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Programmheft »Peter Grimes«

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PETER GRIMES Benjamin Britten


Act 2 Interlude III While the villagers are at church, Ellen converses with the new boy. She fears that Grimes is treating him too roughly. A bruise on his neck seems to confirm her suspicions. She confronts Grimes and asks him to change his ways. Peter’s brutal response wrecks their relationship. The village decides to call Grimes to account. Interlude IV Grimes hopes to land a big catch this time. As they prepare for their departure, he urges the boy to walk faster. The boy falls. The men find no one.

Act 3 Interlude V The villagers are celebrating. Balstrode and Ellen have found the boy’s pullover and are looking for Grimes. The widow Mrs Sedley, an opium addict, has listened to their conversation and mobilized the village. For the second time, they set out – armed this time – to find Grimes. Interlude VI Ellen and Balstrode find the semi-deranged Grimes with the dead child. Overriding Ellen’s objections, Balstrode advises him to sink his boat.

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SY NOPSIS


ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH Der Außenseiter und das Meer – sie bilden die thematischen Eckpunkte der in einem südenglischen Fischerdorf spielenden tragischen Oper Peter Grimes, mit der der überzeugte Pazifist und Humanist Benjamin Britten für all jene eine Lanze bricht, die unter die Räder einer engstirnigen Gesellschaft geraten. Die Uraufführung 1945 wurde nicht nur zu einem großen Erfolg, sondern markiert den Beginn einer ungemein produktiven Entwicklung des Operngeschehens in Großbritannien mit internationaler Strahlkraft. Horst Koegler geht in seinem Beitrag ab Seite 66 sogar noch weiter: Für ihn war es Britten, der, beginnend mit Peter Grimes, die jahrhundertelange Opernimport-Nation England in einen gewichtigen Musiktheater-Exporteur verwandelte. Paul Banks untersucht ab Seite 16 auf welche traditionelle musiktheatralen Voraussetzungen Peter Grimes innerhalb Englands stieß und wie diese durch das Werk nachhaltig verändert wurden. Anschließend an einem kurzen Bericht des Komponisten über die Entstehung seiner Oper (S. 26), zeigt Irmgard Harrer in ihrem Artikel ab Seite 28 auf, in welcher Weise Britten und sein Librettist Montagu Slater die literarische Vorlage des Dichters George Crabbe umgestalteten, um die Chancenlosigkeit des von der Gemeinschaft nicht Akzeptierten noch eindrücklicher herauszuarbeiten. Wie Britten dadurch ein immerwährendes Mahnmal gegen jede Form der Ausgrenzung gelungen ist, betont Philip Brett in Peter Grimes heute (Seite 26). Dass das Thema des verfolgten Außenseiters Britten ein Leben lang in vielen seiner Werke beschäftigte und der Komponist sich geradezu zum Anwalt all jener machte, die Opfer eines von der Majorität diktierten Lebensentwurfes werden, beschreibt Thomas Leibnitz ab Seite 10, an die prekäre Position des Individualisten im Angesicht der Masse erinnert Walter Dobner ab Seite 60. Breiten Raum gewährte Benjamin Britten in Peter Grimes der Darstellung des Meeres – nicht zuletzt in sechs stimmungsvollen neoimpressionistischen Orchesterzwischenspielen. Die damit einhergehende Funktion des Meeres als Spiegel des Seelebens unterstreicht Hans Neunzig ab Seite 54. Wolfram Wagner zeigt ab Seite 46 auf, wie Britten darüber hinaus jede Facette seiner sehr persönlichen, farbenreichen Musiksprache benutzte, um Atmosphäre, Charaktere, zwischenmenschliche Beziehungen und Situationen zu porträtieren. Gustav Schörghofer unternimmt einen Exkurs über die Verarbeitung menschlicher Einsamkeit in der Kunst (Seite 78), Constanze Prašek analysiert (Seite 72) die Bedeutung der privaten Partnerschaft Benjamin Brittens und des Tenors Peter Pears für ihr gemeinsames künstlerisches Schaffen. Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH

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Paul Banks

BRITTEN UND DIE OPER Peter Grimes im Kontext

Im Frühsommer des Jahres 1945, als Großbritannien aus einem sechs Jahre langen erschöpfenden Kampf hervorging, befand sich das kulturelle Leben des Landes in einem Stadium der Umformung. So wie die Kriegsjahre einen grundlegenden Wandel im staatlichen Sozial- und Unterrichtswesen gefördert hatten, so bildeten sie auch den Anstoß zu einem (für Großbritannien) radikal neuen Ansatz in der Finanzierung der Künste. Zum ersten Mal leistete der Staat einen substanziellen finanziellen Beitrag zu dem neu gegründeten Arts Council of Great Britain, und es waren die darstellenden Künste, die von diesem neuen Umfeld besonders profitieren sollten. Benjamin Britten gehörte einer jüngeren Generation von Kunstschöpfern an, die an der Spitze dieser Erneuerung standen. In Großbritannien blickte die Oper damals auf eine lange, wenn auch nicht notwendigerweise florierende Geschichte zurück. Was jedoch fehlte, war das Entstehen einer soliden Tradition an Opern aus heimischer Produktion – eine Tatsache, die dem jungen Britten nicht verborgen geblieben war. PAU L BA N KS

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Benjamin Britten

WIE PETER GRIMES ENTSTAND Im Sommer 1941, während ich in Kalifornien arbeitete, bekam ich eine Nummer der BBC-Zeitschrift The Listener zu Gesicht, die einen Artikel von E. M. Forster über George Crabbe enthielt. Damals kannte ich noch kein Einziges von Crabbes Gedichten, aber als ich über ihn las, erwachte in mir ein so starkes Heimweh nach Suffolk, wo ich immer gelebt hatte, dass ich nach einem Band seiner Werke suchte und als erstes The Borough (Die Kleinstadt) las. Es dürfte nicht schwer zu verstehen sein, weshalb Mr. Forsters so einnehmende Abhandlung über diesen »durch und durch englischen Dichter« eine solche Sehnsucht nach der Wirklichkeit unserer rauhen, erregenden Meeresküste um Aldeburgh in mir erweckte. In jenem selben Jahr hatte ich die Musik zu Paul Bunyan, einer Operette nach Texten von W. H. Auden, geschrieben. Eine Woche lang wurde sie an der Columbia University in New York gespielt. Die Presse verurteilte sie schonungslos. Das Publikum scheint einigen Gefallen an den Aufführungen gefunden zu haben. Aller Kritik zum Trotz hatte ich den Wunsch, weitere Bühnenwerke zu schreiben. The Borough, vor allem die Geschichte von Peter Grimes daraus, lieferten Sujet und Rahmen für eine Handlung, die Peter Pears und mich zu dem Versuch anregten, einen Opernstoff aus ihr zu machen. BEN JA MIN BR IT T EN

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MONTAGU SLATER Der englische Dichter, Bühnenautor und Literaturkritiker Montagu Slater (1902-1956) schrieb nach der Vorlage von George Crabbe das Libretto von Peter Grimes, nachdem Christopher Isherwood diese Aufgabe abgelehnt hatte. Britten und Slater begegneten einander in den dreißiger Jahren, als sie bei der GPO Film Unit arbeiteten. Schon damals vertonte Britten Stücke von Slater, so 1937 den Liedzyklus Mother Comfort. 1939 widmete der Komponist dem Schriftsteller sein Chorwerk Ballad of heroes (für die englischen Spanienkämpfer auf einen Text von W.H. Auden). Die Arbeit am Libretto begann der Dichter 1942 nach der Rückkehr Brittens aus Amerika. Nach Diskussionen, Änderungen und Verbesserungen lag die Textvorlage 1943 fertig vor. Zum Libretto meinte Montagu Slater: »Crabbes Gedicht ist allerdings nur der Ausgangspunkt der Oper. Einige der Charakterisierungen der Hauptfiguren stammen von ihm. Ich habe mich ihrer bedient, wie ich mich der Atmosphäre und der Ambiente von The Borough bedient habe. Die Geschichte aber ist von mir und von Benjamin Britten. Britten hatte die Idee, das Gedicht von Crabbe als Grundlage eines Librettos zu nehmen. Die Verantwortung liegt bei mir. Crabbe ist unschuldig.« In der Kriegszeit war Slater in der Filmabteilung des britischen Informa­ tionsministeriums beschäftigt. Dies führte zu einer weiteren Zusammen­arbeit mit Britten: Slater schrieb das Drehbuch für die originale Filmversion von The Young Person’s Guide to the Orchestra (1946). Seine Frau, Enid Slater (19031988) war eine angesehene Fotografin.

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BIOGR A FIE


Philip Brett

GRIMES HEUTE 1945 feierte die Sadler’s Wells Opera Company die Rückkehr in ihr Londoner Theater mit einer neuen Oper namens Peter Grimes. Die Zukunft der Truppe auf ein neues Werk eines jungen Mannes von kaum 30 Jahren zu setzen, war ein gewagtes Unterfangen. So gewagt, dass es zu schwersten Differenzen im Ensemble kam und die neue Oper nach ein paar Vorstellungen vom Spielplan abgesetzt wurde. Heute, nachdem Hunderte von Vorstellungen in der ganzen Welt ihm einen festen Platz im Bühnenrepertoire verschafft haben, scheint Peter Grimes eine weniger gefährliche Wahl zu sein. Doch dem ist nicht so. Peter Grimes erzählt die Geschichte eines Abweichlers. In Crabbes Dichtung ist Grimes ein Erzwüterich und Grobian. Er beschimpft seinen Vater, spielt und säuft, wird zum Wilderer und unbefugten Eindringling und gibt sich erst zufrieden, wenn er »ein fühlendes Wesen seiner Macht unterworfen« hat. Die drei Buben aus dem Armenhaus, die er zu diesem Zweck als seine Lehrlinge kauft, »spüren die Schläge seiner frevelhaften Hand« in einem solchen Ausmaß, dass sie dabei ihr Leben einbüßen. Grimes darf keine Lehrlinge mehr aufnehmen und versinkt in Melancholie, wird gepeinigt von Visionen seines Vaters und der toten Kinder, verliert seinen Verstand und stirbt als Almosenempfänger. E. M. Forster beschrieb ihn so: »Grimes ist hart, verstockt und stumpfsinnig, und der Dichter muss daher hart zu ihm sein, härter als es Shakespeare mit Macbeth sein musste, der immerhin Fantasie besaß. Er muss ihn körperlich zerschmet­tern... und ihm dann realistische Geistererscheinungen in den Weg stellen.« PHILIP BR ET T

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Hans Neunzig

DAS MEER ALS ELEMENT DES DRAMAS

Mein Herz gleicht ganz dem Meere, hat Sturm und Ebb’ und Flut. Heinrich Heine Das Meer, Urspenderin des Lebens, ist dem Menschen, der festen Grund unter den Füßen zu haben gelernt hat, unheimlich geworden, und doch zieht es ihn, solange man denken kann, magisch an. Kaum einer, der es einmal gesehen hat, wird es ganz aus seinen Sehnsüchten vertreiben können. Ist es so abwegig, mit Urerinnerung zu spekulieren? Wie jener Einzeller, der im Meer trieb und aus dem das Leben auf der Erde sich eines Tages zu entwickeln begann bis hin zum Menschen, schwimmt dessen Leibesfrucht im Fruchtwasser seiner Gebärerin. Über Jahrmillionen gesehen, sind wir alle Kinder des Meeres. »Des Menschen Seele gleicht dem Wasser« dichtete Goethe im Gesang der Geister über den Wassern und schloss Bergbach und See und Meer in den Gedanken ein. Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind! Setzt man Psyche anstelle des Wortes Seele, öffnet sich der Blick für das im Meer sich spiegelnde Psychodrama des Menschen, das man freilich geH A NS N EU NZIG

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Constanze Prašek

HIS MASTER’S VOICE Benjamin Britten und Peter Pears Das Jahr 1937 markiert einen Wendepunkt im Leben des jungen Benjamin Britten. Die Mutter, die ihm immer eine enge Vertraute war, stirbt. Von jeher auf Anerkennung von außen angewiesen, scheint dem – erst 23jährigen – Komponisten sein musikalisches Werk von Seiten des Establishments nicht ausreichend akzeptiert. Eine Problematik, die sich auch auf persönlicher Ebene fortsetzt. Britten fühlt sich als überzeugter Pazifist angesichts des drohenden Krieges am Rande der Gesellschaft. Diese Position wird noch verstärkt durch seine Homosexualität, deren Praxis in England bis 1967 strafbar ist. Und dann trifft ihn ein weiterer Schicksalsschlag: ein Freund, Peter Burra, stirbt bei einem Flugzeugabsturz. Im Zuge der Vor- und Nachbereitungen seines Begräbnisses lernt Britten einen engen Freund Burras kennen, den drei Jahre älteren Tenor Peter Pears. Sein selbstbewusstes Auftreten, das Pears im Gegensatz zu Britten auch gegenüber seiner gleichgeschlechtlichen Sexualität hat, imponiert dem Jüngeren sehr und gibt ihm Halt. Es entsteht eine freundschaftliche Verbindung zwischen den zweien. Im Frühjahr 1938 beziehen sie ihre erste gemeinsame Wohnung in London. Als Britten ein Jahr später nach Amerika – ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – geht, kommt Pears mit. Zunächst geben sie einige Konzerte in Kanada, für die sie lange Reisen quer durch das Land unternehmen müssen. In dieser Zeit kommen sie sich näher und im Juni 1939 sind sie schließlich ein Paar. Für Britten ist es die erste Beziehung, eine völlig neue Erfahrung. Nach außen bleibt er diesbezüglich diskret, ist um Unauffälligkeit sogar bemüht. Umso zärtlicher ist das private Miteinander: »Peter [...] kümmert sich um mich wie eine Glucke! Er ist ein Schatz.« Tatsächlich hat Pears von Anfang an den dominierenden Part in der Beziehung inne. Er zeigt eine übergroße Fürsorglichkeit und übernimmt die Rolle des Hausmanns: Einrichtung, HausCONSTA NZE PR AŠEK

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