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Programmheft »L'Orfeo«

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L’ORFEO Claudio Monteverdi


L’ORFEO → Favola in musica in einem Prolog und fünf Akten Musik Claudio Monteverdi Text Alessandro Striggio

Orchesterbesetzung der Wiener Fassung 2022 2 Blockflöten, 2 Dulziane; 2 Zinken, 5 Trompeten, 5 Posaunen; Schlagzeug; 1 Harfe, 2 Psalterien, 3 Chitarroni (1 auch Gitarre, 1 auch Ceterone); 2 Cembali (beide auch Orgel, 1 auch Regal); 10 Violinen (2 auch Violino piccolo) 2 Violen, 5 Violen da gamba (2 Alt, 1 Tenor, 1 Bass) 1 Lirone, 2 Kontrabässe Continuo Viola da gamba, Lirone, Kontrabass, Dulzian, Harfe, 2 Psalterien, 3 Chitarroni (auch Ceteroni), 2 Cembali (beide auch Orgel, 1 auch Regal) Autograph nicht erhalten. Erster Partiturdruck Venedig 1609 Uraufführung 24. Februar 1607, Palazzo Ducale, Mantua Wiener Erstaufführung 14. Jänner 1931, Großer Musikvereinssaal (Bearbeitung von Carl Orff ) 3. Juni 1954, Großer Saal des Konzerthauses (Urfassung) Erstaufführung an der Wiener Staatsoper 11. Juni 2022


DIE HANDLUNG Prolog Die Musik in Person begrüßt die Gäste. Sie lobt den berühmten Sänger Orfeo.

1. Akt Es ist der Tag der Hochzeit von Orfeo und Euridice. Hirten und Nymphen feiern das Paar mit Tänzen und Gesängen. Orfeo wird um ein Lied gebeten. In seinem Gesang dankt er dem Schöpfer des Universums. Euridice gegenüber bringt er sein Glück über ihr Zusammensein zum Ausdruck. Euridice bekundet ihr eigenes Glück über Orfeos Liebe. Der Gott der Hochzeit wird angerufen, eine Zeremonie wird begangen.

2. Akt Orfeo feiert mit den Hirten die Schönheit der Natur. Er erinnert auch an seine frühere Hoffnungslosigkeit, sein Glück mit Euridice erscheint ihm dadurch noch vollkommener. Eine Botin bringt schreckliche Nachricht: Euridice ist am Gift einer Schlange gestorben. Die fröhliche Stimmung schlägt in Entsetzen um. Orfeo weigert sich, das Schicksal anzunehmen. Durch die Kraft seiner Lieder will er in die Unterwelt gelangen und Euridice zurückholen. Sollte ihm das nicht gelingen, will er mit ihr im Reich der Toten bleiben.

3. Akt Die Hoffnung hat Orfeo bis an den Eingang zum Inferno begleitet. Das Gesetz verbietet, dass sie weitergeht. Sie entfernt sich. Während Orfeo ihren Verlust beklagt, stellt sich ihm Caronte in den Weg. Er ist der Fährmann, der die Toten über den Fluss Lethe bringt. Er verweigert Orfeo die Überfahrt. Kein Lebender könne in das Reich der Toten eingehen.

– Pause – DIE H A N DLU NG

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Pablo Heras-Casado

EINE NEUE KOMPOSITORISCHE REALITÄT

Auch wenn Orfeo nicht die allererste Oper war, so markiert das Werk doch den Beginn von etwas gänzlich Neuem. Mehr noch: Die Uraufführung 1607, in einem Saal des herzoglichen Palastes in Mantua, hat die Kunstmusik nachhaltig und für immer verändert. Aber natürlich fiel Orfeo nicht vom Himmel, sondern zeigt unterschiedliche Wurzeln und Einflüsse, die hier zusammenfanden: Zunächst das Madrigal – eine Art »Profanierung« religiöser Musiktradition, bei der die damalige Alltagssprache und entsprechende Themen in polyphoner Schreibweise verwendet werden. Das spiegelt unmittelbar die neue Weltanschauung der Renaissance wider. Monteverdi hat diese sehr spezielle und vielgestaltige Gattung häufig verwendet und dabei vor allem ihre Theatralik und ihr illustratives Potenzial entwickelt. In gewissem Sinne kann man daher Orfeo, insbesondere den Chören dieser Oper, durchaus eine Kontinuität des madrigalischen Ausdrucks bescheinigen. Von eminenter Wichtigkeit waren außerdem die ersten Opern-Versuche der Florentiner Camerata: Der in Florenz um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert erfundene »Stile recitativo« folgte der mittelalterlichen Troubadour-Tradition: Eine einzelne Gesangstimme erzählt, bestimmten deklamatorischen Mustern folgend, eine Geschichte und wird dabei instrumental begleitet. Der Komponist Jacopo Peri, einer der führenden Köpfe der Camerata, schrieb unter anderem 1600 seine Euridice, ein Werk, das sicherlich das Orfeo-Projekt direkt inspirierte. Monteverdi verwendete aber in Orfeo eine so präzise Instrumentierung und schrieb so ausgefeilte Rezitative, dass er das florentinische Konzept, das mehr der akademischen Theorie verpflichtet war, zu einer echten, praxisorientierten Komposition weiterentwickelte. PA BLO HER AS- CASA DO

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Silke Leopold

DIE GEBURT DER OPER AUS DEM GEISTE DES DRAMAS Claudio Monteverdis L’Orfeo

Halsbrecherische Virtuosität, verzweifeltes Pathos, überschäumende Fröhlichkeit, mutlose Trauer: In Claudio Monteverdis L’Orfeo zieht Orpheus, der mythische Sohn des Gottes Apollo und der Muse Kalliope, der die wilden Tiere, die Götter der Unterwelt, sogar Pflanzen und Steine mit seinem Gesang und Leierspiel zu betören wusste, alle Register seines sängerischen Könnens. Für die Geschichte der Oper bedeutete der 24. Februar 1607 eine Zeitenwende. L’Orfeo, am Karnevalsdienstag im herzoglichen Palast in Mantua uraufgeführt, ist nicht die erste Oper der Musikgeschichte, aber die erste, die diesen Namen wirklich verdient. Monteverdi scheute sich nicht, den neu erfundenen rezitativischen Sprechgesang, der die Theaterdeklamation nachahmen sollte, mit Gesangsnummern zu kombinieren, in denen nicht der Text, sondern die Musik Regie führte. In L’Orfeo finden wir zum ersten Mal jene zwei Kulturen des Gesangs, die für die Oper der nächsten Jahrhunderte maßgebend werden sollten – Rezitativ und Arie. SILK E LEOPOLD

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Ovid

ORPHEUS UND EURYDICE Aus den Metamorphosen

Von dort [von der Hochzeit von Iphis und Ianthe, Anm.] schreitet Hymenaeus in seinem krokusgelben Gewand durch den unermesslichen Äther; er eilt zu den Gestaden der Ciconen; dorthin ruft ihn Orpheus’ Stimme, doch vergebens. Anwesend war er zwar, doch brachte er nicht die gewohnten Segensworte, keine fröhlichen Gesichter, kein glückliches Omen; auch die Fackel in seiner Hand zischte immerfort; nur tränenerregender Rauch, kei­ne Flamme entstieg ihr, mochte man sie noch so sehr schwingen. Der Ausgang war schlimmer als das Vorzeichen; denn während die Neuvermählte, von der Schar der Naiaden begleitet, durch die Wie­sen streifte, starb sie, weil eine Schlange sie in die Ferse gebissen hatte. Nachdem sie der Seher vom Rhodopegebirge an den Lüften des Himmels zur Genüge beweint hatte, wollte er es auch noch mit dem Schattenreich OV ID

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Thomas von Aquin

Kommentar zu Aristoteles’ De Anima Man muss nämlich wissen, dass Orpheus einer der ersten Philosophen war, die gleichermaßen Dichter und Theo­logen waren, die in Versen über die Philosophie sprachen und über Gott. Und dieser Orpheus brachte als erster die Menschen dazu, gemeinschaftlich zu wohnen, und er war der beste Prediger, so dass er die Menschen, die wil­den Tieren gleich und ungesellig waren, in ein Gemeinwesen zusammenführte. Und deswegen heißt es von ihm, er sei der beste Leierspieler gewesen, da es ihm sogar ge­lungen ist, Steine zum Tanzen zu bringen. Damit ist näm­lich gemeint, er sei ein so guter Prediger gewesen, dass er in der Lage war, steinerne Menschen zu erweichen. (Um 1268)

← Hiroshi Amako als Apollo, Andrea Mastroni als Plutone, Narumi Hashioka und Aaron McInnis als Hirten, Georg Nigl als Orfeo, 2022


Thomas Macho

ORFEOS ZUKUNFT Es beginnt mit einer Hochzeit, vielleicht am 14. Februar, dem Tag der Liebenden und Verliebten. Ob dieser Tag, der Valentinstag, auf den Bischof von Terni zurückgeführt werden kann, der angeblich die Ehefrauen, die er traute, mit Blumen aus seinem eigenen Garten beschenkte (und der am 14. Februar 268 enthauptet wurde), ist zumindest umstritten. Vermutet werden dürfen ältere Wurzeln des Brauchs: Im antiken Rom sei am 14. Februar die Göttin Juno verehrt worden; zugleich erinnerte man sich während der Parentalia, die im Unterweltsmonat Februarius (vom 13. bis 21. Februar) gefeiert wurden, an die verstorbenen Ahnen. Und am 15. Februar wurden die Lupercalien begangen, zu Ehren des Herdengottes Faunus, der den Beinamen Lupercus, der »Wolfsabwehrer«, führte. Dieses Fest begann mit einem Bocksopfer im Lupercal, der Grotte des Lupercus auf dem römischen Palatin; nach dem Opfermahl banden sich die Opferpriester die Felle der geschlachteten Böcke um die Hüften, zerschnitten andere Felle in Riemen und liefen durch die Stadt. Die Frauen stellten sich ihnen in den Weg und ließen sich mit den Riemen in die Hand schlagen, weil sie sich davon Eheglück erhofften. Im Mittelalter verbreiteten sich Vorstellungen von einer »Vogelhochzeit« am 14. Februar: In seinem Gedicht vom »Parlament der Vögel«, das er 1383 vermutlich zum Anlass einer Valentinsfeier am Hof Königs Richard II. verfasst und öffentlich vorgetragen hatte, beschrieb Geoffrey Chaucer, Autor der Canterbury Tales, wie sich die Vögel zum Feiertag um die Göttin Natur versammeln, damit alle ihre Partnerinnen und Partner finden: »Denn Feiertag Sankt Valentins war’s eben, / An dem zur Gattenwahl nach diesem Ort / Sich alle Vögel, die man kennt, begeben.« Am Ende schenkt die Natur jedem Vogel sein Männchen oder Weibchen; alle sind zufrieden: »Wie sie sich in die Flügel nahmen! Wie / Sie ihre Hälschen umeinander rankten / Und der Natur, der edlen Göttin, dankten!« In Monteverdis L’Orfeo ist es nicht die Göttin Natur, die zu Beginn der Oper auftritt, sondern die personifizierte Allegorie der Musik: »Ich bin die Musik, die mit lieblichen Tönen / dem verwirrten Herzen Ruhe schenkt. / Bald zu edlem Zorn, bald zur Liebe vermag ich / selbst eiserstarrte Sinne zu entT HOM AS M ACHO

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Monika Mertl

MONTEVERDIS VISIONÄRES KLANGKONZEPT Der Concentus Musicus Wien auf den Spuren der Orfeo-Partitur

Als der Concentus Musicus Wien im Mai 2021 mit L’incoronazione di Poppea den neuen Monteverdi-Zyklus eröffnete und zugleich sein Debüt an der Wiener Staatsoper feierte, war das für die Musikerinnen und Musiker ein bedeutender Schritt in die »große« Opernwelt. Zwar hatte das Ensemble gemeinsam mit Nikolaus Harnoncourt bereits mehrfach Erfahrungen mit szenischen Opernproduktionen gesammelt, doch das erste Eintauchen in einen der weltgrößten Repertoirebetriebe eröffnete nochmals eine neue Dimension. Was das künstlerische Ergebnis betrifft, so wurde in der Tradition des Hauses ein noch ziemlich neues Kapitel fortgeschrieben, das dem »Originalklang« im gegebenen architektonischen Rahmen zur Geltung verhelfen will. In ihrem schlanken, transparenten Klangbild war diese Poppea 2021 die aufführungspraktisch zeitgemäße Antwort auf die erste Aufführung des Werks an der Staatsoper 1963, die Herbert von Karajan geleitet hatte. Wenn der Monteverdi-Zyklus nun mit L’Orfeo fortgesetzt wird, so erklingt dieses Werk zum ersten Mal im Haus am Ring. Für den Concentus Musicus aber gehört es gewissermaßen zur künstlerischen DNA, denn die erste Aufführung dieser »ersten Oper« der Musikgeschichte hat das Ensemble zu einem Zeitpunkt gestaltet, als es offiziell noch gar nicht existierte. Am 3. Juni 1954 versammelte sich eine Gruppe jener experimentierfreudigen Kollegen, die Nikolaus und Alice Harnoncourt eben erst um sich geschart hatten, zur ersten öffentlichen Darbietung der Originalfassung von Monteverdis L’Orfeo in der Neuzeit. Paul Hindemith hatte sich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt und 1943 für die Yale University eine Spielfassung der Partitur von 1609 rekonstruiert, die er nun auch einem breiteren Publikum vorstellen wollte – bei den Wiener Festwochen, in einer von ihm dirigierten halbszenischen Aufführung im großen Konzerthaussaal; Regisseur war Leopold Lindtberg. MON IK A MERT L

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