Skip to main content

Programmheft »Parsifal«

Page 1

PARSIFAL Richard Wagner


PARSIFAL erzählt von Kirill Serebrennikov

Der gereifte Parsifal durchlebt in der Erinnerung seine Jugend. Im Erzählen seiner Geschichte wird für ihn die Zeit zum Raum, in dem er seinem früheren Ich begegnet: Als Namenloser war er Insasse der Haftanstalt Monsalvat.

Erster Aufzug Der Häftling Amfortas lebt in ständigem Aufbegehren gegen die menschenunwürdigen Haftbedingungen. Unter den Gefangenen genießt er aufgrund seiner kompromisslosen Haltung höchstes Ansehen. Getrieben von inneren Stimmen, die ihn im Namen seines Vaters Titurel drängen, »den Gral zu enthüllen«, bringt er seinem Körper Verletzungen bei. Kundry, eine Journalistin, die mit Sondergenehmigung in der Haftanstalt fotografieren darf, agiert für die Häftlinge als Zwischenträgerin von Gütern und Nachrichten aus der Außenwelt. Auch Amfortas wird von ihr mit Medikamenten versorgt. Gurnemanz ist die graue Eminenz der Häftlings-Bruderschaft. Er berichtet, Amfortas’ Traumatisierung sei durch eine Agentin Klingsors verursacht worden. Eine Prophezeiung habe dem Leidenden aber Erlösung durch einen »reinen Toren« versprochen. Gurnemanz hält die Erinnerung an diese ­Legende in der Bruderschaft wach. Der Namenlose ermordet den »weißen Schwan«, einen Mithäftling, und verstößt damit gegen das Gewaltmonopol des Gurnemanz. Kundry berichtet dem Namenlosen vom Tod seiner Mutter, worauf dieser mit gesteigerter ­Aggression reagiert. Gurnemanz findet Interesse an dem verwilderten Burschen und stellt ihm einen Aufstieg innerhalb der Häftlingshierarchie in Aussicht. Doch das Schauspiel der qualvollen Leiden des Amfortas und der Traum von einem kostbaren Abendmahlskelch, dem »Gral«, der den Häftlingen als Symbol der Freiheit erscheint, bleiben Parsifal unverständlich.

PA RSIFA L

4


Zweiter Aufzug Kundry arbeitet für die Redaktion eines von Klingsor herausgegebenen Magazins. Er und Kundry hatten ein Verhältnis. Klingsor hat Kundrys Abhängigkeit dazu benutzt, Amfortas hinter Gitter zu bringen. Nun soll Kundry auch den namenlosen jungen Straftäter, dessen Fotos sie ediert, von seiner Macht und seinem Geld abhängig machen. Nach seiner Entlassung kommt der Namenlose für ein Fotoshooting in das Redaktionsbüro. Als er sich den Stilistinnen, Fotografinnen und Redakteurinnen entziehen will, ruft Kundry ihn mit dem Namen Parsifal – ein Name, bei dem ihn einst seine Mutter rief. Mehr und mehr gerät er in den Bann von Kundry, die die Erinnerung an die besitzergreifende Liebe seiner alleinerziehenden Mutter beschwört. Nachdem er sie verlassen hatte, sei sie an gebrochenem Herzen gestorben. Parsifal wird von Schuldgefühlen erfasst. Kundry bietet ihm zum Trost »als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss«. In ihrer Umarmung bricht in Parsifal die Wunde des Begehrens auf. Zugleich begreift er, dass er ebenso wie Amfortas manipuliert und benutzt werden soll. Er stößt Kundry als »Verderberin« von sich. Vergeblich setzt Kundry all ihre Verführungskünste ein. Zuletzt droht sie ihm mit Gewalt: Doch Parsifal ist eher bereit zu sterben als sie zu lieben.

Dritter Aufzug Viele Jahre sind vergangen. Die Haftanstalt wurde aufgelöst, doch viele Insassen arbeiten und hausen weiterhin in dem Gemäuer. Einzig Gurnemanz träumt noch vom verheißenen »reinen Toren«. Nach dem Erwachen wird er unter einer Gruppe von Greisinnen der gealterten Kundry gewahr. Da tritt ein Unbekannter herein. Kundry erkennt ihn als erste: Es ist Parsifal. Als Parsifal innewird, den Ort seiner Jugend wieder betreten zu haben, empfindet er dies fast als Heimkehr. Denn das seither gelebte Leben hat er als Irrweg erlebt, voller »Nöte, Kämpfe und Streite«. Gurnemanz begreift, dass Parsifal der ersehnte Erlöser sein könnte, der einer zerfallenden Welt einen neuen Glauben an eine mögliche Zukunft schenkt. Er lässt die Frauen in einem improvisierten Ritual Parsifals Füße waschen und salbt ihn zum Gralskönig. Parsifal versöhnt sich mit Kundry. Amfortas bezichtigt sich angesichts der Urne seines Vaters Titurel des Vatermords und wütet gegen sich selbst und seine Schicksals­genossen. Amfortas wird von seinen Leiden erlöst. Parsifal weist den Weg in die Freiheit.

5

ER ZÄ HLT VON K IR ILL SER EBR EN N IKOV


PARSIFAL told by Kirill Serebrennikov

The mature Parsifal relives his youth in his memories. By narrating his story, time becomes space for him, where he meets his earlier self: he was a nameless inmate in Monsalvat, a detention center for criminals.

Act 1 The prisoner Amfortas lives in constant rebellion against the inhuman conditions of the prison. Among the inmates he enjoys high respect because of his uncompromising stance. Driven by inner voices that compel him, in the name of his father Titurel, to »unveil the Holy Grail«, he inflicts wounds upon his own body. Kundry, a journalist with special permission to photograph within the detention center, acts as an intermediary for the inmates, exchanging goods and news from the outside world. Amfortas also receives medicines provided through her. Gurnemanz is the gray eminence in the brotherhood of prisoners. He explains that Amfortas’ traumatization was caused by one of Klingsor’s female agents. A prophecy promises the victim however that he will be redeemed by a »pure simpleton«. Gurnemanz keeps the memory of this legend alive in the brotherhood. The nameless kills the »white swan«, a fellow prisoner, and thereby infringes on Gurnemanz’s monopoly on violence. Kundry tells the nameless man about the death of his mother, which he reacts to with increasing aggression. Gurnemanz is intrigued by the wild boy and promises him his rise upwards within the prison hierarchy. But the drama of Amfortas’ painful suffering and the dream of a cherished Holy Communion chalice, the »Grail« that appears as the symbol of freedom for the prisoners, remains for him completely incomprehensible.

PA RSIFA L

6


Paul Bekker

[Wagner] eignet sich eine Philosophie an, die das Täuschende des realen Erscheinungslebens lehrt, um auf Grund dieser Lehre für sein Theater die Glaubwürdigkeit der Wahrheit fordern zu können.

19


Daniel Jenz, Patricia Nolz, Angelo Pollack, Stephanie Maitland, Carlos Osuna und Statisterie als Häftlinge und Wärter von Monsalvat


Egon Voss

DIE MÖGLICHKEIT DER KLAGE IN DER WONNE

Skizze zur Charakterisierung der Parsifal-Musik


Paul Bekker

Der Gralstempel rückt in die Ferne des in Weihrauchsnebel gehüllten Phantoms einer Theaterethik. Klingsors Zaubergarten aber, Schöpfung der Lust und der Phantasie, wo alle Kräfte hinstreben, stets neue Täuschung erfahrend, stets neue Wunder erlebend, ist aus der tiefsten, überbegrifflichen Weisheit des Künstlers erschaut.

KOLUMN EN T IT EL

108


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Programmheft »Parsifal« by Wiener Staatsoper GmbH - Issuu