JACQUES OFFENBACH
LES CONTES D’HOFFMANN
ÜBER DIESES PROGRAMM- BUCH Im Wettlauf mit dem Tod hat der todkranke Jacques Offenbach sein letztes Bühnenwerk Les Contes d’Hoffmann geschaffen – eine fantastische Oper, in deren Mittelpunkt der romantische Dichter E.T.A. Hoffmann steht, dessen Liebesbeziehungen durch einen dämonischen Widersacher stets zu Fall gebracht werden. Letztlich konnte Offenbach der Nachwelt nur ein Fragment hinterlassen, um deren Vervollständigung seither ständig gerungen wird. Über die musikalische Besonderheit dieser letzten Oper Offenbachs spricht der Dirigent der Wiederaufnahme 2024, Betrand de Billy, ab Seite 10. Seinen inszenatorischen Zugang zum Werk erläutert Regisseur Andrei Şerban ab Seite 18, Eckpunkte zum Dichter und Opern-
ROLANDO VILLAZÓN als HOFFMANN
Namensgeber Hoffmann liefert Ulrich Müller (ab Seite 22). Der Kulturwissenschaftler Oswald Panagl steuert diesem Programmbuch zahlreiche Texte bei, unter anderem schreibt er über die Hoffmann-Aufführungsgeschichte im Haus am Ring (ab Seite 73). Rotraud A. Perner untersucht die Oper aus psychoanalytischer Sicht (ab Seite 64), Walter Dobner fragt ab Seite 35, inwiefern Hoffmann eine »romantische Figur« ist, der Katastrophe des Ringtheaterbrandes in Wien im Zuge einer Hoffmann-Aufführung wird ab Seite 68 gedacht. Die Verknüpfung zwischen der Hoffmann-Oper und dem Dichter Hoffmann wird durch Ausschnitte aus Werken des Autors, die in engem Bezug zur Opernhandlung stehen, ab Seite 55 verdeutlicht.
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ANDREAS LÁNG & OLIVER LÁNG IM GESPRÄCH MIT BERTRAND DE BILLY
SEIN INNERSTER AUSDRUCK ll
Jacques Offenbach schrieb zahllose Operetten und fünf Opern. Immer wieder wird gesagt, dass es bei ihm keine unterschiedlichen Stile für diese unterschiedlichen Genres gab, sondern immer nur einen Offenbach-Stil, egal, ob für Oper oder Operette. Würden Sie dem zustimmen? bb Ich würde eher sagen: Es gibt Offenbach und es gibt den Les Contes d’Hoffmann-Offenbach, also den Komponisten der letzten OffenbachOper. Und diese ist in den von ihm fertiggestellten Teilen in vielem anders als alles zuvor von ihm Geschriebene. Dieses Phänomen eines letzten, plötzlich »anderen« Werks gibt es übrigens bei etlichen anderen Künstlern auch. Es ist verblüffend zu sehen, wie ein Komponist am Ende seines Opernschaffens plötzlich etwas ganz Neues macht. Denken wir an Verdi mit Falstaff, an Wagners Parsifal, an Rossini mit Guillaume Tell. Oder schauen wir in die bildende Kunst: Ich habe in der Albertina vor einigen Jahren
in einer Ausstellung die letzten Gemälde von Claude Monet gesehen. Welche Überraschung! Plötzlich malte er wie ein Matisse oder wie Picasso. Verrückt, oder? In diesem Zusammenhang fiel mir eine Studie ein, in der Sterbende gefragt wurden, was sie im Leben bereuen. Die Antwort war häufig: Nicht genug gelebt zu haben, nicht genug geliebt zu haben und nicht ausreichend das getan zu haben, was man wirklich wollte. Was bedeutet das nun in unserem Zusammenhang? Dass sich am Ende eines Schaffens mit einer großen Ehrlichkeit noch einmal zeigt, was Künstler wirklich wollen, was ihnen wichtig ist. Im Falle von Offenbach zeigt sich das in den hinterlassenen Fragmenten von Contes d’Hoffmann! Er sprach noch kurz vor seinem Tod davon, dass er die Uraufführung dieser Oper so gerne erleben würde. Das war ihm leider nicht vergönnt. Aber die von ihm noch fertiggestellten Teile sind sein innerster, ehrlichster Ausdruck. ll Die Oper bringt den großen deutschen Romantiker E.T.A. 10
EIN E MEHR FACHBEGA BU NG MI T NA MEN A M A DEUS
deutschen romantischen Oper durch Lortzings gleichnamiges (und gleichfalls sehr gutes) Bühnenwerk in den Hintergrund gedrängt worden ist. Als Musikkritiker war er einer der ersten, der das Außergewöhnliche in Beethoven erkannte. Als Zeichner war er immerhin begabt genug, dass er in persönlichen Notzeiten mit dem Verkauf von Bildern sein Los lindern konnte – und er war auch mit dem Zeichenstift ein so treffsicherer Satiriker, dass er, weil er als junger Regierungsrat im damals preußischen Posen einige Offiziere derart ätzend karikiert hatte, für zwei Jahre in den äußersten Osten strafversetzt wurde. Bis heute Weltgeltung hat Hoffmann aber vor allem als Schriftsteller, als Verfasser von Novellen (Sammlungen: Fantasiestücke in Callots Manier, Nachtstücke, Die Serapionsbrüder), Märchen (z.B. Der Goldene Topf ) und Romanen (Die Elixiere des Teufels, Lebensansichten des Katers Murr). Speziell außerhalb des deutschsprachigen Raumes gilt er bis heute als der herausragende deutsche Romantiker, und sein teilweise exzentrischer Lebensstil und die Fantastik seiner Werke haben schon früh die Fantasie des Publikums angeregt. Kennzeichnend für seine Erzählungen ist die Mischung von Groteskem, Unheimlichem und Übersinnlichem mit bürgerlicher Schein-Idyllik und Komik, wobei er auch immer wieder musikalische Themen darstellte. Dies brachte ihm eine große und begeisterte Leserschaft ein. Diese konnte aber nicht (und wollte wohl auch nicht) allzu genau zwischen der Person des Künstlers Hoffmann und dem Inhalt seiner Werke unterscheiden, und so entstand das bekannte, wenn auch irreführende Schlagwort vom »Gespenster-Hoffmann«.
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ALFRED DE MUSSET
DIE NACHT IM OKTOBER POET
Wenn ich dir jetzt mein Leiden wollte künden, fällt mir dafür kein rechter Name ein. War’s Liebe, Narrheit, Stolz? Ich kann es nicht ergründen, auch nicht, wenn dieses Leid ein Beispiel könnte sein. Gleichwohl erfahre denn, wie es geworden, da wir am Herd uns fanden diese Nacht. Die Leier nimm, komm’ her, begleit’ es mit Akkorden, wenn leise die Erinnerung erwacht!
MUSE
Doch eh’ den Sang wir tönen lassen, – Poet, bist du auch ganz befreit? Bedenke: Sprechen sollst du heut’ ganz ohne Lieb’ und ohne Hassen. Und fühlst du, dass als Trösterin ich blieb an deinen Tagen haften, sorg’, dass an deinen Leidenschaften ich ohne jede Mitschuld bin.
POET
Ich bin von dieser Krankheit so genesen, dass ich oft zweifle, ob es wirklich war. Denk’ ich der Orte, wo Gefahr für mich gewesen, beut’ statt dem meinen sich ein ander Antlitz dar. Drum, Muse, sei getrost! Vom Hauch, der dich getragen, lassen wir zwei uns treiben wie vom Wind. Süß ist’s, zu lächeln, süß ist’s auch, zu klagen Um Schmerzen, die schon fast vergessen sind!
MUSE
Wie eine Mutter tief in Schweigen bewacht den Schlaf der Kinderschar, so will ich mich jetzt zitternd neigen dem Herzen, das verschlossen war. Sprich, Freund, – schon hör’ ich durch die Saiten klagend und schwach ein Tönen gleiten, das Anteil nimmt an deinem Leid. Und jetzt, – in strahlend hellem Lichte
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WIENER- STAATSOPER.AT