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David Wiederkehr – Giulia. Ihr Weg. (Kurzvorschau)

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Sie war eine schüchterne Teenagerin – und plötzlich im Rampenlicht. Medaillengewinnerin an Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Sportlerin des Jahres. Everybody’s Darling. Trotzdem war Giulia Steingruber längst nicht immer wohl dabei. Auch wenn sie stets nahbar blieb, hielt sie Privates privat – so konsequent es ging. Zu nah gingen ihr die schlechten Erfahrungen am Anfang ihrer eindrucksvollen Karriere. Jetzt, nach

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Giulia behindert zur Welt gekommen war und 2017 verstarb. Sie erinnert sich an ihre schlimmsten Momente, ihre Rückschläge und die schwere Verletzung, die sie 2018 fast die Karriere gekostet hätte. Vor allem aber an die Siege, die Auszeichnungen, die Ehrungen. Mit ihrem eisernen Willen setzte sie Massstäbe, erfand Elemente und trotzte schliesslich auch der Corona-Pandemie – mit einer EM-Goldmedaille vor ihrem Rücktritt sorgte sie im Frühling 2021 für einen letzten Höhepunkt. Und wie sie das tat, war ihr persönliches Geheimrezept.

Giulia

ihrem Rücktritt, gewährt sie einen tieferen Einblick in ihre Seele. Zum Tod ihrer älteren Schwester Desirée etwa, die schwer

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978-3-03922-145-5 Weber Verlag AG CH-3645 Thun | Gwatt www.weberverlag.ch

neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

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Impressum Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und dem Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2022 Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt Autor David Wiederkehr Bilder Keystone: Seite 76 unten, 80, 84, 102, 106 oben, 110 links, 116, 120 unten, 164, 166, 172 oben Restliche Bilder: Privatarchiv Familie Steingruber Illustrationen Benjamin Wiederkehr Coverbild Marc Gilgen, Basel Weber Verlag AG Gestaltung / Satz Shana Hirschi Bildbearbeitung Adrian Aellig Lektorat Alain Diezig Korrektorat Heinz Zürcher ISBN 978-3-03818-381-5 www.weberverlag.ch Die Weber Verlag AG wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

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Inhalt Ein paar persönliche Gedanken

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Mit leuchtenden Augen

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Von der Rebellin zur Kronprinzessin

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Der Sprung aus dem Nichts

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Was privat ist, bleibt privat

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Verblüffend

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Vom Traum überrumpelt

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In ihrem Element

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Europas Beste

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Ein Jahr auf der perfekten Welle

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Weg – einfach nur weg

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Zu Bronze im Gedenken an Desirée

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Die Katastrophenwoche

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Und jetzt noch einmal: Vollgas

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Sie ist die Inspiration

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Zwischen Wehmut, Ärger und Vorfreude

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Ihre gesammelten Erfolge

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Autor

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Ein paar persönliche Gedanken Und dann? Als alles fertig ist? Alles zu Ende geht? Da gewinnt sie erneut. Es ist ein Freitag, an dem die Würfel fallen, und sie fallen sogar zwei Mal an diesem Tag. Zuerst in aller Öffentlichkeit, während die Fernsehkamera und der Livestream laufen und ihr Journalistinnen und Journalisten der wichtigsten Schweizer Zeitungen gegenübersitzen. Und später abends daheim am Stubentisch, in trauter Viersamkeit. Mit Mama, Papa und Freund. An diesem Freitag, 1. Oktober 2021, ist es raus: Giulia Steingruber hat genug. Genug von allem. Genug trainiert und gehorcht, genug gelitten und geschunden, genug geschwitzt, genug Disziplin, genug von den 30-Stunden-Wochen in der Turnhalle. Aber auch: genug brilliert, genug gezaubert, genug gewonnen. Oder eben fast: Denn als sie an diesem Freitagabend im Elternhaus in Gossau sitzt, wenige Stunden liegt die Medienkonferenz hinter ihr, wo sie ihren Rücktritt erklärt hat, da siegt sie erneut. «Brändi Dog» heisst diesmal die Disziplin, es ist ein Schweizer Würfelspiel, das «Eile mit Weile» gleicht, und mit ihrem Vater Kurt schlägt sie Mutter Fabiola und ihren Freund Alan. Gleich zweimal. Mit einem Zwinkersmiley übermittelt sie das Resultat. Und sie schreibt in der Nachricht: «Ich bin erledigt. Aber auch froh, dass es raus ist.» Der Tag ist ein Erfolg auf ganzer Linie. Ein Tag voller Wehmut, das schon. Ein Tag, der emotional viel von ihr abverlangt, der sie Überwindung kostet und, ja, auch Mut, weil er nicht einfach ein Kapitel ihres Lebens beschliesst. Sie hat das, was jetzt hinter ihr liegt, über 20 Jahre lang gemacht. Und doch ist es ein guter Tag.

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Ein paar persönliche Gedanken


14 Minuten dauerte der Anlass des Schweizerischen Turnverbandes ein paar Stunden vorher, veranstaltet im Walter Zoo im sanktgallischen Gossau, ihrem Wohnort. Den Zoo hat Steingruber als Kind häufig besucht, er ist ein beliebtes Ziel für Schulausflüge. Später wurde sie, als sie bereits eine bekannte Kunstturnerin war, sogar Patin des Tierparks, als da ein neues Savannenhaus eröffnet wurde. Und jetzt also diese 14 Minuten, die das Ende einer beispiellosen Karriere bedeuten. Nach 21 Jahren in der Turnhalle und über 10 Jahren an der Weltspitze ist es für Giulia Steingruber vorbei. «Mein Körper und Kopf sind müde geworden», fasst sie zusammen. Ihr Abschied als Spitzensportlerin ist nüchtern. Kühl, irgendwie. Gerade so, als hätte sie bereits nach wenigen Wochen eine gewisse Distanz zwischen sich und ihre Karriere gebracht. Sie wird nicht so von den Emotionen oder überhaupt den Tränen übermannt, wie das Jahre zuvor bei ihrer einstigen Teamkollegin Ariella Kaeslin der Fall war. Kaeslin war aber auch überraschend plötzlich zur Entscheidung gelangt, dass ihr der Turnsport zu viel wurde und der Druck, den dieser mit sich bringt, nicht mehr auszuhalten war. Sie hörte, von Erschöpfungsdepressionen geplagt, 24-jährig auf. Giulia Steingruber ist schon 27, als ihr Entschluss feststeht, und die drei zusätzlichen Jahre sind in diesem Sport, der oft als Kindersport bezeichnet wird, eine halbe Ewigkeit. Aber sie ist gesund und kann diesen Entscheid aus freiem Willen tätigen, sie hat ihn monatelang reifen lassen. Niemand drängt ihr ihn auf, nichts treibt sie zum Aufhören, vor allem keine Verletzung. Und so endet im Spätherbst 2021 die lange, aufregende Reise einer Spitzensportlerin, wie es in der Schweiz noch nicht viele gegeben hat. Eine Reise, die über ein Jahrzehnt ein bisschen auch eine gemeinsame war. Mich, den Journalisten, der diese Zeilen schreibt, begleitet der Turnsport seit Jahrzehnten. Oder ich ihn, je nach Perspektive. Einst habe ich selbst geturnt, eher durchschnittlich oder unterdurch-

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schnittlich, auch hier: je nach Perspektive. Viel erfolgreicher war mein Bruder Benjamin, der es sogar ins Nationalkader schaffte und unter anderem Schweizer Meister im Pferdpauschen wurde. Auch meine zwei Schwestern haben geturnt. Meine Eltern machten sich im Schweizer Frauen-Kunstturnen einen Namen, weil sie vor 50 Jahren, 1972, den Verein Stein-Fricktal gründeten und jahrzehntelang Cheftrainer waren. Sie förderten und brachten Turnerinnen wie Carina Fürst, Sara Catanzaro oder Livia Schmid hervor, die zur Schweizer Spitze gehörten oder es bis heute tun. Und schliesslich ist meine jüngere Schwester Kampfrichterin und Lehrerin der talentiertesten Turnerinnen und Turner des Regionalen Leistungszentrums im Kanton Aargau. Wir Wiederkehrs sind, was es in der Schweiz, diesem Land mit eindrucksvoller Turntradition, oft gibt: eine Turnerfamilie. Vielleicht im Schnitt noch etwas extremer als andere. Lustigerweise sind die Steingrubers das Gegenteil davon. Eigentlich sind sie eine Fussballfamilie. Aber dazu später mehr. Kein Wunder jedenfalls, dass ich, als ich 2003 als Sportjournalist beim «Tages-Anzeiger» angestellt wurde, zum Ressort Kunstturnen stiess. Schon eher Zufall war dagegen, zumindest im Rückblick, dass mich einer meiner ersten Arbeitsaufträge überhaupt an die Schweizer Team-Meisterschaft 2005 führte, ausgetragen im freiburgischen Wünnewil. Denn an jenem Samstag im November sah ich erstmals Giulia Steingruber turnen, die für das Team aus St. Gallen in der Nationalliga A teilnahm. Ich nahm sie nicht wahr – wie hätte ich es auch können? Sie war erst 11, trat nur bei zwei Geräten an, dem Sprung und dem Stufenbarren, und lieferte den viertplatzierten St. Gallerinnen an beiden Geräten das Streichresultat. Das änderte sich bald, die Streichresultate schrieben sehr rasch einmal die anderen. 2008 zügelt sie nach Magglingen in den Kreis des Nationalkaders, und bis 2011 arbeitet sie sich zur Schweizer Premium-Turnerin empor, und so wird sie ab da mein journalistischer All-

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Ein paar persönliche Gedanken


tag. Fünf Europameisterschaften, drei Weltmeisterschaften und zwei Olympische Spiele besuche ich unter anderem wegen ihr. Die von der Corona-Pandemie überschatteten Europameisterschaften in Basel und die Sommerspiele in Tokio beenden im Sommer 2021 diese beispiellose Karriere. Sie sind triste Angelegenheiten, beide Events finden ohne Publikum statt. Giulia Steingruber fällt es nicht zuletzt auch darum eine Spur leichter, loszulassen. Zwölf Medaillen allein an Grossanlässen gewinnt sie in diesen zehn Jahren von 2011 bis 2021, hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Auszeichnungen. Sie wird sechsfache Europameisterin, erringt WM-Bronze und wird auch bei den Olympischen Spielen 2016 Dritte am Sprung. 37 Titel erringt sie an Schweizer Elite-Meisterschaften, sie dominiert 2015 bei der Premiere der umstrittenen Europaspiele und wird 2013 Eidgenössische Turnfestsiegerin. Zehn Jahre lang ist sie Weltspitze – und sie gewinnt, was sie nur gewinnen kann. Mit der Gesamtheit ihrer Erfolge übertrifft sie alles, was bislang in der Schweiz erturnt wurde. Und jede einzelne ihrer Auszeichnungen und Medaillen, ja sogar ein Lorbeerkranz des Eidgenössischen Turnfests, ist bis heute an einer Stange in ihrem Kinderzimmer in Gossau aufgehängt. Ihre Mutter Fabiola hat diese Ruhmeswand für sie gestaltet, und jeder Versuch von Giulia, sie zu entfernen, scheitert am elterlichen Widerstand. «Ich will ihr damit vor Augen halten, wie viel sie in ihrer Karriere gewonnen hat», sagt Fabiola. Ihre Tochter würdige ihre eigenen Erfolge viel zu wenig, findet sie nämlich. Die Gedanken an das Karriereende trägt Giulia schon länger mit sich herum. Seit 2016 ist der Rücktritt ein Thema, seit ihrer Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Sie braucht in jenem Herbst eine Auszeit, um die Freude und Motivation wiederzufinden, Olympia-Blues nennt sich das Phänomen, das schon viele andere Sportlerinnen und Sportler kennengelernt haben. Sie leidet an einem Trainings-Burnout und hält es in der Turnhalle kaum aus. Noch fühlt sie sich nicht am Ende ihres Weges.

Ein paar persönliche Gedanken

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Erst in den letzten Monaten, beschleunigt durch den Ausbruch der Corona-Pandemie, kommt sie zur Einsicht, dass nach den Olympischen Spielen 2021 in Tokio Schluss sein wird. Die Sommerspiele wurden im Jahr zuvor exakt an ihrem 26. Geburtstag verschoben, dem 24. März 2020. Dabei hatte sie sich so auf Japan gefreut. Tokio ist eine ihrer Lieblingsstädte. Gerade die endlosen Corona-Monate brauchen viel Kraft und rauben viel Energie. Physisch, psychisch, überhaupt – Motivationsprobleme machen ihr zu schaffen. Die Pandemie ist für keinen Sportler und keine Sportlerin leicht, doch die besten Schweizer Kunstturnerinnen und Kunstturner trifft sie besonders hart: Zwischenzeitlich wird sogar der Stützpunkt in Magglingen, die Jubiläumshalle, von den Behörden geschlossen. Und was sind Turnerinnen ohne ihre Geräte? Kraftübungen und Kondition sind nur halbwegs befriedigende Alternativen. Die Zeit zermürbt sie, Wettkämpfe bestreitet Steingruber 18 Monate lang keine. Bei einigen ihrer Teamkolleginnen ist die Zwangspause noch länger. Früh beginnt Giulia Steingruber, Pläne für die Zeit danach zu schmieden, und sie tut das ganz aus eigenem Antrieb. Bis dahin hat sie sich auf die Hilfe und Unterstützung des Elternhauses verlassen und verlassen können, auf ihre Mutter Fabiola und ihren Vater Kurt, die ihr neben vielem anderen eine ordentliche Portion Bodenständigkeit mitgegeben haben. Das bedeutet auch, dass man die Zukunft plant. Die nimmt sie nun in ihre eigenen Hände. Mit welcher Zielstrebigkeit sie das tut, überrascht die Eltern. Mit ihrem Rücktritt hinterlässt Steingruber eine Lücke. Einerseits im Schweizer Sport: Immerhin wurde sie 2011 zur Nachwuchssportlerin gewählt und gewann 2013 sogar den Sports Award als Sportlerin des Jahres. Und ganz bestimmt im Schweizer Kunstturnen. Keine andere Turnerin und kein anderer Turner hat in den letzten 70 Jahren so viel gewonnen wie sie. Eine Medaille bei Olympia ist in der Neuzeit des Sports nur einem Schweizer gelun-

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Ein paar persönliche Gedanken


gen, und der hatte das Handwerk in China gelernt: Donghua Li, Pferdpauschen-Olympiasieger von 1996. Ihr Rücktritt, so absehbar er am Ende war, stösst deshalb auch den Schweizerischen Turnverband in eine Sinnkrise. Jahrelang diente ihm Steingruber als Medaillengarantin, auf sie war Verlass, egal, wie die Umstände waren. «Sie ist eine Turnerin, die man sich als Verband einfach wünscht», sagte Felix Stingelin einmal, der langjährige Chef Spitzensport, ehe er im Zuge der Übergriffe von Trainerinnen und Trainer beim STV im Sommer 2020 gehen musste. Der Rücktritt der mit Abstand erfolgreichsten Turnerin des letzten Jahrzehnts ist eine Zäsur. Steingruber war gerne Captain und Leaderin des Nationalkaders, die Sonderstellung missfiel ihr manchmal allerdings auch. Sie wünschte sich mehr Unterstützung der Kolleginnen, mehr internen Konkurrenzkampf, und sagte das einmal sogar öffentlich, als 2014 dem Schweizer Team – aber auch ihr selbst – die Weltmeisterschaft in China misslang. Es ist aber nun einmal das Los von Ausnahmekönnerinnen, dass die grössten Erwartungen auf ihren Schultern lasten. «Giulia Steingruber trug das Schweizer Frauenkunstturnen, wie es zuvor Ariella Kaeslin getragen hatte: als Solistin an der internationalen Spitze, ohne eine leistungsfördernde Gruppendynamik», würdigt sie die «Neue Zürcher Zeitung» nach dem Rücktritt. Dass bei ihrem Abschied im Walter Zoo keine hochrangigen Vertreter des Schweizerischen Turnverbandes anwesend sind, mag angesichts dessen erstaunen. Sinnbildlich für Steingrubers herausragende Rolle im Schweizer Turnsport stehen die Europameisterschaften 2021 in Basel. Obschon sie wenige Tage vor den Titelkämpfen einen Muskelfaserriss im linken Oberschenkel erleidet, gelingt es ihr, all ihre Reserven in zwei Sprünge zu legen. Sie wuchtet sich trotz grosser Schmerzen zweimal über den Sprungtisch – und gewinnt noch ein-

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mal EM-Gold. Weil ihr die darauffolgenden Sommerspiele in Tokio nicht nach Wunsch geraten, wird das die letzte Medaille ihrer Karriere gewesen sein. Ihr versöhnlicher, würdiger Abschluss. Ein Auftritt, bei dem sie nochmals das zeigt, was in ihr steckt: Talent. Kraft. Explosivität. Wille. Sehr viel Wille. «Ich kenne so viele Turnerinnen, die negativ auf ihre Karriere zurückblicken, vor allem, weil sie nicht selbst entscheiden konnten, wann sie vorbei ist. Das wollte ich immer vermeiden», sagt Steingruber. «Ich will im Frieden auf meine Zeit als Turnerin zurückschauen können und bin mit dem Turnen im Reinen.» Gerne möchte ich Ihnen die Geschichte von Giulia Steingruber erzählen. David Wiederkehr

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Kapitel 1 Mit leuchtenden Augen Natürlich könnte alles anders kommen. Wie in vielen Sportkarrieren. Oder überhaupt im Leben. Giulia Steingruber könnte zum Beispiel Fussballerin werden und die Leidenschaft ihrer Eltern teilen. Tut sie aber nicht. Sie könnte auch beim Handball bleiben oder beim Volleyball, das sie auch ausprobiert, als sie sich nach einer sportlichen Aktivität umsieht. Sich für den Kampfsport begeistern oder fürs Tanzen oder auch für die Pfadi. Tut sie alles nicht. Nur dem Turnen bleibt sie treu. Aber: warum eigentlich? Wenn es in der Schweiz so etwas wie Turnerfamilien gibt, gibt es auch das Gegenteil. Familien, die keine Verbindung zum grössten Sportverband des Landes haben. Familien, denen Anlässe wie die Kunstturn-Wettkämpfe oder Turnfeste fremd sind. Familien wie die Steingrubers aus Gossau. Fabiola Hilber spielt im Frauenteam des FC Gossau in der 1. Liga und ist talentiert genug, um in die Ostschweizer Auswahl aufgenommen zu werden. Weil der Frauenfussball zu dieser Zeit erst wenige Perspektiven bietet, nimmt sie früh die Trainerinnenausbildung in Angriff, zusammen mit ihrem Freund Kurt Steingruber, einem passionierten Zweitliga-Kicker beim FC Flawil. Die beiden schliessen den Kurs gemeinsam erfolgreich ab und erhalten das Trainerdiplom, «Fabiola mit der besseren Note» – darauf legt Kurt bis heute Wert. Danach wird sie Spielertrainerin des Frauenteams von Flawil, er übernimmt eine Junioren-Mannschaft. 1990 heiraten die beiden. Bald darauf werden sie Eltern zweier Mädchen. 1991 wird Désirée geboren, knapp drei Jahre später, am 24. März 1994, folgt ihr Giulia. Die Welt der jungen Familie wird auf den Kopf gestellt. Désirée kommt schwerbehindert zur Welt und ist auf den Rollstuhl an-

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Als Zweijährige vor ihrem geliebten Pingu-Zelt.


gewiesen. Giulia, das zeigt sich schnell, ist ein nimmermüdes Bewegungstalent und schwer zu bändigen. Oder nur schon müde zu kriegen. Doch eine Fussballerin wird nicht aus ihr. Obschon sie und ihre Schwester Stunden an irgendwelchen Seitenlinien des FC Flawil verbringen. Obwohl es der Familie vieles erleichtern würde. «Ich spielte zwar gerne mit den Buben in unserem Quartier und machte auch an Fussball-Klassenmeisterschaften mit. Aber das hat mir gereicht», so sagt sie das rückblickend. Im Kindergarten geht sie einmal pro Woche ins Kinderturnen, und da merkt sie: Turnen, das ist es für sie, viel eher jedenfalls als eine der Teamsportarten. Oder die Pfadi. Oder der Kampfsport. Auch Ski fährt sie viel lieber nur zum Plausch. Also melden die Steingrubers ihre Tochter beim TV Gossau an. Geräteturnen. Ein Training pro Woche. Besonders gerne hat sie die Schaukelringe. Giulia wird so schnell so gut, dass sie sich unterfordert fühlt. Trotzdem turnt und kann das Nachbarsmädchen die viel schwierigeren Sachen. Giulia lernt: Das Gspänli ist Kunstturnerin. Nicht Geräteturnerin wie sie. Und jetzt stellt sie klar: Sie will nicht mehr geräteturnen. Sie will auch kunstturnen. Dass zwischen den beiden Sportarten ein Unterschied besteht, weiss Mama Fabiola noch nicht zu dieser Zeit, aber sie ruft Marianne Steinemann vom Trainingszentrum Fürstenland Frauen (TZFF) in Oberbüren an. Und die lässt sich überreden, Giulia probehalber mittrainieren zu lassen. Etwas widerwillig zwar, weil das Mädchen mit siebeneinhalb Jahren eigentlich schon zu alt ist, um noch mit dem Kunstturnen zu beginnen. Die meisten anderen Turnerinnen ihrer Gruppe haben mit dem Sport begonnen, da waren sie noch keine fünf. Und weil, überhaupt, diese Trainingsgruppe bereits gross genug ist. Es ist ein Mittwochnachmittag im Herbst 2001, als Fabiola ihre Tochter erstmals in die Turnhalle Thurzelg nach Oberbüren fährt. Es ist ein Kulturschock: Giulia trägt kurze Sporthosen und ein wei-

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tes T-Shirt, das eben, was sie jeweils auch für das Geräteturnen angezogen hat. Die anderen Mädchen dagegen glänzen in ihren engen, farbigen Turndressli. Platz für Zuschauer hat es nicht in der alten und dunklen Trainingshalle, braucht es auch nicht, Eltern sind bei den Trainings sowieso nicht erwünscht. «Gehts noch?», denkt Fabiola fassungslos, aber sie kommt nicht zu Wort. «Wir machen das schon. In drei Stunden kannst du sie abholen», entgegnet Steinemann trocken. Diszipliniert stehen die Mädchen der Körpergrösse nach ein. Und als die Mutter daraufhin wieder im Auto sitzt und wie befohlen zurück nach Gossau fährt, ahnt sie: «Niemals bleibt mein Mädchen da. Niemals macht es das mit.» Doch als sie nach drei Stunden wieder in die Turnhalle kommt, steht ein strahlendes, glückseliges Kind vor ihr, das am liebsten gar nicht aufgehört hätte. Auf jeden Fall wolle sie nächste Woche wieder kommen. Und die Woche darauf. «Das Leuchten und den Willen in ihren Augen vergesse ich nie mehr», erzählt Steinemann. «Sie lief hinter ihrer Mutter her in die Halle und strahlte mich an, als wollte sie sagen: ‹Gell, du nimmst mich. Gell, das kommt gut.› Und als ich sie ein paar Mal trainieren sah, dachte ich schnell: Wow, da ist was. Wir werden uns gut verstehen.» Doch der nächste Schock für die turn-unerfahrenen Eltern folgt schnell, als sie realisieren, was Kunstturnen wirklich bedeutet. Dass es mit diesem einen Training nicht getan ist. Dass sich dieser Unterschied zum Geräteturnen nicht nur in einem Wortteil ausdrückt. Was für Auswirkungen das hat auf das Leben der kleinen Giulia und das der Familie generell. Und was der Aufwand sein wird, der auf sie alle zukommt. Steinemanns Ansage ist deutsch und deutlich: «Kunstturnen ist Leistungssport, kein Hobby. Giulia hat Training am Mittwochnachmittag und Samstagvormittag und zwar jeden Mittwochnachmittag und jeden Samstagvormittag. So fangen wir mal an. Es gibt keine Kindergeburtstage und im Som-

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mer keine Badi.» Und mit jedem Altersjahr kommen mehr Trainingseinheiten hinzu. Fabiola denkt für sich: «Entschuldigung, ernsthaft?» Sie glaubt aber noch immer: «Dass es wie so oft ist bei einem siebenjährigen Kind. Dass es noch vieles sagt, wenn der Tag lang ist». Nun: falsch gedacht. Es ist genau, was Giulia will. Bald einmal folgt ein drittes Training pro Woche, und irgendwann kann das Kind nachmittags nicht mehr zur Schule. Zeichnen, Schulturnen, Handarbeit, Religion – all diese Fächer fallen der neuen Leidenschaft zum Opfer. Die Lehrerschaft zeigt sich kulant. «Willst du das wirklich?», fragen Fabiola und Kurt trotzdem immer wieder und bekommen jedes Mal dieselbe Antwort: «ja, natürlich». Wenn jeweils im Sommer der neue Jahresbeitrag für die Turnriege fällig wird, setzen sich die Eltern mit Giulia an den Stubentisch und besprechen mit ihr, ob sie sich für ein weiteres Jahr verpflichten will. «Und wenn du ‹Ja› sagst», stellt Papa Kurt klar, «gilt das für ein ganzes Jahr.» Keine halben Sachen – aber die will Giulia sowieso nicht. «Wir wurden immer wieder aufs Neue überrascht, mit wieviel Eifer sie beim Kunstturnen am Werk ist», sagt Kurt. Weil sie zwar ein Bewegungstalent ist, Geräte wie der Schwebebalken oder der Stufenbarren im Geräteturnen aber neu sind für sie, muss Steinemann mit ihr da erst die Basis legen. Giulia kann zwar längst das Rad, sie hat es aber noch nie auf dem Balken geturnt, diesem gerade einmal zehn Zentimeter breiten Zittergerät. «Dort muss man sich erst einmal zurechtfinden», weiss die Trainerin aus vielen, vielen Trainingsstunden mit ihren Mädchen – und erzählt: «Das Rad auf dem Balken war ihr Hass-Element und blieb es bis zuletzt.» Nie, auch dann nicht, als sie bereits zur europäischen Spitze zählt, turnt sie einen Abgang mit Radwende. Lieber erfindet sie ein eigenes Element – den Steingruber-Salto. Steinemann imponiert der Wille, mit dem sich die kleine Giulia dem Kunstturnen hingibt. Wie sie sich geradezu in den Sport verbeisst, weil sie immer

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Schon als Kind beschäftigt sich Giulia gerne mit sich selbst.

Ausflug als Achtjährige zum Gübsensee in St. Gallen.


besser werden will. Der Rückstand, den sie wegen ihres späten Beginns auf die anderen Turnerinnen hat, demoralisiert sie nicht, im Gegenteil: Er spornt und treibt sie an. Sie will lernen, was die anderen können, und saugt alles auf. Noch später als mit diesen siebeneinhalb Jahren hätte sie nicht beginnen dürfen, sagt Marianne Steinemann, und so spät könnte sie heute, 20 Jahre später, mit dem Kunstturnen nicht mehr anfangen, weil die Ansprüche ans Training stark gestiegen sind. «Doch für sie hat das funktioniert. Sie hat den richtigen Körper, das Bewegungsgefühl und den starken Kopf. Und sie hat von den Eltern die richtige Mentalität mitbekommen.» Für Steinemann ist sie «eine Turnerin, die man sich als Trainerin nur wünschen kann. Der Traum von einer Athletin», sagt sie: «Wenn man Giulia auftrug, sie solle 20 Liegestützen machen, machte sie 20. Nicht 19, aber auch nicht 21. Sie machte genau 20. Sie hat nie eine Schnute gerissen und nie mit den Augen gerollt – sie war wohl die einzige Turnerin, die mich als Trainerin nicht betrogen hat. Ich bin überzeugt, dass sie immer ehrlich war, auch später als Nationalkader-Turnerin.» Vor allem: ehrlich zu sich selbst. «Sie war sehr, sehr fleissig», lobt Steinemann. Sie sagt aber auch: «Giulia hätte keinen Monat später zu uns kommen dürfen. Irgendwann wäre es nicht mehr möglich gewesen, aus der Geräteturnerin noch eine Kunstturnerin zu machen.» Wird sie heute von Eltern gefragt, ob auch sie ihre siebenjährige Tochter ins Kunstturnen bringen dürften, mit Giulia habe das damals doch auch geklappt, antwortet sie: «Ja, mit Giulia ging das. Sie war aber ein sehr speziell talentiertes Mädchen. Und nein: Heute nehmen wir keine Siebenjährigen mehr auf. Das Kunstturnen hat sich nochmals extrem entwickelt.» Giulia fühlt sich in der neuen Sportart in ihrem Element, ihr ist auch menschlich pudelwohl. Die Freundinnen aus der Trainingsgruppe stacheln sich gegenseitig an und bilden eine Gemeinschaft, in die die Familien langsam reinwachsen. Aus drei Stunden in der

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Turnhalle werden vier, fünf Stunden, weil die Mädchen nach dem Training weiter miteinander verweilen wollen. Giulia macht sich gut und kommt schnell vorwärts. Bald gewinnt sie erste Wettkämpfe, und schon im Programm 1, P1 abgekürzt, der zweituntersten Kategorie, wird sie erstmals Schweizer Meisterin. Es sollten viele, viele weitere Erfolge folgen, sie startet regelrecht durch. Auch in jeder weiteren Leistungsklasse, dem P2, P3 oder P4, ist sie die beste Turnerin der Schweiz, und so geht es weiter, als sie in die Elite-Kategorie aufsteigt. Immer weiter, immer besser. Die Familie reist mit der Tochter Wochenende für Wochenende quer durch die Schweiz dem Kunstturnen nach. Die gleichaltrige Trainingskollegin Jennifer Rutz wird ihre beste Freundin, in und ausserhalb der Turnhalle. Eine Freundin fürs Leben. Sie ist in Arnegg aufgewachsen, einem Dorf, das zu Gossau gehört. Viel früher als Giulia kommt sie mit dem Kunstturnen in Berührung, weil der Sport sie immer fasziniert, wenn er am TV zu sehen ist. Und weil die Eltern oft Sport am Fernsehen schauen. Beide sind im Turnverein, schon mit viereinhalb beginnt auch die Tochter mit dem Training. Der Schwebebalken wird zu ihrem Lieblingsgerät. Als Giulia, die Quereinsteigerin vom Geräteturnen, zum Training nach Oberbüren kommt, ist ihr Jennifer voraus. Sie steigt früher in die nächsthöheren Programme auf und turnt lange schwieriger – erst im P4 holt Giulia sie ein. Von da an sind sie gemeinsam unterwegs. Ins Nachwuchskader werden die beiden gleichzeitig berufen, danach auch ins Juniorinnenkader, noch später beginnen sie auch zusammen in Gossau die Sekundarschule. Am 11. Juni 2005 wird Giulia als Elfjährige in Basel Juniorinnen-Meisterin im P4 – ganz knapp vor Jennifer und Aurelia Steinemann, einem anderen Trainingsgspänli aus dem Turnzentrum Fürstenland, der Tochter von Trainerin Marianne. Dieses Resultat ist Ausdruck dafür, wie sehr sich die Mädchen der Trainingsgruppe aus Oberbüren gegenseitig antreiben.

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Giulia ragt heraus. «Sie hatte schon immer die besten körperlichen Voraussetzungen zum Kunstturnen», erinnert sich Jennifer, «bei ihr hat alles zusammengepasst.» Bald nach dem Übertritt in die Oberstufe naht jedoch das Ende dieser verschworenen Gemeinschaft. 2007, mit 13 Jahren, stehen Giulia und Jennifer vor dem Entscheid, ins Nationalkader nach Magglingen zu wechseln. Doch Giulia will nicht, noch nicht, zu viel hält sie in der Ostschweiz, und auch die Eltern können sich nicht anfreunden mit dem Gedanken, dass sich ihre Tochter jetzt schon abnabelt. Ihnen ist Giulia schlicht noch zu jung. Jennifer dagegen wagt den frühen Schritt ins fremde Biel, ins Trainingszentrum nach Magglingen. Die beiden Mädchen treffen den Entscheid unabhängig voneinander, «er muss ja für jeden stimmen», so sagt das Jennifer heute. Er tut in diesem Moment trotzdem weh. Für Giulia folgt eine schwierige Zeit, vor allem logistisch wird es für die Familie jetzt erst recht kompliziert. Die Anforderungen ans Training steigen laufend, doch die Bedingungen in den verschiedenen Trainingsturnhallen in Oberbüren, Widnau und Wil sind spartanisch, milde ausgedrückt. Eine Schnitzelgrube, eigentlich unverzichtbar, um die immer schwieriger werdenden Elemente ohne Angst vor Verletzungen zu trainieren, hat es nicht überall, ebenso ein Boden-Viereck oder einem handelsüblichen Sprungtisch. Stattdessen befestigen die Trainer und Trainerinnen ein Sprungbrett auf einem Schwedenkasten, um den Tisch zu simulieren. Die Geräte müssen teilweise vor jedem Training aufgebaut und hinterher wieder weggeräumt werden. Professioneller trainieren kann sie in anderen Leistungszentren der Schweiz, in Rüti ZH oder Niederlenz AG, die besser ausgestattet sind – aber nicht eben um die Ecke liegen. In Rüti trainiert sie bereits seit längerer Zeit, schon zusammen mit Jennifer konnte sie jeweils bei einer Gastfamilie übernachten. Neu fährt sie nun aber jeden Freitagnachmittag auch noch nach Biel, direkt nach den Mor-

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Wie beweglich ist das Mädchen? Giulia beim ersten Nachwuchskadertest.

Hoch hinaus am Klettertau: Auch die Kraft will überprüft sein.

Mit acht Jahren bestreitet Giulia die ersten Wettkämpfe. Hier auf dem Schwebebalken.

Der Balken ist für Giulia besonders heikel, weil sie ihn nach dem Geräteturnen erst kennenlernen muss.


genlektionen in der Sekundarschule, um freitags und samstags mit den Mitgliedern des Juniorinnenkaders zu trainieren. Meistens mit ihr unterwegs ist Marianne Steinemann. Weil es zwei ihrer langjährigen Turnerinnen, Giulia und Jennifer, ins Aufgebot des Schweizer Teams geschafft haben, darf sie im Frühling 2008 als Trainerin mit an die Junioren-Europameisterschaften nach Clermont-Ferrand. Die Trainings mit den anderen Schweizer Juniorinnen in Magglingen sind für Giulia aber nicht nur eine Vorbereitung auf diese EM, es sind vor allem Probetrainings, ihre persönliche Angewöhnung an dieses neue Umfeld. Denn natürlich ist ihr genauso klar wie den Eltern und erst recht Marianne Steinemann: Spätestens mit 14 muss der endgültige Schritt erfolgen, sonst ist es vorbei mit dem Spitzensport. Der Schweizerische Turnverband duldet zu dieser Zeit keine Ausnahmen zu seinem System der zentralen Förderung im Leistungszentrum in Magglingen. Also geht sie schliesslich doch, im Sommer 2008, kurz nach der Junioren-EM, mit 14. Sie tut es nicht ganz freiwillig und erst recht nicht ohne Wehmut und Trennungsschmerz. Und doch will und muss sie den Schritt wagen, denn längst hat sie sich entschieden: Kunstturnen soll mehr sein als ihre Leidenschaft. Sie will es zu ihrem Beruf machen, das Nationalkader ist jetzt das klare Ziel. «Uns wurde klar, dass das ihr Weg sein wird», sagt Fabiola. So wird Biel Giulias neue Heimat. Ihre zweite Heimat. Bis heute ist sie das.

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Kapitel 2 Von der Rebellin zur Kronprinzessin Der Lindenweg ist eine typische Schweizer Quartierstrasse. Einfamilienhaus mit Parkplatz und Garten reiht sich hier an Zweifamilienhaus mit zwei Parkplätzen und Garten. Das Strässchen liegt mitten in Magglingen. Mit Blick auf das Seeland, bei klarem Wetter eine wunderbare Aussicht auf die Alpengipfel im Berner Oberland. Wie andere Sportverbände setzt auch der Schweizerische Turnverband auf das Konzept Gastfamilie. Diese Art der Unterbringung soll eine engere Betreuung für die jungen Sportler und meist noch jüngeren Sportlerinnen gewährleisten als betreute Wohnheime wie Internate. Giulia kommt zu einer Schlummermutter, sie lebt dort zusammen mit der damaligen Kaderkollegin Lucia Tacchelli. Die Tessinerin, zwei Jahre älter als Giulia und in dieser Zeit so etwas wie ihre grosse Schwester, muss jedoch bald verletzungsbedingt zurücktreten. Ständig ist sie von Blessuren geplagt. Wie es der Zufall will, wohnt auch Jennifer Rutz am Lindenweg, ein paar Häuser weiter nur. Das erste Jahr in Magglingen war nicht einfach für sie, ihre Freundin Giulia fehlte ihr – aber jetzt sind die beiden wieder vereint. «Als sie endlich auch nach Biel kam, war das eine Entlastung für mich, denn jetzt wusste ich, dass ich nicht mehr alleine bin», erinnert sie sich. «Es war in diesem Alter schon wichtig zu wissen, dass jemand da ist, auf den du dich verlasssen kannst. Der auch deine Macken kennt. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.» Die beiden sind wieder unzertrennlich und ständig zusammen unterwegs. Jedoch: Giulia wird ihre Unterstützung bald mehr nötig haben, als ihr lieb ist. Denn die Gastmutter kümmert sich kaum um das frisch

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eingezogene minderjährige Mädchen. «Sie hat sich ganz einfach nicht für mich interessiert», erzählt Giulia rückblickend. In der Küche hat es nur wenig, was einer ausgewogenen Ernährung nahekommen würde, hin und wieder isst sie am Abend eine Tafel Schokolade, weil sonst nichts vorhanden ist. Die Milch im Kühlschrank ist regelmässig abgelaufen und ungeniessbar – ihre Gastmutter nimmt sie trotzdem für ihren Kaffee. Ansonsten ist der Kühlschrank oft leer. Sie ist froh, wird sie mittags in der Kantine des Bundesamts für Sport verpflegt. Im Vertrag mit dem Schweizerischen Turnverband steht, dass Kochen und gesunde Ernährung zu den Pflichten einer Gastfamilie gehöre, genauso wie Fürsorge, eine Kontrollfunktion. «Aber Giulia war voll auf sich allein gestellt. Die Gastmutter war nur am Geld interessiert, das sie für den Wohnraum erhielt», klagt Mutter Fabiola. «Sie war eine alleinstehende Frau, die gerne verreiste.» Rund 600 Franken pro Monat erhält eine Gastfamilie zu dieser Zeit, teilweise vom Schweizerischen Turnverband, teilweise von den Eltern. Als Giulia am ersten Abend nach den Weihnachtsferien 2009 vom Training nach Hause kommt, sie ist 15, steht sie vor verschlossener Türe. Normalerweise ist der Schlüssel unter einem Stein hinterlegt, doch diesmal fehlt er, und ans Telefon geht die Schlummermutter nicht. Es ist eisig kalt und dunkel, schon nach 20 Uhr. Heulend ruft Giulia die Eltern an, die ihr raten: «Geh zu Jennifer und frag, ob du dort bleiben kannst. Wir versuchen, die Gastmutter zu erreichen.» Als diese wenig später zurückruft, lässt die Antwort alle baff zurück. Sie habe vergessen, den Schlüssel zu platzieren, könne jetzt aber auch nicht nach Biel kommen. Überhaupt sei sie erst in einer Woche zurück. Sie habe Giulia komplett vergessen. Dumm gelaufen: «Jetzt musst du eben schauen, wo du unterkommst.» Giulia kann spontan für ein paar Tage bei der Schlummermutter von Jennifer bleiben. Ohne zu zögern oder zu überlegen willigt die

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Zusammen mit ihren Gspänli des Turnzentrums Fürstenland Frauen – Giulia ist die zweite von oben.

Banges Warten auf die Rangverkündigung bei einem Wettkampf in Utzenstorf BE.

Voller Fokus bei einem Wettkampf in Möhlin AG: die achtjährige Giulia als Dritte von rechts.

Wie die anderen Mädchen macht sich auch Giulia für die Wettkämpfe gerne schön.


Frau ein, stellt ihr ungefragt einen Teller warmer Spaghetti hin und legt eine zusätzliche Matratze ins Schlafzimmer ihrer Freundin. Giulia fühlt sich geborgen. Eine Woche darf sie bleiben, sie dürfte auch mehr, aber der Aufenthalt ist improvisiert und der Platz im Haus begrenzt. Nach der Rückkehr ihrer eigenen Gastmutter geht sie zwar noch einmal zurück für ein paar Wochen, doch als sie schliesslich endgültig auszieht, sagt ihr die Gastmutter: «Wir haben uns wohl auseinandergelebt.» Steingruber lacht, als sie das erzählt. «Auseinandergelebt. Das würde ja bedeuten, dass wir mal zusammengelebt hätten.» Vielmehr zieht sie sich zu jener Zeit – je länger je mehr – zurück in ihr Schneckenhaus. Kommt sie vom Turnen nach Hause zur Gastmutter, schliesst sie sich im Zimmer ein. Ihre Fortschritte in der Turnhalle halten sie vom Gedanken ab, ob der Wechsel nach Biel vielleicht doch ein Fehler gewesen sein könnte. Sportlich profitiert sie vom Wechsel in die professionellen Strukturen in Magglingen. 2009 gewinnt sie erstmals im P6 die Schweizer Juniorinnen-Meisterschaft und turnt auch bereits regelmässig bei der Elite mit. Schon da zeigt sich, wie konkurrenzfähig sie werden kann, gerade am Sprung ist ihr Potenzial früh zu erkennen. Der damalige Schweizer Cheftrainer Zoltan Jordanov wird später sogar behaupten, er habe schnell erkannt, dass Steingruber «the next big deal» sei – das nächste grosse Ding im Schweizer Kunstturnen. Es kommt für ihn und den Schweizerischen Turnverband zur rechten Zeit. Als Jordanov im Oktober 2007 zum STV wechselt, liegt das Frauen-Kunstturnen am Boden. Ein paar Monate zuvor ist es zum grossen Zerwürfnis im Schweizer Nationalkader gekommen. Vier Turnerinnen haben gegen den ehemaligen Trainer Eric Demay rebelliert, weil dessen Trainingsmethoden ungebührlich und die Umgangsformen rüde waren. Die damalige Spitzenturnerin Ariella Kaeslin führte diesen Protest an, der in der Entlassung des

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Nach einem Trainingslager in Tirrenia nutzen die Steingrubers die Gelegenheit, den Schiefen Turm zu besichtigen.

Und schon der nächste Beweglichkeitstest. Jedes Jahr werden kurz vor Weihnachten die Fähigkeiten überprüft.


Coachs aus Frankreich mündete. Folgenlos war der Streik aber auch für Kaeslin und die anderen Turnerinnen nicht: Der Verband strich ihnen in jenem Frühling die Teilnahme an den Europameisterschaften. Ein Scherbenhaufen. Aber auch ein Glücksfall. Demay-Nachfolger Jordanov eilt der Ruf als Erfolgstrainer in die Schweiz voraus. In seiner Heimat Ungarn hatte er das Nationalteam der Frauen zwischen 1988 und 1996 zu drei Olympia-Teilnahmen in Folge geführt. 1999 ging er ins Vereinigte Königreich, um dort Aufbauarbeit zu leisten. Erst dank der Bemühungen um die Olympischen Spiele 2012 in London wird das «Team UK» in der Kunstturn-Welt zu einer Grösse. Mit Elizabeth Tweddle gewinnt während Jordanovs Zeit erstmals überhaupt eine britische Turnerin Medaillen an Welt- und Europameisterschaften. 2012 wird Tweddle diese erfolgreiche Ära mit einer Olympischen Bronzemedaille am Stufenbarren krönen. Der studierte Hochleistungstrainer aus Budapest versteht es, zusammen mit seiner Ehefrau und Assistentin Sznezsana, besonders talentierte Turnerinnen noch stärker zu fördern und formen. Sie noch besser zu machen. Sie so zu pushen, dass sie ihre eigenen Grenzen verschieben. Es gelingt ihm bei Tweddle und danach auch bei Kaeslin. Nur acht Monate nach seiner Ankunft in der Schweiz erreicht Kaeslin an den Olympischen Spielen in Peking den Sprungfinal (wo sie 5. wird). Es ist der Startschuss zu ihrer eindrücklichen Karriere. Weil sie erkennt, wie viel mehr für sie möglich ist. Unter Jordanov maximiert sie ihren Ehrgeiz, sie entwickelt eine Willensstärke, die dem Trainer an den britischen Turnerinnen um Beth Tweddle so gefallen hat: «Die haben immer geliefert, ganz egal, wie es ihnen gerade gegangen ist. Sie hatten diese ‹I-can-do-it-Mentalität›.» Es wird später auch Steingrubers grosses Mantra. «Man sagt, dass eine Turnerin, die früh so viel gewinnt wie Giulia, irgendwann an

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