nurejew gala
nurejew gala Allegro Brillante George Balanchine Pas de deux aus Cendrillon Rudolf Nurejew Pas de deux aus Le Corsaire nach der Fassung von Rudolf Nurejew & Margot Fonteyn Source of Inspiration Sol León & Paul Lightfoot Unisono Hans van Manen Tempo David Coria Ungarische Tänze Martin Schläpfer Le chant du compagnon errant Maurice Béjart Grand Pas Classique aus Paquita nach Marius Petipa
26. JUNI 2022 WIENER STAATSOPER
über die heutige vorstellung
»Es war, als hätte man in einem Salon ein wildes Tier losgelassen«, schrieb ein Londoner Journalist in einem Nachruf auf Rudolf Nurejew, jenen so außergewöhnlichen Künstler, der als Tänzer die Welt des Balletts neu vermaß und als Choreograph vor allem den Klassikern neues Leben einhauchte. Die legendenumrankte Vita vom Aufstieg des in Ufa am Ende der sowjetischen Welt aufgewachsenen Sohns eines Politoffiziers der Roten Armee zu einem international gefeierten Star des Balletts und dessen außergewöhnliches Künstlertum hat bis heute nichts an Faszinationskraft verloren. Das Wiener Staatsballett erinnert an den Ausnahmekünstler seit 2011 regelmäßig mit einer Gala und auch heuer wird diese die Saison krönen: »Als Verneigung vor diesem auch für Wien so wichtigen Jahrhunderttänzer, aber auch vor der Arbeit meines Vorgängers Manuel Legris«, so Ballettdirektor Martin Schläpfer, für den das Programm Anlass ist, den tänzerischen State of the Art seines Ensembles mit zentralen Werken des Repertoires zu präsentieren, aber auch in die Gegenwart und über den Tellerrand zu schauen. So vereinen sich heute unter der musikalischen Leitung von Guillermo García Calvo Historisches, Zeitgenössisches und Flamenco, das Wiener Staatsballett, die Studierenden der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, die Gäste Friedemann Vogel (Stuttgarter Ballett), Guillaume Côté (The National Ballet of Canada) und Andrè Schuen (Bariton) sowie der spanische Tänzer David Coria mit seinen beiden Musikern David Lagos (Cantaor) und José Luis Medina (Gitarre) zu einem vielfältigen Tanzfest.
ÜBER DIE HEUTIGE VORSTELLUNG
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about today’s performance
»It was as if someone had released a wild animal into a living room«, one London journalist wrote in an obituary of Rudolf Nureyev, that remarkable artist who as a dancer recalibrated the world of ballet and as a choreographer breathed new life into the classics. The legendary story of the rise of the son of a political officer in the Red Army, who grew up in Ufa at the end of the Soviet world, to become an internationally renowned star of ballet and his extraordinary artistic talent has lost none of its fascination to this day. Since 2011, the Vienna State Ballet has regularly commemorated this artist with a gala, and also this year the Nurejew-Gala will crown the season: »As a bow to this truly exceptional dancer, but also to the work of my predecessor Manuel Legris«, says ballet director Martin Schläpfer, for whom the programme is an occasion to present the dance state of the art of his ensemble with central works of the repertoire, but also to look into the present and beyond. Under the musical direction of Guillermo García Calvo, classical ballet, contemporary dance and flamenco, the Vienna State Ballet, the students of the Ballet Academy of the Vienna State Opera, the guests Friedemann Vogel (Stuttgart Ballet), Guillaume Côté (The National Ballet of Canada) and Andrè Schuen (baritone) as well as the Spanish dancer David Coria with his two musicians David Lagos (cantaor) and José Luis Medina (guitar) will unite in a multifaceted celebration of dance.
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ABOUT TODAY’S PERFORMANCE
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Allegro Brillante Liudmila Konovalova, Masayu Kimoto
RUDOLF NUREJEW
»Zum ersten Mal in meinem Leben verlangte das Publikum eine Zugabe. Sie galt dem Pas de deux aus Le Corsaire. Ich tanzte ihn noch einmal und der Applaus war sogar noch stärker als beim ersten Mal. Es war berauschend.«
Auch wenn sich der Pas de deux seit jeher in der ehemaligen Sowjetunion großer Beliebtheit erfreute, so war es erst an Rudolf Nurejew diesen im Ballettrepertoire des Westens zu integrieren. 1962, ein Jahr nach seiner Flucht, tanzte er den Pas de deux mit Dame Margot Fonteyn am Royal Ballet London. Das Publikum wie auch die Presse brachen in Begeisterungsstürme aus. Als »nicht von dieser Welt« wurde der Tanz und die Chemie zwischen den beiden beschrieben, deren künstlerische Partnerschaft von nun an zum Maß aller Dinge wurde und deren Auftritte weltweit frenetisch gefeiert wurden. Der Le Corsaire-Pas de deux machte die beiden nicht nur zu Legenden des Balletts, sondern das Fonteyn-Nurejew-Phänomen, beginnend mit ihrer Interpretation dieser Choreographie, trug auch wesentlich zum »Dance Boom« in den 1960er und 1970er Jahren bei. Beide machten die Ballettkunst populärer als sie je zuvor war. Nurejew tanzte den Pas de deux verschiedene Male und überzeugte stets als der Sklave mit freiem Oberkörper und beinahe katzenartigen Zügen. So schrieb die amerikanische Journalistin Joan Acocella im New Yorker über Rudolf Nurejews Performance: »Der Pas de deux demonstriert nicht nur die meisterhafte Kunstfertigkeit, die Nurejew auf dem Höhepunkt seiner Kräfte vollbringen konnte, er zeigt auch, was ihn sonst noch zum Star machte – sein stolzes Auftreten, seine ausgefallene Platzierung, seine große Freude am Tanzen und auch sein Sexappeal.« Auch wenn die männliche Variation nur eine Minute lang ist, so ist sie durch die zahlreichen Pirouetten und gestalterischen Sprünge nicht weniger beeindruckend und eine Paradepartie für Solisten. Die Schlusspose, in der Nurejew auf dem Boden liegt und Fonteyn anbetend anschaut, kann als ikonischer Moment der Balletthistorie betrachtet werden. So spannend die Entstehungsgeschichte des Pas de deux im Corsaire ist, so unterschiedliche Fassungen existieren bis heute. Deshalb sind im Laufe der Zeit auch für die Variation der Tänzerin zahlreiche Versionen entstanden. Martin Schläpfer, der den Pas de deux mit den beiden Ersten Solist*innen Hyo-Jung Kang und Davide Dato einstudiert hat, war inspiriert von jener Fassung, die Nurejew und Fonteyn getanzt haben. Die weibliche Variation stammt aus der Traumsequenz im zweiten Akt des Balletts Don Quichotte nach Marius Petipa. Über zwanzig Jahre nach Nurejews Premiere im Le Corsaire-Pas de deux feierte seine Version von Sergei Prokofjews Cendrillon ihre Uraufführung an der Pariser Oper. In seiner »Cinderella goes to Hollywood«-Adaption von Charles Perraults Märchenstoff verlegte Nurejew die Geschichte in das Hollywood der 1930er und 1940er Jahre. Entdeckt von einem Filmproduzenten, eine Art »Fairy Godfather«, flieht das junge Mädchen vor ihrem alkoholkranken Vater und der bösen Stiefmutter in die Welt des Films, um ihren Traum von der Schauspielerei zu leben. Ihr »Prinz« ist der Hauptdarsteller des Films. Den Ball hat Nurejew in einen Screen-Test, bei dem sich die jungen Liebenden kennenlernen, verwandelt. Kreiert hat Nurejew die Rolle der Heldin für Sylvie Guillem, er selbst tanzte den Filmproduzenten. Nurejews Version von Cendrillon ist eine Geschichte über den Traum von (Zu)flucht und Berühmtheit in der Welt des Scheins und Glanzes. Einige seiner Lieblingsthemen
CENDRILLON & LE CORSAIRE
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MARTIN SCHLÄPFER
»Die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms sind vor allem Tänze. Was liegt da näher als einfach zu tanzen, frei zu sein, loszulassen, virtuos zu sein und auch zu zeigen, was meine wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer alles können. Ich wollte Energie, Freude, Positives, Extrovertiertes.«
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UNGARISCHE TÄNZE
»Ich wollte eine Musik, die bekannt, ja belastet ist. Eine Musik, die man mir nicht sofort zuordnet. Auch eine Musik, zu deren Nummerncharakter ich mich bekenne, indem ich ihn an keiner Stelle zu überspielen versuche«, äußerte sich Martin Schläpfer zu seiner Wahl der Ungarischen Tänze für seine Choreographie. 1869 hatte sich Brahms zu einem ersten Zyklus von Tänzen durch eine für ihn exotische Welt inspirieren lassen, die er durch den Geiger Eduard Reményi und den ungarisch-stämmigen Joseph Joachim, aber auch auf mehreren eigenen Konzertreisen kennengelernt hatte. Vorausgegangen waren aber bereits auch eigene Volkslied-Recherchen, die er zwischen 1848 und 1850 zu einer Sammlung von Liedern aus verschiedenen Ländern vereinte. Am 8. Juni 1854, dem Geburtstag Robert Schumanns, überreichte er Clara Schumann dann in Düsseldorf die Abschrift eines Heftes mit weiteren 37 Nummern, darunter auch zehn Volksweisen aus Ungarn, von denen er einige auch für seine Ungarischen Tänze nutzte. Neben Melodiengut aus der ungarischen Volks-, Bauern- und sogenannten »Zigeuner-Musik« griff Brahms auch auf Csárdás-Kompositionen zurück wie z.B. auf den Emma Csárdás von Mór Windt in den Rahmenteilen von Tanz Nr. 2. In dem 1880 erschienenen zweiten Heft entfernte er sich dagegen mehr von den originalen Vorlagen, um seiner eigenen Fantasie auf der Suche nach Melodien im ungarischen Stil freien Lauf zu lassen. Alle Tänze stehen ausnahmslos im 2/4-Takt und weisen den typischen Wechsel von punktiert-synkopenreicher mit gleichmäßiger Rhythmik auf. Nach dem großen Erfolg der vierhändigen Ausgabe des ersten Heftes war es Brahms selbst, der – als kalkuliere er die unterschiedlichen Entfaltungsmöglichkeiten geradezu mit ein – seine Ungarischen Tänze auch für andere Besetzungen öffnete. Auf eine Fassung für Klavier zu zwei Händen fertigte er 1873/74 auf Wunsch seines Verlegers Simrock von den Tänzen Nr. 1, 3 und 10 auch eine Orchesterversion an und versprach: »gelegentlich kommen ja vielleicht mehr«. Mehr sollten es leider nicht werden, doch bald schon fühlten sich Zeitgenossen wie nachfolgende Generationen zu eigenen Orchesteradaptionen inspiriert, so dass heute auch mit Orchester eine Aufführung beider Zyklen möglich ist. Brahms war mit den Ungarischen Tänzen eine Gesellschaftsmusik von hohem Anspruch, wie sie das gebildete Bürgertum im 19. Jahrhundert für das gesellige häusliche Musizieren am Klavier zu vier Händen so sehr liebte, gelungen und noch viel mehr: eine Musik, die direkt an die Wurzeln alles Musikantentums rührt und doch mehr als Volksmusik ist. In Martin Schläpfers Ballett Ungarische Tänze trifft Folklore auf die verfeinerte Kunst des Balletts, Strenge auf Freiheit, Codiertes auf Entgrenzung – befruchten sich die Gegensätze, prallen aber immer wieder auch hart aufeinander. Johannes Brahms’ Musik wie Martin Schläpfers Choreographie sind eine hinreißende Hommage an das Tanzen.
UNGARISCHE TÄNZE
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KLAUS GEITEL
»Seine eindringlichsten Leistungen brachte Nurejew immer im Niederbruch der Charaktere, die er tanzend entwarf; in den Augenblicken schier monomanisch wütender Trauer und einer Zerrissenheit, die jede choreographische Form zu zerfetzen schien. Inmitten der lichten Welt des Balletts mit ihrem ätherischen Hochflug kauerte er als finsterer Engel, als Eindringling, als Mahner, als Usurpator, als Herausforderer. Als Opfer.« 35
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Ausnahmetänzer, mit dem er bei seiner Stuttgarter Uraufführung Taiyō to Tsuki zu einer besonders intensiven Zusammenarbeit gefunden hatte: Friedemann Vogel. Dieser hat Béjarts Pas de deux ebenfalls bereits mit verschiedenen Partnern präsentiert, darunter auch der Principal Dancer vom National Ballet of Canada Guillaume Côté, der heute Abend auch in Wien zu erleben ist. Béjart hatte sich als musikalische Basis die vier Lieder eines fahrenden Gesellen gewählt, die Gustav Mahler zwischen 1884 und 1885 zunächst als Klavierlieder konzipiert, über zehn Jahre später, am 16. März 1896, mit dem Berliner Philharmonischen Orchester dann auch in einer instrumentierten Fassung präsentiert hatte. Er selbst hatte die Texte geschrieben – mitten im Volkstümlichen ansetzend eine Art Urtypus des Volkslieds ausformulierend: vom verschmähten, verlassenen und unerhörten Verliebten (»Wenn mein Schatz Hochzeit macht«) über die Beschwörung einer »schönen Welt« in der friedlichen Heiterkeit der erwachenden Natur, in der auch das Gesellenglück bald anfangen könnte (»Ging heut’ morgen übers Feld«), hinein in einen jener existenziellen Abstürze, wie sie in Mahlers Werk nie fehlen (»Ich hab’ ein glühend Messer«) – vom Typus her ein grimmiges Scherzo im dramatischen Balladenton eines Danse macabre. Mit einem erzwungenen Abschied beginnt das letzte Lied »Die zwei blauen Augen« mit »geheimnisvoll schwermütigem Ausdruck«. Volkslied und Volkston erscheinen hier nurmehr als Versatzstücke, sind zerbrochen. Unter einem Lindenbaum findet der Geselle Ruhe – nicht wie sein Schubertscher-Müllerscher Vorgänger nur im Konjunktiv –, sondern wahrscheinlich für immer. Denn der da singt, meldet sich schon aus einer anderen Welt. Keines der Stücke endet in der Tonart, in der es begann, und auch der Schluss findet nicht an den Anfang zurück. In seiner Choreographie gelang es Maurice Béjart mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erreichen, wie Antoine Livio schriebt: »Das Mit- und Gegeneinander der Tänzer äußert sich in verschiedenen parallel, spiegelbildlich oder kanonartig versetzten Bewegungssequenzen; die Spannungszustände zwischen ihnen finden eher Mimischen und Pantomimischen Ausdruck.« Nurejew verabschiedete sich am 23. Oktober 1990 im Pariser Palais Garnier mit dem ersten und vierten Lied von seinem Publikum. Sein Partner auf der Bühne war Patrick Dupont, der gerade seine Nachfolge als Direktor des Ballet de l’Opéra de Paris angetreten hatte – eine ergreifende Begegnung zwischen einem verlöschenden Star und seinem jungen Rivalen. Der verzweifelte Gesichtsausdruck Nurejews, während er bei den Worten »Alles ist wieder klar, ja alles ist klar, alles, die Liebe und der Schmerz, die Welt und der Traum« seine Hand in Richtung Zuschauerraum streckte, grub sich für immer in die Erinnerung des Publikums ein.
LE CHANT DU COMPAGNON ERRANT
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