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Programmheft »Norma«

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VINCENZO BELLINI

NORMA


DIE HANDLUNG

2. AKT Norma glaubt, ihre Kinder töten zu müssen: bei den Galliern sei ihnen der Tod sicher, bei den Römern die Sklaverei, »schlimmer noch als Tod«. Sie vermag es nicht. Nun fordert sie Adalgisa auf, Pollione zu heiraten und sich ihrer beiden Kinder als Stiefmutter anzunehmen. Doch Adalgisa gelingt es, der zum Selbstmord entschlossenen Norma wieder Hoffnung zu geben: Sie selbst will Pollione dazu bewegen, zu ihr und den Kindern zurückzukehren. Oroveso mahnt die Gallier, die das römische Lager überfallen wollen, zur Zurückhaltung, denn Pollione soll von einem wesentlich brutaleren Prokonsul abgelöst werden. Clotilde bringt Norma die Nachricht, dass Adalgisas Vermittlungsversuch gescheitert ist. Norma gibt das von den Galliern ersehnte Signal zum offenen Aufstand. Pollione wird gefangen hereingeschleppt: Er hatte versucht, die sich ihm verweigernde Adalgisa zu entführen. Norma macht Pollione unter vier Augen ein letztes Angebot: Wenn er bereit ist, von Adalgisa abzulassen, wird sie ihm die Flucht ermöglichen. Doch seinen zynischen Gleichmut vermag erst ihre Drohung zu erschüttern, Adalgisa vor seinen Augen hinrichten zu lassen. Norma ruft das Volk zurück. Sie habe den Landesverrat einer eidbrüchigen Priesterin anzuklagen. Doch statt Adalgisa zu denunzieren, antwortet sie auf die erregten Fragen nach deren Identität mit den Worten: »Ich bin es.« Angesichts ihres Selbstopfers bekennt sich Pollione wieder zu seiner Liebe zu ihr; doch seine Bitte, ihm zu verzeihen, lässt Norma unbeantwortet. Ihrem Vater Oroveso gesteht Norma, dass sie Mutter ist. Bevor sie den Scheiterhaufen besteigt, vermag sie dem Widerstrebenden das Versprechen abzuringen, ihre Kinder vor der Wut ihres Volkes zu schützen.

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ÜBER DIESES PROGRAMM- BUCH Unter einem Zitat Richard Wagners, der bei Bellini »Melodien, wie schöner nicht geträumt werden können« fand, skizziert der Musikwissenschaftler Sebastian Werr ab S. 9 den Werdegang des Komponisten, die Besonderheit seiner Ästhetik und die Faktoren, die Norma zum Hauptwerk des früh verstorbenen werden liessen. Wagner selbst kommt im Rahmen seiner Würdigung der Norma anlässlich eines eigenen Dirigats des Werks in Riga 1837 ausführlich zu Wort (S. 20). Der Dirigent der Wiener Neueinstudierung Michele Mariotti erläutert ab S. 16 die beglückenden Herausforderungen, vor die Bellini seine Interpreten stellt. Uwe Schweiktert gibt

ab S. 24 einen dramaturgischen und musikalischen Abriss der Partitur. Cyril­­ Teste und sein Regieteam fächern ab S. 50 ihren Angang an die Wiener Neuproduktion auf. Eine Passage aus dem Roman Les Martyrs (1809) des französischen Romantikers René de Chateaubriand macht uns mit der literarischen Quelle für das wohl berühmteste Bild der Oper vertraut, die feierliche Mistelernte der Druidin (S. 36). Der Beitrag von Sergio Morabito durchleuchtet das großartige Finale der Oper. Ab S. 58 folgt dann seine Übersetzung von Felice Romanis Libretto, die Bellinis musikalische Redaktion genau widergibt.

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FEDERICA LOMBARDI als NORMA CHOR & STATISTERIE der Wiener Staatsoper


MICHELE MARIOTTI

ÜBER EINE MUSIK JENSEITS DES NOTENTEXTES Mit Bellinis Musik müssen die Interpretinnen und Interpreten in einem gewissen Sinne ebenso behutsam umgehen wie mit einem alten Menschen. »Einem alten Menschen?« werden viele fragen. Was ich mit diesem sonderbar anmutenden Vergleich meine: Alles hängt von der richtigen Dosierung, der richtigen Balance ab. Das ungemein Herausfordernde besteht im punktgenauen Treffen des schmalen Grates zwischen auf keinen Fall zu viel und auf keinen Fall zu wenig, da sonst Musik und Geschichte auf der Strecke bleiben. Die Größe der Bellini’schen Partituren, ganz besonders jene der Norma, lebt aus der geglückten, stringenten Verbindung der einzigartigen melodie lunghe – der unendlichen Melodien – mit den vielfältigen Ausdrucksnuancen, die das Drama schlechthin, Emotionen wie Situationen, lebendig werden lassen. Das macht auch ihre Popularität aus. Tut der Dirigent oder die Sängerin zu wenig, zerfasert die Komposition, verflüchtigt sich die Essenz der Erzählung. Drückt man zu sehr auf die Tube, verläuft man sich erstens in Richtung eines Pseudo-Verdi und lässt zweitens den Eindruck entstehen, als ob die Musik unserer aktiven Hilfe bedürfe, um leben zu können – was Unsinn ist. Ihre Kraft rührt aus der Transparenz und Einfachheit der Melodien, deren Entfaltung wie von

selbst vonstattenzugehen scheint, und der musikalischen Durchdringung des Textes. Wie beim späten Rossini – etwa in der Arie der Mathilde in Guillaume Tell – zeigen die langen, berückend schönen Melodien in Norma nach außen keine große sichtbare Veränderung oder Entwicklung und erwecken den Anschein, als ob sie bis in alle Ewigkeit in derselben Form weiterlaufen könnten. Doch hinter dieser kunstvollen Leichtigkeit der Musik verbirgt sich die Tiefe des Dramas. Ich vergleiche Norma gerne mit einem Ozean bei angenehmem Wetter. Die Oberfläche scheint ruhig zu sein, doch darunter, in den Untiefen, herrscht Aufruhr, da brodeln all die uns bekannten widersprüchlichen menschlichen Gefühle. Um sie dem Publikum zu vermitteln, bedarf es der Wahl des richtigen Tempos, der richtigen Dynamik, der genauen Beobachtung der Agogik, der kleinsten Nuancen, Betonungen, Phrasierungen, die der kongenialen Dichtung Felice Romanis entsprechen müssen. Selbst eine Pause stellt ein wichtiges Gestaltungselement dar, das mit Leben auszufüllen ist. Grundsätzlich gilt, dass die Musik jenseits des Notentextes erfahrbar gemacht werden soll. Dasselbe hat auch das Orchester zu beachten: Die scheinbar simplen Arpeggi und Pizzicati sind keinesfalls bloße Begleitfiguren. Die Musikerinnen

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DAV I D K I M B E L L

»DIE ROSSINISCHEN TAGE DES UNBESCHWERTEN MUSIZIERENS SIND VORBEI; DENN MIT BELLINI HAT EIN »PHILOSOPH« DAS OPERNHAUS BETRETEN, WIE SEINE ZEITGENOSSEN NICHT AUFHÖRTEN ZU VERSICHERN. ER IST EIN KOMPONIST, DER SICH NIEMALS EINEN BESTIMMTEN STIL ANEIGNET, NIE EINE MUSIKALISCHE IDEE AUFNIMMT, BEVOR ER NICHT DAVON ÜBERZEUGT IST, DASS DADURCH EINE DRAMATISCHE ODER POETISCHE WAHRHEIT ERHELLT WIRD.«


UWE SCHWEIKERT

EINE MUSIK, DIE AUS GESANG & DRAMA EIN EINZIGES GANZES MACHT Im dritten Buch seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung bestimmt Arthur Schopenhauer in dem der »Ästhetik der Dichtkunst« gewidmeten Kapitel das Trauerspiel als höchsten Ausdruck des Erhabenen: »Aufforderung zur Abwendung des Willens vom Leben bleibt die wahre Tendenz des Trauerspiels, der letzte Zweck der absichtlichen Darstellung der Leiden der Menschheit, und es ist mithin auch da, wo diese resignirte Erhebung des Geistes nicht am Helden selbst gezeigt, sondern bloß im Zuschauer angeregt wird, durch den Anblick großen, unverschuldeten, ja selbst verschuldeten Leidens.« Als höchste Verkörperung der tragischen Muse erscheinen dem deutschen Philosophen weder die antiken Tragiker noch Shakespeare, sondern Bellinis Oper Norma: »Hier sei erwähnt, daß selten die ächt tragische Wirkung der Katastrophe, also die durch sie herbeigeführte Resignation und Geisteserhebung der Helden, so rein motivirt und deutlich ausgesprochen hervor-

tritt, wie in der Oper NORMA, wo sie eintritt in dem Duett Qual cor tradisti, qual cor perdesti (Welch Herz du verraten, welch Herz du verloren), in welchem die Umwendung des Willens durch die plötzlich eintretende Ruhe der Musik deutlich bezeichnet wird. Ueberhaupt ist dieses Stück, – ganz abgesehen von seiner vortrefflichen Musik, wie auch andererseits von der Diktion, welche nur die eines Operntextes seyn darf, – allein schon seinen Motiven und seiner innern Oekonomie nach betrachtet, ein höchst vollkommenes Trauerspiel, ein wahres Muster tragischer Anlage der Motive, tragischer Fortschreitung der Handlung und tragischer Entwickelung, zusammt der über die Welt erhebenden Wirkung dieser auf die Gesinnung der Helden, welche dann auch auf den Zuschauer übergeht: ja, die hier erreichte Wirkung ist um so unverfänglicher und für das wahre Wesen des Trauerspiels bezeichnender, als keine Christen, noch christliche Gesinnungen darin vorkommen.«

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FA BR IZIO DELL A SETA

»AUSGEHEND VON DER FESTLEGUNG BELLINIS ALS DEM ›LIRICO PURO‹ KONSTRUIERTE DIE IDEALISTISCHE MUSIKKRITIK EIN BILD DES KOMPONISTEN, DESSEN DRAMATURGIE SICH GÄNZLICH IM INNEREN VOLLZIEHT UND DER DIE BEDINGUNGEN DER THEATERPRAXIS IGNORIERT. BEI HEUTIGER BETRACHTUNG SEINER BIOGRAPHIE UND SEINER PERSÖNLICHKEIT SPRICHT JEDOCH ALLES FÜR DAS GEGENTEIL: BELLINI WAR IN JEDER BEZIEHUNG EIN ›MANN DES THEATERS‹.«


FELICE ROMANI

NORMA WÖRTLICHE DEUTSCHE ÜBERSETZUNG VON SERGIO MORABITO

PERSONEN POLLIONE römischer Prokonsul in Gallien Tenor OROVESO Oberhaupt der Druiden Bass NORMA Druidin, Orovesos Tochter Sopran ADALGISA junge Priesterin im Tempel des Irminsul Sopran CLOTILDE Normas Vertraute Sopran FLAVIO Freund Polliones Tenor ZWEI KINDER NORMAS & POLLIONES stumm

CHÖRE UND KOMPARSEN DRUIDEN – BARDEN – SEHER – PRIESTERINNEN – GALLISCHE KRIEGER UND SOLDATEN Das Stück spielt in Gallien, im heiligen Wald und im Tempel des Irminsul

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IMPRESSUM VINCENZO BELLINI

NORMA SPIELZEIT 2024/25 Herausgeber WIENER STAATSOPER GMBH, Opernring 2, 1010 Wien Direktor DR. BOGDAN ROŠČIĆ Musikdirektor PHILIPPE JORDAN Kaufmännische Geschäftsführerin DR. PETRA BOHUSLAV Redaktion SERGIO MORABITO, ANDREAS LÁNG, OLIVER LÁNG, ADELE BERNHARD Gestaltung & Konzept EXEX Layout & Satz IRENE NEUBERT Lektorat MARTINA PAUL Druck PRINT ALLIANCE HAV PRODUKTIONS GMBH, BAD VÖSLAU TEXTNACHWEISE / ORIGINALBEITRÄGE Sergio Morabito, Die Handlung / Über dieses Programmheft / Zur ›Norma‹ Felice Romanis & Vincenzo Bellinis / Wörtliche Übersetzung des ›Norma‹-Librettos von Felice Romani – Michele Mariotti, Über eine Musik jenseits des Notentextes – Cyril Teste, Valérie Grall, Marie La Rocca, Eine kollektive Handschrift. Der Regisseur und sein Team über die Arbeit an ›Norma‹. ÜBERNAHMEN Sebastian Werr, »Melodien, wie schöner nicht geträumt werden können«, aus: Vincenzo Bellini, Norma, Programmheft der Staatsoper Stuttgart, Spielzeit 2001/02 – Richard Wagner, Bellini. Ein Wort zu seiner Zeit (Riga, 1837), nach: Musik-Konzepte 46, München 1985 – Uwe Schweikert, Eine Musik, die aus Gesang & Drama ein einziges Ganzes macht. Vortrag, gehalten am19. Februar 2003 am Theater Basel – François-René de Chateau­briand, Velleda, aus: Die Martyrer, oder der Triumph der christlichen Religion. Aus dem Französischen des Herrn Franz August von Chateaubriand übersetzt, und mit Noten erläutert von Dr. Ludwig Anton Hassler, Zweites Bändchen, Freiburg und Constanz 1811 – Zitat von David Kimbell aus: Italian Opera, Cambridge 1991 – Zitate von Fabrizio della Seta aus: Vincenzo Bellini, MGG Online. Kürzungen sind nicht gekennzeichnet. BILDNACHWEISE Coverbild: Petecia Le Fawnhawk / Bildkonzept Cover: Martin Conrads, Berlin / Szenenbilder: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper GmbH Nachdruck nur mit Genehmigung der Wiener Staatsoper GmbH / Dramaturgie. Rechteinhaber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten. Die Produktion wird gefördert von Produziert nach den Richtlinien des Österreichischen Umweltzeichens, Print Alliance HAV Produktions GmbH, UW-NR 715


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