Skip to main content

Programmheft »Eugen Onegin«

Page 1

EUGEN ONEGIN Piotr I. Tschaikowski


DIE HANDLUNG

4. Bild FRAU LARINA, TATJANA, OLGA, WLADIMIR LENSKI, EUGEN ONEGIN, FILIPJEWNA, SARETSKI

Nachbarn, Gäste Tatjanas Namenstag. Lenski hat Onegin überredet, den Larins einen weiteren Besuch abzustatten. Aber Onegin fühlt sich durch alles gereizt. Er beschließt, Lenski zu verletzen, indem er demonstrativ mit Olga flirtet. Die Bereitwilligkeit, mit der Olga auf Onegins Avancen eingeht, peinigt Lenski. Er bricht mit Onegin einen Streit vom Zaun und fordert ihn zum Duell.

5. Bild WLADIMIR LENSKI, EUGEN ONEGIN, SARETSKI, OLGA, FRAU LARINA, FILIPJEWNA, GUILLOT

1. Bild

Nachbarn, Gäste Morgen. Lenski erwartet Onegin. Er denkt mit Wehmut und Schmerz über sein Leben nach. Der sich verspätende Onegin möchte eine weitere Eskalation abwenden. Die ehemaligen Freunde haben das Gefühl, sich verrannt zu haben. Aber es ist zu spät, eine Rücknahme ist unmöglich. Ein Schuss fällt, Lenski bricht tot zusammen.

FRAU LARINA, ihre Töchter TATJANA und OLGA, die Amme FILIPJEWNA, WLADIMIR LENSKI, EUGEN ONEGIN Nachbarn, Gäste Im Haus der Larins. Der Nachbar Lenski, Olgas Bräutigam, kommt in Begleitung eines unangekündigten neuen Gastes. Sein Freund, der junge Onegin, ist kürzlich aus der Hauptstadt eingetroffen. Der Gast bringt den Alltag im Larin-Haushalt durcheinander: Niemand kann sein Interesse an ihm verbergen. Onegin äußert Zweifel an der Brautwahl seines Freundes.

———— 6. Bild EUGEN ONEGIN, TATJANA, FÜRST GREMIN

2. Bild

Gäste Mehrere Jahre später. Nach langer Abwesenheit kehrt Onegin ins hauptstädtische Leben zurück und begegnet dort Tatjana. Sie ist verheiratet und steht im Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Onegin ist schockiert über seine Ablehnung. Die Verwandlung Tatjanas und ihre Unerreichbarkeit wecken in Onegin eine rasende Leidenschaft.

TATJANA, FILIPJEWNA

Nacht. Die Begegnung mit Onegin hat Tatjana aufgewühlt. Die Amme, die Tatjanas Aufregung spürt, versucht sie abzulenken und zu beruhigen. Alleingelassen schreibt Tatjana Onegin einen Brief. Sie sieht in ihm ihren Auserwählten. Im Morgengrauen bittet Tatjana ihre Amme, den Brief an Onegin zu überbringen.

7. Bild TATJANA, EUGEN ONEGIN

3. Bild

Onegin gelingt es, ein Treffen mit Tatjana zu erzwingen. Aus seinen Worten klingen Reue und Bedauern. Er fordert Erwiderung seiner Leidenschaft und entreißt Tatjana das Eingeständnis, dass sie ihn immer noch liebt. Aber ihre Entscheidung, bei ihrem Ehemann zu bleiben, ist unwiderruflich. Onegin verzweifelt.

TATJANA, EUGEN ONEGIN

Tag. Voll Unruhe erwartet Tatjana die Antwort auf ihre Liebeserklärung. Onegin kommt. Tatjanas Aufrichtigkeit hat ihn berührt, aber er kann ihre Gefühle nicht erwidern. DIE H A N DLU NG

4

5

DIE H A N DLU NG


Synopsis

Scene 4 MADAME LARINA, TATIANA, OLGA, VLADIMIR LENSKY, EUGENE ONEGIN, FILIPPYEVNA, ZARETSKY

Neighbors, guests Tatiana’s Name-day. Lensky has persuaded Onegin to pay another visit to the ­Larins. But he is irritated by everything. Deciding to punish Lensky for bringing him, he demonstratively flirts with Olga. Olga’s prompt response to Onegin’s ­advances, ­afflicts Lensky. He picks a quarrel with Onegin and challenges him to a duel.

Scene 5 VLADIMIR LENSKY, EUGENE ONEGIN, ZARETSKY, OLGA, MADAME LARINA, FILIPPYEVNA, GUILLOT

Neighbors, guests Morning. Lensky awaits Onegin. He thinks with pain and anguish about his life. Onegin, who arrives late, is reluctant to take the conflict to its conclusion. Both men feel privately that they have acted rashly. But it is too late, there is no going back. A shot is fired, Lensky is fatally wounded.

Scene 1 MADAME LARINA, her daughters TATIANA and OLGA, the nurse FILIPPYEVNA, VLADIMIR LENSKY, EUGENE ONEGIN Neighbours, guests The Larins’ home. Lensky, a neighbor of the Larins and Olga’s bridegroom, unexpectedly brings his friend Onegin, recently arrived from the capital, to visit them. The unknown guest causes a kerfuffle in the dailyroutine of the Larin household: No one hides their interest in him. Onegin doubts in the wisdom of his friend’s choice. The meeting with Onegin has made a deep impression on Tatiana.

———— Scene 6 EUGENE ONEGIN, TATIANA, PRINCE GREMIN

Guests Several years later. After a long absence, Onegin has returned to life in the capital and meets Tatiana. She is married and social life in the capital now revolves round her. Onegin is shocked at his refusal. The transformation in Tatiana and the fact she is now out of reach arouse mad passion in Onegin.

Scene 2 TATIANA, the nurse FILIPPYEVNA

Noticing Tatiana’s agitation, her nurse tries to distract her and calm her down. Left alone, Tatiana writes a letter to Onegin. She sees him as her chosen one. At dawn, Tatiana asks her nurse to deliver the letter to Onegin.

Scene 7 TATIANA, EUGENE ONEGIN Onegin manages to obtain a meeting with Tatiana. His words ring with repentance and regret. Demanding that his passion be reciprocated, he extorts from Tatiana the admission that she still loves him. But her decision to stay with her husband is final. Onegin is distraught.

Scene 3 TATIANA, EUGENE ONEGIN Day-time. Tatiana anxiously awaits an answer to her declaration of love. Onegin arrives. He is touched by Tatiana’s sincerity, but cannot reciprocate her feelings.

SY NOPSIS

6

7

SY NOPSIS


Eugens Gefühl war bald erstorben, Die bunte Welt erschien ihm leer; Und, die er sonst so heiß umworben, Die Schönen reizten ihn nicht mehr: Er war es satt, genarrt zu werden. Auch Freundschaft schuf ihm nun Beschwerden, Denn ewig konnte man doch nicht Zum Beefsteak oder Nachgericht Champagner durch die Kehle jagen, Und auf Verlangen obendrein Mit schwerem Kopf noch geistreich sein; Ja, sonst bereit, sich gleich zu schlagen, Selbst Ehrenhändel ließ er nun, So Degen wie Pistole, ruhn.

Ein Leiden, welches aufzuklären, Obschon verwandt mit Englands Spleen, Die Ärzte längst verpflichtet wären, Kurz: Russlands Trübsinn hatte ihn Seitdem bedenklich in den Krallen. Sich aber einfach totzuknallen, Das, Gott sei Dank, missfiel ihm just; Nur schwand ihm jede Lebenslust. Und nun erschien er auf den Festen Gleich Ritter Harold eisig stumm Und blieb für Tanz und Spiel ringsum, Für holde Seufzer, zarte Gesten, Skandalgeschichten, Spott, Bonmots Vollkommen kalt und teilnahmslos. → Kapitel 1, 36–38


Natalija Jakubova über die Moskauer Premiere von Dmitri Tcherniakovs Eugen Onegin

Vermutlich hat sich jeder Theaterfreund auf dem Weg zur Onegin-Neuinszenierung am Bolschoi im September 2006 diese Fragen so oder so ähnlich gestellt. Unabhängig davon, dass dem »ins sechsunddreißigste Jahr vorgerückten« 2 Dmitri Tcherniakov bereits bedeutende Anerkennung und zahlreiche Auszeichnungen zuteilwurden, stellt eine Neuinszenierung dieses Werks an diesem Haus für jeden Regisseur einen Prüfstein dar. Von Tcherniakov durfte man sich mehr als nur eine interessante Aufführung, nämlich eine szenische Neudeutung erwarten. Wird er die Oper in ein neues Milieu versetzen, das in nichts mehr an die kanonische Bolschoi-Inszenierung erinnert? Oder spielt er ein ironisch-nostalgisches Spiel mit der Tradition? Tcherniakov waren beide Möglichkeiten zuzutrauen. Was er uns zeigte, erwies sich als deutlich komplexer als jede dieser beiden Annahmen. Eine originelle Raumlösung liegt vor, doch diese ist dem Kanon sowohl ähnlich als unähnlich. Ein ironisch-nostalgisches Spiel findet statt und findet doch nicht statt. Fast die gesamte Handlung entfaltet sich in nur einem Bühnenbild: Ein großer, in sanftem beige gehaltener Speisesaal mit hohen Fenstern im ersten Teil, der sich für den zweiten Teil zu einem in kaiserlichem Purpur und blendendem Weiß ausgestatteten, nun fensterlosen Raum verwandelt. Das heißt: Kein Garten, in dem die alte Larina Obst einkochen könnte, keine Allee, in der Onegin seine Worte »Welche Rosen wird eine Ehe uns bereiten?« an Tatjana adressieren, kein Schnee, in den ein Lenski »mit schulterlangen Locken«3 stürzen könnte. Nicht einmal Tatjanas kleines, stickiges Zimmer, in dem sie den Brief schreibt, nicht die »eigenen Wände« ihres Petersburger Hauses, das als Allerheiligstes die Standhaftigkeit der Fürstin Gremin stärken könnte: »Ich bin einem anderen gegeben und ewig bleibe ich ihm treu!« Keine wirbelnden Paare beim Fest im Hause Larin und kein mondäner Petersburger Ball. Was es gibt ist ein fast die ganze Szenenbreite einnehmender, leicht schräggestellter langer Tisch, der die gesamte Mise en scène strukturiert. Dieser Minimalismus nötigt die Zuschauer, dem Regisseur Virtuosentricks zu unterstellen (Aber im nächsten Bild wird es sicher keinen Tisch mehr geben? Und wenn doch, wie wird er damit umgehen?), aber der Regisseur unterläuft alle diese Vermutungen. Und auf paradoxe Weise ist dennoch die ganze Atmosphäre eines adligen Landguts da (mit Anklängen an die verschiedenartigsten »Generals-Datschen« der folgenden Epochen), und später auch die ganze »Flitter-Maskerade«, »der Glanz, der Lärm, der Rausch« 4, die im Petersburger Finale verlangt sind. Wenn wir annehmen können, dass es heute gesellschaftliche Kreise gibt, die sich nach dem Vorbild des russischen Landadels stilisieren, dann kann auch Onegin »im Hier und Jetzt« geschehen. Wir sind eingeladen, diese Oper nicht als einer fernen, abgeschlossenen, auf ewig verflossenen Zeit angehörig zu betrachten, die sich darüber erhitzen konnte, dass eine junge Frau (!), einem jungen Mann (!) ihre Liebe (!) in einem Brief gesteht (!), der, statt ihr

WAS ER WOHL HEUT’ FÜR EINE ROLLE SPIELT? Noch immer mit demselben Sparren Wie früher? Oder abgekühlt? Was dünkt Sie, was er uns zum Narren Wohl heut für eine Rolle spielt? 1 19

NATA LIJA JA K U BOVA


Freund Lenski freilich, tief durchdrungen Von patriotisch heil’ger Pflicht, Er hätte Oden gern gesungen – Nur Olga las dergleichen nicht. Ob je dem heißgeliebten Wesen Sein schmachtend’ Verschen vorzulesen So ein Poet die Gunst besaß? Es heißt, dies Glück sei ohne Maß. Und wahrlich, höchste Wonne leuchtet Dem Sänger, der mit keuschem Sinn Vor seiner Herzenskönigin In Tönen seine Liebe beichtet – Sofern nicht, sonstwie abgelenkt, Sie selbst an ganz was andres denkt. → 4. Kapitel, 34

Bogdan Volkov als Wladimir Lenski


Oswald Panagl

Ein Mann hat eben noch versucht, eine Frau für sich zu gewinnen, die inzwischen Gattin eines anderen geworden ist. Leidenschaftlich hat er auf sie eingeredet, Erinnerungen beschworen, Zukunftsvisionen aufgebaut: Sie solle ihr gesichertes, aber letztlich unerfülltes Leben, ihre gesellschaftliche Stellung aufgeben und ihm folgen, dann könnten sie beide glücklich werden. Doch die Frau widersteht seinem Drängen, der Überzeugungskraft seiner Rede ebenso wie dem Zauber seiner Person, den Zeichen der Überlegenheit und den Gesten der Unterwerfung. Zwar liebt sie ihn noch immer wie vor Jahren als junges Mädchen, als er unvermittelt in ihr Leben getreten war: warum sollte sie es leugnen? Doch die Zeit lässt sich nicht verrücken und nicht hintergehen (sie ist nicht erst in Hofmannsthals Rosenkavalier »ein sonderbar Ding!«), Geschehenes kann nicht aufgehoben werden. Mit den Worten »Leb wohl auf ewig!« lässt sie, Tatjana, den Partner dieser Auseinandersetzung, Eugen Onegin, allein auf der Bühne, genauer: im Empfangszimmer ihres Palais, zurück. Verzweifelt bricht er in die Worte aus: »Schande! … Wehmut! … O welch ein bittres Los!« und stürzt davon. So endet eines der seltsamsten »Liebesduette« der Opernliteratur, so endet zugleich eine Oper, die seit über hundert Jahren ebenso viele stille Liebhaber wie lautstarke Kritiker gefunden hat, die im Widerstreit von Zustimmung und Ablehnung immer noch keinen gesicherten Platz auf der Werteskala des musikdramatischen Schaffens einnimmt. Was hat man an diesem eigenwilligen Werk nicht alles gerühmt: Die liebevolle Nachzeichnung der Charaktere, besonders von Tatjana und dem jungen Dichter Lenski; die subtile Schilderung der Natur im Einklang und im Widerspruch mit den Befindlichkeiten der menschlichen Seele. Man denke nur an den Sonnenaufgang und die Weise des Hirten am Ende von Tatjanas Briefszene; an den authentischen, keineswegs sentimental überhöhten Realismus der bäuerlichen Welt im Chorgesang und Tanz der ersten Szene; an den Glanz der kontrastierenden Ballszenen – mit Walzer und Mazurka auf dem Landgut der Larins (3. Bild), mit Polonaise im Palais des Fürsten Gremin zu St. Petersburg (6. Bild). Und wo hat nicht überall der tadelnde Rotstift der »Beckmesserei« angesetzt: Bei der mangelnden Opernhaftigkeit des Entwurfs; bei der Beliebigkeit und Zufälligkeit der Handlung, die kein tieferreichendes Interesse beim Zuhörer auslöse und seine Anteilnahme in bescheidenen Grenzen halte; bei formalen Schwächen dieser angeblich nur sehr lose untereinander verbundenen sieben Bilder. Und eben auch und gerade bei jenem undramatischen, abrupten und offenen Schluss, mit dem wir unsere Betrachtungen begonnen haben. Ein Titelheld, der weder erlöst wird noch stirbt (was sich bekanntlich nicht ausschließt), ein Schlusstableau ohne Hochzeitstafel und ohne Höllenfahrt, ein Mensch, der einfach davonläuft und eine leere Bühne zurücklässt, der uns verschweigt, wohin die Reise geht: in den Freitod, in das nächste Abenteuer, in einen sinnentleerten Alltag oder in den Anbruch einer neuen

WIE WAR EINST DAS GLÜCK SO NAHE!

»Onegin« oder die Suche nach dem verlorenen Lebenssinn 39

OSWA LD PA NAGL


Onegins Augen aber hingen Nur an Tatjana wie gebannt, Nicht jenem einstmals so geringen, Verliebten, scheuen Kind vom Land, Das er so kalt zurückgestoßen – Nein, an der Fürstin, an der großen, Vollkommnen Frau, dem nun so fern Entrückten, strahlend hellen Stern Der schönen, kaiserstolzen Newa. Wie hatte Tanja sich entfaltet! Wie schnell den sichren Ton erfasst, Der im Salon der Großen waltet, Dem hohen Rang sich angepasst! Wer hätte hier, im goldnen Rahmen, In dieser Königin der Damen Die Schüchternheit vom Dorf erkannt? Und einst war er der Gegenstand All ihrer Wünsche, all ihr Sehnen! → 8. Kapitel, 28–29 Tamuna Gochashvili als Tatjana, Andrè Schuen als Onegin und Dimitry Ivashchenko als Fürst Gremin


Alexei Parin

Tschaikowskis Oper Eugen Onegin ist die populärste aller russischen Opern, sowohl in Russland als auch international. In Moskau gibt es fünf Operntheater – vier von ihnen zeigen regelmäßig »ihren« Eugen Onegin im Repertoire. Auch in jedem europäischen Opernhaus wird diese intime lyrische Oper regelmäßig aufgeführt. Was mögen die Gründe für ihre besondere Beliebtheit sein? Wenn wir die Paradigmen verschiedener Nationalopern vergleichen, ergibt sich folgendes Bild: In Deutschland steht Mozarts Zauberflöte nach wie vor auf Platz Eins der Beliebtheitsskala, mit all den Eigentümlichkeiten ihres Librettos (man kann lange darüber streiten, wo das Positive und wo das Negative zu finden sind). Wichtigstes Resultat der Handlung ist die Hochzeit von Pamina und Tamino und die Machtübernahme durch das jugendliche Paar. Der Gedanke der Aufklärung wird als wichtigstes nationales Paradigma verstanden, auf dessen Grundlage sich die Ordnung der ganzen Welt gestalten lässt. In Frankreich wurde natürlich Bizets Carmen zur wichtigsten Oper. Hier geht es um das Prinzip der Freiheit und um die persönliche Unabhängigkeit, für die man bereit ist, auch mit dem Leben zu bezahlen – als hätte die Französische Revolution auf der Bühne ihre Barrikaden und sogar ihre Guillotine aufgebaut. In Italien nimmt Verdis La traviata den Spitzenplatz ein. Die christologische Idee der Opferbereitschaft, der Verzicht auf persönliches Glück zugunsten einer »Weltordnung« stehen im Mittelpunkt. Hier offenbart sich die katholische Frömmigkeit des Landes, in dessen Hauptstadt sich die Hochburg dieser Religion befindet. Was ist im Gewebe von Tschaikowskis Eugen Onegin zu entdecken? Die Oper entstand nach einem 1833 publizierten »Roman in Versen« von Puschkin, über den man in der russischen Intelligenz geteilter Meinung ist. Die einen finden, dass er die Frucht einer jugendlichen Sturm- und Drangperiode ist und viele Ideen, die darin wichtig sind, nur oberflächlich, quasi im Vorübergehen und wie zufällig angesprochen werden. Die anderen meinen, und zu ihnen zählen große Geister wie die Dichterin Marina Zwetajewa, dass in Eugen Onegin Paradigmen des menschlichen Umgangs in der russischen Gesellschaft aufgezeigt werden. Sie seien nur skizzenhaft umrissen, aber tief durchdacht, insbesondere die Verhaltensweise der Tatjana, die am Ende in die »innere Emigration« geht, was für viele Menschen in Russland auch heute charakteristisch ist. Puschkins Onegin vereint in sich zahlreiche charakterliche Defizite. Der Dichter stellt sein unerwartetes emotionales Erwachen in Petersburg als deutliches Zeichen für eine Umkehr des Schicksals dar, als einen unerbittlichen Wendepunkt auf dem Weg zur Selbstvervollkommnung. Während der Komposition seiner Oper wollte sich Tschaikowski den allgemein gültigen Verhaltensnormen in der Gesellschaft anpassen, und nahm das Wagnis einer Ehe auf sich, obwohl er zur Welt der Heterosexualität keinen Zugang hatte. Sein Werk entfernt sich in der Sprache weit von dem Versroman Puschkins,

LEISE LYRISCHE SZENEN

Zugänge zu Tschaikowskis einzigartiger Oper 79

A LEX EI PA R IN


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Programmheft »Eugen Onegin« by Wiener Staatsoper GmbH - Issuu