Patrick Jordi
Simon Kuert
Bernhard Staub
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Patrick Jordi
Simon Kuert
Bernhard Staub
Peter Waser


IMPRESSUM
Alle Angaben in diesem Buch wurden von den Autoren nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihnen und vom Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autoren noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten.
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2026 Pro Libro / Weber Verlag AG, 3645 Thun/Gwatt Pro Libro ist ein Imprint der Weber Verlag AG.
Autoren: Patrick Jordi, Simon Kuert, Bernhard Staub, Peter Waser
Mitarbeit: Urs Bangerter, Dr. Bernhard Binkert, Christian Hörack, Angela Kölliker, Stephen Langenthal, Volker Wenning-Kühne Bild Cover: Ernst Koehli. Schweizerisches Sozialarchiv Zürich, Datenbank Bild + Ton Zürich/F 5144-0877-Nb-002, koloriert von Adrian Aellig mit freundlicher Genehmigung von Raymond Naef, Zürich Bilder: siehe Bildnachweis
Projektleitung: Madeleine Hadorn
Covergestaltung: Sonja Berger Layout und Satz: Bettina Ogi
Bildbearbeitung: Adrian Aellig Lektorat: Maximilian Geiger Korrektorat: Heinz Zürcher, Steffisburg
Druck: merkur medien ag, Langenthal
Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026–2028 unterstützt.
ISBN 978-3-03818-805-6 www.prolibro.ch info@prolibro.ch
Auslieferung EU Brockhaus Commission GmbH Postfach 1220
D-70803 Kornwestheim info@brocom.de

VORWORT
Wegen der Porzellanfabrik bin ich Langenthaler. Meine Familie zog vor meiner Geburt nach Langenthal, weil mein Vater dort eine Stelle antrat. Langenthal war für uns die Porzellanfabrik und die Fabrik war Langenthal. Die emotionale und familiäre Nähe zu diesem Betrieb teile ich mit vielen Langenthalerinnen und Langenthalern. Schon als Kind kannte ich die Ofenhalle, die Massenmühle, den Ausstellungsraum, die Giesserei, die Packerei, die Isolatorendreherei, die Kantine, die Dekorationsabteilung, das Portierhaus, überhaupt fast jeden Winkel dieses weitläufigen Fabrikareals. Ausserdem kannte ich auch unzählige Geschichten aus der Fabrik und über die Fabrik. Lange war mir, als wüsste ich beinahe alles über die Porzellanfabrik. Die Lektüre dieses Jubiläumsbuches hat mich eines Besseren belehrt. Sie hat mein Bild von Langenthal und von der Porzellanfabrik geschärft, mehr noch, sie hat meinen Fokus verschoben. Auf einmal sehe ich Langenthal nicht mehr nur als ein Zentrum des Oberaargaus, sondern auch als einen lebendigen Teil der Schweiz, Europas und der Welt. Die Porzellanfabrik war nie nur ein Werk von Langenthalern, das Produkte für Langenthaler hergestellt hat. Seit den Anfängen, war die Langenthaler Porzellanindustrie auf Rohstoffe, Fach-
kenntnisse, Arbeitskräfte und Absatzmärkte aus der Fremde angewiesen. Durch das Porzellan kam die Welt nach Langenthal und durch das Porzellan ging Langenthal in die Welt.
In der Porzellanfabrik Langenthal spiegelt sich Industriegeschichte, Migrationsgeschichte, Sozialgeschichte, Tourismusgeschichte, Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und vieles mehr. Visionäre aus Langenthal und der Region haben vor 120 Jahren eine Fabrik gegründet, die ohne das Fachwissen aus dem Ausland und ohne die körperliche Arbeitsleistung hiesiger und internationaler Kräfte nicht in Gang gekommen wäre. Es brauchte den Unternehmergeist, das Kapital aber auch den Willen, das Durchhaltevermögen und die Leidensbereitschaft von Einheimischen und Fremden, um eine solche Geschichte zu schreiben. Neben den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Langenthal und Umgebung zog die Porzellanfabrik auch Arbeitskräfte aus Böhmen, Mähren, Deutschland, Italien, Spanien und weiteren Gegenden an. Eine Durchmischung von Kulturen ist immer bereichernd. Manche dieser zugewanderten Menschen sind irgendwann in ihre jeweilige Heimat zurückgekehrt. Andere sind geblieben, so dass ihre Nachfahren längst Langenthalerinnen und Langenthaler geworden sind.
Es ist der Autorenschaft dieses Buches gelungen, weit mehr, als eine 120-jährige Fabrikgeschichte zu erzählen. Sie lassen uns Leserinnen und Leser erkennen, welch mannigfaltige Wirkung ein solches Unternehmen auf den einzelnen Menschen und auf eine Gesellschaft hat und in Zukunft noch haben wird.
Die kenntnisreichen Textbeiträge und die starke Illustration machen dieses Werk zu einem Lesevergnügen, das einen bereichert, inspiriert und bildet. Mehr kann man von einem Jubiläumsbuch nicht verlangen.
Pedro Lenz, Schriftsteller

2026 feiert die Porzellanfabrik Langenthal ihr 120-Jahres-Jubiläum. Über Jahrzehnte wurde Langenthal direkt mit der Porzellanfabrik in Verbindung gesetzt. Vieles hat sich in der und um die Porzellanfabrik seit 1906 verändert. Heute ist das Porzi-Areal wieder belebt.
Ein Autorenteam mit Patrick Jordi, Simon Kuert, Bernhard Staub und Peter Waser versucht mit diesem Buch, die bewegte Geschichte der Porzellanfabrik aufzuarbeiten und einen Blick in die Zukunft zu werfen. Die Autoren waren frei in der Gestaltung ihrer Kapitel und so sind die einzelnen Texte auch inhaltlich und stilistisch persönlich geprägt.
Wir widmen dieses Buch allen, die an der Geschichte der Porzellanfabrik Langenthal und an der Entwicklung des Areals interessiert sind. Zum Glück konnten wir für viele Fragen auf das Archiv der Porzellanfabrik zurückgreifen und bekamen viel Unterstützung von ehemaligen Mitarbeitenden, Kunden, Institutionen und Porzellanfreun-
Abb. 2: Die Autoren Bernhard Staub, Simon Kuert, Peter Waser und Patrick Jordi (v. l. n. r.) im Showroom der Porzellanfabrik Langenthal.
den. Die grosse Menge an Informationen und Bildern aufzubereiten war eine Herausforderung.
Eine Auswahl zu treffen eine noch viel grössere, weil die Porzellanfabrik nicht nur eine eigene Industrie und eine wichtige Arbeitgeberin vor Ort war, sondern eine Institution mit Strahlkraft weit über die Landesgrenzen hinaus.
Wir danken ganz herzlich auch den vielen Sponsoren. Ohne sie hätte die Lücke in der Wirtschaftsgeschichte von Langenthal und der Porzellanindustrie für Geschirr und Elektroporzellan in der Schweiz nicht geschlossen werden können. Ein Dank geht auch an die heutigen Besitzer der Porzellanfabrik Langenthal AG, die G. Benedikt Gruppe aus Karlsbad und die Firma Ducksch Anliker AG in Langenthal, die grösste Eigentümerin und Entwicklerin des Areals ist. Wir wünschen beiden Unternehmen viel Freude und Erfolg. Und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir eine spannende Lektüre!


Abb. 3: 1947: Arbeiter verlassen am Feierabend die Porzellanfabrik.
SIMON KUERT
TEIL 1: INDUSTRIELLE ENTWICKLUNGEN 1850–1950
TEIL 2: DIE GRÜNDUNG DER PORZELLANFABRIK
LANGENTHAL UND DER AUFBAU DER
LANGENTHALER PORZELLANINDUSTRIE
TEIL 3: DER LEBENSRAUM PORZI
Obwohl Langenthal im Herzen Europas liegt, befindet sich die Region bis heute abseits der grossen internationalen Verkehrsachsen. Langenthal, die Metropole des Oberaargaus, ist noch immer nicht direkt an die Autobahn angeschlossen, und selbstredend gibt es bisher auch noch keinen direkten Anschluss der Bahn an den Fernverkehr. Und doch begegnet man auf der ganzen Welt Produkten mit dem Label «Made in Langenthal». Wer von Zürich nach Asien, Afrika oder Amerika fliegt, sitzt mit grosser Wahrscheinlichkeit auf Sitzstoffen, die hier produziert wurden. In der Sportklinik Leipzig helfen textile Innovationen aus Langenthal bei der Rehabilitation von Spitzensportler:innen. Bei Weltcuprennen im Mountainbike- oder im Motorsport fallen grün-weisse Ölfässer auf, die auf hochwertiges Schmier- und Motorenöl aus Langenthal hinweisen. Auch in den touristischen Regionen des Nahen Ostens trifft man auf Langenthaler Qualität: Wer etwa in einem Strandhotel in Tel Aviv «zmörgelet», trinkt den Kaffee womöglich aus einer Tasse mit dem Stempel «Langenthal – Suisse». Im Münchner Hofbräuhaus würzt der Besucher seine Bratwurst mit Thomy-Senf, dessen Produktion in Langenthal begonnen hatte. In Turkmenistan sind Asphaltmischanlagen aktiv, die einst in einer Maschinenhalle in Langenthal zusammengeschweisst wurden. Auf einer Messe in Moskau zieht ein im Oberaargau gefertigter Linearroboter Tausende Besucherinnen und Besucher in seinen Bann. Skifahrer:innen in Zermatt entdecken eine Bergbahnstation mit grossen Glasfassaden aus dem Nachbardorf Bützberg. Solche Beispiele lassen sich vermehren. Sie alle zeigen: Langenthal mag geografisch un-
scheinbar wirken, doch seine Produkte sind weltweit gefragt. Die Menschen der Region gelten als fleissig, verlässlich und produktiv – Eigenschaften, die tief in der Geschichte des Ortes verwurzelt sind.
Bereits 1784 bezeichnete der deutsche Gelehrte Christoph Meiners die Gegend um Langenthal als eine der produktivsten und wohlhabendsten Regionen Europas. Zwei Faktoren waren entscheidend: Zum einen ermöglichte der fruchtbare Boden mit den ertragreichen Wässermatten eine blühende Landwirtschaft. Zum anderen entwickelte sich Langenthal im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu einem Zentrum der eidgenössischen Tuchproduktion und zum Ausgangspunkt eines internationalen Textilhandels.
Am Anfang des 19. Jahrhunderts begann Langenthal, sein Gesicht zu verändern. Zuziehende Tuchhändler und Unternehmerfamilien prägten das Bild des Marktfleckens und legten den Grundstein für den späteren wirtschaftlichen Aufstieg. Namen wie Abraham Rüegger sowie die Burgerfamilien Mumenthaler und Dennler bestimmten das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben. Um 1800 begrüssten der Arzt und Philosoph Andreas Dennler sowie der Kaufmann und Literat Johann David Mumenthaler die Ideen der Aufklärung. Mit ihren innovativen Gedanken trugen sie entscheidend dazu bei, dass Langenthal im 19. Jahrhundert zu einer liberalen Hochburg wurde. Die beiden Schwiegersöhne von Abraham Rüegger – der Apotheker Friedrich Dennler-Rüegger und der Gastwirt Friedrich Abraham Geiser-Rüegger – schufen wichtige Grundlagen für die wirtschaft-

liche Entfaltung der Stadt. Friedrich Geiser gründete nicht nur einen Eisenwarenhandel, sondern baute auch den Gasthof Kreuz zu einem national bedeutenden Tagungsort aus. Als Vizepräsident der Amtsersparniskasse sah er die Notwendigkeit der Vergabe von Investitionskrediten. Der Apotheker Friedrich Dennler war ein Bekannter von Johann Heinrich Pestalozzi und setzte sich besonders für das Bildungswesen ein. Gleichzeitig mit dem Ort Kleindietwil entstand 1833 auf Initiative Dennlers die erste bernische Sekundarschule, deren erste Klassen im neu errichteten Kaufhaus unterrichtet wurden. Friedrich Geiser und Friedrich Dennler wirkten ab 1831 als freisinnige Grossräte im ersten bernischen Parlament. Dort setzten sie sich für eine wirtschaftsfreundliche, liberale Atmosphäre ein. Der liberale Geist, der Langenthal im frühen 19. Jahrhundert prägte, entfaltete bald Wirkung über die Region hinaus. Ein erster Höhepunkt war das grosse Offiziersfest von 1822, das als erstes eidgenössisches Fest überhaupt in der Oberaargauer Metropole stattfand. Der Anlass
verschaffte Langenthal den klangvollen Beinamen «Rütli des 19. Jahrhunderts» und stärkte das regionale Selbstbewusstsein.
Nur wenige Jahre später, 1826, tagte in Langenthal die Helvetische Gesellschaft – ein einflussreicher Zusammenschluss von Aufklärern und Reformfreunden. Bei diesem Treffen hielt Johann Heinrich Pestalozzi seine letzte öffentliche Rede. Unter dem Titel «Erziehung und Vaterland» warnte er vor der Entfremdung des Menschen durch unpersönliche Arbeit in grossen Tuch- und Maschinenfabriken. Seine Worte hatten Gewicht und trugen dazu bei, dass die Industrialisierung zunächst zögerlich voranschritt.
Bis um 1850 existierten in Langenthal zwar bereits grössere Handelsunternehmen, doch die Tuchproduktion erfolgte überwiegend noch in Heimarbeit. Eine Ausnahme im Oberaargau bildete Johannes Roth, der 1748 in Wangen eine Rosshaarspinnerei gründete. Aus seinem Pionierbetrieb entstand später die Matratzenfabrik Roviva AG, die bis heute als Familienunternehmen besteht.
Für den industriellen Aufschwung Langenthals waren schliesslich mehrere günstige Faktoren entscheidend. Neben dem offenen, unternehmerfreundlichen Geist spielte die verkehrstechnische Erschliessung eine zentrale Rolle.
1857 wurde Langenthal an die Bahnlinie Olten–Bern der schweizerischen Centralbahn angeschlossen – ein Meilenstein, massgeblich vorangetrieben vom einflussreichen Fürsprecher Johann Bützberger, Nationalrat und zeitweilig Bundesratskandidat. Der Bahnanschluss markierte den Wendepunkt: In den folgenden Jahrzehnten setzte ein regelrechter Industrialisierungsschub ein, getragen von gut vernetzten Pionieren. Viele von ihnen kannten sich persönlich – etwa aus der 1848 gegründeten Offiziersgesellschaft oder aus dem «Bärenleist», einem liberalen Club der lokalen Elite. Seit 1843 verfügten die Langenthaler Liberalen zudem über eine eigene Tageszeitung, den Vaterländischen Pilger. Dessen wirtschaftsfreundliche Redaktion, geprägt von protestantischen Werten, trug zur Herausbildung des charakteristischen «Langenthaler Kulturprotestantismus» bei. Neben dem Bahnanschluss war das vorhandene Arbeitskräftepotenzial ein weiterer Standortvorteil. Zahlreiche Heimweberinnen und -weber aus den umliegenden Dörfern waren in der Lage, die Webkeller zu verlassen und in neuen Fabriken zu arbeiten. Hinzu kamen gute Bildungsvoraussetzungen: Die Sekundarschule bestand wie erwähnt seit 1833, und 1852 gründeten Gewerbler eine Handwerkerschule, die frühzeitig Fachkräfte für die Textil- und Maschinenindustrie ausbildete. Auch Kapital stand zunehmend zur Verfügung. Neben der 1824 gegründeten Amtsersparniskasse und der 1864 eröffneten Filiale der Berner Kantonalbank bot die 1867 auf Initiative des bernischen Handels- und Industrievereins gegründete Industrie- und Handelsbank (später Bank in Langenthal) gezielt Kredite für neue Industrien an.


Abb. 3: Die Wirtschaft findet in Langenthal günstige Rahmenbedingungen.
Schliesslich war auch die Energieversorgung ein wichtiger Faktor für die Industrialisierung. Das 1891 auf die Initiative des Lotzwilers Robert Müller-Landsmann erstellte Wasserkraftwerk in Wynau machte regional erzeugten Strom verfügbar und stärkte die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. 1896 wurde das Werk von den Oberaargauer Gemeinden übernommen.

Damit waren an der Wende zum 20. Jahrhundert nahezu ideale Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Betrieben in verschiedenen Industriezweigen geschaffen.
Der Textilpionier Johann Friedrich Gugelmann gründete 1862 an der neuen Bahnlinie in der Brunnmatt in Roggwil die Textilwerke Gugelmann & Cie. Das Unternehmen entwickelte sich zum grössten Arbeitgeber im Oberaargau – und blieb es bis 1990. Bald entstanden auch in Langenthal grössere Webereien: die Betriebe Stettler & Bangerter (später von Gugelmann übernommen) sowie die Textilfabrik Brand und Baumann. Friedrich Baumann und Albert Brand hatten sich in Paris kennengelernt und dort beschlossen, in Langenthal eine Leinwandfabrikation zu gründen. Sie unterschrieben 1896 einen Associations-
vertrag und bezogen an der Wiesenstrasse, auf dem «Hübeli», das erste Geschäftslokal. Es war das Fundament, auf dem sich später die international bekannten Firmen Création Baumann und Lantal AG entwickelten.
Die günstigen Rahmenbedingungen zogen rasch zusätzliche Unternehmende an, die zunächst in der Umgebung Textilbetriebe gegründet hatten und nun nach Langenthal übersiedelten.
Ein Beispiel ist Moritz Ruckstuhl, der 1881 in Melchnau mit der Teppichproduktion begann. Der Name Ruckstuhl steht bis heute für hochwertige Teppiche aus Naturfasern.
Bereits im 18. Jahrhundert waren in Langenthal Weiss- und Bleichereien sowie Färbereien – insbesondere an der heutigen Bleichestrasse und Farbgasse – angesiedelt. Sie dienten dazu, die in den Dörfern der Umgebung gewobenen Stoffe weiter zu veredeln. Diese vorhandene Infrastruk-

tur bewirkte, dass sich weitere Manufakturen in Langenthal niederliessen, etwa 1884 die der Gebrüder Scheidegger aus Huttwil. Hinzu kam der Vorteil, dass in Langenthal Handelsfirmen heranwuchsen, die die veredelten Stoffe weltweit vertrieben. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die Firma Kummer-Egger, in der der spätere Direktor der Porzellanfabrik Adam Kläsi seine berufliche Karriere begann.
Nicht nur Textilunternehmende erachteten in Langenthal die Rahmenbedingungen für Firmenentwicklungen günstiger als in den Dörfern, wo ihre Unternehmen als kleine Handwerksbetriebe entstanden. Auch die spätere Maschinenindustrie Langenthals hat ihren Ursprung in einem Dorf: 1869 richtete Jakob Ammann auf seinem Hof in Madiswil eine Werkstatt ein, in der er Mühlenund Landmaschinen herstellte. Sein Bruder Ulrich Ammann verlegte den Betrieb 1896 nach Langenthal und baute ihn zu einer Maschinenfabrik aus. Heute wird die Ammann Group in der
sechsten Generation geführt – die von ihr produzierten Mischanlagen und Baumaschinen sind weltweit im Einsatz.
Ein weiteres Beispiel für unternehmerische Weitsicht ist Walter Schneeberger aus Ochlenberg. Zwischen 1906 und 1910 lernte er bei Ulrich Ammann das Mechanikerhandwerk. 1923 gründete er im Nachbardorf Roggwil eine mechanische Werkstatt, aus der sich später zwei international erfolgreiche Unternehmen entwickelten: die J. Schneeberger Maschinen AG und Schneeberger Lineartechnik. Beide Firmen sind bis heute bekannt für ihre hochpräzisen Lösungen im Bereich Schleif- und Lineartechnik.
Um 1950 begann der Erfinder und Unternehmer Alfred Güdel in einem Schuppen im Langenthaler Ortsteil Farb mit Versuchen zu neuen Antriebstechniken. Aus diesen Anfängen entstand ein Unternehmen, das mit der Entwicklung von Transferrobotern Massstäbe setzte und bis heute als global tätiger Automationsspezialist besteht. Die traditionsreiche Carrosserie Langenthal wiederum – heute unter dem Namen Calag bekannt – hat ihre Wurzeln im späten 19. Jahrhundert. Das Unternehmen geht auf das Jahr 1888 zurück, als der Wagenbauer Fritz Grogg in einer kleinen Werkstatt an der Spitalgasse seinen eigenen Be-

6: Eigenkonstruktion der Carrosserie Langenthal (Fritz Grogg).
trieb gründete. 137 Jahre später gehört Calag zu den führenden Anbietern im Schweizer Fahrzeugbau und in der Carrosseriebranche – erneut ein leuchtendes Beispiel für die vielen Erfolgsgeschichten der Langenthaler Wirtschaft.
Auch der Ingenieur Martin Nencki prägte ab 1947 die industrielle Entwicklung der Region, indem er Kipperaufbauten und hydraulische Vorrichtungen entwickelte. Das Unternehmen zählt heute – unter der Führung der Familie Käppeli – weltweit zu den wichtigsten Herstellern im Bereich der Bahntechnik für Unterhaltsanlagen und Prüfstände.
Weiter nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Geschichte der Glas Trösch Holding AG ihren Anfang. Das heute grösste familiengeführte Glasunternehmen Europas entstand aus einer kleinen Einzelfirma in Bützberg. 1905 entwickelte der Glasspezialist Johann Friedrich Trösch ein Verfahren zur Übertragung von Bildern auf Glas und Porzellan – eine Innovation, die den Grundstein für den späteren internationalen Erfolg der Firma legte.
NAHRUNGSMITTEL UND SCHMIERMITTEL
Wie die Textilindustrie auf der Tradition der Leinwandherstellung in Langenthal aufbauen konnte, so entwickelte sich die Produktion von Nahrungs- und Genussmitteln vor Ort aus der landwirtschaftlichen Stärke des Oberaargaus. Bereits 1785 nutzte Jakob Baumberger das reine Quellwasser der Region zur Herstellung des legendären «Baumberger Biers» – einer Marke, die weit über das 19. Jahrhundert hinaus bekannt blieb. Dank der ertragreichen Wässermatten und der daraus gewonnenen hochwertigen Futtermittel wurde Langenthal auch zu einem Zentrum des Käsehandels. Fast jedes Dorf im Umland verfügte über eine eigene Käserei. Die grossen Handelshäuser Sommer und Farner kauften die Produkte auf und verkauften sie weltweit – ein frühes Beispiel regionaler Exportwirtschaft und für die Stärkung der Marke «Langenthal».
Eine weitere Erfolgsgeschichte begann 1889, als Ernst Geiser den Grundstein für das heute grösste private Schweizer Unternehmen im Bereich Ag-


rar- und Kartoffelverarbeitung legte – bekannt unter den Marken «Geiser agro.com» und KADI AG. Geiser setzte früh auf moderne Logistik und errichtete 1939 in Langenthal ein hochmodernes Obst- und Lagerhaus. Ein besonders innovativer Geschäftszweig war die industrielle Kartoffelverwertung: Mit der Produktion von Pommes frites schuf Geiser ein Produkt, welches der Nachfrage nach Speiseangeboten der aufkommenden FastFood-Ketten wie McDonald’s nachkam.
Weniger bekannt dürfte sein, dass die Würzmittel der Marke «Thomy» ihren Ursprung in Langenthal haben. 1894 kauften Johann Friedrich Thomi und Karl Meister die Firma Oppliger und Geiser, welche unter anderem Zichorienwurzeln verarbeitete. Thomi und Meister nannten ihren Betrieb ab 1901 Helvetia. 1907 nahm Helvetia in Langenthal die Produktion von Tafelsenf auf, der unter dem Namen «Langenthaler Senf» zunächst offen in Steinguttöpfen verkauft wurde. 1930 fusionierte die Helvetia aus Langenthal mit der Heinrich Franck Söhne AG aus Basel zur «Thomi und Franck SA».
Nicht nur im Bereich von Nahrungsmitteln war Langenthal in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Produktionsstandort, bald
Abb. 8: Seit 1785
Bier aus Langenthal. Hier die Brauereianlage von 1899.
entwickelte auch im Bereich der Schmiermittelindustrie eine Firma Produkte für den Weltmarkt: die Motorex AG. 1917 begann Arnold Bucher in Bützberg mit der Herstellung von Leder- und Bodenpflegemitteln. Die Marke REX-Schuhwichse wurde rasch ein Verkaufsschlager. Wegen der besseren Transport- und Standortbedingungen verlegte sein Sohn Edy Bucher das Unternehmen später nach Langenthal. Unter seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern entwickelte sich daraus Motorex – heute das grösste Schweizer Unternehmen für die Veredelung von Frischölen und ein weltweit führender Hersteller innovativer Schmierstoffe.

Abb. 9: Aus Rex wird Motorex. Erstes Firmengebäude der Motorex AG an der Zürich-Bern-Strasse.

Abb. 10: Hector Egger mit der typischen Brissago und der Villa, die er für seinen Freund Gottlieb Samuel Stettler gebaut hat. Heute Hotel l’Auberge.
In Hector Egger fanden die Langenthaler Unternehmer einen begnadeten Baumeister. Er entwarf Villen, Fabrikgebäude und Arbeiterquartiere, die bis heute das Stadtbild prägen. Sein Name lebt in zwei Unternehmen fort: der Hector Egger Holzbau AG, die mit innovativen Technologien moderne Holzbauten errichtet, und der Hector Egger Bauunternehmung, die jüngst von der Anliker Bauunternehmung übernommen wurde.
Egger war auch der Architekt der legendären Ofenhalle der Porzellanfabrik Langenthal, der das vorliegende Buch gewidmet ist.
Die 1916 für den Betrieb von zwei grossen Brennöfen für Porzellan von Hector Egger konstruierte Ofenhalle entwickelt sich heute zu einem Kulturort von überregionaler Bedeutung. Das Gebäude, einst Ort der Feuerungstechnik und Industriearbeit, dient als Bühne für Ausstellungen, Konzerte und andere Veranstaltungen. Es ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie industrielles Erbe in kulturelle Nutzung überführt werden kann. Zur Zeit des Baus der Halle war Hector Egger Mitglied des Verwaltungsrats der Porzi und gestaltete die Ent-
wicklung des Unternehmens entscheidend mit. Bis zu seinem Tod im Jahr 1956 übte er sein Verwaltungsratsmandat aus. Hector Eggers Wirken ist ein Sinnbild für die enge Verbindung zwischen Unternehmertum, Baukunst und regionaler Identität.
Dieser Überblick über die Langenthaler Industriegeschichte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt: Die meisten Unternehmen wurden von aussergewöhnlichen Persönlichkeiten gegründet –von Menschen, die nicht nur unternehmerisch dachten, sondern auch gesellschaftlich und politisch weit vernetzt waren. Viele von ihnen standen durch Familienverbindungen, die Offiziersgesellschaft, den Männerchor aber auch durch die ersten Turnvereine in engem Austausch. Sie engagierten sich in der Kommunalpolitik, später auf kantonaler Ebene, und manche auch als Nationalräte in Bern. Gemeinsam versuchten sie, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Region zu verbessern und diese ökonomisch konkret zu erschliessen, womit eine Entwicklung in den Bereichen Bildung, Energie, Bankenwesen und Verkehr ebenso wie in der Sozialpolitik verbunden war.

Abb. 11: Bronzebüste von Arnold Spychiger. Gestaltet von Walter Würgler, Roggwil.
UNTERNEHMERPERSÖNLICHKEITEN
DAS BEISPIEL ARNOLD SPYCHIGER
Unter den erwähnten Persönlichkeiten ragt besonders Arnold Spychiger, der Gründer der Porzellanfabrik Langenthal, heraus. Er prägte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Langenthals in einer Weise, die weit über seine Unternehmensgründung hinausging. Seine Biografie steht beispielhaft für andere Unternehmungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schweiz vorangebracht haben.
Der am 15. Januar 1869 geborene Arnold Spychiger stammte aus einer angesehenen Familie, die in Untersteckholz heimatberechtigt war. Sein Vater Siegfried hatte 1886 vom Pariser Industriellen Charles Avril die Holzimprägnierungsanstalt in der Nähe des Langenthaler Bahnhofs übernommen. Seine Mutter, Adèle Eugenie, geb. Mojon, brachte neben Arnold noch sechs Geschwister zur Welt. Nach den Schulen in Langenthal und einem Welschlandjahr in Neuenburg bestand Arnold 1888 in Basel die Matura und studierte an-
schliessend am Technikum in Winterthur, an dem er einen Abschluss im Bauingenieurwesen erreichte. Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm er die Holzimprägnierungsanstalt, verlegte sie vom Bahnhof auf ein Grundstück an der Thunstettenstrasse und erweiterte den Betrieb mit einer Holzwollefabrik. Später übernahm Spychiger die nahe gelegene Ziegelei. Spychiger verfügte zudem zwischen der Thunstetten- und Bleienbachstrasse über erhebliche Landreserven. Nach seiner Ausbildung hatte er Maria Jacobea Francesca Friedlin aus Zug geheiratet und für die Familie liess er 1901 unterhalb des Schorenwaldes eine prächtige Villa bauen.
Früh übernahm der junge Fabrikant und Familienvater Verantwortung im kommunalen Bereich. Er schreibt selbst dazu: «Meine Betätigung in der Gemeinde: zweimal im Gemeinderat, in der Geschäftsprüfungskommission, Präsident der Licht-, Kraft- und Wasserkommission. Wir haben eine Werkstatt gebaut, und die Buchhaltung richtete ich selber ein. Wir erstellten ein neues Gaswerk. Ich sitze in der Kadettenkommission, der Baukommission, der Kommission für den Schulhausbau, bin Mitglied der kantonalen Schulsynode,

Abb. 12: Holzimprägnierungs- und Holzwollefabrik Sängeli 1931.

Abb. 13: Gemeinderat Langenthal 1898. Arnold Spychiger auf der Leiter (Mitte).
weil Präsident der Primarschulkommission. Wir haben eine Ferienversorgung gegründet und ein neues Ferienheim erstellt, dazu bei Privaten Geld gefunden. Ferner führte ich den Handfertigkeitsunterricht ein und leitete die Kochkurse.»
Es war eine Frage der Zeit, bis dem liberalen Unternehmer auch auf einer höheren Stufe politische Verantwortung übertragen wurde: Von 1902 bis 1913 politisierte Spychiger im Grossen Rat, von 1922 bis 1931 wirkte er als Nationalrat. Natürlich galt sein Augenmerk lebenslang der Wirtschaft, vor allem auch der Entwicklung Langenthals als Industriemetropole. Das wird in seiner Initiative bei der Gründung und Entwicklung der Porzellanfabrik Langenthal deutlich, auf die wir zurückkommen werden. Er blieb deren Verwaltungsratspräsident bis zu seinem Tode kurz vor dem 70. Lebensjahr 1939. 1904 übernahm Spychiger das Verwaltungsratspräsidium der Ziegelei- und Backsteinfabrik. Da die Backstein- und Porzellanproduktion viel Energie erforderten, engagierte sich
Spychiger auch früh im Bereich der Elektrizitätsversorgung. Als Verwaltungsrat des Elektrizitätswerks Wynau setzte er sich dafür ein, die Aktien des Werks in den Besitz der Oberaargauer Gemeinden zu überführen. Damit schuf er eine der zentralen Voraussetzungen für die industrielle Entwicklung der Region: eine sichere und lokal kontrollierte Stromversorgung. Gleichzeitig wusste Spychiger, dass der Aufbau einer modernen Industrie erhebliche Investitionen verlangte. Deshalb wirkte er aktiv im Bankwesen mit. Von 1906 bis 1938 war er Verwaltungsrat der Berner Kantonalbank und initiierte den Bau des 1906 eröffneten Bankgebäudes beim Bahnhof Langenthal – einem Symbol für die neue ökonomische Bedeutung des grossen Dorfes.
Seine unternehmerische Bedeutung blieb auch national nicht unbemerkt. Spychiger wurde später sogar für das Amt des Direktors der Schweizerischen Nationalbank vorgeschlagen, lehnte die Kandidatur jedoch ab – nach eigenen Worten, weil ihm die «finanzpolitischen Voraussetzungen» fehlten. In Wahrheit war er längst zu einer Art Wirtschaftsstratege des Oberaargaus geworden: als Nationalrat, als Mitglied der nationalen Finanzkommission und als Stimme des ländlichen Industriebürgertums.
Neben Wirtschaft und Politik war auch das Militär ein prägender Teil von Spychigers Biografie. Bereits mit 27 Jahren war er einer der jüngsten Kommandanten einer Einheit seiner Zeit. Als Major führte er das Emmentaler Bataillon 39, später als Oberstleutnant das Infanterieregiment 34. Während des Ersten Weltkriegs leitete er als Oberst den Territorialdienst. Er galt als rechte Hand des Bundesrats Camille Decoppet, damals Vorsteher des Militärdepartements.
Der Lebenslauf Spychigers zeigt die für die Industrialisierung der Schweiz nach 1900 typische Verbindung zwischen industrieller Führung und liberaler Politik in Gemeinde, Kanton und Land.

Spychiger verkörperte diese Verflechtung beispielhaft. Er war Unternehmer, Offizier, Nationalrat, Gemeindepolitiker sowie Verwaltungs- und Aufsichtsrat in Institutionen – Bank, Elektrizitätswerk und Schulwesen –, welche Rahmenbedingungen für die Industrialisierung und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung Langenthals schufen. Nach seinem Tod am 27. Dezember 1938 würdigten Zeitungen in der ganzen Schweiz Arnold Spychiger als eine «Persönlichkeit von nationaler Bedeutung».
Mit Arnold Spychiger betritt somit eine Unternehmerpersönlichkeit die Bühne, die wie kaum
eine andere für den industriellen Aufbruch Langenthals steht. Sein unternehmerisches Geschick, sein politisches und finanzielles Netzwerk sowie seine Fähigkeit, technische Innovationen aus dem Ausland in die Region zu transferieren, bildeten die Voraussetzungen für eines der bedeutendsten Industrieprojekte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die Gründung der Porzellanfabrik Langenthal AG im Jahr 1906. Mit der Gründung der Porzi beginnt ein neues Kapitel der Langenthaler Industriegeschichte – eines, in dem sich innovativer Unternehmergeist, künstlerische Gestaltung, Modernität und soziale Verantwortung auf besondere Weise verbinden.


Abb. 15: In Kilchberg Schooren wird der Versuch unternommen, eine erste Porzellanindustrie in der Schweiz zu etablieren. Nach 1790.
Porzellan – jenes geheimnisvoll schöne Material, das auf den ersten Blick zerbrechlich wirkt und doch zu den härtesten Werkstoffen der Welt gehört – hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Vor mehr als 2000 Jahren in China entdeckt, blieb die Herstellung von Porzellan ein streng gehütetes Geheimnis des chinesischen Kaiserhofes. Als die ersten Schalen und fein bemalten Gefässe im 14. und 15. Jahrhundert über Karawanenwege nach Europa gelangten, verbreitete sich in Venedig, Nürnberg und Augsburg eine Mischung aus Staunen und Begehrlichkeit. Und doch: Niemand wusste, wie man dieses «weisse Gold» herstellte. Erst 1709 gelang es dem Alchemisten Johann Friedrich Böttger, in Dresden am Hof des sächsischen Kurfürsten August des Starken das Geheimnis zu lüften. Seine Entdeckung machte Meissen berühmt und löste einen regelrechten Gründungsboom von Manufakturen in Europa aus – in Nymphenburg, Sèvres und anderswo. Bald erreichte das «Arkanum», die streng geheime Rezeptur des Porzellans, auch die Schweiz.
DIE ERSTEN SCHWEIZER PORZELLANTRÄUME
1763 wagte der Zürcher Dichter und Kupferstecher Salomon Gessner ein Experiment: Er errichtete eine der ersten Porzellanmanufakturen der Schweiz in Kilchberg-Schooren. Elegant und verspielt, typisch Rokoko, waren seine Erzeugnisse – doch die politische Lage war instabil, die Märkte klein, und ohne fürstliche Unterstützung blieb der Betrieb nicht lange bestehen. Auch die zweite
frühe Schweizer Manufaktur in Nyon überlebte nur wenige Jahrzehnte, hinterliess aber das heute noch berühmte Streublumenmuster. Die Schweiz blieb danach rund hundert Jahre lang «porzellanlos» und musste alles importieren. Erst die Industrialisierung machte Porzellan günstiger – und die Idee nahm wieder Fahrt auf, eine eigene Produktion aufzubauen. Interessierte Hoteliers, Geschirrhändler und fortschrittlich gesinnte Unternehmerpersönlichkeiten suchten einen Ort mit den idealen Rahmenbedingungen zum Aufbau einer neuen, nachhaltigen Porzellanproduktion in der Schweiz. Eine zentrale Rolle spielten dabei drei bedeutende Geschirrhändler bzw. Abnehmer aus dem Mittelland und der Romandie. Sie hatten ein eminentes Interesse an einer inländischen Porzellanproduktion. Da war der Aarauer Detailhändler Walter Morath-Stirnemann, der an der Rathausgasse 3 ein renommiertes Geschäft für Geschirr-, Glas- und Haushaltswaren führte, das seit den 1910er-Jahren zu den regional etablierten Fachhandlungen gehörte. Dann weiter Adolf Tschumi-Montandon, der an der Verkehrsachse Zürich–Bern in Herzogenbuchsee ansässig war, wo er mit seinem Schwager Alcide Montandon einen Geschirrhandel und Geschirrverkauf betrieb und seit Jahrzehnten in den Vertrieb von Keramik- und Haushaltswaren eingebunden war. Aus der Romandie wiederum war Jacques Tschumi an einer inländischen Porzellanproduktion interessiert. Der Hotelier aus Ouchy war eine herausragende Persönlichkeit der Schweizer Hotellerie um 1900. Er war langjähriger Direktor des Beau-Rivage Palace in

Abb. 16: Die vier Initianten des Projekts Porzellanfabrik Langenthal.
Lausanne-Ouchy und prägte dessen Aufstieg zu einem der führenden Häuser des Landes. International hervor trat er durch die Mitbegründung der École Hôtelière de Lausanne im Jahr 1893, der ersten Hotelfachschule der Welt, deren Aufbau und frühe Ausrichtung wesentlich auf seine Initiative zurückgingen. Sein Engagement für die Porzellanproduktion der Schweiz erklärt sich aus der engen Verbindung zwischen gehobener Hotellerie und hochwertigem Tafelporzellan: Für den Betrieb eines Grandhotels war eine verlässliche, geschmackssichere und qualitativ konstante Porzellanversorgung von entscheidender Bedeutung. Mit seiner Initiative für ein Schweizer Unternehmen suchte Tschumi eine stabile inländische Bezugsquelle für Hotelgeschirr und wollte zugleich seinen Beitrag zur Absatzsicherung der Produkte aus dem neuen Langenthaler Betrieb leisten.
In dem Langenthaler Unternehmer Arnold Spychiger fanden Walter Morath, Jacques Tschumi und Adolf Tschumi nun eine dynamische, erfahrene und vernetzte Unternehmerpersönlichkeit. Damit stand der Kreis der Persönlichkeiten fest, der die neue Industrie in der Schweiz vorantrieb. Diese vier «Gründerväter» stehen exemplarisch für die Verzahnung von industrieller Produktion,
Detailhandel und Hotellerie im frühen 20. Jahrhundert. Ihr Zusammenschluss verdeutlicht die strategische Einsicht, dass der Aufbau einer nationalen Porzellanproduktion auf die enge Kooperation jener Branchen angewiesen war, die Porzellan tagtäglich einsetzten und vertrieben: Hotels und Handelsgeschäfte.
IN LANGENTHAL
1906 war der richtige Moment gekommen. Zunächst war Suhr als neuer Standort vorgesehen, doch der Langenthaler Grossrat und Unternehmer Arnold Spychiger setzte sich mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit dafür ein, die neue Porzellanindustrie in sein Dorf zu holen. Die vier Initianten verfassten einen Prospekt. Dieser beschrieb das Projekt und lud zur Zeichnung des Aktienkapitals ein. Die Idee zündete. Wer in Langenthal Geld und einen Namen hatte, zeichnete eine oder mehrere Aktien. Bereits am 4. Juli 1906 konnten die Initianten zu einer ersten Generalversammlung einladen. 47 Aktionäre hatten ein Aktienkapital von CHF 500 000.– gezeichnet. Unter dem Vorsitz von Arnold Spychiger wurde der Verwaltungsrat bestellt, der sogleich mit der Umsetzung des Projekts begann. Die benötigten fünf Jucharten Land an der Bleienbachstrasse stellte Arnold Spychiger zur Verfügung. Er verkaufte die 20 000 m 2 der Aktiengesellschaft zu 15 Rappen/m 2 . Der Verkaufspreis lag für damalige Verhältnisse weit unter dem Durchschnitt.
Zu den Mitgliedern des Verwaltungsrats gehörten mit den drei «Gründervätern» auch Samuel Gottlieb Stettler, Fabrikant aus Langenthal (Vizepräsident) und Fritz Baumberger, Bierbrauer aus Langenthal, sowie Emil Spycher, der als Notar fungierte.
Neben den Fachleuten Jakob und Adolf Tschumi und Walter Morath suchte sich Spychiger für den Verwaltungsrat Persönlichkeiten, die im Langen-

Abb. 17: Die Postkarte ist ein frühes Werbemittel der Porzellanfabrik. Datierbar in die Zeit zwischen 1900 und 1910. Das Bild idealisiert die Fabrik als vielfältigen Lebensraum.
thaler Wirtschaftsleben vernetzt waren und zu der Dorfelite zählten. Der VR-Vizepräsident Samuel Gottlieb Stettler hatte zusammen mit Gottfried Bangerter die Tuchfabrik Stettler und Bangerter aufgebaut. Das Fabrikgebäude an der Murgentalstrasse steht noch heute – es wurde schon zwei Jahre nach der Gründung von der Gugelmann AG übernommen. Stettler liess sich von Hector Egger in der Nähe eine prächtige Villa bauen, in deren Obergeschoss er bald einen Tuchhandel betrieb. Heute ist in diesem Gebäude das Hotel Auberge untergebracht. Mit dem Bierbrauer
Fritz Baumberger holte Spychiger eine weitere im Dorf vernetzte Persönlichkeit ins Boot.
Schliesslich gelang es Spychiger 1897, auch den vom Seeland herkommenden jungen Notar Emil Spycher für den ersten Verwaltungsrat zu gewinnen. Spycher wurde bald der Rechtsberater zahlreicher Langenthaler Unternehmer und war mit deren gesellschaftlichen und finanziellen Verhältnissen bestens vertraut. Später wurde in Spychers Nachruf betont, dass er als «Berater und Weggefährte der Langenthaler Wirtschaftspioniere» Erstaunliches für die wirtschaftliche Entwicklung
Langenthals geleistet habe. Als Revisoren beauftragte der Verwaltungsrat den Prokuristen Rudolf Lanz von der Gugelmann AG sowie den Sekundarlehrer Hermann Jungi.
Wenn Kompetenz, familiäre Bindungen, gegenseitige Achtung bzw. freundschaftliche Zuneigung sowie monetäres Kapital aufeinandertreffen, ist Grosses möglich. Das war schon damals so und es hat sich bis heute nichts an dieser Erkenntnis geändert. Der auf diese Weise funktionierende Verwaltungsrat konnte in den folgenden zwei Jahren die notwendigen Infrastrukturen schaffen, allen voran die Fabrikanlage. Mit der Planung wurde das Architekturbüro Eggimann & Girsberger (Bern) beauftragt; die Bauarbeiten begannen noch im Jahr 1906.
Eine frühe Fotografie vom Bau des ersten Gebäudes vermittelt einen Eindruck davon, wie viel Pioniergeist nötig war, um zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fabrikationsgebäude für einen neuen Industriezweig zu errichten. Konkret mussten
die baulichen Voraussetzungen für neue Produktionsabläufe umgesetzt werden: In Hallen waren Tonmühlen, Pressen, Drehscheiben, Trockenräume, Werkstätten und Öfen unterzubringen. Mit der Anstellung von 87 Arbeitenden (35 davon aus dem Ausland) konnte die Produktion schliesslich aufgenommen werden.
Arnold Spychiger war selbst durch die Zentren der Porzellanproduktion in Böhmen gereist, hatte dort Fachleute rekrutiert und sie ermuntert, nach Langenthal zu ziehen.
Doch der Anfang war nicht leicht: Rohstoffe, Fachkräfte, ein Markt für Schweizer Porzellan –nichts davon war selbstverständlich. Die Gründer jedoch hielten sich an das Berner Wort: «Nid nohlo gwünnt.»
DER MOMENT DER WAHRHEIT
Nach zwei Jahren Vorbereitung kam 1908 der grosse Augenblick. «Es ist der 15. Januar. Draussen liegt Langenthal unter einer dichten Schnee-

Abb. 18: Der erste Bau auf dem Gelände der Porzi um 1906. Auf der Dachkante der VR-Präsident Spychiger.

decke, die Luft ist klar und kalt. In der neuen Fabrikhalle an der Bleienbachstrasse herrscht dagegen drückende Wärme. Zwei gewaltige Sturzflammöfen glühen, und in der Halle liegt eine gespannte Stille, die nur vom Knistern des Feuers durchbrochen wird. Rund um die Öfen stehen Männer und Frauen – Arbeiterinnen, Handwerker, Ingenieure – dicht gedrängt. Unter ihnen auch Arnold Spychiger, einer der Gründer der Porzellanfabrik, dessen Gesicht von Anspannung gezeichnet ist. Monate voller Planungen, Reisen, Finanzierungsrunden und ungezählter Sorgen liegen hinter ihm. Jetzt entscheidet sich alles.
Der Ofenmeister hebt die eiserne Klappe. Ein warmer Hitzeschwall schlägt ihm entgegen, als er die ersten Stücke hervorzieht: Teller, Tassen, Schalen – noch heiss, noch matt, aber vollkommen. Kein Riss, kein Sprung, kein Ausschuss. Für
einen Moment herrscht völliges Schweigen. Dann huscht ein Lächeln über die Gesichter, jemand klopft seinem Nachbarn auf die Schulter, und Spychiger wischt sich verstohlen den Schweiss von der Stirn. Ein Murmeln geht durch die Halle: «Es funktioniert …». In diesem Augenblick ahnt noch niemand, was dieser Tag bedeuten wird: dass diese Teller und Tassen schon bald ihren Weg in Hotels und Restaurants in Zürich, Genf und Paris finden; dass Jahrzehnte später Reisende in Kairo, Buenos Aires oder New York am Frühstückstisch eine Tasse umdrehen und den kleinen Stempel entdecken werden: «Langenthal – Suisse». Der erste Glattbrand der Porzellanfabrik Langenthal ist gelungen. Es ist der Beginn einer Geschichte, die das Gesicht des Oberaargaus verändern und Porzellan aus einem kleinen Schweizer Dorf hinaus in die Welt tragen wird.
Der Erfolg beflügelte den Ausbau: Lagerhäuser, Sortier- und Packräume, ein Wohnhaus für den technischen Direktor und zusätzliche Öfen entstanden. Das Aktienkapital stieg auf 650 000 CHF. Doch schon ein Jahr später zeigten sich die ersten Schwierigkeiten. Facharbeiter fehlten, technische Probleme häuften sich. Gleichzeitig stieg die Belegschaft auf bis zu 160 Mitarbeitende. Der erste technische Direktor war überfordert und musste bald ersetzt werden.
Immerhin war in dieser Krisenzeit die künstlerische Handschrift von Rudolf Münger ein Glücksfall. Seine Trachtenbild-Dekore lösten 1910 an der ersten schweizerischen Gastgewerbeausstellung Begeisterung aus. Der Absatz von Hotelporzellan stieg sprunghaft, die Fabrik schrieb erstmals einen kleinen, aber symbolträchtigen Gewinn.
AUFSCHWUNG UND STABILISIERUNG: DIE ZEIT ADAM KLÄSIS
Wie im vorausgehenden Kapitel dargelegt, war der Erfolg der Industrialisierung Langenthals zu einem grossen Teil das Werk aussergewöhnlicher Persönlichkeiten, die ihr Handeln an den Werten des Langenthaler Kulturprotestantismus ausrichteten: Bescheidenheit, Leistungsbereitschaft, Fleiss und soziale Verantwortung. In diesen Kreis fügte sich auch Adam Kläsi ein, der ab 1909 als kaufmännischer Leiter und ab 1913 als Direktor die Geschicke der Porzellanfabrik prägte.
Adam Kläsi wurde am 5. Juli 1879 im glarnerischen Luchsingen geboren. Seine Heimat war geprägt von der Tradition der Landsgemeinde, in der demokratische Mitbestimmung fest verwurzelt war. Sein Elternhaus war einfach: Der Vater arbeitete als Packmeister in einer Tuchfabrik und ernährte eine sechsköpfige Familie. Adam wuchs mit zwei älteren Zwillingsschwestern sowie zwei jüngeren Brüdern auf. Da der Vater täglich elf Stunden arbeitete, übernahmen die älteren Geschwister früh Verantwortung. Der Sonntag war

der einzige freie Tag, den die Familie gemeinsam in der Kirche verbrachte. Schon früh erkannte der Ortspfarrer Kläsis Begabung und verhalf ihm zu einer kaufmännischen Ausbildung. Diese absolvierte er mit Erfolg und ergänzte sie durch ein Welschlandjahr in Neuenburg, wo er seine Sprachkenntnisse erweiterte. 1898 trat der 19-jährige Kläsi seine erste Anstellung in der Langenthaler Leinenmanufaktur Kummer & Egger an. Dort übernahm er die gesamte Buchhaltung und sämtliche kaufmännischen Aufgaben – eine Verantwortung, die ihn schnell in der Langenthaler Wirtschaft bekannt machte. Sein geselliges Wesen, gepaart mit Fleiss und Bescheidenheit, half ihm, sich rasch zu integrieren. Kläsi engagierte sich zudem für die Bildung: Er war Mitbegründer der Abendschule des Kaufmännischen Vereins und knüpfte ein weitreichendes Netzwerk in der Region.

Der Erfolg markierte die Wiedergeburt der Schweizer Porzellanindustrie. Die schweizerischen Porzellanträume des 19. Jahrhunderts wandelten sich mit der Gründung der Porzi in Realität. Das zeigte sich in Bern an der Landesausstellung. Doch dieser Triumph konnte nicht über die Krise hinwegtäuschen, die sich 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs einstellte. Durch die Mobilmachung und die Rückkehr vieler ausländischer Arbeitskräfte in ihre Heimat sank die Zahl der Beschäftigten. Hinzu kamen Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Rohstoffen aus dem Ausland. Der Verwaltungsrat der jungen Fabrik war gezwungen, sich dem lokalen – qualitativ minderwertigen – Rohstoffmarkt zuzuwenden: Sand aus dem Wallis, Kapselton aus dem Jura. Nach einer Produktionspause wurde die Arbeit schrittweise wieder aufgenommen.
Nach zehn erfolgreichen Jahren bei Kummer & Egger heiratete Kläsi Clara Kummer, die Tochter seines Arbeitgebers. Auf Empfehlung des Notars
Emil Spycher, der als Sekretär im Verwaltungsrat der Porzellanfabrik tätig war, wurde Kläsi 1909 zum kaufmännischen Direktor der Porzellanfabrik Langenthal berufen.
Obwohl Kläsi keinerlei technische Kenntnisse in der Porzellanherstellung besass, überzeugte er durch Lernbereitschaft, kaufmännische Kompetenz und Menschenkenntnis. Schon 1913 übertrug ihm der Verwaltungsrat die Gesamtleitung der Fabrik. An seiner Seite stand der aus Böhmen stammende Friedrich Gareis, ein technisch versierter Spezialist, der die Produktion modernisierte. Gemeinsam führten Kläsi und Gareis die Porzellanfabrik zu einem ersten grossen Erfolg: 1914 gewann das Unternehmen an der schweizerischen Landesausstellung in Bern den Grossen Preis.
Kläsi bewies Weitblick und setzte früh auf Diversifikation. 1919 reagierte er auf ein Schreiben des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements, das auf Engpässe bei Porzellan-Isolatoren hinwies, die für den Ausbau der Elektrizitätsversorgung dringend benötigt wurden. Der Glarner erkannte die Chance, richtete eine eigene Forschungsabteilung ein und trieb die Entwicklung von Pressporzellan voran. Dank dieser Initiative wurde Langenthal in den folgenden Jahren zu einem der führenden europäischen Standorte für Hochspannungs-Isolatoren – ein bedeutendes zweites Standbein neben der Herstellung von Geschirr. In Zusammenarbeit mit der Maschinenfabrik Brown, Boveri & Cie. aus Baden entstand 1937 der weltweit erste elektrisch beheizte Tunnelofen. Der Tunnel war 120 Meter lang und arbeitete im 24-Stunden-Betrieb; dreieinhalb Tonnen Porzellan konnten so im Tagund-Nacht-Betrieb gebrannt werden. Auf den ersten Ofen folgte bald ein zweiter (1941–1942) und ein dritter (1950–1951). Mit der Elektrifizierung

des Produktionsprozesses konnte das Fabrikationstempo wesentlich beschleunigt werden. Zudem war es möglich, auch während des Zweiten Weltkriegs ohne Unterbruch zu produzieren.
Eine nachhaltige Entscheidung der Geschäftsleitung war die Einführung eines einheitlichen Markenstempels. Ab 1923 wurde jedes Produkt auf der Unterseite mit dem Schriftzug Langenthal –Suisse gekennzeichnet. Bereits 1911 war ein Stempel mit den drei Langenthaler Bächen (Langete, Sagibach, Schulbach) im Gebrauch, ab 1917 folgte der Schriftzug Suisse – Langenthal, ab 1933 wurde das Jahr des jeweiligen Brandes hinzugefügt und nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der noch heute gebräuchliche Stempel mit dem ovalen Bauch und dem Schriftzug Suisse – Langenthal. Dieses Markenzeichen stärkte die Identität der Porzi und verankerte Langenthaler Porzellan im kollektiven Gedächtnis. Viele Langenthalerinnen und Langenthaler berichten noch heute von einem Ritual auf Reisen: Beim Frühstück im Hotel wurde das Geschirr diskret umgedreht, um zu prüfen, ob es «von daheim» stammt.
GESCHIRRPRODUKTION
IM ZWEITEN WELTKRIEG
Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich die Geschirrproduktion kontinuierlich weiter. Qualität, Ästhetik und technische Innovation waren das Rezept zum Erfolg. Kläsi verstand sich nicht nur als Kaufmann und technischer Innovator, sondern auch als Ästhet. Er modernisierte die Produktionsprozesse (elektrischer Tunnelofen) und setzte gleichzeitig auf künstlerische Gestaltung.
Kläsi brachte seine gestalterische Philosophie auf den Punkt: «Materialgerecht und doch edel, zweckdienlich und doch elegant, traditionsbewusst und doch vorurteilsfrei», urteilte Kläsis Biograph Hans Rudolf Schmid. Diese Leitlinie prägte die Formensprache der Porzellanfabrik und wurde zum Markenzeichen der Porzi.
Die Personalführung während des Kriegs war für Kläsi schwierig – insbesondere nachdem der zweite grosse Ofen, nun mit Gasenergie beheizt, eingerichtet worden war. Die neue Anlage gab Anlass zu hartnäckigen Gerüchten. Man nannte den neuen Ofen «die Nummer 14». Angeblich sollte er als Kremato-



