formlos und in Form
formless and in Form

Zyklische Kunst mit Ton in Transformation
Cyclical art with clay in transformation
regula kaeser-Bonanomi
formlos und in Form
Zyklische Kunst mit Ton in Transformation
formless and in Form
Cyclical art with clay in transformation
Marianne Mühlemann
Lisa Schäublin
Ich widme dieses Buch Mutter Erde und all ihren RepräsentantInnen.
I dedicate this book to Mother Earth and all her representatives.
Inhalt

6
Vorwort von Ursula Seghezzi
9 Das Lebensrad
10 Vom Ursprung in die Zukunft
Das Geheimnis zyklischer Kreisläufe
16 Herbst
18 Auftakt zur zyklischen Reise
Das Alte wird aufgelöst
30 Winter
32 Ruhen und warten Verwandlung passiert unsichtbar
50 Frühling
52 Mutter Erde erwacht
Die Kraft des Rituals
70 Sommer
72 Gluthitze und geschmeidiger Ton Die Hände geben Form
90 Herbst, ein Jahr später
92 Abschied und letzter Akt
Die Entformung der Figuren
114 Bildnachweis und Ergänzungen
116 Mitwirkende
118 Literaturliste
119 Dank und Sponsoring
120 Impressum

Vorwort von Ursula Seghezzi
Regula Kaeser-Bonanomi sagt immer, es gehe nicht um sie. Das mag stimmen. Aber ohne sie und ihrer Hände Werk geht es eben auch nicht. Denn Leben braucht Werkzeuge, die Lebendigkeit sichtbar machen. Und genau die zeigt die Keramikerin in ihren Werken und gestaltet sie im Prozess dieser Buchentstehung: Leben entfaltet sich zyklisch. Gelebtes Leben welkt, ruht, wacht auf, gedeiht und welkt wieder. Herbst. Winter. Frühling. Sommer. Herbst. Winter. Frühling. Sommer. Herbst … Leben ist unsterblich mit dieser zyklischen Erneuerung.
In einem linearen Weltbild, in der nur die Form zählt, ist der formlose Ursprung vergessen gegangen. Aber ohne ihn gibt es keine wirkliche Lebendigkeit, keine Erneuerung, schlimmer noch, Leben stirbt.
Vor mehr als zwanzig Jahren lernte ich Regula Kaeser-Bonanomi auf der Rigi kennen. Ich leitete dort die Naturrituale entlang den Jahreszeiten. Wir feierten «die Feste, wie sie fielen» und reihten unser menschliches Leben und Tun in die unterschiedlichen Qualitäten ein, wie sie die Natur auf dem Berg uns offenbarte. Zyklus um Zyklus wurden wir Menschen selbst immer mehr eingewoben in ein altes Wissen und eine grosse natürliche Ordnung, die immer schon war, immer ist und immer sein wird. Regula liess sich schnell mitbewegen und begann, auch ihr berufliches Wirken als Töpferin und Menschenbegleiterin zyklisch auszurichten. Damit wirkt sie gewissermassen revolutionär. Denn was in der Natur natürlich und normal ist, hat unsere Gesellschaft vergessen: Wir meinen, Leben bewege sich von A nach B, linear, logisch von Ursache zu Wirkung. Und darum werden selbst künstlerische Prozesse linear gestaltet. Eine Idee wird in Ton modelliert, im Ofen gebrannt und das Objekt verkauft. Manchmal ist Kunst auf diese Weise aber leider künstlich geworden.
Mit ihrem zyklischen Vorgehen gibt die Künstlerin der Kunst ihre Natürlichkeit zurück. Die Bilder in diesem Buch geben Zeugnis vom naturzyklischen Prozess entlang der Jahreszeiten. In der wilden Natur reifen im Herbst die Früchte und fallen ab, werden zu Matsch am Boden, lösen
Preface by Ursula Seghezzi
Regula Kaeser-Bonanomi always says that it’s not about her. That may be true. But without her and the work of her hands, it simply wouldn’t be possible. Because life needs tools that make vitality visible. And that is precisely what the ceramist shows in her works and shapes in the process of creating this book: life unfolds cyclically. Lived life withers, rests, awakens, thrives and withers again. Autumn. Winter. Spring. Summer. Autumn. Winter. Spring. Summer. Autumn… Life is immortal through this cyclical renewal.
In a linear worldview, where only form counts, the formless origin has been forgotten. But without it, there is no real vitality, no renewal; worse still, life dies.
More than twenty years ago, I met Regula Kaeser-Bonanomi on the Rigi. I led the nature rituals there, following the seasons. We celebrated “the festivals as they fell” and integrated our human life and actions into the different qualities that nature revealed to us on the mountain. Cycle after cycle, we humans ourselves have become increasingly interwoven into an ancient knowledge and a great natural order that has always been, always is, and always will be. Regula quickly adapted and began to align her professional work as a potter and companion to other people in a cyclical manner. In that sense, she has become revolutionary. For what is natural and normal in nature has been forgotten by our society: We believe that life moves from A to B, linearly, logically from cause to effect. And that is why even artistic processes are designed linearly. An idea is modelled in clay, fired in a kiln and the object is sold. Unfortunately, however, art has sometimes become artificial in this way.
With her cyclical approach, the artist restores art to its natural state. The images in this book bear witness to the natural cyclical process throughout the seasons. In the wild, fruits ripen and fall in autumn, turning to mud on the ground, dissolving their form and burying their seeds
ihre Gestalt auf und versenken ihre Samen in die Erde. Stürmischer Wind reisst weg, was lose geworden ist. Was einst grün strahlte, verfärbt sich, trocknet aus und zerbröselt schliesslich. Nichts lässt sich festhalten. Dunkelheit legt sich übers Land. Und manchmal eine Schneedecke. Fahles Licht beleuchtet das Oben, während das Wesentliche im Verborgenen in der Erde geschieht. Das reine Potenzial liegt still. Mit dem zarten zunehmenden Licht und sanfter Wärme wird der Samen wieder erweckt und keimt. Was ruht, wird neue Form. Die ersten Sprösslinge werden zerzaust von Frühlingswinden und Kälteeinbrüchen. Aber neugierig und beharrlich bahnt sich das Leben jedes Jahr neu seinen Weg in die Entfaltung. Bunt blühen die Wiesen, belebt vom Vogelgezwitscher in der Luft, die Lebenslust erwacht. Im Sommer strebt alles in die Ausdehnung, Schönheit und Kraft gehen Hand in Hand, dort wo man sie lässt. Das Leben freut sich an sich selbst und feiert. Bis die Tage wieder kürzer werden, die Winde kühler, die Sonnenstrahlen sich als Süsse in die Früchte senken und ein neuer Zyklus seinen Lauf nimmt.
Üblicherwise beginnt Neues im Frühling. Bewusst startet die Künstlerin dieses Buch aber im Herbst, auf dem Weg ins Formlose. Aus dem heraus kreiert sie das Neue und sie schliesst den Kreis wiederum im Herbst. Mit ihrem Werk schenkt sie uns nicht nur eine künstlerische Form, sondern erlaubt uns vielmehr ein Eintauchen in die Formlosigkeit hinter jeder Form, aus der jedes Leben entsteht. Sie schiebt uns sozusagen mit durchs «Löifterli», diesen geheimnisvollen Durchschlupf in die Unendlichkeit, die allen lebendigen Dingen innewohnt.
Ob wir linear oder zyklisch wirken, macht einen Unterschied!
Ursula Seghezzi bei Beseland (D), zwischen den Jahren 2025/2026 Naturritualleiterin, Autorin, Gründerin und Leiterin des uma institut – re:nature
in the earth. Stormy winds tear away what has become loose. What once glowed green changes colour, dries out and finally crumbles. Nothing can be held onto. Darkness descends over the land. And sometimes a blanket of snow. Pale light illuminates the above, while the essential happens hidden in the earth. Pure potential lies dormant. With the delicate increase in light and gentle warmth, the seed is reawakened and germinates. What rests takes on a new form. The first shoots are ruffled by spring winds and cold spells. But curious and persistent, life finds its way to blossom anew each year. The meadows are in full bloom, enlivened by birdsong in the air, and the zest for life awakens. In summer, everything strives for expansion, beauty and strength go hand in hand, where you let them. Life rejoices and celebrates. Until the days grow shorter again, the winds are getting cooler, the sun’s rays sink into the fruit as sweetness, and a new cycle begins.
Usually, new things begin in spring. However, the artist deliberately starts this book in autumn, on the path to the formless. From this, she creates something new and closes the circle again in autumn. With her work, she not only gives us an artistic form, but rather allows us to immerse ourselves into the formlessness behind every form, from which all life arises. She pushes us, so to speak, through the “Löifterli”, this mysterious passage into infinity that is inherent in all living things.
Whether we act linearly or cyclically makes a difference!
Ursula Seghezzi
Beseland, between the years 2025/2026 Nature ritual leader, author, founder and director of the uma institute – re:nature
Sommer summer
Das Lebensrad
Herbst: Westen // Abend // Wasser // Alte // Ernte und Dank // Feierabend // Weisheit // erinnern // weitergeben // lösen und loslassen // sinken
Winter: Norden // Nacht // Erde // Ahnen // Stille // Leere // Sein // Tod // Schlaf // nichts tun // träumen
Frühling: Osten // Morgen // Luft // Kinder // Inspiration // Neugier und Mut // Ideen und Visionen // Unverbindlichkeit // spielen und lernen // erfinden // ausprobieren
Sommer: Süden // Mittag // Feuer // Erwachsene // Hoch-Zeit // Elternschaft // Verantwortung // konkretisieren // anpacken // gestalten // manifestieren
The Wheel of Life
Autumn: West // Evening // Water // Old people // Harvest and thanksgiving // Evening after work // Wisdom // remembering // passing on // resolving and letting go // sinking
Winter: North // Night // Earth // Ancestors // Silence // Emptiness // Being // Death // Sleep // doing nothing // dreaming
Spring: East // Morning // Air // Children // Inspiration // Curiosity and courage // Ideas and visions // without commitment // playing and learning // inventing // trying out
Summer: South // Noon // Fire // Adults // High time // Parenthood // Responsibility // specifying // tackling // creating // manifesting
Vom Ursprung in die Zukunft
Das Geheimnis zyklischer Kreisläufe
Worum es in diesem Buch geht? Um einen Klumpen «Lätt». Für die Berner Keramikerin Regula Kaeser-Bonanomi ist er ein Stück Mutter Erde. Lehm ist das Material, mit dem sie sich seit über vierzig Jahren künstlerisch auseinandersetzt – von 1983 bis 1987 während ihrer Ausbildung in der Keramikfachklasse in Bern, und seit 1994 in der eigenen Töpferei. «Mutter Erde ist alles, sie ist die Schöpferin», sagt sie. Die Keramikerin wird erfüllt vom Gedanken, dass die Kraft der Erde sich beim Kneten nicht nur auf die geschaffenen Skulpturen und Objekte überträgt, sondern auch auf sie selber. Mit ihrer Erfahrung ist sie nicht allein.
In vielen Kulturen und Religionen steht Mutter Erde im Zentrum des Weltbildes. In Skandinavien etwa wird Gamla Moder Jord (übersetzt: alte Mutter Erde) bis heute als Mutter der Natur und der Elemente verehrt. Die Wurzeln der Erdverehrung liegen aber viel weiter zurück. Bereits aus der Altsteinzeit, der ersten und längsten Periode der Urgeschichte, kennt man weibliche Skulpturen, die den Kult bezeugen. Auch in Pflanz- und Ackerbaukulturen hat die Erde einen hohen, zuweilen fast religiösen Stellenwert: Die Menschen sind ihr in Demut und Dankbarkeit zugetan, weil sie sich bewusst sind, dass sie - sowie alle Pflanzen und Tiere - von ihr abhängen. Ohne Mutter Erde gibt es kein Leben.
Verbraucht, vergiftet, entsorgt Heutzutage wird der Begriff Mutter Erde fast nur noch poetisch verwendet. Das hat auch damit zu tun, dass viele Menschen sich mehr und mehr von ihrem Ursprung entfernt haben. Die Erde hat ihre mythische und spirituelle Dimension verloren. Heilig? Von wegen! Erde ist zur Materie mutiert, die man im Gartencenter praktisch portioniert in Plastiksäcken kauft und damit seine Balkonkistchen füllt. In diesem Akt ist nichts Mütterliches mehr zu spüren. Vielmehr glaubt der Mensch, ein Recht auf Erde zu haben. Sie hat ihm zur Verfügung zu stehen, damit er sie nutzen kann. Und in seinem Wahn, ihre Produktivität ins Unermessliche zu steigern, hat er ange-
From the origin to the future
The secret of cyclical cycles
What is this book about? It’s about a lump of clay. For the Bernese ceramist Regula Kaeser-Bonanomi this lump of clay is a piece of Mother Earth. Clay is the material she has been working with artistically for over forty years – from 1983 to 1987 during her training in the ceramics class in Bern, and since 1994 in her own pottery studio. “Mother Earth is everything, she is the creator,” she says. The ceramist is filled with the thought that the power of the earth transfers not only to the sculptures and objects she creates, but also to herself as she kneads and works the clay. She is not alone in this experience.
In many cultures and religions, Mother Earth is at the centre of the worldview. In Scandinavia, for example, Gamla Moder Jord (translated: „old Mother Earth“) continues to be revered as the mother of nature and the elements. However, the roots of earth worship go back much further. Female sculptures attesting to the cult have been found dating back to the Palaeolithic Age, the first and longest period of prehistory. In plant and agricultural cultures, too, the earth has a high, sometimes almost religious significance: people are devoted to it with humility and gratitude because they are aware that they – like all plants and animals – depend on it. Without Mother Earth, there is no life.
Consumed, poisoned, discarded
Nowadays, the term Mother Earth is used almost exclusively in a poetic sense. This is partly because many people have become increasingly disconnected from their origins. The earth has lost its mythical and spiritual dimension. Sacred? As if! Earth has mutated into a material that you buy in practical portions in plastic bags at the garden centre to fill your planters with. There is nothing motherly about this act anymore. In fact, people claim to be entitled to use the earth. It must be at their disposal so that they can capitalize on it. And in their delusion of increasing its productivity beyond measure, they have begun to artifi -


fangen, sie künstlich zu mästen und zu düngen. Damit setzt sich der Mensch gottgleich über die Erde, beutet sie aus oder ersetzt sie gar durch Hors-Sol-Plantagen. Damit kann er Nahrung jenseits von natürlichen Kreisläufen und Jahreszeiten-Zyklen produzieren. Und wenn Mutter Erde eines Tages ausgelaugt, verbraucht und vergiftet ist, wird sie mir-nichts-dirnichts «entsorgt». Oder sie bleibt irgendwo liegen und wird zum schändlichen Mahnmal. Kraftlos und unfruchtbar, öde und schliesslich tot.
Vertiefte Annäherung
Am Anfang dieses Buches steht also ein trocknerer Klumpen Ton. Er wird in Wort und Bild auf seiner zyklischen Reise begleitet: Von der Auflösung eines Teils des Tons im Herbst, zur Verarbeitung und bis zum Modellieren des neuen Objekts haben die Keramikkünstlerin Regula Kaeser-Bonanomi und die Fotografin Lisa Schäublin ihn während mehr als einem Jahr beobachtet und in seinen Transformationen dokumentiert. Und parallel zu den Verwandlungen des Tons hat die Kulturjournalistin und Autorin Marianne Mühlemann während eineinhalb Jahren mit der Künstlerin mehrstündige Ateliergespräche und Interviews geführt. In ihnen manifestiert sich das breite Erfahrungswissen der Töpferin, das weit über das Modellieren hinausführt. Durch die vertiefte Annäherung wird verständlich, wieso sie sich als spirituelle Handwerkerin versteht.
Vom linearen zum zyklischen Denken
Wer sich intensiver mit Regula Kaeser-Bonanomi und ihrem Werk auseinandersetzt, stellt fest, dass diese Künstlerin anders denkt, als dies in unserer westlichen Kultur oftmals üblich ist. Der grösste Unterschied liegt darin, dass sie ihr lineares Denken erweitert hat, sie denkt und lebt in Zyklen. Was bedeutet das? Die Töpferin erklärt es so: Im linearen Denken herrsche die Vorstellung vor, dass Zeit eine Abfolge von Ereignissen ist: Alles hat einen Anfang und ein Ende, und der Mensch ist mittendrin. Durch die Jahreszeiten-Rituale und die Arbeit mit dem Ton
cially fatten and fertilise it. In doing so, humans place themselves deiform above the earth, depleting it or even replacing it with hors-sol-plantations. This allows them to produce food beyond natural and seasonal cycles. And when Mother Earth is someday exhausted, used up and poisoned, she will be discarded without a second thought. Or she will be abandoned somewhere and become a shameful monument. Powerless and barren, desolate and ultimately dead.
In-depth approach
At the beginning of this book is a dry lump of clay that is accompanied in words and pictures on its cyclical journey: from the dissolution of the clay in autumn, to its processing and modelling into a new object, ceramic artist Regula Kaeser-Bonanomi and photographer Lisa Schäublin observed and documented its transformations for more than a year. And parallel to the transformations of the clay, cultural journalist and author Marianne Mühlemann spent a year and a half conducting hours of studio discussions and interviews with the artist. These conversations reveal the ceramist’s broad experiential knowledge, which goes far beyond modelling. This in-depth approach makes it understandable why she sees herself as a spiritual craftswoman.
From linear to cyclical thinking
Anyone who takes a closer look at Regula Kaeser-Bonanomi and her work will notice that this artist thinks differently than what is often the norm in our Western culture. The biggest difference is that she has expanded her linear thinking; she thinks and lives in cycles. What does that mean? The ceramist explains it this way: in linear thinking, the prevailing idea is that time is a sequence of events: everything has a beginning and an end and the human being is in the middle of it all. Through seasonal rituals and working with clay, she discovered that there is another way of looking at things, namely that all life is part of a cyclical

habe sie entdeckt, dass es noch eine andere Sichtweise gibt, nämlich, dass alles Leben in einen zyklischen Kreislauf eingebunden ist. «Das hat mich geprägt, es ist so, wie ich Zeit erlebe und fühle.» Auch viele indigene Kulturen verstehen Zeit so. Sie glauben, dass alles, was geschieht, in einem Kreislauf passiert, sich wiederholt und auf natürliche Weise erneuert. Man findet das Konzept des zyklischen Denkens an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Zum Beispiel im Osten, im japanischen Ikigai, da geht es um die Frage nach dem Lebenssinn. Der Fokus wird statt auf Vorsätze auf Dinge gelegt, die es zu erreichen gilt. Und die Frage, «was habe ich erreicht?», wird ersetzt durch die Frage «welche Schritte haben mich näher zu einem erfüllteren Leben gebracht?» So wird das lineare Denken durch ein zirkuläres ersetzt.
In Europas Norden gehören die Samen zu den zirkumpolaren Völkern. Sie betrachten alle Erscheinungen in der Natur als beseelt und durch einen Schamanen versuchen sie mit der Geisterwelt in Kontakt zu treten. Spannend ist die Tatsache, dass die Samen bis heute sieben Jahreszeiten kennen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Menschen sich am Zug der Rentiere orientieren. Die Rentiere geben ihnen also sozusagen die Jahreszeiten vor. Mit der Figur «Boahjinásti» erinnert Regula Kaeser-Bonanomi an ein Samenmädchen, das durch seinen Finger-Ring zum Nordstern blickt.
Im Westen gibt es das zyklische Denken zum Beispiel bei den Andenvölkern, es heisst «Pachakuti» und steht für die Wiederkehr von Veränderungen. Hier wird das menschliche Leben nicht in abgeschlossenen Abschnitten gemessen, sondern in Prozessen, die enden, sich transformieren und neu beginnen. Durch das zyklische Denken verschiebt sich der Fokus weg von starren Zielsetzungen mit Anfangs- und Endpunkten hin zu einem natürlichen Fluss, der Räume für Wachstum und Erneuerung öffnet. Auch in unseren Breitengraden gab es bereits vor der Christianisierung eine Kultur, die sich an den Jahreszeiten orientierte. Das ist bis heute in zahlreichen Überlieferungen, Mythen und Bräuchen spürbar.
cycle. “That has shaped me; it’s how I experience and sense time.” Many indigenous cultures also understand time in this way. They believe that everything that happens occurs in a cycle, repeats itself and renews itself naturally. The concept of cyclical thinking can be found in different places and at different times. For example, in the East, in the Japanese Ikigai, in the question of the meaning of life. The focus is placed on things to be achieved rather than on resolutions. And the question “what have I achieved?” is replaced by the question “what steps have brought me closer to a more fulfilling life?” Linear thinking is thus replaced by cyclical thinking.
In northern Europe, the Sami are one of the circumpolar peoples. They believe that all phenomena in nature are animated, and they seek to communicate with the spirit world through a shaman. It is fascinating to note that the Sami still recognise seven seasons today. The reason for this is that the people orient themselves according to the migration of the reindeer. The reindeer thus dictate the seasons, so to speak. With her figure “Boahjinásti”, Regula Kaeser-Bonanomi recalls a Sami girl who looks at the North Star through her finger ring.
In the West, cyclical thinking exists among the Andean peoples, as an example. It is called “Pachakuti” and stands for the return of change. Here, human life is not measured in closed sections, but in processes that end, transform and begin anew. Cyclical thinking shifts the focus away from rigid goals with starting and ending points towards a natural flow that opens up space for growth and renewal. Even in our part of the world, there was a culture oriented towards the seasons before Christianisation. These influences remain evident today in numerous traditions, myths, and customs.
Engel für die Welt
Bereits in der Keramikfachklasse hat Regula Kaeser-Bonanomi gespürt, dass sie die Umsetzung innerer Bilder mit dem Ton mehr interessiert, als Technisches. Nachdem sie ihre eigene Töpferei aufgebaut hatte, konnte sie endlich ihren Weg verfolgen – und Projekte initiieren, so wie sie es sich vorstellte. Eines der ersten war das Engel-Projekt. «Ich wollte Engel in die Welt schicken», sagt Regula Kaeser-Bonanomi. Die Idee ist gut. Doch wie soll sie das ungewöhnliche Vorhaben umsetzen? Ganz einfach, sagt die Künstlerin: Sie habe Kinder gefragt, ob sie einen Engel kennen. «Ich bat sie, ihn zu zeichnen. So kam ich zu 60 ganz unterschiedlichen Engeln.» Da sie zu jener Zeit als Geschirrtöpferin ihr Brot verdiente, lag es nahe, Geschirr mit Engeln zu produzieren. Gesagt, getan. Nun konnte sie sich ihren Wunsch erfüllen und Engel in die Welt senden.
Feuer im Freien
Auch mit ihren eigenen Kindern unternahm Regula Kaeser-Bonanomi in jenen Jahren viel. Oft war sie mit ihnen im Wald unterwegs. Dabei hatten die Jahreszeiten einen besonderen Stellenwert. «Auf unseren ausgedehnten Waldspaziergängen hatten wir als Familie ein kleines Ritual», erinnert sie sich. Sie habe mit ihren Buben jeweils am 21. März (dem kalendarischen Frühlingsbeginn), am 21. Juni (zur Sommersonnenwende), am 21. September (zum Herbstanfang) und am 21. Dezember (zur Wintersonnenwende) ein Feuer im Freien entfacht. «So feierten wir den Wechsel der Jahreszeiten.» Zufällig wurde die Keramikerin in jener Zeit auf einen Jahreszeiten-Kurs auf der Rigi aufmerksam. Das passte doch. Sie meldete sich an – neugierig und ohne Erwartungen. Und dann passierte es: «Der Kurs hat mein Leben verändert», sagt sie. «Von da an lebte und töpferte ich anders als zuvor.» Was war geschehen?
Spirituelle Dimension
Sie habe im Kurs ein Glückserlebnis gehabt. «Ich erkannte, dass das Material, mit dem ich mich täglich auseinandersetze, genauso wie die Jah-
Angels for the world
Even when she was studying ceramics, Regula Kaeser-Bonanomi felt that she was more interested in using clay to bring her inner images to life than in the technical aspects of the craft. After setting up her own pottery studio, she was finally able to pursue her dream – and initiate projects just as she had imagined them. One of the first was the angel project. “I wanted to send angels out into the world,” says Regula Kaeser-Bonanomi. It’s a good idea. But how could she realise this unusual project? Quite simply, says the artist: she asked children if they knew an angel. “I asked them for a drawing. That’s how I ended up with 60 very different angels.” Since she was earning her living as a tableware potter at the time, it made sense to produce tableware with angels on it. No sooner said than done. Now she could fulfil her wish and send angels out into the world.
Outdoor fires
Regula Kaeser-Bonanomi also did a lot with her own children during those years. She often took them on trips to the forest. The seasons played a special role in these outings. “We had a little ritual as a family on our long walks in the forest,” she recalls. She would light an outdoor fire with her boys on 21 March (the calendar start of spring), 21 June (the summer solstice), 21 September (the start of autumn) and 21 December (the winter solstice). “That’s how we celebrated the changing seasons. By chance, the ceramist became aware of a course about the seasons held on the Rigi at that time. She signed up – curious and without expectations. And then it happened: “The course changed my life,” she says. “From then on, I lived and pottered differently than before.”
What had happened?
Spiritual dimension
She had a moment of happiness during the course. “I realised that the material I work with every day is part of a cyclical process, just like the seasons, and undergoes transformations.” She had not been aware of


reszeiten in einen zyklischen Kreislauf eingebunden ist und Verwandlungen durchmacht.» Diese spirituelle Dimension ihrer Tätigkeit als Töpferin war ihr bis dahin nicht bewusst gewesen - «aber ich hatte wohl schon früh eine Ahnung davon.» Sie habe begonnen, auf die Zusammenhänge zu achten, und lernte, dass alles was zyklisch ist, nach demselben übergeordneten System funktioniert. Es hat einen Abstieg, ein Leere, einen Aufstieg und einen Höhepunkt, bevor es wieder zum Abstieg findet.
In jener Zeit begann Regula Kaeser-Bonanomi lebensgrosse Wesen zu modellieren. Und als Ritual-Leiterin und nach zahlreichen Aus- und Weiterbildungen vertiefte sie sich immer weiter in die universelle Vielfältigkeit des Zyklischen, das das Leben in vielen Bereichen mitbestimmt. Man denke etwa an den Tag-Nacht-Zyklus, das Zyklus-Rad der Himmelsrichtungen. Oder den Mondzyklus, der nicht nur für die Natur, sondern auch im Leben jeder Frau eine zentrale Rolle spielt. Das Bewusstsein für die Bedeutung des Zyklischen für die Metamorphosen des Tons sind seither in ihrem Denken und Fühlen omnipräsent und fliessen in ihre Arbeit ein, egal, ob sie nun Monde, Barken, Urnen, Archainnen, Frauenfiguren oder geheimnisvolle Tierwesen modelliert.
In jedem Ende ist ein Anfang Für Regula Kaeser-Bonanomi liegt der Antrieb ihres Tuns nicht nur im Modellieren an sich. Vielmehr lässt sie uns durch ihre Kunst erahnen, dass die Erdgeschichte die Menschengeschichte womöglich überdauern wird. So gesehen, sind ihre Arbeiten aus Ton auch eine Verheissung. Sie zeigen, dass in jedem Anfang ein Ende wohnt. Und in jedem Ende ein neuer Anfang. Die Erde wird zum Medium für den ewigen Transformationsprozess. «Die Arbeit mit dem Ton ist für mich eine Möglichkeit, mich auf meinem Weg in die Zukunft auch mit meinem Ursprung zu verbinden.»
Boahjinásti 2021, 49 x 34 x 28 cm
this spiritual dimension of her work as a potter until then – “but I probably had an inkling of it early on.” She began to pay attention to the connections and learned that everything that is cyclical functions according to the same overarching system. It has a descent, an emptiness, an ascent and a climax before it descends again.
At that time, Regula Kaeser-Bonanomi began modelling life-size beings. As a ritual instructor and after numerous training and further education courses, she delved deeper and deeper into the universal diversity of cyclicality, which influences many areas of life. Think, for example, of the day-night cycle, the cycle wheel of the cardinal directions. Or the lunar cycle, which plays a central role not only in nature but also in the life of every woman. Since then, awareness of the importance of cyclicality for the metamorphoses of clay has been omnipresent in her thinking and feeling and flows into her work, whether she is modelling moons, barges, urns, archaic female figures or mysterious animal creatures.
Every ending is a beginning
For Regula Kaeser-Bonanomi, the driving force behind her work is not just modelling itself. Instead, her art gives us a glimpse of how the history of the Earth may outlast human history. Seen in this light, her clay works are also a promise. They show that every beginning has an end. And every end has a new beginning. The earth becomes a medium for the eternal process of transformation. “Working with clay is a way for me to connect with my origins as I journey into the future.”
Die Essenz bleibt
Der Ton lässt ihr stets die Wahl: Wenn sie ihre Skulpturen und Wesen brennt, dann bleibt die Form im besten Fall für tausende von Jahren erhalten. Wenn sie sich entscheidet, den Ton nicht zu brennen, dann verwandelt er sich wieder aus der Form in formlosen Ton, der neu verarbeitet werden will. Der wertvollste Ton sei für sie jener, der durch viele Hände gegangen sei, sagt die Künstlerin. Sie spricht von den Tonklumpen, die sie in ihren Seminaren bearbeiten lässt. Sie ist überzeugt, dass der Ton die Energien der Menschen, die ihn modellieren, in sich aufnimmt und speichert. «Durch meinen alchemistischen Prozess bei der Aufarbeitung des Tons kann ich die Geschichten später wieder herauslösen. Deren Essenz aber bleibt drin.» Gerne vergleicht sie den Ton, der durch viele Hände ging, mit einem Menschen mit einer alten Seele. Alte Seelen, so heisst es, würden über ein tiefes spirituelles Wissen verfügen, das sie in früheren Leben gesammelt haben. Die Geburt erleben sie als Erwachen, und oft haben sie das Gefühl, nicht ganz zu dieser Welt oder dieser Zeit zu gehören.
Das geht zuweilen auch Regula Kaeser-Bonanomi so. Als Keramikerin sei sie unterwegs und spüre intuitiv ihren künstlerischen Weg, ohne ihn zu kennen. Ziel dieses Kunstbands ist es, in Bild und Text aufzuzeigen, wie die Künstlerin ihr Arbeitsmaterial, den Ton, in einem neuen ganzheitlichen Kontext verortet, und wie es ihr dabei gelingt, Unsichtbares zwischen Himmel und Erde sichtbar zu machen.
The essence remains
Clay always gives her a choice: when she fires her sculptures and creatures, the form is in best case preserved for thousands of years. If she decides not to fire the clay, it transforms back from form into formless clay that can be reworked. The most valuable clay for her is the clay that has passed through many hands, says the artist. She is referring to the lumps of clay that she has her students work with in her seminars. She is convinced that clay absorbs and stores the energies of the people who mold it. “Through my alchemical process of working with clay, I can later extract the stories. But their essence remains inside.” She likes to compare clay that has passed through many hands to a person with an old soul. Old souls, it is said, possess a deep spiritual knowledge that they have gathered in previous lives. They experience birth as an awakening and often feel that they do not quite belong to this world or this time.
Regula Kaeser-Bonanomi sometimes feels this way too. As a ceramist, she is on a journey and intuitively senses her artistic path without knowing it. The aim of this art book is to show in pictures and text how the artist places her working material, clay, in a new holistic context and how she succeeds in making the invisible between heaven and earth visible.
Herbst
Westen
Abend
Wasser
Alte
Ernte und Dank
Feierabend
Weisheit erinnern weitergeben lösen und loslassen sinken
Autumn West Evening Water
Old people
Harvest and Thanksgiving
Evening after work
Wisdom remembering passing on resolving and letting go sinking
Auftakt zur zyklischen Reise
Das Alte wird aufgelöst
Ein Nachmittag im Oktober 2024. Im Naturgarten von Regula Kaeser-Bonanomi spielt sich Seltsames ab. Die Keramikerin kniet im Gras. Ihr hüftlanges Haar umspielt sie wie ein luftiger Mantel. Wortlos greift sie in die alte Zinkwanne neben sich und schöpft mit blossen Händen Tonklumpen heraus. Dann hebt sie die Arme, öffnet die Hände und lässt die bröckelige Erde in ein zweites rechteckiges Wasserbecken fallen. Sie wiederholt den Vorgang immer wieder, bis in der Wanne fast nichts mehr übrig ist. Dann steht sie auf, hebt den Zuber in die Höhe, kippt ihn um und lässt den Rest des krümeligen Tons ins Wasser rieseln. Obwohl äusserlich nicht viel passiert und viele der Anwesenden wohl nicht verstehen, was das Ganze soll, spüren sie die Besonderheit des Augenblicks.
Mutter Erde ist heilig
Bei den Erdklumpen, die sie ins Wasserbecken geschüttet hat, handelt es sich um alten Ton. Er ist vertrocknet und zum Modellieren nicht mehr zu gebrauchen. Entsorgen kommt für die Künstlerin aber nicht in Frage. «Mein Material ist ein Stück Mutter Erde. Es ist für mich heilig.» So wie Brot. Altes Brot, das habe sie schon als Kind gelernt, darf man nicht wegwerfen. Man soll es weiter verwerten, einweichen, rösten, tränken und daraus etwas Neues, Feines machen. Die Keramikerin verweist auf einen alten Brauch, der vielerorts bis heute lebendig sei. Die letzten Brosamen eines Brotes werden in den Teig des neuen Brotes gegeben. Das sei ein Beispiel für ein zyklisches Ritual, sagt sie. Mit Überraschung habe sie realisiert, dass die Herstellung von Schamotte eigentlich genau diesem Prinzip entspreche: «Da wird alter, schon gebrannter und vermahlender Ton dem neuen Lehm beigemischt.»
Für Regula Kaeser-Bonanomi hat altes Wissen einen besonderen Wert – nicht nur hier. Sie integriert es ganz bewusst in ihr Leben und ihr künstlerisches Schaffen. Die Keramikerin verfügt über ein offenes Ohr für das, was die Vorfahren und Ahnen sagen. Und sie verfügt über einen siebten Sinn für Naturkräfte, andere Welten und Wesen, von denen vermutlich viele nicht einmal wissen, dass es sie gibt.
Ein Herzensprojekt
Als wollte sich der Himmel persönlich am Ritual im Garten beteiligen, lässt er es plötzlich nieseln. Das feine Plop-Plop der Regentropfen beginnt die Wasseroberfläche im Becken zu bewegen, derweil sich die
The start of a cyclical journey The old will be dissolved
An afternoon in October 2024. Something strange is happening in Regula Kaeser-Bonanomi’s natural garden. The ceramist is kneeling in the grass. Her waist-length hair flows around her like an airy cloak. Without a word, she reaches into the old zinc tub beside her and scoops out lumps of clay with her bare hands. Then she raises her arms, opens her hands, and lets the crumbly earth fall into a second rectangular water basin. She repeats the process over and over until there is almost nothing left in the tub. Then she stands up, lifts the tub, tips it over, and lets the rest of the crumbly clay trickle into the water. Although not much is happening on the surface and many of those present probably don’t understand what it’s all about, they sense the special nature of the moment.
Mother Earth is sacred
The lumps of earth she has poured into the water basin are old clay. It has dried out and can no longer be used for modeling. But discarding it is out of the question for the artist. “My material is a piece of Mother Earth. It is sacred to me.” Just like bread. She learned as a child that old bread should not be thrown away. It should be reused, soaked, toasted, and turned into something new and delicious. The ceramist refers to an old custom that is still alive in many places today. The last crumbs of bread are added to the dough for the new loaf. This is an example of a cyclical ritual, she says. She was surprised to realize that the production of fireclay (chamotte) actually follows exactly the same principle: “Old, already fired and ground clay is mixed with the new clay.”
For Regula Kaeser-Bonanomi, ancient knowledge has a special value— not just here. She consciously integrates it into her life and her artistic work. The ceramist has an open ear for what her ancestors and forebears have to say. And she has a seventh sense for the forces of nature, other worlds, and beings that many people probably don’t even know exist.
A project of the heart
As if heaven itself wanted to participate in the ritual in the garden, it suddenly begins to drizzle. The gentle plop-plop of raindrops begins to disturb the surface of the water in the basin, while the pieces of clay at the bottom begin to decompose. Standing close to the basin, one can


Tonbrocken am Grund zu zersetzen beginnen. Wer nahe am Becken steht, hört gar ein leises Säuseln und Flüstern und sieht kleine Blasen aufsteigen. Alles wirkt auf einmal unwirklich und lebendig hier. Die Gräser scheinen zu seufzen, die Sträucher tropfen im stärker werdenden Regen, und die bunten Blütenköpfe auf ihren blättrigen Hälsen verbeugen sich. Irgendwie magisch.
Regula Kaeser-Bonanomi stört sich nicht am Regen. Sie ist eins mit der Umgebung, der Natur und ihren geladenen Gästen. Es sind Kunstinteressierte, Freundinnen, Nachbarn, Bekannte und Neugierige von weit her, die mit ihr «ÄrdZyt» feiern wollen. Ein Jubiläum: Seit drei Jahrzehnten arbeitet die Künstlerin hier am Höheweg in Münsingen mit Erde, Ton, Lehm oder «Lätt», wie sie selbst ihr Arbeitsmaterial nennt. Was viele der Anwesenden noch nicht wissen: Für die Keramikerin ist der Anlass unter freiem Himmel mehr als das Jubiläum. Er bildet den Auftakt zu einem Langzeit-Projekt, das an diesem Herbstnachmittag im Garten ihrer Töpferei seinen Anfang nimmt. Der Klumpen Erde, der hier im Becken liegt, ist nämlich der Protagonist einer Geschichte, die erst noch geschrieben wird. Er soll auf seiner zyklischen Reise durch die Jahreszeiten begleitet und fotografisch dokumentiert werden. Und zu guter Letzt soll die Geschichte seiner Verwandlungen in einem Kunstband festgehalten werden. Es ist ein Herzensprojekt der Künstlerin - und ein Meilenstein in ihrem Leben als Keramikerin.
Der Regen wird immer stärker. Die rosthaltigen Erdklumpen im Becken färben das Wasser dunkelrot. Innert weniger Minuten sieht es aus, als hätte sich das Wasser in Blut verwandelt. Mit etwas Fantasie liesse sich der unförmige Lehmhügel als Herz erkennen, das unter der Wasseroberfläche pulsiert.
even hear a soft murmur and whisper and see small bubbles rising. Everything suddenly seems unreal and alive here. The grasses seem to sigh, the bushes drip in the increasing rain, and the colorful flower heads bow on their leafy stems. It’s somehow magical.
Regula Kaeser-Bonanomi is not bothered by the rain. She is one with her surroundings, nature, and her invited guests. They are art lovers, friends, neighbors, acquaintances, and curious visitors from far who want to celebrate “ÄrdZyt” with her. An anniversary: for three decades, the artist has been working here on Höheweg in Münsingen with earth, clay, loam, or “Lätt,” as she herself calls her working material. What many of those present do not yet know is that for the ceramist, this open-air event is more than just an anniversary. It marks the start of a long-term project that begins this autumn afternoon in the garden of her pottery studio. The lump of earth here in the basin is the protagonist of a story that is yet to be written. It will be accompanied on its cyclical journey throughout the seasons and documented photographically. And finally, the story of its transformations will be captured in an art book. It is a project close to the artist’s heart – and a milestone in her life as a ceramist.
The rain is getting heavier. The rust-coloured clumps of earth in the basin turn the water dark red. Within minutes, it looks as if the water has turned into blood. With a little imagination, the shapeless mound of clay could be seen as a heart pulsating beneath the surface of the water.
An ancient craft
As a ceramist, the artist is aware that she works daily with one of humanity’s oldest materials. When she takes the clay in her hands, she does so with reverence. Clay is a natural material that is created over thousands of years through the weathering of rock. Water gives clay its plasticity, air causes it to dry, and fire makes it irreversibly hard and re -


Grossvati 2022, 113 x 43 x 60 cm
Steinalte 2019, 90 x 50 x 65 cm
Uraltes Handwerk
Die Künstlerin ist sich bewusst, dass sie als Keramikerin täglich mit einem der ältesten Werkstoffe der Menschheit arbeitet. Wenn sie den Lehm in die Hände nimmt, tut sie es mit Ehrfurcht. Tonerde ist ein Material aus der Natur, das in einem Jahrtausende dauernden Prozess durch die Verwitterung von Gestein entsteht. Das Wasser sorgt für die Plastizität des Tons, die Luft bewirkt seine Trocknung und das Feuer macht ihn irreversibel hart und widerstandsfähig gegen Wind und Wasser. Die Herstellung von Terrakotten (terra cotta, italienisch für gebrannte Erde) ist ein uraltes Handwerk. Die Töpferkunst begann in der Altsteinzeit, das ist der älteste und längste Abschnitt in der Urgeschichte mit den ersten Vormenschen vor 2,5 Millionen Jahren und endete mit der letzten Eiszeit vor ca. 10 000 Jahren. Die älteste Tonfigur, die bis jetzt gefunden wurde, entstand laut Schätzung vor etwa 25 000 bis 29 000 Jahren. Es handelt sich dabei um eine Frauenfigurine (Dolní Věstonice). Später gefundene Tonfiguren zeigten Menschen und Tiere, die zum Teil eine Grösse von 10 bis 20 cm hatten. Ob Regula Kaeser-Bonanomis Tonfiguren wohl auch die nächsten tausend Jahre überleben? Die Nachfahren, die sie ausgraben werden, dürften grosse Augen machen: Einige ihrer tönernen Frauenfiguren und geheimnisvollen Tierwesen sind lebensgross.
Wunder überall
Der Regen hört nicht auf. Die Gäste frösteln. Es ist Oktober, von Altweibersommer keine Spur. Wer sich umblickt, entdeckt erste Spuren des Herbstes. Die Natur hat es gut hier. Regula Kaeser-Bonanomi liebt und respektiert sie. Sie lässt ihre Pflanzen wuchern und wachsen, ganz wie es ihrem Tempo und Wesen entspricht. Deshalb gibt es hier viel zu entdecken. Auch an diesem «ÄrdZyt»-Nachmittag. Durch die Temperaturschwankungen von Tag und Nacht hat sich das Laub der Bäume und Sträucher bereits verfärbt. Zwischen den Ästen kleben erste zarte Spinnweben. Nach ihnen ist übrigens der Altweibersommer benannt. Mit «alten Weibern» hat der Begriff nichts zu tun. Er ist vom althoch-
sistant to wind and water. The production of terracotta (Italian for “baked earth”) is an ancient craft. Pottery began in the Paleolithic Age, the oldest and longest period in prehistory with the first prehistoric humans 2.5 million years ago and it ended with the last ice age about 10,000 years ago. The oldest clay figure found to date is estimated to have been created between 25,000 and 29,000 years ago. It is a female figurine (Dolní Věstonice). Clay figures found later depicted humans and animals, some of which were 10 to 20 cm tall. Will Regula Kaeser-Bonanomi’s clay figures also survive the next thousand years?
The descendants who excavate them are likely to be amazed: some of her clay female figures and mysterious animal creatures are life-size.
Wonders everywhere
The rain won’t stop. The guests are shivering. It’s October, and there’s no sign of Indian summer. If you look around, you’ll see the first signs of autumn. Nature thrives here. Regula Kaeser-Bonanomi loves and respects it. She lets her plants grow and flourish at their own pace and in their own way. That’s why there’s so much to discover here. Also, on this “ÄrdZyt” afternoon. The temperature fluctuations between day and night have already changed the colour of the leaves on the trees and bushes. The first delicate cobwebs are sticking between the branches. Incidentally, the term “Altweibersommer” (Indian summer), literal translation “old women summer” is named after them. The term has nothing to do with old women. It is derived from the Old High German word “weben”, which means “weaving”. A small miracle of nature: when updrafts develop above the warm ground during the day, young spiders let themselves be carried aloft on their threads. The air currents allow them to float. They do this to find their own territory where they can hibernate. After cool nights, dewdrops get caught in the spider webs. The ceramist can see them from her window. They glisten in the morning sun like carefully strung pearls. In earlier times, when people were more familiar with myths, they believed that the delicate spinning
deutschen Wort «weben» abgeleitet. Ein kleines Wunder der Natur: Wenn sich über dem warmen Boden tagsüber Aufwinde entwickeln, lassen sich die jungen Spinnen an ihren Fäden in die Höhe tragen. Die Luftströmung lässt sie schweben. Sie tun das, um ein eigenes Revier zu suchen, wo sie überwintern können. Nach kühlen Nächten verfangen sich in den Spinnnetzen die Tautropfen. Die Keramikerin kann sie von ihrem Fenster aus sehen. Sie glitzern in der Morgensonne wie sorgfältig aufgereihte Perlen. Weil die feinen Fäden an Haare alter Frauen erinnern, entstand der Begriff «Alt-Weiber-Sommer». In früheren Zeiten, als man noch vertrauter war mit Mythen, glaubten die Menschen gar in den zarten Spinnfäden Lebensfäden zu sehen, gesponnen von alten weisshaarigen Schicksalsgöttinnen. Verfingen sich die Spinnfäden bei herbstlichen Spaziergängen in den Kleidern, so glaubte man, das bringe Glück. Zuweilen hielt der Volksglaube die Spinnfäden auch für Gespinste von Elfen und Zwergen. Doch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die Keramikerin sieht in den Spinnweben Hängematten für die Ahnen.
Wo hört die Realität auf, wo beginnt der Tagtraum? Im Garten der Künstlerin sind die Grenzen fliessend. Wer genau hinsieht, entdeckt im verwilderten Refugium zwischen hohen Gräsern, Steinen und blühenden Sträuchern menschliche Gestalten, geheimnisvolle Tiere und gefiederte Wesen. Das ist fantastisch und unheimlich zugleich. Denn einige dieser tönernen Gesellen sehen aus, als würden sie gleich zu reden beginnen. Oder davonlaufen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Warum eigentlich nicht? Es wäre nicht das erste Mal, dass Ton lebendig wird. In der romanischen Kirche St. Martin im bündnerischen Zillis erinnert ein Deckengemälde von 1130 an die wundersame Legende von den Lehmvögelchen. Auf einer der 153 bemalten Bildtafeln wird der sechsjährige Jesus dargestellt, wie er aus Ton Sperlinge formt. Und wie er in die Hände klatschte, so ist es im Neuen Testament überliefert, öffneten sie ihre Flügel und flogen davon.
Innere Bilder materialisieren
Die Verbindung der Jahreskreisrituale mit ihrer Arbeit ist ein Schlüssel zum Verständnis von Regula Kaeser-Bonanomis Werken. Wie bereits erwähnt, ist auch der Ton in einen Zyklus eingebunden. Dabei zeigt sich die Verbindung mit der Mutter Erde bereits im Wort selbst. Die Ableitung von «Mutter» zum lateinischen Wort «mater» und zum «Material» (Ton) spricht für sich. «Mit dem Material Ton materialisiere ich innere Bilder», sagt die Keramikerin. Darin liegt das tiefere Geheimnis ihrer Kunst: Ihre Werke sind mehr als das, was man sieht. Die Künstlerin ist überzeugt, dass Mutter Erde beim Kontakt mit ihren Händen zu wirken beginnt. «Die Handinnenflächen sind die Synapsen, an denen sich die jahrtausendealte zyklische Weisheit des Tons mit mir und der Gegenwart verbindet.»
threads were threads of life spun by ancient, white-haired goddesses of fate. If the spider webs got caught in people’s clothes during autumn walks, it was believed to bring good luck. Sometimes, popular belief also considered the spinning threats to be the webs of elves and dwarves. But there are no limits to the imagination; the ceramist sees the spider webs as hammocks for the ancestors.
Where does reality end and daydreaming begin? In the artist’s garden, the boundaries are fluent. If you look closely, you will discover human figures, mysterious animals, and feathered creatures in the overgrown refuge among tall grasses, stones, and flowering shrubs. It is both fantastic and eerie. Because some of these clay companions look as if they are about to start talking. Or run away if you get too close to them. Why not, actually? It wouldn’t be the first time that clay has come to life. In the Romanesque church of St. Martin in Zillis, Graubünden, a ceiling painting from 1130 commemorates the miraculous legend of the clay birds. One of the 153 painted panels depicts the six-year-old Jesus forming sparrows out of clay. And when he clapped his hands, as recounted in the New Testament, they opened their wings and flew away.
Materializing inner images
The connection between the rituals of the annual cycle and her work is key to understanding Regula Kaeser-Bonanomi’s art. As already mentioned, clay or earth is also part of a cycle. The connection to Mother Earth is evident in the word itself. The derivation of “mother” from the Latin word “mater” and “material” (clay) speaks for itself. “I materialize inner images with the material clay,” says the ceramist. This is the deeper secret of her art: her works are more than what you see. The artist is convinced that Mother Earth begins to work when she comes into contact with her hands. “The palms of my hands are the synapses where the millennia-old cyclical wisdom of clay connects with me and the present.”
Autumn works
She has assigned many of her ceramic objects to the seasons. However, this usually has less to do with the season in which she created an object than with the meaning with which the figures are imbued. Themes she associates with autumn include harvest, abundance, wealth of experience, but also ageing, decay, letting go and farewell. Among the more recent figures classified as autumn works are “Steinalte” (2018) and “Grossvati” (2022). The former depicts a charming, wise old woman made of fireclay (chamotte) stoneware, sitting on a stone. She was inspired by a metaphor from Heike Panten’s song about life. In it, the poet writes of an old woman with an empty hand and a full heart: “I saw a wrinkled old woman, her dress was as black as night, her hand was empty, but her heart was full, she brought me the knowledge.”

Herbst-Werke
Viele ihrer keramischen Objekte hat sie den Jahreszeiten zugeordnet. Das hat allerdings meistens weniger mit der Jahreszeit an sich zu tun, in der sie ein Objekt geschaffen hat, als mit der Bedeutung, mit der die Figuren aufgeladen sind. Themen, die sie mit Herbst assoziiert, sind Ernte, Fülle, Erfahrungsreichtum, aber auch Altern, Vergänglichkeit, Loslassen und Abschied. Zu den neueren Figuren, die unter die Herbstwerke eingereiht sind, gehören etwa die «Steinalte» (2018) oder «Grossvati» (2022). Erstere stellt eine liebenswürdige weise Greisin aus schamottiertem Steinzeugton dar, die auf einem Stein sitzt. Dazu inspiriert hat sie ein Sprachbild aus dem Lebenslied von Heike Panten. Dort schreibt die Dichterin von einer alten Frau mit leerer Hand und vollem Herz: «Ich hab eine runzlige Alte geseh’n, ihr Kleid war so schwarz wie die Nacht, ihre Hand war leer, doch ihr Herz war voll, sie hat mir das Wissen gebracht».
Die Weisheit der Alten Mit der eindrücklichen Figur setzt die Keramikerin allen Menschen im Herbst ihres Lebens ein ehrendes Denkmal. Sie betont, wie wichtig es für uns alle wäre, die Erfahrungen und das Wissen unserer Vorfahren und Ahninnen zu Herzen zu nehmen. «So werden wir selbst einmal zu Ahnen, die die Kraft und Weisheit an die nächste Generation weitergeben können.» Ein Mensch ohne Vergangenheit sei wie ein Baum ohne Wurzeln, sagt sie. «Ich stelle mir vor, dass wir im Schoss unserer Ahnen sitzen.» Im Werk «Sophias Tripel» (2011) hat sie diesem archaischen Gefühl Ausdruck verliehen.
Die Weisheit der Alten, insbesondere der alten Frauen, sei oft verborgen in Mythen und Geschichten, in Naturwissen, Symbolen, Liedern und Tänzen. So betrachtet, ist die «Steinalte» nicht nur eine alte Frau, die uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert, sondern auch ein sichtbar gewordenes Zeichen für die Sehnsucht nach der Weisheit unserer Grossmütter, die stärker oder schwächer in uns allen wohnt.

The wisdom of the elders
With this impressive figure, the ceramist pays tribute to all people in the autumn of their lives. She emphasises how important it is for us all to take the experiences and knowledge of our ancestors to heart. “In this way, we ourselves will one day become ancestors who can pass on the strength and wisdom to the next generation.” A person without a past is like a tree without roots, she says. “I imagine us sitting in the lap of our ancestors.” She expressed this archaic feeling in her work “Sophias Tripel” (2011).
The wisdom of the elders, especially old women, is often hidden in myths and stories, in knowledge of nature, symbols, songs and dances. Seen in this light, the “Steinalte” is not only an old woman who reminds us of our own transience but is also an unveiled symbol of the longing for the wisdom of our grandmothers, which resides in all of us to a greater or lesser extent.
“Eichli” (2018) also belongs to autumn. With this work, the ceramist has created a memorial to two mighty oak trees above her home: they stand so close together that their trunks grow into a single crown. Both oaks have a large hole on their west side. “That’s where I met the magical oak dwarf,” says the artist. On another trip into nature, she also made the acquaintance of “Frau Holle under the elder bush”. In 2023, she dedicated a ceramic figure full of autumnal symbolism to her: Frau Holle lifts her skirt with one hand and sweeps the old underneath it with the other. If you look closely at the figure, you will discover that the sweeping hand has six fingers. This makes it look like a leaf rake.
Passing and becoming
In conversations with the artist, it becomes clear again that her works often relate to personal experiences, daydreams or visions in trance. Everything she creates and does is guided by a deep yearning and
Auch «Eichli» (2018) gehört zum Herbst. Mit dem Werk hat die Töpferin zwei mächtigen Eichen oberhalb ihres Wohnortes ein Denkmal gesetzt: Sie stehen so nahe beieinander, dass ihre Baumkörper in eine gemeinsame Krone wachsen. Beide Eichen haben auf der Westseite ein grosses Loch. «Dort habe ich den magischen Eichenzwerg kennengelernt», sagt die Künstlerin. Auf einem anderen Ausflug in die Natur habe sie auch Bekanntschaft mit «Frau Holle unter dem Hollerbusch» gemacht. Ihr widmete sie 2023 eine keramische Figur voller herbstlicher Symbolkraft: Frau Holle hebt mit einer Hand ihren Rock, mit der anderen kehrt sie Altes darunter. Wer die Figur genau betrachtet, wird entdecken, dass die wischende Hand sechs Finger hat. Dadurch wirkt sie wie ein Laubrechen.
Vergehen und Werden
Dass ihre Werke oft mit persönlich Erlebtem, Tagträumen oder Visionen in Trance zu tun haben, zeigt sich in den Gesprächen mit der Künstlerin immer wieder. In allem, was sie schafft und tut, wird sie von einer tiefen Sehnsucht und Suche geleitet. Deshalb setzt sie sich intensiv mit Themen wie Werden und Vergehen, Leben, Tod und Wiedergeburt auseinander. «Der Ton ist ein Stück Mutter Erde. Die Arbeit mit ihm ist für mich eine Möglichkeit, mich mit meinem Ursprung zu verbinden.» Vermutlich sei dies der Grund gewesen, weshalb sie sich für die Ausbildung zur Keramikerin entschieden habe. «Die Beschäftigung mit Ton schaffte eine Verbindung zur Erde. Und durch die Werkzeuge der schamanischen Ausbildung öffneten sich für mich Zugänge zu anderen Welten und die Möglichkeit, sie bewusst zu nutzen.»
Wer Regula Kaeser-Bonanomi zuhört, erkennt, dass Erde für sie nicht gleich Erde ist. Im Gegenteil: Das, was viele einfach als «Dreck» bezeichnen würden, ist ein Material, über das die meisten viel zu wenig wissen. Gerne lässt sie Laien an ihrem Fachwissen teilhaben. Die Farbe von Tonen, sagt sie, sei nicht überall auf der Welt gleich. In ihrem Keller sind Säcke geschichtet, deren Farbnuancen von Rostrot, Ocker bis zu zarten Braun- oder hellen Beigetönen reichen. Die Farbe hängt unter anderem von den Eisenerzen im Boden ab. Das Wahrzeichen Australiens etwa, der Uluru (Ayers Rock), der durch seine leuchtende Farbe weltberühmt geworden ist, besteht aus eisenhaltigem Wüstensand und braun-rot schimmernder Erde.
Das Aussehen und die Farbe der Sandkörner wird durch die chemische Zusammensetzung des Ursprungsgesteins bestimmt, aber auch durch die Reaktionen mit der Umwelt, die das Sandkorn auf seinem Weg durchmacht. Wenn die Steine und Sandkörner mit dem Sauerstoff reagieren, entsteht rötliches Eisenoxid, Rost. Die Keramikerin ist fasziniert von der Tatsache, dass Leichen, ihre Ruhestätte oder die Grabbeigaben seit Urzeiten mit Ocker und roter eisenhaltiger Erde bemalt wurden. Eisen galt in prähistorischen Zeiten als Lebenskraft. Man hoffte, dass die Toten dadurch wieder zu neuem Leben erwachen. Für sie sei diese Erkenntnis ein starkes Zeichen gewesen. Sie erwähnt, dass sie ihre keramischen Techniken in den letzten Jahren immer mehr reduziert habe. «Ich bemale meine Figuren heute fast nur noch mit eisenhaltiger Farbe.»
searching. That is why she deals intensively with themes such as becoming and passing, life, death and rebirth. “Clay is a piece of Mother Earth. Working with it is a way for me to connect with my origins.” This is probably why she decided to train as a ceramist. “Working with clay created a connection to the earth. And the tools of shamanic training opened up access to other worlds for me and the opportunity to use them consciously.”
When you listen to Regula Kaeser-Bonanomi, you realise that, for her, earth is not just earth. On the contrary: what many would simply call “dirt” is a material that most people know far too little about. She is happy to share her expertise with people. The colour of clay, she says, is not the same everywhere in the world. In her basement, there are stacks of sacks in shades ranging from rust red and ochre to delicate browns and light beiges. The colour depends, among other things, on the iron ore in the soil. Australia’s landmark, Uluru (Ayers Rock), which has become world-famous for its bright colour, consists of iron-rich desert sand and brown-red shimmering earth.
The appearance and colour of sand grains is determined by the chemical composition of the source rock, but also by the reactions with the environment that the sand grain undergoes on its journey. When the stones and sand grains react with oxygen, reddish iron oxide, rust, is formed. The ceramist is fascinated by the fact that corpses, their resting places or grave goods have been painted with ochre and red ironrich earth since ancient times. In prehistoric times, iron was considered a life force. It was hoped that this would bring the dead back to life. This insight was powerful for her. She mentions that she has increasingly reduced her ceramic techniques in recent years. “Today, I paint my figures almost exclusively with iron-containing paints.”
Pottery flourished in the Aare Valley Iron-rich red soil is not only found in Australia, Africa, China, the Mediterranean region and even outside Earth on Mars, but also in the Aare Valley, which includes Münsingen, where Regula Kaeser-Bonanomi lives and works. No wonder that pottery flourished here. The Thun-Heimberg-Langnau region was once even known throughout Europe as a center for handcrafted pottery. In the 18th century, the region was home to no fewer than five pottery centers, each with its own artistic style. In the past, some potteries processed their own clay and carried out clay extraction and preparation on their own or leased land. Others, on the other hand, obtained their clay from brickyards and processed it further in their potteries. With the introduction of mechanical clay processing in the late 1940s, most potteries in the Aare Valley stopped mining their own clay and began sourcing it from various external suppliers – as does Regula Kaeser-Bonanomi.