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Kurzvorschau - Markus Ritter

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Samuel Krähenbühl

MARKUS RITTER

Der Bauernstratege


INHALT Der Bauernstratege im Bundeshaus

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Die Kraft der Herkunft

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Ein Bauernsohn in der Artillerie

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Bauernlehrjahr statt Gymnasium

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Vom Jungbauern zum Betriebsleiter

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Ein Bauer geht an die Hochschule

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Das Power-Bauer-Paar Heidi und Markus Ritter-Haltiner

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Vom Zuchtbuchführer zum Kantonalen Bauernpräsidenten

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Der Macher von Altstätten

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«Die Mitte» und ihr Bauernpräsident

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Markus Ritter – der Stratege im Bundeshaus

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Markus Ritter wird Präsident des Schweizer Bauernverbands

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An der Spitze des Bauernverbands

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Bundesratswahl 2025: Die Mechanik der Macht

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«Wir mussten von Null auf Hundert starten»

183

«Ich wollte Ordnung in das VBS bringen»

189

Markus Ritter – der Strippenzieher

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Der Glaube als Kraftquelle

211

Zukunft in Familienhand

223

Verantwortung weitertragen

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DER BAUERNSTRATEGE IM BUNDESHAUS Die Karriere von Markus Ritter spiegelt fast wie ein Brennglas die Schweizer Agrarpolitik der letzten Jahre. Vom glücklichen Einzug 2011 in den Nationalrat über Demonstrationen und der erfolgreichen Volksabstimmung zur Ernährungssicherheit bis zum Wahlkampf für den Bundesrat – Ritter hat viele Rollen ausgefüllt. Sachlich fundiert und vernetzt, vertrat er die Anliegen der Bauern stets energisch. Sein Weg führte durch Bauernproteste auf dem Bundesplatz, hitzige Rededuelle im Parlament, nächtliche Verhandlungsmarathons und endete (vorläufig) in einer Bundesratswahl. Markus Ritter steht exemplarisch für eine Generation Milizpolitiker, die aus der Gemeinde kommen und es nach oben schaffen. Er scheut keine Konfrontation, wenn es nach seiner Einschätzung nötig ist, und bleibt zugleich wandelbar: Vom gemässigten Bio-Bauern über den vernetzten Diplomaten bis hin zum harten Lobbyisten – Ritter hat mehrfach die Strategie gewechselt, um für seine wichtigste Zielgruppe das Beste herauszuholen. Kritiker werfen ihm Egozentrik und Dominanz vor, Bewunderer loben seine Dossierfestigkeit und Klugheit. Unbestritten ist jedenfalls, dass Markus Ritter längst zu den einflussreichsten Agrarpolitikern der Schweiz gehört. Manche sprechen gar vom «mächtigsten Parlamentarier der Schweiz», wenn es darum geht, wie er Mehrheiten zu schmieden versteht. Wie es weiter geht? Fürs Erste bleibt Ritter als Nationalrat am Ball und tritt auch noch mal zu den Gesamterneuerungswahlen 2027 an, wobei er dann seinen Rücktritt im Verlauf dieser nächsten Legislatur angekündigt hat. Seine Anhänger allgemein und viele Bauernfamilien im Besonderen rechnen weiter mit ihm. Die politischen Herausforderungen ändern sich jedoch ständig: Druck zu mehr Ökologie bleibt, internationale Handelsabkommen stehen an, die Staatsfinanzen zwingen zu Entscheidungen. Ritter wird also sicher weiterhin seine Karten ausspielen – sei es in Kommissionssitzungen oder auf dem Bundesplatz.

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Das vorliegende Buch soll als eine Annäherung an diese vielschichtige Persönlichkeit in all ihren Facetten dienen. Von den Wurzeln im St. Galler Rheintal über den Werdegang im Kanton St. Gallen bis zur grossen Schweizer Politik in Bern und an die Spitze des Schweizer Bauernverbandes. Dabei kommen nicht weniger als 30 Persönlichkeiten im Originalton zu Wort, die in irgendeiner Form in Ritters Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Kapitel sind grösstenteils chronologisch gegliedert. Noch eine Anmerkung zu drei wichtigen Begriffen, die immer wieder vorkommen, die aber im abgebildeten Zeitraum eine Änderung erfahren haben: Der Stadtrat von Altstätten hiess bis 1998 Gemeinderat. Markus Ritter startete also als Gemeinderat, wurde 1998 Stadtrat. In der Regel wird im Buch jedoch summarisch der Begriff «Stadtrat» verwendet. Eine Änderung hat Markus Ritter selber herbeigeführt: Bis 2013 führte der Verband in der deutschen Bezeichnung offiziell die Form «Schweizerischer Bauernverband (SBV)»; seit 2013 tritt er als «Schweizer Bauernverband (SBV)» auf. Der Einfachheit halber wird diese Form verwendet. Schliesslich hiess Ritters Partei bis Ende 2020 «Christlich-Demokratische Volkspartei» und wurde im Zuge der Fusion mit der früheren Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) in «Die Mitte» umbenannt. Im Buch wird im historischen Kontext der alte Begriff CVP verwendet, für die Gegenwart jedoch der neue Name. Es ist mir ein grosses Anliegen, allen 30 Persönlichkeiten zu danken für ihre Bereitschaft, zu einem Interview über Markus Ritter. Ebenso danke ich allen anderen, die in irgendeiner Form zum Gelingen beigetragen haben. Namentlich den Institutionen und auch Privatpersonen, die Bilder beigesteuert haben. Dann auch allen im Weber Verlag, namentlich Verlegerin Annette Weber-Hadorn, Bettina Ogi fürs Layout und Alain Diezig fürs Lektorat. Und schliesslich Markus und Heidi Ritter, die sich beide viel Zeit genommen haben. Unterlangenegg, 22. Dezember 2025

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Der grosse Bruder Werner am Bettchen des kleinen Bruders Markus.

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DIE KRAFT DER HERKUNFT Unsere Herkunft prägt uns Menschen fürs Leben. Man begreift deshalb auch das Phänomen Markus Ritter besser, wenn man weiss, wo und wie er aufgewachsen ist. Ritter wuchs im Dorf Hinterforst auf, das zur Stadt Altstätten und teilweise zur Gemeinde Eichberg im St. Galler Rheintal gehört, und ist noch immer dort wohnhaft. Das Geschlecht der Ritter ist schon lange in Altstätten ansässig und auch heimatberechtigt. Im Historischen Lexikon der Schweiz steht im Beitrag zum Namen Ritter Folgendes: «In Altstätten ab 1420 und in Lichtensteig ab dem frühen 15. Jahrhundert nachweisbares Geschlecht. Die reformierte Linie der Ritter von Altstätten stellte über Generationen wiederholt Stadtammänner, Rats- und Gerichtsherren in Altstätten sowie im 19. und 20. Jahrhundert Gemeinde- und Kantonsräte. (…) Die katholische Linie weist mehrere St. Galler Konventualen und Stadtammänner von Altstätten auf. In Lichtensteig stellte die Familie (sie nannte sich dort auch Miles) mehrmals den Schult­ heissen.» Noch heute gibt es zahlreiche Angehörige des Namens in der Gemeinde. Im Museum Prestegg in Altstätten ist ein etwa zehn Meter breiter Stammbaum archiviert, auf dem auch Markus Ritters Vorfahren abgebildet sind. So dessen Urgrossvater Johann Ritter mit Jahrgang 1848, verstorben 1923. Doch obschon Altstätten seit dem hohen Mittelalter Stadt- und Marktrecht besass, hat die Stadt auch seit jeher sehr ländlich geprägte Gebiete, darunter auch Hinterforst. Somit gab und gibt es auch zahlreiche Bauernbetriebe. Ritter hat selbstverständlich die dazugehörigen Eckdaten präsent: «Altstätten hat rund 2400 Hektaren Landwirtschaftliche Nutzfläche und rund 261 Hektaren Alpfläche im Gebiet Hoher Kasten.» Als er 1989 den elterlichen Betrieb übernahm, gab es 120 aktive Bauern. Heute sind es deutlich weniger.

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Markus mit Grossmutter Emma Ritter-Dürr.

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ALTES STÄDTCHEN MIT WECHSELHAFTER GESCHICHTE Bereits im 13. Jahrhundert erhielt Altstätten das Stadtrecht. Im Historischen Lexikon der Schweiz ist im Artikel zu Altstätten Folgendes zu lesen: «Wichtigster Grundherr und damit auch Inhaber der niederen Gerichtsbarkeit war vom frühen Mittelalter bis 1798 das Kloster St. Gallen. (…) Die hohe Gerichtsbarkeit war dem Inhaber der Reichsvogtei Rheintal vorbehalten, die bis zum Ende des 15. Jahrhunderts häufig den Besitz wechselte (u.a. Montforter, Werdenberger, Habsburger, Toggenburger) und 1490 an die Eidgenossen kam. Bis zur Helvetik wurde die gemeine Landvogtei Rheintal von Rheineck aus verwaltet.» Anlässlich der Gründung des Kantons St. Gallen im Jahr 1803 wurde dann auch die ehemalige Reichsvogtei Rheintal dem neu entstandenen Kanton zugeschlagen. Auf die speziellen konfessionellen Verhältnisse des Gebiets wollen wir an dieser Stelle nicht eingehen. Dazu gibt es im Kapitel «Der Glaube als Kraftquelle» auf Seite 210 mehr zu lesen.

Und noch etwas muss zu Ritters Herkunft gesagt werden. Sein Hof Krans liegt hoch über der eigentlichen Stadt Altstätten mit einer beeindruckenden Aussicht ins Rheintal und in Richtung Österreich. Zudem führt ganz in der Nähe die alte Stossstrasse vorbei, die zum gleichnamigen Pass in der Gemeinde Gais, Appenzell Ausserrhoden, führt, der in nur 2,4 Kilometern Luftlinie von Krans entfernt liegt. In die Geschichte ging der Stoss mit der gleichnamigen Schlacht am Stoss ein, welche am 17. Juni 1405 zwischen den Appenzellern und den Habsburgern stattfand und mit einem Sieg der Appenzeller endete. Noch heute zeugt die dortige Schlachtkapelle von diesem blutigen Ereignis. Um es bildhaft auszudrücken: Vom Hochsitz Krans aus hat man auf der einen Seite einen weiten Blick in das Rheintal und bis ins benachbarte Österreich. Gleichzeitig hat man aber auch einen für die Geschichte

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Markus und Werner Ritter in einer richtigen Bauernhofidylle vor dem Elternhaus in Hinterforst.

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der Schweiz wichtigen Ort buchstäblich im Rücken, einen Ort, der im Spätmittelalter zur Staatswerdung unseres Landes beigetragen hat. Ebenfalls sehr präsent sind bis auf den heutigen Tag die Befestigungsbauten, welche aus der Zeit des 2. Weltkriegs datieren. In der näheren Umgebung von Ritters Hof begegnet man diversen Geschützstellungen, Panzersperren und Bunkern, welche Teil der Schweizer Abwehrstellungen im Rheintal waren. Hier verwebt sich die Familiengeschichte mit der Schweizer Geschichte. Und zwar jene von Markus Ritters Vater, Werner Ritter, der am 21. Juli 1924 geboren wurde und am 22. März 2007 verstarb. Mit Jahrgang 1924 leistete er von 1944 bis 1945 Aktivdienst in der Schweizer Armee. Ritter junior berichtet von den Ängsten, welche seine Familie damals umtrieben: «Wir sind nahe an der Grenze. Deshalb hatte meine Familie Befürchtungen, dass die deutsche Wehrmacht einmarschieren könnte.» Vater Ritter hatte aufgrund der geographischen Nähe Beziehungen zu Vorarlberg. Traditionell kauften Schweizer Bauern Heu und Stroh im nur 15 km entfernten Vorarlberg. Dieses österreichische Bundesland gehörte nach dem Anschluss 1938 zum «Grossdeutschen Reich». Und die jungen Männer wurden danach zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Ein Heuhändler Namens Robert Dachauer, den auch Markus Ritter noch kennenlernte, war der einzige aus seiner Klasse, der nicht für den Krieg eingezogen wurde. «Alle anderen kamen im Ostfeldzug um», berichtet er. Auch heute unterhält der Bauernverbandspräsident Beziehungen mit Menschen aus dem benachbarten Österreich. Und was nimmt er von diesen Beziehungen mit? «Man lernt einzuschätzen, wie es den anderen geht. Das schärft mein Denken. Und ich höre oft von unseren Nachbarn: Hände weg von der EU. Bleibt für euch und tragt dem Sorge, was ihr habt!» Der Bauer Werner Ritter aus Hinterforst, der Vater von Markus Ritter, und die Baumeistertochter Clara Dellai aus dem benachbarten Eichberg lernten sich ganz klassisch im Ausgang beim Tanzen kennen. Vater Ritter war bereits 39-jährig, als er am 26. Oktober 1963 seine Frau Clara

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Die drei Kinder mit der Mutter Clara Ritter-Dellai.

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Ritter-Dellai heiratete. Mit Geburtsdatum 9. Februar 1934 war diese ziemlich genau 10 Jahre jünger als ihr Ehemann. Und sie verstarb auch deutlich später als ihr Gatte, nämlich am 29. Juni 2022. Dem Ehepaar Ritter-Dellai wurden drei Kinder geschenkt: 1965 kam Sohn Werner zur Welt, dann 1967 Sohn Markus und 1968 Tochter Maria. Alle wurden im Spital Altstätten geboren. Zu den Geschwistern später mehr. Wie ihr lediger Nachname Dellai verrät, stammten die Vorfahren der Mutter nicht aus der Schweiz. Ja, der Präsident des Schweizer Bauernverbandes hat einen Migrationshintergrund. Seine Mutter Clara Ritter-Dellai ist zwar selbst bereits in der Schweiz aufgewachsen. Grossvater Vincenz Dellai (1903–1977) ist aus dem Bergdorf Tonezza del Cimone in der Provinz Vicenza in die Schweiz eingewandert. «Italien war damals führend im Hoch- und Tiefbau, insbesondere in der Verwendung von Beton. Für die grossen Tunnel- und Bachverbauungen sind viele Italiener in die Schweiz gekommen. So ist auch mein Grossvater in die Schweiz gekommen und hat ein Baugeschäft in Eichberg gegründet, das einen sehr guten Namen hatte», berichtet Ritter. Es mag deshalb kaum überraschen, dass Baumeister Dellai 1957 den neuen Kuhstall seines späteren Schwiegersohns baute. «Der Beton ist noch heute hervorragend und ungewöhnlich hart», betont Markus Ritter. Obschon der Enkel später als Baukommissionspräsident der Stadt Altstätten ein grosses Flair fürs Bauen entwickelte, interessierte er sich als Kind noch weniger für seinen Grossvater und dessen Beruf. Denn dieser hatte schliesslich keine Kühe. Als dann seine Onkel Toni und Vinzenz junior das elterliche Baugeschäft weitergeführt haben, hat der junge Markus sogar vier Jahre lang dort gearbeitet. Und die Basis für sein Wissen um das Bauen gelegt. Noch heute würde er sich zutrauen, die Betonarbeiten für ein Haus selbst auszuführen. «Zumindest in den groben Zügen», schiebt er nach. Heute existiert das Baugeschäft Dellai nicht mehr, da es keinen Nachfolger mehr gab. Besonders angetan hatten es dem jungen Markus die Kochkünste seiner italienischen Grossmutter Maddalena (1908–1987). Wie eine rich-

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Maria und Markus mit dem Vater Werner Ritter.

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tige italienische Nonna hat sie die Familie zusammengehalten. «Richtig gut Deutsch gesprochen hat sie zeitlebens nicht. Meine Grosseltern haben stets italienisch zusammen gesprochen. Leider habe ich es verpasst, diese Sprache meiner Vorfahren zu lernen», drückt der Enkel sein Bedauern aus. Wenn auch nicht die italienische Sprache, so ist doch zumindest die italienische Küche im Haus Ritter präsent geblieben. Ritters Mutter Clara habe stets einen «hervorragenden Risotto» gekocht. Und auch ihre Fleischgerichte müssen legendär gewesen sein. Doch bevor das Baumeister-Gen beim jungen Markus zum Vorschein kam, interessierte er sich mehr für die Berufstradition seiner väterlichen Vorfahren. So erinnert er sich noch gerne an seinen Grossvater Jakob Ritter (1887–1975): «Er war ein richtiger Bauer mit Freude am Vieh und der Alpwirtschaft.» Neben der Leidenschaft zur Viehzucht lernte der erst fünfjährige Markus vom Grossvater auch das Jassen. Nun kommen wir zur Grossmutter väterlicherseits: Emma Ritter-Dürr (1901–1980) stammte aus einer Bauernfamilie in Gams. Von ihr erhielt Markus Ritter – und übrigens auch sein Bruder – das politische Interesse. Denn im Gegensatz zu Grossvater Jakob, der kaum Ämter ausübte, war Grossmutter Emma Ritter die Gründungspräsidentin der Bauernvereinigung Hinterforst. Für eine Frau ihrer Generation bemerkenswert. Von der stolzen Trägerin einer Rheintaler Festtagstracht hat der Enkel auch den Sinn für Brauchtum und Traditionen geerbt: «Ich habe selbst auch eine Festtags- und eine Werktagstracht. Und meine Frau hat ergänzend gar noch eine Sonntagstracht. Wir sind also für alle Eventualitäten gerüstet und ziehen unsere Trachten gerne an.» Der Mann von Barbara Dürr, Bäuerin und Kantonsrätin aus Gams, ist ein Cou-Cousin von Ritter. Dass Ritters Vater Werner den elterlichen Betrieb übernehmen konnte, war auch nicht ganz selbstverständlich. Denn Werner hatte vier Brüder, die alle auch Bauern wurden und eigene Landwirtschaftsbetriebe führten, einer davon einen Pachtbetrieb. Eine Landwirtschaftsschule hatte er jedoch nie besucht. «Der Grossvater hielt nicht viel von

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Der kleine Markus im Jahr 1970.

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einer systematischen Ausbildung. Ich selbst sehe das selbstverständlich anders», betont Ritter. Vater Ritter war eine spannende Persönlichkeit, wie der Sohn Markus durchaus stolz betont: «Unser Vater hatte ein hervorragendes Gedächtnis und war sehr durchsetzungsstark. Insgesamt also eine markante Persönlichkeit.» Er sei aber auch Bauer mit Leib und Seele gewesen. Kein Maschinist, aber Viehkenner und auch Schauexperte. Als in den Siebzigerjahren zunehmend die ursprünglichen Zweinutzungsbraunviehkühe mit amerikanischen Brown-Swiss-Stieren besamt wurden, war auch der ansonsten eher konservative Vater Ritter dabei. Im ersten Moment eher zum Missfallen des bereits damals viehzuchtbegeisterten Sohns: «Ich mag mich erinnern, dass mein Vater einen BS-Stier eingesetzt hat. Ich bin fast erschrocken. Aber mein Vater sah, dass die BrownSwiss-Kühe mehr Milch gaben. Und sich relativ gut verkaufen liessen.» Doch Vater Ritter hat sich auch für die Gesellschaft engagiert. So war er 33 Jahre lang Kassier der örtlichen Käsereigenossenschaft. Sein Engagement für Gesellschaft und Gemeinschaft habe er übernommen, betont der Sohn. Und noch etwas hat Ritter junior an seinem Vater fasziniert: «Er war ein grosser Geschichtenerzähler. Er konnte einen ganzen Tisch unterhalten mit seinen Geschichten. Bald einmal habe ich gemerkt, dass die Menschen Freude haben, wenn man spannende Geschichten erzählen kann. Ich habe das dann auch erlernt.» Politisch sei der aktive Leser der regionalen Bauernzeitung St. Galler Bauer stets gut informiert gewesen und habe auch stets an Wahlen und Abstimmungen teilgenommen. Doch politische Ämter hat er nicht gesucht. Auch Mutter Clara Ritter-Dellai verfügte wie ihr Mann Werner über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch die junge Frau muss intelligent und lernfähig gewesen sein, arbeitete sie doch vor ihrer Heirat während sechs Jahren als kaufmännische Angestellte bei einer ortsansässigen Fensterbaufirma. «Sie hat auch als Arztgehilfin gearbeitet. Auch hier ohne formale Ausbildung», wie ihr Sohn betont. Das sei damals noch möglich und auch üblich gewesen.

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Die drei Geschwister beim Spielen.

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Die Mutter sei in ihrer Art ganz anders gewesen als sein Vater: «Unterschiedlicher hätten meine Eltern nicht sein können. Der Vater war eher forsch und verfolgte seine Ziele sehr konsequent. Unsere Mutter war sehr ausgeglichen, konnte auch gut vermitteln. Sie hat Wärme ausgestrahlt und verfügte über viel Empathie. Sie hat alles zusammengehalten.» In der Sendung Reporter mit dem Titel «Chef der Schweizer Bauern» vom 3. Oktober 2017 drückte es die inzwischen verstorbene Mutter so aus: «Man muss alles sehen, aber auch vieles übersehen.» Doch in ihrer unterschiedlichen Art ergänzten sich die Eheleute gut. «Mutter hatte Geduld, um Vater abzuholen, bis er richtig eingespurt hatte», erinnert sich Sohn Markus schmunzelnd. Und dann waren da die beiden Geschwister. Markus’ grosser Bruder Werner Ritter wurde am 29. Januar 1965 geboren und ist am 19. Dezember 2023 verstorben. Über ihn sagt er mit spürbarer Bewunderung: «Werner war wirklich ein richtiger grosser Bruder. Als Erwachsener war er nicht weniger als 1,95 Meter gross. Auch geistig war er ein grosses Kaliber, wurde ein Jahr früher eingeschult und ging bereits aus dem zweiten Sekundarschuljahr mit erst 13 Jahren an die Kantonsschule.» Doch ein Praktiker sei Werner nie gewesen. So wollte er nicht mit dem kleinen Bruder Fussball spielen, sondern bevorzugte es, Bücher über das antike Römische Reich zu lesen. Den Einwand des jüngeren Bruders, dass die alten Römer ja alle schon verstorben seien, ignorierte er und stellte weiter die Schlacht bei Cannae (216 v. Chr.) und den Sieg des Karthagers Hannibal über die Römer nach. Und Werner Ritter war schon als junger Mensch politisch interessiert. «Wenn die Nonna bei­ all den Fragen nicht weiterwusste, hat sie ihn zum Nonno geschickt», erinnert sich Bruder Markus schmunzelnd. Nach der Kantonsschule war Werner Ritter zwei Jahre im Militär und wurde Offizier. Im Anschluss folgte das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität St. Gallen mit Anwaltspatent und Doktorat. Er war dann auch zeitlebens als Anwalt mit eigener Kanzlei tätig.

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Markus und Maria mit Nonna Maddalena Dellai.

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Und Werner Ritter begann bald einmal zu politisieren und wurde 1987 Parteipräsident der CVP von Altstätten. «Als ich 1987 der CVP beigetreten bin, hatte die Partei allein in Altstätten 500 Mitglieder. Und mein Bruder war deren Präsident. Das machte mich stolz», betont der jüngere Bruder. Schliesslich wurde Werner Ritter im Jahr 2000 in den St. Galler Kantonsrat gewählt, dem er bis 2016 angehörte. Drei Jahre nach seinem Rücktritt aus dem Kantonsrat verstarb unerwartet seine Frau. Der frühe Tod seiner Gattin tat dem engagierten Werner nicht gut. Er verstarb am 19. Dezember 2023 im Alter von erst 58 Jahren, nur vier Jahre nach seiner geliebten Frau. «Mein Bruder war ein Workaholic und hatte auch nach seinem Rücktritt aus dem Kantonsrat diverse Ämter. Im Rheintal stand Werner Ritter als Präsident des Vereins Pro Spital Rheintal oft in der Öffentlichkeit. Er präsidierte zudem den Verein für die Geschichte des Rheintals und engagierte sich mit Herzblut fürs Altstätter Museum Prestegg. Als seine Frau starb, hat er die Struktur in seinem Leben, den geordneten Ablauf mit klaren Eckpunkten im Tagesverlauf verloren. Das hat seiner Gesundheit nicht gutgetan», erklärt Markus Ritter. So oder so bleibt der verstorbene Bruder für den politischen Weg die wichtigste Persönlichkeit: «Werner hat mich politisiert. Ohne ihn hätte ich wohl keine politische Karriere gemacht. Er hat mir beigebracht, dass die Politik für die Landwirtschaft wichtig sei. Dank ihm wurde ich nicht nur mit 20 Jahren CVP-Mitglied, sondern bereits kurz darauf Rechnungsrevisor der CVP Bezirk Oberrheintal. Mein erstes politisches Amt.» Auch während seiner Zeit als Stadtrat von Altstätten hat Werner, der im Bereich öffentliches Recht doktoriert hatte, seinen Bruder insbesondere in dessen Funktion als Baukommissionspräsident oft beraten. Ein Beispiel, wie die beiden zusammengearbeitet haben, war die Gründung einer Genossenschaft und auf dieser Basis der spätere Bau des Altersheims. Mehr dazu im Kapitel «Der Macher von Altstätten» auf Seite 94.

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Die Brüder Werner und Markus im Winter 1972.

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Schliesslich wurde am 12. Juli 1968 den beiden älteren Brüdern die Schwester Maria geschenkt. Auch sie wieder ein anderer Charakter als ihre Brüder. Markus beschreibt sie wie folgt: «Sie ist ein sehr musischer Mensch und hatte schon als Kind Freude am Singen und Gitarre­ spielen. Und sie hat gut gezeichnet, was mir selbst fremd war. Und sie hatte Angst vor Kühen, obschon sie diese eigentlich gern hatte. Spielen konnte ich mit ihr aber besser als mit unserem Bruder.» Nach der Sekundarschule besuchte Maria das Lehrerseminar und war als Primarlehrerin tätig. Sie lebt heute in Biel und arbeitet beim Bundesamt für Sozialversicherung. Die drei Geschwister Ritter hätten also von ihren Interessen her nicht unterschiedlicher sein können. Vater Ritter, ein Bauer durch und durch, war die Welt seines intellektuellen Sohnes Werner und seiner musisch begabten Tochter Maria nicht immer so nahe. Sohn Markus hingegen war von seinen Interessen und Neigungen her am nächsten beim Vater. «Mein Vater hat ab und an präzise Sprüche insbesondere zu Werners Interessen gemacht. Aber trotzdem möchte ich betonen, dass unsere Eltern uns Kinder alle gern und wir es untereinander gut hatten», betont Markus. Die Geschwister Maria und Markus stehen in regelmässigem Kontakt und besorgen gemeinsam die Gräber ihrer Eltern sowie ihres Bruders und der Schwägerin. Im Gegensatz zu ihren Brüdern sucht aber die Schwester nicht die Öffentlichkeit. Aufgewachsen ist Markus an der Krans-Lachenstrasse 58, ebenfalls in Hinterforst, rund 600 Meter Luftlinie entfernt von seinem heutigen Wohnort Krans, wo er einheiratete. Wie für Bauernfamilien damals üblich, fuhren Ritters nie in die Ferien, sondern waren 365 Tage im Jahr auf ihrem Hof für ihre Tiere da. Besuche bei den Verwandten in Italien etwa gab es nie. Auch sonst lebten sie recht bescheiden. Die Badewanne stand in der Waschküche, die Waschmaschine und der Brennhafen für den Schnaps gleich daneben. Die Toilette war ein Plumpsklo ohne Wasserspülung. Erst 1974 machte Vater Werner Ritter

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Die drei Geschwister Werner, Maria und Markus Ritter.

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Markus mit Mutter Clara Ritter-Dellai im eigenen Wald in Eichberg.

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die Autoprüfung. Im gleichen Jahr wurde auch ein Fernseher angeschafft. Und selbstverständlich waren die Kinder angehalten, im Betrieb mitzuhelfen. «Sobald ich laufen konnte, übernahm ich meine ersten Aufgaben, etwa beim Rechen bei der Heuernte. Oder dann habe ich auch der Mutter geholfen», erinnert sich Ritter. Bereits von klein an wollte er Bauer werden: «Kühe, Milch, Alp, Obst: Das war meine Welt. Zudem war ich gerne draussen und bewegte mich gerne.» Am liebsten war der spätere Bauernverbandspräsident bei den Tieren. Und die Alpwirtschaft hatte es ihm besonders angetan. Namentlich der alljährliche Alpaufzug. Im Gebiet Hoher Kasten auf der Alp Unterkamor sömmerten Ritters ihre trächtigen Rinder, die Mäsen (Jungrinder) und Kälber hingegen auf der Alp Foo im Weisstannental in der Gemeinde Mels. Neben dem Rindvieh mochte und mag er auch viele andere Nutztiere wie etwa die Hühner. Weniger gerne hatte er hingegen die Schweine. Vater Ritter hielt Zuchtsauen: «Ich mochte weder den Lärm noch den Ammoniakgeschmack. Als ich den elterlichen Betrieb übernommen habe, habe ich sofort mit den Schweinen aufgehört.» Zur Schule im Hinterforst ging der kleine Markus gerne. Auch war er schulisch wie seine Geschwister gut unterwegs. «Bis in die 6. Klasse hatte ich nie Hausaufgaben. Mir fiel die Schule leicht. Deshalb kam ein Lehrer in der Sekundarschule auf die Idee, dass ich in die Kantonsschule gehen und studieren sollte», berichtet er. Doch er sah seine Rolle stets in der Landwirtschaft: «Ich ging gerne in die Schule. Aber noch lieber nach Hause.» Für Fächer wie Französisch, Geometrie oder Algebra war er nicht zu begeistern, schienen ihm diese doch für den zukünftigen Beruf als Landwirt eher unnütz. Diese zwar einfache, aber unbeschwerte Kindheit wurde nur zweimal durch einschneidende Ereignisse gesundheitlicher Art etwas getrübt. Familie Ritter hatte eigenes Quellwasser. Dieses war manchmal sauber, manchmal weniger. Als Fünfjähriger erlitt der kleine Markus eine

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Auch auf diesem Bild ist Markus im Jahr 1981 im Wald zu sehen.

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Vergiftung mit Salmonellen. «Ob die Salmonellen vom Quellwasser kamen, bleibt eine Vermutung, ist aber wahrscheinlich. Auf jeden Fall bin ich damals nah am Tod vorbeigegangen. Ich war in einem schlimmen Zustand», erinnert er sich. Ein anderes Mal hatte er einen Turm aus Gewichtsteinen gebaut. Doch dann fiel dieser zusammen und ihm auf einen Fuss. Doch letztendlich ging auch dieses Ereignis ohne bleibende Schäden aus. Der Gips am Fuss war aber für den damals Fünfjährigen bei der Obsternte hinderlich. Der Gips wurde mit einem Plastiksack eingewickelt, damit Markus mit dabei sein konnte. Zusammengefasst lässt sich sagen: Es war eine arbeitsreiche, aber glückliche Kindheit mit nahestehenden Menschen, die Markus Ritter für das spätere Leben stark prägten.

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