Skip to main content

Programmheft »Manon Lescaut«

Page 1

MANON LESCAUT Giacomo Puccini


DIE HANDLUNG

Manon, ein schönes junges Mädchen aus der Provinz, soll von ihrem Bruder Lescaut in ein Kloster gebracht werden. Der Student Des Grieux verliebt sich auf den ersten Blick in sie. Geronte, ein reicher alter Mann ist ebenfalls von Manon beeindruckt und plant sie zu entführen. Des Grieux wird von seinem Freund Edmondo über die Absichten Gerontes informiert. Nachdem Des Grieux Manon seine Liebe gestanden hat, fliehen sie gemeinsam. Lescaut versichert Geronte, dass Manon das Leben in Armut bald satt haben und sich freiwillig Geronte und seinem Wohlstand zuwenden werde. Lescauts Prophezeiung hat sich bewahrheitet: Manon hat Des Grieux verlassen, um an der Seite Gerontes ein Leben in Reichtum zu führen. Allerdings gesteht sie ihrem Bruder Lescaut, dass der neu gefundene Wohlstand Des Grieux’ Jugend und Liebe nicht aufwiegen könne. Geronte protzt vor seinen Freunden mit Manon. Manon wird von Des Grieux überrascht. Er macht ihr bittere Vorwürfe. Als sie um Vergebung fleht, verfällt er wieder ihrem Bann. Kaum ist das leidenschaftliche Liebespaar wieder vereint, kehrt Geronte zurück. Manon verlacht Geronte, der sich daraufhin – Rache schwörend – entfernt. Lescaut erscheint und warnt die beiden, dass Geronte Manon einkerkern lassen will. In ihrem verzweifelten Versuch, möglichst viele Juwelen, Kleider und Geld auf die Flucht mitzunehmen, verliert Manon zuviel Zeit: Geronte erscheint und lässt sie festnehmen. Des Grieux’ und Lescauts Plan, Manon zu befreien, misslingt. Manon erlebt die öffentliche Demütigung und Schande: Sie soll deportiert werden. Der von ihr besessene Des Grieux erwirkt, dass er sie begleiten darf. Des Grieux und die sterbende Manon befinden sich in einer Einöde. Des Grieux begibt sich auf Manons Wunsch auf die Suche nach Wasser. Allein gelassen, lässt sie ihr Leben Revue passieren und erkennt ihre Fehler. Als Des Grieux zurückkehrt, gesteht sie ihm ihre Liebe und stirbt in seinen Armen. DIE H A N DLU NG

← Vorherige Seiten: Szenenbild

4


SYNOPSIS

Manon Lescaut, a beautiful young girl from the provinces, is being taken to a convent by her brother Lescaut. Des Grieux, a student, falls in love with her at first sight. Geronte, a rich old man, is also attracted by Manon and plans to abduct her. Des Grieux is warned of Geronte’s plot by his friend Edmondo. Des Grieux confesses to Manon that he is in love with her and the young couple run off together. Lescaut assures Geronte that Manon will soon tire of a life of poverty with Des Grieux: it will not be long before she turns to Geronte and his wealth. Lescaut’s plan has been successful: Manon has left Des Grieux in favour of a life of luxury with Geronte. She admits to her brother that in spite of her newfound wealth, she misses Des Grieux. Geronte shows off Manon to some of his friends. Left alone, Manon is startled when Des Grieux suddenly appears. He reproaches her bitterly for having deserted him. She begs his forgiveness and he falls under her spell again. The two lovers are reunited passionately when Geronte suddenly returns. Manon laughs at him and he leaves, threatening revenge. Des Grieux urges Manon to escape immediately, but she is reluctant to abandon the luxuries of her new life. Lescaut suddenly appears and informs them that Geronte intends to have Manon imprisoned. Manon frantically attempts to gather up jewelry, money and clothes, but she takes too long: Geronte returns and has her arrested. Des Grieux and Lescaut are planning to rescue Manon, but their plan fails. Manon’s humiliation and disgrace are made public: she is to be deported. Des Grieux remains obsessed by her and begs to be allowed to go with her. ← Sorin Coliban als Geronte und Olga Guryakova als Manon Lescaut, 2010

Manon is dying in the desert. She begs Des Grieux to try and find some water. Left alone, she reviews her life, acknowledging the mistakes she has made. When Des Grieux returns, she finally tells him that she loves him before dying in his arms.

7

SY NOPSIS


ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH Spätestens ab der triumphalen Uraufführung seiner Manon Lescaut am 1. Februar 1893 galt Giacomo Puccini als legitimer Nachfolger Giuseppe Verdis. Dem Erfolg war eine langwierige Arbeit an dieser Oper vorausgegangen, bei der Puccini zahlreiche Textdichter beschäftigte und intensiv um die Form des Werkes rang. Der Musikwissenschaftler Roberto Scoccimarro eröffnet ab S. 48 einen präzisen Einblick in die Werkstätte Puccinis und zeichnet die komplexe Entstehungsgeschichte der Oper und vor allem ihrer dramaturgischen und textlichen Grundlagen nach, die im Schaffensprozess Puccinis stets einen entscheidenden Stellenwert besaßen. Der rasch für Furore sorgenden Oper liegt ein 1731 erstmals unter dem Titel Erinnerungen und Abenteuer eines Mannes von Stand, der sich aus der Welt zurückgezogen hat erschienener, kulturgeschichtlich ungemein wirkungsträchtiger Kurzroman von AntoineFrançois Prévost zugrunde. Thomas Stauder folgt biografischen Linien des Autors und beleuchtet Handlung wie Rezeption dieses erfolgreichen Buches ab Seite 24. Der Roman des Abbé Prévost beschäftigte neben Puccini auch zahlreiche andere Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Disziplinen, wie Norbert Abels ab S. 30 in einem Beitrag über die Bearbeitungen des Manon-Stoffes ausführt. Regisseur Robert Carsen gibt ab S. 16 in einem Gespräch Einblick in sein – die Handlung in eine Wolkenkratzer- und Shopping Mall-Umgebung verlegendes – Regiekonzept, das die Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit fataler Verführungs-Mechanismen von Statussymbolen und Scheinwerferlicht reflektiert. Josef-Horst Lederer und Dieter Schickling heben Aspekte von Puccinis Musiksprache in der Manon hervor (S. 38 bzw. 58), Ian Burton verortet die Oper im europäischen, kulturellen Zeitgeist des späten 19. Jahrhunderts (ab Seite 10), Christian Springer setzt sich ab S. 66 mit der Charakterzeichnung des Des Grieuxʼ auseinander. Ergänzend durchleuchtet Rotraud A. Perner ab S. 74 die Figuren, ihr Handeln und Umfeld aus psychoanalytischer Sicht. Warum die Wiener Staatsoper in puncto Manon Lescaut-Rezeption anfangs ein wenig zögerlich war, das Werk sich aber dennoch sehr bald als Erfolgsstück etablierte, beschreibt zuletzt Andreas Láng in seiner Skizze ihrer Aufführungsgeschichte im Haus am Ring (Seite 82). Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH

8


Geld zu haben gewesen, sie hätte nie einen Sou angerührt. Obwohl sie auch zärtlich liebte und ich, wie sie zugab, der einzige war, bei dem sie die Wonnen der Liebe voll empfand, war ich doch so gut wie sicher, dass ihre Zärtlichkeit jenen Angstgefühlen gegenüber nicht standhalten würde. «


Thomas Stauder

TRÄNENREICHER LIBERTINISMUS

Die Manon Lescaut des Abbé Prévost


→ Nächste Seiten: Szenenbild, 3. Akt

37

IM DEU TSCHEN DOM


Josef-Horst Lederer

» PROTAGONISTA NON È MANON, MA LA PASSIONE DI DES GRIEUX « Bemerkungen zu Stoff, Musik und Rezeption von Puccinis Manon Lescaut


Dieter Schickling

DIE MUSIK VON MANON LESCAUT

Der Anfang der Oper ist eines von Puccinis notorischen Selbst-Plagiaten: Er verwendet das Thema eines der drei bereits Jahre alten Menuette für Streichquartett. Aber bei identischem musikalischem Material ist der Ton völlig anders geworden. Der harmlose vierstimmige Satz hat sich in eine Musik verwandelt, die die turbulente Stimmung einer Kneipe in Amiens charakterisiert. Technisch vollbringt Puccini das dadurch, dass er das Thema in die hohen Holzbläser und Violinen legt und die konventionelle Gegenstimme des Violoncellos ersetzt durch Staccato-Akzente der Blechbläser und Pizzicati der tiefen Streicher. Die scheinbar kleine Veränderung weitet den Klangraum erheblich und bringt ein ganz neues Klangbild hervor: Das traditionelle Menuett scheint zwar noch immer als formales Muster durch – Manon Lescaut spielt schließlich in der Zeit des Rokoko –, aber es ist Musik kurz vor 1900 geworden, die das 18. Jahrhundert bloß reflektiert. DIET ER SCHICK LING

58


Abgrund übersprungen. Man kann sagen, dass › Edgar ‹ eine notwendige Vorbereitung war, ganz überschäumend, ganz blitzendes Signal. Hingegen ist › Manon ‹ die Oper des selbstbewussten, kunstbeherrschenden, schöpferischen und vollendeten Geistes. « 73


Rotraud A. Perner

DER WEG DER UNHEILVOLLEN BEGABUNGEN » Soll es also Wahrheit sein, dass der himmlische Beistand zu aller Zeit mit gleicher Kraft wie die Leidenschaften in uns wirkt, so erkläre man mir einmal, durch welche furchtbaren Einflüsse wir uns plötzlich aus den Bahnen unserer Pflicht geschleudert sehen, ohne zu dem geringsten Widerstande fähig zu sein und ohne die geringsten Gewissensbisse zu empfinden. « Abbé Prévost, Manon Lescaut


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Programmheft »Manon Lescaut« by Wiener Staatsoper GmbH - Issuu