ARIADNE AUF NAXOS Richard Strauss
DIE HANDLUNG Vorspiel Die Bediensteten des reichsten Mannes von Wien sind damit beschäftigt, die Bühne für eine geplante Vorstellung im Palais ihres Herrn herzurichten. Hinter den Kulissen treffen die beiden engagierten Truppen ihre Vorbereitungen: Die eine soll das Erstlingswerk eines jungen Komponisten, die Oper Ariadne auf Naxos, zur Wiedergabe bringen, die andere eine Tanzmaskerade in italienischer Buffo-Manier. Schon die gegenseitige Eifersucht zwischen den Mitgliedern der beiden Truppen lässt die Emotionen hochgehen. Wie viel mehr erst die unerwartete und unfassbare angeordnete Programmänderung, die der Hausherr, vertreten durch seinen Haushofmeister, mitteilen lässt: Auf seinen Wunsch hin sollen die beiden Bühnenstücke nicht nacheinander, sondern gleichzeitig den geladenen Gästen präsentiert werden. Bis ins Tiefste getroffen, möchte der Komponist, dem es um die wahrhafte Umsetzung seiner künstlerischen Weltanschauung geht, seine Schöpfung zurückziehen und auf die erste öffentliche Darbietung verzichten. Doch der praxisorientierte Musiklehrer und vor allem die in allen Verführungskünsten bewanderte Zerbinetta, die den lebensunerfahrenen jungen Komponisten im Nu zu bestricken weiß, erwirken bei ihm einen Sinneswandel: Mit einem emphatischen Hymnus auf das Wesen der Musik beugt sich der Komponist der Realität und den Anweisungen des Auftraggebers. Die Oper Ariadne auf Naxos wird somit in der gewünschten Form, mit Einlagen einer italienischen Komödiantentruppe, aufgeführt.
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DIE H A N DLU NG
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Opera In front of a cave on the beaches of the island of Naxos, Ariadne awaits her death, as she has been deserted by Theseus, her rescuer and lover. And so she does not hear or pay attention to anything around her: not the three nymphs, not the comedians who try to cheer her up, not even Zerbinetta, who based on her rich experience in a breakneck aria advises the grieving Ariadne not to shed a tear over her vanished lover and to be open to a new love. A radiant youth approaches from afar: Bacchus, the god of eternal renewal. He has just fled from the arms of the enchantress Circe, where he was unable to find what he was looking for. Ariadne, taking him for a messenger of death, goes to meet him and immediately, without realizing it, becomes inflamed with an ecstatic passion that is reciprocated by the god. Each transformed by the other and as if newborn, Ariadne and Bacchus conclude the opera as a well-nigh mystically united couple.
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SY NOPSIS
ÜBER DIESES PROGRAMMBUCH
So zufrieden und beglückt Strauss und Hofmannsthal nach Beendigung der zweiten Fassung der Ariadne auf Naxos auch waren – viele halten es für das beste Werk der kongenialen Künstlerpartnerschaft –, so mühsam war der Weg der Entstehung. Die erste Fassung, bei der die einaktige Oper Ariadne auf Naxos im Anschluss an Molières Der Bürger als Edelmann gespielt wurde, zeigte sich im Alltag als wenig tauglich. Also schufen Strauss und Hofmannsthal anstelle des Molière-Stückes jenes Vorspiel, das die unmittelbar vor der Aufführung der eigentlichen Oper Ariadne vorangehenden Minuten »im Haus des reichsten Mannes von Wien« beschreibt. Ab Seite 34 beschreibt Andreas Láng den Weg von der Uridee und der Stuttgarter Uraufführung 1912 über die erfolgreiche zweite »Wiener« Fassung 1916 bis hin zur dritten Version des Werks. Auszüge aus dem Briefverkehr des Librettisten und Komponisten (ab Seite 38) geben Einblicke in die Schaffens-Werkstatt und das komplexe Verhältnis der beiden Meister zueinander. Arthur Kahane, unter anderem Dramaturg Max Reinhardts, wirft ein erhellendes Schlaglicht auf den Dichter Hofmannsthal (ab Seite 26), der der Oper zugrundeliegende Mythos der Ariadne wird auf Seite 32 kurz angerissen. Auf Aspekte der Musik, aber auch des spezifischen Hofmannsthal’schen Tonfalls geht Premierendirigent Franz Welser-Möst (ab Seite 12) ein, der Musikwissenschaftler und Strauss-Experte Michael Walter reflektiert ab Seite 44 über den Einsatz von Zitaten und die Verwendung von bekannten musikalischen Erfahrungsräumen in der Strauss’schen Partitur. Dass für Richard Strauss der Topos der Transformation – in vielerlei Hinsicht – ein zentraler war, wird nicht nur in Bezug auf sein Musiktheaterwerk nachgezeichnet (ab Seite 50), auch der Regisseur der Produktion, Sven-Eric Bechtolf, kommt in einem Interview ab Seite 19 auf dieses Thema zu sprechen. Und der große österreichische Komponist Kurt Schwertsik beschreibt ab Seite 68 seine, viele Jahrzehnte umfassende, persönliche Annäherung an Strauss und dessen Ariadne. ÜBER DIESES PROGR A M MBUCH
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würden, wenn ich stürbe und vielleicht irgend jemand auch in dieser Weise um mich traurig wäre, wie ich um Mahler, mit dem ich nur einmal im Leben gesprochen habe. Die Unbegreiflichkeit unserer Existenz, wie die meinige, war mir in diesem Augenblick gar nicht drückend.
Arthur Kahane
HUGO VON HOFMANNSTHAL Es ist erschreckend lange her. Es war frühestes Mittelalter. Man stockt, es niederzuschreiben: 1890. Man hat sich gerade langsam ein paar Jahrzehnte lang an die Eisenbahn gewöhnt, die ersten Telephone begannen eben, den Begriff der Häuslichkeit zu demolieren, das Auto ratterte noch im Kopfe seines Erfinders, der gummigeradelte Fiaker erfüllte kühnste Rekordansprüche, die kapitalistische Weltordnung hatte außer ihren anderen Reizen fast noch den Reiz der Neuheit, zwei kleine Buchstaben k. k. lösten als österreichische Form des kategorischen Imperativs alle Probleme der Willensfreiheit, und der Unterschied der Geschlechter dachte noch nicht daran, aufgehoben zu werden. Wir allerdings glaubten, soeben die Zeit der letzten Modernität zu erleben: sozusagen die zwölfte bis dreizehnte Stunde der Weltgeschichte. Wir empfanden unsere Gegenwart nicht als heute, sondern als übermorgen: Was sollte noch darüber hinaus kommen, dann war’s eben aus. Ich hatte soeben das Gymnasium verlassen und übte fleißig meine zu diesem Alter gehörenden Führereigenschaften. Ich war der anerkannte Führer einer kleinen Gruppe junger Menschen, Gymnasiasten, einige Hörer (sonderbarerweise!) der tierarzneilichen Hochschule, einige serbokroatische Studenten, die sich zu Verschwörungszwecken in dem dafür so geeigneten Wien aufhielten (wenn ich mich recht erinnere, hießen sie meistens Raditsch und sind heute die jugoslawischen Minister), die ersten schüchternen Engerlinge der Frauenemanzipation, einige junge Musiker, die sich anschickten, alles umzuschmeißen, und einige junge Leute, die schon die feste Absicht hatten, demnächst berühmt und Schriftsteller zu werden, außer dieser Absicht aber nichts. Wir waren alle Sozialdemokraten, aber schon ganz links. Wir hatten eine vollkommen fertige und definitive Weltanschauung, eine nicht vieles, sondern alles umfassende Weltanschauung, die so gebaut war, dass sie spielend jedes Problem jeden Gebietes unfehlbar lösen konnte. Geheimnisse gab es also nicht mehr für uns; denn wir besaßen den in alle Löcher passenden Schlüssel, jedes Geheimnis zu öffnen: die marxistische Geschichtsauffassung. Es konnte uns also nichts mehr passieren. Damals brach in Berlin Revolution aus. H UGO VON HOFM A N NST H A L
→ Hugo von Hofmannsthal
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Andreas Láng
DIE ENTSTEHUNG DER ARIADNE
Die frühesten, (unbewussten) indirekten Spuren zu Ariadne auf Naxos legten Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal im ersten Akt des Rosenkavalier, genauer in jener Arie des Sängers, also des italienischen Tenors, die während des Levers der Feldmarschallin erklingt. Die entsprechenden Verszeilen entstammen nämlich Molières Bürger als Edelmann, der, gekürzt und bearbeitet, bekanntlich der ursprünglichen Fassung der Ariadne voransteht. Bei der konkreten Stoffsuche für die nächste Oper nach dem Rosenkavalier griff Hofmannsthal aber zunächst zu einem anderen Molière-Stück, zur Komödie La Comtesse d’Escarbagnas, das er als Rahmenstück für die Oper umzuarbeiten begann. Doch nach einigem Hin und Her – Max Reinhardt sollte eine Molière-Bearbeitung erhalten – kehrte Hofmannsthal von der Comtesse zum Bourgeois gentilhomme zurück. Nun sollte Ariadne als Opernvorstellung, in die Handlung des Schauspiels eingebunden und sie zugleich abschließend, quasi als Präsent an die eingeladenen Gäste von der reichen Hauptfigur Jourdain präsentiert werden. Was Hofmannsthal in seinem Libretto verhandelte, war nichts weniger als ein, wie er es nannte, »simples und ungeheures Lebensproblem: das der Treue« sowie die gegensätzlichen Einstellungen zu ihr: Hie Zerbinetta, die im Wechsel der Liebhaber das »Alltägliche« sieht, da Ariadne, die »nur eines Mannes Gattin oder Geliebte sein konnte« und sich schlussendlich dem Gott gibt, den sie für den Tod hält. (Interessant ist in diesem Zusammenhang eine biografische und inhaltliche Parallele: Hofmannsthal hatte wenig vorher zu einer, anhand vieler Briefe dokumentierten, Freundschaft mit der jungen Witwe Ottonie von Degenfeld gefunden, die nach dem A N DR EAS LÁ NG
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Hugo von Hofmannsthal → Terzinen über Vergänglichkeit IV
Zuweilen kommen niegeliebte Frauen Im Traum als kleine Mädchen uns entgegen Und sind unsäglich rührend anzuschauen, Als wären sie mit uns auf fernen Wegen Einmal an einem Abend lang gegangen, Indes die Wipfel atmend sich bewegen Und Duft herunterfällt und Nacht und Bangen, Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln, Im Abendschein die stummen Weiher prangen Und, Spiegel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln, Und allen leisen Worten, allem Schweben Der Abendluft und erstem Sternefunkeln Die Seelen schwesterlich und tief erbeben Und traurig sind und voll Triumphgepränge Vor tiefer Ahnung, die das große Leben Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.
Michael Walter
»ALLES DAS, WAS NICHT GEFÜHL IST, MUSS IN DEN HINTERGRUND RÜCKEN«
Stilzitate in Strauss’ Ariadne auf Naxos
Hugo von Hofmannsthal → Im Grünen zu singen III
Die Liebste sprach: »Ich halt dich nicht, Du hast mir nichts geschworn. Die Menschen soll man halten nicht, Sind nicht zur Treu geborn. Zieh deine Straßen hin, mein Freund, Beschau dir Land um Land, In vielen Betten ruh dich aus, Viel Frauen nimm bei der Hand. Wo dir der Wein zu sauer ist, Da trink du Malvasier, Und wenn mein Mund dir süßer ist, So komm nur wieder zu mir!«
Kurt Schwertsik
AUF DEM WEG ZU ARIADNE... Als 16-jähriger Student der Musikakademie, der alles kennenlernen wollte, hatte ich sowohl den Briefwechsel Strauss-Hofmannsthal als auch einen Klavierauszug von Ariadne aus der Bibliothek entlehnt. Beides – Auszug und Briefwechsel – haben mich damals total überfordert. Allerdings war es ein Klavierauszug der 1. Fassung mit der Musik zum Bürger als Edelmann von Molière. Die Idee einer Kombination von Theater und Oper hat mich begeistert, mit der Folge, dass ich mich – bei aller Bewunderung – mit dem Vorspiel der 2. Fassung nie so recht anfreunden konnte. Aus der Lektüre des Briefwechsels hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Strauss auf die Poesie seines Librettisten kühl reagierte. Besonders, was Ariadne betrifft, scheint mir heute eine Briefstelle bezeichnend: Der Komponist verlangt vom Dichter, er solle seinen »Pegasus etwas stimulieren, damit der Versklang mich etwas aufreizt. Sie kennen vielleicht meine Vorliebe für Schiller’sche Hymnen und Rückertsche Schnörkel, und die müssen hier herhalten, wo das Innere der Handlung einen kalt lässt.« In einem wunderbaren Brief ( Juli 1911) legt Hofmannsthal seine Sicht der Dichtung dar; Strauss bleibt unbeeindruckt, aber irgendwie kommt es zu einer Einigung. Immer wieder warnt Hofmannsthal den Komponisten vor dem »Wagner’schen Musizierpanzer« und Strauss schreibt schließlich: »Ihr Notschrei gegen das wagner’sche ›Musizieren‹ ist mir tief zu Herzen gegangen und hat die Tür zu einer ganz neuen Landschaft aufgestoßen...« Und in der Tat: Die herrlichen Girlanden von Najade, Dryade und Echo und deren durchwegs liebevoll ironische Betrachtung Ariadnes im Terzett am Anfang, der nobel distanzierte Erzählduktus der Musik, eine eher mitfühlende K U RT SCH W ERTSIK
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