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Kurzvorschau - Segantini

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Segantini

Ein Leben in Bildern


Segantini

Ein Leben in Bildern

Reto Bonifazi Daniela Hardmeier Medea Hoch Rolf Saurenmann

werdverlag.ch


Alle Angaben in diesem Buch wurden von den Autoren nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihnen und vom Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autoren noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten. Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe. © 2002 Weber Verlag AG, 3645 Thun/Gwatt 12. Auflage 2025 Beratung: Franz Zelger Koordination und Redaktion: Georges Ammann Lektorat: Christina Sieg

Weber Verlag AG Verlagsleitung: Annette Weber-Hadorn Gestaltung und Satz: Sonja Berger Redesign: Shana Hirschi Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt. ISBN 978-3-03818-835-3 www.weberverlag.ch mail@weberverlag.ch Auslieferung EU Brockhaus Commission GmbH Postfach 1220 D-70803 Kornwestheim info@brocom.de


Inhalt Einleitung

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Rolf Saurenmann

Von Arco bis Mailand (1858–1880) Eine biographische Spurensuche

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Zwischen Dichtung und Wahrheit Arco (1858 –1865) Vorfahren mit besserer Vergangenheit Romantische Vorstellungen – raue Wirklichkeit Abwesender Vater – lebensschwache Mutter Sehnsucht und Hass Mailand (1865–1873) Ein einsames Kind Fluchtversuche In der Besserungsanstalt Marchiondi (1870–1873) Zum Halbbruder ins Trentino Wieder in Mailand (1874–1880) An der Kunstakademie Brera (1875–1879) Erste Erfolge (1879) Der Chor von Sant’Antonio (1879) Der tote Held (1879) Protektion durch die Kunsthändler Grubicy Der Staatenlose

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Medea Hoch

Die Zeit in der Brianza (1880–1886) Rückzug in ländliche Abgeschiedenheit 39 Brianza – Arkadien in der Lombardei Künstlerische Suche: Gefühlsbetonte Bildfindungen und Millets Einfluss Traditionelle Bildgattungen Andacht unter freiem Himmel Wegweisende Zeichnungen Naturbeobachtung und Weitung zum Panorama

Inhalt

39 45 48 55 60 66

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Reto Bonifazi

Aufenthalt in Savognin (1886–1894) Entwicklung zum Maler des Lichts

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Neubeginn Giovanni Segantinis Entwicklung Von der Ausschaffung bedroht Segantinis Religiosität Bauernbilder Segantinis Divisionismus Laternenstudien Wahre und falsche Mütter Freilichtmalerei und klassische Landschaft Landschaftsvisionen

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Daniela Hardmeier

Letzte Lebensjahre in Maloja (1894–1899) Der im Naturkreislauf eingebundene Mensch 99 Maloja – letzte Station des Künstlers Das Segantini-Haus in Maloja Segantinis Themen im Spätwerk Natur und Symbol Der Tod als Hoffnung Die Nähe zu den Sezessionisten Das Projekt für das Panorama des Engadins Das Alpentriptychon – letztes Meisterwerk des Künstlers Das Leben (1896–1899) Die Natur (1897–1899) Der Tod (1896–1899) Das Segantini-Museum in St. Moritz Der Kreislauf des Lebens

99 100 103 103 106 111 112 116 117 122 126 130 130

Anhang Die wichtigsten Lebensdaten Anmerkungen Literaturhinweise Abbildungsnachweis

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Inhalt

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Einleitung Zu Lebzeiten wurde Giovanni Segantini eine geradezu hymnische Verehrung zuteil. Während der Zwanzigerjahre jedoch fiel seine symbolistische Kunst in Ungnade. In der Folge waren die Meinungen geteilt. In dem Mass, wie seine Popularität wieder zunahm, wuchs die Kritik, die seine Bilder als überholt und sentimental taxierte. Heute gilt Segantini unbestritten als bedeutende Erscheinung der Jahrhundertwende, als Hauptvertreter des Divisionismus, als «Maler der Berge», dessen Werke dank zahllosen Reproduktionen einem breiten Publikum vertraut geworden sind. In Erinnerung an den Künstler wurde 1908 in St. Moritz das Segantini-Museum, ein Zentralbau mit mächtiger Kuppel, errichtet. Die Sammlung umfasst rund 50 Werke, wobei ein grosser Teil aus der Brianzazeit stammt. Unter den Beständen ist vor allem das grossformatige Alpentriptychon hervorzuheben. Vergleicht man die Bilder mit der wirklichen Landschaft, so fällt auf, dass sich Segantini anders als sein Zeitgenosse Ferdinand Hodler nicht immer an die topographischen Gegebenheiten hielt. Obwohl er im Freien arbeitete, schuf er komponierte Landschaften gemäss dem inneren Bild seiner Vorstellung. In Segantinis Schaffen ist die Kreatur eingebettet in den zyklischen Kreislauf der Natur. In seinem letzten, unvollendet gebliebenen Werk, dem Alpentriptychon, fand die Sehnsucht nach der Gesamtheit des Seins ihre programmatische Gestaltung. Die vorliegende Publikation zeichnet den Weg nach, den Segantini als Mensch und Künstler zurückgelegt hat. Es ist das Ziel der Autorinnen und Autoren, Segantini in seiner ganzen Komplexität einem grösseren Publikum vorzustellen, den unermüdlichen «Kämpfer», der allen Hindernissen und Schwierigkeiten trotzte, um seiner Berufung zu folgen. Vor allem aber soll der Zugang zu seinem Werk erleichtert werden. Ohne die Biographie zu vernachlässigen, steht das Werk Segantinis im Mittelpunkt der Darstellung. Segantini – Ein Leben in Bildern versteht sich in erster Linie als Führer durch das gemalte und zeichnerische Schaffen. Das Buch soll aber auch den Weg weisen zu den Originalen, von denen manche in den Museen der näheren und weiteren Umgebung wie in St. Moritz, St. Gallen, Zürich, Chur oder Mailand ausgestellt sind.

Einleitung

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Es wäre zweifellos auch reizvoll, Segantinis Standorte rund um Savognin, St. Moritz, Maloja oder Soglio aufzusuchen, gewisse seiner Blickwinkel wiederzuerkennen und die Atmosphäre eines Ortes auf sich wirken zu lassen. In erster Linie sollen aber die Bilder «sprechen»: Die sorgfältigen Beschreibungen mögen dabei eine willkommene Sehhilfe sein. Die vorliegende Publikation – aus Anlass von Giovanni Segantinis 100. Todestag ( 28. September 1999) entstanden – ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit des Pestalozzianums Zürich mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich, dessen Leiter, Prof. Dr. Franz Zelger, den Autorinnen und Autoren mit Rat und Hilfe beistand. Es erwies sich als sinnvoll, den vorliegenden Führer nach Segantinis Wohnorten und Schaffensperioden in vier Kapitel zu unterteilen: 1. Von Arco bis Mailand (1858 –1880): Eine biographische Spurensuche 2. Die Zeit in der Brianza (1880 –1886): Rückzug in ländliche Abgeschiedenheit 3. Aufenthalt in Savognin (1886 –1894): Entwicklung zum Maler des Lichts 4. Letzte Lebensjahre in Maloja (1894 –1899): Der im Naturkreislauf eingebundene Mensch Das 1. Kapitel befasst sich mit Herkunft, Kindheit und Jugend von Segantini, wobei Recherchen in Archiven einige aufschlussreiche Details über die Entwicklungsjahre des angehenden Malers zu Tage brachten. Die Kapitel 2 – 4 dagegen konzentrieren sich viel stärker auf das Werk Segantinis. Auch hier führte die intensive Auseinandersetzung mit einzelnen Bildern zu neuen Erkenntnissen, die das tradierte Segantini-Bild zwar nicht auf den Kopf stellen, aber doch um wertvolle Details zu bereichern vermögen.

Im Mai 1999

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Einleitung

Pestalozzianum Zürich


Eine biographische Spurensuche GIOVANNI SEGANTINI wuchs im damals österreichi­ schen Arco unweit des Gardasees auf. Seine Eltern waren arm, der Vater jahrelang von zu Hause weg und die Mutter von schwacher Gesundheit. Nach deren frühem Tod lebte Giovanni bei seiner Halbschwester in Mailand: Ein un­ willkommener Gast, einsam und oft unglücklich, trieb er sich dort herum und wurde schliesslich wegen Land­ streicherei für mehrere Jahre in eine Besserungsanstalt gesteckt, der er nur dank der Intervention seines Halb­ bruders vorzeitig entrinnen konnte. Als Gehilfe des Malers Luigi Tettamanzi erhielt er von diesem Zeichenunterricht. An der Kunstakademie Brera besuchte er Abend­ und spä­ ter Tageskurse. Hier gelang dem Einundzwanzigjährigen mit dem Bild Chor von Sant’Antonio der künstlerische Durchbruch. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Lebensgefährtin Bice Bugatti kennen.

Zwischen Dichtung und Wahrheit «Was vor meiner Geburt geschah, weiss ich nicht. Ich weiss, dass ich einen Vater und eine Mutter hatte, und dass es ihnen gefiel, zu Arco im Tridentinischen (Abb. 1), auf dem rechten Ufer der Sarca, sich ein Nest zu bauen, und dort legten sie ihre Eier hinein. Ich bin der Zweit- und Letztgeborene. Der erste kam um, ein Opfer der Flammen, und ich verursachte durch meine Geburt meiner Mutter eine Schwäche, durch die sie fünf Jahre später dahingerafft wurde. […] Als sie starb, war sie noch nicht neunundzwanzig Jahre alt.» 1 So beginnt Segantinis Selbstbiographie, ein Fragment von nur wenigen Seiten. Bereits diese ersten Zeilen ent­ halten nicht nur fehlerhafte Daten, sondern verweisen auch auf eine trügerische Idylle. Segantinis ältester Sohn Gottardo leitete denn auch die Lebensbeschreibung seines Vaters mit den Worten ein: «Den richtigen Weg zwischen Dichtung und Wahrheit zu begehen dürfte nicht nur mir, sondern allen schwer fallen, die den Versuch machen, eine Biographie Giovanni Segantinis zu schreiben.» 2 In erster Linie ist es die Kindheit des Künstlers, welche die Phantasie seiner Biographen angeregt hat. 3 Segantini selbst hat wesentlich zur Entstehung und Verbreitung die­

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1 Arco und Fluss Sarca

ses Mythos beigetragen, zum Teil aus dem Bedürfnis, eine Vergangenheit zu verbergen, deren er sich schämte; darü­ ber hinaus versuchte er mit absichtlichen Entstellungen die Realität etwas zu verklären. Die Ungenauigkeiten in Segantinis Selbstbiographie rühren aber auch daher, dass ihm Einzelheiten aus seiner frühen Kindheit nur vage be­ kannt waren. Vieles haben dann die Biographen übernom­ men und unkritisch weiter verbreitet. Erst hundert Jahre nach Segantinis Geburt, 1958, ist erstmals anhand von Quellen aus den verschiedenen Archiven des Trentino mi­ nutiös das Umfeld von Kindheit und Jugend des Künstlers rekonstruiert worden.

Giovanni Segantini : « Fast alles, was die Biographen über mich geschrieben haben, und das ich gelesen habe, ist zu mehr als der Hälfte erfunden. Der Grund ist, dass niemand meine Kindheit kennt. Ich habe sie niemand anvertraut, während alle mein Leben als Künstler kennen. » 4

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Arco (1858 –1865) Fest steht, dass Giovanni Segantini am 15. Januar 1858 in Arco, einem Städtchen nördlich des Gardasees, zur Welt kam (Abb. 2 und 3). Da Arco bis nach dem Ersten Weltkrieg zu Österreich gehörte, war Segantini in jungen Jahren Bürger der K. u. k.­Monarchie. Sein Vater hiess Agostino Segatini. Den Namen hat der Sohn später in Segantini umgewandelt. 1851, im Alter von 49 Jahren, heiratete der verwitwete Vater die um 26 Jah­ re jüngere Margherita De Girardi. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Kinder aus erster Ehe, Napoleone und Irene, sechs­ und vierjährig. Ausser den beiden Halbgeschwis­ tern hatte Giovanni einen leiblichen Bruder, der als knapp Dreijähriger durch einen Unfall den Flammentod erlitt. In gewissen Texten wird er als Vittore, in andern als Lodovico 2 Geburtshaus Segantinis in Arco erwähnt. 3 Geburtsurkunde

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Giovanni Segantini entstammte ärmlichen Verhältnis­ sen. Seine Eltern waren auf regelmässige Unterstützung durch die Behörden angewiesen. Schon kurz nach der zweiten Heirat musste der Vater, der damals in Trient wohnte, für sein kleines Lebensmittelgeschäft denn auch Konkurs anmelden und hatte sich in der Folge von diesem Ort fernzuhalten. Die erst sechs­ und achtjährigen Kinder aus erster Ehe wurden einer Tante in Bozen anvertraut. Bis die Familie 1856 festen Wohnsitz in Arco nahm, führte sie ein unstetes Wanderleben als Strassenhändler.

Vorfahren mit besserer Vergangenheit Die Vorfahren väterlicher­ und mütterlicherseits hatten bessere Zeiten erlebt. Vater Agostino stammte aus einer alten Familie in Bussolengo im Trentino, die im 17. Jahr­ hundert, als der Ort noch ein blühendes Textilzentrum für Leinen und Seide war, zu den Wohlhabenden gehörte. Die Seidenindustrie war jedoch auf Gedeih und Verderb mit der Republik Venedig verbunden. Als diese in den Kriegs­ zeiten verarmte, bedeutete das für Bussolengo den Nieder­ gang und für die Familie Segantini den Ruin. Sie war zum Auswandern gezwungen. Segantinis Vater Agostino wurde in Ala geboren, das im südlichen Zipfel des österreichischen Trentino lag. Sein Grossvater hatte sich dort als Erster der Familie niederge­ lassen und ein Wurstgeschäft aufgebaut. Die Enkel – auch Agostino – mussten jedoch alle als Leinenweber arbeiten. Sie übersiedelten später nach Trient.

4 Dem Tode entronnen: Gedenktafel in Arco

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Segantinis Mutter, Margherita De Girardi, stammte aus einer alten, aber verarmten aristokratischen Familie. Kurz vor ihrer Heirat verliess sie das elterliche Dorf Castel di Fiemme südlich von Bozen. Beim Konkurs ihres Mannes musste Margherita Segatini erklären, dass sie weder Mö­ bel noch Wäsche besitze.

Romantische Vorstellungen – raue Wirklichkeit Über konkrete Ereignisse aus Giovanni Segantinis Kin­ derzeit in Arco wissen wir sehr wenig. Bekannt ist ledig­ lich, dass er 1862 als Vierjähriger in den Kanal Fitta vor dem Haus seiner Eltern fiel. Er wäre ertrunken, hätte ihn nicht ein Passant, Domenico Morghen, gerettet. Dieser er­ hielt dafür von der österreichischen Regierung 25 Gulden.

Inschrift am Ort der Rettung in Arco (Abb. 4) « Fortgerissen von dieser Stromschnelle, wurde hier im August 1862 der vierjährige Giovanni Segantini von Domenico Morghen aus Arco heil herausgezogen und den Gipfeln der Kunst erhalten. » 5

Von Arco und der Kindheit Segantinis entwirft sein Sohn Got tardo ein idyllisierendes Bild: «Arco ist ein bezauberndes Städtchen inmitten einer südlichen Vegetation. Ein Kranz von fernen Bergen umschliesst es nach Nordosten, während der Blick nach Südwesten offen dem nahen Gardasee zustrebt. […] In dieser Gartenlandschaft […] bewohnte die kleine Familie des Agostino Segatini ein armseliges Häuschen am Kopfende der Brücke über die Sarca, die zum nahen Schlosshügel führt (Abb. 5). […] Die Mutter, die junge Margherita de Girardi, bediente einen

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5 Arco mit Schlosshügel

kleinen Gemüseladen, der in der Hauptsache von ihrem eigenen Gärtchen, das ans Haus grenzte, beliefert wurde. Die Kinder spielten im Flussbett […]. Dass man nur Lumpen anhatte, dass man an warmen Tagen fast nackt war, was tat das? Die liebende Mutter hatte ein sorgendes Auge. Man bekam so manches Ei frisch zu trinken, und man war ein kleiner Verschwender, denn das Weisse liess man weg fliessen und freute sich am wohlschmeckenden Dotter. Wenn es Abend wurde, kam die Mutter und holte den Kleinen nach Hause. Im Westen über die weite Ebene hinweg verschwand die Sonne in einem Meer von Gold und Rosa, und die Landschaft war wie in einem milden, süssen Traum verzaubert. » 6 Die Wirklichkeit erwies sich als weitaus härter. Der Va­ ter war bei der Geburt Segantinis bereits 56 Jahre alt und unterstützungsbedürftig, die Mutter noch jung, aber von schwacher Gesundheit, die sich von Tag zu Tag verschlech­ terte. Ein ärztliches Zeugnis und die Intervention des Erz­ priesters von Arco bewirkten, dass die Behörden von Trient nach der Geburt Giovannis die Behandlungskosten für Mutter und Kind übernahmen. Sie kamen auch bei späterer Gelegenheit für Medikamente auf. Im Gemeinde­ archiv von Arco sind die Quittungen (Abb. 6) erhalten, die Margherita Segatini – zum Teil mit zittriger Hand und häufig mit Fehlern im eigenen Namen – regelmässig für die monatlich erhaltenen drei Gulden österreichischer Wäh­ rung unterschrieben hat. Auf der Rechnung, die der Ka­ minfegermeister der Behörde für die Gratisreinigung bei den Armen der Gemeinde stellte, steht der Name Cirardi Marcharita zuoberst (Abb. 7).

Abwesender Vater – lebensschwache Mutter Segantinis Kindheit weist aber noch ganz andere Schat­ tenseiten auf. 1861 verliess sein Vater, dem die Gemeinde Arco in einem Leumundszeugnis (Abb. 8) zweifelhafte Lebensführung vorgeworfen hatte, die Familie, um sein Glück in Mailand zu versuchen, wo sich, wie erwähnt, bereits seine beiden Kinder aus erster Ehe, Irene und Napoleone, niedergelassen hatten. Er kehrte erst 1864 nach Trient zurück. Giovanni wuchs somit im Alter von drei bis sechs Jahren ohne Vater auf. Nur gerade die letz­ ten sechs Monate vor dem Tod der Mutter konnte er mit seinen Eltern verbringen. In dieser Zeit wurde die Mutter dreimal hospitalisiert. Im März 1865 starb sie, und bereits

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6 Quittung für erhaltene Unterstützung

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7 Kaminfegerrechnung für Mutter Segatini­Girardi

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8 Leumundszeugnis für Vater Segatini

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einen Monat nach ihrem Tod brachte der Vater Agostino den siebenjährigen Giovanni nach Mailand und überliess ihn der «Fürsorge» der Halbschwester. Innert kürzester Zeit hatte Segantini Mutter, Vater und Heimat verloren. Was den Vater betrifft, so mutet die Schilderung Gottardos, wenn auch kaum so gemeint, fast zynisch an: «Vater und Mutter, die ihn [Segantini] geliebt und sich um ihn bemüht haben, sind verschwunden, die Mutter hat der frühe Tod in der Blüte ihres Daseins hingerafft, den Vater hat Armut und Wanderlust erfasst.» 7 Und wie erlebte Segantini die Mutter? Anknüpfend an die Erlebnisse im kindlichen Flussparadies, schreibt Gottardo auch hier aus verklärender Sicht: «In diese Landschaft ragte die Mutter als überirdische Gestalt hinein. In den ersten Jahren hatte die junge Frau ihr Söhnchen im Arm, später folgte es ihr, wie das Lämmchen dem Mutterschaf folgt. Immer war sie die Liebespendende, die Besorgte, und der Kleine schaute zu ihr hinauf und umkoste sie mit seinen grossblickenden Augen. Die Stunde, die milde Stunde des kommenden Abends in der weiten, wohlgeformten Landschaft ging in der Liebe der Mutter und im Glück des Kindes auf, und aus dieser Verschmelzung heraus grub sich in das Unterbewusstsein des späteren Malers jener Dreiklang, der aus Empfindung, Lebensbejahung und Harmonie des landschaftlichen Aufbaues bestehen sollte.» 8 Giovanni Segantini selbst steht der Mutter indessen am­ bivalenter gegenüber: «Ich trage sie im Gedächtnis, meine Mutter; […] diese hohe Gestalt, wie sie müde einherschritt. Sie war schön; nicht wie die Morgenröte oder der Mittag, doch wie ein Sonnenuntergang im Frühling.» 9 Er sehnte sich nach der schönen, starken Mutter, spürte aber offen­ bar, dass sie nicht die Lebenskraft besass, deren er als Kind so dringend bedurft hätte.

Sehnsucht und Hass Aus dieser Situation heraus lässt sich verstehen, dass Segantini immer wieder bei Mensch und Tier die Mutter­ Kind­Beziehung verherrlicht; dadurch hat er seine un­ gestillte Sehnsucht nach Geborgenheit zum Ausdruck gebracht (Abb. 9). Doch ein Psychoanalytiker der frühen Stunde, Karl Abraham, der sich eingehend mit dem Thema Mutter und Mutterschaft bei Segantini befasst hat, kommt zum Schluss, dass dieser im Geheimen auch Gefühle des Hasses und der Aggression gegen seine schon so früh ent­

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9 Die zwei Mütter (Ausschnitt), 1889, Öl auf Leinwand, Galleria d’Arte Moderna, Mailand (vgl. auch Abb. 64)

behrte Mutter entwickelt habe, von der er sich im Stich gelassen fühlte. Diese Regungen gegen seine Mutter habe er sich aber nicht eingestehen dürfen, und daher seien in fast allen seinen Werken die Mütter liebevoll, sanft und gütig gezeichnet. Ganz anders jedoch in den Bösen Müttern (Abb. 10): «Und nun zeigte er grausame Strafen aus dem Jenseits ! Es sind die einstmaligen feindseligen Regungen […] des Kindes gegen die eigene Mutter, die wir hier aus der Verdrängung wiederkehren sehen. […] Da lenkt er unseren Blick […] auf […] eine Büsserin in ihrer trostlosen Einsamkeit und auf das verlassene Kind. War Segantini nicht selbst verlassen gewesen wie dieses? […] Hinter dem Wunsche, die schlechten Mütter im allgemeinen zu strafen, erscheint

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nunmehr [ab hier im Original hervorgehoben] der unbewusste Wunsch, die eigene Mutter zu strafen, Rache an ihr zu nehmen.» 10 Dazu die Meinung von Annie­Paule Quinsac, der Auto­ rin des umfassenden Segantini­Werkkatalogs von 1982: «Die […] Analyse Abrahams gibt eine faszinierende Erklärung für die besessene Wiederkehr des Themas von der Mutter und für die ambivalente Art des Bildes, die das hervorruft. Ihm (Abraham) zufolge entspräche die Anbetung der Mutter […] der Sublimation eines ungelösten Kindheitskonfliktes, einer Kompensation für die Fixierung seiner Grausamkeit auf den Gegenstand seiner kindlichen Liebe, ein Versuch, einer unbewussten Schuld Genüge zu tun. Ein aufmerksamer Betrachter würde in der Mehrzahl der Darstellungen jener betrübten Mütter fast unveränderlich etwelche Zeichen von Grausamkeit feststellen, in Darstellungen, die schwer zu erklären seien, ohne einen ungelösten Gefühlskonflikt miteinzubeziehen, besonders wenn man auf dem laufenden sei über die tragische Kindheit des Malers.» 11 Abraham war zwar nur an den seelischen Beweggrün­ den interessiert, die seiner Meinung nach den künstle­ rischen Aussagen Segantinis zu Grunde lagen. Er nahm nicht wahr, dass das Thema Mutterschaft in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Malerei und Dichtung eine wichtige Rolle spielte, insbesondere in Italien. Trotz­ dem könnten seine psychologischen Erklärungsversuche angesichts der traumatischen Jugend Segantinis ein wert­ voller Impuls sein, Leben und Werk des Künstlers auch einmal von dieser persönlichen Seite her zu betrachten. Eine ernsthafte Bedrohung für Segantinis seelisches Gleichgewicht stellten auch Gegenwart und Erfahrung des Todes im Elternhaus dar. «Die Verknüpfung von Mutterschaft und Tod», schreibt daher Quinsac, «nimmt bei Segantini nahezu morbiden Charakter an, der sich aus ei ner steten Bedrohung durch Krankheit und Tod und dem Gefühl des Verlassenseins in seiner frühesten Kindheit erklären muss, die nicht erst durch den Tod seiner Mutter einsetzte (er war gerade sieben Jahre alt), sondern auch die ganze Zeit vor ihrem Tod auf ihm lastete. Segantinis Mutter war seit seiner Geburt krank und wurde regelmässig vom Vater verlassen. Sie musste allein gegen Krankheit und Armut (Abb. 11) kämpfen und war immer weniger in der Lage, sich ihres Kindes anzunehmen. Auch der Tod des Kindes, das vor Giovanni geboren wurde, lebte als schmerzliche Erinnerung seiner Eltern nach und brachte eine zusätzliche tragische Komponente in das schon ohne-

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10 Die bösen Mütter (Ausschnitt), 1894, Öl auf Leinwand, Österreichische Galerie, Wien (vgl. auch Abb. 65)

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hin schwierige Alltagsleben des kleinen Giovanni ein. Diese traumatischen Begebenheiten mögen den quälenden Ausdruck vieler Darstellungen des Künstlers erklären und ebenso das, was Abraham als den ‹starken Hang zur Grau samkeit in seiner Bildwelt› bezeichnete.» 12

Mailand (1865–1873) Segantinis Mailänderjahre vor seiner Einlieferung in die Besserungsanstalt Marchiondi im Jahre 1870 sind dunkel. Sicher ist, dass der Siebenjährige bereits einen Monat nach dem Tod der Mutter mit seinem arbeitslosen Vater Unter­ schlupf bei den Halbgeschwistern Napoleone und Irene suchte, die als Fremde ihrerseits in Mailand grosse Exis­

11 Apothekerrechnung für erhaltene Medikamente

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tenzsorgen hatten. Nach Segantinis Autobiographie fris­ tete «Napoleone mit einer Drogerie kümmerlich sein Dasein und die Schwester führte ihm den Haushalt. Aber wir [Giovanni Segantini und sein Vater] trafen’s schlecht; das Geschäft kam herunter, in kürzester Zeit musste es geschlossen und ein grosser Teil der Möbel verkauft werden. Vater und Sohn [Napoleone] wanderten gemeinschaftlich aus, indem sie mich der Obhut der Schwester überliessen» 13 (Abb. 12). Die Existenz der erwähnten Drogerie ist aber nicht nach­ weisbar, was bezeugt, dass dafür keine Lizenz vorhanden war. Dokumentieren lässt sich hingegen, dass Segantini der Halbschwester zur Fürsorge überlassen wurde, als der Vater nach weniger als sechs Monaten Mailand verlassen hatte. Die Autobiographie legt den Schluss nahe, dass Giovanni mit seiner Halbschwester vorerst in der Via San Simone gewohnt hatte, bevor sie die polizeilich bestätigte Wohnung an der Via San Giovanni in Conca bezogen. Bei­ de Strassen lagen in einem ärmlichen und überbevölker­ 12 Porträt der Halbschwester Irene, ca. 1881, ten Quartier der engen Altstadt. Öl auf Holz, 33 × 23,5 cm, Privatbesitz

Ein einsames Kind Segantini erinnert sich: «Ich war damals sechs Jahre alt [in Wirklichkeit acht] und lebte mit meiner Schwester in der St. Simonsstrasse. Die Schwester ging jeden Morgen frühzeitig fort, liess mir etwas zu essen da und kehrte nicht vor der Dämmerstunde heim; auch von den übrigen Insassen unseres Stockwerkes sah ich niemanden. Die beiden Stübchen, die wir bewohnten, hatten zwei kleine Fenster, ganz hoch oben, so dass ich, selbst mit den Füssen auf dem Tische stehend, nicht mehr als den Himmel sehen konnte. Darum blieb ich nicht gern allein; oft überkamen mich Schauer von unbeschreiblicher Angst; und dann entwich ich durch einen schmalen Gang, der auf den Treppenflur mündete, wo ich durch ein viereckiges Fenster eine lange Reihe von Dä chern und Kirchtürmen erblicken konnte und, ganz unten, einen tiefen eingeschlossenen Hof, der mir wie ein Brunnen vorkam (Abb. 13). An diesem Fenster stand ich durch viele Monate lange Tage; und eine Zeitlang wartete ich immer auf den Vater, der mir gesagt hatte, er werde bald zurückkehren: doch habe ich ihn niemals wiedergesehen. An regnerischen und an sonnenhellen Tagen war meine Seele gleich traurig und verzagt: ich wusste nicht zu sagen, ob dieses Dasein lang währen könnte, vielleicht ewig, oder ob es plötzlich enden würde.

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Wenn die Glocken der benachbarten Kirchen festlich zu läuten anfingen, verdoppelte sich mein Jammer und ich fühlte es wie eine Marter in meinem Innern.» 14 In der Zeit zwischen dem Tod des Vaters (1866) und der Einlieferung Giovannis in die Besserungsanstalt Marchi­ ondi (1870) hatte Mailand unter den Erschütterungen des Dritten Unabhängigkeitskrieges zu leiden. Die Ausei­ nandersetzungen fanden zwar mehr östlich im berühmten Städteviereck Brescia–Cremona–Mantua–Verona statt, doch Mailand litt unter der starken wirtschaftlichen Re­ zession. Infolge des andauernden Zustroms von Soldaten wurden auch die Lebensmittel immer knapper. Hungersnot und eine Pockenepidemie waren die Folge. Auch Segantini scheint davon nicht verschont geblieben zu sein. 15

13 Hof des Hauses an der Via San Simone in Mailand, wo Segantini mit seiner Halbschwester Irene wohnte

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Fluchtversuche In der Autobiographie berichtet Segantini ausführlich über seinen Ausbruchversuch in Richtung Frankreich, der allerdings schon vor den Toren Mailands sein Ende fand. Quinsac sieht in dieser Schilderung zwar mehr eine dich­ terische Version der zahlreichen jugendlichen Flucht­ versuche, die hier immerhin für Segantinis unstillbare Sehnsucht nach Freiheit stehen mag. Dieser Flucht war ein trostloser Winter vorausgegangen. Eingesperrt in sei­ ner Dachkammer, vegetierte er vor sich hin: «[…] ohne Licht, ohne Himmel, verbrachte ich meine trübseligen Tage; und jeglicher grünkeimende Gedanke, alle himmelblaue Hoffnung wichen aus meinem Sinn; sämtliche Formen verloschen, in meinem kleinen Kopf wuchs Finsternis; ich begriff die Freude nicht mehr und auch der Schmerz war dahingegangen. »16 Im Frühling, berichtet Segantini, hörte er Nachbarin­ nen im Treppenhaus von einem Mann erzählen, der in Frankreich sein Glück gefunden habe. Von seinem Vater her kannte Segantini die Strasse, die vom Friedensbogen beim Schlossplatz nach diesem Land führte. Von dort waren seinerzeit auch die siegreichen französischen und piemontesischen Truppen gekommen. So machte er sich auf den Weg … Seiner Autobiographie zufolge schlief der Neunjährige nach einer langen Tageswanderung in einem Strassen­ graben ein und wurde von zwei Bauern aufgegriffen, bei denen er sich dann als Schweinehirt nützlich machen konnte.

In der Besserungsanstalt Marchiondi (1870–1873) Am 15. August 1870 wurde Giovanni Segantini von der Po­ lizei in der Nähe der Porta Ticinese angehalten und wegen «Müssigganges und Landstreicherei» ins Gefängnis ge­ steckt. Da der Knabe als Waise ohne offiziellen Vormund galt, verfuhren die Behörden mit ihm strenger, als wenn er aus geordneteren Familienverhältnissen gekommen wäre. Vier Monate nach seiner Festnahme wurde er ins Patronato Marchiondi eingeliefert. Die Jahre im Marchiondi – heute eine Berufsschule für mittellose Knaben – sind gut dokumentiert, da die Akten über Segantini im Archiv des Institutes noch vorhanden sind. Beim Eintritt musste er im Verzeichnis der Neuange­

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kommenen unterschreiben. Mit zitternder Hand machte er ein Kreuz, was zeigt, dass er im Alter von dreizehn Jah­ ren nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. «N.19 Segatini Giovanni, Sohn des verstorbenen Agostino, am 15. Januar 1858 geboren, eingetreten am 9. Dezember 1870. Erste Elementar, zu erlernendes Handwerk: Schuhmacher.»17 In der ersten Elementarklasse wurden ihm, der akten­ gemäss nur bis zwölf zählen konnte, die Anfangskenntnis­ se in Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt. Die Berufs­ lehre hingegen war umfassender. Es wird von einem Priester im Marchiondi berichtet, der Segantini in dieser Zeit unterstützt, seine künstlerische Berufung erkannt und ihn zum Zeichnen ermutigt habe, indem er ihm Papier und Bleistift verschaffte. Es könnte sich um den Leiter der Graphischen Sammlung gehandelt haben, dem der Maler später drei Gemälde geschenkt oder verkauft hat. Auf alle Fälle wurden Segantinis künstleri­ sche Fähigkeiten erkannt, heisst es doch in der Austritts­ akte, er neige zur Zeichenkunst.

Zum Halbbruder ins Trentino Segantini hätte bis zur Volljährigkeit im Marchiondi blei­ ben sollen, doch holte ihn sein Halbbruder Napoleone frühzeitig heraus und bot ihm Aufnahme in seiner Familie an. So reiste Segantini, im Januar 1873 aus der Anstalt entlassen, zu Napoleone ins Trentino. In der Begleitschrift heisst es über den Zögling: «In guter Gesundheit; mittelmässiges Betragen; entlassen, um ihn in einer Familie unterzubringen; Schuhmacher, aber noch nicht fähig, das Handwerk auszuüben; hat gebeichtet, hat die Kommunion und die Firmung empfangen; erste obere Klasse.» 18 Das Jahr 1873 verbrachte Segantini nun bei Napoleone, der sich im österreichischen Heer als freiwilliger Ersatz für einen Sohn aus reicher Trienter Familie hatte anwer­ ben lassen. Mit dem dafür erhaltenen Geld eröffnete er in Borgo Val Sugana, dreissig Kilometer östlich von Trient, ein Lebensmittelgeschäft samt einem kleinen Fotoatelier. Er wollte Giovanni zum Fotografen ausbilden lassen. Wahrscheinlich war aber die Rückkehr ins nahegelegene «Paradies der Kindheit» für den von der grossen Freiheit träumenden Segantini eine bittere Enttäuschung. Er ver­ abscheute den Laden des Bruders und die Arbeit als Lauf­ bursche. Alle Versuche, ihn in die Familie einzugliedern, scheiterten.

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Von Arco bis Mailand (1858 –1880)


Wieder in Mailand (1874–1880) So weilte denn Segantini seit Februar 1874 wieder in Mai­ land bei seiner Halbschwester Irene, die ihm alles andere als zugetan war. Er nahm eine Stelle als Gehilfe bei Luigi Tettamanzi an, einem stadtbekannten Original und Maler von Fahnen, Kirchendekorationen, Schildern und Re­ klametafeln. Tettamanzi, ein ehemaliger Sergeant unter Garibaldi, war auch Theaterdirektor einer kleinen Wan­ dertruppe. Er hatte stets einige junge Gehilfen, die er in die Kunst des Zeichnens und der Farbkombination ein­ führte. Von ihm erhielt auch Segantini Zeichenunterricht. War das Verhältnis des Schülers zu seinem Meister, der sich für einen talentierten Künstler hielt, so gespannt, wie es gewisse Biographen behaupten? Laut diesen soll Tetta­ manzi Segantini einst selbstgefällig gefragt haben, was er wohl machen würde, wenn er ein Künstler wäre wie er. Die Antwort habe gelautet: «Ich würde mich zum Fenster hinausstürzen.» 19

14 Der Drogist [Giulio] Bertoni, Freund und Förderer, 1880, 60 × 50 cm, Öl auf Leinwand, Privat­ sammlung

Von Arco bis Mailand (1858 –1880)

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