FALSTAFF Giuseppe Verdi
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH
Mit Falstaff versuchte sich Giuseppe Verdi noch einmal am Genre der heiteren Oper, einer Gattung, die er seit seinem rund 50 Jahre zurückliegenden Misserfolg mit Un giorno di regno nicht mehr angerührt hatte. Gemeinsam mit seinem Librettisten Arrigo Boito gelang eine neue Form der musikalischen Komödie, die zwar in vielem – wie den Figurentypen – an die Tradition anknüpfte, doch einen gänzlich anderen Weg nahm: ein konventionsbefreites Werk, ungemein feinsinnig in seiner Struktur und seinen (auch musikalischen) Querverbindungen, fernab vom plumpen Lachtheater. Über die Entstehung dieser letzten Verdi’schen Oper informieren sowohl einige Briefe aus der Entstehungszeit (Seite 66) als auch Oliver Láng auf Seite 60. Das große Feld der Musik des Falstaff, die Besonderheiten der Partitur, beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven der Komponist Kurt Schwertsik (Seite 10), die Musikwissenschaftlerin Barbara Meier (Seite 12) und nicht zuletzt Katharina Strommer, die Oberspielleiterin der Wiener Staatsoper, die die große Schlussfuge einer Analyse unterzieht (Seite 74). Den historischen und literarischen Quellen der Figur des Falstaff, ihrem künstlerischen Weiterleben in den letzten Jahrhunderten sowie weiteren »Shakespeare-Opern« gehen Adrian Mourby (Seite 42), Isolde Schmid-Reiter (Seite 84), Georgia Eilert (Seite 34), Oliver Láng (S. 38) und Arthur Scherle (Seite 48) nach. Die aktuelle Inszenierung von Marco Arturo Marelli ist das Ergebnis seiner langjährigen, intensiven Beschäftigung mit dieser Oper auf verschiedenen internationalen Bühnen. Dieses Ringen mit dem Werk führte von Mal zu Mal zu einer immer konziseren und überzeugenderen Umsetzung, die ihren Höhepunkt in der für Wien erarbeiteten Fassung erfuhr. Ein Porträt des an der Wiener Staatsoper mit zahlreichen Produktionen erfolgreichen Marco Arturo Marelli ist auf Seite 18 zu finden, ein Interview, das Andreas Láng mit ihm über diese Inszenierung führte, auf Seite 22. Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH
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Harold Bloom
» HAMLET IST DER BOTSCHAFTER DES TODES, WÄHREND FALSTAFF DIE BOTSCHAFT DES LEBENS IST. «
Oliver Láng
FALSTAFF – HISTORISCH UND BEI SHAKES PEARE »Häng’ du keinen Dieb, wenn du König bist!«, so spricht Falstaff bei seinem ersten Auftritt zu Prinz Hal, seinem späterem König. Und so führt Shakespeare seinen Helden, oder Anti-Helden, im Schauspiel Henry IV., Teil 1 ein. Es liegt im Interesse des Ritters, die Unterwelt nicht zu hart zu strafen; denn dieser Falstaff ist kein moralischer Saubermann, kein ranker und intellektuell verbrämter Zweifler, der am Weltschmerz und dem Verrat der Welt zugrunde geht. Er ist wohlbeleibt und deftig, alles, nur nicht fein, vor allem nicht unbedingt der gesetzestreueste aller Untertanen. Ja, dieser Charakter soll bewusst zweifelhaft sein, um zu zeigen, wie fragwürdig das junge Leben des Prinzen, des späteren Königs Henry, war: Wer solche Saufkumpanen hat, dem ist nie ganz zu trauen. Wer war aber Falstaff wirklich? Hat er gelebt? Ein indirekter Ahnherr der von Shakespeare erfundenen Figur ist der englische Ritter Sir John Oldcastle. Dieser – er hat im Grunde kaum Ähnlichkeit mit der späteren Komödienfigur – lebte Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts und war mit König Henry V. befreundet. Als Lollarde gehörte er einer Gruppe von Anhängern von John Wyclif an: Diese forderten kirchliche Reformen, griffen das PapstOLI V ER LÁ NG
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tum und die Institution der Kirche an, verwarfen eine Anzahl an Einrichtungen und Regeln und wünschten eine Abspaltung von Rom. Als Wyclif beim Konzil von Konstanz als Ketzer verurteilt wurde, galten auch seine Anhänger aals Häretiker. Und als solcher wurde auch Oldcastle angeklagt und vor Gericht gestellt. König Henry V. setzte sich für ihn ein und erreichte einen Aufschub für seinen Günstling; währenddessen gelang Oldcastle die Flucht aus dem Tower in London. Später, halbwegs in Sicherheit, versuchte er einen Aufstand anzuzetteln und war als dauernder Zündler – auch gegen das Königtum und -haus – bekannt. Mit entsprechendem Ende: Nach Jahren der Flucht wurde er 1417 gefasst, verurteilt, am Strang hingerichtet und auch noch verbrannt. Bereits im anonymen elisabethanischen Drama The Famous Victories of Henry V von 1588 (das Shakespeare wohl gekannt hat) kommt Sir John Oldcastle als Gefährte Henry V. vor. Auch Shakespeare ließ ihn in seinen Henry-
Edward Shuter als Falstaff in Henry IV, 1776 →
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FA LSTA FF – HISTOR ISCH U N D BEI SH A K E SP EA R E
Szenenbild (erster Akt), 2011
Impressum Giuseppe Verdi FALSTAFF Spielzeit 2021/22 Wiederaufnahme (Premiere der Produktion: 19. Oktober 2003) HERAUSGEBER Wiener Staatsoper GmbH, Opernring 2, 1010 Wien Direktor: Dr. Bogdan Roščić Musikdirektor: Philippe Jordan Kaufmännische Geschäftsführerin: Dr. Petra Bohuslav Redaktion: Sergio Morabito, Andreas Láng, Oliver Láng basierend auf dem Programmheft der Premiere 2003 Gestaltung & Konzept: Fons Hickmann M23, Berlin Layout & Satz: Irene Neubert Bildkonzept Cover: Martin Conrads, Berlin Druck: Print Alliance HAV Produktions GmbH, Bad Vöslau TEXTNACHWEISE Die Handlung (bearbeitete Übernahme aus dem FalstaffProgrammheft der Wiener Staatsoper, 2003), englische Übersetzung von Andrew Smith – Kurt Schwertsik, Falstaff (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Barbara Meier, Die Musik im Falstaff, in: Giuseppe Verdi, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage – Andreas Láng, Antworten aus der Musik, in: Ich höre den Raum, Henschel-Verlag, 2010 Leipzig – Andreas Láng/Marco Arturo Marelli Die Eingemeindung eines Außenseiters (Übernahme des Interviews aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2003) – Georgia Eilert, Vom Jäger Herne die Mär ist alt, gekürzter Aufsatz, erschienen München 1983 – Oliver Láng, Falstaff – historisch und bei Shakespeare (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Adrian Mourby, »Hört, Vater, da Ihr schwach seid« (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Arthur Scherle, Falstaff-Vertonungen, in: Opernwelt 1/1987 – Andreas Láng, Nur ein Spiel (überarbeitete Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Oliver Láng, Der Alte lacht wieder (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Angelika Niederberger Komponist und Librettist (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2003) – Katharina Strommer, Die Schlussfuge im Falstaff, in: Falstaff – Die Synthese eines Lebenswerks?, Diplomarbeit Universität Wien, 2005 – Isolde Schmid-Reiter, Opern-Variationen über Shakespeare (Übernahme aus dem Falstaff-Programmheft der Wiener Staatsoper, 2016) – Andreas Láng, Der Weg zum beliebten Zugstück
Die Produktion von Falstaff wird gefördert von
BILDNACHWEISE Coverbild: Les Trois GarÇons, London, Getty Images Szenenbilder Seite 5, 20, 27, 57, 71: Axel Zeininger / Wiener Staatsoper GmbH Szenenbilder Seite 2, 3, 6, 16, 17, 82, 83: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper GmbH Seite 103: Theatermuseum Wien Seite 102: Archiv der Wiener Staatsoper Seite 37, 39, 40, 45, 50, 65, 90, 91: AKG-Images Nachdruck nur mit Genehmigung der Wiener Staatsoper GmbH / Dramaturgie Kürzungen werden nicht gekennzeichnet. Rechteinhaber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
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