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Programmheft »Der Fliegende Holländer«

Page 1

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER Richard Wagner


INHALT

Die Handlung

4

Synopsis in English

7

Über dieses Programmbuch

8

Der Gestaltungswille des jungen Wagner → Bertrand de Billy

10

Es hilft nur die Wahrheit → Interview mit Christine Mielitz

18

Pas de deux – und Zweikampf → Sergio Morabito

28

Zu Wagners Fliegendem Holländer → Eva Walch

34

Der Gesamtkunstwerker im Gehäus → Friedrich Dieckmann

41

500 Franken – Die Zeit in Paris → Richard Wagner

44

Die Sage vom Fliegenden Holländer → Rolf Engert

48

» Nach meiner Minna verlangt mich’s sehr! « → Eva Rieger

56

Bemerkungen zur Aufführung der Oper → Richard Wagner

66

» Adieu, mein Franziskus, du Einziger! « → Briefwechsel Wagner / Liszt

72

Der Fliegende Holländer → Carl Dahlhaus

90

Tagebucheintragungen Cosima Wagners 94 Das Kunstwerk der Zukunft → Richard Wagner

100


Wohl kenn ich dich, wohl kenn ich dein Geschick! Ich kannte dich, als ich zuerst dich sah! Das Ende deiner Qual ist da: Ich bin’s, durch deren Treu dein Heil du finden sollst! Senta, 3. Aufzug


DIE HANDLUNG Ein Sturm hat das Schiff des Seefahrers Daland kurz vor seiner Heimkehr in eine Bucht verschlagen. Der zur Wache bestellte Steuermann schläft ein. Plötzlich naht ein großes Schiff und geht krachend vor Anker. Sein Kapitän, der fliegende Holländer, ist verflucht, ewig über die Weltmeere zu segeln. Aber er darf alle sieben Jahre an Land gehen, um eine Frau zu finden, die ihn durch ihre Treue erlöst. Der Holländer trifft auf Daland und erfährt, dass dieser eine Tochter Senta hat. Er bittet Daland um Gastfreundschaft und die Hand Sentas. In Dalands Haus erwarten die Frauen die heimkehrenden Seeleute. ­Senta singt eine Ballade über das Schicksal des fliegenden Holländers, der einst geschworen hat, so lange vor einem unbezwingbaren Kap zu segeln, bis er es umschifft haben würde – sei es auch auf ewig. Satan nahm ihn beim Wort und verfluchte ihn zur ewigen Fahrt auf dem Meer. Senta will jene Frau sein, die ihn von diesem Fluch erlöst. Der Jäger Erik, der fürchtet, Sentas Liebe zu verlieren, will sie von ihrer fantastischen Beschäftigung mit dem fliegenden Holländer abbringen. Daland kommt mit dem Holländer. Wie im Traum erkennen Senta und der Holländer, dass sie zueinander gehören – der Holländer verlangt und Senta verspricht ewige Treue. Dalands Matrosen feiern ihre Heimkehr, die Frauen bereiten die Verlobung vor. Die Matrosen laden die Mannschaft auf dem Schiff des Fliegenden Holländers zum Feiern ein, doch diese rührt sich zunächst nicht. Plötzlich hebt sich das Meer, und die Untoten lassen einen furchterregenden Gesang hören. Erik will Senta von ihrer Vereinigung mit dem Fliegenden Holländer zurückhalten und mahnt sie an ein früheres Treueversprechen. Der Holländer, der das hört, glaubt sich von Senta verraten. Er gibt sie frei, um sie vor dem Tod zu bewahren. Er flieht auf sein Schiff, Senta stürzt sich – » treu dir bis zum Tod! « – in den Tod. Das Schiff versinkt.

Ricarda ­Merbeth als Senta →

DIE H A N DLU NG

8


ES HILFT NUR DIE WAHRHEIT Christine Mielitz, die Regisseurin der Staatsopernproduktion des Fliegenden Holländers, im Gespräch mit Eva Walch

Die Wiener Staatsoper hat den Fliegenden Holländer seit seiner Erstaufführung 1860 als Werk in drei Akten und mit einem von Harfenklängen begleiteten Schluss aufgeführt. Das ist in Ihrer Inszenierung anders. MIELIETZ Wagner hat die Oper in einem Akt, ohne Pause komponiert. Auch wenn er das später geändert hat, haben wir die Möglichkeit, uns für seine ursprüngliche Fassung zu entscheiden, die die rasante Dramatik des Werks betont. Wagner, der ja sein eigener Librettist und Komponist war, hat sich ganz anders als andere Künstler immer wieder gedreht, in seinem Leben und in seinem Werk. Immer wenn er ein neues Werk geschaffen hat, hat er das vorangehende neu betrachtet, und so nahm er sich, nachdem er Tristan und Isolde komponiert hatte, auch den Fliegenden Holländer wieder vor und schrieb einen neuen Harfenschluss. Seine Regiebemerkungen für den Schluss hatte er schon mehrmals geändert, sie sind immer ausführlicher geworden, und so wollte er diesen Schluss, diesen Leidensweg, den die Figuren gehen, auch komponieren. Das tat er dann mit den neuen musikalischen Mitteln des Tristan. Es gibt viele andere Veränderungen, die er zum Teil für bestimmte Aufführungen vorgenommen hat, und es ist eine sehr lustvolle Aufgabe, aus so einem Reichtum von Fassungen auswählen zu dürfen.

E S HILF T N U R DIE WA HR HEIT

22


Heinrich Heine → Fragen (Die Nordsee, 2. Zyklus)

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer Steht ein Jüngling-Mann, Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel, Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen: »O löse mir das Rätsel des Lebens, Das qualvoll uralte Rätsel, Worüber schon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter im Turban und schwarzen Barett, Perückenhäupter und tausend andre Arme, schwitzende Menschenhäupter – Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen? Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel, Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken, Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt, Und ein Narr wartet auf Antwort.


Sergio Morabito

PAS DE DEUX – UND ZWEIKAMPF

Über Christine Mielitz’ Inszenierung des Fliegenden Holländers


Charles Baudelaire → Le voyage

Nous voulons, tant ce feu nous brûle le cerveau, Plonger au fond du gouffre, Enfer ou Ciel, qu’importe ? Au fond de l’Inconnu pour trouver du nouveau!


Eva Walch

ZU WAGNERS FLIEGENDEM HOLLÄNDER

Dramaturgische Überlegungen


Eva Rieger

» NACH MEINER MINNA VERLANGT MICH’S SEHR!«

Minna, Richard und der Fliegende Holländer


Denn der Kapitän steht vor ihm, Tobt und flucht und schilt ihn: »Spitzbub’, Spitzbub’! einen Hering hast du Aus der Tonne mir gestohlen!« Meeresstille! Aus den Wellen Taucht hervor ein kluges Fischlein, Wärmt das Köpfchen an der Sonne, Plätschert lustig mit dem Schwänzchen. Doch die Möwe, aus den Lüften, Schießt herunter auf das Fischlein, Und den raschen Raub im Schnabel Schwingt sie sich hinauf ins Blaue.


»ADIEU, MEIN FRANZISKUS, DU EINZIGER! «

Aus dem Briefwechsel zwischen Franz Liszt und Richard Wagner


Samuel Taylor Coleridge → The Ancient Mariner

Alone, alone, all, all alone, Alone on a wide wide sea! And never a saint took pity on My soul in agony.


Carl Dahlhaus

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER Obwohl Wagner überzeugt war, mit dem Fliegenden Holländer die » Laufbahn eines Verfertigers von Operntexten « verlassen zu haben, erinnert der äußere Umriss des Werkes, das er »romantische Oper « nannte, in manchen Zügen an die Konvention, die der Theoretiker Wagner schmähte, der Theaterpraktiker jedoch voraussetzte. Charakteristisch sind die Aktanfänge. Deren Gliederung in drei Teile: in einen Chor, der als Folie oder tragender Grund erscheint, einen Ensemblesatz, der die Situation skizziert, und eine Arie, deren Expressivo umso wirksamer ist, als es sich von dem Parlando des Ensemblesatzes abhebt – das war eine Disposition, die sich in der Oper des 19. Jahrhunderts zum Modell verfestigt hatte. Und es ist unleugbar, dass sich Wagner, sei es auch unbewusst, sowohl im ersten als auch im zweiten Aufzug des Fliegenden Holländers an der Konvention orientierte, einer Konvention, die umso mächtiger war, als sie den Schein des Selbstverständlichen annahm. Ein Dramenstoff fügte sich, sobald er zum Opernlibretto geformt wurde, unwillkürlich dem Schema; er schien es geradezu herbeizuziehen. Andererseits ist der Fliegende Holländer keine »Nummern «- sondern eine »Szenenoper «. Das Verfahren, einzelne Arien, Duette, Ensemblesätze und Chöre zu Komplexen zusammenzufassen statt sie unverbunden nebenCA R L DA HLH AUS

94


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Impressum Richard Wagner DER FLIEGENDE HOLLÄNDER Spielzeit 2021/22 Wiederaufnahme (Premiere der Produktion: 5. Dezember 2003) HERAUSGEBER Wiener Staatsoper GmbH, Opernring 2, 1010 Wien Direktor: Dr. Bogdan Roščić Musikdirektor: Philippe Jordan Kaufmännische Geschäftsführerin: Dr. Petra Bohuslav Redaktion: Sergio Morabito, Andreas Láng, Oliver Láng Basierend auf dem Programmheft der Premiere von 2003 Gestaltung & Konzept: Fons Hickmann M23, Berlin Layout & Satz: Anton Badinger Bildkonzept Cover: Martin Conrads, Berlin Druck: Print Alliance HAV Produktions GmbH, Bad Vöslau TEXTNACHWEISE Die Handlung (Übernahme aus dem Fliegenden Holländer-Programmheft der Wiener Staatsoper 2003), englische Übersetzung von Andrew Smith – Friedreich Nietzsche, Im Horizont des Unendlichen, in: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 5. Abteilung, 2. Band, Walter de Gruyter, Berlin-New York, 1973 – Bertrand de Billy, Der Gestaltungswille des jungen Wagner (2021) – Christine Mielitz, Es hilft nur die Wahrheit (Übernahme des Interviews aus dem Fliegenden Holländer-Programmheft der Wiener Staatsoper 2003) – Georg Heym, in: Manfred Frank, Die unendliche Fahrt. Die Geschichte des fliegenden Holländers und verwandte Motive, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1979 – Sergio Morabito, Pas de Deux – und Zweikampf, in: Opernring 2, November 2021, Magazin der Wiener Staatsoper – Charles Baudelaire, Le Voyage, in: Manfred Frank, Die unendliche Fahrt. Die Geschichte des fliegenden Holländers und verwandte Motive, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1979 – Eva Walch, Zu Wagners fliegendem Holländer (Übernahme aus dem Fliegenden Holländer-Programmheft der Wiener Staatsoper 2003) – Friedrich Dieckmann, Der Gesamtkunstwerker im Gehäus, in: Das Liebesverbot und die Revolution, Insel Verlag, Berlin, 2013 – Richard Wagner, 500 Franken – Die Zeit in Paris, in: Mein Leben 1865-1870, erscheinen 1911 – Heinrich Heine, Die Nordsee, in: Ausgewählte Werke in 3 Bänden, Schlüter & Co. GmbH Verlag Leipzig 1926 – Rolf Engert, Die Sage vom fliegenden Holländer, in: Meereskunde, herausgegeben vom Institut für Meereskunde zu Berlin, 15. Band, Heft 7 – Richard Wagner, Eine Mittheilung an meine Freunde, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen, C.F.W. Siegels Musikalienhandlung, Leipzig o.J., 4. Band – Eva

Die Produktion von Der Fliegende Holländer wird gefördert von

Rieger, Nach meiner Minna verlangt mich’s sehr (Übernahme aus dem Fliegenden Holländer-Programmheft der Wiener Staatsoper 2003) – Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1973 – Franz Liszt, Wagners fliegender Holländer, in: Sämtliche Schriften, Band 5: Dramaturgische Blätter, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden, 1989 – Hanjo Kesting (Hg.), Franz Liszt – Richard Wagner. Briefwechsel, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1988 – Samuel Taylor Coleridge, The Ancient Mariner, in: Manfred Frank, Die unendliche Fahrt. Die Geschichte des fliegenden Holländers und verwandte Motive, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1979 – Carl Dahlhaus, Der fliegende Holländer, in: Richard Wagners Musikdramen, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1996 – Cosima Wagner, Eine Schande für so etwas Geld zu empfangen, in: Die Tagebücher, 2 Bände, R. Piper & Co. Verlag, München-Zürich, 1976 – Richard Wagner, Das Kunstwerk der Zukunft, in: Gesammelte Schriften und Dichtungen, C.F.W. Siegels Musikalienhandlung, Leipzig o.J., 3. Band BILDNACHWEISE Coverbild: Ben Zank, Upward Szenenbilder Seite 2, 3, 5, 6, 16, 17, 23, 31, 32, 54, 55, 69, 92, 93: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper GmbH Seite 76, 101: Axel Zeininger / Wiener Staatsoper GmbH Seite 40, 59, 63, 79, 80, 85: akg-images Nachdruck nur mit Genehmigung der Wiener Staatsoper GmbH / Dramaturgie Kürzungen werden nicht extra gekennzeichnet. Rechteinhaber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechteabgeltung um Nachricht gebeten.


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