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Roy Oppenheim – Mummenschanz (Kurzvorschau)

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Die Virtuosen der Stille und ihre erfolgreiche Reise durch die Welt der Fantasie

ROY OPPENHEIM

ROY OPPENHEIM

ROY OPPENHEIM

Die Virtuosen der Stille und ihre erfolgreiche Reise durch die Welt der Fantasie

50 Jahre Mummenschanz – Das ist die Erfolgsgeschichte einer einzigartigen Theatergruppe, wie sie die Welt zuvor noch nie gesehen hat. Mummenschanz ist mit Tausenden von Aufführungen auf allen Kontinenten, in allen Kulturen erfolgreich. Sie spielten über 3 Jahre am Broadway in New York und waren zeitweise mit mehreren Formationen unterwegs. 2022 feiert die Schweizer Company ihr 50-Jahr-Jubiläum. Mummenschanz hat eine eigene poetische Kunstform geschaffen, ein universelles Theater der Masken und Gestik, das auch nach 50 Jahren noch immer geheimnisvoll ist und die Fantasie anregt. Das Buch zeichnet die spannende und berührende Geschichte nach. Ehemalige und heutige Akteure, Zeitzeugen aus fünf Jahrzehnten kommen mit Bildern, Zeichnungen und Texten zu Wort.

ISBN 978-3-03922-129-5 Weber Verlag AG CH-3645 Thun / Gwatt www.weberverlag.ch

neutral Drucksache No. 01-12-409142 – www.myclimate.org © myclimate – The Climate Protection Partnership

Umschlag_Mummenschanz_RZ.indd Alle Seiten

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Inhalt Vorwort ....................................................................................................... 9 Kapitel 1 Die drei Gründer ................................................................10 Kapitel 2 1971. Programm EVOLUTION ..................................... 44 Kapitel 3 1981. Programm THE NEW SHOW ......................... 108 Kapitel 4 1989. Programm ENCORE ........................................... 168 Kapitel 5 1995. Programm PARADE ........................................... 188 Kapitel 6 1999. Programm NEXT ................................................ 200 Kapitel 7 2006. Programm 3 × 11 .................................................. 216 Kapitel 8 2011. Programm 40 JAHRE .......................................... 226 Kapitel 9 2014. Programm 4 FAMILIES / Programm YOU & ME .................................................... 234 Kapitel 10 Unterschiedliche Kulturen und Reaktionen – und doch eine gemeinsame Sprache. Ein Rückblick ................................................................... 260 Kapitel 11 MUMMENSCHANZ lebt – neue MUMMENSCHANZ-Generationen sind bereit – die Company verändert sich ......................................... 266 Epilog ...................................................................................................... 279 Anhang .................................................................................................. 280

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Vorwort

Es ist September 1972, in der Schalterhalle einer schweizerischen Grossbank am Zürcher Paradeplatz. Unversehens finden sich Bankangestellte und Zaungäste in eine seltsame Aktion verwickelt, wie der Kulturjournalist Peter K. Wehrli damals berichtet. Zuschauer erhalten eine Maske über den Kopf gestülpt, damit man sich «vor den andern» schützen könne. Andere erhalten eine Papierrolle in die Hand gedrückt, die sie abrollen und wieder aufwickeln sollen, weil «alle Papierrollen der Welt verkehrt herum aufgewickelt sind», wie die Anführer dieser verspielten Eskapade mitteilen. Teils zaghaft, teils ratlos lassen sich nach und nach immer mehr Leute zum überraschenden Spiel verleiten: Aus Zuschauern werden Teilnehmer. Initianten sind zwei junge Schweizer Darsteller, die eben erst von ihrer Ausbildung in Paris zurückgekehrt sind: Andres Bossard und Bernie Schürch. Mit ihrem Programm, das immer auch den Rand des Happenings streift, haben sie den Graben zwischen Bühne und Zuschauerraum gesprengt, aber auch den noch viel breiteren Graben zwischen Kunst und Alltag. Durch die Verlegung ihrer Vorstellung vom Bühnenraum in die Schalterhalle einer Bank lösen sie mehr Betroffenheit aus, als dies bislang auf der abgetrennten Bühnenfläche und im entrückenden Lichtzauber der Scheinwerfer eines Theaterraumes möglich ist. Kurz nach diesem Happening von 1972 stösst noch eine dritte Person zur Gruppe von Andres Bossard und Bernie Schürch hinzu, die Italo-Amerikanerin Floriana Frassetto. Das magische Trio MUMMENSCHANZ entsteht. Zwischen damals und heute liegen 50 Jahre des Weiterarbeitens. Ihrem Trio haben sie einen ebenso einfachen wie vieles bedeutenden Namen gegeben: «MUMMENSCHANZ». Dies ist die Erfolgsgeschichte einer unverwechselbaren Theatergruppe. MUMMENSCHANZ ist auf allen Kontinenten, in allen Kulturen erfolgreich. Allein über drei Jahre am New Yorker Broadway. Und zeitweise mit mehreren Formationen gleichzeitig unterwegs. Das einzigartige Ensemble hat die Theaterwelt massgeblich geprägt. Durch seine Genialität und sprühende Fantasie ist es zum Inbegriff des zeitgenössischen Figurentheaters geworden. MUMMENSCHANZ hat dabei eine eigene poetische Kunstform geschaffen. Mit ihren unvergleichlichen Gesichts- und Körpermasken, ihren stimmungsvollen, scheinbar luftgeborenen Figuren und futuristischen Marionettengestalten spricht MUMMENSCHANZ eine Sprache ohne Worte, die jeder Mensch überall auf der Welt versteht und jeden Erdbewohner berührt. MUMMENSCHANZ nimmt die Menschen mit auf eine Reise in die Welt der Fantasie. «Wir erzählen Geschichten, die sie im Herz berühren und aus dem Alltag entführen», sagt Floriana Frassetto, eine der drei «Virtuosen der Stille», MUMMENSCHANZ-Mitbegründerin und heutige künstlerische Leiterin.

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1966 –1971

Die drei Gründer Bernie Schürch, Andres Bossard und Floriana Frassetto Bernie Schürch Bernie Schürch erblickt das Licht der Welt am 3. August 1944 in Thun. 1946 zieht die Familie nach Bern, wo Bernie seine Schulzeit ohne viel Engagement durchläuft. Als jüngster von vier Geschwistern ist Berchtold, wie sein richtiger Name lautet, ein eher nachdenkliches Kind. Er ist oft krank, traurig, introvertiert. Zu Hause gilt das gemeinsame Interesse der Musik. Bernie müht sich auf dem Cello ab, und sobald er allein zu Hause ist, legt er wieder und wieder Platten des Modern Jazz Quartet auf. «Es war damals die Zeit des Rock’n’Roll», erinnert sich Bernie, «ich war ein leidenschaftlicher Tänzer. Ich gehörte zu einer Clique, und oft gibt es am Samstagabend einen ‹Fez›, wie wir das nennen, mit Mädchen und allem, was dazu gehört. Da fühlte ich mich wohler als zu Hause, wo alles in geordneten Bahnen verläuft.» Sein Idol ist ein Mitschüler, der – ganz im Stil der damaligen Mode – in Röhrchenhosen, spitzen Schuhen und Pomadenfrisur daherkommt. Alles Dinge, von denen Bernie nur träumen kann, und die in ihm den Wunsch wach werden lassen, möglichst bald von zu Hause, von diesem gutbürgerlichen Milieu, loszukommen. Bernie besucht die neue Schule im Murifeld. Mit 13 Jahren durchlebt er eine Phase von Selbstzweifeln. Es ist ein regnerischer Vormittag im Jahr 1957. Bernie trägt einen Regenschutz, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, was seine Sicht beeinträchtigt. Am Burgernziel fährt er mit seinem Fahrrad über den Kreisel direkt in das auf der rechten Strassenseite entgeAndres Bossard, Floriana Frassetto, Bernie Schürch in den 70er Jahren

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genkommende Muribähnchen. Der Aufprall ist hart. Bernie erleidet einen Schädelbruch. Als er aus dem Koma erwacht, weiss er: «Jetzt hat mir das Schicksal eine zweite Chance geschenkt; mein berufliches Ziel ist der Beruf des Schauspielers, ich will zur Bühne.» Wieder genesen, beginnt er autodidaktisch Texte vor dem Spiegel zu rezitieren, übt kleine pantomimische Gesten, versucht, die grossen Mimen Jean-Louis Barrault und Marcel Marceau zu imitieren. Das Wesen der Pantomime fasziniert ihn. Sein Vater, ein bekannter Berner Politiker, unterstützt Bernie, macht ihm immer wieder Mut, hat Freude an seinen Spässen, Witzen, die Bernie schon während der Schul- und Lehrzeit entwickelt, um seine Mitschüler zum Lachen zu bringen. «De Lööl (Dummkopf) mache» nennt er das. Bernie gelingt es, Menschen mit ganz banalen Dingen zu unterhalten. Schon damals entdeckt Bernie: die Spässe müssen einen bestimmten Rhythmus enthalten, eine Situation und einen bestimmten Augenblick nutzen, um den Mitmenschen emotional zu erreichen.

Bernie Schürch 1971

1961. Bernies Vater schenkt seinem Sohn eine Eintrittskarte für eine Marceau-Aufführung im Berner Stadttheater. Ein Volltreffer. Bernie ist begeistert. «Genau das möchte ich machen. Die Herzen der Menschen erreichen. Das Spielerische ist die Welt, die mich gefangen nimmt.» Bernie fasziniert sein Talent, mit blossen Gesten Gefühle und Gedanken auszudrücken. Immer wieder probiert er, wie er mit kleinen Gesten provozieren kann; auch in der Familie, mit Vater, Mutter, Geschwistern. «Ich beginne im Stillen, solche und ähnliche Dinge für mich ganz allein auszuprobieren.» Bernies Entschluss, Schauspieler zu werden, steht fest, doch vorerst steht Bernie noch die Sekundarschule bevor. Im Anschluss daran lässt er sich eher widerwillig zu einer kaufmännischen Lehre überreden; sein Lehrlingsalltag ist nüchtern und «ernsthaft». Zweimal wöchentlich besucht er das KV, die Ausbildung zum Kaufmann. Die übrige Zeit arbeitet er bei der Berner Firma Giger, Lebensmittelimport, und erwirbt sich ein breites Grundwissen. Mit achtzehn Jahren schliesst er die kaufmännische Ausbildung ab. Ein Studium ist für ihn, der alles Schulische verabscheut, undenkbar. Nach beendigter Lehre zieht es ihn in die Westschweiz, nach Lausanne, wo er während eines Jahres in einer Importfirma arbeitet. Sein nächster Schritt könnte die Hotelfachschule Lausanne sein, die ihm eine berufliche Laufbahn mit vielen Reisen in die weite Welt eröffnen könnte. Doch zuvor muss er noch seinen Militärdienst absolvieren, und ehe er sichs versieht, halb freiwillig, halb gedrängt, hat er den Offiziersgrad erreicht. Die zwei Jahre in Uniform sind zwei Jahre der inneren Reifung und Reflexion über das weitere Schicksal, aber auch eine Art Überlebenstraining: Wie kann man mit wenig

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überleben? «Es ist im Militär, wo ich angesichts vieler Leerläufe mein komödiantisches Talent entdecke. Jede Situation kommt mir gelegen für einen Ulk, der meine Kameraden zum Lachen bringt. Daraus entwickelt sich meine Lust und die Freude, andere zu unterhalten. Und ich entdecke, dass dieses Talent eine Gabe ist, die man nicht erlernen kann.» Dank eines verständnisvollen Psychiaters gelingt es ihm, sich von den militärischen Pflichten zu befreien und ins zivile Leben zurückzukehren. Es folgen drei Monate Sprachaufenthalt in England, und 1966 schreibt sich Bernie in der Schauspielschule Bern ein. Er ist ein eifriger, interessierter Schüler, auch wenn ihm einzelne Kurse allzu akademisch vorkommen. Er arbeitet zusammen mit Leuten, die später ebenfalls bekannt werden: Peter Wyssbrod, Bernhard Rolli. Zusammen bilden sie den harten Kern des damaligen bekannten Berner PantomimenEnsembles, das von ihrem Lehrer Ernst Georg Böttger geleitet wird. Dieser lehrt die Pantomime noch im Stil des Schauspielers und Pantomimen Étienne Marcel Decroux, der damals als der Vater der modernen Pantomime und als Mitbegründer des modernen Körpertheaters gilt. Sie führen das Stück «Fräulein Maschine» von E. G. Böttger auf, gehen auf Tournee, sammeln Erfahrungen. Gleichzeitig wird Bernie Mitglied des neu gegründeten Berner Kabaretts «Zahnstocher». Dort versucht Bernie, wortlose Stücke zu inszenieren. Nach einem Jahr verlässt Bernie die Schauspielschule. So beginnt Bernie Schürchs Laufbahn eines Schauspielers, mit stillem Zuspruch seines Vaters und weitgehend gegen den Willen seiner Mutter, Grossmutter und Tanten. Seine Mutter, die Bodenständige, ermahnte ihren jüngsten Sohn, einen Beruf zu ergreifen, der ihn auch ernähren könnte: «Nein, die Karriere als Schauspieler … das kannst du doch nicht machen, so verdient man keinen roten Rappen …!» Der Zufall will es, dass der 22-jährige Bernie einer Aufführung von Jacques Lecoq im Hechtplatztheater in Zürich beiwohnt, wo sich zufälligerweise auch Andres Bossard unter den Zuschauern befindet. Lecoq ist ein bekannter französischer Theaterpädagoge, Schauspiellehrer und Pantomime. «Für mich war die Begegnung mit dem Theater von Lecoq wie ein Schock. Was mich am meisten faszinierte, war die Aussagekraft der Geste. Alles war in Bewegung umgesetzt, genau das, was ich in Bern an der Schule vermisste. Bereits hatte ich geglaubt, dass der herkömmliche Mime, wie ihn Marceau auf die Bühne bringt, wie wir ihn auch in Bern lernten, sich innerhalb gewisser Grenzen bewegen müsse. An diesem Abend zeigt Lecoq, dass es jenseits dieser vermeintlichen Grenzen noch ein ungeahntes Spielfeld gibt. Für mich steht der Entschluss fest, dass die logische Fortsetzung meiner Ausbildung zu Lecoq nach Paris führen wird. Mit der Unterstützung meiner Eltern kann ich diesen Entschluss 1967 in die Tat umsetzen.»

Bernie Schürchs erste Schritte als Mime

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Andres Bossard Andres Bossard wird am 9. August 1944 in Zürich geboren, wo er auch seine ganze Jugend verbringt. Schon früh gilt sein Interesse dem Theater, den Brettern, die die Welt bedeuten. Bereits im Alter von fünf Jahren träumt er davon, ein Theaterstück zu schreiben, und bald darf er auch schon da und dort bei einer Kinderaufführung mitwirken. «Für mich war dies eine Art Verteidigung, ein Mittel, meinen Platz im Kreis anderer Kinder zu behaupten. So hatte ich denn nicht viele Freunde, mit Ausnahme der paar wenigen, die meine Passion für das Theater teilten.»

Andres Bossard 1971

Mit zehn Jahren treibt er sich stundenlang hinter der Bühne des Zürcher Opernhauses oder, wie es damals heisst, des Stadttheaters herum, fasziniert von Kostümen, Schminke, Kulissen und Requisiten. Zu Hause gibt er keine Ruhe, bis seine Eltern ihm erlauben, im Kinderund Jugendtheater Metzenthin in Zürich mitzuwirken. Das Jugendtheater Metzenthin ist damals die grösste Schweizer Theater- und Bewegungsschule für Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 20 Jahren. Andres darf dort eintreten, unter der Bedingung, dass er sich daneben auch mit «erbaulichen» und «gesunden» Beschäftigungen wie Bastelkursen oder Pfadfinder befasse. Besonders sein Vater, Pflanzensammler aus Leidenschaft, hält darauf, seinem Sprössling Respekt und Liebe gegenüber der Natur zu vermitteln. «Bereits als Zwölfjähriger nehme ich Kurse in Hochdeutsch und Diktion. Mit fünfzehn trete ich zum ersten Mal ‹richtig› auf.»* Mit einer kleinen Laienbühne nimmt Andres ein Stück von Oscar Wilde in Angriff. Dem Vorwurf, die jugendlichen Schauspieler verstünden wohl selbst kaum, was sie spielten, begegnen Andres und seine Freunde kurzerhand mit der Gründung eines Kabaretts, an dem sie selbstgeschriebene Texte vortragen. Die Schule beschäftigt Andres – ähnlich wie Bernie Schürch – nur marginal. Nach der obligatorischen Schulpflicht besucht er während eines Jahres die Kunstgewerbeschule Zürich, dann wird er vom Elternhaus in eine private Mittelschule geschickt, wo er ein Handelsdiplom erwirbt. Nach wie vor ist das Theater seine grosse Leidenschaft. Andres Bossard gründet zusammen mit Peter Bollag und Charles Lewinsky das Zürcher Cabaret «Chlüpplisack», wie sich die Theatergruppe, ganz der damaligen Mode gemäss, nennt. Mit achtzehn Jahren wechselt Andres ins Lager der Halbprofis und spielt in verschiedenen Formationen, zuerst in Deutschland, dann in Österreich.

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* Quelle: Michel Bührer. MUMMENSCHANZ. 1984

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1966 –1971

Andres versucht sich als Kabarettist

«Ich schreibe Texte und trete auf, und da es sich um eine Art Zeitsatire im Revuestil handelt, muss der Text jede Woche aktualisiert werden. Bühnenjournalismus könnte man das wohl nennen; jedenfalls schreiben wir oft bis drei Uhr früh an neuen Texten, die dann sofort in Szene gehen.» So beschreibt Andres Bossard seine damalige Tätigkeit. Während dieser Zeit orientiert er sich fast ausschliesslich an französischem Kulturgut, hört französische Radiosender – den Pop Club von José Arthur mit Musik von Brel, Brassens, Ferré, Greco, Charles Trenet, Gilbert Bécaud. «Alles, was diese französische Welle ausdrückt an Gefühl, an Spontaneität, an Melancholie, vermissen wir im deutschsprachigen Radio, und so wird es für uns hierzulande fast ein wenig zur Mode, uns der französischen Kulturszene zuzuwenden», schildert Andres die Atmosphäre. Daneben verbringt er ganze Abende auf der Tanzfläche – Rock, Twist und Beat sind damals in Mode –, weniger jedoch wegen der Musik als vielmehr aus Freude und Lust an der Bewegung. Der starre Rahmen eines staatlichen Theaters ist nicht seine Sache. «Das ist nichts für mich: zu viel Ehrgeiz, zu viel Eifersucht und Intrigen.» Eines Tages begegnet Andres Jacques Lecoq in Zürich und fühlt sich sofort angesprochen. Andres’ Skepsis dem gesprochenen Wort gegenüber findet hier eine erste Antwort: Theater ohne Worte, nur mit Gesten und Körpersprache. Andres spürt augenblicklich, dass Lecoq etwas wirklich Neues bringt. Er beschliesst, sich an dieser Schule einzuschreiben. Allerdings wird seine weitere Karriere als Künstler von finanziellen Engpässen in Frage gestellt. Er muss sein Geld zeitweilig als Bürohilfe, Aushilfs-Postbote oder Standverkäufer verdienen. Nach zwei Jahren ist das notwendige Geld für den langgehegten Traum, den Aufenthalt in Paris, beisammen. Die Reise in die Kulturmetropole kann 1967 beginnen.

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Bernie und Andres finden sich

Bernie und Andres begegnen sich während ihrer Ausbildung bei Lecoq in Paris in der Zeit der 1968er Kulturrevolution. Es ist eine Zeit des Auf- und Umbruchs der europäischen Gesellschaft. Sie erleben die Studentenrevolten auf den Strassen von Paris aus nächster Nähe. In ihrer Freizeit unterhalten Andres und Bernie die Pariser Revoluzzer-Gruppen mit kleinen Theater-Stücken. «Wir wollten den Protestlern ein wenig das Lachen zurückbringen – wenigstens für kurze Momente», erinnert sich Bernie. Die von Jacques Lecoq (1921 – 1999) gegründete École Internationale de Théâtre in Paris, kurz: École Jacques Lecoq, ist seit den 1960erJahren eine Anlaufstelle für Schauspielschüler und -schülerinnen aus aller Welt. Er gehört zu den Vertretern der modernen Pantomime. Bei ihm werden Dinge möglich, die in der damaligen Theaterwelt unbekannt waren. Andres und Bernie entdecken während der Ausbildung ihre ähnlichen Interessen, ihre Freude an der Improvisation, ihre geistige Verwandtschaft.

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1966 –1971

Links und rechts: Andres und Bernie 1971

Beide sind von Natur aus Spassmacher. Sie entwickeln eine eigene Art, aufeinander zuzugehen. Während der Lecoq-Ausbildung testen sie verschiedene Methoden aus mit dem Ziel, eine eigene, unverwechselbare künstlerische Sprache zu entwickeln. Und dies trotz ihrer Unterschiede. Andres Bossard hat seine Wurzeln in der gesprochenen Sprache und kann auf eine vielfältige Bühnenerfahrung zurückblicken – im Unterschied zu Bernie Schürch, der über keine traditionelle Schauspielausbildung verfügt. Beide sind klare Denker, Analytiker. Bernie hat Qualitäten eines Bildhauers. Er verehrt Alexander Calder, den US-amerikanischen Bildhauer der kinetischen Kunst und Erfinder des Mobiles. Er ist ebenso begeistert vom deutschen Künstler Oskar Schlemmer, dem Erfinder des «Triadischen Balletts». Andres ist extrovertiert und übersprudelnd vor Fantasie, neigt zur komödiantischen Akrobatik. Bernie, eher in sich gekehrt und zurückhaltend, pflegt vor allem die mimische Darbietung.

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