MACBETH Giuseppe Verdi
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH Mit Macbeth schlug Giuseppe Verdi gleich mehrfach neue Wege ein. Nach Vertonungen literarischer Vorlagen von Victor Hugo, Lord Byron oder Friedrich Schiller widmete er sich mit seiner zehnten Oper erstmals einer Tragödie von Shakespeare, weitere Vertonungen des englischen Dichters sollten folgen. Auch musikalisch betrat der Komponist mit dieser Oper Neuland. Einen Abriss der Besonderheiten der musikalischen Sprache in Macbeth gibt ab Seite 14 der musikalische Leiter der Produktion und Musikdirektor der Wiener Staatsoper, Philippe Jordan. Der österreichische Komponist Johannes Maria Staud widmet sich – gewissermaßen aus Kollegenperspektive – weiteren Facetten der Partitur (S. 92). Und wie Verdi sich durch eine ausgefeilte Sprachregie von konventionellen Erwartungen an »Schöngesang« löste, ohne seine Verwurzelung in der Tradition des Belcanto zu verleugnen, beschreibt Michael Kraus ab S. 106. David Kimbell erläutert die Stellung Shakespeares im literarischen und musiktheatralischen Italien des 19. Jahrhunderts (S. 68), Gabriele Baldini rückt bestimmte Klischees in der Deutung von Verdis Beziehung zu Shakespeare wie auch zum Risorgimento ebenso geistreich wie provokant zurecht (S. 102 und 120). Gleich mehrfach werden in dem Programmbuch Aspekte von Shakespeares Macbeth beleuchtet: August Wilhelm Schlegels Macbeth gewidmete 30. Vorlesung über dramatische Kunst und Literatur war der von Verdi benutzten Übersetzung beigegeben und prägte seine Lesart entscheidend mit (S. 34). Bertolt Brecht legt in seiner Vorrede zu Macbeth die offene Struktur der Tragödie frei (S. 40), während der englische Kritiker und Autor John Middleton Murry Shakespeares Sprach- und Seelenmusik nachhorcht (S. 80). Sergio Morabito widmet sich ab Seite 114 der Entschlüsselung eines zentralen Begriffs des Dramas: der »Doppeldeutigkeit«. In einer berühmt gewordenen Analyse behandelte Sigmund Freud das Scheitern der Lady Macbeth (S. 48), der Arzt und Psychotherapeut Georg Titscher widmet sich in einem Gespräch mit Oliver Láng dem Thema Schuld (S. 60), der große Shakespeare-Forscher Stephen Greenblatt wirft einen analytischen Blick in die Beziehung des Ehepaares. Warum Macbeth erst spät an die Wiener Staatsoper kam und weshalb es in weniger als einem Jahrhundert bereits acht Neuproduktionen gab, erläutert Andreas Láng ab Seite 96. Einen Einblick in die Theaterarbeit von Barrie Kosky gibt Nikolaus Stenitzer (S. 28), im Gespräch mit Andreas und Oliver Láng beleuchtet der Regisseur seinen Zugang zu Verdis dunklem Meisterwerk (S. 20). Ü BER DIE SE S PROGR A M MBUCH
16
dunkelbösen Figuren ohne Wenn und Aber. Gehören die Macbeths dazu? Ja, das ist eine gute Frage. Wie böse sind die Macbeths? Ich glaube, anfangs gar nicht so sehr, doch dann, nach dem Mord an Duncan, öffnen sich viele Türen. Und die beiden landen in einer Geisterbahn voller Probleme. Dabei bewegen sie sich gegenläufig: Lady Macbeth, anfangs stark, ist am Ende fix und fertig, wie ein zehnjähriges Kind und wird wahnsinnig. Macbeth, der zu Beginn ein kleiner nervöser, neurotischer Bub ist, mutiert zur Killermaschine. Dieser unglaubliche Tango der beiden ist einzigartig in der Weltliteratur. Man schaut ihnen zu und fragt sich entgeistert: Warum haben sie das gemacht? Was haben sie gewonnen? Und was alles verloren! Wir können nicht anders, als von diesem Paar fasziniert zu sein. In Verdis Oper ist das nicht nur eine politische Geschichte einer Königin und eines Königs, es ist auch ein existenzielles Drama, ein Drama über Einsamkeit. BK
In diesem Tango: Was zieht die beiden aneinander an? BK Nicht nur eine Sache. Es ist eine Kombination aus vielem. Natür lich, sie ist voller Ehrgeiz und sieht in ihm die Möglichkeit, Königin werden zu können. Aber es ist nicht nur das. Sie liebt ihn. Und er liebt sie. Und dass die beiden keine Kinder haben, bindet sie stärker aneinander. Das Interessante ist, dass sie anfangs ganz eng verbunden sind, sie fressen einander fast auf – und dann driften sie auseinander. Lady Macbeth verfällt dem Wahn, Macbeth dem Schlachten. Man ist ja schockiert, wie echt und glaubwürdig diese Beziehung erzählt wird.
Zeitlos! BK Ja, denn es hat keinen Zweck, diese Geschichte zu erzählen, wenn man meint, dass sie historisch weit weg liegt und nichts mit uns zu tun hat. Wir müssen Macbeth als einen Teil von uns sehen. Das Paar spiegelt etwas über die Menschen an sich wider.
Sie erwähnten die Politik. Hat Sie die politische Ebene in der Oper interessiert? BK Für Shakespeare war der politische Aspekt wichtig, weil es um den Mord an einem König ging. Es war damals nicht unerheblich, so etwas auf der Bühne zu zeigen. Aber in der Oper ist das für mich nur ein Subtext. Was Shakespeare und Verdi wirklich interessierte, waren die Charaktere und die Beziehungen zwischen ihnen. Natürlich, Theater ist immer politisch. Aber Macbeth als zeitgenössisches, politisches Drama zu inszenieren, wie es oft pas-
27
A DA M U N D EVAS TOT EN TA NZ IN A N T I-EDEN
William Shakespeare → Macbeth
Die Nacht war stürmisch; wo wir schliefen, riss es Den Schlot herab; und wie man sagt, erscholl Ein Wimmern in der Luft, ein Todesstöhnen, Ein Prophezein in fürchterlichem Laut Von wildem Brand und grässlichen Geschichten, Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens. Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch: Man sagt, die Erde bebte fieberkrank.
Lenox in → William Shakespeare, Macbeth, Lennox,2.2.Akt, Akt3. Szene 99
Andreas Láng
ZWISCHEN SCHAUER-KITSCH UND BETONBUNKER Die durchwachsene Staatsopern-Macbeth-Rezeption
Leicht hatte es Giuseppe Verdis Macbeth in Wien nicht. Gleich der Start war schon verpatzt, als aus dem geplanten Erstaufführungstermin im April 1848 am Kärntnertortheater vorerst nichts wurde. Die Revolution und deren Folgen sowie die Abneigung von Teilen der Wiener Bevölkerung gegen die damals üblichen alljährlichen italienischen Gastspiele waren kein geeignetes Pflaster für das neueste Opus des Meisters aus Busseto. So kam es zum Paradoxon, dass die Aufführung einer Oper jenes Komponisten, der sich als eindeutiger Anhänger der Revolution deklarierte, erst möglich wurde, nachdem die Aufstände niedergeschlagen worden waren. Am 11. Dezember 1849 also holte man die Erstaufführung am Kärntnertortheater nach. Aber unter welchen Voraussetzungen! Die italienischen Sänger von 1848 standen nicht A N DR EAS LÁ NG
100