WOZZECK Alban Berg
SYNOPSIS
← Anja Kampe als Marie und Sean Panikkar als Tambourmajor
In order to provide adequate financial support for his girlfriend Marie and her little boy, Wozzeck takes on a number of odd jobs to earn additional income. For example, he regularly shaves the captain, cuts sticks, and makes himself available to the doctor for questionable medical experiments – such as a diet of beans and wether meat. Restless and hounded by tormenting delusions, he hustles from one job to the next, a constant target for the ridicule and sadism of the captain and doctor. His only anchor in life is his relationship with Marie. However, she is attracted to the handsome drum major, with whom she finally enters into a sexual relationship. When Wozzeck discovers that she has a new pair of earrings, he starts to become suspicious. The obviously malicious insinuations made by the doctor and the captain make it clear to him that he has been deceived by Marie. He asks her about the matter, but Marie brusquely rebuffs Wozzeck. When he then sees her dancing in public with the drum major, who later even enthuses to Wozzeck about her physical merits, Wozzeck decides to murder Marie. The next time he meets up outside with Marie, he carries out his plan and stabs Marie to death. Shortly thereafter, when Margret and others discover blood on Wozzeck, he returns to the scene to find a better hiding place for the knife he had thrown away; he wades deeper and deeper into the water and drowns. Marie’s little boy, teased by the other children, is left a complete orphan, still too young to understand what has happened.
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SY NOPSIS
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH
Alban Bergs Wozzeck erzählt die Geschichte einer gepeinigten Kreatur, die, von Visionen und Ängsten bedrängt, von der Gesellschaft verlacht und gequält, aus ihrer Existenz getrieben wird – bis es zur finalen Katastrophe kommt. In ihrem einleitenden Essay umreißt die österreichische Schriftstellerin Anna Mitgutsch ab Seite 10 Wozzecks Welt und Leid wie auch sein tragisches Scheitern. Dass es sich dabei um keinen historischen, sondern brennend aktuellen Stoff handelt, legt Regisseur Simon Stone in einem Interview ab Seite 16 dar. Martin Schenk, Mitbegründer der Armutskonferenz und stellvertretender Direktor der Diakonie, dokumentiert ab Seite 88 die Armut im Österreich im Jahr 2022. Die Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld zeichnet ab Seite 98 die Berg beeinflussenden Diskurse um das »Weib« der Wiener Moderne nach und, ausgehend von Wozzecks Mord an Marie, sprechen Monika Jank von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie und Isabel Haider vom Institut für Strafrecht und Kriminologie über den Femizid in Österreich (ab Seite 104). Die Ausführungen zur Wozzeck-Musik führt Premierendirigent Philippe Jordan ab Seite 22 mit Einblicken in die komplexe Partitur und Klangsprache Bergs an; Kurzanalysen einzelner Opernszenen stammen von Barbara Meier (Seite 28) und Constantin Floros (Seite 36). Die aufschlussreiche Wozzeck-Auseinandersetzung des Berg-Schülers Adorno ist ab Seite 40 nachzulesen, der Komponist selbst kommt mit seinem berühmt gewordenen Text Das ›Opernproblem‹ zu Wort (Seite 32). Einblicke in das Werk, die Personenkonstellationen und die Psychologie des Protagonisten gibt der Premieren-Wozzeck Christian Gerhaher ab Seite 46, Oliver Láng umreißt ab Seite 54 die Entstehungsgeschichte der Oper. Detailaufnahmen zu Bergs sich im Werk niederschlagenden Erlebnissen als Soldat sowie zur wirtschaftlichen Lage des Komponisten stammen von Daniel Ender (ab Seite 60) und Theresa Steininger (ab Seite 70). Konrad Paul Liessmann beschäftigt sich ab Seite 112 mit dem Naturbegriff von der Romantik bis zum Beginn des 20. Jahrunderts und Andreas Láng beschreibt die Staatsopern-Aufführungsgeschichte dieses Zentralwerks der klassischen Moderne ab Seite 118. Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH
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»Ich fühle schneidend, dass Geld die Mauer ist, die vom wirklichen Leben trennt, dass das Mutige immer mutig, das Große immer groß, das Opfer immer heilig und das Böse immer böse wäre, wenn nicht das Geld die Seelen verhöhnte und die Werte in fratzenhafte Dimensionen verzerrte.« Marieluise Fleißer in Fata morgana des Geldes, 1932 9
Anna Mitgutsch
ES IST EIN SCHWEIGEN IN DER WELT
Wo das Schweigen in die Sprache eindringt, wird der sichere Boden der Realität brüchig, oder, wie Wozzeck in der zweiten Szene des ersten Akts singt: »Hohl! Alles hohl! /…/ Ein Schlund! Es schwankt! Hörst Du, es wandert was mit uns da unten!« Das Schweigen reißt Lücken in das tragfähige Gewebe der Wirklichkeitsdeutung. Die Musik dagegen verhält sich zum Schweigen anders, nicht dialektisch, sondern ergänzend, sie hebt die Sprache auf eine andere Ebene des Verstehens, führt sie weiter, lässt sie im Schweigen klingen. Es erscheint wie ein Paradox, dass gerade die Literatur die Schweiger, die Stammler, die mit der Sprache kämpfen, mehr liebt als die Wortgewandten. Sie lassen die Abgründe sichtbar werden, sie demonstrieren uns die Ohnmacht vor den unlösbaren Rätseln der Existenz. Büchners Woyzeck ist ein Schweiger, einer, der sich mit Worten und zusammenhängenden Gedanken schwer tut und doch mehr von den unheimlichen Kräften spürt, die anderen verborgen bleiben, gerade, weil er seinen Empfindungen stärker vertraut als der Vernunft. Mit Woyzeck fand Büchner eine Figur, die uns ein solches Schweigen packend und verstörend vorführt. Je mehr ein Autor offen lässt, je mehr Leerstellen er dem Leser anvertraut, desto verwundbarer A N NA MITGU TSCH
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Gestalt, die an Hiob erinnert: der in die äußerste Verlassenheit gedrängte, gedemütigte Mensch, dem alles genommen wird und den man verhöhnen darf, weil man ihm gleichzeitig jede Möglichkeit nimmt, zu seinem Recht zu kommen. Sein Leiden geht weit über soziale Ungerechtigkeit hinaus und seine Rache ist nicht die eines gehörnten Liebhabers, sondern die Antwort eines Menschen auf die Vernichtung seines Lebensinhalts. »Herr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel! Hab sonst nichts auf dieser Welt!«, fleht er, als der Hauptmann mit seiner Andeutung von Maries Untreue diese Welt ins Wanken bringt. Ob es die Lebensumstände sind, das Schicksal, ein grausamer Gott oder, wie Büchner es nennt, »der gräßliche Fatalismus der Geschichte«, es ist jedenfalls das Element, das den historischen Mordfall zur Tragödie macht. Die Oper endet jedoch nicht mit Mord und Selbstmord. Die letzte Szene kehrt zum Kind von Marie und Wozzeck zurück, zu den spielenden Kindern, die die tote Marie suchen gehen. Maries Kind reitet auf dem Steckenpferd hinterher, ihm gehört das letzte Wort mit seinem hellen »Hopp, hopp! Hopp, hopp! Hopp, hopp!« Es ist ein erschreckendes Bild, verstörender als die gewaltsamen Tode seiner Eltern. Beginnt damit ein neuer Kreislauf von Verlassenheit und sozialer Grausamkeit, mit der johlenden Schar Kinder, die die Leiche anschauen laufen, und dem verwaisten, alleingelassenen Kind, das sein Schicksal noch nicht versteht und keine Sprache hat? Bei Büchner hat das Kind noch vor dem Mord an Marie seinen letzten Auftritt: Woyzeck gibt seinen Sohn in die Obhut des zurückgebliebenen Karls. Alban Berg sagt in seinem Wozzeck-Vortrag (1929) zur Schlussszene: »Es ist vom dramatischen Standpunkt aus als der dem Selbstmord Wozzecks folgende »Epilog« aufzufassen, als ein aus dem handlungsmäßigen Geschehen des Theaters heraustretendes Bekenntnis des Autors, ja, als Appell an das gleichsam die Menschheit repräsentierende Publikum.« Anklagender und aufrüttelnder könnte ein Appell an die Gesellschaft nicht sein.
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E S IST EIN SCH W EIGEN IN DER W ELT
EIN SCHARFER BLICK AUF DIE SOZIALE REALITÄT Regisseur Simon Stone im Gespräch mit Andreas Láng
Philippe Jordan
ÜBER DIE »WOZZECK«MUSIK Mit Wozzeck kommt eine neue Sprache in die Operngeschichte. An dieser prominenten Wegmarke lässt Alban Berg im Musiktheater die altbekannte Tonalität hinter sich, die freilich schon weit zuvor, sehr deutlich etwa bei Richard Wagners Tristan und Isolde, stetig erweitert worden war. Viele Komponisten sind vom Tristan an weiter und weiter gegangen, bis das gewohnte System schließlich in der Zweiten Wiener Schule aufgegeben wurde. Das Beschreiten dieses ungewohnten, nicht mehr an eine Tonalität gebundenen Wegs (und Wozzeck gilt als erste wesentliche Oper dieser neuen Zeit) ist eine Phase der Befreiung. Wobei: Berg spielt durchaus noch mit Elementen aus der Tradition der westlichen Musikgeschichte und knüpft immer wieder auch an tonale Bezügen. Diese Freiheit, die er sich diesbezüglich gestattet, verweist auf sein Urmusikantentum, das jenseits einer zu strengen Prinzipienhaftigkeit steht. Gerade auch das macht ihn zu einem unglaublich publikumsfreundlichen Komponisten, der um die Notwendigkeiten der künstlerischen Freiheit wusste. So setzte Berg etwa spezifische Tonarten ein, die einen bestimmten Symbolcharakter haben oder auf etwas verweisen. Viele wissen, dass zum Beispiel d-Moll oftmals für den Tod steht – nicht umsonst ist Mozarts Requiem in dieser Tonart geschrieben. Der Epilog in Wozzeck, also das letzte Zwischenspiel, lässt d-Moll anklingen, ist also nichts anderes als ein Requiem für Wozzeck. Ein anderes Beispiel ist die Verwendung eines ganz normalen C-Dur-Akkords, Berg setzt ihn an der Stelle ein, an der Wozzeck Marie Geld gibt. Er hat also keine Scheu, auch zurückzublicken und sich des Vokabulars der Vergangenheit zu bedienen. Wobei es natürlich dennoch immer um das Vorwärtsschreiten geht: Schon die ersten beiden Akkorde der Oper waren im damaligen Musiktheater »neue« Klänge, man wusste also vom ersten Moment an, dass hier ein anderer Weg eingeschlagen wird. PHILIPPE JOR DA N
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Constantin Floros
DER » EPILOG « DER OPER ALS » BEKENNTNIS DES AUTORS «
Im Mai 1929 hielt Alban Berg in Oldenburg anlässlich der Neueinstudierung des Wozzeck seinen berühmt gewordenen Einführungsvortrag. Hier kam er auch auf das Orchesterzwischenspiel vor der Schlussszene zu sprechen, nannte es den »Epilog« der Oper und bezeichnete es als »Bekenntnis des Autors«.
haben sie im irdischen Leben ihre Sauwirtschaft geführt und bestritten und gerne auf seelische Extravaganzen verzichtet und nur spöttisch blöd darüber gelacht! Ja, ja: ich kannʼs ruhig heraussagen, aber am liebsten schrie ichʼs hinaus mit tausend Stimmen: ich hasse die Menschen – alle – alle –!! «
Alban Berg an seine spätere Ehefrau Helene Nahowski
Oliver Láng
» WOZZECK « IST KEINE ZIGARETTE
Zur Entstehungsgeschichte der Oper
» Manchmal glaubʼ ich, ich werde wahnsinnig vor Schmerz – das anderemal tobsüchtig vor Wut! Und das infame Gefühl, ›es nützt mir alles nichts‹! Ich muss mir alles gefallen lassen!!! «
Alban Berg an Helene, 9. September 1908
Zsigmond Móricz
ARME LEUTE Alban Berg las 1916 die Erzählung Arme Leute des ungarischen Schriftstellers Zsigmond Móricz (1879-1942), die ihn tief beeindruckte. Móricz schildert in unerbittlich-hartem Realismus das Elend und die Armut der ungarischen Landbevölkerung und die Verrohung des Menschen aufgrund der Umstände. Waren denn Schulden wirklich eine so große Sache? Dieser Mensch hatte soviel Geld, dass er diese zwanzig Gulden nie im Leben ausgeben würde... Wozu brauchte er sie dann? ... Warum verlangte er sie unbedingt? Der war imstande, sie einem aus dem Fleisch herauszuschneiden... Er musste doch selbst wissen, dass die Frau das Geld nötig hatte, wenn ihr Mann schon sechsundzwanzig Monate weg war... Wie hätte sie sich und die drei Kinder erhalten sollen, während er an der Front war... und im Lazarett… und wieder an der Front… Er zog die Mütze tief ins Gesicht und sah sich mit blutunterlaufenen glotzenden Augen um... Wie soll der Mensch leben, wenn er nur deshalb lebt? ... Sechsundzwanzig Monate draußen sein, in solchen Zeiten, weder Gefangene noch Verwundete machen, nur Tote. Und das ist nun das Ergebnis... Das ist das Ende... Er trat durch das kleine Tor in den kleinen Hof. Da wohnte in einem Häuschen seine Frau mit den drei Kindern. Die Kinder spielten auf dem Hof mit einem Wägelchen, ein Garten gehörte nicht dazu; dieses armselige Haus war eine Art Kätnerhütte. »Warum bist du nach Hause gekommen?« fragte die Frau verwundert. Der junge Mann blieb stehen und sah sie still an. »Frag nicht viel, sondern komm!« »Wohin?« »Wirst schon sehn«, sagte er und wandte das Gesicht ab. »Auf den Markt.« »Auf den Markt?« »Ja.« Mehr sagte er nicht. Als er ins Haus hinein ging, sah er die Frau in Gedanken versunken an. »Was willst du kaufen?«, fragte sie und ging ihm nach. ZSIGMON D MÓR ICZ
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Martin Schenk
SOZIALES FIEBERTHERMOMETER
Armut und soziale Prekarität in Österreich 2022
Andreas Láng
MIT GLÜCK ÜBER DEN BERG
Die Enttäuschung vieler, dass die erste Oper des Wieners Alban Berg nicht in seiner Geburtsstadt, sondern in Berlin zur Uraufführung gelangte, wurde dadurch abgemildert, dass die hiesige Erstaufführung »nur« fünf Jahre später, am 30. März 1930 über die Bühne der Wiener Staatsoper ging. (Bergs Lulu kam erst 1968 zu offiziellen Staatsopernehren!) Ausschlaggebend dafür war ein Direktionswechsel. Denn mit dem Dirigenten Clemens Krauss übernahm 1929 einer der bedeutendsten Größen der damaligen Musikwelt das Haus am Ring. (Dass er später die Wiener Staatsoper verließ um dem Ruf ins nationalsozialistische Deutschland zu folgen, wirft allerdings einen bleibenden Schatten auf seine menschliche Größe.) Nicht nur, dass Krauss den Wozzeck gleich in seiner ersten Spielzeit ins Programm nahm, er rührte, seine ganze Autorität einbringend, laut die Werbetrommel, um schon vorab auf die Bedeutung dieser Premiere hinzuweisen. Bei einer eigenen Pressekonferenz bezeichnete er Wozzeck sogar »als eines der bedeutendsten Werke der neueren Opernliteratur« und sorgte dafür, dass dies sowohl im In- wie im Ausland in diversen Zeitungen und Zeitschriften entsprechend gemeldet wurde. Und A N DR EAS LÁ NG
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