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Stille Orte Band 2 (Kurzvorschau)

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ba n d 2 Innehalten. Durchatmen. Geniessen. Die Schönheit in der Stille finden. Das Schöne gleich hinter der nächs­

sophie, befasst sich seit je mit Fotografie und schreibt

ten Ecke. An Seen, Flüssen und Bächen. In Wäldern und Moorlandschaften. In Bergen und Tälern. Und in der

und fotografiert seit über dreissig Jahren als Journalist mit

Stille entfaltet es sich in seiner ganzen Pracht. Wie der erste Band von «Stille Orte der Schweiz» ist auch

Schwerpunkt Kultur und Reisen. Seit zwei Jahrzehnten

dieses Folgewerk des «Schweizer Familie»-Journalisten und -Fotografen Heinz Storrer ein unaufdringliches

­arbeitet er bei der Zeitschrift «Schweizer Familie». Sei­

Plädoyer dafür, der Stille zu lauschen und unser Land neu zu entdecken.

ne Fotoreportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. Der Zürcher mit Schaffhauser und Innerschweizer Wurzeln lebt am Zürichsee.

ISBN 978-3-85932-713-9

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S t i ll e O rt e D e r S chw e i z

studierte deutsche und englische Literatur sowie Philo­

H e i n z S to r r e r

S TI L L E ORTE

te. Die Baumgruppe, deren Zusammenhalt einen rührt.

BAND 2

glitzernde Schnee. Mit seinen Fotos und Texten versucht

DER S C HWEIZ

M A L ERI S C H E S EE n , V ER W U N S C H ENE L A N D S C H A F TEN

In der Stille zeigt die Welt sich von ihrer schönsten Sei­ Der kleine Wasserfall, elegant wie ein Seidenfoulard. Die Nebelschwaden, die aus einem Weiher steigen. Die Son­ nenstrahlen, die mit dem Blattwerk spielen. Der gleissende, Heinz Storrer, unseren Blick für das nahe liegend Schöne zu schärfen und den Zauber des Augenblicks festzuhalten. Seit 2005 tut er dies in der Zeitschrift «Schweizer Familie» mit der viel beachteten Fotoreportagen-Serie «Stille Orte der Schweiz», und dies gelingt ihm auf das Vortrefflichste auch in diesem zweiten auf der Reportagen-Serie basie­ renden Bildband.

H e i n z S to r r e r

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Herbstliche Werdinsel: Dösender Weidling am Ufer der thurgauischen Klosterinsel.

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Das H ö r e n der Stille Wie tönt die Stille? Tickt sie wie das Werk einer mechanischen Uhr? Knarrt sie wie eine ausgeleierte Holztreppe? Pfeift sie wie ein rostiger Dampfkessel? Brüllt sie wie ein verwundeter Stier? Jedenfalls muss sie bisweilen schön laut werden, um sich in den verstöpselten und dauerberieselten Köpfen Gehör zu verschaffen. Die Stille kann ohrenbetäubend sein. Davon zeugen Berichte von Reisenden, die der Zivilisation und ihrem Lärmpegel vorübergehend den Rücken gekehrt haben. Nach ihrer Heimkehr erzählen sie, wie sie im Dunkel aus den Laken fuhren, weil ihnen die vertrauten Geräusche fehlten: das ­Bimmeln der Kuhglocken, das Rauschen des Strassenverkehrs, das Knarzen der Dachbalken. Oder sie erzählen, wie sie auf einem Fussmarsch erstarrten, weil sie immer wieder dieses fürchterliche Röcheln hörten. Bis sie realisierten, was es war: ihr eigener Atem. Das Ereignis der Stille funktioniert nach dem Ausschlussverfahren. Je weniger wir hören, umso mehr hören wir es. Etwa den tropfenden Wasserhahn, den wir tagsüber nicht einmal wahrnehmen, der uns aber nachts, sobald der Tag verstummt ist, den Schlaf raubt. In solchen Momenten demonstriert uns die Stille, wie taub wir geworden sind. Wie können wir etwas hören, das aus der Abwesenheit von Geräuschen entsteht? «Indem wir bereit sind, uns zu verlieren», sagt Heinz Storrer. Insofern ist er der einzige ­– zumindest mir bekannte – Reiseautor, dessen Primärziel die Desorientierung ist.Weil es ihm in erster Linie um die Vermessung der Stille geht – von ihren Rändern her bis zu ihrem Epizentrum. Darum gehen seine Spaziergänge­ nicht bloss über Stock und Stein. Sie führen vielmehr hinter die Schallmauer des chronischen ­Alltagsgedudels. An Orte, wo uns das Sehen vergeht. Aber zuallererst das Hören.

Michael Solomicky

Stv. Chefredaktor Schweizer Familie

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Thurauen im Frühling. Stille Lagunen, verträumte Buchten und Entspannen in erwachender Natur.

T h u r au en | S c h a f f h au sen u n d z ü r i c h

Wo d i e Wa sse r s ic h t r e f f en Flaach

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Alter Rhein. Tümpel und Lagunen des Alten Rheins bieten Vögeln und Bibern ein intaktes und geschütztes Brut- und Lebensgebiet.

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Stille Schönheit. Von dichtem Wald umstandene Lagune des Alten Rheins.

Wald mit Aussicht. Bei Rüdlingen gewährt ein «Wald-Fenster» einen heimlichen Blick auf einen brütenden Schwan.

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Magisches Doppel. Die Welt im Spiegel des Rheins bei Rüdlingen.

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T h u r au en | S c h a f f h au sen u n d z ü r i c h

Wo d i e Wa sse r s ic h t r e f f en Ein milder Tag im April. Kein Hauch von Winter über

Ein Biber, der den Ast zur Uferböschung schleppt?

den Thurauen. Bäume und Wiesen tragen Grün, der

Mitten am Vormittag? Nun, möglich wäre es – nicht

Himmel sattes Blau, und die Thur strömt träge dahin

gerade wahrscheinlich, aber möglich. Biber hat es in

und mündet ohne Hast in den Rhein. Ich sitze beim

den Thurauen viele, ihre Spuren sind unübersehbar. Es

Thurspitz auf einem Baumstamm, geniesse die Sonne

gefällt den Nagern in der grössten Auenlandschaft des

und die Ruhe, die von der Auenlandschaft ausgeht, bli- Mittellandes, und hier, wo Rhein und Thur sich treffen, cke hinüber, wo Thur und Rhein sich vereinen, und

scheinen sie sich besonders wohl zu fühlen.

lasse meine Gedanken mit den Wassern treiben. Nach

Aber wer weiss, vielleicht waren es ja doch bloss Karp-

Eglisau. Vorbei an Basel und Strassburg. An Köln und

fen. Von denen hat es nämlich genug. Zumindest im

Rotterdam. Bis hinunter zur Nordsee und weiter.

seichten, ruhigen Wasser am Ufer und zwischen den

Während Jahrtausenden hat der Lachs diese Strecke

Kies- und Schotterbänken. Und es ist faszinierend zu-

zurückgelegt, hin und zurück, einen Weg von jeweils

zusehen, wie sie bläulich schimmernd durchs seichte

mehr als tausend Kilometern, er hatte es spielend ge- Uferwasser wuseln, immer mal wieder durch die Oberschafft und in grosser Zahl. Noch zu Beginn des 20. fläche stossen, davonpfeilen und wiederkehren und sich Jahrhunderts hatten Bedienstete reicher Schaffhauser es

winden und verrenken wie Tänzer auf einer Bühne.

sich vertraglich ausbedungen, nicht jeden Tag mit Lachs

Ich schlendere durch den Auenwald zur Thurbrücke.

abgespiesen zu werden. Der Fisch bestimmte das Leben

Der Weg am Ufer entlang ist nicht passierbar, da Ar-

der Menschen am Fluss. Auch jenes der Einwohner von

beiten zum Hochwasserschutz und zur Renaturierung

Ellikon, dem Rheindörfchen unweit der Thur-Rhein- der Thurauen im Gang sind. Die Wanderung durch Mündung. 1918, nach dem Bau des Kraftwerkes Eglisau, den Wald ist jedoch eine reizvolle Alternative. Der Fluss wurde der Ort ans Stromnetz angeschlossen. Das Licht

fingert stellenweise tief in den Forst hinein, hinterlässt

ging an in Ellikon – und der Lachs blieb aus.

sumpfige Stellen, mit Schilf und moosigem Totholz. Im Dickicht raschelt es, Vogelgezwitscher über allem,

B i be r f r a ss u n d K a r p f en ta n z

schlanke Bäume, meist Birken und Erlen, die in den

Eine Bewegung im Fluss reisst mich aus meinen Ge- Himmel ragen, dichtes Unterholz, schattige Tümpel – danken. Das Wasser kräuselt sich. Schlägt Wellen. Ein

ein Paradies für Insekten und Frösche.

grosser Stein? Ein Ast, der sich im Flussbett verfangen hat? Karpfen im Frühlingstaumel? Oder gar ein Biber

Ze i t r e i sen u n d S e i l f ä h r en

auf dem Nachhauseweg? Ich kneife die Augen zusam- Der Wald ennet der Thurbrücke ist licht, aber dicht, men, starre aufs Wasser, sehe einen belaubten Ast. Und

und der Wanderweg durch den Forst nimmt sich bis-

glaube zu sehen, wie etwas Flaches auf die Wasserober- weilen aus, als führe er durch einen schnurgeraden, grüfläche klatscht. Eine Karpfenflosse? Die Kelle eines Bi- nen Tunnel aus Ästen und Blattwerk. Als ich zum Wald bers? Bewegt der Ast sich nicht flussauf- und uferwärts?

hinaustrete, stehe ich vor einer Frühlingswiese – Blu-

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Unterwegs. Während ein Roter Milan über den Feldern kreist, setzen in Ellikon Wanderer mit der kleinen Rheinfähre zum deutschen Ufer über.

men, wohin das Auge blickt. In der Ferne ein Bauer auf

nach Rüdlingen spazieren. Zuvor jedoch werde ich mir

einem Traktor, dahinter der Kirchturm vom zürcheri- in Ellikons «Rhygarte» einen Kaffee genehmigen. Oder schen Ellikon und über mir im tiefblauen Himmel ein

ein kühles Bier.

Roter Milan, der aufmerksam seine Kreise zieht. Der Vogel wird sehen, was ich nur ahne: Ellikon und

D i e E ve r g l a d es vo m Alt en R h e i n

Umgebung bilden bloss eine kleine Lichtung in einem

Der Alte Rhein bei Rüdlingen ist eine Welt für sich.

grossen, von Rhein und Thur durchzogenen Wald – 1897 trennte ihn eine Wasserlaufkorrektur mit einem eine Vorstellung, die in mir das Bild von ungebändigter

Damm vom Fluss, im Sommer jedoch überflutet der

Wildnis wachruft. Ich sehe ins Unendliche sich erstre- Fluss Altlauf und Inseln und schafft ein Paradies für ckende Wälder. Schattige Flussauen. Wildschweine im

Pflanzen und Tiere. Auf dem Wasser Seerosen und sel-

Unterholz. Mäandernde Flüsse. Bären beim Fischen. tene Wasserpflanzen, gesäumt von Schilf- und RöhSandbänke. Ich höre den Schrei eines Greifvogels.

richtgürteln, dahinter Silberweiden und Grauerlen, an

Für einen Augenblick rückte der Milan mich in eine

den Hängen Buchenwälder. Im Hinterwasser machen

andere Welt. Manchmal genügt eine flüchtige Banalität

Biber sich über Wasser- und Sumpfpflanzen her und

wie das Platschen des Wassers oder der Flug eines Vogels, tun sich an den Weiden gütlich,Totholz vermodert und um aus Raum und Zeit zu fallen.

vermoost im Wasser, Frösche klettern auf Schilf und

Am Rheinufer raste ich, blicke zu Thurspitz und Au- Gebüsche, Wasservögel brüten im Schutz des Röhenwald. Ein Freizeitkapitän lässt sein Boot flussabwärts

richts, andere Arten im Unterholz des Auenwaldes.

treiben, Enten nähern sich, Schwäne posieren vor dem

Eine urtümliche Welt, unwirklich fast, grad so, als wäre

Schilfgürtel. Auf der andern Rheinseite Spaziergänger, sie die Kulisse eines Dokumentarfilmes über die letzüber dem Wasser schwirren Mücken, und versteckt

ten Paradiese der Erde. Wer beim Bummel zwischen

hinter einer Biegung des Flusses liegt Ellikon.

Thurmündung und Rüdlingen den Blick auf die ver-

Das schmucke Dörfchen, einst im Besitz des Klosters

landete Wasserlandschaft des Alten Rheins richtet und

Rheinau, seit 1452 zu Zürich gehörig, ist gewissermas- der Fantasie freien Lauf lässt, dem kann es durchaus passen ein Brücken-Dorf ohne Brücke – auf der andern

sieren, dass der Uferweg ihn mitten in Floridas Evergla-

Rheinseite liegt Deutschland, und wer übersetzen will, des führt. Und wenn er dann plötzlich im Brackwasser muss dies in einer Drahtseilfähre tun. Wie seit Jahr und

zwischen Wasserpflanzen und Schilf einen Alligator

Tag. Früher wurden die Reisenden allerdings mit Weid- auftauchen sieht, kann er dies ruhig glauben. Denn lingen über den Rhein gebracht, erst seit 1903 besorgt

wenn der Flug des Milans weit in die Vergangenheit

dies ein am Seil befestigter Nachen.

führen kann, können die verlandenden Wasser des Al-

Ich werde mich später am Seil auf die deutsche Seite

ten Rheins auch Everglades-Alligatoren in Thurauen

ziehen lassen und dann auf dem Uferweg zwischen

bringen. Sollten Sie also dereinst auf dem Weg durch

Rhein und den verlandeten Armen des Alten Rheins

diese Auenlandschaft sein, geben Sie acht…

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