Haus gewünscht. Ich bin durch die halbe Welt gezogen. Jedes Mal wenn ich an einen Ort kam, der mir gefiel, wollte ich bleiben. Daraus ist nie etwas geworden. Ich bin nie geblieben. Bleiben fällt mir schwer. Ich reise gern. Nie habe ich mehr als einen Monat am Meer verbracht. Höchstens zwei, drei Tage. Seitdem ich hier wohne, mache ich nichts anderes, als am Meer zu sein. Es ist, als hote die Sehnsucht meines Herzens etwas nach, wonach es sie seit langem dürstete. Die Architektur des Hauses entspricht genau meinem Geschmack. Gelb angestrichen, ähnelt es einem italienischen Landhaus; rechteckiger Grundriss, Arkaden und ein Swimmingpool in der Mitte des Patio. Es hat sieben Zimmer. Es gibt einen Treppenaufgang zum ersten Stock, wo sich ein großer Saal befindet. Von dort habe ich einen traumhaften Ausblick aufs Meer. Es klopft ein zweites Mal. Diesmal heftiger. Ich zögere immer noch, zu öffnen. Ich bin allein. Niemand weiß, dass ich hier bin. Es ist gefährlich, in Peru allein im Haus zu sein.
„Mach die Tür nicht auf, wenn es klopft“, hatte Emilio mir aufgetragen, bevor er das Haus verließ. Er ist Peruaner und kennt sein Land besser. Wir leben zusammen. Im Fernsehen habe ich Bilder einer ermordeten Frau gesehen. Sie war in meinem Alter und hat den Fehler begangen, allein im Haus geblieben zu sein. Als ihr Ehemann von der Arbeit zurückkam, fand er sie tot im Swimmingpool, mit dem Rücken nach oben. Er weinte hemmungslos in die laufende Kamera hinein. Solche Bilder prägen sich mir wider Willen ein. Sie machen mir Angst. Soll ich öffnen oder nicht?, frage ich mich. Es ist wegen der Diebe, die das Land verunsichern. Deshalb hatte ich anfangs Bedenken gehabt, dieses Haus zu mieten. Im Hotel bin ich sicherer. Es hat sich mir aber irgendwie aufgedrängt und ich habe nicht Nein sagen können. Die vorherige Mieterin war Angeline, eine Französin, mit der Emilio und ich befreundet sind. Durch ihre Vermittlung bekamen wir es schneller, als wir dachten. Sie kaufte sich eine neue Villa mit Garten, noch bevor ihr Mietvertrag abgelaufen war. Für das Haus am Meer suchte sie Nachmieter. Eines Tages stand sie mit dem Hausbesitzer vor mir, einem gut aussehender Mann von höchstens siebenundzwanzig Jahren. Dunkelblondes Haar, blaue Augen und große Statur verrieten seine ausländische Herkunft. Alles an ihm schien perfekt zu sein. Nur, sobald er sprach, wirkte er verunsichert, wie jemand, der etwas zu verbergen hat. Seine Augen flatterten hin und her, ohne jeden Ruhepunkt. „Was macht ihn so unsicher?“, dachte ich bei unserer ersten Begegnung. „Er scheint unter großem Druck zu sein und braucht Geld“, schoss es mir durch den Kopf. Deshalb kann er es sich nicht leisten, das Haus leer stehen zu lassen. Zu seinem Pech war die Sommersaison gerade zu Ende und die meisten Badegäste sind schon abgereist. Die Strandhäuser waren leer. Die Herzen ebenfalls. Denn die Bucht wird vornehmlich von Liebespaaren heimgesucht. Auch von Emilio und mir, denn wir sind ein Paar. Die Liebe hat uns hierher geführt. Angeline und Omu, ihr Mann von den Antillen, sind aus
demselben Grund an diesem Ort gelandet. Die Liebe hat uns alle vereint. Wieder klopft es an der Tür, diesmal eindringlicher. Endlich überwinde ich meine Angst und steige flink die Terrasse zum ersten Stock hinauf, von wo ich den Blick auf die Straße frei habe. Ich lehne mich übers Geländer und schaue nach unten. Es ist der Hausbesitzer. Was will er? Warum hat er sich nicht angemeldet? Ich laufe hinunter zum Hof und öffne die Tür. Er fragt nach Emilio. „Er ist leider schon weg“, sage ich und zwinge mich zu einem Lächeln. „Ich muss unbedingt mit ihm sprechen!“, sagt er mit ernster Miene. „Es gibt einige Stellen im Haus, die gefährlich sind.“ „Kommen Sie bitte in drei Stunden zurück. Dann ist er hier“, antworte ich. Als der Hausbesitzer zurückkommt, bin ich gerade mit Emilios Schwester beschäftigt, die mir beim Saubermachen hilft. „Emilio ist noch nicht zurück“, sage ich kalt, im Versuch ihn abzuwimmeln, da er mir lästig ist mit seinem irren Blick. Er beharrt aber so lange darauf, bis ich ihn ins Haus lasse. „Wo ist die Aluminiumlampe?“, fragt er streng. „Welche Aluminiumlampe?“, frage ich gleichgültig. Er lässt mich stehen und geht in Richtung Treppe. Ich kehre zur Waschküche zurück und beobachte ihn von weitem. Er kramt in der Abstellecke unter der Treppe herum. Dort liegen verrostete Werkzeuge und Ersatzteile. Von dort aus führt ein Gang hinunter zur Pumpe, die das Wasser des Swimmingpools absaugt. Er scheint gefunden zu haben, wonach er suchte. Jetzt bin auch ich neugierig geworden und nehme genauer unter die Lupe, was er da in seiner Hand hält. Es ist eine Blechlampe, mit der er den Patio zum hintersten Raum überquert. Die Tür dort hat ein Sicherheitsschloss. Keiner von uns hat Zutritt. Ich weiß nicht, was sich hinter der Tür verbirgt. Angeline war diese
verschlossene Tür immer geheimnisvoll vorgekommen. Sie meinte einmal, von dort aus würden seltsame Geräusche kommen, weshalb sie zum Schutz ein Bild von irgendeinem indischen Guru davor gestellt hatte. Ich fand es damals übertrieben. Jetzt aber will ich herausfinden, was sich in diesem verschlossenen Zimmer befindet. Der Hausbesitzer hört nicht, wie ich ihm auf Zehenspitzen folge. Als er die Tür geöffnet hat, blicke ich über seine Schulter. „Ach, Sie haben ihre Sachen hier untergestellt!“, stelle ich beruhigt fest. „Ja. Es sind die Sachen meiner Schwester. Eigentlich gehört ihr das Haus. Aber da sie in den USA wohnt, verwalte ich es für sie“, erklärt er. „Ihre Schwester hat einen guten Geschmack. Das Haus ist sehr schön gebaut“, lobe ich. Er lächelt, während er die Lampe ablegt. Sie hängt an einem Elektrokabel. Ich schaue im Abstellraum umher. Er ist schätzungsweise zwanzig Quadratmeter groß, voll mit den Habseligkeiten einer Person, die sich einst ein schönes Leben hier gemacht hatte: Schränke, Stühle, Betten, Bilder, Fernseher, Geschirr. „Warum ist Ihre Schwester ausgezogen?“, frage ich mechanisch, während ich im Stillen denke: „Komisch, das Haus ist neu. Warum baut sich jemand ein Haus, um gleich wieder auszuziehen? Warum macht sich jemand so viel Mühe, verwendet Monate und Jahre seines Lebens, um am Ende aufzugeben?“ Jedes Detail, jede Kleinigkeit im Haus verrät die Absicht des Erbauers. Es ist mit viel Liebe gebaut worden, wie von jemandem, der alles darauf gegeben hat, seinen Traum zu erfüllen. Ziegel, Säulen, Kacheln, Fenster, Einbauschränke – alles im Haus weist auf Sorgfalt hin. Es gibt eine Waschküche, eine Bar im Patio und eine im Saal, und die Küche ist großzügig angelegt. Es gibt sogar ein Dienstmädchenzimmer. Wer immer dieses Haus erbaute, er hatte sich darauf gefreut, ein eigenes Haus zu haben. Doch kaum war er eingezogen, zog er wieder aus. Ist das nicht seltsam?
In der folgenden Nacht kann ich nicht schlafen. Ich liege wach neben Emilio, der, hingegen, tief schläft. Ich mache mir Gedanken über die Gefährlichkeit des Hauses, von der der Hausbesitzer sprach. Was meinte er? Einmal eine Gefahr sind sicher die elektrischen Kabel, denke ich. Sie machen einen katastrophalen Eindruck. Ich beschließe, sie sofort überprüfen zu lassen. Am nächsten Tag kommt der Elektriker und untersucht von oben bis unten das Haus. Zwei Starkstromkabel sind nicht isoliert. Sie führen vom Swimmingpool nach oben, wo sie jemand am Geländer provisorisch befestigt hatte. Einst müssen sie an einer Unterwasserlampe angeschlossen gewesen sein, um nachts den Swimmingpool zu erleuchten. Im Bassin klafft an der Stelle, wo die Lampe gewesen war, ein Loch. Ich lasse die beiden Starkstromkabel isolieren. 2 In den darauffolgenden Wochen sehe ich den Hausbesitzer nicht. Dafür kommt Emilios Familie zu Besuch. Er hat elf Brüder und Schwestern. Gott sei Dank besuchen sie uns nicht alle auf einmal. Meistens bringt einer von ihnen seine Kinder mit, die sofort in den Swimmingpool springen und vergnügt planschen. Es ist tagsüber sehr heiß. Nur die Nächte sind kalt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht nach dem Aufstehen im Swimmingpool bade. Ich komme aus dem Bett und springe ins Wasser. Das Bad ist eine willkommene Abkühlung. Emilio folgt mir. Wir baden täglich zusammen, tauchen, schwimmen um die Wette oder üben uns in Kopfsprüngen. Emilio verlässt meistens gegen zehn Uhr das Haus und kehrt erst spät abends zurück. So lange bin ich allein. Manchmal habe ich keine Lust, im Meer zu baden. Da bleibe ich im Swimmingpool, sonne mich, esse und trinke, baumle in der Hängematte und springe wieder ins Wasser. So vergehen die Tage im Müßiggang der Freude.
Leonardo, so heißt der Hausbesitzer, kommt am Vierten jedes Monats vorbei. Gestern war der Vierte. Aber er ist nicht gekommen. Die Peruaner nehmen es mit der Pünktlichkeit nicht so genau, deshalb mache ich mir keine Sorgen. In der Nacht, jedoch, klopft es an der Tür. Der dumpfe Ton schallt über den Patio. Ich bin allein. Um Strom zu sparen, habe ich kein Licht angemacht. Es ist stockfinster. Wie spät mag es sein? Durch den Türspion kann ich niemanden erkennen. Ich eile auf die Terrasse und sehe von dort aus zwei Männer vor der Tür stehen. Einer von ihnen ist Leonardo, der Hausbesitzer. „Buenas noches, señor! Qué se le ofrece?“, begrüße ich von oben. „Darf ich hereinkommen?“, fragt er höflich. „Wie kann ich Ihnen verwehren, Ihr Haus zu betreten? Warten Sie, ich öffne Ihnen gleich die Tür.“ Als die beiden Herren in der Dunkelheit des Patios stehen, überfällt mich abermals das beklemmende Gefühl unserer ersten Begegnung. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann. Er schaut mich immer so komisch an, mit einem durchdringenden Blick. Und außerdem, wieso kommt er in Begleitung und nicht allein? Ich schaue länger in sein Gesicht, will mehr entdecken. Im Inneren seiner Augen flammt etwas auf, was nach Irrsinn aussieht. Er ist von irgendetwas getrieben. Der starre Blick ! die irren Augen. Sein Blick macht mir Angst. Ich erschauere. Niemand hat mich je so angeschaut. Ich bitte beide, in der Sitzecke, neben dem Swimmingpool, Platz zu nehmen. Um Zeit zu gewinnen, entschuldige ich mich: „Ich weiß nicht, ob Bargeld im Haus ist.“ „Dann warten wir eben, bis Emilio kommt“, ist seine prompte Antwort. Um Gotteswillen, denke ich, bloß nicht! Ich will sie so schnell wie möglich loswerden. „Wie viel sind wir Ihnen schuldig?“, frage ich, obwohl ich es genau weiß. Wir hatten den Mietpreis in Dollars vereinbart, doch da ich in Soles, der peruanischen
Landeswährung bezahle, schwankt der Preis je nach dem ständig wechselnden Dollarkurs. „650 Soles“, antwortet er und fügt hinzu: „Nehmen Sie sich Zeit, wir haben es nicht eilig.“ Ich gehe hinauf, um das Geld zu suchen oder um Zeit zu gewinnen, während ich fieberhaft nachdenke. Was soll ich bloß tun? Der Kerl kommt mir nicht geheuer vor. Er hat so eine seltsame Art an sich. Sollte mir etwas zustoßen, wer kann mir helfen? Niemand!, schallt es aus meinen Eingeweiden. Das Haus könnte eine Falle sein, wer weiß. Hier hat jeder Zweite einen Revolver. Was tun, wenn mich beide plötzlich mit einer Pistole bedrohen würden? Wenn man mich tot auffinden würde, wüste nie jemand, was passiert ist. „Du solltest den Teufel nicht an die Wand malen!“, höre ich meine innere Stimme sagen. Sie hat recht. Ich schüttle die lästigen Gedanken ab. Notfalls springe ich einfach aus dem Fenster. Sie sind ja nur drei Meter vom Erdboden entfernt. Ich suche mit den Augen die Straße ab. Wo ist der Nachtwächter? Wegen der Diebe haben die Anwohner Straßenwächter angestellt, die abwechselnd in drei Schichten arbeiten. Sie bewachen die Häuser rund um die Uhr. Der Straßenwächter ist gerade nicht zu sehen. Gottverdammt, denke ich, wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Jetzt rettet mich nur noch meine Intuition. Ich suche hastig nach dem Geld und drehe mich alle zehn Sekunden um, aus Angst, dass er plötzlich hinter mir stehen könnte. Unten im Patio ist es immer noch dunkel. Warum haben die beiden Herren kein Licht angemacht? Ich kann sie in der Dunkelheit nicht sehen. Emilio sollte mich nicht so oft allein lassen, denke ich vorwurfsvoll. Aber dann reiße ich mich zusammen. Niemand kann mich besser beschützen als ich mich selbst, rede ich mir ein. Ich sollte mich mehr auf meine eigene Kraft verlassen. Wie kann ich von Fremden etwas erwarten, was ich mir selbst nicht geben kann? Mein treffsicherer Instinkt ist der eines Tieres. Ich weiß zwar nicht, was ich tue, aber ich tue es. Hinterher stellt sich jedes Mal heraus, wie richtig ich lag.
Mit dem Geld in der Hand gehe ich wieder zu den Männern hinunter. Ich bin auf alles gefasst. Bevor ich bei ihnen ankomme, knipse ich schnell das Licht an. „Haben Sie Angst?“, fragt mich von irgendwoher eine Stimme. „Wovor sollte ich Angst haben?“, erwidere ich. „Allein im Haus zu sein“, sagt die Stimme. Es ist die des Hausbesitzers, der plötzlich vor mir steht und mir direkt in die Augen blickt. So stehen wir uns Aug in Aug gebannt gegenüber, mir scheint’s, eine Ewigkeit. „Wenn Sie wollen, kann ich einen Schamanen rufen, der das Haus von schlechten Energien reinigt.“, fügt er, um mich zu beruhigen, freundlich hinzu. „Von schlechten Energien ...“, wiederhole ich mechanisch. Wovon spricht er? Das Haus macht einen wunderschönen Eindruck. Es ist geradezu traumhaft. Er spinnt wohl, denke ich und beschließe, mich nicht weiter darum zu kümmern. Der Hausbesitzer verabschiedet sich. Sein Begleiter folgt ihm dichtauf. Auf der Straße angelangt, dreht er sich noch einmal um. „Haben Sie wirklich keine Angst, allein zu sein?“, fragt er mich, scheinbar fassungslos. „Aber nein“, beteure ich, „ich bin gern allein.“ Als endlich die Tür ins Schloss fällt, atme ich auf. Im Dunkeln gehe ich über den Hof und lege mich im Schlafzimmer aufs Bett. Was zum Teufel hat mich bloß dazu gebracht, am anderen Ende der Welt ein Haus zu mieten? Ich kenne die Menschen hier nicht. Was ich weiß ist, dass sie leichtsinnig sind. Voller Gefühl, oft jedoch übertrieben, mit einem Hang zur Grenzenlosigkeit. Kurzum, unberechenbar. Schwer zu durchschauen. Außerdem spreche ich schlecht Spanisch ... Während ich so dahinsinne, schlafe ich ein. 3 Emilio weckt mich, als er sich neben mich legt. Dann schläft er ein. Kaum im Schlaf angelangt, spürt er mit
einem Mal, wie jemand ihm die Bettdecke wegzieht. Stück für Stück gleitet sie nach unten auf den Fußboden, bis er und ich mit entblößten Körpern auf dem Bett liegen. Im nächsten Moment spürt er einen beißenden Schmerz in der linken Lende. Ein großer Mund hat sich in sein Fleisch gesaugt. „Aha“, überlegt er im Schlaf, „eine Tote!“ Er sieht sie im Traum. Der Schmerz nimmt zu. Er wird stechend. Emilio schreit auf. Es wird ihm zu bunt. Totengeister ist er von Kind an gewohnt. Für ihn sind sie nichts Besonderes. Die Toten leben in einer parallelen Welt mit der seinigen. Er macht sich weniger Sorgen um sich selbst als um mich. Er schaut zu mir. Er hat Angst, der Mund könnte sich auch in mich verbeißen. Sicherlich würde ich einen Riesenschreck bekommen. Ich habe keine Ahnung von Gespenstern. Mir ist noch nie eins begegnet. Ich halte sie für Hirngespinste. Als mir ein Seufzer entweicht, reißt er sich vom saugenden Mund los. „Warte nur, dir werd’ ich’s zeigen!“, droht er. Mit Entschlossenheit allein kann er aber den Geist nicht abwimmeln. Der Schmerz, der sein Biss verursacht, ist kaum auszuhalten. Mit großer Anstrengung reißt er sich los. Dann wacht er auf. Schweißgebadet steht er auf, löst den Gürtel von seiner Hose und bildet auf unseren Körpern einen Kreis. Sofort verschwindet der böse Geist. Am nächsten Morgen wundere ich mich beim Wachwerden über den Gürtel. Er erklärt mir, dass er eine Sicherheitsmaßnahme gegen Totengeister wäre, denn sie könnten keine Kreise ertragen und flüchteten. „Warum hat mich noch nie ein Gespenst besucht?“, will ich wissen. „Weil ich dich vor ihnen schütze, meine Kleine.“ „Mir hat die Frau nichts getan“, sage ich. „Mach dir keine Sorgen. Sie wird nicht wiederkommen.“ 4 Am Vierten des folgenden Monats steht der Hausbesitzer wieder wegen der Miete vor der Tür.
„Das Haus hat einen Geist. Es ist eine Frau. Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Es ist ein guter Geist.“, sagt er diesmal ohne Umschweife. Ja sind denn alle um mich herum verrückt geworden?, denke ich und frage: „Woher wissen Sie denn das? Haben Sie den Geist schon gesehen?“ Etwas Schlimmeres hätte ich kaum fragen können. Auf seinem Gesicht macht sich blankes Entsetzen breit. Mit größter Mühe unterdrückt er eine Panik und bittet mich mit leiser Stimme, ihm zu folgen. Das Haus hat drei Badezimmer. Eines davon liegt neben der Kammer, in dem der Hausrat seiner Schwester aufbewahrt ist. Er öffnet die Tür zur Toilette und zeigt mit dem Finger auf den leeren Fenstersims. Sein Gesicht ist jetzt totenbleich. „Dort lag ein Bündel blonder Haare!“ „Was ist denn da Besonderes dran?“, frage ich erstaunt. „Das Haus hatte ich zu dieser Zeit nicht vermietet. Es stand leer. Ich hatte es gerade sauber gemacht. Außer mir war niemand im Haus. Als ich in die Abstellkammer ging, um etwas zu suchen, ging ich auf die Toilette und fand das Haarbüschel.“ „Von wem waren die Haare?“, stelle ich mich dumm. „Von der Frau, die tot im Haus herumgeistert!“ Er spricht mittlerweile mit Grauen in der Stimme. Ich bin endgültig geneigt, ihn für einen Spinner zu halten. „Hinterlässt sie immer noch Spuren im Haus?“, will ich wissen und unterdrücke ein Schmunzeln. „Nein”, sagt er „Ich habe das Haus von einem Schamanen reinigen lassen. Seitdem ist Ruhe.“ „Das will ich auch hoffen”, antworte ich. „Nicht, dass ich eines Tages über den Patio gehe und mir ein Gespenst gegenübersteht!“, scherze ich. „Wenn Sie sich im Haus unheimlich fühlen sollten, sagen Sie mir Bescheid. Ich lasse den Schamanen ein zweites Mal rufen.“ Die folgenden Tage sind alles andere als gespenstig. Ich erlebe die schönste Zeit meines Lebens. Meine Sehnsucht,
ganz ich selbst zu sein, nichts mehr zurückzuhalten, um mich dem Leben bedingungslos zu schenken, erfüllt sich. Die Sonne öffnet alle Blütenblätter meines Wesens. Die warme Kugel über meinem Kopf und die feuchte Meereskühle zu meinen Füße lassen mich leichten Schrittes durch die Welt gehen mit einem liebenden Blick auf alle Dinge. Warum nicht mit einem Gespenst zusammen wohnen?, frage ich mich aus reiner Übermut. Ich bin sowieso geneigt, geschehen zu lassen, was geschehen will. Wozu mich gegen das Leben stemmen? Besser, ich akzeptiere es, wie es ist. Ohne Ziel aufwachen. Ohne Ziel einschlafen. In die Tage gleiten, wie sie kommen. Wie herrlich das doch ist. Und Emilios Liebe ist, als hätte der Himmel seine Schleusen geöffnet, um mich mit all seinen Köstlichkeiten zu segnen. Ich erlebe die reinste Gnade. Täglich sitze ich am Meer und höre seiner Musik zu. Ich möchte nur noch lauschen, ganz Ohr sein, sonst nichts. Den Geräuschen der Natur folgen, dem Brausen der Meeresbrandung, dem Rauschen des Windes ... Das Aufgehen in den Sinnen ist der Sinn meines gegenwärtigen Daseins. Ganz Gefühl sein und verschmelzen mit dem Geruch des Meeres ... Trotzdem schleichen sich auch Momente ein, in denen ich zweifle und mich die Dunkelheit ergreift. Emilio liebt den Hahnenkampf. Jeden Sonntag geht er mit seinen Hähnen in die Arena, wo sich hauptsächlich Männer zusammenfinden. Ich spotte: „Jedes Mal, wenn du sterben möchtest, muss ein Hahn daran glauben.“ Er überhört meine Bemerkung und lächelt milde. Nichts und niemand kann ihn aufhalten, zum Hahnenkampf zu gehen. Zu meinem Überdruss gewinnen seine Hähne immer, was ihn zu einem Star der Hahnenkampfszene macht. Er küsst jeden Hahn vor dem Kampf und haucht ihm mit dem Atem seine Liebe ein. Dann gehen die Hähne ab wie nichts. Ein einziges Mal hat einer seiner Hähne verloren, es war auch das einzige Mal, da ich ihn begleitete. Emilio wollte ein wenig angeben, um mein Herz zu erobern. Der Hahn, den er zu diesem Zweck ausgewählt hatte, war
spindeldünn, fast nur Haut und Knochen. Er zitterte wie Espenlaub auf dem Weg zur „Gallera“. Alles andere, als ich mir unter einem Gewinnerhahn vorstellte. Ich, die nichts von Hähnen verstand, begriff, der arme Hahn zitterte nicht vor Aufregung, sondern vor Angst. Emilio, aber, war überzeugt, dass der Hahn gewinnen würde. Er sah, was er gern sehen wollte. Die Arena war schmutzig und roch nach Tod. Die Männer ebenfalls. Kaum war der zitternde Hahn in der Kampfarena, fiel er tot um. Emilio konnte es nicht glauben. Sein bester Hahn war tot! Emilio besitzt die Eigenschaft, die Welt mit seinem Sinnen und Trachten, mit seinen Gedanken und Gefühlen zu verschönern. Er macht sie schöner, als sie ist. Er projiziert sich in alles hinein, egal ob Mensch, Hahn oder Hund. Es ist ihm nicht einmal bewusst, was er tut. Sein Hund, Julio, zum Beispiel. Ich erinnere mich, wie Emilio ihn in allen Tönen lobte. Er sei der schönste Hund weit und breit. Keiner könne sich mit seiner Klugheit messen. Dann sah ich das Tier zum ersten Mal. Sein Anblick war zum Gotterbarmen. Seine Augen liefen aus. Sie liefen am Fell herunter. Das linke Auge war schon ausgelaufen. Dort klaffte eine leere Augenhöhle. So schaute er mich düster an. Er hatte Krebs. Ich fragte mich damals, wieso Emilio ihn dermaßen idealisiere? Seit ich mit ihm zusammenlebe, fange ich aber an zu begreifen, dass er mich spiegelt. Er spiegelt in mir etwas Unbewusstes. Ich ähnle ihm. Ich brauche nur in sein Wesen zu schauen, um mich zu erkennen. Emilio zeigt mir mein Innerstes. Warum projiziert er sein Licht auf die Wesen um sich herum? Warum lebt er es nicht aus? Weil er Angst hat. Er hat Angst vor seiner Kraft. Mir geht es genauso. Ich suche mir lieber einen Stellvertreter, in den ich mich hineinprojiziere, ohne von meiner eigenen Stärke Gebrauch zu machen. Es gibt viele Menschen, die vor ihrer eigenen Kraft davonrennen und sich jedes Mal um einen Triumph bringen, bloß weil sie sich unwürdig fühlen. Aus lauter Ungläubigkeit manövrieren sie sich in eine Niederlage nach der anderen hinein.
Mittlerweile bringen Emilios Kampfhähne auch etwas Geld ein und haben somit ihren praktischen Nutzen. Emilio gehört nun zur Hahnenkampfelite und wird von seinen Compañeros bewundert. Das hat zur Folge, dass sich das schöne Haus am Meer in einen Hühnerstall verwandelt. Überall stehen Kisten und Zwinger herum, in denen die Kücken heranwachsen. Langsam wird es mir zu viel. „Es kommt der Tag, an dem ich sie alle hinausschmeiße!“, keuche ich vor Wut. Emilio schreit zurück, er würde in diesem Fall seinen Hähnen folgen. So meckern und schimpfen wir eine Weile hin und her, bis ich müde bin und mich ins Schlafzimmer zurückziehe, um ein Nickerchen zu machen. Es ist Nachmittag. Im Halbschlaf höre ich Emilio am Holzhaus seiner Hähne hämmern. Plötzlich kommt er ins Zimmer legt seine Hand auf meine Stirn. „Hast du eben gejammert und gestöhnt?“, fragt er mich besorgt. Er macht den Ton nach. Es hört sich grauenvoll an. Ich schäme mich, im Schlaf solche Geräusche von mir gegeben zu haben. Eine Stunde später verlässt Emilio das Haus. Ich gehe auf den Patio, wo der Kassettenrekorder neben dem Swimmingpool steht, und lege ein Oboenkonzert von Vivaldi ein. Danach schlüpfe ich zurück ins Bett. Endlich Ruhe im Haus, denke ich. Wie schön ist es, mich voll und ganz der Musik hingeben zu können. Heute stehe ich nicht mehr auf, beschließe ich. Die Musik schallt von den Mauern des Patios zurück. Ich gebe mich dem Vergnügen hin, an nichts zu denken, nichts zu fühlen, nichts zu wollen. Einfach nur sein. Zu sein, was ist. Wie herrlich! Keiner stört mich. Doch mitten in der Verzückung vernehme ich plötzlich laut und deutlich ein entsetzliches Wimmern. Der Stimme nach zu urteilen, stammt es von einer Frau. Ich bekomme Gänsehaut. Einen solch herzzerreißenden Laut aus tiefster Brust habe ich noch nie gehört. Meine Eingeweide gefrieren. Die Stimme kommt vom Swimmingpool. Trotz der Musik ist sie deutlich zu hören. Ein unbeschreibliches Unglück schwingt in ihrer Klage mit.
Donner und Blitz! Was passiert hier eigentlich?, frage ich mich. Plötzlich erinnere ich mich wieder an die besorgte Frage Emilios, bevor er aus dem Haus ging. Ich hatte gedacht, ihm wären die Hähne zu Kopf gestiegen. Mit Schaudern wird mir nun klar, dass er tatsächlich ein Wimmern und Stöhnen vernommen hatte. Aber es kam nicht von mir! Von wem kam es dann? Im Haus ist niemand, außer mir. Das Wimmern kommt eindeutig vom Swimmingpool. Ich höre es durch die Musik hindurch. Ohne jeden Zweifel. Es wird sogar noch intensiver und scheint immer näher zu kommen. Kann ein Gespenst Laute erzeugen, die ich hören kann? Nein, das gibt es nicht!, rede ich mir ein. Aber, du hörst es doch, sagt meine innere Stimme wieder. Hörst du’s nicht laut und deutlich wimmern und stöhnen? Inzwischen ist die Sonne untergegangen und es ist dunkel geworden. Ich habe noch kein Licht angemacht. Warum bin ich nicht gleich auf Emilios beunruhigte Worte eingegangen, als er mich weckte? Warum habe ich sie nicht näher hinterfragt, anstatt sie als bloße Einbildung abzutun? Er hatte doch neben dem Swimmingpool gearbeitet, als er die unheimlichen Laute vernahm! Das alles werfe ich mir nun vor. „Hiiiiiiihiiiiihiiiii“, ertönt die Stimme erneut und überschallt das Oboenkonzert. Endlich bringe ich es fertig, aus dem Bett zu steigen und hinaus in den Patio zu gehen. Nichts ist zu sehen. Es ist stockdunkel. Ich schalte die Musik aus. Das Heulen, Weinen, Wimmern hält an. Es ist keine Halluzination. Die von Schmerz erfüllte Stimme geht mir durch Mark und Knochen. Was tun? Wieder einmal stehe ich allein da. Ich staune über meine Ruhe. In gefährlichen Situationen habe ich selten Angst. Ich bin am anderen Ende der Welt mit etwas konfrontiert, das ich nie erlebt habe. Noch nie war mir so etwas begegnet. Am meisten verwundert mich, dass Geister Töne erzeugen können, die ich hören kann. Wie verrückt die Welt doch ist! Ich hatte geglaubt, eine Menge
zu wissen. Doch, wie will man mir etwas beibringen, wenn ich nicht einmal ahne, was vor sich geht? In meiner Verlegenheit sucht mein Verstand Vergleichbares. Da erinnere ich mich an eine Geschichte, die Genaro, Emilios Bruder, einmal erzählt hatte. Vor Jahren arbeitete er als Nachtwächter für eine Firma, die in seinem Dorf Grundwasser abpumpte. Sie hatten damals ein tiefes Loch in die Erde gebohrt. Unten, im Grundwasserspiegel, glänzte der Mond. Eines Nachts hörte Genaro ein Wimmern, das von einer Frau zu kommen schien. Er war allein und es klang schauderhaft. Es ließ sein Blut gefrieren. Er ging bis zum Rand des Lochs und schaute hinunter. Da sah er im Grundwasser eine alte Frau. „Warte, Mütterchen, ich helfe dir heraus!“, tröstete er sie geschwind. Sicherlich ist sie im Dunkeln beim Vorübergehen versehentlich in die Grube gefallen, denkt er. Obwohl er das Plumpsen hätte hören müssen, wenn sie tatsächlich hineingefallen wäre. Zum Überlegen blieb Genaro jedoch nicht viel Zeit. Er hievte die Alte aus dem Loch und fragte, wo sie wohne. Ihr Wohnort lag fünf Kilometer entfernt. Er besorgte ein Fahrzeug und brachte sie nach Hause. Sie war sehr alt. Sicherlich über achtzig. Sie wohnte allein in einem baufälligen Haus. Er wunderte sich, wie sie bei ihrem Alter von dort in die Grube gelangen konnte. Anschließend ging er zurück, um seine Arbeit fortzusetzen. In der Nähe der Grube lagen Bewässerungskanäle. Er musste mehrere Kanäle überqueren, um an seinen Arbeitsort zu gelangen. Sie waren gerade so breit, dass man sie überspringen konnte. Doch, noch bevor er den letzten Kanal überquerte, hatte ihn plötzlich eine unbekannte Macht zu Boden geschmettert. Er spürte einen übernatürlichen Sog nach unten, zum Wasser hin, dem er nicht gewachsen war, obwohl er ein starker Mann war. Der Sog war so groß, dass er alle Kraft aufbieten musste, um nicht unter Wasser gezogen zu werden. „Du alte Hexe!“, schrie er aus Leibeskräften und verstand, dass er so schnell wie möglich aus dem Grubenwasser hinauskommen musste. Denn die
unheimliche Macht kam aus dem Wasser. Sicherlich hatte die Alte, die er vermeintlich gerettet hatte, den Ort verhext. Hinterher schwafelte Genaro etwas von einer Hexe auf einem Besenstil. Ja, die Alte hatte ihn total verwirrt! Ein heftiges Klopfen an der Tür bringt mich in die Gegenwart zurück. Es übertönt das schreckliche Wimmern. Ein Schauder durchfährt mich. Ich befinde mich mitten auf einem Horrortrip. Ohne zu zögern, mache ich die Tür auf. Im Flimmerlicht der Straßenlaternen sehe ich eine Frau vor mir. Das eben Geschehene hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, dass ich die Frau nicht erkenne. Wer ist sie?, denke ich. Sie ist jung und schön. Ihr gütiges Lächeln kommt mir bekannt vor. „Buenas noches”, sagt die schöne Frau. „Wie geht es dir? Ich bin vorbeigekommen, um nach dir zu sehen.“ Da erkenne ich sie. „Lourdes! Dich schickt der Himmel! Du kommst gerade im rechten Augenblick. Komm schnell rein. Halt meine Hand fest und schau mich an. Wie sehe ich aus? Normal? Denk bitte nicht, ich wäre verrückt geworden bei dem, was ich dir jetzt erzählen werde.“ Lourdes ist eine Studentin, die mir drei Mal in der Woche beim Saubermachen hilft. Heute ist ihr arbeitsfreier Tag. Trotzdem ist sie unangemeldet vorbeigekommen. Das Mädchen hat eine herzensgute Ader. Gott sei es gedankt. Zu meiner Verwunderung sagt sie: „Erinnerst du dich, als ihr vor einer Woche nach Ecuador gefahren seid und ich in den drei Tagen eurer Abwesenheit das Haus hütete? Ich schlief im Gästezimmer. Nachts stand ich auf und ging ins Bad. Ich hatte das Licht angeschaltet. Doch als ich zurückkam, war es aus. Ich dachte, es wäre wegen eines Wackelkontakts.“ „Aber ich habe die ganze Elektroinstallation gleich nach unserem Einzug, vor zwei Monaten, reparieren lassen“, erwidere ich, und flüstere: „Es spukt im Haus! Es spukt, Lourdes!“
5 Zwei Tage vor dem Einzug ins Haus hatte ich einen Traum. Ich sah mich allein in einem leeren Haus. Gerade hatte ich mich schlafen gelegt, da hörte ich ein Stimmengemurmel von draußen, welches ungewöhnlich laut klang. Ach, ich habe wohl vergessen, die Tür zuzumachen, dachte ich im Traum. Ich stand auf und ging zur Haustür, die tatsächlich einen Spalt offen stand. Schnell schloss ich sie. Als ich zurück ins Bett gehen wollte, merkte ich, dass es taghell war. Ich ging zum Fenster, um mich zu überzeugen. Neben dem Fenster war ein Waschbecken. Während ich meine Hände wusch, fiel mein Blick auf ein fertig angerichtetes Frühstück, das duftend und verlockend auf dem Tisch stand. Wer hat das Frühstück angerichtet?, fragte ich mich. Da hörte ich hinter mir das Geräusch von raschelnden Kleidern. Ich drehte mich um und gewahrte eine Frau, um die fünfzig Jahre alt. Sie sah warmherzig und gutmütig aus. Sie blickte mir mit der größten Liebenswürdigkeit ins Gesicht und mir wurde irgendwie bewusst, dass wir beide von nun ab dieses Haus zu teilen hatten ! 6 Leonardo, der Hausbesitzer, kommt, wie immer, pünktlich am vierten Tag des nächsten Monats, diesmal in Begleitung einer Frau. Ich begreife, warum. Er traut sich nicht allein hierher. Er hat Angst. Deshalb wundert er sich über mein Alleinsein. Dieser verschlagene Mensch weiß längst, dass es im Haus spukt. „Ist jemand aus Ihrer Familie kürzlich im Haus gestorben?“, frage ich neugierig. „Vielleicht eine Frau? Vielleicht Ihre Schwester?“ Ich habe plötzlich den Verdacht, dass seine Schwester nie in die USA gereist, sondern womöglich in diesem Haus gestorben sei. Er schaut mich mit düsterer Miene an, schüttelt den Kopf, übergeht galant die Frage und redet mit seiner Begleiterin über etwas anderes.
Der fünfte Monat im Haus beginnt, der letzte der vereinbarten Mietzeit. „Am Ende dieses Monats müssen wir ausziehen” erinnere ich Emilio. „Oder möchtest du länger bleiben?“ Mein Wunsch, ein Haus mit Emilio zu teilen, ist größer als meine Abscheu vor Gespenstern. Ich spiele den Spuk herunter, rede mir ein, dass schließlich jedes Haus seine Eigenheiten habe. Emilio, der bodenständiger ist als ich, ermahnt mich: „Es ist nicht unser Haus. Es ist nicht unsere Geschichte.“ Aber mich schreckt der Gedanke ab, wieder ohne Haus zu sein, wieder als Nomadin herumzuziehen, in Hotels zu schlafen oder hässlichen Mietwohnungen. Wie lange habe ich von einem Haus wie diesem geträumt? Es gibt in dieser Umgebung wenig Häuser, die so schön sind. Das Hausgespenst kann ich ertragen. Es ist das geringere Übel. So beharre ich darauf. „Lass uns bitte mit dem Hausbesitzer reden, wenn er das nächste Mal kommt.“ 7 Eines Tages, noch vor Monatsende, veranstalten Emilio und ich ein Fest. Wir haben im Saal des ersten Stocks eine vier Meter lange Tischtafel aufgestellt und eine weiße Tischdecke darauf gelegt. Es haben daran an die zwanzig Familienangehörige und Freunde Platz genommen. Der Saal ist groß genug, um tanzen zu können. Wir sind alle in ausgelassener Stimmung, trinken, tanzen und essen stundenlang. Im Patio ist eine Grillbar. Dort grillen wir frischen Fisch aus dem Pazifik. Emilio kümmert sich um die Gäste. Wenn an der Haustür geklopft wird, geht er hinunter und empfängt die Neuangekommenen. Als das Fest schon mehrere Stunden im Gang ist, geht er hinunter in den Patio und sieht sich, zu seinem Erstaunen, einem Fremden gegenüber. Er ist groß und trägt einen eleganten weißen Leinenanzug. Er hatte den Mann noch nie gesehen.
„Buenas tardes, darf ich fragen, zu wem sie gehören?“, fragt ihn Emilio. Der Fremde antwortet nicht. Er schaut ihm nur stumm ins Gesicht. Emilio geht nach oben und fragt die anwesenden Gäste, ob jemand den großen Mann kenne. Er stehe unten im Hof und wolle nicht sprechen. Niemand reagiert. Da geht Emilio hinunter und will den Fremden höflich auffordern, das Haus zu verlassen. Aber der Mann ist weg. Er sucht ihn in allen Zimmern und Toiletten. Nichts. Er war spurlos verschwunden. Da geht Emilio zur Eingangstür. Sie ist verschlossen. Wäre der Fremde durch diese Tür hinausgegangen, wäre die Tür offen geblieben. Er hätte sie nicht von draußen zuschließen können. Wie ist der Fremde hinein- und wieder hinausgelangt?, fragt sich Emilio verwundert. Einige Tage danach ist die Familie von Emilios Bruder zu Besuch. Sie haben zwei kleine Kinder, die gerade ein kleines Flugzeug geschenkt bekommen haben und es ausprobieren wollen. Im Hof ist genug Platz. Sie lassen es stundenlang herumkreisen. Es funktioniert mit einer Fernbedienung. Im Swimmingpool ist gerade kein Wasser. Gut, da brauchen sie keine Angst zu haben, dass es ins Wasser fallen könnte. Das Ehepaar übernachtet mit den Kindern im Gästezimmer. Dieses liegt neben dem Swimmingpool. Mitten in der Nacht werden sie vom brummenden Geräusch des Flugzeuges geweckt. Jemand spielt damit herum. Hoffentlich machen sie es nicht kaputt, denkt der Bruder besorgt. Da in der Dunkelheit nichts zu sehen ist, steht er auf und will nach dem Rechten schauen. Er hat erwartet, Emilio oder mich anzutreffen. Doch der Patio ist leer. Niemand ist da. Das Flugzeug liegt an derselben Stelle, wo er es am Abend zuvor hingelegt hatte. Er untersucht die Fernbedienung. Es sind keine Batterien drin. Sie hatten sie vorsichtshalber nach dem letzten Gebrauch herausgenommen. Komisch, wundert er sich, wie kann das Flugzeug ohne Batterien funktioniert haben? Wir haben es doch laut und deutlich fliegen hören!
Das nächste Mal, als sich das Gespenst bemerkbar macht, decke ich gerade den Tisch. Im Esssaal, neben der Küche, richte ich gerade das Mittagessen an. Ich bevorzuge weiße Tischdecken aus Baumwolle oder Leinen. Ich habe für uns den runden Tisch mit Liebe gedeckt. Ungeöffnet stelle ich eine Flasche Rotwein auf den Tisch und gehe in die Küche zurück, um nach dem Essen zu schauen. Als ich es serviere, ist die Flasche mit dem Rotwein ausgelaufen. Die Tischdecke hat einen riesengroßen roten Fleck in der Mitte. Es sieht aus wie Blut. Ich rufe Emilio um Hilfe. Er untersucht die Flasche und kann nirgendwo einen Sprung entdecken. „Wie ist der Rotwein auf die Tischdecke gelaufen?“, fragt er mich. „Hast du die Flasche aus Versehen umgekippt?“ „Die Flasche war doch noch ungeöffnet”, sage ich entsetzt. Der Spuk nimmt kein Ende. Ein paar Tage später berichtet Lourdes, der Besen sei vor ihr spazieren gegangen. Sie habe beim Saubermachen gesehen, wie er sich von allein durch den Saal bewegt habe. Anderntags kehrt Emilio mit einer Entscheidung ins Haus zurück. „Der Hausbesitzer hat neue Mieter für das Haus gefunden. Sie zahlen mehr als wir.“ „Dann ziehen wir also aus!“, sage ich. In der folgenden Woche packe ich unsere Sachen in Kisten ein. Lourdes, die Studentin, hilft mir. Ein wenig traurig bin ich doch, das Haus zu verlassen, wo ich doch meinte, endlich das Haus meines Lebens gefunden zu haben. Der Besitzer will uns eindeutig loswerden. Wahrscheinlich haben wir in seinen Augen schon zu viel mitbekommen. „Wir finden etwas Besseres“, tröstet mich Emilio. Bevor ich zum letzten Mal die Türklinke ins Schloss fallen lasse, frage ich mich, was aus meiner unsichtbaren Begleiterin werden würde? Ich staune über die Ruhe im Haus. Abgesehen von dem Meeresrauschen, ist es mucksmäuschenstill. Innerlich nehme ich Abschied von ihr, der Unbekannten.
Lourdes gebe ich den Schlüssel mit dem Auftrag, ihn dem Hausbesitzer zu übergeben. „Die Müllabfuhr kommt morgen früh gegen sieben Uhr. Bitte stell die Müllsäcke vors Haus. Aber bitte erst morgen früh“, sage ich und verabschiede mich von ihr. Lourdes bleibt allein im Haus. Sie ordnet die Müllsäcke, bevor sie das Haus verlässt. Es ist inzwischen dunkel geworden. Draußen wird sie vom Nachtwächter begrüßt, der mit ihr ein Gespräch anfängt. Da sehen sie beide, wie im Haus das Licht angeht. „Ist da noch jemand drin?“, will der Wächter wissen. „Nein“ , antwortet Lourdes. „Sie sind doch ausgezogen.“ „Hast du vergessen, das Licht auszuknipsen?“ „Aber wie denn? Es ist doch eben erst angegangen! Du hast es doch selbst gesehen”, berichtigt sie ihn. „Stimmt“, meint er„ich hab’s gesehen.“ „Ich gehe hinein und schalte das Licht aus“, sagt Lourdes kurz entschlossen. „Bitte geh nicht hinein!“, fleht der Wächter sie an. Aber als er merkt, dass er sie nicht zurückhalten kann, fügt er hinzu: „Jeder hier weiß, dass es im Haus spukt. Sei mir nicht böse, ich kann dich leider nicht begleiten. Ich gehe da nicht hinein.“ „Mach dir keine Sorgen, antwortet Lourdes, „ich gehe allein. Ich habe keine Angst.“ Sie steckt den Schlüssel ins Schloss und macht die Tür auf und geht als Erstes in mein ehemaliges Arbeitszimmer, welches ein Fenster zur Straße hin hat. Dort war das Licht angegangen. Sie schaltet das Licht aus und geht auf den dunklen Flur zurück. Plötzlich spürt sie etwas entsetzlich Kaltes. Augenblicklich stehen ihr alle Haare zu Berge. Aus der Dunkelheit ertönt ein Wimmern und Stöhnen. Lourdes durchläuft von oben bis unten ein kalter Schauer. Sie hört es zum ersten Mal. Sie reißt sich zusammen und läuft schnell zur Tür hinaus und geht, den eiskalten Schrecken in den Knochen, nach Hause. Anderntags steht sie früh auf, um, wie versprochen, die Müllsäcke vor die Tür zu stellen. Als sie vor dem Haus ankommt, ist der neue
Wächter da. Die Schicht hat gewechselt. Zwar haben die Wächter den Auftrag, alle Häuser der Straße zu bewachen, doch haben sie die Angewohnheit, vor der Tür unseres Hauses zu sitzen. Der Neue ist ein fünfzehnjähriger Junge mit wenig Erfahrung und scheint völlig aus dem Häuschen zu sein. Als er Lourdes sieht, platzt er gleich los. Er habe, wie jede Nacht, im Toreingang geschlafen. Plötzlich sei er von einem lauten Geräusch über sich wach geworden. „Jemand bewegte von innen die Türklinke, erzählt er Lourdes, „drückte die Klinke hintereinander schnell auf und zu, was sich wie ein Rattern anhörte, das durch die ganze Straße schallte.“ Da der junge Nachtwächter wusste, dass wir ausgezogen waren und sich niemand mehr im Haus befand, hatte ihn das nackte Entsetzen gepackt und er war schleunigst davongelaufen. „Du willst doch nicht etwa in dieses Haus hineingehen?“, fragt er Lourdes verblüfft. „Ich muss die Müllsäcke herausholen. Die Müllabfuhr kommt jeden Augenblick“, und fügt, angesichts seines entsetzten Blicks hinzu: „Schau Kleiner, ich bin kein Wächter wie du, aber wie willst du uns mit deiner Furcht beschützen?“ Sie steckt entschlossen und auf alles gefasst den Schlüssel in die Tür und geht ins Haus hinein. Drinnen ist alles ruhig und nichts passiert. Als sie wieder auf der Straße ist, ist der Junge von einem anderen Wächter abgelöst worden, einem älteren Herrn, der seit Jahren hier arbeitet und wohl von allen dieses Haus am besten kennt. Er erzählte Lourdes, dass vor drei Jahren hier eine Ausländerin gewohnt habe, blond wie die, die eben ausgezogen ist – womit er mich meinte –, und die dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, spurlos verschwunden sei. Niemand wisse, was aus ihr geworden sei. Nur Leonardo, der Hausbesitzer, wisse, was passiert sei. 8
Am darauffolgenden Tag ist Lourdes im Haus von Emilios Mutter zu Gast, bei der wir in der Zwischenzeit untergekommen sind, und erzählt uns die letzten Ereignisse. Zufälligerweise sind auch Emilios Bruder, Genaro, der das Erlebnis mit der Hexe im Grundwasser hatte, sowie Angeline und Omu, ihr Mann, da, das Paar, das vor uns das Haus am Meer gemietet hatte. „Das Wimmern und Stöhnen habe ich unzählige Male gehört“, erzählt die Französin. Omu nickt zustimmend und erzählt, dass ihn einmal beim Saubermachen unversehens, inmitten der sommerlichen Hitze, eine eisige Kälte überfallen hätte und er Gänsehaut bekommen habe und ihm die Haare zu Berge gestanden seien, genauso wie es auch Lourdes ergangen ist. „Auch das Weinen und Stöhnen habe ich gehört. Es war unverkennbar eine weibliche Stimme“, fügt er hinzu. Ich schaue ihn überrascht an. „Wo ist denn die blonde Frau geblieben, von der der alte Wächter sprach?“, frage ich. Genaro, der bisher schweigend zugehört hat, sagt: „Für eine lästige Leiche wäre unterhalb des Swimmingpools ein guter Platz.“ „Ich vermute sie eher unter dem kleinen Garten“, erwidert Emilio. Ihre Worte machen mir zum ersten Mal klar, in welcher Gefahr ich mich befunden hatte. Fünf Monate lang wähnte ich mich in einem Traumhaus. Noch dazu am Meer. Mit Emilio zusammen. Selten habe ich besser arbeiten können als dort. Ich habe mich ganz der Kunst, Liebe und Natur hingegeben. Etwas, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr gemacht habe. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen. Jetzt, wo ich die Erfahrungen der anderen höre, verstehe ich die Verstörtheit Leonardos! Seine Familie war abgehauen und hat ihn allein im Schlamassel sitzen lassen. Emilio hat ihn einmal in seinem Domizil aufgesucht und war erschrocken über die Armseligkeit, in der er lebte. Obwohl er ein studierter Mann ist, hat er kein regelmäßiges Einkommen, keinen festen Arbeitsplatz. Das Haus ist seine
einzige Einnahmequelle ... So wirbelt es in meinem Kopf herum. Leonardo hat die Frau tot im Swimmingpool gefunden. Statt den Unfall der Polizei zu melden, hat er sie eigenhändig im Haus verscharrt. Bestimmt hat er in seinem Leichtsinn gedacht, es ist ja nur eine Ausländerin, nach der niemand fragt. Sie hatte blonde Haare wie ich. Ich erkenne mich jetzt in ihr. Auch die Französin hat blonde Haare. Welch ein Zufall. Ist es nicht komisch? Welches Grauen muss ihn jedes Mal übermannt haben, wenn Angeline oder ich ihm die Tür öffneten! Da muss er jedes Mal die Tote vor sich gesehen haben. Die Frauen mit blonden Haaren verfolgen ihn, lassen nicht ab von ihm. „Irgendwo auf der Welt sucht eine Familie seit Jahren eine Frau, die nicht mehr aus dem Ausland zurückgekommen ist. Sie war nicht mehr jung. Ich schätze Mitte fünfzig !“, murmelt Angeline vor sich hin. Mir stockt das Herz. „Ich bin Mitte fünfzig, und du übrigens auch, Angeline!“, rufe ich aus. Jetzt scheint auch Angeline das Herz zu stocken. Ich sehe es ihr an. Ihre Mundwinkel zucken. Möglicherweise macht sich die Tote Hoffnungen, dass wir ihr helfen könnten, ihr Geheimnis zu lösen, denke ich naiv. Vielleicht ist da ein Ehemann, der seit Jahren seine verschwundene Frau sucht, oder eine Mutter, die sich verzweifelt an die Hoffnung klammert, ihre verschwundene Tochter sei noch am Leben und komme eines Tages wieder heim ... Ich wäge die Möglichkeit ab, zur Polizei zu gehen. Doch was würden die Beamten zu dieser Geschichte sagen? Sie würden mich auslachen. Sie müssten erst einmal eine Leiche haben. Um sie zu finden, würden sie das ganze Haus auf den Kopf stellen. Würde dabei ein Skelett auftauchen, würde es dem Hausbesitzer niemand glauben, er habe sie tot im Swimmingpool gefunden ! Die Lampe! schießt es mir durch den Kopf. Und das Starkstromkabel am Swimmingpool! Dort muss die Frau verunglückt sein. Sie hat ahnungslos gebadet. So wie ich badete. Durch den Kontakt des defekten Kabels mit dem Wasser wurde der tödliche Kurzschluss ausgelöst. Die Lampe, die Leonardo damals so hastig aus der
Abstellkammer geholt hatte, passt genau in das Loch hinein, das an der Seite des Swimmingpools klaffte. Ganz sicher war sie zuvor dort angebracht, um nachts das Bassin zu beleuchten. Eigentlich eine tolle Idee, von unten das Wasser zu beleuchten. Ich selbst bin nachts oft im Swimmingpool geschwommen und bewunderte, auf dem Rücken im Wasser treibend, die Sterne des Orion und Sirius und fühlte mich federleicht dabei. Grad so, wie es sich vielleicht auch bei der fremden Blonden zugetragen haben könnte, und das ihr dann zum Verhängnis wurde. Nach dem Unfall hat Leonardo die Lampe herausgerissen, das Elektrokabel nach oben gebogen und am Geländer befestigt. „Leonardo ist kein Mörder. Er hat die Frau nicht umgebracht. Er leidet unter der Geschichte. Man sieht es ihm an. Sie ist ein Trauma für ihn. Er ist reif für die Klapsmühle, bemerke ich verständnisvoll. Meine Freunde stimmen mir bei. Wir schauen uns bedrückt an. Jeder von uns beginnt, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Was für ein SchicksaI, denke ich. Wie traurig es doch ist, allein zu sterben. Mir fällt ein, dass ich einmal in eine ähnliche Sache verwickelt gewesen war, die mir beinahe das Leben gekostet hätte. Ich lebte damals in New York, das liegt nun 13 Jahre zurück. Meine Streifzüge führten mich zu einem jüdischen Friedhof am Kingscross Highway, nicht weit von Brigthon Beach entfernt. Ich mag Friedhöfe. Mehrere Male ging ich dorthin und studierte die Grabaufschriften. Wie viele russische Emigranten waren nach ihrer Ankunft in Amerika gestorben! Ich stellte mir vor, wie schwierig es für sie gewesen sein mag, ihr Land in der Zeit des Eisernen Vorhanges zu verlassen. Und als sie dann endlich in Amerika, im Land der Freiheit, ankamen, starben sie. Wie grausam. Jene Gräber der Immigranten, die hundert Jahre alt sein mussten, waren nicht eingeebnet worden. Ich identifizierte mich mit Menschen, die auf der Suche nach ihrem Land der Träume, die Welt durchstreiften. Auch ich bin eine Reisende und suche das
Land meiner Träume. Damals wie heute ergreift mich das Schicksal von Menschen, die unterwegs, in anderen Ländern, sterben. Ich besuche ihre Gräber und gebe den Toten meinen Segen. Beim zweiten oder dritten Besuch auf dem New Yorker Friedhof traf ich Charly, den Friedhofsverwalter. Er war ein sympathischer Mann. Wir plauderten lange miteinander, und ich machte ein Foto von ihm und dann führte er mich durch den Friedhof. Bei meinem folgenden Besuch regnete es. Außer mir waren nur zwei Totengräber zugegen. Die beiden hoben gerade ein Grab aus. Ich schaute ihnen zu. Meine Kamera hatte ich offen um die Schulter gehängt. Ab und zu fotografierte ich sie. Als die Grube schon tief war, stellte einer der Totengräber seine Arbeit ein und setzte sich ans Steuer seines Autos, an dem ich lehnte. Mir entgingen nicht die seltsamen Blicke, welche die beiden Männer sich zuwarfen, schöpfte aber keinen Verdacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mir wegen der Kamera etwas antun könnten. Der Mann am Steuer rückte langsam näher zu mir heran. Er war schon fast an meiner Seite, als Charly vorn am Eingangstor auftauchte. Er sagte nichts. Schaute bloß zu uns hinüber. Offensichtlich wollte er uns im Auge behalten. Nach einigen Minuten tauchte er, zu meinem Erstaunen, ein zweites Mal auf. Ich spürte an seiner Körperhaltung Unruhe. Beim dritten Mal kam er auf uns zu und sagte zu den Männern strikt: „Die Arbeit ist für heute beendet. Ihr könnt nach Hause gehen!“ Und zu mir gewandt: „Verlassen Sie bitte den Friedhof. Er ist hiermit geschlossen.“ Ich ging. Erst hinterher, auf der Fahrt mit dem F-Train zurück nach Manhattan, dämmerte mir, wie leicht sie mich unter dem frischen Grab hätten verscharren können. 9 „Wann genau fährt dein Bus nach Lima?“, fragt mich Emilio.
„Ich weiß es nicht. Irgendwann gegen 22 Uhr. Die Tickets liegen auf dem Koffer. Schau bitte nach!“ Seine Frage macht mir klar, dass ich Abschied nehmen muss von Peru. Zumindest bis zum nächsten Jahr, wenn ich wiederkomme. Aus den Gedanken gerissen, schaue ich meine Freunde an. Sie sind merkwürdig stumm. Ich möchte die Stille nicht unterbrechen. Innerlich bin ich noch bei der fremden Blonden im Haus am Meer. Sie lässt mich nicht los. Es ist nicht so wichtig, was passiert, sondern was es in einem Menschen auslöst. Das ist mir oft im Leben klargemacht worden. Solange ich im Haus am Meer wohnte, ist mir nie bewusst geworden, wie unheimlich es war mit seiner seltsamen, unsichtbaren Bewohnerin. Jetzt, wo die Wahrheit bekannt geworden ist, könnte ich keinen Tag länger darin verweilen. Aus der Ferne gesehen, erscheinen die vergangenen Erlebnisse klarer als aus der Nähe. Gewohnheit und Nähe machen bekanntlich blind. Warum bin ich überhaupt in dieses Haus gezogen? Warum musste mir der Geist begegnen? Eigentlich wollte ich ihn nie wahrhaben. Verstand und Vernunft gehen gern andere Wege. Um Zugang zum Unbewussten zu bekommen, beobachte ich meine Affekte. Und die vielen Zufälle. In den Zufällen weben sich die unsichtbaren Fäden des Unbewussten. Ähneln nicht die Gespenster in den unterirdischen Gewölben meiner Träume der Frau, die im Haus herumgeistert? Es kostet mich enorme Kraft, mich meinen eigenen Ungeheuern zu stellen. Zugegeben, die Personen, die ich widerlich finde, sind meine eigenen Schatten. Die Gestalten, denen ich in meinen Träumen begegne, sind meine eigenen Schöpfungen. Da ich sie verabscheue, verdränge ich sie in den Keller des Unterbewusstseins. Ich will nichts von ihnen wissen. Ich mag ihnen nicht begegnen. Sie machen mir eine Seite von mir bewusst, die ich nicht sehen möchte. Sie verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Je mehr ich mich gegen sie sperre, desto beharrlicher werden sie und machen mir die Hölle heiß. Warum habe ich, zum Beispiel, Angeline getroffen, die mir das Haus am Meer vermittelte? Inwiefern
spiegelt sie mich? Seit Beginn unserer Freundschaft habe ich das unbestimmte Gefühl, dass sie mir einen Weg zeigt. Ich brauche ihm nur zu folgen. Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht. Es ist eine Intuition. Warum hat Angeline mir nie etwas von dem spukenden Geist erzählt? Warum erst in dem Moment, als ich davon zu sprechen angefangen habe? Ist doch logisch, sage ich mir, hätte sie mir vor dem Einzug davon erzählt, wäre ich sicherlich nicht eingezogen. Emilio, dagegen, lassen Totengeister kalt. Er versteht meine Aufregung nicht. Für ihn sind sie ständige Begleiter. Die Welt seiner Ahnen ist nur ein Atemzug von ihm entfernt. Er wohnt in der Nähe eines antiken Gräberfeldes, in dem seine Vorfahren bestattet sind. Die meisten Gräber sind ausgeraubt worden und die Knochen liegen, in alle Winde verstreut, herum. Die Sonne hat sie ausgebleicht. Sie sind schneeweiß geworden. Emilio nimmt die Totengeister nicht nur wahr. Er kommuniziert auch mit ihnen. Für ihn sind sie eine Selbstverständlichkeit. Ich will damit nicht behaupten, dass Emilio den Tod bewundert. Doch ist er für ihn viel gewöhnlicher als für mich. Da ist aber noch etwas anderes, eine gewisse Sehnsucht nach dem Tod, die ihm eigen ist, wie so vielen Peruanern, sowie der Hang, den Tod zu verklären. Das wird vor allem in der Architektur klar. Die schönsten Gebäude in Peru sind Tempel, Kirchen und Grabstätten. Aber zurück zu Angeline. Ich kenne sie noch nicht lange. Emilio hat sie vor einem Jahr kennengelernt. Sie ist eine tatkräftige Frau, die genau weiß, was sie will. Am meisten bewundere ich ihren praktischen Sinn. Scheinbar gelingt ihr alles, was sie anpackt. Das schöne Haus am Meer hat sie gegen ein noch schöneres Haus in der Campiña de Moche eingetauscht, ebenda, wo Emilios Mutter und der Großteil seiner Familie lebt, inmitten eines grünen Flusstales, wo die Erde ungewöhnlich fruchtbar ist. Angeline liebt offensichtlich schöne Häuser. Sie ist mit Omu aus den Antillen hierhergekommen. Sie kamen mit der Absicht, bis zum Ende ihres Lebens hier zu bleiben. Warum
sollten sie sich sonst eine Landvilla mit einem riesengroßen Garten kaufen? Omu ist zwanzig Jahre jünger als sie und schwarz. Sie ist weiß. Den Altersunterschied sieht man ihnen an. Ich dachte bei der ersten Begegnung, der Mann an ihrer Seite wäre so etwas wie ihr Assistent. „Nein, lachte Emilio, „er ist ihr Ehemann.“ Im Garten der Landvilla wachsen unzählige Obstbäume. Es gibt Orangen, Bananen, Zitronen, Granatäpfel, Mangos und allerlei exotische Früchte wie Guanábana, Chirimoya, Lúcuma, Lima und Cansaboca, die in Europa unbekannt sind. Angeline und Omu bauen auch Gemüse an und halten Meerschweinchen, Gänse, Papageien und Goldfische. Von der Terrasse ihres Hauses hat man den Blick frei auf die westlichen Ausläufer der Anden. Auf der anderen Seite sieht man, wenn der Himmel klar ist, das Meer in der Ferne. Schöner kann man es sich kaum vorstellen. Ein Leben zwischen den Bergen und dem Meer. Als Angeline mich durch ihren Garten führte, dachte ich, was für ein Paradies! Welch ein Glück hat doch die Frau! Ich war neidisch. Angeline hat sich ihren Traum erfüllt. Ich bewundere die Schnelligkeit und Entschlossenheit ihrer Handlungen. Sie geht stets zielgerichtet ihren Weg. Kaum spricht sie eine Idee aus, macht sie sich auch schon an die Verwirklichung. Ich, hingegen, bin in den fünf Jahren, in denen ich in der Campiña de Moche lebe, unfähig gewesen, ein so schönes Haus zu besorgen. Wie hat sie das bloß geschafft? Seit dem Auszug aus dem Haus am Meer, sind wir Nachbarn und sehen uns täglich. Angeline hat sich schnell eingelebt in der neuen Umgebung. Sie hat schnell Spanisch gelernt und ein Shiatsu-Studio in Trujillo eingerichtet. „Ich bewundere Angeline wegen ihrer Schnelligkeit“, habe ich zu Emilio bemerkt. „Es ist nicht weise, schnell zu sein. Du täuschst dich. Angeline übersieht viele wichtige Details“, erwiderte er. „Ich habe das Gefühl, sie lebt mir vor, wie ich etwas anzupacken habe. Ich bin viel langsamer und unpraktischer als sie“, beharrte ich.
„Jeder hat sein eigenes Maß. Ist jemand zu schnell, können die Früchte des Lebens schwer reifen. Sie können nicht ihre volle Kraft entfalten. Eine grüne Frucht ist wie eine verfaulte Frucht. Zu früh oder zu spät, beides ist schlecht. Der rechte Zeitpunkt ist wichtig. Ihn zu erfühlen, erfordert Geschick, gibt Emilio zu denken. 10 Ein paar Tage vor meiner Abreise nach Deutschland geschah etwas, das Emilios Einwänden recht gab. Angeline und Omu kamen, wie immer, am Abend aus der Stadt zurück und liefen den dunklen Weg zwischen den Feldern zu ihrem Haus, als ihr Handy klingelte. Aber als sie antwortete, meldete sich niemand. Inzwischen waren sie angekommen, schlossen das eiserne Tor auf, machten Licht und gingen in die Küche, die vom Haupttrakt getrennt angelegt ist. Da tauchten plötzlich aus der Dunkelheit des Gartens sieben Männer auf. Sie sahen Pistolen in ihren Händen und Messerklingen und Macheten aufblitzen. Es waren Jugendliche, nicht viel älter als achtzehn. Sie waren schnell, schienen geübt zu sein. Jeder Handgriff saß. Einer von ihnen hielt Angeline die Pistole an die Schläfe. Omu schrie um Hilfe. Da wurde auch ihm eine Pistole an den Kopf gehalten. Die nächsten Nachbarn sind einfache Landarbeiter, deren Häuser zweihundert Meter entfernt liegen. Niemand kam zu Hilfe. Die Diebe packten alles ein, was sie fanden: Handys, Fernseher, Stereoanlage, CDs, Bargeld und Kreditkarten. Angeline gab ihnen alles, wonach sie fragten. Mit Dieben hatte Angeline nicht gerechnet. Sie war vollkommen überrascht worden. Sie hatte nicht einmal Verdacht geschöpft, als sie den stummen Anruf bekam. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass die Diebe den Überfall profimäßig geplant hatten. Sie kannten Angelines und Omus Gewohnheiten ganz genau. Ebenso hatten sie genaue Kenntnisse vom Haus gehabt. Denn die Stelle, wo sie das Loch in die Mauer hauten, ist, strategisch gesehen, die unauffälligste des
ganzen Landsitzes. Sie liegt am entgegengesetzten Ende ihrer Küche. Das Dickicht der Bäume versperrt den Blick in diese Richtung. Weder Angeline noch Omu hatten irgendein Geräusch gehört. Sie hatten sich auf die Sicherheit der Mauer und den elektrischen Stacheldraht verlassen. Sie wähnten sich unverwundbar. Nicht einmal einen Hund hielten sie für notwendig. Dabei hatte Emilio ihnen mehrere Male empfohlen, sich einen Hund zuzulegen. Angeline hatte bloß schnippisch geantwortet, sie könne Hunde nicht ausstehen. Ihr seien Katzen lieber. „Es geht nicht um deine Vorlieben, Angeline! Es geht um deine Sicherheit!“, beharrte Emilio. Aber Angeline ignorierte die Warnung. Auch den Hinweis, dass der elektrische Stacheldraht auf der zwei Meter hohen Mauer kein Hindernis für die Diebe sei. Manchmal stoßen sie mit einem LKW gegen die Mauer, bis sie umfällt. Sie fahren auch einfach in die Häuser hinein, während die Bewohner aus dem Schlaf hochfahren. Sie finden immer einen Weg, um sich Zugang zu dem zu verschaffen, worauf sie’s abgesehen haben. Angeline aber hat alle Warnungen in den Wind geschlagen ... Bei meinem Abschiedsfest aber machten sie und Omu einen gefassten Eindruck. Beide tanzten den Abend über und waren sehr vergnügt. 11 Zurück in Deutschland, merke ich, dass hier alles beim Alten ist: Stillstand. Namenlose Tage, die im Nichts versanden, als hätte es sie nie gegeben. Es passiert, was eh und je passierte. Wer eine Krankheit hatte, hat sie immer noch. Wer blind war, ist blind geblieben. Wer bisher etwas verpasste, wird es weiterhin verpassen. Wer eine Liebe suchte, sucht sie weiterhin vergeblich. In Deutschland tausche ich mit Angeline E-Mails aus. Um ihr eine Freude zu machen, lasse ich ein Foto von ihr und Omu vergrößern. Ein Freund digitalisiert es für mich, damit ich es per Internet verschicken kann. Bevor er es in den Scanner legt, schaut er es an.
„Bei den beiden ist doch längst der Ofen aus!“, behauptet er unverblümt. „Sie ist eine typische Westeuropäerin, die großen Wert auf Geld legt. Nicht wahr, sie hat immer Geld im Portemonnaie?“ „Ja“, stammle ich. „Anfangs mag der Ehemann noch gedacht haben, sie wäre nicht wie die üblichen Weißen“, fährt er fort. „Mittlerweile deutet sein Gesichtsausdruck aber das Gegenteil an. Er weiß, in welche Misere er geraten ist. Ihre Großzügigkeit ist nichts als Schaumschlägerei. In Wirklichkeit rennt sie verbissen hinter dem Geld her. Sie benutzt ihn nur fürs Bett. Die busseln doch nur für dich, fürs Foto. Sie umarmen sich nicht mehr. Das kannst du sehen. Sie täuschen eine Innigkeit vor, die es längst nicht mehr gibt zwischen den beiden. Sieh nur, wie er sich an sie schmiegt! Er umarmt sie mit beiden Armen und sie umarmt ihn auf dieselbe Weise. Wange an Wange, Herz an Herz stehen sie sich gegenüber und schmeißen sich für dich in Pose. Jawohl, es ist nur eine Pose. Weiter nichts. Schau mal, wie ihre Gesichter aussehen. Sie sind von Streit zerfressen. Kein Fünkchen Harmonie ist mehr zu spüren. Jeder von ihnen ist innerlich weit weg vom anderen. Von Liebe ist da nicht mehr die geringste Spur ...“ Mein Freund ist in Fahrt geraten. „Ich habe dich nicht nach deinem Urteil gefragt, sondern nach einem Scan“, antworte ich schnell, um seine Worte zu unterbrechen, die sich tief in meine Gehirnwindungen einbohren. Das einzig Unangenehme, was mir an Angeline aufgefallen war, war ihre Streitsucht. Ihre ätzende Art, Menschen zu kritisieren. Sie nahm jedes Problem unter die Lupe und sezierte es bis ins Kleinste. Vornehmlich die Fehler und Schwächen ihres Ehemannes. Sie machte ihn gelegentlich vor anderen runter. Manchmal steckte sie mich damit an. Da rutschten mir in Emilios Beisein Worte heraus, die verletzend waren. Danach sprachen Emilio und ich gewöhnlich einige Tage nicht mehr miteinander. Weder er
noch ich sind nachtragend. Wir verzeihen leicht. Doch häuften sich die Streitereien besonders dann, wenn wir zu Gast bei Angeline und Omu gewesen waren. „Jedes Mal streiten wir uns nach einen Besuch bei Angeline!“, warf mir Emilio vor. Er hatte recht. Angeline ist innerlich zerrissen. Auf der einen Seite will sie glücklich sein mit ihrem Mann, auf der anderen macht sie ihn lächerlich. „Ich werde in Zukunft nicht länger für deinen Unterhalt aufkommen!“, hatte sie ihm einmal vor uns an den Kopf geworfen. Sie schrieb jeden Pfennig auf, den sie ausgab. Ihr Mann schien hauptsächlich zu ihrer Bedürfnisbefriedigung da zu sein. Genau gesehen, steckt tatsächlich etwas Wahres in den Worten meines Freundes. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass Angeline mir einmal erzählte, dass Omu sie mit einem Küchenmesser bedroht habe. „Er hat mich mit der linken Hand am Schopf gepackt und in der rechten hielt er das Messer. Ich bring dich um!“, hat er geschrien. 12 Nach vier Monaten in Deutschland kehre ich nach Peru und zu Emilio zurück. Kaum angekommen, bittet uns Angeline zu sich nach Hause. Emilio und ich pochen am Tor ihrer Villa. Es ist ein riesiges Tor aus Metall, mehr zu einer Festung passend als zu einem Wohnhaus. Eine Luke öffnet sich und von innen schauen uns zwei misstrauische Augen an. Sie gehören Angeline. Als sie uns erkennt, verzieht sich ihre Miene zu einem Lächeln. Wir betreten den Garten. Der Garten mutet noch paradiesischer an, als ich ihn in Erinnerung habe. Ich habe selten etwas Schöneres gesehen. Angeline hat das Haus nach ihrem Einzug verbessern lassen. Sie hat einen guten Geschmack. Ich genieße den atemberaubenden Ausblick auf die Vorläufer der Anden. Im Garten laden zwei Hängematten zwischen exotischen Gewächsen zum
Verweilen ein. Die Pflanzen strahlen Sattheit, Üppigkeit und Vitalität aus. Mittendrin in diesem zugewachsenen Dickicht entdecke ich einen kleinen Springbrunnen, in dem das Wasser fröhlich plätschert. Die orangefarbenen Fische darin leuchten wie Juwelen. Angeline zeigt mir die Feigenbäume, Lorbeersträucher, Kakaobäume und Kaffeestauden sowie Safran-, Anis- und Kümmelsträucher, die überall zwischen den Bäumen wuchern. Die schweren Fruchtstände der Bananen krümmen ihre Stämme. Avocados werden gerade geerntet. Es stehen überall große Körbe herum. Zitronen und Apfelsinen sind noch am Reifen. Angeline pflückt einen Granatapfel und schenkt ihn mir. „Habt ihr auch Maracujas?“, will ich wissen. Sie winkt mir, ihr zu folgen. Sie führt mich zu einem Stall, der überwachsen ist mit Passionsfrüchten. Sie sind schon gelb. Daneben wächst eine Frucht, die ich nicht kenne. „Das sind Tumbos“, sagt sie. „Wie schmecken sie?“, frage ich neugierig. „Nach nichts Vergleichbarem. Koste sie. Hier, nimm eine mit nach Hause“, fordert sie mich auf und pflückt eine Frucht von der Kletterpflanze. So wandeln wir weiter durch den verwunschenen Garten. „Wir werden für ein halbes Jahr verreisen, sagt Angeline plötzlich zu mir und fügt hinzu: „Ich bitte dich, Haus und Garten zu übernehmen.“ Inzwischen hatten wir die Küche erreicht. In eine Ecke gequetscht, sitzt ein Hund und schaut verstört drein. Es handelt sich um einen „perro calato“, was wörtlich „nackter Hund“ heißt, denn in der Tat sind die Hunde dieser uralten einheimischen Rasse haarlos. Dieser hier scheint irre zu sein. Er hat einen entsetzlichen Ausdruck in den Augen. Es ist nicht nur Angst. Ich schaue in ein Wesen, das zutiefst gedemütigt worden ist. So tief, dass es verrückt geworden ist. Diese Art von Hunden ist intelligent und sehr sensibel. Werden sie geschlagen, sterben sie. Emilio und ich haben einen Hund von derselben Rasse namens Sol. Er ist das Gegenteil von Angelines Hund,
nämlich ein draufgängerischer Schmeichler. Ich versuche, Angelines Hund zu streicheln, doch er weicht meinen Zärtlichkeiten aus, scheut meine Hand, wie jemand, der Schläge gewohnt ist. Ich sehe innere Panik. Er möchte wegrennen. Weit weg. Nur weg! Wäre da nicht die Mauer, die ihn ringsherum gefangen hält ! Spiegelt er vielleicht das, was in Angeline und ihrem Mann vorgeht? Seit die Diebe ihr eine Pistole an die Schläfe gehalten haben, scheint Angeline in einen Abgrund gefallen zu sein. Hinterher muss ihr klar geworden sein, wie nah sie dem Tod gewesen ist. Vor kurzem hat man im Dorf einen Campesino tot aufgefunden. Er wurde erschossen, weil er seine Ziege nicht hergeben wollte. „Stell dir vor“, sagt Angeline, mit vor Empörung aufgerissenen Augen, „wegen einer Ziege bringen sie hier einen um!“ Sie macht sich daran, Kaffe zu kochen. „Wie heißt dein Hund eigentlich?“, frage ich. „Tumi”, antwortet sie. Dieses zitternde Bündel soll nachts das Haus bewachen? Wie unrealistisch doch Angeline manchmal ist, der Hund hat doch mehr Angst als sie! „Bellt er nachts?“, frage ich weiter. „Nie”, antwortet sie. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit einem von diesen Hunden. Es war ein Welpe, der unentwegt um sich selbst herumsprang. Er verfolgte seinen eigenen Schwanz und drehte sich wie ein Wirbelwind um sich selbst herum. Ich sah die großen, spitzen Ohren und verwechselte ihn zuerst mit einem Fuchs. Später fand ich heraus, dass er ein „perro calato“ gewesen sei. Komische Hunde, hatte ich gedacht, was sich die Natur manchmal ausdenkt? „Der Kaffee ist fertig!“, ruft Angeline. Der Ruf gilt Omu und Emilio. Wir können sie nicht sehen. Sie sind irgendwo im Garten. Ich gehe sie suchen und entdecke sie an der Bar stehend. Omu demonstriert Emilio gerade seine Stärke. Er zeigt ihm seinen Revolver. Er hat das Magazin geöffnet
und die Patronen vor sich ausgebreitet. Emilio nimmt den Revolver in die Hand und steckt den Lauf in den Mund. „Bist du verrückt geworden?“, schreie ich ihn entsetzt an. Emilio nimmt den Revolver aus den Mund und sagt ruhig: „Mach dir keine Sorgen, es sind keine Patronen drin!“ „Das hat Omu dir gesagt, wie oft aber haben sich Menschen schon aus Versehen umgebracht?“ Hinter uns erschallt die Stimme Angelines ein zweites Mal: „Der Kaffee ist fertig!“ Unverfroren nimmt Omu den Revolver in seine Hand, zielt nach oben in die Luft und schreit: „Damit kann mir keiner mehr etwas anhaben. Von jetzt ab flüchten sie alle vor mir!“ Wild geworden, zielt er nun in alle Himmelsrichtungen und donnert: „Bumm! Bumm! Bumm!“ Der Mann ist verrückt geworden, denke ich. Genauso wie sein Hund. Bevor wir gehen, zeigt mir Angeline die neue Alarmanlage. Sie hat sie nach dem Überfall anbringen lassen. Kaum klickt sie den Schalter an, erschallt eine ohrenbetäubende Sirene. Wie will die Sirene sie beschützen, wenn sie sich selbst nicht beschützen kann?, frage ich mich. Ich glaube nicht an Stacheldraht, Pistolen und Alarmanlagen. Ich glaube an meine eigene Macht und Kraft. Es sind meine eigenen Gedanken und Gefühle, die entscheiden, was passiert. Ich deute meine Gedanken Angeline an. Wie immer will sie nichts davon wissen. Ehrlich gesagt, ich war früher einmal genauso ein Dickkopf wie Angeline. Deshalb kann ich es ihr nicht übel nehmen. Lange Zeit war ich nur auf Äußerlichkeiten bedacht. Unfähig zu begreifen, dass die Welt zuerst im Innern entsteht. Um mich zu verändern, musste ich mich zuerst im Inneren verändern. Das Äußere folgte automatisch. Ich renne jetzt nicht mehr wie ein Hamster im Käfig herum, um zu bekommen, wonach mich gelüstet. Angeline gibt mir zu verstehen, dass sie nur an die Arbeit ihrer Hände glaube. Sprechen wir über das Innere, weiß sie nicht einmal, wovon ich rede. Sie wirkt dann komplett hilflos. Sie ist sich selbst ein Rätsel.
„Meinst du nicht, dass Omu an dem Überfall schuld ist?“, fragt sie mich unter vier Augen. „Er hat etwas Düsteres an sich.“ „Du projizierst doch nur deine Schattenseite auf ihn“, erwidere ich. „Von welchen Schatten redest du?“ „Von deinen, Angeline!“ „Meinst du, uns ist der Überfall nicht zufällig passiert?“ „Warum kramst du in der Seele deines Mannes herum und nicht in deiner eigenen?“, frage ich. „Ich sehe nichts bei mir“, sagt sie wie ein hilfloses Mädchen. „Alles, was du siehst, ist ein Spiegelbild deiner selbst. Du siehst die Welt nicht. Es ist ein Trugschluss. Du siehst dich selbst. Die Welt ist in dir.“ „Ich verstehe nicht, was du meinst“, antwortet sie. Langsam dämmert es mir, warum Angeline so hart arbeitet. Warum sie nie allein sein kann. Sie ist Tag und Nacht mit ihrem Mann zusammen. Seit drei Jahren arbeiten und leben sie zusammen. Sie kann überhaupt nichts mit sich selbst anfangen, denke ich. Seltsame Heilerin, wundere ich mich. Wie will sie Menschen heilen können, wenn sie sich selbst nicht heilen kann? Sie hat ein Shiatsu-Studio und behandelt Menschen mit Spannungen und Blockaden. In einem gewissen Sinn gebe ich ihr auch recht. Ich verstehe sie. Unser Inneres ist ein Rätsel. Wir wissen nicht, wer wir sind. Unsere Ureigenschaften liegen im Dunkeln. 13 Dann ist es so weit. Angeline und Omu reisen ab. Plötzlich finden Emilio und ich uns an ihrer Stelle im Garten der Landvilla wieder. Meine Intuition hat mich nicht getäuscht. Angeline hat uns den Weg, auf dem wir gehen sollten, geebnet. Wir schwimmen in ihrem Fahrwasser. Willkommen im Paradies!, höre ich meine innere Stimme sagen, als ich allein durch den Garten streife. Umgeben von Kolibris und Schwärmen von Papageien, lasse ich
mich in der Hängematte hin- und herbaumeln. Der Geist der Kolibris verführt mich zu einem Tanz der Freude. Ich labe mich am Nektar des Lebens. Hier bin ich nun, in einem fernen Land, das mich mit seiner sonnenhaften Leichtigkeit einlullt und mir die Natur zum Geschenk macht, in der ich meine Flügel ausbreiten kann, um endlich in den unendlichen Weiten meines Universums zu fliegen. Ich fühle mich aufgehoben in der liebenden Fürsorglichkeit Emilios, dessen Lebenslust wie Lava glüht. Die Steine der Vergangenheit sind aus dem Weg gerollt. Ich wandle auf der Sonnenseite des Lebens. Die Lebenslust erhellt meine Wanderschaft durch die inneren Kammern meines klingenden Ichs. Alle Dinge im Leben besitzen ihren eigenen Rhythmus, folgen ihrem eigenen Lauf. Ich habe wieder einmal überhaupt nichts getan, um dieses Haus zu bekommen. Das Leben ist komisch. Sobald ich etwas haben will, bekomme ich es nicht. Die Dinge treten nicht ein, wenn man sie erwartet. Sie treten ein, sobald sie vergessen sind. Etwas nicht mehr haben wollen, ist scheinbar der sicherste Weg, um es zu bekommen. In das Haus am Meer konnten Emilio und ich nicht zurückgehen. Ehe wir darüber nachdenken konnten, hatten wir ein neues, noch traumhafteres Haus. Ich habe jetzt vor allem Zeit. Nichts zwingt mich. Nichts drängt mich. Ich bin mir selbst genug. Ich habe mich auch längst getrennt von der Vorstellung, nur eine einzige Person zu sein. Ich bin mir selbst auf den Wegen dieser Welt begegnet mit tausend verschiedenen Gesichtern, und stets bin ich ein und dieselbe geblieben. Verregnete Sehnsucht tropfendes Unbekanntes Ich bin ein weiter Weg durch die Räume eines Traumes Antworten kommen ohne Fragen sehen durch die Nacht Auf menschenleeren Fluren begegnen mir meine zahllosen Gesichter Ewig bin ich selbst
der Ursprung Nichts will ich werden was ich nicht schon bin
In der ersten Nacht, die wir im neuen Haus verbringen, träumt Emilio von einem apokalyptischen Reiter, der den nahen Cerro Blanco herabgeritten kommt. Für die Einheimischen gilt dieser Berg als Huaca, ein heiliger Platz mit besonderer Energie. Der Reiter kommt in eine schwarze Wolke gehüllt. Der Mann auf dem Pferd ist schwarz, schwarz wie der Tod. Anderntags kleben an der Westwand des Hauses hunderte von dicken, schwarzen Scarabäen, die brummen, wenn sie durch die Luft fliegen. Jeder von ihnen ist zirka drei Zentimeter groß. Als Emilio über den Rasen läuft, hüllen die Käfer ihn von unten bis oben ein. Es sieht bedrohlich aus, als würden sie ihn verschlingen wollen. Kaum wohnen wir drei Wochen in dem wunderbaren Haus, steht Angeline schon wieder vor der Tür. Sie ist allein. „Wolltest du nicht ein halbes Jahr auf Reisen gehen? Wo ist denn Omu?“, frage ich. „Er hat eine andere. Wir haben uns getrennt“, gibt sie zu verstehen. „Was, so schnell?“, wundere ich mich. „Er hat sie schon nach drei Tagen geheiratet“, sagt Angeline. „Donnerwetter! Seid ihr denn nicht verheiratet?“, frage ich noch erstaunter „Wir sind nicht verheiratet. Wir hatten bloß eine Lebensgemeinschaft.“ „Was passiert nun?“ „Ich muss erst nach Lima. Dann fliege ich in die USA und nach Frankreich. Ich gehe allein weiter. Macht euch keine Sorgen, es geht mir gut.“ „Und was wird aus Omu?“ „Er wird in einigen Tagen hierherkommen. Gebt ihm seine Sachen. Danach bitte ich euch, ihm keinen Zutritt mehr zu gewähren.“
„Angeline“, sage ich verwundert, „du bist doch nur seinetwegen hierhergekommen. Das Haus hast du doch speziell für ihn gekauft, um glücklich mit ihm zu sein!“ „Ich weiß“, sagt sie. Ungewollt begegnen sich unsere Blicke. Wir schauen uns in die Augen. Angeline hat einen warmherzigen Zug in ihrem Wesen. Besonders Frauen gegenüber. Da kann sie sich ohne Scheu wie eine Blume öffnen, ihre guten und schlechten Seiten zeigen. Angeline bleibt bis zum späten Nachmittag. Dann geht sie. Ich weiß nicht, wohin. Sie ist eine Weltreisende, wie ich. Ihr ganzes Leben lang ist Angeline unterwegs gewesen. Sie ist in Frankreich geboren, doch ging sie in Algerien zur Schule. Sie heiratete einen Algerier und bekam von ihm einen Sohn. Der Sohn ist inzwischen über dreißig und hat eine Familie in den USA. Danach ist Angeline in die ehemaligen französischen Kolonien gereist. Auf den Antillen blieb sie hängen, bis sie nach Peru kam. Der Sohn hat sie nie besucht. Omu steht kurz nach Ostern vor der Tür. Er hat seine neue Frau mitgebracht. Emilio bittet die Frau höflich, im Haus seiner Mutter zu warten. Omu ist wortkarg. Er kramt in seinen Sachen herum. Nach zwanzig Minuten kommt er mit einem Plastikbeutel heraus. Mehr scheint ihm nicht zu gehören. Ich möchte seine Version von der Trennung hören. Angeline habe ihn mitten in den Anden sitzen lassen, erzählt er. Er hätte keinen Pfennig bei sich gehabt. Die Frau, die er nach drei Tagen geheiratet habe, habe ihn aufgenommen. „Wo gehst du nun hin?“, frage ich. „Ich gehe nach Hause zurück, auf die Antillen.“ „Mit deiner neuen Frau?“ „Ja. Ich werde sie nachholen.“ 14
Inzwischen streitet sich Angeline mit den Behörden in Lima wegen ihres peruanischen Ausweises herum. Diese weigern sich, ihn zu verlängern. Zweimal pro Woche ruft sie bei uns an. Zudem hat jemand versucht, fünfzigtausend Dollar vom Konto ihres Internet-Bankings zu rauben. Sie verdächtigt Emilio, da er Zugang zu ihren Papieren habe. In Wirklichkeit hat er nie in sie hineingeschaut. In Lima macht sie eine Anzeige bei der Interpool. Kurz darauf erfährt sie, dass es eine internationale Mafia gewesen sei. Nebenbei kündigt sie offiziell ihre Lebensgemeinschaft mit Omu bei der französischen Botschaft. Jedes Mal, wenn ich von ihr höre, hat sie Schwierigkeiten. Ein Unglück kommt selten allein. Nach vier Wochen steht Angeline wieder vor der Tür. Sie sieht blendend aus. Freudestrahlend fragt sie mich, ob mir eine Veränderung an ihr auffallen würde. „Du siehst jung aus“, sage ich, „irgendwie befreit.“ „Ich habe mich in den letzten Tagen nicht gemeldet, weil ich beim Chirurgen war. Ich habe eine Schönheitsoperation machen lassen. Frag bitte nicht, wie weh es tat.“ Sie griff sich mit den Händen hinter die Ohren, wo die Narben der Einschnitte waren. Ihre Mundwinkel sind angehoben. Und die Konturen ihrer Lippen sind nachgedunkelt. Dadurch wirken sie voller. „Du hast Mut“, sage ich. „Seitdem Omu weg ist, fühle ich mich befreit“, behauptet sie. Sie geht ins Haus. Ich habe Angst, sie könnte merken, was in ihrer Abwesenheit alles kaputt gegangen ist. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu reparieren. Sie kontrolliert nichts. Nicht einmal von ihrem Hund nimmt sie Notiz. Er hockt weit weg von ihr und macht nicht die geringsten Anstalten, sie zu begrüßen. Ein seltsames Verhältnis zwischen Hund und Herrin. Ihre Katze war schon am ersten Tag unseres Einzuges abgehauen. Angeline wechselt ihre Kleider. Ich koche eine Hühnersuppe. Emilio und ich haben inzwischen fünf „perros calatos“. Wir sind vernarrt in diese Hunde. Dummerweise hat einer von den
Hunden alle Meerschweinchen getötet. Ihr fällt es nicht einmal auf. „Angeline, ich staune, wie ruhig du bist“, bemerke ich. „Das scheint nur so“, sagt sie und erzählt mir, dass sie in Lima vor drei Tagen alle Papiere und Ordner vom Tisch des Beamten der Einwanderungsbehörde gefegt habe, samt Telefon und Computer. „Hast du denn immer noch keine Verlängerung von deiner Aufenthaltsgenehmigung bekommen?“ Sie schüttelt den Kopf. Dabei fällt mir eine Frage ein, die mir schon lange auf dem Herzen liegt. Besser, ich ergreife die Gelegenheit, bevor sie mir wieder entwischt. „Glaubst du nicht, dass der Bauleiter, den du beschäftigt hast, der Drahtzieher der Diebe war, die dich überfielen? Er kennt dein Haus schließlich wie kein anderer. Die Diebe wussten genau Bescheid. Sie wussten, wo deine Küche ist, und bohrten das Loch auf der entgegengesetzten Seite der Mauer. Das sieht für mich nicht nach Zufall aus!“ „Misch dich bitte nicht in meine Angelegenheiten ein“, bittet sie mich strikt. Mehr als einmal war mir aufgefallen, dass Angeline diejenigen verachtet, die sie lieben, und vor denjenigen kriecht, die sie betrügen. Sie hat eine falsche Vorstellung vom Leben, ins Gehirn eingestanzte Regeln, von denen sie keinen Zentimeter abrückt. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart zunehmend unwohl. Nachdem sie gegangen ist, bin ich erleichtert. Einige Tage später ruft Angeline aus Lima an und bittet uns, ihr sofort ihre Impfausweise zu schicken. Während des Suchens fragt Emilio erstaunt: „Wozu braucht sie Impfausweise?“ „Sicherlich, um nach Venezuela zu fliegen. Dort verlangen sie bei der Einreise die Impfung gegen Gelbfieber.“ „Sie wollte doch in die USA reisen? Warum plötzlich nach Venezuela?“ „Ganz einfach, Emilio, die Antillen liegen vor der Tür Venezuelas. Sie reist Omu nach!“
„Das gibt es nicht! Hat sie nicht das letzte Mal behauptet, sie könne endlich wieder frei atmen, seitdem er weg ist?“ „Ja“, sage ich, „aber sie ist ein leidenschaftlicher Mensch, geradezu besessen von ihm. Solange er sie gut behandelt hat, war sie schlecht zu ihm. Jetzt, wo er sie schlecht behandelt, liebt sie ihn plötzlich wie wahnsinnig. Verstehst du das denn nicht?“ Kurz darauf träume ich von einer dicken, schwarzen Schlange, die auf mich zu kriecht. Jemand redet auf mich ein, die Schlange sei harmlos, was aber nicht stimmt. Ich Dummkopf lasse sie näher an mich heran, statt abzuhauen. Da beißt sie mich und ich spüre ihr Gift überall in meinem Blut. In derselben Nacht werde ich wach, weil der irre Hund Angelines heult. Es ist ein lautes, unaufhörliches Heulen, welches die Nacht durchbohrt. Ich habe den Hund noch nie heulen hören. Was mag bloß in ihn gefahren sein? Eines Morgens klingelt früh das Handy von Emilio. „Carajo! Welcher Idiot ruft in aller Herrgottsfrühe an?“ Er antwortet mit seinem Namen und ich höre, wie er sagt: „Wie seltsam.“ Er hört der Stimme am anderen Ende geduldig zu und wiederholt: „Wie seltsam!“ Als er das Gespräch beendet hat, kommt er ins Bett zurück und sagt: „Angeline ist tot.“ Ich will es nicht glauben. Doch als ihm die Tränen kommen, weiß ich, dass es wahr ist. Emilio weint wie ein kleiner Junge. „Sie ist tot“, schluchzt er, „meine Freundin ist tot.“ „Sie ist doch vor kurzem noch quicklebendig gewesen. Wie kann sie jetzt einfach tot sein?“, frage ich fassungslos. Angeline war tatsächlich auf die Antillen gereist. Dort hat sie Omu getroffen. Am Tag des Unfalls war sie mit ihm ausgefahren, um Gas zu kaufen zum Kochen. Von der gegenüberliegenden Fahrbahn sei ein Landrover entgegengekommen, mit dem sie frontal zusammenstießen. Angeline, die auf dem Beifahrersitz saß,
sei sofort tot gewesen. Omu, der am Steuer saß, überlebte. Er hat nicht einmal einen Kratzer abbekommen. „In drei Tagen ist die Beerdigung“, schluchzt Emilio. 15 Ich wohne seither im Haus einer Toten. Ich schlafe im Bett einer Toten. Ich esse von den Tellern einer Toten und trage die Kleider einer Toten. Ich höre Angelines Stimme in meinen Ohren. Sie ist nie verklungen. Es ist, als würde sie neben mir stehen, als wären wir nur durch einen unsichtbaren Schleier getrennt. Manchmal denke ich, der Anruf wäre ein schlechter Scherz gewesen und Angeline würde wiederkommen. Aber es bleibt still um sie. Ganz still. Ich schaue mir in der Zwischenzeit ihre Fotos an. Mit achtzehn war sie wunderschön. Da war sie die Frau, die ich in meiner Vision gesehen habe. Ich scanne das Bild und lege es in den DVD-Player. Auf diese Weise ist sie im Haus. Ich öffne ihre Ordner und studiere ihr Leben. Zum ersten Mal tauche ich in ihr Leben ein. Ich entdecke viele Gemeinsamkeiten. Wir sind uns ähnlicher gewesen, als ich dachte. Ich mag nicht darüber nachdenken. Manchmal habe ich Probleme übernommen, weil ich mich zu sehr mit ihnen identifizierte. Angeline war eine Meisterin im Abladen ihrer Probleme. Mag auch äußerlich einiges übereinstimmen, innerlich sind wir doch verschieden, denke ich. Mein Lebensziel ist die Freiheit. Ich mache mich nicht gern abhängig von etwas. Ich binde mich nicht gern. Ich verlasse mich nicht gern auf andere. Freiheit bedeutet für mich auch, sich auf sich selbst zu verlassen, auf die eigene Kraft, aus sich selbst heraus zu leben, ohne Fremdbestimmung. Freiheit bedeutet für mich, sich selbst aushalten zu können, Fehler, Schwächen, Schatten. Freiheit bedeutet, den Reichtum meines Innern zu genießen. Freiheit bedeutet auch, mich nicht von den Gedanken anderer abhängig machen zu lassen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Ich bin mit denselben Schwierigkeiten im Alltag konfrontiert wie Angeline. Ich bin oft allein. Auch nachts. Anfangs schlich sich Angst ein. Eine unheimliche Angst. Was wäre, wenn es mir so ergehen würde wie Angeline? Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über meinem Haupt. Inzwischen geht das Leben weiter. Garten und Haus machen eine Menge Arbeit. Emilio holt Hilfe herbei. Gianella, seine Nichte, wird unser Hausmädchen. Sie hat Angeline nie gekannt, kennt sie nur vom Hörensagen. Pedro übernimmt die Gartenarbeit. Und Juan ist unser Nachtwächter. Alle drei stammen aus Emilios Familie. Wir haben auch neue Nachbarn bekommen, auf dem Grundstück nebenan. Zum Glück sind es gute Leute und wir halten zusammen. Wir beschützen uns gegenseitig. Die Familie von Emilio ist immer schnell zur Stelle, sobald Not am Mann ist. In ihrer Gemeinschaft lerne ich, wieder ein soziales Leben zu haben, was ich als Künstlerin verlernt habe. Es hat sich eingebürgert, einmal pro Woche einen Apfelkuchen zu backen. Wir essen an einem großen, rechteckigen Tisch, an dem zehn Personen Platz haben. Es ist ein schönes Gefühl, Menschen mit Genuss essen zu sehen. Ich fühle mich dabei heimisch. Angeline war einmal bei einer solchen Runde dabei gewesen. Sie hatte sich gewundert, wie viele Menschen an ihrem Küchentisch Platz fanden. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Angelines verwirrter Hund ist bei uns geblieben. Er hat sich zu unserer eigenen Horde Nackthunde gesellt. Meilenweit gegen den Wind nehmen sie jedes Geräusch ringsherum wahr. Seit Wochen heulen und jaulen die Hunde in der Nacht. Nicht nur unsere, auch die unserer Nachbarn. Es hört sich schauderhaft an. „Die Toten gehen spazieren“, sagt Emilio. Gianella, seine Schwester, behauptet neuerdings, sie habe ein Gespenst gesehen. Während des Saubermachens im Saal sei ihr Blick unwillkürlich auf die Terrasse gelenkt worden, und da habe sie den Schatten entdeckt, der sie unentwegt beobachtete.
„So klar wie ich dich vor mir sehe ... der Schatten“, stottert Gianella. In den folgenden Monaten sieht sie ihn häufig. Meistens in der Nähe der Terrasse. Manchmal hört sie gleichzeitig auch eine wunderschöne Sopranstimme, die ihr wie eine Engelsstimme erscheint. Ein anderes Mal steht Gianella in der Küche und wäscht ab. Aus dem offenen Fenster meines Schlafzimmers im ersten Stock hört sie wieder den Gesang. Er ist so anmutig, luftig und schön, dass ihr ganz warm ums Herz wird. Auch der Gärtner sieht den Schatten und hört die Engelsstimme. Nur ich sehe und höre nichts. Eines Morgens meldet sich Gianella krank. Sie habe das Gespenst schon wieder im Haus gesehen. Diesmal aber habe sie fürchterliche Kopfschmerzen bekommen, als würde ihr Gehirn platzen. Auch Emilio klagt über dieselben Kopfschmerzen. Nach einer Woche kommt Gianella in den Garten zurück. Wieder sieht sie das Gespenst. „Es ist deutlich zu sehen. Ohne jeden Zweifel steht ein schwarzer Schatten im Garten und schaut mir bei der Arbeit zu.“ Und eines Nachts träumt sie von einer blonden Frau. Sie trifft sie allein in der Wüste, unterhalb der Pyramiden. Die Wüste beginnt fünfhundert Meter von unserem Garten. Die blonde Frau ist Gianella unbekannt. Sie packt jedoch Gianella mit beiden Händen an den Schultern und rüttelt und schüttelt sie. Ihr Gesicht ist wutverzerrt. Doch hinter der Wut steckt eine unendliche Verzweiflung. Gianella will sich losreißen von der Fremden. Da entdeckt sie ein Messer in ihrer Hand. Es zielt auf ihren Bauch. Mit der ganzen Kraft, die eine 22-jährige Frau aufbieten kann, reißt sich Gianella los und rennt weg. „Der Schatten“, gesteht Gianella, „ist immer in meiner Nähe. Im Saal, auf der Terrasse oder im Garten.“ Es ist Angeline, die endlich nach Hause zurückgekommen ist. Gundula Schulze-Eldowy Campiña de Moche/Perú, den 5.April 2008