WINGS FOR
Wir haben ein Ziel. Querschnittslähmung heilen. Dafür fließt jeder Euro, den Sie spenden, zu 100 % in die Forschung. AUSGABE Nº 9
www.wingsforlife.com
STIFTUNG FÜR RÜCKENMARKSFORSCHUNG
Das
Ende
einer Weltreise Vanessa verunglückt in Neuseeland beim Trampolinspringen
MENSCHEN 80 Meter freier Fall am Wilden Kaiser
FORSCHUNG Sieben Projekte im Mittelpunkt
FUNDRAISING Allein und doch gemeinsam beim Wings for Life World Run
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t i u r f r You e i g g e V &
SUPPORT YOUR IMMUNE SYSTEM. Vitamin C & D contribute to the normal functioning of the immune system. We indicate the importance of a varied and balanced diet and healthy lifestyle. Recommended intake: a glass (250 mL) per day.
Coverfoto: Mona Lechner, Foto: Joerg Mitter
VORWORT
IMPRESSUM Medieninhaber und Herausgeber: Red Bull Media House GmbH, Oberst-Lepperdinger-Straße 11 – 15, 5071 Wals bei Salzburg, FN 297115i, Landesgericht Salzburg, ATU 63611700, www.redbullmediahouse.com Redaktion und Produktion: Red Bull Media House Co-Publishing, Heinrich-Collin-Straße 1, 1140 Wien, Tel.: + 43/1/90 221-0 Mitarbeiter dieser Ausgabe: Markus Böttinger, Vieri Failli, Anita Gerhardter, Wolfgang Illek, Verena May Redaktion: Marco Gröbner, Stefanie Schwarz, Christina Herbst Managing Director Publishing: Stefan Ebner Head of Co-Publishing: Susanne Degn-Pfleger Art Director: Dominik Uhl Fotoredaktion: Matti Wulfes Grafik: Andreea Parvu Lithografie: Clemens Ragotzky Lektorat: Monika Hasleder, Belinda Mautner Producer: Friedrich Indich, Walter Sadaba, Sabine Wessig Herausgeber & General Manager: Andreas Kornhofer Druck: Offset 5020 Druckerei & Verlag Gesellschaft m.b.H. Bayernstraße 27 5072 Wals-Siezenheim Österreich In Kooperation mit Wings for Life Stiftung für Rückenmarksforschung Fürstenallee 4 5020 Salzburg Österreich Tel.: +43/662/65 82-4244 E-Mail: office@wingsforlife.com Firmenbuchnummer: FN 251592p Rechtsform: Privatstiftung, gemeinnützig Firmenbuchgericht: Landesgericht Salzburg Geschäftsführung: Anita Gerhardter
Liebe Freunde und Unterstützer, auch uns hat Corona vor große Herausforderungen gestellt. Spenden aktionen und Events mussten abgesagt oder verschoben werden, unsere Forscher konnten nicht zum Scientific Meeting anreisen, und Menschen mit einer Querschnittslähmung wurden zur Hochrisiko gruppe. Warum sie mit Infektionen besonders vorsichtig sein müssen, erklären wir auf Seite 30. Außerdem stellen wir den kleinen Emerson vor, dessen Geschichte (auf Seite 6) uns besonders berührt hat. Ab Seite 32 blicken wir zurück auf den Wings for Life World Run, der nach einem Jahr Vorbereitung auf der Kippe stand. Erst wenige Tage vor dem Event war klar, dass die Menschen rausgehen und mit der App laufen dürfen. Wir steckten so viel Energie in die Planung und waren am Ende einfach nur überwältigt. Mehr als 77.000 Teil nehmer liefen allein und dennoch gemeinsam für die Rückenmarks forschung. Wir möchten uns auch hier noch einmal von Herzen dafür bedanken, dass Sie sich gerade in dieser Zeit – unter diesen Umständen – für die gute Sache begeistert haben. Und auch die Wissenschaft fand weltweit Wege, weiterzumachen. Einige der aktuell geförderten Projekte stellen wir auf Seite 24 vor – und mehr zu einer besonders aussichtsreichen Studie in Kentucky finden Sie ab Seite 52. Wir stehen vor vielen Herausforderung, werden unser Ziel aber mit Herzblut weiterverfolgen. Und wir sind überzeugt: Mit Ihrer Hilfe werden wir Querschnittslähmung heilen. Wir wünschen Ihnen nun viel Freude beim Lesen dieser Ausgabe. Bleiben Sie gesund. Ihr Wings for Life Team ... LIFE | 3
INHALT AUSGABE Nº 9
18 MENSCHEN
FORSCHUNG
6 Das hat uns be
sonders bewegt
Die Geschichte des kleinen Emerson.
18 Das Ende einer Weltreise
Vanessa tourt um die Welt. Bis zu diesem einen Tag in Neuseeland.
30 Wussten Sie ...
... dass Infektionen für Querschnitts gelähmte gefährlich sind? Wolfgang Illek erklärt, warum.
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46 Verhängnis
Wilder Kaiser T orsten fällt 80 Meter in die Tiefe.
58 Wie Achter
24 Forschungs projekte im Fokus
Wir rücken sieben Forschungsprojekte ins Rampenlicht.
bahnfahren
Kristina zählte zur Weltelite im Bahnradfahren.
66 Kolumne
Was Freiheit wirklich bedeutet.
24
4 4 Talente
im Fokus
Fragen an Aya Takeoka, Neuro wissenschaftlerin in Belgien.
Fotos: Mona Lechner, Lena Wandinger, Ian Witlen, Peter Rigaud/The Red Bulletin, privat
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46 8 FUNDRAISING
52 Mit Gleichstrom ins Gehirn
US-Forscherin Lumy Sawaki arbeitet an einer neuen Therapieform.
54 Ihre Spende forscht
Zahlen und Fakten zu den aktuell ge förderten Projekten.
56 Wissensquiz
8 Moment
aufnahmen
Grandiose Spendenaktionen für die Forschung.
64 Echt anziehend
32 Jeder für sich und doch gemeinsam Der Wings for Life World Run als Herausforderung und Riesenerfolg.
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Unsere neue Kollektion ist da.
STANDARDS
3 Vorwort,
Impressum
13 Fragen, um sein Forschungswissen zu testen. ... LIFE | 5
QUERSCHNITTSLÄHMUNG
Das hat uns
besonders bewegt E
merson ist aufgeweckt und wirkt fröhlich. Hinter seinem Lachen verbirgt sich aber eine aufreibende Geschichte, die Geschichte eines Kämpfers. Im Alter von drei Jahren bildet sich eine Zyste an der Wirbelsäule und drückt sein Rückenmark ab. Die Folge: inkomplette Querschnittslähmung ab dem sechsten bzw. siebten Halswirbel. Für seine Eltern eine Katastrophe. „Der Tag, an dem wir erfuhren, dass unser Kind nicht mehr gehen kann, war der schlimmste in unserem Leben. Es bricht einem das Herz“, sagt Emersons Mama Anna-Marina. Nach einer Zeit der Wut, Trauer, Angst und Überforderung beschließt die fünf köpfige Familie, mit dem schweren Schicksal des jüngsten Kindes so gut wie möglich umzugehen, und schafft eine gewisse Normalität. Emerson lernt Rollstuhltennis und Basketball, trifft Gleich a ltrige und wird schließlich auch altersgerecht eingeschult. Dann, 2020, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand dramatisch. Emerson kämpft mit hohem Fieber, Schüttelfrost,
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Von einem Moment auf den anderen ist der kleine Emerson in großer Gefahr. Die Familie bangt um sein Leben.
seine Herzfrequenz schießt in die Höhe. „Unsere schlimmsten Albträume wurden wahr. Unser Kind hatte sich – trotz größter Vorsicht – mit Covid-19 infiziert.“ Emersons Immunsystem ist durch seine Querschnittslähmung andauernd geschwächt (siehe auch Seite 30), das Virus für ihn lebensbedrohlich. „Wir waren verzweifelt und fragten uns, was wir noch a lles durchmachen müssen“, so Anna-Marina. Tagelang bangt die Familie um das Leben des kleinen Jungen. Bis sich sein Zustand endlich verbessert. Nachdem er außer Lebensgefahr ist, darf Emerson sich zu Hause in Südostengland in Quarantäne erholen; seine Eltern und Geschwister kümmern sich rund um die Uhr um ihn. „Uns geht es wieder gut. Wir sind unendlich dankbar dafür, dass Emerson Krankheit gut überstanden ist.“
Foto: Privat
Emerson: Kleiner Mensch mit groĂ&#x;em Kampfgeist.
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MOME NTAUFNAHME N
Abenteuer Südamerika Lukas Sommer nahm sich eine einjährige Auszeit, um sich einen großen Traum zu erfüllen. Der Österreicher radelte von Cartagena in Kolumbien nach Ushuaia in A rgentinien und bestieg dabei die höchsten Berge. Für jeden zurückgelegten Kilometer bat er Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen um finanzielle Unterstützung und spendete nach seiner Rückkehr 6.515 Euro.
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Foto: privat
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MOME NTAUFNAHME N
In Hausschlapfen auf den Mount Everest Ed Jackson nutzte den Lockdown in England für eine verrückte Spendenaktion. In nur vier Tagen erklomm er zu Hause 89.056 Treppenstufen und machte dabei 8.848 Höhenmeter – eine Distanz, so hoch wie der Mount Everest! Das Besondere: Ed ist nach einem Sprung in den Swimmingpool inkomplett querschnittsgelähmt. Die Challenge war ihm eine Herzensangelegenheit und brachte 26.290 britische Pfund (rund 29.000 Euro).
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Foto: Darren Wheeler
Foto: privat
MOME NTAUFNAHME N
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Radeln für den Fortschritt Als 19-Jähriger hatte Charles Brice einen schweren Motorradunfall und ist seitdem vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Bei seiner „Wheel to Walk“-Aktion radelte er gemeinsam mit anderen den 300 Kilometer langen Weg von der damaligen Unfallstelle bis zum Krankenhaus mit dem Handbike. Die kräftezehrende Challenge brachte unglaubliche 100.000 Australische Dollar (rd. 61.000 Euro) für die Rückenmarksforschung.
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MOME NTAUFNAHME N
Gipfeltreffen de luxe Für unser jährliches Charity Dinner trafen wir uns heuer in kleinem Kreis im Winterstellgut. Bei spätsommerlichen Temperaturen und einer Traumaussicht auf das umliegende Gebirge amüsierten sich die Gäste prächtig und boten bei der Auktion um die Wette. Am Ende des gemütlichen Abends waren 412.728 Euro zusammengekommen – eine Summe, über die sich Anita Gerhardter und Wolfgang Illek sichtlich freuten.
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Foto: Andi Schaad
Foto: Paco-Media
MOME NTAUFNAHME N
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Vom Bodensee bis ans Meer Diese „Stand up for those who can’t“-Challenge hatte es in sich. Der Deutsche Marc-Kevin Scholz paddelte auf seinem SUP-Board in 21 Tagen den gesamten Rhein hinauf bis zur Nordsee. Das 1.111 Kilometer lange Abenteuer brachte nicht nur einen gewaltigen Muskelkater, sondern auch 3.233 Euro für die gute Sache. Jetzt plant Marc-Kevin bereits die nächste Aktion.
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
Das
Ende einer
Weltreise
Einmal mit dem Rucksack die Welt entdecken. Vanessa und ihr Freund tun genau das. Bis zu dem einen Tag in Neuseeland, an dem die junge Frau tragisch stürzt.
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Fotos: Mona Lechner, privat
QUERSCHNITTSLÄHMUNG
G
epackte Rucksäcke. Zwei Around-the-World-Tickets. Und das Gefühl, dass einem die Welt zu Füßen liegt. Vanessa hat es erlebt. Nach ihrem Studium Biomedizinischer Analytik und zwei Jahren in einem Labor für Krebsforschung will sie es noch einmal wissen. Sie plant gemeinsam mit ihrem Freund eine fast viermonatige Weltreise und steigt im Oktober 2016 voller Vorfreude und Abenteuerlust in den Flieger Richtung Thailand. Mit im Gepäck: eine Bucket List mit Dingen, die sie erleben und sehen möchte. „Ich war mein ganzes Leben lang sehr sportlich und wollte alles ausprobieren. Und das habe ich.“ Vanessa feiert Full Moon Partys am Strand, sieht Pinguine in freier Wildbahn und wandert die Klippen der beeindruckendsten Küsten entlang. „Diese Reise war eines der schönsten Dinge, die ich je erlebt 20 | WINGS FOR ...
„Natürlich hatte ich mir diese Reise, mein Leben ganz anders vorgestellt. Ich war sehr traurig.“ habe. Ich konnte so viele Punkte auf meiner Liste abhaken und war der glücklichste Mensch“, sagt sie mit einem Lächeln. Sie bereist Kuala Lumpur, Singapur und Australien und erreicht schließlich Neuseeland.
DER UNFALL Während zu Hause in Österreich der erste Schnee fällt und ihre Familie sich auf Weihnachten einstimmt, genießt die damals 24-Jährige die Sonne in einem kleinen Ort nahe Christchurch. „Dort gab es auch einen
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1. Start einer Abenteuerreise: mit dem Camper durch Australien. 2. Auf der bekannten Full Moon Party in Thailand. 3. Vanessa vor dem Sydney Opera House. 4. Erinnerungen an eine beson dere Zeit: Vanessa zeigt ihrer Schwester Fotos von der Reise.
riesigen Trampolinpark, den wir besucht haben.“ Vanessa und ihr Freund springen und lachen gemeinsam. „Bald haben wir Vorwärts- und Rückwärtssalti probiert. Alles ging gut, bis ich total blöd aufprallte.“ Vanessa bleibt liegen. Und hat höllische Schmerzen. „Mein Rücken tat mir schrecklich weh, und ich konnte mich nicht bewegen. Ich habe das alles sofort mit Rollstuhl verbunden.“ Ihr Freund, die Mitarbeiter des Parks und andere Besucher laufen zusammen und verständigen den Notarzt. Vanessa wird in einen Hubschrauber verladen und im nahe gelegenen Spital notoperiert. Ihre gebrochenen Wirbelknochen werden mit Titanstäben fixiert. Als sie aufwacht, kann sie ihre Beine nicht mehr bewegen. „Ein Arzt hat mir auf Englisch erklärt, dass durch den Aufprall mein Rückenmark verletzt wurde und ich vom 12. Brustwirbel abwärts komplett gelähmt bin. Ich werde nie mehr gehen können.“ Für Vanessa eine surreale Situation. „Vielleicht auch, weil mir das alles in einer anderen Sprache erklärt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass das alles nicht echt sein kann. Dass das gerade jemand anderem als mir erklärt wird …“
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
DAS HÄRTESTE JAHR Gleich am nächsten Tag kommt Vanessa schon auf Reha. Ihr Freund zieht in eine Unterkunft für Angehörige und kann sie jeden Tag besuchen. „Ich hatte immer noch starke Schmerzen. Aber die Versorgung dort war großartig, und ich war auch dankbar, dass ich nicht weiter oben verletzt war und meine Hände und Arme noch normal bewegen konnte.“ Vanessa wirkt gefasst, als sie von den Umständen erzählt. Sie erinnert sich an das erste Mal im Rollstuhl, die ersten Fahrversuche und das erste Mal sitzend duschen. „Ich war dauernd beschäftigt und gut abgelenkt.“
UND WENN ES LEISE WURDE? Vanessas hellblaue Augen füllen sich mit Tränen. „Dann war es sehr schwer“, gibt sie zu. „Natürlich hatte ich mir diese Reise, mein Leben ganz anders vorgestellt. Ich war sehr traurig.“ Einen Monat lang bleibt sie auf Reha, bis sie transportfähig ist und nach Hause geflogen werden kann. „Es war gut, weg zu sein und das alles mit mir ausmachen zu können, bevor ich meine Familie wiedersah.“ Ihre Eltern, ihre Schwester und ihre zwei Brüder erfahren telefonisch davon, was passiert ist. Als Vanessa zu Hause in Österreich ankommt, können sie sie endlich wieder sehen. Besonders zu ihrer Schwester Corina hat Vanessa eine sehr enge Bindung. „Sie war und ist immer für mich da. Das bedeutet mir sehr viel.“ Während ihrer Zeit auf Reha probiert Vanessa viele Rollstuhlsportarten aus. „Ich habe wirklich nichts ausgelassen“, lächelt sie. Von Reiten über Bogenschießen bis hin zu Basketball. „Am Ende wollte ich Tennisspielen lernen. Auch um wieder eine gemeinsame Sportart mit meinem Papa zu haben.“ 22 | WINGS FOR ...
Vanessa ist regelmäßig auf dem Tennisplatz und genießt die Zeit mit ihrer Schwester Corina.
„Meine Schwester war und ist immer für mich da.“ Während Vanessa ihre neue Leidenschaft entdeckt und damit „etwas, für das ich wieder brenne“, ziehen ihre Eltern um und überlassen ihrer Tochter die barrierefreie Wohnung. „Es hat mir geholfen, in eine quasi neue Umgebung, und nicht in mein altes Leben zurückzukommen.“ Trotz allem war das erste Jahr, so erzählt sie rückblickend, am schlimmsten. „Alles noch einmal neu zu erleben, die große Traurigkeit, die man spürt – das dauert einfach.“ Die Liebe zu ihrem Freund zerbricht an den Umständen. „Mir war es wichtig, nach vorne zu schauen. Ihm fiel das sehr schwer. Schließlich wollte ich ihm das alles nicht länger aufbürden“, sagt sie leise.
SELBSTÄNDIGKEIT UND HOFFNUNG Vanessa wird unabhängiger, fährt bald allein zum Einkaufen und lernt, ein umgebautes Auto mit den Händen zu bedienen. Dann zieht sie ein weiteres Mal um – in ein gemeinsames Haus mit ihrer Schwester. „Wir wohnen Tür an Tür, und sie ist in der Nähe, wenn ich Hilfe brauche“, lächelt Vanessa. Ihr Leben, so sagt sie, ist jetzt durch geplanter und viel weniger spontan als vor dem Unfall. „Manchmal denke ich an den Strand und wie umständlich das mit dem Rollstuhl ist. Ich vermisse das Gefühl von warmem Sand unter meinen Füßen …“ Andauernd zurückschauen und sich fragen, was gewesen wäre, wenn, möchte sie aber bewusst nicht. „Ich habe ja in der Forschung gearbeitet und weiß, dass Fortschritt Zeit braucht. Natürlich wäre es schön, wenn es etwas für mich und die vielen anderen Betroffenen gäbe“, sagt sie. „Aber bis es so weit ist, will ich glücklich sein.“ ... LIFE | 23
FORSCHUNG
Gerade in diesem Moment forschen zahlreiche schlaue Köpfe an einer Heilung von Querschnittslähmung. Mit verschiedensten Herangehensweisen, Methoden und Ideen wollen sie ihr Ziel erreichen. Hier rücken wir sieben Forschungsprojekte ins Rampenlicht.
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Fotos: Wings for Life, privat
Projekte im Mittelpunkt
Wie reagieren die Muskeln auf eine Therapie? UNIVERSITY HEALTH NETWORK, TORONTO REHABILITATION INSTITUTE
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Forscher in Kanada befassen sich mit der Arm- und Handfunktion von Betroffenen. Diese können sich verbessern, wenn man die entsprechenden Muskeln mit elektrischen Impulsen stimuliert. Das Problem: Nicht alle gelähmten Muskeln springen immer gleich gut auf die Therapie an, und die Vorhersagen dazu sind ziemlich vage. José Zariffa und seine Kollegen möch-
ten das ändern. Sie arbeiten an einer Methode, mit der man vorhersagen kann, ob und wie jeder einzelne Muskel auf die Therapie reagiert. So können effektive Therapiepläne entwickelt werden, die besser auf die Patienten abgestimmt sind. Dreißig Tetraplegiker – also Menschen mit einer hohen Querschnittslähmung – nehmen derzeit an der Studie teil.
So helfen Biomarker, in die Zukunft zu schauen
UNIVERSITY OF BRITISH COLUMBIA, VANCOUVER Biomarker machen biologische Prozesse messbar. Sie können wichtige Hinweise für eine Diagnose oder einen Krankheitsverlauf geben. Michael Skinnider und sein Team wollen solche Biomarker auch für Querschnittspatienten entwickeln. Dafür analysieren
sie Gene, Eiweiße, Fette und Stoffwechselprodukte von frisch verletzten Patienten – eine riesige Datenmenge. Finden sich jedoch geeignete Biomarker, können die Forscher besser vorhersagen, ob und inwieweit die Patienten Funktionen zurückbekommen.
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FORSCHUNG
Warum reagieren Nervenzellen unter schiedlich? BOSTON CHILDREN’S HOSPITAL AND HARVARD MEDICAL SCHOOL
Unser Körper hat viele verschiedene Typen von Nervenzellen. Nach einer Querschnittsverletzung reagieren diese unterschiedlich. Manche regenerieren besser, andere schlechter. Anne Jacobi untersucht nun mit einer hochmodernen Methode, warum das so ist. Sie analysiert die Gene einzelner Nervenzellen und vergleicht diese miteinander. Technisch eine Mammut-Herausforderung.
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Zellen vor dem Tod bewahren UNIVERSITY OF MANITOBA, WINNIPEG Wird das Rückenmark verletzt, sterben Nervenzellen ab, und das Gewebe wird beschädigt. Diese Schädigung wird auch durch Lysosomen vermittelt. Lysosomen sind kleine Zellorganellen. Man 26 | WINGS FOR ...
kann sie sich wie Bläschen vorstellen, die mit schädigenden Enzymen bepackt sind. Zwei Forscher aus Kanada – Eftekhar Eftekharpour und Soheila Karimi – wollen die Lysosomen
mit bestimmten Hemm stoffen ausschalten. Auf diese Weise wollen sie er reichen, dass weniger Zellen absterben und die Patienten mehr Funktionen behalten.
5 Tiefe Hirnstimulation INSTITUT FÜR HIRNFORSCHUNG, UNIVERSITÄT ZÜRICH Der Forscher Martin Schwab und seine Kollegin Anna-Sophie Hofer wollen die Bewegungsfunktionen von Menschen mit einer inkompletten Querschnittslähmung verbessern. Dafür machen sie sich die Tiefe Hirnstimulation zunutze, eine Behandlung, die bereits erfolgreich bei Parkinson-Patienten angewandt wird. Stimuliert wird eine Region
im Mittelhirn, die für unseren Bewegungsapparat wichtig ist. Im Labor hat man damit bereits erste Erfolge erzielt. Die Forscher nehmen an, dass sich durch die Stimulierung das Gehirn umstrukturiert. Das führt zu permanenten funktionellen Verbesserungen. Die neue Behandlungsmöglichkeit wird parallel bereits in der Klinik getestet. ... LIFE | 27
FORSCHUNG
Vielversprechender Molekül-Cocktail DEPARTMENT OF NEUROSCIENCES, CASE WESTERN RESERVE UNIVERSITY SCHOOL OF MEDICINE, CLEVELAND Fast jeder hat sich schon einmal an der Haut verletzt und davon eine Narbe behalten. Bei einer Rückenmarksverletzung gibt es ähnliche Prozesse, auch hier bildet sich eine Narbe. Hinzu kommt ein Netz, das sich wie ein Schleier um die Synapsen der Nervenzellen legt. Dieser Vorgang ist gut und schlecht zugleich: gut, weil so noch mehr Schaden verhindert wird, und schlecht, weil so ein Wiederauswachsen der Nervenfasern blockiert wird. Das Team um
Jerry Silver arbeitet daran, diese Blockade – ausgelöst durch sogenannte Chon droitinsulfat-Proteoglykanen – aufzuheben. Eingesetzt wird ein Mix aus zwei verschiedenen Ansätzen. Zum einen durchbricht ein Enzym namens Chondroitinase die Narbe. Zum anderen macht ein Peptid die hemmenden Chondroitinsulfat-Proteoglykanen unwirksam. Ziel der Kombinationstherapie ist es, chronischen Patienten Funktionen zurückzugeben.
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Recherchen in der chemischen Bibliothek UNIVERSITY OF CALIFORNIA, DEPARTMENT OF NEUROSCIENCES, SAN DIEGO Nach einer Verletzung im Rückenmark wachsen betroffene Nerven normalerweise nicht wieder aus. Erna van Niekerk und ihre Kollegen arbeiten jedoch genau daran. Und zwar indem sie neurale Stammzellen in das Rückenmark transplantieren. Sie konnten beobachten, dass die Nervenzellen dadurch leichter wieder auswachsen. Jetzt wollen sie untersuchen, was
genau im Detail beziehungsweise welche Substanz dieses Wachstum auslöst. Dazu identifizieren sie als Erstes all jene Gene, die in der Nervenfaser aktiv sind. Dann vergleichen sie diese mit einer chemischen Bibliothek von über 3.000 pharmakologischen Wirkstoffen. Auf diese Weise sollen bisher unerkannte Verbindungen und neue Wirkstoffe entdeckt werden.
GESCHICHTE & ERFOLGE
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100 102 103 107 108
5. KONTAKT KONTAKT | SUPPORT
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ENTER THE NEXT LEVEL OF PRINT offset 5020 druckerei und verlag gesellschaft m.b.h. bayernstraße 27 | 5071 wals-siezenheim | e: office@offset5020.at | www.offset5020.at
QUERSCHNITTSLÄHMUNG
Durch besondere Hygiene- und Schutzmaß nahmen möchte Wolfgang eine Infektion verhindern.
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Wussten Sie, dass …
Infektionen für Querschnittsgelähmte gefährlich sind?
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eit dem Ausbruch der Corona-Pandemie halte ich mich strikt an sämtliche Schutzmaßnahmen. Ich bin viel zu Hause und habe großen Respekt vor einer Ansteckung. Infektionen sind für mich besonders gefährlich, denn als Querschnittsgelähmter gehöre ich zur R isikogruppe.
Warum ist das so? Genau wie Beine, Arme oder Hände wird auch das Immunsystem vom zentralen Nervensystem kontrolliert. Bei einer Verletzung des Rückenmarks wird auch das Immunsystem auf eine gewisse Weise „gelähmt“. Bei einer sehr hohen Schädigung, wie bei mir, sind viele Verbindungen mit den vegetativen Nerven unterbrochen. Das führt zu einer verminderten Abwehrfunktion und macht mich anfälliger für Infekte, besonders für Lungen- und Harnwegsentzündungen. Beides kann für mich lebensbedrohlich sein. Damit nicht genug. Bei Menschen mit einer hohen Querschnittslähmung können auch noch die Muskeln der Atemfunktion gelähmt sein. Atem- und Hustenstoß, aber auch ihre Lungenkapazität sind dann stark reduziert.
Foto: Stefanie Schwarz
Einige Patienten sind zudem dauerhaft auf Beatmungsgeräte ange wiesen. Eine Infektion ist für sie besonders gefährlich, weil sie den sich bildenden Schleim nicht mehr selbst abhusten können. Dieses Problem wird in der Rückenmarksforschung sehr ernst genommen. Forscher arbeiten gerade daran, die Wechselwirkung von Rückenmarksverletzung und Immunsystem noch besser zu verstehen und eine Therapie bei einer gestörten Abwehrfunktion zu finden.
Wolfgang Illek ist nach einem Fahrradsturz querschnittsgelähmt.
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WINGS FOR LIFE WORLD RUN
Jeder für sich und doch
gemeinsam Dieser Wings for Life World Run hat uns ganz schön ins Schwitzen gebracht. Wegen Corona mussten wir alle Flagship Runs absagen, unser Herzens projekt stand auf der Kippe. Alle Hoffnungen lagen auf der App. Mit ihr konnten die Teilnehmer in einigen Ländern trotz allem starten. Und das taten sie! Nach dem wochenlangen Lockdown gingen mehr als 77.000 Menschen vor die Tür und liefen für die gute Sache. Wir sind immer noch sprachlos. wingsforlifeworldrun.com
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Foto: Ian Witlen
FORT LAUDERDALE, USA
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WINGS FOR LIFE WORLD RUN
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Foto: Daniel Grund
MÜNCHEN, DEUTSCHLAND
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Foto: Christian Pondella
WINGS FOR LIFE WORLD RUN
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MAMMOTH LAKES, USA ... LIFE | 37
WINGS FOR LIFE WORLD RUN
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Foto: Sebastian Marko
SEEFELD IN TIROL, ÖSTERREICH
... LIFE | 39
WINGS FOR LIFE WORLD RUN
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Foto: Romina Amato
WETZIKON, SCHWEIZ
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WINGS FOR LIFE WORLD RUN
Der Lauf in Zahlen seit 2014 699.150
4.079
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Menschen aus aller Welt haben bereits teilgenommen – deutlich mehr als die Ein wohnerzahl von Luxemburg.
Teilnehmer haben im Rollstuhl Gas gegeben.
Jahre war die bisher älteste Teilnehmerin. Die Frau aus Südafrika lief 7,24 km.
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22.287
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Nationalitäten haben wir in der Anmeldeliste gefunden.
Teams wurden gegründet. Zum Vergleich: Der DFB zählt 24.500 Fußballvereine in ganz Deutschland.
7.378.113,6 km haben die Teilnehmer gemeinsam zurückgelegt. Das ist fast zehnmal so weit wie zum Mond und zurück.
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Tonnen Bananen wurden gegessen. So viel wiegen 18 ausgewachsene Elefantenbullen.
Lust, die Zahlen weiter anzuheben?
RUN FOR THOSE WHO CAN’T
9. MAI 2021
SEI DABEI
BEIM EVENT ODER MIT DER APP 100% DER STARTGELDER FLIESSEN IN DIE RÜCKENMARKSFORSCHUNG WINGSFORLIFEWORLDRUN.COM
FORSCHUNG
Talente im Fokus Aya Takeoka, PhD Neurowissenschaftlerin am Flämischen Institut für Biotechnologie und am Neuro-Electronics Research Institut Flandern (NERF), Belgien
Woran arbeiten Sie gerade? Nach einer schweren Querschnittsverletzung ist die Kommunikation zwischen dem Gehirn und dem Rückenmark unterhalb der Läsion unterbrochen. Sensorische Informationen von Muskeln und Sehnen sind der einzige Input für das Rückenmark, der erhalten bleibt. Wir untersuchen, welcher Typ von Nervenzellen direkt oder indirekt von diesen sensorischen Informationen aktiviert wird und wie sie zur Wiedergewinnung von motorischer Funktion beitragen.
Was denken Sie, in welche Richtung wird sich die Forschung entwickeln? Es gibt viele Projekte mit großen Datenanalysen. Mit all diesen Daten – auch Big Data genannt – müssen wir routinierter umgehen lernen. Je detaillierter wissenschaftliche Erkenntnisse nämlich sind, desto größer ist die Chance, personalisierte therapeutische Maßnahmen zu treffen. Worauf sind Sie stolz? Ich bin sehr stolz auf mein eigenes Labor. Ich hatte Glück, so viele tolle Menschen auf diesem Weg zu treffen. Das weiß ich sehr zu schätzen. Was hilft Ihnen, um nach einem langen Arbeitstag runterzukommen? Wein (lacht). Und ich kann mich beim Salsatanzen oder bei Gesprächen mit meiner Familie und Freunden entspannen. Und ich liebe es, durch den Wald zu laufen, alle Sorgen dieser Welt zu vergessen und einfach nur zu atmen. Leben Sie nach einer gewissen Philosophie? Alles, was man ins Leben investiert, kommt wieder zurück. Das versuche ich meinen Studenten und Doktoranden in meiner Rolle als Mentorin zu vermitteln. Es ist mein Job, ihnen zu zeigen, was einen guten Forscher ausmacht, wie man wissenschaftlich schreibt und kommuniziert. Aber im Leben kommt es auf mehr an als darauf.
Dr. Takeoka untersucht, inwieweit sensorisches Feedback eine Rolle für das Wiedererlernen des Gehens spielt. Das Projekt wird von Wings for Life gefördert. Mehr Informationen auf: www.wingsforlife.com/forschung 44 | WINGS FOR ...
Fotos: IMEC
W
as fasziniert Sie an Neurowissenschaften? Beinahe alles, was wir in unserem Leben tun, basiert auf erlernten motorischen Fähigkeiten. Das geschieht ganz natürlich während der Entwicklung, aber auch im Erwachsenenalter. Nehmen wir Fahrradfahren. Um das zu lernen und als Bewegungsmuster im Gedächtnis zu behalten, braucht es aus den Milliarden vorhandenen Nervenzellen ein paar bestimmte. Diese müssen sich verknüpfen und gemeinsam im richtigen Rhythmus feuern, während sich andere still verhalten müssen. Die Wiedergewinnung von motorischen Funktionen nach einer Verletzung ist auch ein Lernprozess. Wie die passenden Nervenverbindungen wiederhergestellt und die richtigen Zusammenschlüsse wieder aktiviert werden, sind die grundlegenden neurowissenschaftlichen Fragen, die wir untersuchen.
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„ Alles, was man ins Leben investiert, kommt wieder zurück.“
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Verhängnis Wilder Kaiser Torsten ist ein Bergfex – Sportler durch und durch. Dann klettert er mit einem Freund eine Tour im Kaisergebirge und stürzt in die Tiefe.
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Fotos: Lena Wandinger, privat
QUERSCHNITTSLÄHMUNG
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
„In einer steilen Felswand fiel ich plötzlich am Seilende raus.“ 1
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orstens Keller erinnert wie ein Museum an sein früheres Leben. Eine Boulderwand, Rennräder, eine ideal auf ihn abgestimmte Skitourenausrüs tung, zusammengelegte Gleitschir me, Schlafsäcke und ein akribisch geordneter Wandschrank voll Sportequipment. „Ich bin am Gipfel eines Achttausenders in Pakistan gestanden, habe die drei großen Nordwände der Alpen durchstiegen. Ich bin Marathon gelaufen und habe 3 Skitourenwettkämpfe gemacht“, sagt er stolz – und nachdenklich. „Wenn man so ein aktives Leben gewöhnt ist, ist es schlimm, plötzlich nicht einmal mehr alleine aus dem Haus zu kommen …“
ACHTZIG METER FREIER FALL Es passiert an e inem Sommertag im Juli 48 | WINGS FOR ...
2018. Torsten will mit einem Freund die Kletterroute „Fleischbank Südostverschneidung“ im Wilden Kaiser durchsteigen. Er ist routiniert, konzentriert und erreicht nach acht Stunden das Gipfelkreuz. Und da ist es: dieses atemberaubende Panorama! Das Bergmassiv und dieses einmalige Gefühl von Erschöpfung, Erleichterung und unendlicher Freiheit. „Ich erinnere mich nicht daran, aber beim Abstieg ging etwas schief“, so Torsten. „Wir seilten uns ab, und in einer steilen Felswand fiel ich plötzlich am Seilende raus. Warum, weiß ich nicht.“ Hilflos stürzt der Bergsteiger vor den Augen seines Seilpartners in die Tiefe. Achtzig Meter freier Fall in ein komplett anderes Leben. Torsten bricht sich sämtliche Rippen, seine Lunge kollabiert, er erleidet ein schweres Schädel-HirnTrauma und verletzt sich sein Rückenmark. In Salzburg wird der heute 44-Jährige notoperiert, dann in die Unfallklinik Murnau überstellt
und in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Sechs Wochen lang kämpft sein Körper ums Überleben. „Als ich zu mir kam und langsam wieder die Realität wahrnahm, haben mir die behandelnden Ärzte gesagt, dass ich vom Bauchnabel abwärts querschnittsgelähmt bin und den Rest meines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein werde“, erinnert Torsten sich. Anfangs begreift Torsten die Diagnose nicht. „Je klarer ich aber wieder im Kopf wurde, desto schlimmer war der Gedanke, nie mehr laufen zu können. Wenn man sich vorstellt: Von einem Moment auf den nächsten konnte ich erst einmal gar nichts mehr, alle Funktionen unterhalb des Bauchnabels waren komplett weg.“ Der zweifache Familienvater – Sohn Hannes ist zu diesem Zeitpunkt fünf und Tochter Anne zwei Jahre alt – ist fassungslos. „Auch meine Freunde und Bekannten konnten meine Situation kaum fassen. Alle wollten mich besuchen, meine Frau Ulli musste sogar Termine vergeben.“ Nach einem langen halben Jahr in der Unfallklinik beginnt Torsten Anfang 2019 mit der Reha, „die mir aber überhaupt nichts gebracht hat“.
VON HUNDERT AUF NULL Die Reha ist darauf ausgelegt, das tägliche Leben im Rollstuhl bestmöglich zu bewältigen und selbständiger zu werden. „Aber sie war nicht darauf ausgelegt, wieder aus diesem Stuhl herauszukom-
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1. Auf dem Broad Peak in Pakistan. 2. Erinnerungen an ein früheres Leben: Torsten auf der Eiger-Nordwand. 3. Durchsteigung der Grandes-Jorasses-Nordwand. 4. Torsten lebt mit seiner Familie im Süden Bayerns. 5. Der Familienvater mit seinen Kindern Anne (4) und Hannes (7).
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
men.“ Eine bittere Erkenntnis für jemanden, dessen größte Leidenschaft bis zu diesem Zeitpunkt Bewegung und das Herausfordern des eigenen Körpers war. Zurück daheim bekommt Torsten einen eigenen Trainingsraum und arbeitet – mit der Unterstützung seiner Frau – unermüdlich an einem Fortschritt. „Wir haben versucht, mit Stabilisierungsschienen, einem Laufband und mithilfe der Sprossenwand meine Beine zu reaktivieren. Täglich bis zu vier Stunden – ein langes Jahr lang“, sagt er. „Ich habe mir so gewünscht, durch diesen Aufwand wieder zumindest kleine Bewegungen machen zu können“, sagt Torsten schwer. Doch der ersehnte Erfolg bleibt aus. Für den Sportler ein Gefühl, als würde er bei dem Training immer wieder in seinen persönlichen Abgrund blicken. „Man sieht mit jedem versuchten Schritt, was man nicht mehr kann. Es ist so, als würde man direkt in die Hölle gehen, es aber nicht mehr schaffen, rauszukommen.“
DER KAMPF MIT DER PSYCHE Die mentale Belastung steigt und wird irgendwann zu viel. „Das tägliche Training war, als würde ich dauernd den Finger in eine offene Wunde legen“, versucht Torsten seine Enttäuschung zu erklären. Darunter leidet auch seine über 50 | WINGS FOR ...
Vater Torsten zeigt Hannes und Anne Bilder vom Gleitschirmfliegen. Eine Leidenschaft, die er besonders vermisst.
„Für die Kinder ist der Rollstuhl kein Problem. Viel eher, dass ‚der Papa oft traurig ist‘.“ 20-jährige Beziehung und droht schließlich zu zerbrechen. „Rückblickend war das viele Training sicher ein Fehler. Ich habe meine Familie dadurch stark vernachlässigt, weil ich einfach nicht wahrhaben wollte, dass das jetzt mein Leben ist.“ Während Torsten erzählt, klettert sein Sohn Hannes auf seinen Schoß und lächelt ihn liebevoll an. Für ihn ist der Rollstuhl kein Problem. Viel mehr, „dass der Papa oft traurig ist“.
ES KANN JEDEN TREFFEN: Hauptursache für Querschnittslähmung sind Unfälle im täglichen Leben 50 % Verkehrsunfälle 24 % Stürze 17 % andere Ursachen 6 % Sport
Torsten ist mittlerweile wieder zurück in seinem Job in der Bauabteilung der Stadtwerke München. „Ich bin sehr dankbar, dass ich dort so unterstützt werde“, sagt er. Seinen Ausgleich findet er heute im Handbiken. „Die frische Luft tut mir gut, so kann ich mich herausfordern und werde klarer im Kopf.“ Ein Trost inmitten des persönlichen Stillstands. Mit seiner Begeisterung für Bewegung möchte Torsten Gutes tun. „Ich will mithilfe meines Arbeitgebers ein Team für den Wings for Life World Run aufstellen. Mir ist klar geworden, dass es ohne Forschung nicht geht. Die Medizin muss die entscheidenden Schritte machen“, ist er überzeugt. Sein Blick fällt wieder auf den großen Wandschrank mit den vielen Sportsachen. „Mein größter Wunsch wäre es, mit meinen Kindern im Wald und in den Bergen wandern zu gehen. Den beiden meine Welt zeigen – das wäre das Schönste für mich …“
3 % Extremsport
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KLINISCHE STUDIE
Mit Gleichstrom ins Gehirn Bewegen Sie doch mal Ihren Daumen. Das geht ohne viel Nachdenken und Kraftaufwand, richtig? Nicht für Menschen mit einer hohen Querschnitts lähmung. Eine Forscherin in den USA will das ändern.
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Dr. Lumy Sawaki will mit ihrer Studie die Handund Armfunktion von Tetraplegikern verbessern.
Querschnittslähmung leiden. Und weil in diesem Bereich noch viel Arbeit vor uns liegt“, sagt sie.
HIRNSTIMULATION UND -TRAINING Ihr Ansatz dazu ist innovativ. So innovativ, dass ihr zuerst sogar einiges an Skepsis entgegenschlug: „Am Anfang war es enorm schwierig, Fördergelder zu akquirieren und meine Kollegen von der Idee zu überzeugen. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass Wings for Life an meinen Ansatz glaubt und meine Forschung unterstützt.“ Sawaki setzt auf Hirnstimulation und kombi niert diese mit ergotherapeutischem Training. Als Erstes bekommen ihre Patienten über die Schädel
Foto: Privat; Grafik: Tom Mackinger
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einahe die Hälfte aller Querschnitts patienten sind Tetraplegiker. Das heißt, bei ihnen sind alle Extremitäten unterhalb des Halses entweder komplett oder teilweise gelähmt. Gerade der Verlust von Hand- und Arm funktion schränkt die Betroffenen in ihrem täg lichen Leben extrem ein. Morgens schnell die Zahnpasta aus der Tube drücken, sich die Schnür senkel binden oder die Wasserflasche aufmachen – für Tetraplegiker nahezu unmöglich ohne fremde Hilfe. Jede kleinste Verbesserung würde ihre Le bensqualität entscheidend heben. Dr. Lumy Sawaki von der Universität K entucky setzt hier sprichwörtlich Hand an. Die US-Forsche rin arbeitet an einer neuen Therapieform, die es Tetraplegikern mit einer inkompletten Lähmung ermöglichen soll, ihre Hände und Arme im All tag wieder zu gebrauchen. „Seit Beginn meiner medizinischen Ausbildung liegt mir die Rücken marksforschung besonders am Herzen. Weil es so oft junge Menschen sind, die durch Unfälle an
Neuronale Plastizität
Die Studie im Detail 1. Transkranielle Gleichstrom stimulation Über Oberflächenelektroden am Kopf wird das Gehirn der Patienten mit Gleichstrom stimuliert.
2. Ergotherapeutisches Training Motorisches Training bildet den zweiten Teil der Behandlung. Die Übungen sind speziell auf jeden Patienten abgestimmt.
decke elektrische Impulse. „Über Oberflächenelek troden, die am Kopf angebracht sind, induzieren wir Schwachstrom. Kein operativer Eingriff, keine Nebenwirkungen“, erklärt sie. Die Methode nennt sich transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und wird auch im Leistungssport eingesetzt. Der Strom soll Nervenzellen in ihrer Fähigkeit bestär ken, auf Signale zu reagieren – salopp gesagt: dafür sorgen, dass sie schneller in die Puschen kommen. In der Fachsprache heißt das Neuromodulation. Zusätzlich zur Stimulation absolvieren die Pa tienten ein ergotherapeutisches Training. Wie das aussieht? Dr. Sawaki erklärt den Vorgang so: „Ich sage zum Probanden: ‚Finde den Daumen in dei nem Gehirn!‘, während ich seinen Daumen berüh re. Wenn er seinen Daumen lokalisieren kann, bitte ich ihn, sich vorzustellen, den Daumen zu bewegen. Ich bewege dann den Finger und frage den Proban den, ob er die Richtung spürt.“ Pro Therapieeinheit erhalten Sawakis Patienten eine zwanzigminütige Hirnstimulation und versu chen dann zwei Stunden lang, Finger-, Hand- und Armfunktionen zu trainieren. Dreimal in der Wo che, über zwei Monate hinweg. „Ein enormer men taler Kraftaufwand für die Patienten“, sagt Sawaki.
Unser Gehirn und Rückenmark verändern ihren Aufbau jeden Tag ein klein wenig. Bei neuen Erfahrungen entstehen neue Verbindungen zwischen Nervenzellen. Vorhandene Wege werden ausgebaut, ungenutzte dagegen eingerissen. Diese Fähigkeit zur Neuverschaltung von Nerven nennt man neuronale Plastizität. Sie ist die Basis, damit wir Neues lernen können.
NERVEN VERSCHALTEN SICH NEU Aber ein Kraftakt, der sich zu lohnen scheint. Bei den ersten Patienten, die an Sawakis Behandlungs ansatz teilgenommen haben, wurden tatsächlich funktionelle Verbesserungen festgestellt. Warum das so ist? Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass sich durch die Stimulation und das Training neue Nervenverbindungen bilden (siehe auch Infokasten „Neuronale Plastizität“). Und das, obwohl dabei das Gehirn und nicht das Rücken mark stimuliert wird. Die Idee ist, dass erhalten gebliebene Nerven fasern umstrukturiert und so möglichst effizient genutzt werden. Um noch mehr in Erfahrung zu bringen, möchte Dr. Lumy Sakawi die Methode nun an einer größeren Personenanzahl testen. Fällt auch diese Studie positiv aus, wäre man einen großen Schritt näher an einer offiziell an erkannten Therapie für Hand- und Armfunktion. Einer Therapie, auf die viele Tetraplegiker sehn süchtig warten. Die klinische Studie mit Namen IGNITE Trial wird von Wings for Life mit Ihren Spendengeldern mitfinanziert. ... LIFE | 53
FORSCHUNG
So forscht Ihre Spende
Geförderte Projekte
1
59
ZIEL
LAUFENDE
QUERSCHNITTSLÄHMUNG HEILEN
FORSCHUNGS PROJEKTE
34% Grundlage
Überprüfung von grundlegenden wissenschaftlichen Thesen
34% Präklinik
Untersuchung der gewonnenen Erkenntnisse im lebenden Organismus
13
FORSCHUNGSBEREICHE
9
3
3
Bioinformatik
Imaging
Rehabilitation
18
2
5
Regeneration
Plastizität
32% Erprobung von Therapien und Medikamenten am Menschen
3
Remyelinisierung
Sekundärschaden
Biomarker
Klinik
LÄNDER
8
ÖSTERREICH PORTUGAL SCHWEDEN SCHWEIZ SPANIEN USA
AUSTRALIEN BELGIEN DEUTSCHLAND ENGLAND FINNLAND KANADA NIEDERLANDE
4 Rekonstruktion
4 Neuroprotektion
239
GESAMTZAHL GEFÖRDERTER PROJEKTE 11
11
19
25
34
42
54
62
84
110
124
142
170
191
211
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
2012
2013
2014
2015
2016
2017
2018
2019
3 durchschnittliche Förderjahre pro Forschungsprojekt 54 | WINGS FOR ...
Detaillierte Beschreibungen der Projekte finden Sie unter www.wingsforlife.com/research
2020
VERRÜCKTE IDEE? WIR SIND DABEI! Wir beraten und unterstützen Sie, ihr Projekt mit den richtigen Materialien und Produktionsarten umzusetzen. Individualität, Veredelung und die Liebe für das Außergewöhnliche sind unsere Stärke.
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FORSCHUNG
Wissensquiz Haben Sie sich je gefragt, wie viel Hirnwasser der Mensch besitzt? Nun, hier können Sie leidenschaftlich grübeln und mitraten. In unserem ultimativen Quiz stellen wir gefinkelte Fragen und verraten auch die richtigen Antworten. Los geht’s – und bitte nicht schwindeln!
Was versteht man unter Pyramidenbahn? a. die Zugverbindung zwischen Kairo und Gizeh b. die größte aus dem Gehirn absteigende Nervenbahn c. sensible, aufsteigende Nervenfasern Ein Neuron ist …
a. eine Nervenzelle b. ein Bestandteil des Hormons Noradrenalin c. der kleinste Bestandteil des Atoms
Wie viel Hirnwasser (Liquor) hat der Mensch? a. gar keines b. 130–150 Milliliter c. 1–1,5 Liter Trypanophobie ist die Angst …
a. vor Injektionen b. zu viele Versuche beim Brotschneiden zu brauchen c. vor Veränderungen 56 | WINGS FOR ...
Die Gesamtlänge aller Nervenbahnen in unserem Gehirn beträgt … a. ca. 350 Kilometer b. ca. 175.000 Kilometer c. ca. 5.800.000 Kilometer Was sind freie Radikale?
a. wild herumfliegende Atome b. randalierende Aktivisten c. hochgradig reaktive Moleküle in Organismen
Was ist ein Dekubitus?
a. Stilrichtung in der Malerei b. ein Druckgeschwür c. eine Schleimbeutelentzündung
Dura mater ist der Name für …
a. eine der drei Hirnhäute b. eine spanische Gebirgslandschaft c. eine harte Matratze
Wie schwer ist das Gehirn durchschnittlich? a. 650–900 Gramm b. 1.300–1.600 Gramm c. 2.100–2.400 Gramm
>10
Posttraumatisch beschreibt …
a. den Erhalt einer verstörenden Briefsendung b. den Zeitraum vor der Verletzung c. den Zeitraum nach der Verletzung
Eine Synapse ist …
4–10
Meine Güte, Sie müssen Wissenschaftler oder Arzt sein. Gehirn, Rückenmark oder Nervenzellen – Ihr nahezu grenzenloses Wissen lässt uns vor Ehrfurcht schier erstarren. Chapeau!
Vier bis zehn richtige Antworten: Solide! Sie kennen Ihren Körper mittel- bis eher gut. Jetzt wäre es schlau, Ihr aufblitzendes Know-how weiter auszubauen.
a. eine jüdische Gebetsstätte b. eine Kontaktstelle zwischen Nervenzellen c. ein Neurotransmitter im zentralen Nervensystem
Wie viel Energie des Tagesbedarfs verbraucht das Gehirn? a. 5 % b. 10 % c. 20 %
Mehr als zehn richtige Antworten:
<4
Ein Bestandteil des zentralen Nervensystems ist … a. der Ischiasnerv b. das Rückenmark c. der Solarplexus
Weniger als vier richtige Antworten: Puh, wie sollen wir Ihnen das möglichst schonend beibringen? Sagen wir es so: Sie haben noch recht wenig Ahnung, und die Luft nach oben scheint fast grenzenlos. Aber hey: Es ist nie zu spät, um Neues zu lernen!
Auflösung: Frage 1: b; Frage 2: a; Frage 3: b; Frage 4: a; Frage 5: c; Frage 6: c; Frage 7: b; Frage 8: a; Frage 9: b; Frage 10: c; Frage 11: b; Frage 12: c; Frage 13: b ... LIFE | 57
QUERSCHNITTSLÄHMUNG
Kristina Vogel ist Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Bahnradfahren. Dann stürzt die Ausnahmesportlerin. Uns erzählt sie, wie sich ihr Leben, ihre Beziehung und ihre Träume verändert haben.
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Fotos: Frontalvision, Peter Rigaud/The Red Bulletin, privat
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
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ristina Vogel liegt im Krankenbett und schaut auf ihre nackten Bei ne. Sie sind schwer, regungslos – als ob sie nicht mehr zu ihr gehör ten. „Meine Beine nicht mehr zu spüren ist total befremdlich. Am liebsten würde ich sie mir einfach abschneiden lassen, so schlimm fühlt sich das an.“ Es ist das erste Mal, dass sich die Spitzensportlerin wieder be wusst mit ihrem Körper ausein andersetzt. Die ersten Wochen kämpfte sie einfach nur ums Überleben. Schon als junges Mädchen ist sie ehrgeizig und gewissenhaft, ihr sportliches Talent herausragend. Sie verbringt jede freie Minute auf der Radbahn. „Bahnradfahren war meine Leidenschaft und meine Liebe. Es ist wie Achterbahnfah ren und Schachspielen in einem. Um 70 km/h zu brettern, braucht es Mut und eine perfekte Technik.“ Mit 17 kommt Kristina im Zuge ihrer Polizeiausbildung in die Sportfördergruppe, der Be ginn ihrer Profikarriere. In den folgenden Jahren gewinnt sie zweimal Gold bei Olympia und wird elfmal Weltmeisterin. Von der Presse wird sie als Ausnahme sportlerin gefeiert. „Ich war ganz oben, und der Druck war irgend wann enorm. Deshalb nahm ich die Trainings auch so ernst.“ Am 26. Juni 2018 trainiert sie bis zum Maximum. „Die anderen wollten schon aufhören, aber ich wollte noch eine allerletzte Runde fahren“, erinnert sich die Sport lerin. 60 | WINGS FOR ...
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„Bin ich querschnittsgelähmt?“, fragt Kristina, als sie aus dem Tiefschlaf erwacht.
1. Auf Rekordfahrt beim Berliner Sechstagerennen. 2. Der Traum eines jeden Sportlers: Gold bei Olympia. 3. Kristina bei der Gala zum Thüringer Sportler des Jahres 2017.
Also startet sie noch einmal in den Teamsprint. Sie fährt im Windschatten einer Kollegin, soll dann die Führung übernehmen. Das Adrenalin schießt durch Kris tinas Körper. Dann geht etwas schief. Im Bruchteil einer Sekunde kollidiert sie unter Höchstgeschwindigkeit mit einem anderen Fahrer und stürzt schwer. „Als ich verletzt am Boden lag, habe ich versucht, ruhig zu atmen. Ich konnte mich nicht bewegen, und mir war sofort klar, dass mir etwas Schlimmes passiert ist.“ Kristina beobachtet, wie Ersthelfer sie versorgen. Als sie sieht, wie jemand ihre Schuhe wegträgt, weiß sie, dass sie ihre Beine nicht mehr spürt.
EIN MÜHSAMER WEG Die Sportlerin wird mit dem Hub schrauber ins Unfallkrankenhaus Berlin geflogen und operiert. Ihre Verletzungen sind schwer.
Unter anderem ist ihr Brustbein zertrümmert, ihr Rückenmark ab dem 7. Brustwirbel verletzt. Als sie aus dem künstlichen Tiefschlaf er wacht, will sie eines sofort wissen: „Bin ich querschnittsgelähmt?“ Ihr langjähriger Lebensgefähr te Michael und der behandelnde Chefarzt müssen ihre Befürch tung bestätigen. „Ich weiß noch, wie mir dabei eine kleine Träne über meine Wange gerollt ist.“ In der ersten Zeit geht es für Kristina ums Überleben, erst nach Wochen kann sie sich ihrer Quer schnittslähmung stellen. „Michael hat einmal die Hand auf meinen Oberschenkel gelegt und mich gestreichelt. Ich war so sauer. Ich
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QUERSCHNITTSLÄHMUNG
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4. & 5. Lebensgefährte Michael ist Kristinas „starke Schulter zum Anlehnen, wenn ich sie brauche“. 6. Emotionaler Moment: bei der Ehrung als Radsportlerin des Jahres 2018. 7. Voller Vorfreude auf das Olympische Jahr 2016. 8. Starke Frau: Kristina beim Covershooting des Red Bulletin Magazins.
konnte nicht begreifen, warum er mich dort überhaupt noch anfasst, wenn ich doch rein gar nichts mehr spüre.“ Für die Spitzensportlerin be ginnt ein mühsamer Weg. Das erste Mal im Rollstuhl sitzen. Ihn fahren. Die, wie sie sagt, schweren und lästigen Beine mobilisieren. Ohne Hilfe vom Bett in den Roll stuhl überwechseln. Alleine du schen. „Ich war noch nie geduldig. Und plötzlich dauerte alles ewig. Manchmal bin ich ausgerastet“, gibt sie ehrlich zu. Aber Kristina bleibt dran und wird immer selb ständiger. Bald darf sie zurück in ihr Haus, in dem manches adaptiert und ein Lift eingebaut werden muss. „Bei vielem konnte mir auch Michael helfen.“ Ihr Fels, 62 | WINGS FOR ...
wie bei jeder Erzählung über den ehemaligen Radsprinter deutlich wird. Ob es sich wie eine Bürde anfühlt, die sie auch ihm aufer legt hat? „Ja“, sagt sie, „gerade am Anfang. Nichts war mehr, wie wir es geplant hatten. Ich hätte ver standen, wenn er gegangen wäre.“ Aber Michael bleibt. Und blendet den Rollstuhl aus. „Er sagt immer, ich bin immer noch ich, nur eben kleiner“, lächelt sie.
WORÜBER NIEMAND SPRICHT Bei einer Sportler-Gala erscheint Kristina dann zum ersten Mal im Rollstuhl. Sie trägt ein langes weißes Kleid und goldenen Haar schmuck. Michael ist bei ihr. Die Journalisten stürzen sich auf die Spitzensportlerin, jeder möchte
wissen, wie es ihr geht. „Ich habe mich stark gezeigt, aber natürlich bin ich zu dieser und zu vielen weiteren Veranstaltungen durch die Hintertüre rein, weil einfach nichts barrierefrei ist“, sagt sie. Und wird noch privater: „Es gibt auch einfach Dinge, über die nie mand sprechen möchte. Ich weiß jetzt, wie es ist, in Windeln in ei ner TV-Show zu sitzen. Oder im mer Angst haben zu müssen, die Inkontinenz nicht verbergen zu können.“ Ein heikles Thema, mit dem fast alle Querschnittsgelähmten kämpfen müssen. „Ich bin da bei, diesbezüglich noch dazuzu lernen.“ Kristina ist es wichtig, solche Probleme anzusprechen und auf Missstände aufmerksam machen. Dafür ging sie sogar in
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die Politik. „Diskriminierung ist zu Recht ein großes Thema. Das hört nicht bei der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung auf – es ist dauernd überall. Auch wenn wieder ein Gesunder den Behindertenpark platz besetzt.“ Etwas in ihr hat aber auch Frieden mit der neuen Situation geschlossen. „Ich habe im Sport alles erreicht und nichts verpasst. Ich wollte immer unbesiegt auf hören – und das ist mir ja irgend wie gelungen“, schmunzelt sie mit schwarzem Humor. „Das Leben ist schön, und ich habe immer noch sehr viel Lebensfreude in
mir. Ich weiß, dass es auch viele Menschen gibt, die es schlimmer erwischt hat als mich. Und die es auch schaffen.“ Für die Zukunft plant Kristina ein paar spannende Projekte, dar unter eine eigene Sendung, in der sie andere Sportler vorstellt, und Kommentatorenjobs bei Sport übertragungen. Und irgendwann eine eigene Familie. „Ich bin stolz darauf, was ich in den letzten Jah ren geschafft habe. Von jeman dem, der sich nicht mal alleine umdrehen kann, bis hierher war es ganz schön viel Arbeit. Es ist wie ein Wettkampf, und ich bin immer noch mittendrin.“
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„Das Leben ist wie ein Wettkampf, und ich bin immer noch mittendrin.“
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IN EIGENER SACHE
Echt anziehend … 64 | WINGS FOR ...
Foto: BAZZOKA Creative/Michael Kritzinger
Unsere neue Kollektion hat alles: stylische Hoodies, Shirts und Sport-Accessoires, die im Online-Shop unseres Partners www.redbullshop.com erhältlich sind. 100 % der Erlöse gehen an Wings for Life und helfen, Querschnittslähmung zu heilen.
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PERSÖNLICH
Kolumne VON S T E FA N I E S C H WA R Z
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gehen will. Schon eine kleine Stufe kann ein Hindernis sein. „Ich habe ja auch Glück, dass ich meine Arme und Hände noch bewegen kann. Aber vieles meiner Freiheit ist einfach weg.“ Sie erzählt, wie sie früher leidenschaftlich geklettert ist, in e inem Fußballverein gespielt und Parkourlauf für sich entdeckt hat. „Heute wäre die größte Freiheit für mich, joggen zu gehen. Einfach draufloslaufen, bis mein Herz rast und ich außer Atem bin. Und mit den Zehen wackeln zu können. Ja, das wäre Freiheit.“ Unsere Blicke treffen sich, und ich spüre die Schwere ihres Wunsches. Ich würde ihr so gerne sagen, dass sie nicht
mehr warten muss und es eine Heilung für sie und alle anderen Betroffenen gibt. Dass sie bald wieder aufstehen kann und ihr altes Leben, ihre Un b ek ü m mer t heit zurückbekommt. Aber das kann ich nicht. Nach unserem Gespräch fühle ich mich traurig. Ich beuge mich zu ihr runter und umarme sie. Dann entscheide ich mich bewusst gegen den Lift und für die Stiege. Keinen einzigen Schritt mehr selbst machen können. Keine Leichtigkeit mehr. Keinen Boden mehr unter den Füßen … undenkbar. Draußen schlägt mir die kühle, frische Luft entgegen. Ich atme lange und tief ein. Ich bin frei. Mein Blick fällt noch einmal rauf zur Wohnung. Dort sitzt M ichi am Fenster und lächelt mir zu. Stefanie war Redakteurin, als ihr eine Rollstuhltänzerin in einem Interview von ihrem Schicksal erzählte. Sie bewarb sich bei Wings for Life und ist seither für unsere Texte v erantwortlich.
Foto: iStock by Getty Images
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as ist Freiheit für dich?“, frage ich Michi. Sie ist 28 und auffallend hübsch. Ihre grünen Augen sind hellwach, sie hat lange Wimpern, und wenn sie lacht, bilden sich kleine Fältchen um ihre Mundwinkel. Mit einer routinierten Handbewegung streift sie sich eine Strähne ihrer langen blonden Haare aus dem Gesicht. „Freiheit …“, wiederholt sie und schaut an mir vorbei. Vor zwei Jahren hatte die Studentin einen schweren Unfall. Sie stürzte mit dem Bike, war sofort bewegungsunfähig. Ihre Querschnittslähmung traf sie wie ein Schlag. Sie war ihre größte Angst gewesen. Schon immer. Wir sitzen uns am Küchentisch ihrer Mama gegenüber. Es gibt Kaffee und Kuchen. Als ich meine Beine übereinanderschlage, berühre ich mit dem Fuß die schwere Metallfelge von Michis Rollstuhl. Er ist ihr Hilfsmittel und das offensichtlichste Zeichen für ihre Beeinträchtigung. Michi braucht Hilfe, wenn sie eine Packung Milch aus dem oberen Fach des Kühlschranks nehmen möchte. Sie ist auf jemanden angewiesen, wenn sie ein Konzert besuchen oder aus-
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Wir freuen uns über Ihre Unterstützung! SPENDENKONTEN ÖSTERREICH Bankhaus Carl Spängler & Co., Salzburg, IBAN: AT27 1953 0001 0001 1911 BIC: SPAEAT2S Empfänger: Wings for Life Stiftung für Rückenmarksforschung, Fürstenallee 4, A-5020 Salzburg DEUTSCHLAND Bayerische Landesbank, München, IBAN: DE13 7005 0000 0000 0119 11 BIC: BYLADEMM Empfänger: Wings for Life Spinal Cord Research e. V., Görlitzer Straße 21, D-83395 Freilassing SCHWEIZ PostFinance, IBAN: CH12 0900 0000 8520 6015 2 BIC: POFICHBEXXX Empfänger: Wings for Life Stiftung für Rückenmarksforschung, Fürstenallee 4, A-5020 Salzburg