3 ODER
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Friedl Kubelka Porträt von Franz West, 1969
3 oder 17, 1992 Passstück: Gips, Eisen, Mollino 3 oder 17 Sockel: Spanplatten, Dispersion Maße variabel
NEHMEN SIE DIE SKULPTUR IN DIE HAND UND STELLEN SIE SIE AUF EINEN ANDEREN SOCKEL Es gibt zwei Versionen dieses Werks: Eine mit 3 (der kundige Betrachter schwankt zu Recht zwischen dem knapp verhüllten Bild der dialektischen Bewegung und einem etwas kläglichen Remake der Grundpfeiler dieser Welt. Die Hand auf das Objekt zu legen, das er als Skulptur erkennt, genügt, um ihn die dritte Dimension des Werks erfahren zu lassen: es fordert ganz offensichtlich zum Anfassen auf. Ergreifen Sie das Objekt und tragen Sie es von Sockel zu Sockel. Ohne dieses aktive Begreifen bleibt das Werk in gewisser Weise unvollständig, bedürftig. Ohne diese zärtliche Geste, deren Theatralik, Dreistigkeit oder Eleganz Sie ganz nach Belieben modellieren können, bleibt es das Äquivalent eines Mangels. Ergreifen Sie es also. Kein fremdes Auge wird Sie dabei heimlich beobachten. Die Vollendung des Seins liegt in Ihren Händen) und eine mit 17 Sockeln; denn mein Atelier befindet sich im 3., aber ich schlafe im 17. Bezirk. — Franz West, Axel Huber
Franz West auf der Stubenbrücke, Wien, 2006
franz west Und Wien 3 oder 17 Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln
Franz West und Wien. 3 oder 17 Franz West und Wien. 3 oder 17 folgt den Spuren dieser Stadt in der Biografie und im Werk von Franz West (1947–2012). Wien war für West weit mehr als nur Herkunfts- und Schaffensort: Die Stadt inspirierte und irritierte ihn gleichermaßen. Er begriff sie nicht nur als Bühne, sondern auch als Material: Die Menschen, die Geschichte, die Kunst und die sozialen Milieus beglei teten und prägten sein Werk von Beginn an. Anlässlich seines 80. Geburtstags am 16. Februar 2027 widmet das Wien Museum Franz West eine Ausstellung mit stark biografischem Fokus: Ausgangspunkte sind sein familiäres Umfeld und seine Kindheit im Karl-Marx-Hof im Wien der Nachkriegszeit. Von dort führt die Schau in die Kunstszene der späten 1960er und frühen 1970er Jahre, zu Galerien, Lokalen und Künst ler:innen, deren Nähe der junge Autodidakt suchte. Die Wiener Avantgarde war eine kleine, von starken Persönlichkeiten und geschlossenen Kreisen geprägte Szene, zu der West zunächst nur schwer Zugang fand. 1974 formulierte er mit den Passstücken eine eigene künstlerische Antwort auf die dominante Stellung der Wiener Aktionisten und brach radikal und dennoch subtil mit der traditionellen Hierarchie zwischen Künstler:in, Kunstwerk und Rezipient:in. In den 1980er Jahren intensivierte West seine Auseinandersetzung mit der kulturellen Vergangenheit Wiens. Bei der Suche nach einer von unmittelbarer körperlicher Interaktion gelösten, „legitimen“ Skulptur bezog er sich auf Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein und die Wiener Moderne. Die 1992 entstandene Installation 3 oder 17, die diesem Buch den Titel gibt, steht exem plarisch für jene Arbeiten, in denen die persönlichen Lebensumstände in Wien zum künstlerischen Material wurden. Der auf den ersten Blick enigmatisch erscheinende Titel trägt eine für Wests Œuvre charakteristische,
vielschichtige Lesbarkeit in sich, die sich uns durch Wests eigene Worte erschließt: „Mein Atelier befindet sich im 3., aber ich schlafe im 17. Bezirk.“ Die Ausstellung und das Buch Franz West und Wien sind in einer Kooperation des Wien Museum mit der Franz West Privat stiftung entstanden. Neue Perspektiven eröffnet das Forschungsprojekt Franz West im Gedächtnis seines künstlerischen Umfeldes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, des Archiv Franz West und der Franz West Privatstiftung, für das ehemalige Weggefährt:innen zu ihren Erinnerungen an den Künstler befragt wurden. Die Erkenntnisse aus den von Georg Traska geführten Interviews fanden Eingang in diese Publikation. Die Beiträge von Michaela Obermair, Judith Nicka-Stöckl, Eva Badura-Triska, Stefanie Graf und Vincent Weisl vertiefen unterschiedliche Aspekte und neue Forschungsergebnisse zu Wests Biografie, seinem Frühwerk und seinem Wiener Umfeld. Den Abschluss des Buchs bildet Friedl Kubelkas 1976 entstandene foto grafische Serie Tagesportrait Franz West, die den Künstler über einen Tag hinweg in ungewöhnlich intimer Nähe zeigt. — Judith Nicka-Stöckl, Vincent Weisl
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MEIN IDIOM „Ich erfinde nichts Neues, es ist eine Reproduktion, der Zeit entsprechend […]“. Originalzitate von Franz West collagiert von Michaela Obermair
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DER ROTE FADEN Eine Familiengeschichte Judith Nicka-Stöckl
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BILDER AUS DEM HUNDERTWASSER-ATELIER Franz West und die Wiener Galerie 10 von Manfred Scheer Eva Badura-Triska
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ÜBERWINDUNG UND ESTABLISHMENT Die Wiener Kunstszene der 1970er Jahre Stefanie Graf
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FRANZ WEST – BEMERKUNGEN Zu den FRÜHEN Ausstellungsplakaten Vincent Weisl
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WERKSTADT Ein Überblick über die Räumlichkeiten, in denen Franz Wests Kunst entstand, und wie sie das Werk inspirierten Michaela Obermair
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Autor:innen Leihgeber:innen und Sammlungen, Bildnachweis Dank Impressum
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Tagesportrait Franz West Friedl Bondy
Grundelemente,48 bestehend aus konischen Abfalleimern, optimistisch mit Blumentöpfen unterbrochen, um nicht dem Trübsinn zu verfallen,49 beziehen sich auf Brancusis „Endlose Säule“ und seine eiförmige Skulptur „Der Beginn der Welt“; hier spottet allerdings das Gerngross-Ei der Unendlichkeit:50 Den Oberteil, das Ei, machte Gerngross selbst, sein Name ist mit Spiegelschrift geschrieben, sodass ein Küken, das sich noch im Ei befindet, den Namen gleich richtig lesen kann.51 Man könnte ja eventuell Worte darüber verlieren 52 Ich finde nicht, dass man in der Kunst Dokumentationen der Wirklichkeit machen muss. Es ist nicht unbedingt nötig, ehrlich zu sein, man sollte einfach Geschichten erfinden.53 Es liegt in der Natur des Spiels, sich eine Wirklichkeit zu kreieren. Damit man sich außerhalb der Nutzbewegung und des Nutzdenkens bewegen kann. Das wäre der Raum der Kunst – also außerhalb des Nutzens.54 Abb. 9 Franz West mit Schnorre auf dem Gelände des Atelier Paulusgasse im 3. Bezirk, 2008
Abb. 10 Franz West, Heidulf Gerngross, Gerngrosssäule, 2007
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48 Ebd., S. 165. 49 Ebd., S. 172. 50 Ebd., S. 165. 51 Ebd., S. 209. 52 Ebd., S. 175. 53 Franz West, Sarah Lucas: A Five Page Talk, in: Franz West. Displacement and Condensation, London 2006, S. 8. FW und UMP , in: 54 Kunstforum, S. 170.
Betonguss-Säule: 546 cm, Ei: 50 cm, Rahlgasse im 6. Bezirk
Gebrauchsanleitung im Aktionismusgeschmack, um 1974 S/W-Kopie überarbeitet mit Bleistift, Buntstift, collagiert mit Papierpunkten und Klebestreifen 21 × 15 cm
Werkstudie im Aktionismusstil, um 1974 S/W-Kopie überarbeitet mit Bleistift, Buntstift, collagiert mit Buntpapier 21 × 14,8 cm
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und die Familie lebte auch in der hier für diesen Zweck vorgesehenen Doppelwohnung (mit privilegiert großer Terrasse). Der Karl-MarxHof, ein 1930 eröffneter riesiger Gebäudekomplex mit 1382 Woh nungen im 19. Wiener Gemeindebezirk, ist ein Paradebeispiel des mittlerweile legendären sozialen Wohnbaus im „Roten“ (sprich sozialistischen) Wien zwischen den beiden Weltkriegen. 1934 war er ein zentraler Schauplatz der sogenannten Februarkämpfe, in denen sich der republikanische Schutzbund gegen die austrofaschistische Regierung von Engelbert Dollfuß wendete. Aus diesem Grund wurden dort nach dem „Anschluss“ zahlreiche Familien delogiert und an ihrer Stelle stramme Parteigänger:innen der Nationalsozialisten angesiedelt. In dieser toxischen Mischung an Bewohner:innen, die klarerweise nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestand, wuchs der junge West auf. In Gesprächen erwähnte er immer wieder die „alten Nazis“ im Karl-Marx-Hof und dass er diesen Wohnort hasste.5 Zwar zeichnete sich schon früh ab, dass die Kunst ein Weg aus dieser Situation sein könnte, doch dauerte es vergleichsweise lange, bis West sich 1970 entschließen konnte, diesen Weg auch tatsächlich aktiv zu beschreiten. Die Voraussetzungen dafür waren allerdings in o. T., 1972 Wasserfarbe, Tusche auf Papier 15 × 21 cm
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5 Gespräche Franz Wests mit der Autorin 1993–1996. 6 In Gesprächen mit der Autorin erzählte West, dass er am 28. Juni 1963 das Fest des Psychophysischen Naturalismus besuchte. Dies berichtet auch seine Freundin Wanda Wessely, die ihn dorthin begleitete (Gespräch Wanda Wessely mit der Autorin, 24. November 2025). Siehe auch das Interview mit Alexander Braun, in: Schlebrügge/ Turian, Gesammelte Gespräche, S. 40. West erzählte zudem, dass er am 21. April 1967 gerne zum Zock-Fest gegangen wäre, bei dem die Wiener Aktionisten gemeinsam mit anderen Wiener Künstler:innen auftraten,
darunter sein Halbbruder Otto Kobalek. Das war aber nicht möglich, da er zu dieser Zeit im Gefängnis saß.* Weiters erzählte er, dass er am 7. Juni 1968 im Publikum der Veranstaltung Kunst und Revolution war, der radikalsten Manifestation des Wiener Aktionismus, die als „Uniferkelei“ in die Geschichte einging. Darüber sprach er auch in einem Interview mit Markus Weiland; siehe Schlebrügge/ Turian, Gesammelte Gespräche, S. 48. 7 Datierte er diese Begegnung in den Gesprächen mit der Autorin nur grob in die Mitte der 1960er Jahre (siehe Eva Badura-Triska: Franz West – Chronologie
seiner Familie durchaus gegeben, und auch er selbst setzte schon früh Schritte in diese Richtung: Beide Eltern waren sehr gebildet und kunstsinnig, und ihre Bibliothek enthielt einschlägige Literatur. Sein Onkel war ein distinguierter Wiener Kunsthändler gewesen, der nach der Emigration in London eine der wesentlichen Galerien gründete und leitete. Wests Halbbruder Otto Kobalek (aus einer früheren Beziehung des Vaters), ein ehemaliger Schauspieler und (allerdings nur wenig schreibender) Dichter, wurde als „Wiener Original“ geschätzt und hatte Zugang zu den Avantgardekreisen der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus. (Allerdings blieb Wests Beziehung zu diesen Bewegungen stets eine distanzierte, wenngleich er deren Veranstaltungen besuchte.6 ) Zudem frequentierte West schon früh die Wiener Museen und Galerien und verkehrte bereits als Schüler in Künstlertreffs. In einem dieser Szenelokale, dem Café Sport, lernte er 1962 7 Elias Fuchs (genannt Elis) kennen, der ein enger Freund wurde. Elias war der älteste Sohn des in den 1960er Jahren zu Berühmtheit gelangten Malers Ernst Fuchs, eines Hauptvertreters der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Er lebte damals allein in einer bescheiden
o. T., 1972 Wasserfarbe, Bleistift auf Papier 15 × 21 cm
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Atelier-Aquarellen (mit Tusche, Kugelschreiber oder Bleistift) sehr fantasievolle, teils typisierte sowie oft aus abstrakten bildnerischen Elementen agglomerierte Formen der Menschendarstellung (S. 62, Abb. 31; S. 63, Abb. 32, 33). Dabei taucht vielfach das Spiralmotiv auf, meist als Haarlocke oder bei der Nase – eine Urform, auf die West zeitlebens in verschiedensten Zusammenhängen zurückgreift. Unter Einsatz von Spiralen gestaltet er hier ein geradezu signethaftes Gesicht, das mitunter als Voyeur auftaucht, der in den für ihn nicht zugänglichen Kuppelraum späht (S. 62, Abb. 31).16 Wie eine Signatur hat West dieses Motiv auch ganz frech auf die letzte Seite des Gästebuchs der Galerie Scheer (S. 64, Abb. 34) gesetzt, und mit einer Spirale beginnt das „W“ seiner für diese Werke typischen Signatur. Ein anderes markantes Detail, das man in jenen Werken vielfach findet (und das auf Wests weiteres Schaffen vorausweist), sind überproportional große, realistisch gemalte rote Münder. Sie sind in seinen fantasievollen Figurenfindungen meist in Vorderansicht gegeben, auch wenn das Gesicht im Profil dargestellt ist. Dabei Abb. 36 o. T., 1972 Wasserfarbe, Tusche auf Papier 18 × 12,5 cm
formulierte): Er schrieb an die Printmedien, die Arbeit stamme von einer Künstlerin, die für Hundertwasser als Nacktmodell gearbeitet habe. Diese nicht zu treffende Behauptung wurde tatsächlich veröffentlicht, was Gröller-Kubelka höchst unangenehm war. 15 Noch 1978 schenkte West Gröller-Kubelka zur Geburt ihrer Tochter Luise eine große Packpapier arbeit mit dem Kuppelmotiv. 16 Der Voyeur ist ein weiteres Thema, das in Wests späterem Schaffen wieder auftaucht.
Abb. 37 o. T., 1972 Gouache, Tusche auf Papier 16 × 13 cm
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werden sie fast schon zu Teilen, die sich vom Körper abzusetzen und zu verselbstständigen scheinen, während sie gleichzeitig mit diesem in Beziehung stehen (Abb. 36, 37) – ähnlich wie die späteren Passstücke. Das Motiv eines überproportional großen oder auch verselbstständigten Mundes spielt bei West weiterhin eine Rolle, so im 1974 entstandenen Relief Der Kuß (Abb. 38) und später etwa in den Lemurenköpfen. Aber noch auf einer ganz anderen Ebene weist West mit dieser Werkgruppe auf sein weiteres Schaffen voraus, nämlich indem er mit ihr in subversiver Weise das Kunstsystem und die Kunstwelt unterläuft. Hierbei war sein Galerist Manfred Scheer in bemerkenswerter Weise ein unterstützender Mitspieler. Er war tatsächlich bereit, diese Werke absichtsvoll zweideutig als „Bilder aus dem HundertwasserAbb. 38 Der Kuß, 1974 Papiermaché, Kunststoff, Stahl 65 × 78 × 18 cm
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Abb. 50 Gustav Klimt, Plakat für die erste Ausstellung der Secession, Reinzeichnung, 1898 Tusche, Bleistift auf Papier 129,8 × 78,8 cm
Abb. 49 Alfred Roller, Plakat für die 14. Ausstellung der Secession, 1902 Farblithografie 203 × 80 cm
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Abb. 51 Gustav Klimt (Ausführung: Albert Berger, 1900), Plakat für die erste Ausstellung der Secession, zensierte Fassung, 1898 Farblithografie 97 × 70 cm
Abb. 52 Plakatentwurf (FZ West Ausstellung), um 1971 Filzstift auf Papier 34 × 16,4 cm
Abb. 53 Plakatentwurf (Graz L’Eqipe), 1971 Filzstift auf Papier 34 × 16,5 cm
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