Eine fesselnde Familiensaga aus dem Berner Oberland
Ein Fremder kommt in ein armes Bergdorf. Niemand ahnt, dass er hier seine Wurzeln hat. Im Gegensatz zu den Einheimischen ist er offen für Neues. Er lässt sich nieder und gründet eine Familie. Seine Ideen verwandeln das Dorf in einen Nobelort, der reiche Touristen und Investoren anlockt. Felsigen wird gerettet, aber abhängig von den Fremden. Diese bringen Wertvorstellungen mit, die den Charakter der Landschaft und der Bergler verändern. Fehlentwicklung, Schicksalsschläge und eine unerwartete Bedrohung bringen Felsigen und die Familie des Dorfretters an den Rand des Abgrunds. Inspiriert von seiner eigenen Herkunft, erzählt Philippe Daniel Ledermann in seinem neuen Roman eine bewegende Familiensaga.
ISBN 978-3-03818-351-8 Werd und Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch
Philippe Daniel Ledermann
Felsigen
Philippe Daniel Ledermann Felsigen Eine fesselnde Familiensaga aus dem Berner Oberland
Roman
Felsigen
Philippe Daniel Ledermann
Widmung Dieses Buch ist meinem langjährigen Lektor Rolf Grossenbacher sowie dem ganzen Team des Weber Verlag zum dreissigsten Geburtstag des Unternehmens gewidmet, namentlich meiner Verlegerin Annette Weber-Hadorn, ihrem Ehemann Dr. Theodor Weber-Hadorn und Madeleine Hadorn.
Inhaltverzeichnis Widmung............................................................................................... 5 Prolog.................................................................................................... 9 1 Der Fremde....................................................................................... 15 2 Der viertürige Lord.......................................................................... 24 3 Cortina d’Ampezzo.......................................................................... 30 4 Tornami a dir che m’ami.................................................................. 36 5 Tante-Emma-Laden......................................................................... 39 6 Das Dorf........................................................................................... 42 7 Dritteinwirkung............................................................................... 47 8 Die Gemeindeversammlung............................................................ 49 9 Wertpapiere...................................................................................... 55 10 Hochzeitstisch................................................................................ 59 11 Erste Erfolge................................................................................... 62 12 Sturheit........................................................................................... 67 13 Knurren.......................................................................................... 70 14 Veränderungen............................................................................... 74 15 Champs-Élysées............................................................................. 78 16 Fünfundzwanzig Jahre später........................................................ 83 17 Geld und Geist.................................................................................91 18 Einsicht........................................................................................... 98 19 Die Operndiva.............................................................................. 102 20 Fakten........................................................................................... 108 21 Russland........................................................................................113 22 Eine hirnrissige Mutmassung.......................................................116 23 Ein Phantombild........................................................................... 122 24 Blumenduett................................................................................. 129 6
Prolog
«E
iner von uns beiden ist verrückt – ich bin es nicht!», schrie der Alte seinen Sohn Alexander an und schlug wutentbrannt mit seiner mächtigen Faust auf den Tisch. Er brüllte gleich weiter, ohne Atem zu holen: «Entweder machst du jetzt, was ich sage, oder du packst deine sieben Sachen und verschwindest! Und sieh dich an, wie du seit dem Aufenthalt im Ausland daherkommst, man muss sich ja schämen mit dir: deine neumodische Frisur mit diesen langen Haaren, der scheussliche Schlapphut mit umgelegtem Kragen! Pfui Teufel!», tobte der Vater, der Hans hiess und nicht den Vornamen Alexander trug wie dessen Vater und alle Erstgeborenen des Geschlechts Neuenschwander. Nichts, aber auch gar nichts war dem Alten an seinem Hoferben recht.
Das war im Jahr 1914, Anfang Sommer, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Schon am nächsten Tag verliess der zwanzigjährige Sohn Alexander den Hof seiner Familie, den er zu Lebzeiten seines Vaters nicht mehr betreten sollte. Er verabschiedete sich nur von der weinenden Mutter und verschwand aus dem Dorf und dem Leben seiner Freunde, seiner ehemaligen Schulkameraden und seiner Bekannten. Manch gehässiges Wort war schon seit Monaten am Esstisch in der Küche des alten, mächtigen Bauernhauses gefallen, das nach Süden gerichtet war mit seitlichem Blick hinauf zur riesigen Alp, die auch zum Hof gehörte. Dahinter ragte das 9
Felsenhorn in den Himmel hinauf – die Verbindung zwischen der Erde und der Ewigkeit. Jener Berg hatte dem Gut den Namen gegeben: Felsenhornhof. Der teure und mit grossem Aufwand restaurierte alte, schwere Esstisch, an dem die Streithähne an jenem glühenden Sommertag zunächst sassen, sich aber mit zunehmender Lautstärke gestikulierend darum herumbewegten, hätte eigentlich der Schlüssel zu einem neuen Glück in der F amilie Neuenschwander sein sollen. Das prächtige, ausziehbare Kirschbaummöbel mit schmiedeeisernen Beschlägen war für eine zukünftige kinderreiche Familie gedacht; ein Geschenk an den Bräutigam, den einzigen Sohn des reichen aber auch streitsüchtigen Bauern, und an die Braut, Annabarbara Brechbühl, vom grössten Hof im Nachbardorf, dem Bühlhof, nur wenige Kilometer entfernt. Dem uralten Brauch gehorchend, wurden stets alle erstgeborenen Töchter der Brechbühls auf den Namen Annabarbara getauft. Die äussersten Zipfel des Weidelandes der beiden Höfe berührten sich auf einer kurzen Strecke entlang eines kleinen, überwachsenen Baches. Dort, im Gebüsch, hatten sich die Bauernkinder, der Bub zwei Jahre älter als das Mädchen, zum ersten Mal heimlich geküsst. Alexander und Anna barbara waren sich seit jenen kindlichen Küssen am Bach einig, dereinst Mann und Frau zu werden, eine Schar Kinder zu haben und, wenn die Alten einmal hinter der Kirche lägen, die beiden Höfe möglicherweise zusammenzulegen. Ein dickes Holzbrett, das Alexander über das Rinnsal gelegt hatte, wies schon seit Jahren darauf hin, dass die beiden 10
grössten Höfe der Gegend zusammengehören sollten, ganz im damaligen Sinne der zwei Väter. Wenn sich diese beiden früher alles missgönnten und sich oft wie zwei Kettenhunde mit fletschenden Zähnen anbellten, so waren sie sich in ihrer Heiratspolitik nach zähen Verhandlungen doch einig geworden. Seither, nach jahrelangem Krieg, sprachen sie auch – wieder miteinander. Die Idee mit der Hochzeit über den Bach war nicht neu. Schon ihre Urväter hatten sie; erstmals schriftlich belegt im Jahr 1815. Der wunderschöne Tisch war damals fertiggestellt bis auf die Gravur. Doch der erstgeborene Neuenschwander, aus besagten Gründen auf den Namen Alexander getauft und mit der Hofnachbarin Annabarbara Brechbühl verlobt, kehrte nicht mehr aus dem Waterloo des Vereinigten Königreichs der Niederlande zurück, wo er als Söldner auf der Seite Napoleons gekämpft hatte. Also sprang sein jüngerer Bruder in die Bresche und heiratete die Annabarbara. Anstelle des Namens Alexander wurde nunmehr der Name Johannes Neuenschwander eingeschnitzt. Da jedoch die Väter, trotz der Verbindung ihrer Kinder, das Regieren auf dem eigenen Grund und Boden nicht aufzugeben bereit waren, kam es letztendlich doch nicht zur Zusammenlegung der Höfe. Und nun, knapp hundert Jahre später, sollten die Karten zwischen Neuenschwanders und Brechbühls mittels Heirat der beiden Kinder neu gemischt werden. Aber dieses Mal verhinderte nicht der Tod den neuen Hochzeitspakt der Hofnachbarn, sondern der grauenvolle Streit und der unerwartete Exodus des Sohnes. Nicht etwa, dass er Annabarbara 11
nicht gemocht und gewollt hätte, ganz im Gegenteil. Er hatte jedoch, was seine bäuerliche Zukunft anging, ganz anderes im Sinn. Bauern ja, aber nicht wie sein Vater oder die Grossväter oder der Schwiegervater in spe. Seit seiner Rückkehr aus der Fremde hatte der Junior ganz andere Pläne. In den drei Jahren im Deutschen Kaiserreich wandelte sich sein Bild des Landbebauens und der Tierhaltung komplett. Doch davon wollten die Alten hüben und drüben mitsamt der Braut nichts wissen. «Dann eben nicht!», sagte sich Sohn Alexander und beschloss, gegen die Heiratspolitik der beiden Väter und damit auch gegen Annabarbara zu opponieren. Angefangen hatte Alexanders Gesinnungswandel mit einem Buch, das ihm auf der Wanderung durch Deutschland in die Hände gefallen war. Wie oft hatte er früher zu Hause mit seinem Vater über schlechte Ernten diskutiert und was man dagegen tun könnte. «Nichts», hatte der Vater jeweils gesagt, «das ist Schicksal, dagegen ist der Mensch machtlos!» Damit war das Thema vom Tisch. Und nun las der Sohn in diesem Buch unter anderem in Beiträgen des Chemikers Justus von Liebig, dass der Mensch seit jeher nach Methoden suche, das Pflanzenwachstum zu verbessern, die Ernte vor Schädigungen zu bewahren, um Qualität und Erträge zu steigern und die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Bereits in der Antike soll sich der Mensch chemischer Methoden bedient haben, nämlich mit der organischen Düngung, also mit Stallmist, Kuhdung und Gülle sowie pflanzlichen Abfallprodukten als Kompost. Oder man nutzte Überschwemmungen. So soll sich etwa der liegen gebliebene Schlamm des Nils in Ägypten als mineralischer Dünger sehr gut auf die Produktion ausgewirkt haben.
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Alexander verschlang die Zeilen und erfuhr, dass trotz ausreichender Versorgung der Pflanzen die Ernten nicht s elten durch Insekten und Pilzbefall vernichtet wurden, wenn auch nicht ganz, so doch in beträchtlichem Ausmass. Und was machten jene Menschen dagegen bereits im Altertum? Sie wagten Versuche. So sollen die Bauern gegen Pilze in Öl suspendierten Schwefel und Arsen als Insektizid eingesetzt haben. Im ersten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts begannen die Menschen, Beizen zu entwickeln aus Salzwasser und Kalk gegen den Pilzbefall von Getreidesamen. Um das Jahr 1800 empfahl Alexander von Humboldt den Einsatz von Vogelkot, genannt Guano, einem feinkörnigen Gemenge von verschiedenen Phosphaten, sowie den Einsatz von Chilesalpeter. Mit solchen und ähnlichen Ideen war der junge A lexander nach seiner Heimkehr an den Vater getreten und hatte versucht, ihn von neuen Methoden zu überzeugen. Da war er aber an den Falschen geraten: «Nichts wird geändert, solange ich lebe, nichts, Punktum!» Der Vater war damals gut fünfzig Jahre alt. Da hätte der Sohnemann noch lange warten müssen, bis er das Zepter endlich in die Hand hätte nehmen können. Also verliess Alexander enttäuscht und wütend seine Heimat. Wie eine Feuermeldung ging der Bruch zwischen Vater und Sohn Neuenschwander durch das Dorf. Kein Mensch wusste, wohin Alexander gegangen war, noch sollten seine Eltern je erfahren, was aus ihrem einzigen Kind wurde. Der Alte konnte seinem Sohn, dem «Grosskotz», diesen «Verrat an der Familie», wie er es wutentbrannt nannte, nie verzeihen. Auf der anderen Seite konnte der geknechtete 13
ilius den unbarmherzigen Streit und des Vaters Abweisung nie F vergessen. Verzeihen ist oft schwer, aber vergessen unmöglich. Mittlerweile lag der Vater längst auf dem Friedhof hinter der Kirche. Die Mutter hatte nach dessen Tod noch eine Zeit lang dement auf dem grossen Hof vegetiert, der seit Jahren von einem Pächterehepaar bewirtschaftet wurde. Alexander war kurz bevor sein Vater das Zeitliche segnete für tot erklärt worden. Noch zu Lebzeiten der Eltern war der riesige Hof zu verkaufen. Aber für den Pächter oder einen Einheimischen war er viel zu teuer, selbst dann noch, wenn die dazugehörigen Alpen und Weiden mit den Quellen oben in den Bergen und die Wälder einzeln abgegeben worden wären. Nach dem Tod der Mutter kam das ganze Erbe an die Gemeinde, und ein Notar aus der nächstgelegenen Stadt Thun wurde vom Gemeinderat Felsigen mit dem Verkauf betraut.
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1 Der Fremde
D
ie Jahre waren ereignislos dahingeschlichen, bis eines Tages im Sommer 1955 ein Fremder im Dorf auftauchte. Kein Mensch wusste, wer er war, noch woher er kam, noch was er tat, oder was er in dieser armseligen Bergsiedlung zu suchen hatte. Er erkundigte sich im Alpengruss, der kleinen, aber gefälligen Pension mit Restaurant, nach einem Zimmer, um sich in der Stille und in der guten Luft ein paar Wochen zu erholen, wie er mit sonorer Stimme sagte. Der Wirtin fielen sofort die guten Manieren des Fremden auf, der sich Wil Leeman nannte. Er hat etwas Aristokratisches an sich – ein junger Kavalier der alten Schule, dachte sie, gross und schlank, wie er war, mit seiner hohen Stirn, unter welcher hellblaue Augen sie wachsam und ruhig ansahen. Sogar ihre Stammtischgäste, allesamt Männer aus dem Dorf, nahmen den Ausländer als angenehme Person wahr und begehrten schon nach ein paar Tagen, mehr über den Unbekannten zu erfahren. Die Felsiger waren neugieriger als Waschweiber. Die Wirtin, bedacht, ihren treuen Kunden möglichst lange zu behalten, gab ihren Schnapsbrüdern zu verstehen, dass sie selbst nichts vom Gast wisse, da er nur wenig spreche und fast nur Englisch. Nach dem Akzent zu schlies sen, komme er wohl aus Amerika und dürfte sehr reich sein, das sehe man an seinen Kleidern und am Gepäck. Bereits am nächsten Tag wusste des Krämers Frau zu berichten – sie wusste es aus der sicheren Quelle ihres Mannes, 15
der am Vortag im Alpengruss am Stamm war –, der junge Feriengast sei ein Fabrikant aus New York. Die Frau in der Molkerei sah sich jedoch sogleich genötigt, die Krämerin dahin gehend zu korrigieren, dass der Mann aus Washington komme und seinem Auftreten nach sicher im Weissen Haus zu tun habe. Der Fremde nahm sein Abendessen jeweils in der Gast stube ein, wo er den Stammtischprofis ab und zu freundlich zulächelte und zunickte, obwohl er doch kein Wort ihrer seltsamen Sprache verstehen konnte. Er unternahm täglich weite Spaziergänge und erkundigte sich bei der Wirtin abends in gebrochenem Deutsch über dieses und jenes im kleinen Dorf oder in der Umgebung. An den Wochenenden, wenn die Tochter der Gastgeberin nach Hause kam, um ihre Mutter zu besuchen, erkundigte er sich bei dieser vor allem über die jungen Leute und ihre Berufe und Tätigkeiten im Dorf. Er war erstaunt zu hören, dass in diesem abgelegenen Dorf, wo es kaum ein Auskommen gab, überhaupt noch junge Menschen lebten und arbeiteten. Nicht selten lud der charmante Gast die junge, hübsche Tochter und ihre Mutter auf ein Glas Wein ein. Dann sassen die drei an einem Tisch in der kleinen, heimeligen Gaststube und unterhielten sich. Das Plaudern mit der Tochter, sie hiess Sophia, liebte er besonders. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ihre schwarzen Haare meistens hochgesteckt hatte, trug Sophia eine Bubikopffrisur, die ihr fröhliches, zartes und engelhaftes Gesicht betonte. Dies und ihre zierliche Figur erinnerten Wil an die Filmschauspielerin Audrey Hepburn, die gerade ihre ersten grossen Erfolge feiern konnte. Sophias Schönheit faszinierte ihn, aber auch, dass sie fliessend Englisch sprach. 16