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Programmheft »Palestrina«

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HANS PFITZNER

PALESTRINA


HANS PFITZNER

»EINE ART TRIPTYCHON« Da sitzt ein Mann in Rom beinahe das 16. Jahrhundert hindurch an ein und derselben Stelle, verlässt den Ort, wo er wirkt, sein ganzes Leben lang nicht. Je nach Laune und Beschaffenheit der regierenden Päpste bald gnädig, bald ungnädig behandelt, lebt dieses große Genie still und prunklos, von nichts belohnt als dem Gefühl seines Wertes, im Dunklen. Da auf einmal fällt auf ihn ein blendendes Licht, er steht sozusagen in welthistorischer Beleuchtung da. Folgendes Ereignis tritt an ihn heran: eine ganze Kunstentwicklung, der vielstimmige Musikstil, droht vernichtet zu werden. Die unkünstlerische Welt, die sich draußen im Getriebe der menschlichen Interessen und Leidenschaften bewegt, ist im Begriff, die zahllosen Meisterwerke, die im Laufe der Zeit wie aus einem Geist geboren entstanden sind, niederzustampfen und der ewigen Vergessenheit anheimzugeben. Da ergeht an ihn, Palestrina, der Ruf: rette die Musik! Es ist ihm, als streckten sich die Hände seiner Vorgänger, die gleich ihm gelebt, geschaffen, gerungen und gewirkt haben, aus dem Grabe und riefen ihn an: Du, der Du von unserem Geiste bist, rette unsere Werke! Und siehe da, nun lohnt sich sein Leben, seine stete Arbeit in der Stille: er ist bereit! Die große Stunde findet ihn groß, er schreibt das Werk, das die Rettung bringt. Eine geistige Herkulestat wird vollbracht, das Schwerste gelingt: auf Machtgebot Schönheit zu erzeugen. Dass da sozusagen zwei Welten als Faktoren der Handlung gegenein-

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ANDREAS LÁNG & OLIVER LÁNG IM GESPRÄCH MIT CHRISTIAN THIELEMANN

EIN SCHAUMBAD IN MOLL ll

Anfänglich warfen Stimmen dem Komponisten Hans Pfitzner »Modernismus« vor, später nannten ihn viele einen Konservativen. Was war er nun eigentlich? Wie könnte man einem Opernneuling Pfitzner in wenigen Sätzen beschreiben? ct Ich empfinde ihn harmonisch weit über Richard Strauss hinausgehend – mit Ausnahme von Werken wie Elektra oder manchen Passagen in Die Frau ohne Schatten. Ganz allgemein ist Pfitzner in seiner ganzen Tonsprache sehr viel herber, weniger gefällig. Das liegt auch an den Sujets: einen Rosenkavalier hat er halt nie vertont, auf so etwas hat er sich nie eingelassen. Was sie beide, also Pfitzner und Strauss, verbindet, ist ein unglaubliches Gespür fürs Theater. ll Und wie ließe sich Palestrina kurz umreißen? Das Werk besteht ja aus vielen Facetten, vom Ringen eines Künstlers bis zur Komödiantik, wie etwa manche Passagen im zweiten Akt zeigen. ct Palestrina ist ein Künstler-Drama. Und es ist ein Werk voller Kontraste. Wir erleben im ersten Akt Palestrinas Selbstzweifel, die Erscheinungen der

alten Meister, diese ungeheure MessSzene – fast Wagner’sche Ausmaße! Im zweiten Akt gibt es auch, wie Sie sagen, die Karikatur, es ist mitunter geradezu eine Groteske, Slapstick! Dann wird es gewaltsam, es wird geschossen, es gibt Folter… willkommen im richtigen Leben! Der dritte Akt versucht aus dem eine Synthese zu bilden, wir sind stimmungsmäßig wieder näher beim ersten Akt, und die Oper endet sehr melancholisch. Man hat Palestrina letztlich zur Inspiration gezwungen – und hier sehe ich etwas Zeitloses, Aktuelles. Denn wie oft versucht die Politik, Künstler zu vereinnahmen! Palestrina ist für mich immer eine Warnung: Mach das nicht, bleib unabhängig! ll Das Karikaturenhafte im zweiten Akt beschert uns überdies präzise Porträts der Agierenden... ct So wie Wagner oder Richard Strauss besaß auch Pfitzner eine ungeheuerliche Meisterschaft in der Personencharakterisierung – verbrämt mit einer Portion an galligem Humor. Wie er beispielsweise die Wandlung des einflussreichen Kardinals Carlo Borromeo hinbekommt – vom säuselnden Bitt-

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O S WA L D PA N AG L

»ALLEIN IN DUNKLER TIEFE ... « EIN UNZEITGEMÄSSER AN DER EPOCHENSCHWELLE I. IM WIRBEL DER PARADOXIEN Hans Pfitzner ist am 22. Mai, dem Geburtstag Richard Wagners, gestorben. Es fällt schwer, sich der Symbolkraft dieser Koinzidenz zu entziehen, und es liegt nahe, die Zeitspanne zwischen 1813 und 1949 (dem Todesjahr auch von Richard Strauss) zu einer musikgeschichtlichen Periode aufzuwerten, die mit dem Ableben der beiden großen Alten unwiderruflich zu Ende gegangen ist. Den letzten Vertreter der Romantik hat man Pfitzner oft und gern genannt, und sein Interesse, seine Begeisterung für diese geistesgeschichtliche Epoche in Dichtung und Musik sind in der Tat unübersehbar: Der so häufig und kongenial vertonte Lyriker Eichendorff; E. T. A. Hoffmann, dessen Undine er bearbeitet; Heinrich Marschner, für dessen Opern er sich unermüdlich einsetzt, dessen Vampyr und Hans Heiling er aus dem mächtigen Schlagschatten Richard Wagners hervorholt; endlich Robert Schumann, dem seine ganze Liebe und Verehrung gilt, dessen Lieder er in eigenwilliger Dramaturgie koppelt und

mit gleitenden Übergängen zyklisch aufführt, dessen kleinem Klavierstück Träumerei er einen Text widmet: Sie alle waren Schutzpatrone und Hausheilige von Pfitzners künstlerischer Existenz. Dennoch lässt sich dieser Musiker nicht auf retrospektive Traditionspflege festlegen, und er bekennt selbst: »Anrecht auf Anerkennung als schöpferisches Genie hat aber nur der, der in der Vorwärtsschau lebt.« Damit ist nur einer der vielen Gegensätze bezeichnet, die Hans Pfitzner zum extremen Beispiel für einen »Menschen mit seinem Widerspruch« machen. Das gilt für die Kunst und das Leben, für sein offizielles Auftreten und sein privates Verhalten. Und dieser Zwiespalt führte zu einer Lagerbildung im Urteil über sein Werk, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat: da die Gemeinde der bedingungslosen Verehrer, dort der Chor der unnachsichtigen Kritiker. Die Biografie wurde zur Hagiografie stilisiert oder als Invektive genützt – dazwischen verlief eine strikte Bruchlinie. Versuchen wir im Spannungsfeld von Zitat und Anekdote einige Charakterzüge und Wesensmerkmale des Kom-

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DE R K U M M E R DE R KON S E RVAT I V E N

lebendig oder gangbar sind. Ich glaube, dass dies der Kummer der Konservativen ist: das endlose Bedürfnis, zurückzugehen und eine Welt wieder zu erschaffen, die noch in Ordnung war, wird unablässig durch die Einsicht frustriert, dass die Dinge niemals in Ordnung waren und Nostalgie zur conditio humaine seit dem Beginn des Bewusstseins (oder christlich gesagt: seit dem Sündenfall) gehört. Wir neigen oft dazu, deutsche Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts durch den Filter – oder mit Bedacht nicht durch den Filter – des Zweiten Weltkriegs zu lesen. Vielleicht ist es möglich, sich in eine Zeit zurück zu lesen, in der ein derartiger Krieg noch undenkbar war, und den subtileren Kummer der deutschen Musik zu einem Zeitpunkt zu erfassen, als der Modernismus eine neue Bedrohung, keine affirmative Alternative war. Dieselben Angst- und Untergangsgefühle, die wir aus Schönbergs Schriften kennen, wurden auch von seinem aggressivsten Feind, Hans Pfitzner, dem Konservativen, empfunden und ausgedrückt, der dann mit den Führern der NS-Diktatur kollaborieren sollte. Daher glaube ich, dass Pfitzner uns einen Teil des Schlüssels zum Verständnis dessen liefern kann, was Schönberg tat, ähnlich wie Schrekers Opern manche Sachverhalte in Bergs Musik erklären. Auch glaube ich, dass eine unverstellte Erkenntnis der Spannungen und Widersprüche, welche die deutsche Musik des zwanzigsten Jahrhunderts kennzeichneten, enorm zum Verständnis der sozialen und politischen Krisen beizutragen vermag, die mitten aus dem Kontext der Epoche hervorbrachen.

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SABINE BUSCH

PFITZNER ALLʼ ITALIANA VOM VERGEBLICHEN TRACHTEN NACH INTERNATIONALITÄT Pfitzner der Deutsche, wenn nicht gar der »deutscheste unter den lebenden Komponisten«, so sah sich der Meister des Palestrina gerne, so umriss er im vollen Ernst und ohne sich von einem Hauch der Anfechtbarkeit getroffen zu fühlen, sein Bild von sich selbst. Dabei hätte er manche Voraussetzung für ein Selbstverständnis als Kosmopolit gehabt, war er doch als Sohn deutscher Eltern in Moskau geboren worden und hatte lange Jahre in Straßburg, im französische und deutsche Einflüsse gleichermaßen spiegelnden Elsass, verbracht. Doch mehr noch als Richard Wagner, seinem schöpferischen Übervater, der sich im Laufe der Jahre immer weniger mit »welschem Dunst und welschem Tand« abfinden wollte, fehlte auch Pfitzner das Zeug zum Weltmann; seine Sprachkenntnisse waren begrenzt, seine Reisen ins Ausland waren meist nur Gastspielen oder Konzerten gewidmet und scheinen kaum ein tieferes Interesse für andere Lebensstile hervorgerufen zu haben. Auch sein Literatur- und Musikgeschmack zehrte fast ausschließlich von der heimatlichen

Kost, von deutscher Geisteswelt, »deutscher Art«. So war es nur naheliegend, wenn in den dreißiger Jahren einige nationalsozialistische Gruppen versuchten, Pfitzner als Vorreiter und Vordenker ihrer Bewegung darzustellen – der konservative, ja, fast regressive Künstler hatte bereits in den zwanziger Jahren in seinen Schriften einen soliden Grundstein dazu gelegt. Geprägt von dem nicht nur von ihm persönlich als verheerend empfundenen Erlebnis des verlorenen Ersten Weltkriegs, hatte Pfitzner in Schriften gegen den deutschitalienischen Komponisten Ferruccio Busoni und gegen den Musikschriftsteller Paul Bekker das Feld der Diskussion verlassen und war in wild um sich schlagender, verletzender, chauvinistischer und antisemitischer Polemik gegen alle »Schänder« der Tradition und des Deutschtums ins Feld gezogen. »Ich will deutsche Art in Deutschland positiv behandelt, geliebt und vorgezogen sehen«, hatte der Komponist gefordert – sicher ohne zu ahnen, dass aus ähnlichen Motiven heraus nach 1933 Adolf Hitler einen bestialischen und menschenverachtenden Kampf

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KH T OO PF MZAESI LMEA N N

Pessimismus und Humor ... ich habe ihre Zusammengehörigkeit nie stärker und sympathischer empfunden, als angesichts des zweiten Palestrina-Aktes. Der Optimist, der Besserer, mit einem Wort: der Politiker ist nie Humorist, er ist pathetisch-rhetorisch. Der pessimistische Ethiker dagegen, er, den man heute recht uneigentlich den »Ästheten« zu nennen beliebt, wird sich zur Welt des Willens, der Realität, der Schuld und des harten Geschäftes mit natürlicher Vorliebe humoristisch verhalten, er wird sie als Künstler pittoresk und komisch sehen, im grellen Kontrast zur stillen Würde des intellektuellen Lebens: und nur in diesem Kontrast beruht die Dramatik der Konzil-Szenen, in welchen das Erzeugnis jener überschwänglichen Nacht, die wir erlebten, Palestrinas Messe, zu einem Gegenstand des politischen Handelsgeschäftes wird. Wahrhaftig, welche Art von Leben und Realität wäre im Sinne jenes Kontrastes grotesker, tumultuöser und komischer, als die Politik? Der zweite Akt ist nichts anderes, als eine bunte und liebevoll studierte Satire auf die Politik und zwar auf ihre unmittelbar dramatische Form, das Parlament. Dass es ein Parlament von Geistlichen ist, erhöht die Lächerlichkeit und Unwürde aufs äußerste.

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B RU N O WA LT E R

EIN GIPFEL IM MUSIKA- LISCHEN SCHAFFEN Der persönliche Verkehr mit Pfitzner bedeutete stets eine Bereicherung. Er war fast immer der Gebende im Gespräch. Er kannte keine Banalität, belebte sich an seinem drolligen Humor, funkelte von seinem geistreichen Witz und strömte dabei eigentlich immer aus der Tiefe seines Wesens; seinen eigenen Reiz wie seine geistige Fülle empfing er aber von seiner außerordentlich intensiven Beziehung zu ihm Wesensverwandten, Dichtern, Denkern und Musikern. Nicht minder intensiv lebte er aber auch in allem Menschlichen. Und so wurde mir denn mein persönliches Verhältnis zu der bedeutenden und originellen Individualität Hans Pfitzners zu einer sich stets erneuernden Beziehung meines Lebensertrages. Ihren Höhepunkt erreichte unsere Verbundenheit in der Zeit um die Uraufführung des Palestrina in München, die ich als das wichtigste Ereignis in meiner zehnjährigen Tätigkeit als Leiter der Münchner Oper ansehe. Unvergesslich bleibt mir die begeisterte Zeit der Proben zu dem Vorhaben. Unvergesslich der erschütternde und überwältigende Eindruck des Werkes auf die Mitwirkenden und die Hörer, ein Eindruck, der sich bei jeder weiteren Aufführung erneuerte und ihm bei unseren damaligen Gastspielen an Schweizer Bühnen treu blieb. Es war die Zeit des Ersten Weltkriegs, und die Fahrt mit der Palestrina-Aufführung ins Ausland sollte von der Höhe der deutschen Kunstleistung in schwerster Zeit zeugen. Dazu war nun gerade ein Werk wie der Palestrina und wohl auch jene Aufführung besonders geeignet. In der schöpferischen Tätigkeit Hans Pfitzners, die auch eine Fülle von

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