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Programmheft »Eine florentinische Tragödie/Herzog Blaubarts Burg«

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ALEXANDER ZEMLINSKY / BÉLA BARTÓK

EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE / HERZOG BLAUBARTS BURG


INHALT

S.

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DIE HANDLUNG S.

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ÜBER DEN HEUTIGEN ABEND S.

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DIE BEIDEN OPERNSTOFFE & IHRE KOMPONISTEN S.

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NEUE MUSIKALISCHE WEGE ALAIN ALTINOGLU IM GESPRÄCH S.

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THEATER ALS EINE ART, DEN MENSCHEN ZU HÖREN ROMAN DOLZHANSKIY S.

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WENN ZWEI SICH FREUEN, STARB DER DRITTE VASILY BARKHATOV IM GESPRÄCH S.

40

WER WAR ZEMLINSKY? ANTONY BEAUMONT S.

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NACHTSTÜCK DES BEGEHRENS ELISABETH BRONFEN S.

53

»…DIE SPIESSER SIND SOGAR ENTRÜSTET GEWESEN…« BRIEFWECHSEL

S.

60

DER GLANZ ERLESENER KLÄNGE OLIVER LÁNG S.

68

SYNKOPEN IN DER FREMDE DORON RABINOVICI S.

81

WAS IST NEU AN HERZOG BLAUBART? ZOLTÁN KODÁLY S.

84

LIEBE, LEIDENSCHAFT & AUFRICHTIGKEIT MICHAEL BRAUN S.

89

BRIEF EINES ALTEN FREUNDES AN BÉLA BARTÓK BÉLA BALÁZS S.

94

MARXISTISCHER FILMTHEORETIKER – NOCH ALS SYMBOLIST WENDELIN SCHMIDT-DENGLER S.

100

IM NIEMANDSLAND ANNA FELNHOFER S.

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IMPRESSUM


Oft wird mein Weib mit mir von dieser schönen Nacht noch sprechen und ihrer großen Tat! SIMONE, EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE


ALEXANDER ZEMLINSKY

EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE OPER in einem Aufzug Text OSCAR WILDE in der deutschen Übersetzung von MAX MEYERFELD

ORCHESTERBESETZUNG 3 Flöten (3. auch Piccolo), 3 Oboen (3. auch Englischhorn), 3 Klarinetten, Bassklarinette, 3 Fagotte (3. auch Kontrafagott), 6 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauke, Schlagwerk, Harfe, Celesta, Mandoline, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass URAUFFÜHRUNG

30. JÄNNER 1917 Hoftheater, Stuttgart

ERSTAUFFÜHRUNG IM HAUS AM RING

27. APRIL 1917

BÉLA BARTÓK

HERZOG BLAUBARTS BURG (A KÉKSZAKÁLLÚ HERCEG VÁRA) OPER in einem Akt Text BÉLA BALÁZS ORCHESTERBESETZUNG 4 Flöten (3. und 4. auch Piccolo), 2 Oboen, Englischhorn, 3 Klarinetten (3. auch Bassklarinette), 4 Fagotte (4. auch Kontrafagott), 4 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, Tuba, Pauke, Schlagwerk, 2 Harfen, Celesta, Orgel, Violine I, Violine II, Viola, Violoncello, Kontrabass BÜHNENMUSIK 4 Trompeten, 4 Posaunen

URAUFFÜHRUNG

24. MAI 1918 Königliches Opernhaus, Budapest

ERSTAUFFÜHRUNG IM HAUS AM RING

SPIELDAUER

2 H 30 MIN

22. NOVEMBER 1985

INKL. 1 PAUSE


DIE HANDLUNG EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE Der wohlhabende Florentiner Tuchhändler Simone und seine Frau Bianca haben scheinbar jede Zuneigung zueinander verloren. Eines Tages kehrt Simone unvermutet von einer Geschäftsreise nach Hause zurück und überrascht Bianca mit einem fremden jungen Mann. Zwischen den beiden ist spürbar eine Liebesbeziehung im Entstehen, doch der augenblicklich eifersüchtig gewordene Simone tut, als bemerkte er nichts. Vielmehr verwickelt er den Nebenbuhler, der sich als Guido Bardi, einziger Sohn des regierenden Herzogs, entpuppt, in einen gepflegten Austausch von Höflichkeiten. Simone mimt erfolgreich den servilen Kaufmann, der ausschließlich von merkantilen Interessen gelenkt wird, geschäftstüchtig seine Ware anpreist und auch im »Gast« lediglich einen möglichen, hochgestellten Kunden sieht. In Wahrheit führt er vom ersten Moment an einen äußerst subtil ausgefochtenen Kampf: Simone übergeht das provokante Benehmen, die herausfordernd unzweideutigen Anspielungen des arroganten Gegenspielers und lädt diesen sogar zum gemeinsamen Abendessen ein. Doch spätestens, als Guido Bardi tief in der Nacht aufbrechen möchte und Simone daraufhin ein als freundschaftliches Kräftemessen getarntes Duell vorschlägt, wird auch dem Prinzen klar, dass es in Wahrheit um Leben und Tod geht. Das Gefecht der beiden spitzt sich in wenigen Augenblicken dramatisch zu: Bald ist Simone verwundet und Bianca nimmt nun offen Partei für ihren Geliebten, indem sie ihn anfeuert, den Ehemann endlich zu töten. Dennoch gelingt es Simone schließlich, Guido Bardi zu überwältigen und mit bloßen Händen zu erwürgen. Der Tod des Prinzen bewirkt jedoch eine überraschende, kathartische Verwandlung der beiden: In größter Begeisterung und mit neu entzündeter Leidenschaft füreinander, fallen sich Simone und Bianca in die Arme.

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FRANZ WERFEL ÜBER ALEXANDER ZEMLINSKY

»ER STAMMT AUS DEM INNERSTEN DER MUSIK.« 23


ROMAN DOLZHANSKIY

THEATER ALS EINE ART, DEN MENSCHEN ZU HÖREN ÜBER DEN REGISSEUR VASILY BARKHATOV Vasily Barkhatov besitzt eine seltene Fähigkeit: Er versteht es, mit dem Opernerbe umzugehen, ohne ihm mit scheuer Ehrfurcht zu begegnen, aber auch ohne den Wunsch, die eigene Macht über das Werk zu demonstrieren. Seine Inszenierungen sind fast immer in eine wiedererkennbare Gegenwart oder jüngere Vergangenheit verlegt, doch die Regieidee wird dabei nie zum eigentlichen Ereignis des Abends. Wichtiger ist es, Umstände zu finden, unter denen die Handlungen der Opernfiguren eine heutige Logik gewinnen. Der Schauplatz kann sich radikal verändern, doch die Musik wird nicht in den Dienst eines Konzepts gestellt. Das Konzept entsteht vielmehr aus dem Versuch, wieder hörbar zu machen, was die Bühnentradition im Laufe der Zeit übertönt hat. Vasily Barkhatov wurde 1983 in Moskau geboren und fand ungewöhnlich früh zu seinem Beruf. Er studierte Musiktheaterregie am Staatlichen Institut für Theaterkunst (GITIS) in der Klasse der berühmten Pädagogin Rosetta Nemtschinskaja, wartete jedoch nicht erst auf sein Diplom, um mit dem

Inszenieren zu beginnen. Noch als Student brachte er Janáčeks Tagebuch eines Verschollenen an der Helikon-Oper heraus und verband am Musiktheater Rostow Opern von Salieri und Mozart zu einem gemeinsamen Abend. 2004 hospitierte er an der Berliner Komischen Oper bei Peter Konwitschny – einem Regisseur, für den eine Partitur nie Anlass zur Illustration, sondern immer auch ein Terrain für Auseinandersetzung und Widerspruch war. 2005 schloss Barkhatov sein Studium am GITIS ab, und bereits ein Jahr später inszenierte er am Mariinski-Theater Schostakowitschs Moskau, Tscherjomuschki. Es folgten Jenůfa, Benvenuto Cellini, Otello, Die Brüder Karamasow und Die toten Seelen. So fand er sich in einem Alter im Betrieb der großen Repertoiretheater wieder, in dem viele Regisseure gerade erst darüber nachzudenken beginnen, wie sie überhaupt an einen Intendanten herankommen könnten. Viele Kritiker und Beobachter rätselten, woher dieses »Wunderkind« plötzlich gekommen sei, und entwickelten die unterschiedlichsten Erklärungen – eine fantastischer als die andere.

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HERZOG BLAUBARTS BURG: ASMIK GRIGORIAN FLORIAN BOESCH


ANTONY BEAUMONT

WER WAR ZEMLINSKY? Obwohl er eng mit der »Wiener Schule« von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern verbunden war, galt Alexander Zemlinsky als kein ausgesprochener Revolutionär. Zwar unbestritten ein erstklassiger Dirigent und Interpret von hoher Integrität, fehlte ihm doch das Star-Potenzial, und er stand im Schatten dominanterer Persönlichkeiten. Seine Musik zeichnet sich durch eine fast überwältigende emotionale Intensität aus. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis sie bekannt wurde und man sie zu schätzen begann. Der mit slowakisch-katholischen Wurzeln in Wien geborene Vater Adolf von Zemlinszky konvertierte 1870 zum Judentum; die in Sarajevo geborene Mutter Clara, geb. Semo, war die Tochter sephardischer Juden (häufig wird auf eine teils muslimische Herkunft hingewiesen, hierfür fehlt jedoch jeglicher Nachweis). Bereits im Alter von vier Jahren zeigte der kleine Alexander Begabung als Pianist. Nach Abschluss seiner regulären Schulausbildung im Jahr 1886 schrieb er sich am Wiener Konservatorium ein und studierte Klavier bei Anton Door, Harmonielehre und Kontrapunkt bei Felix Krenn und Robert Fuchs (1888 bis 1890) sowie Komposition (1890 bis 1892) bei dessen Bruder Johann Nepomuk Fuchs. Ab 1893 wurden seine ersten Kammermusikkompositionen im

Wiener Tonkünstlerverein aufgeführt, in dessen Konzerten er auch oft als Pianist und Dirigent auftrat. Johannes Brahms war von ihm beeindruckt und empfahl ihn seinem Verleger Simrock. In den Jahren 1895/96 dirigierte Zemlinsky ein Laienorchester, die »Polyhymnia«, in dem Arnold Schönberg Cello spielte. Ihre Freundschaft, zunächst eine informelle Lehrer-SchülerBeziehung, vertiefte sich rasch. Schönberg komponierte sein D-Dur-Quartett unter Zemlinskys Anleitung, und seine Lieder op. 1 sind in Dankbarkeit dem »Lehrer und Freund« gewidmet. 1896 gewann Zemlinsky mit der Oper Sarema (für die Schönberg einen Großteil des Klavierauszugs vorbereitet hatte) den vielbegehrten Luitpold-Preis in München; 1900 brachte Gustav Mahler seine zweite Oper, Es war einmal…, an der Wiener Hofoper zur Uraufführung. 1901 heiratete Schönberg Zemlinskys Schwester Mathilde, und von April bis November desselben Jahres ging Zemlinsky selbst eine leidenschaftliche Beziehung mit seiner Schülerin Alma Schindler ein. Ab 1903 unterrichtete Zemlinsky neben Schönberg an der Schwarzwaldschule, wo Alban Berg, Karl Horwitz, Heinrich Jalowetz, Erwin Stein, Egon Wellesz und Anton Webern sich an seiner Instrumentationsklasse beteiligten (ein weiterer Privatschüler in dieser Zeit war der elfjährige Erich Wolfgang

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MICHAEL BRAUN

LIEBE, LEIDENSCHAFT & AUFRICHTIGKEIT ÜBER BÉLA BARTÓKS HERZOG BLAUBARTS BURG

Triumph und Scheitern liegen eng beieinander im Falle von Herzog Blaubarts Burg. Das kann man auf die Handlung beziehen – gelingt die erfüllte Liebe, gelingt sie nicht? –, aber mit einigem Recht auch auf die Entstehungsgeschichte von Béla Bartóks einziger Oper. Als er seinen Einakter 1911 fertigstellte, waren die Requisiten für den großen Wurf durchaus vorhanden. Nach Bartóks Abschluss an der Musikakademie in Budapest 1903 hatte er sich schnell als vielversprechender Jungkomponist ins Gespräch gebracht. Seine patriotisch erfüllte Symphonische Dichtung Kossuth – in spätromantischem Orchesterklang mit dick eingewobener Verbunkos-Stilistik – war vom ungarischen Publikum wohlwollend aufgenommen worden. Aber die Sympathie war seitdem schnell abgekühlt. Zudem hatte sich Bartóks Stil gewandelt. Die Entdeckung der ungarischen »Bauernmusik« versorgte ihn spätestens seit 1906 – dem Jahr seiner ersten Feldforschungsreise zur Aufzeichnung von

Volksliedern – mit immer neuer Inspiration jenseits bekannter Pfade. Sie trieb ihn ab von der wohlbekannten magyarischen Volkstümlichkeit, wie sie etwa in Liszts Rhapsodien so prominent verewigt worden war und wie sie auch Bartók selbst in seinem Kossuth noch bedient hatte. Hinzu kam Bartóks generelle Neigung zur Innovation. Seine 14 Bagatellen für Klavier stellten 1908 ein Füllhorn konzentrierter Klangexperimente dar, und auch sein bald darauf komponiertes 1. Streichquartett wagte sich voller persönlicher Ausdrucksstärke an den äußersten Rand der traditionellen Dur-Moll-Klangsprache. Herzog Blaubarts Burg sollte das erste Werk für den großen Aufführungsrahmen werden, in dem sich Bartóks neuer, selbstbewusster Stil zeigte. Dabei hatte der Komponist bislang keineswegs eine besondere Neigung zur Vokalmusik gezeigt. Zwar hatte die Komposition von Liedern ihn seit der Jugendzeit begleitet und dabei verschiedene Neigungsphasen von deutschen

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