Emmentaler Matthias F. Steinmann
&
Nostrano
Die Steinmann-Galli Saga
Ursella Werd und Weber
STEINMANN
5. Von der Kehrmatt zum Fulpelz (1806) Wie Niklaus Steinmann Ende Oktober 1806 aus dem napoleonischen Kriegsdienst nach Hause kommt, Anneli wiederfindet, heiratet und schliesslich den Hof Kehrmatt mit ihr verlässt und im Hof Fulpelz in Richigen einzieht. Niklaus bleibt am braungrünen Waldrand ob Gysenstein im leichten Herbstwind stehen, und die Tränen laufen ihm in seinen struppigen Bart. «Daheim! Endlich daheim!» Nach allem, was er auf den langen Märschen, den vielen Schlachtfeldern mit den toten Kameraden links und rechts erlebte, hätte er nie gedacht, je wieder in die Kehrmatt zurückzukommen. Er zögert. Wer wird da sein, ihn begrüssen? Ihn überhaupt wiedererkennen? Seine blaue Uniform ist x-fach geflickt, immer noch zerschlissen und verdreckt, sein Dreispitz fahl, sein Gesicht, soweit man es unter dem struppigen Bart erkennen kann, verwittert. Obwohl er seit der Innerschweiz nicht mehr Hunger leiden musste, sieht man ihm die Zeit der Entbehrungen an. Unten auf der Kehrmatt kann er niemanden entdecken vor dem heimischen Hof, aber die Rauchsäule beweist ihm, dass jemand zu Hause sein muss. Wohl Hans mit seiner drei Jahre älteren Frau Käthy, vielleicht auch seine Mutter und natürlich der stumm-tumbe Christian. Ob alle noch leben? Immerhin sind sieben Jahre vergangen, und da kann viel geschehen. Und dann denkt er an Anneli. Seine Anneli. Ob sie auf ihn gewartet hat? Sie dürfte jetzt einunddreissig Jahre alt sein. Ihr Vater Christen mit dem stattlichen Hof Fulpelz in Richigen hat sie sicher standesgemäss mit einem Grossbauern verheiratet. Nun überfällt ihn tiefe Trauer, auch Unruhe und das Gefühl, die vielen vergangenen Jahre in Unrast und Gefahr seien verlorene Lebenszeit gewesen. 74
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STEINMANN
5. Von der Kehrmatt zum Fulpelz (1806) Wie Niklaus Steinmann Ende Oktober 1806 aus dem napoleonischen Kriegsdienst nach Hause kommt, Anneli wiederfindet, heiratet und schliesslich den Hof Kehrmatt mit ihr verlässt und im Hof Fulpelz in Richigen einzieht. Niklaus bleibt am braungrünen Waldrand ob Gysenstein im leichten Herbstwind stehen, und die Tränen laufen ihm in seinen struppigen Bart. «Daheim! Endlich daheim!» Nach allem, was er auf den langen Märschen, den vielen Schlachtfeldern mit den toten Kameraden links und rechts erlebte, hätte er nie gedacht, je wieder in die Kehrmatt zurückzukommen. Er zögert. Wer wird da sein, ihn begrüssen? Ihn überhaupt wiedererkennen? Seine blaue Uniform ist x-fach geflickt, immer noch zerschlissen und verdreckt, sein Dreispitz fahl, sein Gesicht, soweit man es unter dem struppigen Bart erkennen kann, verwittert. Obwohl er seit der Innerschweiz nicht mehr Hunger leiden musste, sieht man ihm die Zeit der Entbehrungen an. Unten auf der Kehrmatt kann er niemanden entdecken vor dem heimischen Hof, aber die Rauchsäule beweist ihm, dass jemand zu Hause sein muss. Wohl Hans mit seiner drei Jahre älteren Frau Käthy, vielleicht auch seine Mutter und natürlich der stumm-tumbe Christian. Ob alle noch leben? Immerhin sind sieben Jahre vergangen, und da kann viel geschehen. Und dann denkt er an Anneli. Seine Anneli. Ob sie auf ihn gewartet hat? Sie dürfte jetzt einunddreissig Jahre alt sein. Ihr Vater Christen mit dem stattlichen Hof Fulpelz in Richigen hat sie sicher standesgemäss mit einem Grossbauern verheiratet. Nun überfällt ihn tiefe Trauer, auch Unruhe und das Gefühl, die vielen vergangenen Jahre in Unrast und Gefahr seien verlorene Lebenszeit gewesen. 74
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Aber konnte er anders? Nein! Er war damals mit der 2. Halbbrigade in Neapel, so weit von zu Hause, dass er seinen Dienst noch einmal um zwei Jahre verlängert hatte. Seine Kameraden waren seine Familie, er konnte sich nicht überwinden, sie zu verlassen. Im letzten Winter in Livorno, wo ihn ein Schiff nach Genua mitnehmen konnte, hatte er den Dienst quittiert. Seine Entlassungspapiere trug er gut versorgt auf sich, um auf der Heimreise nicht als Deserteur zu gelten. Nun steht er hier. Er gibt sich einen Ruck wie vor einem Bajonett angriff und geht zügig auf die Kehrmatt los. Einige Augenblicke später hält Niklaus vor der verwitterten Eichentür des Hauses inne, schnallt zuerst seinen Säbel ab, legt ihn mit seiner Kavalleriepistole auf das Hausbänkli. Den Tornister aber behält er auf dem Rücken. Dann klopft er heftig an die Tür, sodass er selbst über die lauten Schläge erschrickt. Er hört leise Schritte, die Tür öffnet sich zaghaft, und wer steht vor ihm? Das blonde, etwas drallere Anneli in seiner Alltagstracht. Mit offenem Mund. Sie schreit laut auf und wirft sich Niklaus an den Hals und beginnt zu schluchzen und zu stammeln: «Niklaus, Niklaus, du wieder da! O Gott! Niklaus, mein Niklaus!» Er umfasst sie, spürt ihren strammen Körper, ihren warmen Busen und stammelt nun gleichfalls: «Anneli, mein Anneli!» Auch er kann nun die Tränen nicht zurückhalten. Schliesslich, nach Minuten, die wie Ewigkeiten in ihren Herzen dauern, meint er leise: «Tut mir leid … mein Bart, ich rieche streng, aber ich komme von sehr weit her, war neun Monate meist zu Fuss unterwegs.» «Meine Gebete sind erhört. Der liebe Gott hat an uns doch Gefallen gefunden. Er weiss, dass wir zusammengehören, und ich wusste, dass du zurückkommst, Niklaus, und ich habe hier mit Käthy auf dich gewartet.» Niklaus löst sich von Anneli. «Und Hans? Und Christian? Die Mutter? Wie geht es ihnen? Sind sie da?» «Gut, dass du jetzt schon nach ihnen fragst und ich es dir hier sagen kann: Hans ist vermisst, aber sicher gefallen. Ich erzähle es dir später. Die Mutter ist leider halbseitig gelähmt. Sie schläft um diese Zeit. Christian musste nicht einrücken, weil er immer eigenartiger, ja einfältiger geworden ist. Er hat sich eine Kammer im Stall gebaut und
lebt nahe bei seinen geliebten Kühen. Auch er schläft – du wirst beide beim Abendbrot sehen. Deine Schwester Katharina arbeitet zurzeit bei einem Bauern in Rüfenacht. Nun komm herein, du hast sicher Hunger. Käthy wird sich von Herzen freuen, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.» Sie fassen sich beide an der Hand, treten in den etwas düsteren und leicht nach Rauch riechenden Gang ein, der zur Küche führt. Da sieht Niklaus, wie Käthy, jetzt die Witwe von Hans, am Herd steht und gerade eine goldene Rösti zubereitet. Sie dreht sich um, sieht Niklaus, schreit laut auf und lässt den Holzlöffel zu Boden fallen. Nun geht es wieder los mit Herzen, Weinen und vor Glück Gott Danken. Aber etwas schleicht sich dabei ins Bewusstsein von Niklaus: Wenn Hans gestorben ist, geht die Erbfolge der Kehrmatt auf ihn als zweitjüngsten Sohn über, und damit wird er in Zukunft der Hofbauer sein. Nach den überschäumenden Minuten des Wiedersehens sagt die braunhaarige und füllige Käthy wieder nüchterner, wie es stets ihre Art war und noch ist: «So, Niklaus, geh zum Trog, zieh deine Franzosenlumpen aus, und wasch dich gut. In der Zwischenzeit lege ich dir in der Kammer von Anneli frische Wäsche, Hemd, Hosen und Schuhe von Hans bereit, der ja deine Grösse hatte. Dann wollen wir das Wiedersehen bei Rösti, Speck und Spiegeleiern feiern. Ich kann mir vorstellen, dass du ausgehungert bist, mein lieber Schwager. Dann werden wir einander alles berichten, was in den letzten Jahren geschehen ist – viel Trauriges leider.» Sie reicht ihm dazu ein Stück Seife und ein Handtuch. Anneli, die an die trockene Art von Käthy gewöhnt ist, fügt an: «Sollten wir ihm nicht noch ein Kessi warmes Wasser mitgeben? Das Wasser im Brunnentrog dürfte ziemlich kalt sein.» Niklaus lacht nur, denn er war ganz anderes gewohnt. Er nimmt Seife, Handtuch, stellt den schweren Tornister ab und geht hinaus. Indes ihm Käthy nachruft: «Lass deine Stinklumpen draussen liegen, wir werden sie dann aussieden!» So findet sich Niklaus etwas später mit dem Handtuch um die Hüfte gewickelt in der Kammer von Anneli wieder. Sie folgt ihm mit leicht errötetem Gesicht. Ja, dann geschieht das, was beide in ihren Herzen und Köpfen lange in sich getragen haben. Sie finden sich bald inein-
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Aber konnte er anders? Nein! Er war damals mit der 2. Halbbrigade in Neapel, so weit von zu Hause, dass er seinen Dienst noch einmal um zwei Jahre verlängert hatte. Seine Kameraden waren seine Familie, er konnte sich nicht überwinden, sie zu verlassen. Im letzten Winter in Livorno, wo ihn ein Schiff nach Genua mitnehmen konnte, hatte er den Dienst quittiert. Seine Entlassungspapiere trug er gut versorgt auf sich, um auf der Heimreise nicht als Deserteur zu gelten. Nun steht er hier. Er gibt sich einen Ruck wie vor einem Bajonett angriff und geht zügig auf die Kehrmatt los. Einige Augenblicke später hält Niklaus vor der verwitterten Eichentür des Hauses inne, schnallt zuerst seinen Säbel ab, legt ihn mit seiner Kavalleriepistole auf das Hausbänkli. Den Tornister aber behält er auf dem Rücken. Dann klopft er heftig an die Tür, sodass er selbst über die lauten Schläge erschrickt. Er hört leise Schritte, die Tür öffnet sich zaghaft, und wer steht vor ihm? Das blonde, etwas drallere Anneli in seiner Alltagstracht. Mit offenem Mund. Sie schreit laut auf und wirft sich Niklaus an den Hals und beginnt zu schluchzen und zu stammeln: «Niklaus, Niklaus, du wieder da! O Gott! Niklaus, mein Niklaus!» Er umfasst sie, spürt ihren strammen Körper, ihren warmen Busen und stammelt nun gleichfalls: «Anneli, mein Anneli!» Auch er kann nun die Tränen nicht zurückhalten. Schliesslich, nach Minuten, die wie Ewigkeiten in ihren Herzen dauern, meint er leise: «Tut mir leid … mein Bart, ich rieche streng, aber ich komme von sehr weit her, war neun Monate meist zu Fuss unterwegs.» «Meine Gebete sind erhört. Der liebe Gott hat an uns doch Gefallen gefunden. Er weiss, dass wir zusammengehören, und ich wusste, dass du zurückkommst, Niklaus, und ich habe hier mit Käthy auf dich gewartet.» Niklaus löst sich von Anneli. «Und Hans? Und Christian? Die Mutter? Wie geht es ihnen? Sind sie da?» «Gut, dass du jetzt schon nach ihnen fragst und ich es dir hier sagen kann: Hans ist vermisst, aber sicher gefallen. Ich erzähle es dir später. Die Mutter ist leider halbseitig gelähmt. Sie schläft um diese Zeit. Christian musste nicht einrücken, weil er immer eigenartiger, ja einfältiger geworden ist. Er hat sich eine Kammer im Stall gebaut und
lebt nahe bei seinen geliebten Kühen. Auch er schläft – du wirst beide beim Abendbrot sehen. Deine Schwester Katharina arbeitet zurzeit bei einem Bauern in Rüfenacht. Nun komm herein, du hast sicher Hunger. Käthy wird sich von Herzen freuen, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.» Sie fassen sich beide an der Hand, treten in den etwas düsteren und leicht nach Rauch riechenden Gang ein, der zur Küche führt. Da sieht Niklaus, wie Käthy, jetzt die Witwe von Hans, am Herd steht und gerade eine goldene Rösti zubereitet. Sie dreht sich um, sieht Niklaus, schreit laut auf und lässt den Holzlöffel zu Boden fallen. Nun geht es wieder los mit Herzen, Weinen und vor Glück Gott Danken. Aber etwas schleicht sich dabei ins Bewusstsein von Niklaus: Wenn Hans gestorben ist, geht die Erbfolge der Kehrmatt auf ihn als zweitjüngsten Sohn über, und damit wird er in Zukunft der Hofbauer sein. Nach den überschäumenden Minuten des Wiedersehens sagt die braunhaarige und füllige Käthy wieder nüchterner, wie es stets ihre Art war und noch ist: «So, Niklaus, geh zum Trog, zieh deine Franzosenlumpen aus, und wasch dich gut. In der Zwischenzeit lege ich dir in der Kammer von Anneli frische Wäsche, Hemd, Hosen und Schuhe von Hans bereit, der ja deine Grösse hatte. Dann wollen wir das Wiedersehen bei Rösti, Speck und Spiegeleiern feiern. Ich kann mir vorstellen, dass du ausgehungert bist, mein lieber Schwager. Dann werden wir einander alles berichten, was in den letzten Jahren geschehen ist – viel Trauriges leider.» Sie reicht ihm dazu ein Stück Seife und ein Handtuch. Anneli, die an die trockene Art von Käthy gewöhnt ist, fügt an: «Sollten wir ihm nicht noch ein Kessi warmes Wasser mitgeben? Das Wasser im Brunnentrog dürfte ziemlich kalt sein.» Niklaus lacht nur, denn er war ganz anderes gewohnt. Er nimmt Seife, Handtuch, stellt den schweren Tornister ab und geht hinaus. Indes ihm Käthy nachruft: «Lass deine Stinklumpen draussen liegen, wir werden sie dann aussieden!» So findet sich Niklaus etwas später mit dem Handtuch um die Hüfte gewickelt in der Kammer von Anneli wieder. Sie folgt ihm mit leicht errötetem Gesicht. Ja, dann geschieht das, was beide in ihren Herzen und Köpfen lange in sich getragen haben. Sie finden sich bald inein-
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Eine grosse Sache gab es noch, die ich euch doch erzählen möchte. Anfang Dezember 1804 sollte eine Abordnung der 1. Helvetischen Halbbrigade in Paris bei der Kaiserkrönung von Napoleon dabei sein. Man suchte dafür gestandene Unteroffiziere aus, die besonders gross und fesch aussahen. Aus welchem Grund auch immer hatte man mich damals, nun Wachtmeister, in diese Abordnung der Ersten eingeteilt, und wir marschierten Anfang November los. So stand ich mit vielen anderen Soldaten in neuen Uniformen am 2. Dezember 1804 am Rande der Strasse in Reih und Glied, wo Näppi und sein riesiges Gefolge in Richtung Notre Dame fuhren. Wir mussten «Pfyffe-Lampe-Öl» rufen, weil die meisten Schweizer nicht auf Französisch «Vive l’empereur!» auswendig wiedergeben konnten. Nach einer guten, aber kurzen Zeit in Paris ging es wieder zurück zur 2. Halbbrigade, welche Anfang 1805 nach Neapel verlegt wurde. Auch das hiess wiederum marschieren, marschieren bei zunehmender Hitze und Durst. Durst ist ohnehin ein ständiger Begleiter der Soldaten, gefolgt vom Zwilling Hunger. Napoleon hat daher die unter seiner Herrschaft stehenden Gemeinden angewiesen, dass auf allen Friedhöfen frisches Trinkwasser vorhanden sein muss (was in Frankreich noch heute gilt). Wo immer es möglich war, liess er am Rande der Strassen Platanen pflanzen, damit die Soldaten im Schatten marschieren konnten. Von Neapel ging es über Forlì nach Livorno, wo sich alle Halbbrigaden zu einem Schweizer Regiment vereinten. Meine verlängerte Dienstzeit konnte ich dort beenden und mich auf den weiten, ja sehr lang dauernden Heimweg machen. Nun bin ich da, und mein Glück ist kaum zu fassen!» Nachdem Niklaus geendet hat, wird es mäuschenstill am Tisch. Alle drei starren auf die Goldmünzen, und man sieht ihren Gesichtern an, dass es in ihren Köpfen arbeitet. Ganz klar, da liegt ein grosses Vermögen vor ihnen, das für die Steinmanns unter normalen Lebensumständen völlig unerreichbar gewesen wäre. Nun greift Käthy, aber gleich gefolgt von Anneli in die Münzen hinein, sie nehmen sie zur Hand, und das Gold glitzert und blitzt im hellen Nachmittagslicht, das durch die kleinen Butzenscheibchen in die Stube dringt. Endlich bricht Käthy das Schweigen: «Was ist das wohl wert? Sicher sehr, sehr viel. Was hast du damit vor, Niklaus?»
Auch er bekommt ähnlich wie Anneli einen besinnlichen Ausdruck im Gesicht. Doch er antwortet spontan: «Das gehört uns allen, und das soll unsere Zukunft sichern und dir, liebes Anneli, mit mir eine glückliche Zeit auf der Kehrmatt. Wobei wir noch einiges Land dazukaufen können.» Anneli sieht ihn ruhig an, zögert und meint dann: «Das ist schön von dir. Aber wie ich bereits angedeutet habe, gibt es etwas, das wir mit der Hälfte der Golddublonen in unserem Sinne regeln könnten. Mein Bruder wurde 1802 in die Helvetische Legion eingezogen. Wir haben seither nichts mehr von ihm gehört. Wir befürchten das Schlimmste. Papa führt unseren grossen Fulpelz nun mit einigen Knechten und Mägden. Aber er ist von starkem Rheuma geplagt und möchte nicht nur kürzertreten, sondern den Hof weitergeben. So denkt er laut über einen Verkauf an den Grossbauern zu Worb nach, den er für mich vergeblich als Ehemann ausgesucht hatte. Mein Vorschlag: Wir kaufen meinem Vater den Fulpelz ab und beginnen dort unser neues Leben. Was meinst du dazu, lieber Niklaus?» Niklaus denkt nicht lange nach und antwortet rasch: «Da hast du recht. Offiziell überschreibt er den Hof an dich – die Dublonen dürfen nicht erwähnt werden. Was geschieht mit der lieben Käthy, meiner Mutter und meinem Bruder Christian?» Käthy folgt mit ihren Augen dem Gespräch der Verlobten, hält sich aber noch zurück. «Liebes Anneli», beginnt Niklaus und blickt dabei zu Käthy, «ich glaube, man kann diese drei nicht mehr verpflanzen. Ich verzichte einfach auf mein Erbe an der Kehrmatt, und Käthy bleibt die Hofbäuerin. Mit zehn Dublonen, da kannst du, Käthy, dir eine Magd und wenn nötig einen Knecht leisten. Allerdings musst du die Münzen unauffällig wechseln, weil man nicht wissen darf, von wem du sie hast. Beim Wyler Quellwasser solltest du etwas zurückhaltender sein. Wir schicken dir einen Wasserschmöcker, und du findest auf deinem Land eine Quelle. Ich bin sicher, du wirst nicht mehr auf das Wasser der noblen Herren von Schlosswyl angewiesen sein. Was meinst du?» Käthy streicht sich über ihre dunkelbraunen Haare. Ihr bleiches Gesicht rötet sich und drückt sichtlich Erleichterung aus.
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Eine grosse Sache gab es noch, die ich euch doch erzählen möchte. Anfang Dezember 1804 sollte eine Abordnung der 1. Helvetischen Halbbrigade in Paris bei der Kaiserkrönung von Napoleon dabei sein. Man suchte dafür gestandene Unteroffiziere aus, die besonders gross und fesch aussahen. Aus welchem Grund auch immer hatte man mich damals, nun Wachtmeister, in diese Abordnung der Ersten eingeteilt, und wir marschierten Anfang November los. So stand ich mit vielen anderen Soldaten in neuen Uniformen am 2. Dezember 1804 am Rande der Strasse in Reih und Glied, wo Näppi und sein riesiges Gefolge in Richtung Notre Dame fuhren. Wir mussten «Pfyffe-Lampe-Öl» rufen, weil die meisten Schweizer nicht auf Französisch «Vive l’empereur!» auswendig wiedergeben konnten. Nach einer guten, aber kurzen Zeit in Paris ging es wieder zurück zur 2. Halbbrigade, welche Anfang 1805 nach Neapel verlegt wurde. Auch das hiess wiederum marschieren, marschieren bei zunehmender Hitze und Durst. Durst ist ohnehin ein ständiger Begleiter der Soldaten, gefolgt vom Zwilling Hunger. Napoleon hat daher die unter seiner Herrschaft stehenden Gemeinden angewiesen, dass auf allen Friedhöfen frisches Trinkwasser vorhanden sein muss (was in Frankreich noch heute gilt). Wo immer es möglich war, liess er am Rande der Strassen Platanen pflanzen, damit die Soldaten im Schatten marschieren konnten. Von Neapel ging es über Forlì nach Livorno, wo sich alle Halbbrigaden zu einem Schweizer Regiment vereinten. Meine verlängerte Dienstzeit konnte ich dort beenden und mich auf den weiten, ja sehr lang dauernden Heimweg machen. Nun bin ich da, und mein Glück ist kaum zu fassen!» Nachdem Niklaus geendet hat, wird es mäuschenstill am Tisch. Alle drei starren auf die Goldmünzen, und man sieht ihren Gesichtern an, dass es in ihren Köpfen arbeitet. Ganz klar, da liegt ein grosses Vermögen vor ihnen, das für die Steinmanns unter normalen Lebensumständen völlig unerreichbar gewesen wäre. Nun greift Käthy, aber gleich gefolgt von Anneli in die Münzen hinein, sie nehmen sie zur Hand, und das Gold glitzert und blitzt im hellen Nachmittagslicht, das durch die kleinen Butzenscheibchen in die Stube dringt. Endlich bricht Käthy das Schweigen: «Was ist das wohl wert? Sicher sehr, sehr viel. Was hast du damit vor, Niklaus?»
Auch er bekommt ähnlich wie Anneli einen besinnlichen Ausdruck im Gesicht. Doch er antwortet spontan: «Das gehört uns allen, und das soll unsere Zukunft sichern und dir, liebes Anneli, mit mir eine glückliche Zeit auf der Kehrmatt. Wobei wir noch einiges Land dazukaufen können.» Anneli sieht ihn ruhig an, zögert und meint dann: «Das ist schön von dir. Aber wie ich bereits angedeutet habe, gibt es etwas, das wir mit der Hälfte der Golddublonen in unserem Sinne regeln könnten. Mein Bruder wurde 1802 in die Helvetische Legion eingezogen. Wir haben seither nichts mehr von ihm gehört. Wir befürchten das Schlimmste. Papa führt unseren grossen Fulpelz nun mit einigen Knechten und Mägden. Aber er ist von starkem Rheuma geplagt und möchte nicht nur kürzertreten, sondern den Hof weitergeben. So denkt er laut über einen Verkauf an den Grossbauern zu Worb nach, den er für mich vergeblich als Ehemann ausgesucht hatte. Mein Vorschlag: Wir kaufen meinem Vater den Fulpelz ab und beginnen dort unser neues Leben. Was meinst du dazu, lieber Niklaus?» Niklaus denkt nicht lange nach und antwortet rasch: «Da hast du recht. Offiziell überschreibt er den Hof an dich – die Dublonen dürfen nicht erwähnt werden. Was geschieht mit der lieben Käthy, meiner Mutter und meinem Bruder Christian?» Käthy folgt mit ihren Augen dem Gespräch der Verlobten, hält sich aber noch zurück. «Liebes Anneli», beginnt Niklaus und blickt dabei zu Käthy, «ich glaube, man kann diese drei nicht mehr verpflanzen. Ich verzichte einfach auf mein Erbe an der Kehrmatt, und Käthy bleibt die Hofbäuerin. Mit zehn Dublonen, da kannst du, Käthy, dir eine Magd und wenn nötig einen Knecht leisten. Allerdings musst du die Münzen unauffällig wechseln, weil man nicht wissen darf, von wem du sie hast. Beim Wyler Quellwasser solltest du etwas zurückhaltender sein. Wir schicken dir einen Wasserschmöcker, und du findest auf deinem Land eine Quelle. Ich bin sicher, du wirst nicht mehr auf das Wasser der noblen Herren von Schlosswyl angewiesen sein. Was meinst du?» Käthy streicht sich über ihre dunkelbraunen Haare. Ihr bleiches Gesicht rötet sich und drückt sichtlich Erleichterung aus.
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«Dein Vorschlag und die Goldstückli sind ein Geschenk des Himmels. Ich möchte hier wirklich nicht weg. Lieber Niklaus, ich verspreche dir, ich werde mich gut um deine Mutter und den Christian kümmern. Der Herrgott wird mir sicher helfen. So, wie er uns allen mit diesem Goldschatz geholfen hat.» Nun lächelt Anneli, spitzt ihren rosa Mund. «Weisst du, Käthy, überlege dir gut, welchen Knecht du anstellst. Wer weiss, vielleicht ergibt sich daraus mehr. Du bist ja erst dreißig Jahre alt.» Käthy schmunzelt und gibt darauf keine Antwort. Dafür meint sie: «Und wie wechseln wir die Dublonen in Franken?» Auch da hat Anneli eine Antwort: «Vater Christen kennt da einen Wechsler, ein Jude in der Stadt Bern, dem es seit dem Fall der Obrigkeit viel besser geht. Doch er darf das nur stückweise wechseln – das gilt auch für dich, Käthy –, sonst kann das auffallen. Aber macht euch da keine Sorgen, von dem versteht der herrschelige Christen viel.» Da steht Niklaus auf, geht um den Tisch herum, zieht Anneli zu sich hoch und küsst sie lang und herzhaft … und sagt danach: «Ja, so machen wir das.»
Niklaus Steinmann und seine Ehefrau Anna Bigler lebten fortan auf dem Hof Fulpelz in Richigen und versuchten sich durch die schwierigen Zeiten zu bringen. Ihr Sohn Christian wird den Fulpelz übernehmen, der bei den späteren Steinmanns als Familienhof gilt, und die Kehrmatt wird in Vergessenheit geraten. Dort starb 1809 die Mutter Anna, geborene Aeschlimann, und Käthy heiratete wohl tatsächlich. Ihr Gatte führte die Kehrmatt mit ihr, der Witwe von Hans, weiter, stets unter der Mithilfe von Katharina, der Schwester von Niklaus (gestorben 1852). Näheres ist leider nicht bekannt.
*** Tatsächlich wurde die Witwe von Hans noch im Januar 1807 wegen dem Wasserfrevel angeklagt. 2. Februar 1807 > In Verhör und Verhandlung vor dem Oberamtmann von Graffenried in Konolfingen werden Major Kirchberger, Schlossherr zu Wyl (Schlosswyl), und Hans (Johann) Galley und die Witwe von Hans (Johann) Steinmann im Hürnberg in ihrem Streit um das Wasser ab den «Kehrmatten» im Hürnberg zu freundlicher Vereinbarung gemahnt. Beilagen: Croquis der «Kehrmatten» und der dortigen Wasserleitungen, Vorladung für Hans (Johann) Galley und Niklaus Wüthrich (Vogt der Witwe Steinmann) vom 28.01.1807, Akt vom 24.10.1798. Vgl. Urkunde vom 14.09.1739, 30.06.1781, 20.08.1797 und 17.02.1800.13
13 Zitat gemäss Staatsarchiv Kanton Bern.
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«Dein Vorschlag und die Goldstückli sind ein Geschenk des Himmels. Ich möchte hier wirklich nicht weg. Lieber Niklaus, ich verspreche dir, ich werde mich gut um deine Mutter und den Christian kümmern. Der Herrgott wird mir sicher helfen. So, wie er uns allen mit diesem Goldschatz geholfen hat.» Nun lächelt Anneli, spitzt ihren rosa Mund. «Weisst du, Käthy, überlege dir gut, welchen Knecht du anstellst. Wer weiss, vielleicht ergibt sich daraus mehr. Du bist ja erst dreißig Jahre alt.» Käthy schmunzelt und gibt darauf keine Antwort. Dafür meint sie: «Und wie wechseln wir die Dublonen in Franken?» Auch da hat Anneli eine Antwort: «Vater Christen kennt da einen Wechsler, ein Jude in der Stadt Bern, dem es seit dem Fall der Obrigkeit viel besser geht. Doch er darf das nur stückweise wechseln – das gilt auch für dich, Käthy –, sonst kann das auffallen. Aber macht euch da keine Sorgen, von dem versteht der herrschelige Christen viel.» Da steht Niklaus auf, geht um den Tisch herum, zieht Anneli zu sich hoch und küsst sie lang und herzhaft … und sagt danach: «Ja, so machen wir das.»
Niklaus Steinmann und seine Ehefrau Anna Bigler lebten fortan auf dem Hof Fulpelz in Richigen und versuchten sich durch die schwierigen Zeiten zu bringen. Ihr Sohn Christian wird den Fulpelz übernehmen, der bei den späteren Steinmanns als Familienhof gilt, und die Kehrmatt wird in Vergessenheit geraten. Dort starb 1809 die Mutter Anna, geborene Aeschlimann, und Käthy heiratete wohl tatsächlich. Ihr Gatte führte die Kehrmatt mit ihr, der Witwe von Hans, weiter, stets unter der Mithilfe von Katharina, der Schwester von Niklaus (gestorben 1852). Näheres ist leider nicht bekannt.
*** Tatsächlich wurde die Witwe von Hans noch im Januar 1807 wegen dem Wasserfrevel angeklagt. 2. Februar 1807 > In Verhör und Verhandlung vor dem Oberamtmann von Graffenried in Konolfingen werden Major Kirchberger, Schlossherr zu Wyl (Schlosswyl), und Hans (Johann) Galley und die Witwe von Hans (Johann) Steinmann im Hürnberg in ihrem Streit um das Wasser ab den «Kehrmatten» im Hürnberg zu freundlicher Vereinbarung gemahnt. Beilagen: Croquis der «Kehrmatten» und der dortigen Wasserleitungen, Vorladung für Hans (Johann) Galley und Niklaus Wüthrich (Vogt der Witwe Steinmann) vom 28.01.1807, Akt vom 24.10.1798. Vgl. Urkunde vom 14.09.1739, 30.06.1781, 20.08.1797 und 17.02.1800.13
13 Zitat gemäss Staatsarchiv Kanton Bern.
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«Das permanente Donnern der Kanonen, das Geknalle, Geknatter der Gewehre, das Gebrüll der Kämpfenden, das Schreien der Verletzten, der beissende Rauch, der einem die Sicht nimmt, und dieser Gestank von Blut, Exkrementen und schweissigen Soldaten, nein, nicht mehr daran denken.»
«Daheim! Endlich daheim! Nach allem, was ich auf den langen Märschen, den vielen Schlachtfeldern, den toten Kameraden erlebte, hätte ich nie gedacht, je wieder in die Kehrmatt zurückzukommen. (Symbolbild: Rückkehr des heimkehrenden Söldners)
«Ich habe diese spanischen Dublonen einem toten russischen Offizier abgenommen.» 88
«Wir hatten in Näfels einen grossen Sieg über den berühmten General Suworow (oben links) errungen. Er hätte sich deshalb verlustreich über die bereits verschneiten Berge ins Bündnerland absetzen müssen.» 89
«Das permanente Donnern der Kanonen, das Geknalle, Geknatter der Gewehre, das Gebrüll der Kämpfenden, das Schreien der Verletzten, der beissende Rauch, der einem die Sicht nimmt, und dieser Gestank von Blut, Exkrementen und schweissigen Soldaten, nein, nicht mehr daran denken.»
«Daheim! Endlich daheim! Nach allem, was ich auf den langen Märschen, den vielen Schlachtfeldern, den toten Kameraden erlebte, hätte ich nie gedacht, je wieder in die Kehrmatt zurückzukommen. (Symbolbild: Rückkehr des heimkehrenden Söldners)
«Ich habe diese spanischen Dublonen einem toten russischen Offizier abgenommen.» 88
«Wir hatten in Näfels einen grossen Sieg über den berühmten General Suworow (oben links) errungen. Er hätte sich deshalb verlustreich über die bereits verschneiten Berge ins Bündnerland absetzen müssen.» 89
Zum verschollenen Bruder Hans:
«Anfangs Dezember 1804 nahmen wir in Paris an der Kaiser-Krönung von Napoleon teil. Wir mussten «Pfyffe-Lampe-Öl» rufen, denn die meisten von uns konnten «Vive l'Empereur» nicht aussprechen.»
«Nach Paris ging es zurück zur 2. Halbbrigade, welche anfangs 1805 nach Neapel verschoben wurde.» 90
In der verlustreichen ersten Schlacht bei Zürich fiel auch Johann Weber, der von Hans verehrte und berühmte Sieger von Neuenegg.
Die 3. Halbbrigade wurde trotz Protesten der Schweizer Offiziere anfangs 1802 nach den Antillen verschifft. Dort galt es, einen Sklavenaufstand in einer Kolonie niederzuschlagen. Hans kam nicht mehr zurück. 91
Zum verschollenen Bruder Hans:
«Anfangs Dezember 1804 nahmen wir in Paris an der Kaiser-Krönung von Napoleon teil. Wir mussten «Pfyffe-Lampe-Öl» rufen, denn die meisten von uns konnten «Vive l'Empereur» nicht aussprechen.»
«Nach Paris ging es zurück zur 2. Halbbrigade, welche anfangs 1805 nach Neapel verschoben wurde.» 90
In der verlustreichen ersten Schlacht bei Zürich fiel auch Johann Weber, der von Hans verehrte und berühmte Sieger von Neuenegg.
Die 3. Halbbrigade wurde trotz Protesten der Schweizer Offiziere anfangs 1802 nach den Antillen verschifft. Dort galt es, einen Sklavenaufstand in einer Kolonie niederzuschlagen. Hans kam nicht mehr zurück. 91