RICHARD STR AUSS
DIE FRAU OHNE SCHATTEN
RICHARD STR AUSS
DIE FRAU OHNE SCHATTEN OPER in drei Aufzügen op. 65 Text HUGO VON HOFMANNSTHAL
ORCHESTERBESETZUNG 2 Piccoloflöten / 2 Flöten 2 Oboen / 1 Englischhorn 3 Klarinetten / 1 Bassklarinette 1 Bassetthorn / 3 Fagotte / 1 Kontrafagott / 4 Hörner 4 Tenortuben / 6 Trompeten / 4 Posaunen / 1 Basstuba Schlagwerk / 2 Harfen 2 Celestas / 1 Glasharmonika Violine I / Violine II / Viola / Violoncello BÜHNENMUSIK 2 Flöten / 1 Oboe / 2 Klarinetten 1 Fagott / 1 Horn / 6 Trompeten / 6 Posaunen 1 Windmaschine / 1 Donnermaschine Orgel / 4 Tamtams
AUTOGRAPH Richard-Strauss-Archiv Garmisch-Partenkirchen URAUFFÜHRUNG 10. OKTOBER 1919 Wiener Staatsoper SPIELDAUER
4 H 30 MIN
INKL. 2 PAUSEN
17
RICHARD STRAUSS
DIE FRAU OHNE SCHATTEN Die Frau ohne Schatten, das Schmerzenskind, wurde in Kummer und Sorgen während des Krieges vollendet, nachdem durch die menschliche Güte eines bayrischen Majors Distler eine vorzeitige Einstellung meines Sohnes, dessen Herz mit seinem großen Wachstum nicht Schritt gehalten hatte, verhindert worden war. Ich hatte Franz bereits bei der Fußartillerie in Mainz als Offiziersanwärter angemeldet, aber die Einsicht des bayrischen Stabsarztes hat die Einberufung nicht zugelassen. – Diese Kriegssorgen haben wohl auch der Partitur, besonders gegen die Mitte des 3. Aktes, eine gewisse nervöse Überreiztheit eingetragen, die sich schließlich im Melodram »entspannte«! Im Sommer 1918 kam in der Aschau, wo wir bei lieben Freunden, Kammersänger Franz Steiner (später vortrefflicher Interpret meiner Lieder auf vielen gemeinsamen Konzertreisen – bis Bukarest, Stockholm etc.) und Frau Nossal im Salzkammergut zu Gast waren, an mich durch Baron Andrian der Antrag nach Wien, wo Oktober 1919 unter der Leitung von Franz Schalk (Dekorationen: A. Roller, Regie: Wymetal) »Fr-o-sch« zur ersten, sehr glanzvollen Aufführung in großartiger Besetzung (Kaiser: Oestvig, Kaiserin: Jeritza, Amme: Weidt, Färberin: Lehmann, Barak: Mayr) kam, um von diesem ersten großen Erfolg ab einen längeren Leidensweg über die deutschen Bühnen anzutreten. In Wien selbst wegen anstrengenden Rollen und Dekorations-Schwierigkeiten öfter abgesagt als gegeben, strauchelte das Werk schon an der zweiten Bühne [Dresden], wo es szenisch so unvollkommen vorbereitet war – die gute Eva von der Osten hatte sich inzwischen an hochdramatischen Partien die Stimme arg lädiert –, dass ich nach der Generalprobe den Grafen Seebach um eine Premierenverschiebung
18
HUGO VON HOFMANNSTHAL AN RICHARD STRAUSS / 28. DEZEMBER 1913
»DAS MENSCHLICHE FEHLT: DIESES ZU GEWINNEN, IST DER SINN DES GANZEN STÜCKES – SO AUCH IN DER MUSIK: ERST IM DRITTEN AKT WIRD DIE STIMME DER KAISERIN IHREM VOLLEN MENSCHENKLANG ANNEHMEN – DIE TIERHAFT GEISTERHAFTEN ELEMENTE WERDEN DANN IN EINEM HÖHEREN MEDIUM ZU EINER NEUEN WESENHEIT VERSCHMOLZEN ERSCHEINEN.«
48
77
78
DAS ICH UND DIE ANDEREN
bereits zu abgeklärt), um anzuerkennen, dass Hoffnung und die oft nur mit den Augen der Hoffnung wahrgenommenen Werte und Sinnmöglichkeiten auf gleich mehreren Ebenen in die Ordnung des Lebens geschrieben sind. Denn auch hier finden wir ein empirisches Indiz, das darauf hinzuweisen scheint, dass der Abgesang auf die Güte an weiten Stellen der menschlichen Wirklichkeit vorbeizielt: Da ist schon die einfache Tatsache, dass der Mensch das einzige uns bekannte Lebewesen ist, das bereits mit seinem Eintreten in die Welt die Hoffnung äußert, das, was in der Welt im Argen liegt, sei in irgendeiner Weise heilbar. Der Mensch ist tatsächlich das einzige Lebewesen, das Utopien entwickelt – Bilder und Modelle dessen, wie diese Welt besser, gerechter und das Leiden geringer sein könnte. Man kann es auch anders wenden: Mit eine der stärksten Gegenstimmen gegen die Gleichgültigkeit ist auch die Welt selbst, gerade in ihrer Unvollkommenheit. Denn diese Unvollkommenheit sagt uns: Die Welt ist auf unsere Hoffnung und unser Wohlwollen angewiesen, und nur der Mensch ist es, der Hoffnung und Wohlwollen überhaupt in die Welt trägt. Gäbe er sie auf, verschwände sie folglich sang- und klanglos von der Erdoberfläche – mit absehbaren Folgen allerdings nicht nur für die Welt, sondern auch für den Menschen selbst: Das stille psychologische Elend im Wohlstand gibt davon hinreichend Zeugnis. Das bedeutet aber: Die Hoffnung und Hilfs- und Opferbereitschaft des Menschen ist keine Chimäre, keine Projektionsfläche, kein psychologischer Mangel. Sie liegt vielmehr in seiner Natur und damit auch in der Natur der Welt. Der psychologische
Mangel offenbart sich vielmehr in der Abkehr von Hoffnung und Empathie – denn es ist die Abkehr von einem Kernmerkmal menschlichen Selbst- und Welterlebens.
ZUR PARADOXIE DER GROSSZÜGIGKEIT Es mag eine der vielen Paradoxien des Daseins sein, dass sich in diesen Zusammenhängen erweist, dass wir seelisch und geistig meist nicht daran verarmen, dass wir etwas nicht oder insgesamt zu wenig bekommen. Seelisch und geistig verarmen wir vielmehr an dem, was auszusenden und frei zu geben wir verabsäumt und verweigert haben. Es sind die hier beschriebenen Zusammenhänge durchaus nicht besonders komplex: Wenn wir unsere Fähigkeiten und Stärken in den Dienst des Lebens stellen, dann finden diese Stärken und Fähigkeiten vielleicht erstmals ihren bestmöglichen Bestimmungsort: Sie wenden sich den Bereichen der Welt zu, die auf eben diesen Beitrag warten. Unsere Hoffnung gewinnt und gestaltet Wirklichkeit ebenso, wie unsere Hoffnungslosigkeit sie preisgibt. Selbst unsere Schwächen sind in diesem Gefüge gut aufgehoben – denn sie bieten einem anderen, der sich vielleicht gerade dort erfolgreich bewähren kann, wo wir auf seine Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, einen Ort und eine Gelegenheit, an dem er seine Fähigkeiten (und seine Güte) zur Geltung bringen kann. Es ist bezeichnend, dass ein Großteil des harmonischen Gefüges der Natur auf dem Prinzip einer vergleichbaren gegenseitigen Ergänzung und Kooperation beruht. Ausgerechnet der moderne Mensch, der zudem noch
97
98
WIENER- STAATSOPER.AT