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Im Geheimdienst von James Bond – Leseprobe DE

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Im Geheimdienst von James Bond stefan zürcher

Im Geheimdienst von James Bond

stefan zürcher

weberverlag.ch

Impressum

Alle Angaben in diesem Buch wurden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und von ihm und vom Verlag mit Sorgfalt geprüft. Inhaltliche Fehler sind dennoch nicht auszuschliessen. Daher erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder Autor noch Verlag übernehmen Verantwortung für etwaige Unstimmigkeiten.

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2023, Weber Verlag AG, Gwattstrasse 144, CH-3645 Thun / Gwatt

Texte: Roland Schäfli

Fotos: In Zusammenarbeit mit cinémathèque suisse

Coverdesign: Dominic Lavery

Weber Verlag AG

Leitung / Konzept: Annette Weber-Hadorn

Gestaltung Cover: Bettina Ogi

Gestaltung / Satz: Bettina Ogi, Shana Hirschi, Celine Lanz

Bildbearbeitung: Adrian Aellig

Lektorat: David Heinen

Korrektorat: Laura Spielmann

ISBN 978-3-03818-491-1 www.weberverlag.ch

Der Weber Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

Im Geheimdienst von James Bond

Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft

stefan zürcher

Inhaltsverzeichnis

Kameramann Herbert Raditschnig und 2nd-Unit-Director Norman Dyhrenfurth bei Dreharbeiten von «Five Days One Summer».

Vorwort

Michael und ich haben das grosse Glück gehabt, dass Stefan an neun unserer James-BondFilme mitgearbeitet hat. Stefan hat seine Arbeit mit unserem Vater Cubby als Stuntskifahrer bei «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» in Mürren begonnen. Bald wurde er nicht nur als Stuntskifahrer, sondern auch als Übersetzer und Koordinator zwischen den englisch- und deutschsprachigen Abteilungen zu einer Bereicherung für die Produktion. 1977 wurde Stefan erneut als Stuntskifahrer für «Der Spion, der mich liebte» engagiert. Wenn es Filme mit Sequenzen auf Schnee, Eis und Bergen gab, riefen wir von da an «The Snowman»! Es war sehr amüsant, im Buch die Geschichte zu lesen, in der Stefan eine Episode aus «Der Hauch des Todes» erzählt. Ich erinnere mich etwas anders an das Ereignis! Wir versuchten, das Eis dick genug zu bekommen, damit die Fahrer die Autos auf den See bringen konnten, und wir kamen sehr nah dran. Leider begann es zu schneien, und das bedeutete, dass der sich absetzende Schnee den See isolieren und zum Schmelzen bringen würde. Deshalb haben wir einige Einheimische und ihre Schneepflüge angeheuert, um die Oberfläche des Sees über Nacht vom Schnee zu befreien. Ich fuhr mit meinem wunderbaren Fahrer Hans hinunter, um den Männern etwas heissen Glühwein zu bringen, und war alarmiert, als ich die Spitze des riesigen Schneepflugs aus dem See ragen sah! Stefan stand am Rand, nackt und fröstelnd. Er hatte die Geduld mit dem langsamen Fortschritt verloren und beschloss, den Job selbst mit dem Fahrzeug zu erledigen, das zu schwer für das Eis war, und wäre fast ertrunken, als es durch das Eis brach … Ich hatte einige ausgewählte Worte für ihn – wie man sagt, gibt es drei Versionen einer Geschichte: seine, meine und die Wahrheit!

In jüngerer Zeit gab es bei «Spectre» zu wenig Schnee, als wir in Österreich gedreht haben, also mussten wir 50 000 Quadratmeter mit drei Fuss Schnee bedecken, indem wir Schneemaschinen mit Hochdruckpumpen und Generatoren benutzten. Stefan hat das mühelos gemeistert und mit dem Rest des Produktionsteams eine beeindruckende sechsminütige Verfolgungsjagd orchestriert, die in Sölden auf einem Gletscher begann, durch eine künstliche Waldschneise führte und in Obertilliach endete, wo Bond ein Flugzeug durch eine schneebedeckte Scheune krachen lässt. Absolut keine leichte Aufgabe!

Es gibt niemanden in der Filmbranche, der mehr über Schnee weiss als unser lieber Freund Stefan.

Vom Berner Oberland in die Hollywood Hills –und zurück

Was Sie in Ihren Händen halten, ist nicht die übliche, mit dem Geburtstag beginnende Biografie und schon gar keine Lebensbeichte. Aber ich dachte mir, dass ich Sie vielleicht mit einigen Erlebnissen aus über 50 Jahren Mitarbeit an unvergesslichen Filmen – und Filmen, die man lieber vergessen sollte – gut unterhalten könnte.

Der Name James Bond hat einen guten Klang und ist, anders als Stefan Zürcher, sehr vielen Menschen ein Begriff. Darum soll hier mehr die Rede von Ersterem sein. Obwohl ich ein Träumer war, der sich im Schulzimmer stets den Fensterplatz sicherte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass jener Oktobertag im Jahr 1968, als ich mich am Schilthorn als Stuntskifahrer vorstellte, der Beginn einer langen Zusammenarbeit mit den 007-Produzenten werden würde. Diese «Bond-Familie», wie Filmleute in aller Welt sie liebevoll nennen, ist sozusagen eine geschlossene Gesellschaft, in der jedes Mitglied eine besondere Funktion hat. Meine sollte die des Schneespezialisten werden. Wann immer das Drehbuch Szenen in Eis und Schnee vorsah, würde Barbara Broccoli ihren Stab anweisen: «Call the Snowman. Get Stefan!»

Schnee, Eis und Berge spielten in den Drehplänen – ebenso wie in meinem Leben – eine grosse Rolle. Wie hätte ich – als ich die Schule in Wengen schwänzte, um lieber die Lauberhornpiste herunterzufahren – ahnen können, dass ich auf derselben Piste als Double für Robert Redford auf den Ski stehen würde? Meine Schwester und ich konnten Ski fahren, bevor wir laufen lernten. Wengen ist mein Lebensmittelpunkt geblieben, auch wenn mich die Filmarbeit in alle Winkel der Welt führte. Mein Geburtsort hat sich freilich in all den Jahren – genauso wie ich – stark verändert. Wenn ich im Lauterbrunnental wandere, dann werden

Erinnerungen wach. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen: der Tod meiner Mutter, als ich gerade 5-jährig war. Er hat mich fürs Leben geprägt. Erst mit der Distanz der Jahrzehnte kann ich mich als junge Person sehen, die mit diesem Verlust umzugehen versuchte. Ich wurde zu einem Menschen, der Mühe damit hat, sich fest zu binden. Das Filmgeschäft war genau das Richtige für mich: Freundschaften und auch Liebschaften auf Zeit. Man findet sich, man trennt sich wieder. Bevor ein Abschied richtig wehtut.

Mit dem viel zu frühen Tod meiner Mutter machte ich erstmals Bekanntschaft mit den Behörden. Man wollte meine Schwester und mich dem Vater wegnehmen, der Maschinist in der Umformerstation der Wengernalpbahn war und sich für uns wehren musste. Glücklicherweise konnte er nachweisen, dass er in dem Gebäude, in dem er arbeitete, auch wohnte. So blieb mir das Schicksal eines Verdingkinds erspart. Lebhafte Erinnerungen habe ich auch an meinen Grossvater. Er hatte schon als junger Mann den Schweizer Staub von den Füssen geschüttelt und war in die Ferne gezogen. Nach vielen Abenteuern in verschiedenen Ländern und einer Ausbildung zum Hotelconcierge und -butler in London beherrschte er vier Sprachen in Wort und Schrift, bevor er in Wengen das Hotel Breithorn übernahm. Dass auch mir die Welt offenstehe, hat er mir immer wieder gesagt. Bis ich ihn beim Wort nahm.

Vorher allerdings wurde auch ich nach dem Schweizer Bildungssystem geformt. Durch Beziehungen verschaffte mir mein Vater eine Lehre zum Elektromechaniker und Maschinenschlosser in der Maschinenfabrik Oerlikon. Doch schon an meinem ersten Ausbildungstag, als ich einen Eisenklotz mit einer Feile bearbeitete, wurde mir klar: Hier würde ich meine geheimen Träume nicht verwirklichen. Waren die vier Lehrjahre verlorene Zeit? Keineswegs. Ich hatte gelernt, meine Arbeit auf den hundertstel Millimeter genau auszuführen. Das Gelingen eines Stunts – und mehr noch: Das Leben eines Stuntmans hing nur zu oft von solcher Detailtreue ab. Und den Schweizer Tugenden wie Pünktlichkeit, Durchhaltewillen, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, die mir beigebracht wurden, verdanke ich meine vielen Jobs in internationalen Filmproduktionen rund um die Welt als Location-Manager, Produktionsleiter und Produzent.

In den Bergen lernte ich früh, in den Elementen zu bestehen und Naturgewalten zu respektieren. Trug ich als Location-Manager die Verantwortung für ein Filmteam, versuchte ich stets, das Unwägbare der Natur einzurechnen. Geht es um die Planung komplexer Sequenzen, muss man ein guter Zuhörer sein. Zuhören, das konnte ich gut. Stundenlang sass ich an meinen Kraftorten in den Bergen. Horchte in mich hinein. Tankte Energie für anstrengende Dreharbeiten.

All das lag freilich noch in weiter Ferne, als ich als 23-jähriger Filmnovize in Mürren bei James Bond anheuerte. Davon lesen Sie, wenn Sie nun umblättern – ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

«Im Geheimdienst Ihrer Majestät» (1969).

Begegnung mit Bond

Er war sich der Ironie des Schicksals bewusst.

Stefan Zürcher war es im Heimatdorf Wengen im Berner Oberland zu eng geworden. Er war in die Ferne gezogen. In die Weite des Filmlands USA. Wo er als Skiakrobat auf eine Chance wartete, im Filmgeschäft das zu tun, was er am liebsten tat: Ski fahren. Als sich diese Chance schliesslich bot, kam sie ausgerechnet in Form eines Anrufs von zu Hause, aus Wengen.

«Sie suchen verrückte Skifahrer», hatte sein Vater am Telefon aufgeregt gesagt. «Irgendetwas mit James Bond.» Es stand im «Anzeiger». Im Nachbardorf Mürren wurden für einen Agentenfilm Skifahrer gesucht, denen kein Hang zu steil und keine Regieanweisung zu gefährlich war. Also zurück in die Schweiz. Stefan Zürcher sass im nächsten Flugzeug. Irgendetwas in ihm sagte: Das ist die Chance deines Lebens. Seine innere Stimme hatte meistens recht. Er hatte gelernt, bei Bergtouren auf sie zu hören. Weil man sie in der einsamen Natur am besten vernehmen kann.

Als sich der 23-Jährige an einem milden Oktobertag im Jahr 1968 in Mürren zur Stelle meldete – zurück im Ort, wo er sein Diplom als Skilehrer gemacht hatte –, nahm Produktionsleiter Hubert Fröhlich ihn prüfend in Augenschein. Der Deutsche war der wichtigste Mann des Schilthorn-Projekts. Hatte stets ein Bündel Geldnoten in der Hosentasche, um Probleme umgehend mit einer «Spende» zu lösen. Er genoss das Vertrauen des 007-Produzenten Albert Broccoli. Auf Zürcher machte das damals grossen Eindruck. Nicht die Person des grossspurigen Fröhlich. Sondern dessen grosse Verantwortung als Produktionsleiter. Eine Testfahrt verlangte Fröhlich vom jungen Film-Aspiranten nicht. Denn Zürcher konnte beste Referenzen als Stuntskifahrer vorweisen. In Killington, Vermont, und Vail, Colorado, war er in Werbefilmen aufgetreten, hatte sich zum wahren Skiakrobaten und Extremskifahrer entwickelt (siehe dazu Kapitel «Auch die Schutzengel machten ihren Job»). Er durfte sich bei den anderen «verrückten Skifahrern» einreihen, die bereits als Gangster in orangen Skianzügen rekrutiert worden waren und für den Superschurken Blofeld das Schilthorn bewach-

Angriff auf Blofelds Hauptquartier.

ten. Die rund 15-köpfige Truppe setzte sich aus mehreren Weltmeistern und versierten Rekordhaltern zusammen. Manche wie Willy Bogner standen am Anfang einer Weltkarriere. Andere hatten ihre Goldmedaillen schon abgeräumt. Allen war eines gemein: Sie liebten diesen Sport und waren dem Ruf von James Bond gefolgt, weil dieses Abenteuer für jeden Skifahrer etwas ganz Besonderes versprach. Der Name des Films: «On Her Majesty’s Secret Service». Während die Schauspieler und der technische Stab in den Hotels und Chalets von Mürren untergebracht waren, wurde die Stunttruppe im Helikopter zur Mutthornhütte geflogen. Auf 2901 Metern in einer engen Hütte zu leben, schweisst zusammen. Zürcher fühlte sich an seine Jugend erinnert: Er hatte viel Zeit in den Bergen verbracht und in SAC-Hütten übernachtet. «Wir lebten am Rand des Dorfes im Skigebiet, und ich fuhr bei jedem Wetter auf Ski zur Schule. Nach dem Unterricht unternahmen meine Freunde und ich noch eine Fahrt das Lauberhorn herunter.» Schon damals hatte sich ihm die Liebe zur Bergwelt und zum Alpinsport tief eingeprägt. So wurden ihm auch die Wochen auf der Mutthornhütte, wo die Stuntfahrer auf den Einsatz lauerten, nie zu lange. Bald kristallisierte sich ein harter Kern der «Verrückten» heraus. Männer, die alles dafür tun, um auf den Brettern zu stehen, die für sie die Welt bedeuten.

Blofelds Hauptquartier auf Piz Gloria (Schilthorn).
Bonds Helfer stürmen Piz Gloria.
Helikopterlandeplatz auf Piz Gloria.

Noch etwas anderes stellte sich heraus: Der Action-Unit-Director, also der für die Actionaufnahmen ohne Schauspieler zuständige Regisseur (nachfolgend auch 2nd-Unit-Director genannt), hatte wenig Ahnung, wie man eine Skisequenz in den Kasten bekam. «Seine gezeichneten Storyboards halfen ihm nicht weiter. Willy Bogner und wir anderen schlugen ihm vor, wo er die Kamera hinstellen sollte, damit er uns überhaupt ins Bild kriegte.» Indem er die Initiative ergriff, machte Stefan Zürcher seine ersten Gehversuche in einem speziellen Gebiet, in dem sich nicht viele im Filmgeschäft auskennen, was ihn schliesslich zum unentbehrlichen Schneespezialisten für Bond-Aufträge machen sollte. «Szenen im Schnee müssen beim ersten Versuch gelingen, ansonsten muss man viel Zeit aufwenden, um in die Position zurückzukehren und die Spuren im Schnee zu verwischen – oder, noch aufwendiger, um die ganze Crew in eine alternative Location zu transportieren.» Die Arbeit im Tiefschnee stellt höchste Ansprüche an eine Filmcrew. «Bei sehr tiefen Temperaturen im Hochgebirge funktionieren die Kameras schlecht. Die Menschen ermüden schneller. Den Mehraufwand an Zeit muss man budgetieren.» Ausgerechnet in diesem Winter schneite es später als erhofft. «Für einen Bergbuben aus den Schweizer Alpen war es schon ein wunderlicher Anblick, wie die Engländer Schnee von anderen Berghängen heranschaffen mussten, um Lücken in der Schneedecke zu kaschieren. Damals kannten wir die künstliche Beschneiung ja noch nicht.»

Als die Produzenten in London das belichtete Material sichteten und nach drei Monaten Drehzeit nur drei Minuten brauchbarer Film herausgekommen war, wurde der Action-UnitDirector entlassen – und John Glen nach Mürren geschickt. «Dieser John Glen hatte als Cutter der Bond-Filme im Schneideraum auf diese Chance gewartet, und weder er noch ich ahnten damals, dass wir bei mehreren Bond-Filmen zusammenarbeiten würden.» Glen war es auch, der Willy Bogners Talent zu nutzen verstand. «Willy hielt sich nie an Storyboards. Seine Fahrt rückwärts auf Ski mit der Handheld-Kamera war zwar spektakulär, aber schlecht zu schneiden. John Glen hatte durch seine Erfahrung als Cutter begriffen, wie diese Momente in den Film eingebracht werden konnten.»

Verfolgungsjagd in Heiligenschwendi.

Bond-Verfolger Stefan Zürcher, Heinz Brunner und Bruno Zryd (v. l. n. r.).

Auf der Wengernalp wurde die aberwitzige Verfolgungsjagd durch den Wald aufgenommen, die erst an der Klippe oberhalb von Stechelberg endete. Obwohl keine unnötigen Risiken eingegangen wurden, war es nicht ungefährlich, was den Ski-Assen abverlangt wurde. «Wir waren alle jung, und die meisten von uns hatten ihre Weltmeistertitel ja nicht durch übervorsichtige Zurückhaltung erlangt.» Ludwig «Luggi» Leitner, der Innsbrucker Goldmedaillen-Gewinner, doubelte James Bond. «Ihn schickten wir jeweils voraus für schwierige Skistunts und Sprünge über Gletscherspalten, um dann seiner Spur zu folgen. Mit Luggi verband mich noch jahrelang eine Freundschaft.»

«Wenn dann wieder dichter Schnee den Drehplan sabotierte, vertrieben wir arbeitslosen Skifahrer uns die Zeit im Hotel Palace, damals das beste Haus am Platz, und da der spendable Broccoli auch die Alkoholzeche übernahm, schlugen manche schamlos zu. In Schlechtwetterperioden trieben wir allerlei Unfug. So gab es eine Competition, wer am längsten die Skischuhe anbehalten konnte. Der Gewinner schaffte das drei Tage und Nächte.» Als es einmal überraschend aufklarte, verfrachtete der Helikopter die Truppe innert Kürze auf den Gletscher, um das Wetterfenster zu nutzen, und Ludwig Leitner hatte kurz davor noch an der Bar gestanden. Unverzagt wies der Olympia-Gewinner die Kameraden an: «Zieht’s mir Ski an, so kann ich stehen!»

Als Immigrant in den USA hatte Zürcher Englisch pauken müssen. Dass er nun als einer der wenigen am Set Englisch ebenso wie Schweizerdeutsch sprach, kam ihm zugute. Sein

Antrieb, sich in diesem Business zu etablieren, machte ihn zum idealen Verbindungsmann und Übersetzer in diesem multilingual zusammengewürfelten Filmteam. «Der Bond am Schilthorn war meine eigentliche Lehre – meine Filmlehre.» Was er nun dazulernte, war die Filmsprache. Er machte sich vertraut mit den Bedürfnissen der verschiedenen Departments von Garderobe bis Requisite. So trugen Blofelds Spiessgesellen sowohl das originale Schweizer Sturmgewehr wie auch eine Gummiausführung in den Stuntsequenzen. Wurde geschossen, sorgte ein elektronischer Auslöser am Abzug für das Mündungsfeuer. Stefan Zürcher nahm alles in sich auf wie ein Schwamm. Zu den Eigenheiten der Filmindustrie gehört das Silodenken dieser Departments. «Es herrscht ein strenges Gärtchendenken, weil die Gewerkschaften, die von Filmproduzenten gefürchteten ‹Unions›, eine grosse Macht ausüben.»

Dass selbst kleine Arbeiten nur von Spezialisten ausgeführt werden dürfen, macht eine Produktion zwangsläufig teurer. «Anfangs eckte ich an, wenn ich mithelfen wollte, eine Lampe umzustellen – das darf nur die dafür angestellte Fachkraft.»

Bei Hubert Fröhlich jedoch, der den Deal zwischen Bond und den Bergbahnen eingefädelt hatte, damit das Drehrestaurant nach deren Massstäben gebaut werden konnte, machte Zürcher sich durch seinen Fleiss nicht beliebt: «Je länger der Dreh dauerte, desto schlechter wurde unser Verhältnis. Er hatte das Gefühl, dass ich ihm den Rang ablaufe.»

Und noch etwas lernte Zürcher, während er sich nützlich machte: Verschwiegenheit. «Geschwatzt wurde viel, jeder redete über jeden. Ich behielt mein Wissen für mich.» So brodelte die Gerüchteküche besonders betreffend des neuen 007-Darstellers, George Lazenby. «Wenige trauten ihm zu, dass er seinem Vorgänger Sean Connery das Wasser reichen könnte.» Lazenby wirkte arrogant, ja abgehoben. Zürcher sah den einmaligen Bond-Darsteller anders: «Ich glaube, er hat diese Überheblichkeit nur gespielt, als brauche er einen Schutzwall um sich.» Diesen 007-Darsteller sollte Stefan Zürcher erst 2018 wiedersehen, als sie beide aufs Schilthorn eingeladen waren, um sich selbst auf dem Walk of Fame zu verewigen. «50 Jahre später war George ein gereifter Gentleman. Das ist das Schöne im Leben: Man vergisst Schlechtes und erinnert sich an das Gute.»

Bond-Verfolger am Gimschbühl Wengernalp.

«Schussfahrt» (1969).

Robert Redfords Doppelgänger

Das Glück liess Zürcher nicht im Stich: Er konnte nach Bond nahtlos einen weiteren Film mit spektakulären Skisequenzen anschliessen. Und in den riskanteren Szenen keinen Geringeren als Robert Redford doubeln.

Als «On Her Majesty’s Secret Service» im Jahr darauf ins Kino kam, verpasste Stefan Zürcher prompt die Uraufführung – und sich selbst auf der Leinwand. Der Grund war, dass er zu diesem Zeitpunkt schon mitten in anderen Filmprojekten steckte. Die Befürchtung, der «Schilthorn-Bond» könnte eine einmalige Gelegenheit bleiben, hatte sich nicht bewahrheitet. Tatsächlich fand Zürcher nach dem Dreh in Mürren sofort Anschluss an eine weitere Grossproduktion – ironischerweise wiederum nicht in den USA, sondern in seinem Heimatdorf Wengen. Seine junge Filmkarriere ging nahtlos von James Bond zu Robert Redford über. Der Regisseur Michael Ritchie wollte Tempo und Risiko des Skirennsports einfangen. So zeigte sich in den zwei Grossfilmen, die beide 1969 im Kino anliefen, ein wesentlicher Unterschied in der Machart: Während die Bond-Stars in ihren Skiszenen praktisch nur vor Rückprojektionen auftraten – die heute deutlich als Trickaufnahmen zu erkennen sind –, verlangte «Downhill Racer» den Realismus der TV-Übertragung eines echten Rennens. Im Winter 1969 wurde der Film an verschiedenen Austragungsorten europäischer Weltcuprennen gedreht. Es sollte ein Skirennfahrerfilm werden, wie man ihn bisher noch nicht auf der Leinwand erlebt hatte. Die Dreharbeiten jedoch erwiesen sich schwieriger als erwartet, der Drehplan verzögerte sich. Deshalb sollten im April zusätzlich einige wilde Abfahrtssequenzen am Lauberhorn nachgedreht werden, die auch mit Stürzen enden.

Die Hauptrolle des ehrgeizigen Skirennfahrers spielte Robert Redford. Der junge Star stand am Anfang einer beispiellosen Karriere und hatte sich diesen Stoff ausgesucht, weil er selbst nur zu gern auf den Brettern stand. Für gefährliche Passagen musste der berühmte Blonde jedoch gedoubelt werden. Ein Job für Stefan Zürcher: «Ich brauchte nur zu erwäh-

nen, dass ich diese Fähigkeit soeben in einem Bond-Film unter Beweis gestellt hatte.» Dass 007 der Türöffner ist, sollte Zürcher in seinen späteren Jahren noch oft dankbar erleben. «Robert und ich verbrachten viel Zeit miteinander. Es war ihm wichtig, dass ich seinen Abfahrtsstil übernahm, damit der Schnitt nahtlos sein würde.»

Als das Drehbuch einen Sturz Redfords vorsah, konnte Zürcher Bond-Know-how einbringen, die Technik des «Kickers»: «Bisher wurden Skistürze im Kino so gemacht, dass der Fahrer mit den Armen rudert und sich fallen lässt – was immer gestellt aussieht.» Zusammen mit seinem Team präparierte Zürcher das Gelände derart, dass der Fahrer automatisch in Rückenlage gerät. Dann auf einen tatsächlichen Sturz zu schneiden, ist sehr viel effektvoller. In späteren Filmen perfektionierte Zürcher die Technik, auf der Piste ein Hindernis zu verstecken, sodass in der ersten Bildeinstellung die Skibindung des Fahrers aufschlägt – um dann dessen Aufprall in der zweiten Einstellung zu zeigen. «Bond hatte mir viel beigebracht. Ich brannte darauf, mein neues Wissen anzuwenden.»

Gene Hackman und Robert Redford.

Mit Robert Redford, der ein bodenständiger und bescheidener Mann ganz nach Zürchers Herzen ist, blieb er jahrelang in Kontakt. «Er kam mehrmals mit seiner Familie nach Wengen in die Skiferien – und wohnte dann jeweils im Hotel Park, wo auch die Filmszenen gedreht worden waren.» Dass sich «Downhill Racer» als Misserfolg erwies, tat der Freude an dieser Freundschaft keinen Abbruch.

Anders als am Schilthorn ist an Wengen kein Filmruhm haften geblieben. Etwas vom Skript blieb Zürcher stets in Erinnerung, für ihn ist dieser Dialog wahr: «I wanna be a ski racer, I wanna be a champion», proklamiert Redford als ehrgeiziger Rennfahrer. Doch sein Vater entmutigt ihn: «The world is full of ’em.»

Dass dieser Champion des Cinemas für seinen Film ausgerechnet nach Wengen kam und damit dem jungen Schweizer erneut das Tauende des internationalen Erfolgs zugeworfen wurde, war nach der Bond-Chance schon unverschämtes Glück. Das Glück, das Stefan Zürcher zuerst in der Ferne gesucht hatte, fand er am eigenen Hausberg, dem Lauberhorn. Noch etwas war dort zu finden: die Freundschaft zu Wolfgang Glattes. In der strengen Hierarchie eines Filmstabs trug er stolz den Titel eines 1st-Assistant-Director. Glattes sollte Zürcher die Türen zu den Bavaria-Filmstudios in München öffnen.

Stuntskifahrer oberhalb Wasserstation Wengen.

StuntskifahrerZieleinfahrt Lauberhornrennen.

Stefan Zürcher und Robert Redford.
Robert Redford, Ski-Kameramann Joe Jay Jalbert.
«Monte Carlo Rally» (1969).

Gert Fröbe aufs Dach steigen

Vor allem ein Stunt in der Slapstick-Komödie

«Monte Carlo or Bust!» bereitete Regisseur Ken Annakin

Kopfzerbrechen: Ein Schanzenspringer sollte sich nach einem 30-Meter-Sprung ausgerechnet auf dem Dach von Gert Fröbes Mercedes wiederfinden. Auf der Suche nach einem Freiwilligen stiess er auf Stefan Zürcher.

Offenbar wollte das Schicksal, dass Stefan Zürcher unbedingt im Filmgeschäft bleibt, selbst wenn er sich bis in die schwedische Provinz zurückzog. Dort hatte er im Winter 1969/70 eine Stellung als Skilehrer angenommen, als er erneut die Wege einer Filmcrew kreuzte. In Åre wurde gerade eifrig «Monte Carlo or Bust!» vorbereitet. «Am Set wimmelte es von Stuntmen und Filmtechnikern, die ich vom Schilthorn-Bond kannte! War das ein Wiedersehen!»

Zürcher war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn im mit Gags gespickten Film um ein historisches Oldtimerrennen hatte sich noch kein Stuntman für den aberwitzigen Schanzensprung gefunden. «Die Schanze für den Sprung auf Gert Fröbes Autodach war schon aufgebaut. Nur einen Spinner suchten sie noch. Plötzlich hörte ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn sagen: ‹Das stellt für mich als Skispringer überhaupt kein Problem dar!›»

Ken Annakin hatte sich mit aufwendigen Actionsequenzen in Grossproduktionen wie «The Longest Day» einen Namen gemacht, und er würde sich nicht mit weniger als einem echten Schanzensprung zufriedengeben. «Wir mussten die Landung haargenau berechnen, der Wagen musste in einem ganz bestimmten Tempo fahren, damit ich in der richtigen Sekunde von der Schanze springen und hoffentlich auf dem Autodach landen würde. Landete ich nämlich zu früh, dann würde mich der Mercedes überrollen. Sprang ich zu spät, würde ich auf der Rückseite aufprallen. Je näher der Drehtag rückte, desto mehr Schiss hatte ich.»

Im Schnee wurden weiss bemalte Holzschienen verlegt, damit der Oldtimer genau die Spur halten konnte. Gutes Timing war alles. Das führerlose Auto wurde innen mit Schaumgummi ausgepolstert – für den Fall, dass Zürcher das Dach durchbrechen würde. Der Schanzenspringer hatte einen prominenten Zuschauer: Am Steuer sass zwar ein Dummy, aber Gert Fröbe liess sich die waghalsige Aktion nicht entgehen. Bei der Generalprobe landete Zürcher absichtlich neben dem Auto. Dann meinte Annakin leichthin: «So, jetzt machen wir es richtig.»

Die Stunde der Wahrheit! «Ich fürchtete um meine Unterhose.» Der Wagen war auf einer künstlichen Rampe in Steillage an einem elektrischen «release hook» aufgehängt, einem Haken, der im richtigen Moment ausgelöst wurde. Absprung! Zu kurz! Zürcher verfehlte das Dach, blieb unverletzt, weil er die Piste so präpariert hatte, dass er sich abrollen konnte. «Sodass ich gleich noch einmal auf die Schanze musste.» Im zweiten Anlauf gelang der Flug. «Das Gute ist: Man wird pro Sprung bezahlt.» 5000 Kronen pro Sprung, das ist zwar nicht mit der Gage der Stars Tony Curtis und Bourvil zu vergleichen, aber für den jungen Zürcher war das «ein schöner Batzen Geld!». Etwas Kleingeld gab es dann auch noch für die Anschlussaufnahme: Der Wagen wird von einer Schneewand (tatsächlich von einem Stahlseil) gestoppt, und Zürcher wird als blinder Passagier vom Dach in einen Schneehaufen katapultiert. Ken Annakin war zufrieden. Hätte er die Kamera an der Abschlussparty im Grandhotel von Åre laufen lassen, hätte er noch gratis einige Stunts dazubekommen. «Die Stuntleute, wie es so ihre Natur ist, liessen die Sau raus.» Einige der Stuntmen hatten mit den Ehefrauen von Einheimischen angebändelt. Ein Wort gab das andere, dann flogen zwischen Engländern und Schweden die Fäuste. Die Keilerei geriet ausser Kontrolle. Pech für die schwedische Mannschaft: Das Stuntteam bestand aus Ex-Boxern und Martial-Arts-Kämpfern. Als die Polizei im zertrümmerten Ballsaal erschien, wünschten die Kaskadeure «goodbye!» und hechteten ganz einfach durch das geschlossene Fenster aus dem 1. Stock. Da sich Stefan Zürcher nach diesem Abenteuer auf den Weg nach Wengen machte, verpasste er auch diesen Filmauftritt im Kino. Irgendwie schien er die Bestätigung nicht zu brau-

Tony Curtis, Susan Hampshire, Dudley Moore und Mireille Darc.
Dudley Moore und Gert Fröbe.

chen, sich selbst auf der grossen Leinwand zu bewundern. Den eigentlichen Spass hatte er am Set, und war ein Film erst einmal abgedreht, dann vermochte er ihn nicht mehr zu fesseln. Ausserdem befand er sich meistens bereits beim nächsten Filmprojekt, wenn die Uraufführung stattfand. Viel mehr war er in jenen Tagen daran interessiert, wie er als Bademeister von Wengen den Schlüssel zum Schwimmbad nutzen konnte, um nachts englische Touristinnen zum Nacktbaden einzuladen. Mit von der Partie war sogar der Dorfpolizist. Er liess sich dazu verführen, die Uniform und die Dienstpistole abzulegen und beim munteren Treiben mitzumachen. Der Lärm der Badenden veranlasste einen Nachbarn nachzusehen, worauf der Dorfpolizist Hals über Kopf den Pool verliess und nackt auf seinen Polizeiposten flüchtete. Seine Uniform und die Dienstpistole brachte Zürcher ihm noch in derselben Nacht auf den Polizeiposten. Der junge Mann blickte sorglos in die Zukunft. «Dieses Urvertrauen, im Hier und Jetzt zu leben, hatte mein Grossvater mich gelehrt.» Sein grossväterliches Vorbild sollte recht behalten: Sein Kino-Schicksal würde Zürcher schon im Frühjahr 1969 wieder einholen. In Form eines Monumentalfilms mit Superstars.

Stuntskifahrer Stefan Zürchers Sprung auf Autodach.

Absprung vom Mercedes-Autodach. Stefan Zürcher und Regisseur Ken Annakin.

«Cabaret» (1972).

Mit Liza auf die Reeperbahn

Als die blutjunge Hauptdarstellerin mit der schwarzen Kurzhaarfrisur das erste Mal die Turnhalle betrat, in der die Tanznummern schon sechs Wochen vor Drehbeginn geprobt worden waren, erkannte sie kaum jemand –auch Stefan Zürcher nicht. Doch Liza Minnelli sollte mit «Cabaret» Furore machen.

Die 25-jährige Liza Minnelli war 1972 noch nicht aus dem Schatten ihrer berühmten Mutter Judy Garland herausgetreten. «Liza war frei von allen Starallüren. Als sie ankam, stellte sie sich bei jedem Crewmitglied persönlich vor.»

Auch dieser Film erteilte Stefan Zürcher eine Lektion über eine Phase der Zeitgeschichte, die ihm vorher wenig bekannt war. Das Musical spielt während des aufkommenden Nationalsozialismus in Berlin. Regisseur Bob Fosse liess sich von den Bildern von Otto Dix und George Grosz inspirieren. Sie waren Vorlage für Set und Requisiten. Selbst die Auswahl der Statisten und Nebendarsteller richtete sich nach diesen Bildern. Darum hatten Wolfgang Glattes und Stefan Zürcher den eher ungewöhnlichen Auftrag, entsprechende Statisten im Münchner Rotlichtmilieu aufzutreiben.

Fosse, selbst erfolgreicher Tänzer, Choreograf und Bühnenregisseur, brachte lediglich zwei Tänzerinnen aus dem originalen Cast der Broadway-Aufführung mit, die restlichen suchte er persönlich in langwierigen Castings aus. Zürcher beauftragte er mit einer besonderen Mission während der Proben. «Ich sollte die Cabaret-Tänzerinnen betreuen. Sie sollten zeitig ins Bett. Dort sollten sie sich jedoch ausruhen!» Bei einer dieser Revuegirls machte Zürcher selbst eine Ausnahme; ein Strohfeuer, das – wie so viele Beziehungen unter Filmleuten – bei Drehschluss ausbrennen sollte.

In einer tristen Halle wurde sechs Wochen lang bis zur Erschöpfung präzise nach den Abmessungen des Filmsets geprobt, das währenddessen in der Bavaria gebaut wurde. Für Zürchers Arbeit war relevant, dass auch er jede Tanznummer auswendig kannte, als der Dreh endlich beginnen konnte. «Bob Fosse hat jeden Tanzschritt mit einem Live-Pianisten proben lassen, bis die Tänze aufs i-Tüpfelchen perfekt waren. Das sollte sich während der Drehzeit

auszahlen.» Komponist John Kander und Arrangeur Ralph Burns, der den Oscar für die beste Musik abholen würde, wachten mit Argusaugen über die Proben.

«Cabaret» sollte die Darstellung von Filmtänzen revolutionieren. Anstelle der gewohnten Totalaufnahme aller Revuegirls, synchron auf der Bühne tanzend, zeigte Fosse lediglich Details der Bewegungen: Grossaufnahmen von Gesichtern, Händen, Beinen. «Immer wieder fielen ihm neue Details und andere Blickwinkel ein.» So dauerte es Tage, eine einzelne Tanznummer in den Kasten zu bekommen. In Geoffrey Unsworth hatte Fosse den perfekten Kameramann als Kollaborateur gefunden – auch er verdiente sich für seine Arbeit einen Academy Award. Im krassen Gegensatz zu den detailverliebten Tanzaufnahmen standen die martialischen Aufmärsche der Nationalsozialisten. Diese bedrohlich wirkenden Massenszenen bewältigte Zürcher mit mehreren Assistenten.

Bob Fosses Idee, an Originalschauplätzen in Berlin zu drehen, war – bis auf einige Szenen im Diplomatenviertel – wegen der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg nicht möglich. Teile der Strassenzüge wurden deshalb in München gedreht oder auf dem Gelände der Bavaria nachgebaut. In Zürchers Aufgabenbereich fiel das Location-Scouting der Biergärten. «Das war eine anstrengende Arbeit: Motivsuche in sämtlichen Münchner Biergärten! Drehortsuche fühlt sich immer so an wie bezahlte Ferien. Verglichen mit der knappen Drehzeit war die Zeit dafür sehr grosszügig bemessen.»

Problematischer erwies sich die Suche nach einem Bahnhof, der dieser Epoche entsprach. Fündig wurde er in Lübeck nördlich von Hamburg. «Schnell war ein Besuch in Hamburg beschlossene Sache, denn Liza wollte nicht glauben, dass auf der berüchtigten Reeperbahn Live-Sex auf der Bühne dargeboten wurde. Das wollten wir ihr beweisen, indem sie es

Joel Gray mit Revuegirls.
Liza Minnelli und Joel Gray.

mit ihren eigenen Augen sehen konnte, die noch ein bisschen grösser wurden.» Ein riesiger Schwarzer, überaus grosszügig bestückt, vollführte den Akt mit einer zarten Blondine. Unvorstellbar für eine Amerikanerin Anfang der 70er-Jahre! Aber Liza reagierte anders als erwartet – sie bekam einen Lachanfall. «Wir sassen in der ersten Reihe, und sie hörte nicht mehr auf zu lachen. Die Vorstellung musste unterbrochen werden und der Klubbesitzer drohte uns mit Rauswurf.»

In einer Szene im historischen Schloss Eutin in Schleswig-Holstein sollte ein Kaminfeuer brennen. Filmprofis wissen, in aller Regel ist dies ein Gasfeuer, und die Holzscheite sind aus Gips. «Plötzlich gab es einen lauten Knall, und im historischen Kamin klaffte ein zehn Zentimeter breiter Spalt, aus dem Rauch und Feuer kam. Ein Anfänger im Team der Set-Dekoration hatte den riesigen Kamin den ganzen Tag mit echten Holzspalten befeuert.» Die Filmarchitekten um Rolf Zehetbauer heimsten dennoch den Oscar für das beste Szenenbild ein.

Üblicherweise sah sich Zürcher «seine» Filme nicht einmal im Kino an. «Wir von der Crew sagten uns stets: Wir haben ihn ja gemacht, wir wissen, wie er aussieht!» Bei «Cabaret» machte er eine Ausnahme. «Das ist ein Kultfilm, der dieses Prädikat wirklich verdient.» Er räumte acht Oscars ab, steht in der Liste des American Film Institute auf Platz 5 der besten Musicals und auf Platz 63 der besten US-Filme aller Zeiten.

Noch dankbarer als für das Renommee, das dieses Filmwerk allen Beteiligten bescherte, ist Stefan Zürcher für die Freundschaften, die geschlossen wurden. Ein ganz besonderer Teamgeist, der alle zu Höchstleistungen anspornte, entstand durch die Zusammensetzung von Cast und Crew aus unterschiedlichen Ländern: Michael York, der Star aus England, Helmut Griem und Fritz Wepper aus Deutschland, und aus den USA Marisa Berenson, Liza Minnelli, die zur besten Schauspielerin gekürt wurde, sowie der ebenso mit dem Oscar ausgezeichnete Joel Grey. «Dieser Film hat mein Leben bereichert und das vieler Zuschauer. Ich bin stolz darauf, Teil davon gewesen zu sein.»

Liza Minnelli.
Michael York und Liza Minnelli.

«Der Spion, der mich liebte» (1977).

Frieren für James Bond

1976 flatterte Zürcher ein kurzer Auszug aus einem streng geheimen Drehbuch auf den Tisch: Ein britischer Agent flüchtet sich einen Gletscher hinab und schaltet einen russischen Gegner durch einen Schuss aus seinem Skistock aus. Der Agent war kein anderer als James Bond. Und der Verfolger, der das explosive Geschoss abbekam, war Stefan Zürcher. Doch das war längst nicht das Gefährlichste an «The Spy Who Loved Me».

«On Her Majesty’s Secret Service» wirkte zehn Jahre später immer noch nach. Als James Bond erneut einen Gipfel bezwingen sollte, da erinnerte sich die Broccoli-Familie an die bewährten Mitstreiter: Willy Bogner an der Kamera, John Glen für die 2nd Unit und Stefan Zürcher als Produktionsleiter und Stuntman. «Never change a winning team! Das war eine schöne Reunion. Wir logierten in St. Moritz, fuhren morgens mit der Bahn zur Diavolezza hinauf, von wo aus ein Helikopter uns auf die italienische Seiten des Scerscen-Gletschers flog.» Zürcher hatte diese Locations gemeinsam mit Bergführern und Skilehrern aus Pontresina ausgekundschaftet und in Erfahrung gebracht, dass auf den Südgletschern schon im Frühling morgens Aufnahmen bei Sonne möglich sind, während nachts durch die Kälte der Firnschnee wieder gefriert und hart wird.

Fotos seiner Motivsuche waren Basis für die Illustrationen der Storyboards. Zürcher hatte seine Spuren auf diesen Pisten schon im Auftrag von Werbefilmproduzenten hinterlassen. Die Sequenz im neuen Bond war freilich einiges spektakulärer: eine mörderische Verfolgungsjagd auf Ski durch Eistunnel und Eislabyrinthe. In dieser Sequenz führte Willy Bogner Regie, während er gleichzeitig Kameramann war. John Glen hatte ihm eingeschärft, sich exakt an die Storyboards zu halten. Willy brachte jedoch seine eigenen spontanen Ideen ein, die auf dem Storyboard nicht verzeichnet waren. Zürcher zeichnete für die Produktion der aufwendigen Szenen verantwortlich. Obwohl ein Bond-Film Unsummen verschlingt, verlor er nie die Übersicht über die Kosten. Während der drei Wochen Drehzeit wurden auch die sogenannten Plates hergestellt: die Hintergrundaufnahmen,

Bond-Verfolger auf dem Scerscen-Gletscher.

Stefan Zürchers Verfolgungsjagd in Gletscherspalt.

mit denen später im Studio Roger Moore in den Film «eingefügt» wurde, der selbst keinen Fuss auf den Gletscher setzte.

Sehr zufrieden war Glen mit der Ausführung des ersten Gags in diesem 007-Abenteuer: Bond schiesst mit seinem feuerspeienden Skistock einen seiner Häscher ab. Der getroffene russische Spion wurde gedoubelt von Stefan Zürcher. Dafür trug er erstmals eine elektronische Sprengladung auf seiner Brust, die mit einem Lederharnisch geschützt war.

Die Zündkapsel für die Einschussexplosion war mit einem Kabel durch den Ärmel mit einem Auslöser in der Hand verbunden. So konnte Zürcher die Explosion auf seiner Brust selbst auslösen. Stilecht stürzte der «Getroffene» in den Schnee.

Üblicherweise wurde 007 von Andrea Florineth gedoubelt, einem St. Moritzer. An einem Tag, der Zürcher besonders in Erinnerung blieb, trug er selbst Bonds Skianzug in schreiendem Gelb. Die Bergführer warnten: «Es zieht schlechtes Wetter mit Nebel auf!» Sie verlangten den sofortigen Abbruch der Arbeiten, ansonsten könnten sie für die Sicherheit nicht garantieren. Bogner ignorierte ihre Warnungen und drehte weiter. «Der Nebel stieg rasch zu uns herauf, bis wir schliesslich das Set panikartig räumen mussten. Helikopter flogen Mannschaft und Material zur nächstgelegenen Strasse am Berninapass im

Stefan Zürcher, zweiter von links.
Stefan Zürcher mit Pistole.
Willy Bogners Kamerafahrt durch Gletscherspalten.

Puschlav, von wo sie mit Fahrzeugen abgeholt werden konnten. Der Nebel wurde immer dichter. Instinktiv griff ich mir den Speiseträger-Tank, der noch ein paar Liter Tee enthielt, und packte auch die Schneeschaufeln, die bereits im Heli lagen.» Zürcher würde sie noch gut brauchen können. Denn für fünf Personen – einen Stuntfahrer, drei Bergführer und ihn selbst – konnte der Heli nicht mehr zurückkehren.

«Der Nebel schloss uns sehr schnell ein, der Gletscher lag auf 3500 Metern, und das Thermometer würde in der Nacht auf minus 20 Grad sinken. Die Tschierva-Hütte zu erreichen, war wegen der Gletscherspalten nicht möglich. Wir hatten keine andere Wahl, als uns einzugraben.» Als Wachtmeister der Gebirgsinfanterie hatte Zürcher die Kunst des Iglubaus erlernt, und auch die Bergführer verstanden sich darauf. «Ohne Männer mit Gebirgserfahrung wären wir verloren gewesen. Zum anstrengenden Graben der Iglus zogen wir uns bis auf die Unterhose und Skischuhe aus, damit die Kleidung durch unseren Schweiss nicht feucht wurde. Wir gruben um unser Leben. Es wurde eine lange Nacht.»

Bond-Double vor Absprung auf Scerscen-Gletscher.

Stefan Zürcher, zweiter von links.

Verfolgungsjagd auf Scerscen-Gletscher.

Bond-Double Rick Sylvesters Sprung über Klippe auf Baffin Island, Kanada.

Zur Notausrüstung von Bergführern gehören Kerzen. Sie dienen im Iglu als Alarmanlage: Gehen sie aus, ist dies das Zeichen von Sauerstoffmangel, und es droht der Erstickungstod. «Um das zu verhindern, trieben wir mit den Schaufelstielen Löcher durch die Schneedecke.»

Zürcher verliess das Iglu, um den gefrorenen Tee aufzutauen. Er zersägte mit dem Taschenmesser drei alte Kamerastative aus Holz, um ein Feuer zu entfachen. In metallenen 35-mmFilmbüchsen wärmte er den tiefgefrorenen Tee auf. «Es war beängstigend, bei Nacht und Nebel den Rückweg zum Eingang des Iglus kaum zu finden, obwohl ich nur Schritte davon entfernt war. Irgendwann gelangte ich ins Innere zurück, wo ich meine ‹Mitgefangenen› mit heissem Tee überraschen konnte.»

Am nächsten Morgen – Zürcher trug noch immer James Bonds dünnen, gelben Skidress – wurden die Überlebenskünstler abgeholt. «Die Broccolis hatten sich grosse Sorgen gemacht und das ganze Dorf alamiert. Sie wollten uns ins Spital einliefern lassen.» Doch nach einem Ruhetag war Zürcher zurück auf dem Gletscher. Wenn er in späteren Jahren für Werbefilme an diese Stelle zurückkehrte, führte er stets eine Survival-Box mit: Notproviant mit Schlafsäcken und Leuchtraketen. Holzstative gehörten nicht dazu. «Eine Rechnung dafür habe ich nie erhalten.»

«Am Rande des Abgrunds» (1982).

«FIVE DAYS ONE SUMMER» und eine Gletscherleiche

Im Bergsteigerdrama «Five Days One Summer» war Stefan Zürcher in seinem Element. Nicht nur am Berg –auch auf dem Golfplatz mit Sean Connery. Ein Ereignis glich auf surreale Weise der Filmhandlung: der Fund einer echten Gletscherleiche.

Der Österreicher Fred Zinnemann hatte in Hollywood-Klassiker wie «High Noon» geschaffen. Als Feriengast weilte er oft in Pontresina. Wenn er die Gletscher betrachtete, überkam ihn der Gedanke, dass daraus ein guter Film zu machen sein müsste. Einer Berglegende nach würde das Eis eine Leiche im perfekten Zustand konservieren. 1982 entstand aus dieser Grundidee «Five Days One Summer». Der Produktionsleiter Leonhard Gmür schickte Stefan Zürcher aus, für den Fundort des Toten die «perfekte Gletscherspalte» zu finden. Es war ein klarer Fall von «das Leben imitiert die Kunst», dass Zürcher und einige Bergführer bei der Suche nach einem geeigneten Drehort auf dem Morteratschgletscher das erlebten, was im Drehbuch vorgesehen war: den Fund einer Gletscherleiche. «Wir sahen erst ein paar Schuhe, dann einen Rucksack – und stiessen auf eine mumifizierte Gletscherleiche. Wir avisierten die Polizei, und diese fotografierte den grausigen Fund. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der Leiche um einen verschollenen Genfer handelte, den das Eis seit dem 9. April 1950 gefangen gehalten hatte.» Als man seinerzeit die Suche aufgab, weil der Mann offenbar in einen Schlupfspalt geraten war, prognostizierte man der Familie, der Morteratschgletscher werde ihn in etwa drei Jahrzehnten freigeben. Es hat genau 32 Jahre gedauert. Fred Zinnemann hatte seine eigene Art, mit dieser augenscheinlichen Parallele zur Filmhandlung umzugehen: «Er war glücklich, bestätigte der Fund doch, dass sein Film

nicht an den Haaren herbeigezogen war!» Eine weitere Ironie dieses Schicksals: Die alte Frau, die im Film als die alte Witwe des «jung gebliebenen» Gletscheropfers zu sehen ist, war eine Einheimische aus Latsch – die jenen wirklichen Unglücklichen noch persönlich gekannt hatte.

Auf Latsch, das filmerprobte Dörfchen im Albulatal, fiel Zinnemanns Wahl, weil die Häuser noch so ursprünglich waren, dass kaum etwas verändert werden musste. Nur der Friedhof, auf dem die Bergopfer bestattet werden, war das Werk des talentierten Artdirectors Willy Holt, der sich an Grabsteinen eines Friedhofs bei Samedan orientierte. Holts Kulissenbauten erstaunen bis heute durch ihren Realismus. Im Val Roseg wurde der perfekte Platz für das Filmhotel festgelegt, und Holt liess eine Illusion aus Gips und Mörtel erstehen, als habe das Gasthaus im Bündner Baustil schon immer dort gestanden. «Für Einstellungen, in denen die Schauspieler vermeintlich aus dem Fenster eines echten Hotelzimmers die Aussicht bewundern, bauten wir lediglich Fensterrahmen und Vorhang auf, damit sie vor diesem Mock-up genau vor dem bildschönen Hintergrund agieren konnten.»

Auf der Suche nach der passenden SAC-Hütte rekognoszierten Gmür und Zürcher viele Stellen vom Helikopter des Typs Jet Ranger aus. Was nach Routine klingt, wurde eines Tages zur lebensgefährlichen Angelegenheit. «Wir flogen in starke Abwinde und stürzten wie

Gletscherspalten des Morteratsch.

Sprung über Gletscherspalte.

Basislager auf dem Morteratschgletscher.

ein Stein dem Abgrund entgegen. Der Pilot mit dem Spitznamen Capito zog mit aller Kraft am Hebel, um den Auftrieb des Rotors zu erhöhen, und beschleunigte auf maximale Drehzahl. Die Turbine heulte auf, am Armaturenbrett im Cockpit blinkten sämtliche Alarmlampen wie ein Weihnachtsbaum, trotzdem fiel der Helikopter noch immer in rasanter Geschwindigkeit dem Abgrund entgegen. Es ging alles unheimlich schnell, niemand sprach, alle waren bleich, und niemand konnte wissen, was in unseren Köpfen vorging.» Kurz vor

Dreharbeiten im Bergell.

Sean Connery und Betsy Brantley.

Filmset: nachgebaute Berghütte auf der Diavolezza. Filmcrew bei Dreharbeiten im Bergell.

dem Aufprall gelang es Capito, die Maschine aufzufangen. In breitem Züridütsch meinte er: «Jetzt hämer Schwein gha!»

Da die passende SAC-Hütte nicht zu finden war, wurde sie schliesslich auf der Diavolezza für Innen- und Aussenaufnahmen selbst aufgebaut – täuschend echt, bis ins kleinste Detail, mit grandiosem Blick auf den Piz Palü. Zinnemann erwartete nicht nur in der Ausstattung absolute Detailtreue: In den Bergsteigerszenen wurde mit der Ausrüstung von 1932, der Zeit der Handlung, geklettert. «Wir verzichteten auf Tricks. Selbst mit den Kamerawinkeln, die den Anschein von Höhe erwecken können, hat Zinnemann keine Effekthascherei betrieben: Alles wurde aus der tatsächlichen Perspektive des Bergsteigers gedreht.»

Der Chef der Heli Bernina, Ueli Bärfuss, einer der ersten brevetierten Helikopterpiloten der Schweiz, seilte im Bergell die Darsteller mit der Winde aus dem Helikopter an den gewünschten Punkt ab. Auch Zürcher wurde gemeinsam mit Kletterern und Kameraleuten aus der Luft abgeseilt. «Selbst mir als Bergmenschen eröffneten sich neue Horizonte des Alpinismus. Ich erkannte, welche Lebenseinstellung dem Bergsteigen zugrunde liegt. Darum bestechen diese wahrhaftigen Aufnahmen heute noch.»

Um für die Rolle des Gipfelstürmers gewappnet zu sein, hatte Sean Connery einen zweiwöchigen Bergsteigerkurs absolviert. Wichtiger war ihm jedoch die Verbesserung seines Golf-Handicaps. Da hatte er in Zürcher den richtigen Partner gefunden. «Da wir frühmor-

gens zu den Drehplätzen aufbrechen mussten, war schon am Nachmittag Feierabend. Das liess uns Zeit für 9 Löcher auf dem Golfplatz von Samedan – und einen Drink an der Bar. Sean bestellte sich üblicherweise einen schottischen Whisky, liess aber meistens seine Brieftasche stecken. Ich war mit dem sprichwörtlichen schottischen Geiz konfrontiert!»

Im Laufe dieser Partien liess Connery durchblicken, dass er entgegen anderslautenden

Berichten durchaus an der weiteren Entwicklung des 007-Franchises interessiert war – aus der Distanz des Ex-Bonds. Als er erfuhr, dass Zürcher die Skisequenz vom «Spion, der mich liebte» ebenfalls im Bergell realisiert hatte, wollte er alles darüber wissen. «Er war oft nach der Meinung zu seinem Nachfolger gefragt worden und hatte sich stets eines Urteils enthalten. Die Entwicklung der Rolle des 007 lag ihm mehr am Herzen, als er sich anmerken liess.»

Zürcher verstand, dass sich Connery vom Bergsteigerfilm den Sprung aus der 007-Schublade ins Charakterfach erhoffte. Der deutsche Titel «Am Rande des Abgrunds» zeugt davon, wie man vergeblich versuchte, dem Publikum diesen Arthousefilm als typischen ConneryActionreisser zu verkaufen. Diese Rechnung ging nicht auf, was für Zinnemann das Karriereende bedeutete.

Weitere 40 Jahre sollten nach dem Fund im Gletscher ins Land ziehen, bis diese Geschichte ihre Fortsetzung fand. Francine Lecoultre, die Enkelin jenes Verunglückten, war in die USA ausgewandert, wo sie sich in Hollywood einen Namen als Kostümbildnerin für Filme wie «Star Trek» und «Total Recall» gemacht hatte. Bei Recherchen zu einem Dokumentarfilm über ihren Grossvater stiess sie auf Stefan Zürcher und bat ihn, ihr den Fundort der Leiche zu zeigen. Das brachte ihn zurück zu den heimtückischen Spalten des Morteratschgletschers.

Dreharbeiten auf dem Morteratschgletscher.

Sean Connery und Betsy Brantley.

«Die Libelle» (1984).

Als plötzlich echte Kugeln flogen

Plötzlich wurde das Actionkino für Stefan Zürcher echt: Im Kriegsgebiet des Libanon geriet das Filmteam von «The Little Drummer Girl» ins Kreuzfeuer, als richtig geschossen wurde.

Bestsellerautor John le Carré besass in Wengen ein Chalet. Es war allgemein bekannt, dass der Thrillerspezialist in früheren Jahren für die britischen Geheimdienste tätig gewesen war – diese Erfahrungen flossen in seine Spionageromane ein. Zürcher lernte seinen Nachbarn bei den Dreharbeiten zur Verfilmung von «The Little Drummer Girl» kennen. Und wurde anschliessend das Gefühl nicht los, dass John le Carré den aktiven Dienst nie quittiert hatte.

«John war ein cleverer Kerl. Er hatte gegen die Russen spioniert. Nachdem man jahrelang Einsicht in geheime Staatsangelegenheiten hatte, kann man diese Geheimnisse nicht einfach in Bücher schreiben. Er hat mir Andeutungen gemacht, dass er die Manuskripte vom MI6 absegnen liess.» Selbst der Wohnsitz schien Zürcher plötzlich verdächtig: Wengen ist autofrei, was Beschattungen erschwert, und Wengen war stets eine Hochburg der Briten. Dann gab es in John le Carrés Umfeld in Wengen noch einen Mann namens Pierce, der mitunter für Wochen abtauchte, um, wie es hiess, Fotoaufträge im Ausland zu übernehmen. «Eines Tages kehrte er nicht mehr zurück, niemand kannte seinen Aufenthaltsort. Später erfuhren wir, er sei bei einem mysteriösen Fahrradunfall in England umgekommen.» Trotz diesen merkwürdigen Verwicklungen freute sich Zürcher sehr, dass der Autor ihn nach der Verfilmung des Romans in seinen Kreis von Vertrauten aufnahm. «Nur in seinen eigenen vier Wänden sprach er mit mir über den MI6. Gingen wir hingegen in einem Restaurant in Wengen essen, waren seine Lippen versiegelt.»

Dieses Vertrauen hatte sich Zürcher allerdings erst sozusagen «unter Feuer» verdienen müssen. Es war 1983, und der Schweizer Produktionsleiter fand sich mit einer zusammen-

gewürfelten Filmcrew in einem Flugzeug der Middle East Airlines – die einzige Fluggesellschaft, die damals noch nach Beirut flog. «Wir waren ziemlich überrascht, als uns hinter Zypern plötzlich zwei MiG Geleitschutz gaben. Beim Überfliegen der Stadt konnte ich das Chouf-Gebirge erkennen – früher ein beliebtes Skigebiet, jetzt erbittert umkämpftes Terrain. Aus der Ferne konnten wir die Mündungsfeuer der Artilleriegeschütze ausmachen.»

Der Libanonkrieg 1982 – zwischen der israelischen Armee und verbündeten Milizen auf der einen sowie Kämpfern der PLO und syrischen Truppen auf der anderen Seite – hatte wenige Monate zuvor Beirut zweigeteilt. Die Stadt, die einst als das «Paris des Nahen Ostens» gegolten hatte, war zerbombt und bestand nun aus einem christlichen und einem palästinensischen Teil. Stefan Zürchers Aktionsradius sollte genau entlang der Demarkationslinie verlaufen. Es dauerte nicht lange, und die sechsköpfige Crew hörte Schüsse. «Es ‹chlepfte› ständig.» Nur waren das dieses Mal keine Platzpatronen.

«The Little Drummer Girl» spielt in Beirut – und sollte so wirklichkeitsnah wie möglich wirken. Um das zu erreichen, ohne Hauptdarstellerin Diane Keaton einer wirklichen Gefahr auszusetzen, sollte Zürcher mit einer kleinen Action-Unit die Hintergründe filmen und Fotos von Strassenzügen und Checkpoints anfertigen. Anhand dieser Aufnahmen liess Star-

«Place des Martyrs» in Beirut.
Diane Keaton.
Strassenzug in Beirut.
Checkpoint in Beirut.

regisseur George Roy Hill, der mit «Butch Cassidy and the Sundance Kid» und «The Sting» sagenhafte Kassenhits abgeliefert hatte, später in Israel originalgetreue Kulissen bauen, in denen die echte Diane Keaton agieren würde. Mit von der Partie war Alexander Witt, damals noch Kameraassistent, heute ein Action-Unit-Regisseur, der unter anderem beim Bond-Film «Spectre» Verantwortung trug.

Ein blauer Peugeot, in dem Keaton im Film die Stadt durchfährt, war ein wichtiges Requisit. «Für die Filmaufnahmen, in denen wir Dianes Double durch den zerbombten palästinensischen Teil der Stadt fuhren, mussten wir jeden Tag die Demarkationslinie an Checkpoints passieren. Wir lebten im israelisch kontrollierten Teil. Da wir das Drehbuch vorgelegt hatten, das Israel im positiven Licht erscheinen liess, waren wir sozusagen auf der ideologisch richtigen Seite. Aber bei jedem Checkpoint richteten sich echte Kalaschnikows auf uns, und wir wussten nie, ob heute nicht jemand einen nervösen Zeigefinger haben würde.»

Diese brenzlige Situation war genau nach dem Geschmack des Regisseurs der 2nd Unit: Micky Moore, mit dem Zürcher hier erstmals zusammenarbeitete. Er war unter Stuntmen längst eine Legende, hatte mit Grössen wie John Wayne und Kirk Douglas gedreht und Stunts für Indiana Jones verantwortet. Moore war der «Hausregisseur» für die Action-Units von Steven Spielberg und George Lucas. «Micky ging richtig darin auf. Sein Puls war nie so hoch wie meiner. Er inszenierte unseren Dreh, als sei dies ein einziger Stunt, mit kalkulierbarem Risiko.»

Stefan Zürcher (Mitte) bei Checkpoint.

«Ein Hauptmann der Palästinensermiliz, der uns auf der palästinensischen Seite betreute, war über Funk mit den Kampfeinheiten verbunden und teilte der ausländischen Filmcrew laufend mit, an welcher Stelle der Front die Kämpfe gerade aufflammten.» Aufnahmen entstanden auch am Märtyrerplatz, bekannt als «Place des Martyrs», dem zentralen öffentlichen Platz, der ebenso zerschossen und durchlöchert war. «Unser Hotel lag direkt an der Demarkationslinie im christlichen Teil. Wir hörten Schüsse nicht weit entfernt. Kam man aus der Hoteltür, sah man erst um die Ecke – und rannte dann in Höllentempo über die Strasse in die nächste Deckung. Allerdings ging das nicht mit sauberer Hose. Natürlich war ich noch in einem Alter, in dem Männer glauben, sie seien kugelsicher. Irgendwie waren wir sogar stolz darauf, eine ‹Mission› auszuführen.»

Diese Mission endete für Zürcher nicht mit den Beiruter Aufnahmen. Da in ganz Israel kein zweiter solcher Peugeot aufzutreiben war, sollte er die «Ehre» haben, besagtes Auto nun zum sicheren Drehplatz der Stars nach Wadi Qelt ins Westjordanland zu bringen. «Niemand sonst wollte das machen.» Zürchers gefahrvolle Odyssee führte zuerst über die Demarkationslinie vom östlichen in den westlichen Teil Beiruts, wo er sich im Hafen auf einer Fähre einschiffte. «Die Kontrolleure nahmen die alte Klapperkiste bis auf die letzte Schraube auseinander, auf der Suche nach Sprengstoff.» Dass das Filmauto libanesische Autoschilder trug, zog mehr als einmal das Interesse von Wachposten auf sich. In Larnaka auf Zypern angekommen, pilotierte er das blaue Filmrequisit nach Limassol und schiffte es nach Haifa ein – wo das Auto bei Ankunft erneut zerlegt wurde.

Schliesslich legte er die Strecke nach Jerusalem zurück, und von dort führte der Weg nach Wadi Qelt. «Am Ende kam mir meine Geschichte, dass wir einen Film drehen, schon selbst verdächtig vor, denn was hat ein Auto mit libanesischen Kennzeichen in Israel zu suchen? Ich war jedes Mal dankbar, wenn ich meinen roten Pass vorweisen konnte.» Als Zürcher endlich am Drehort ankam, hatte er eine Woche gebraucht – für eine Strecke, die sonst in wenigen Stunden zu bewältigen ist.

Wadi Qelt.
Trainingscamp der Palästinenser in Wadi Qelt.

Wadi Qelt, der Wüstenort im Westjordanland, an dem drei Quellen mit frischem Trinkwasser aus dem Felsen sprudeln, hat einen biblischen Bezug. Bereits Herodes baute von dort ein Aquädukt, um Jericho mit Wasser zu versorgen. «Für mich war das ein magischer Kraftort. An Wochenenden fuhr ich oft ans Tote Meer und zum historischen Gipfelplateau Masada, am Rande der Judäischen Wüste, um Kraft zu tanken.»

In dieser grünen Oase traf Zürcher wieder mit der 1st Unit des Filmteams zusammen, und dem Star des Streifens, Diane Keaton. Sie war dem Publikum als Komödiantin in WoodyAllen-Filmen bekannt geworden und bewies sich als «Little Drummer Girl» im dramatischen Fach. Sie erwies sich aber auch unter diesen schwierigen Umständen als lustige Persönlichkeit. «Weniger lustig war es mit Klaus Kinski. Er spielte die Rolle, die er auch im Leben innehatte: den Fiesling Klaus Kinski. Mit anderen Menschen liess er sich nicht ein. Man kann ihm zugutehalten, dass er sich für niemanden verstellte. Er war Klaus Kinski.»

In Wadi Qelt hatte nun der Produktionsdesigner für die Aufnahmen mit den Stars detailgetreu die Checkpoints und Teile von Strassenzügen nachgebaut, die in Beirut gefilmt worden waren. Auch er kein Unbekannter in der Filmwelt: Henry «Bummy» Bumstead stand jahrzehntelang in Clint Eastwoods Diensten. Aufgebaut hatte er in dieser Oase – mit Genehmigung des israelischen Staats – eine Kommandozentrale, die am Ende in die Luft gejagt wird. Von keinem Geringeren als Karl «Charly Bum-Bum» Baumgartner, dem SprengBombardierung des palästinensischen Trainingscamps.

Special-Effect-Szenen: Bombardierung.

stoffspezialisten der Bavaria. «Eine Eigenheit von Charly Bum-Bum war, dass die Explosionen meist doppelt so gross waren als vom Produktionsdesigner vorgesehen.» Zürcher erinnerte sich, dass Charly einmal einen kleinen Teil einer alleinstehenden Baracke auf einem Filmset hochjagen sollte. «Als sich nach seiner Explosion Staub und Rauch legten, war weit und breit keine Baracke mehr zu sehen. Da ich Charlys Vorliebe dafür, immer reichlich Sprengstoff zu verwenden, also bereits kannte, ging ich bei seinen Sprengungen immer in respektvoller Distanz in Deckung.»

Zurück zum Urheber dieser actionreichen Vorlage, John le Carré, der in der Verfilmung selbst eine kleine Rolle übernommen hatte. Das Kreuzfeuer der Kritik war schlimmer als die Scharmützel, die Zürcher in Beirut erlebt hatte. «John sagte mir einst, dass er auf die Frage, ob er mit einer Filmadaption zufrieden sei, bei schlechten Verfilmungen stets kryptisch antwortete: ‹It’s very interesting, it gives me a lot to think about.›» (Das ist sehr interessant und gibt mir Grund zum Nachdenken.) Als Zürcher ihn um seine Meinung zu «Little Drummer Girl» bat, machte der Ex-Agent kein Geheimnis darum, dass er den Film schätzte. Einige Zeit später – Stefan Zürcher sass in der Werbekommission des Kurvereins Wengen – sollte er einen Prospekt für Wengen verfassen. Kein anderer als John le Carré schrieb ihm den Text.

Explosion eines Lastwagens.

«Im Angesicht des Todes» (1985).

Wie James Bond Snowboarden lernte

Um sich die Dienste des Schweizer «Snowmans» zu sichern, kam der Anruf aus London. Denn in «A View to a Kill» sollte sich der Superagent zurück auf die Skipiste begeben. Mit einem neumodischen Unterschied: James Bond lernte Snowboardfahren – und löste einen Trend aus.

Vor diesem 14. Bond-Film hatte Stefan Zürcher 1981 einen Ausflug des Geheimagenten auf die Skipiste verpasst: «For Your Eyes Only». «Für die Motivsuche in Cortina d’Ampezzo war ich noch angeheuert, musste dann aber aufgrund einer anderen Filmverpflichtung für die eigentlichen Skisequenzen absagen.» Im Drehbuch vorgesehen, aber letztlich nicht umgesetzt, war die Flucht vor einer Lawine. Regisseur John Glen versuchte, dem italienischen Location-Manager zu erklären, wo er sich den Abgang der Lawine, der «Avalanche», vorstellte. Doch der verstand nur «Have a lunch» und erklärte die gewünschte Stelle für logistisch unmöglich: «I can’t get the catering truck up here.» (Er bekomme hier den CateringWagen nicht hoch.)

Als London 1983 für den nächsten Film wieder anklopfte, freute er sich auf ein Wiedersehen mit John Glen, der mittlerweile zum Hausregisseur der Bond-Filme avanciert war. Zu ihm hält Zürcher bis heute Kontakt, und gemeinsam durften sie 2015 auf dem «Walk of Fame» des Schilthorns ihre Handabdrücke hinterlassen.

In «A View to a Kill» verschlägt es James Bond nach Sibirien. Da hinter dem Eisernen Vorhang das übliche Drehverbot für westliche Produktionen herrschte, drehte Willy Bogner einige Gletscheraufnahmen in Island. Für die Skiaction wählten Zürcher und der Produktionsleiter Leonhard Gmür das ihnen vertraute Gebiet am Piz Palü: die Cambrenabrüche und den Persgletscher oberhalb des Morteratschgletschers. Mit einem Budget von 30 Millionen US-Dollar war dieser Bond teurer als die vorherigen Filme, denn wie immer galt es, die hohe Erwartungshaltung des weltweiten Publikums zu

Jagd auf Bond am Persgletscher.

John Eaves als Bond-Double.

übertreffen. Das betraf auch die Stunts im Schnee. «Wie so oft war James Bond ein Trendsetter. In ‹GoldenEye› würden wir Bungee-Jumping publikumsfähig machen, und mit ‹A View to a Kill› verhalfen wir dem Snowboard zum Durchbruch auf der Weltbühne.»

Der Weltmeister im Freestyle-Skiing, John Eaves, doubelte Roger Moore als Skifahrer und war ebenso mit von der Partie wie Weltklasse-Buckelpistenfahrer Bill Keenan. In dieser handverlesenen Truppe von Top-Alpinsportlern fühlte sich Stefan Zürcher wohl. «Vielleicht zu wohl, denn ich liess mich wieder einmal zu einem Stunt überreden, den niemand sonst ausführen wollte.» Zürcher wird dabei abermals als russischer Gegenspieler ein Opfer von James Bond. John Eaves, Roger Moores Double, bringt hinterhältig einen Haken an Zürchers Gurt an, was ihn aus dem Sattel des Motorschlittens reisst. Daraufhin baumelt der Unglückliche jammernd über einem Abgrund, während Bond auf dem Motorschlitten davonfährt.

Der fliehende Bond wird von der Bordkanone eines russischen Helikopters beschossen und rettet sich mit einem Sprung in eine Gletscherspalte, bevor der Motorschlitten explodiert. Aus den Trümmern des zerstörten Schneemobils schnappt sich Bond den stählernen Ski des Motorschlittens und baut sich ein «Snowboard». Tatsächlich waren Snowboardrennen in jenen Tagen noch eine Seltenheit, und das neuartige Skisportgerät war im Bewusstsein des Breitensports noch nicht angekommen. Indem Bond den sowjetischen Verfolgern auf einem Snowboard entkommt, verhalf er dem Sport schlagartig zu grösserer Popularität.

Für die Snowboardstunts wurden einige der Begründer dieses Sports verpflichtet: Tom Sims, erster Weltmeister im Snowboarden, doubelte Bond. In der anschliessenden Verfolgungsjagd springt er auf dem Board von einem zwölf Meter hohen Eisturm (Sérac) und rettet sich mit einem wilden Ritt über einen Gletschersee, während seine russischen Verfolger auf Ski hilflos darin versinken. «So etwas hatte man vorher noch nicht gesehen. Einen idealen Gletschersee für diesen Stunt zu finden, war nicht ganz einfach. Gletscherseen können innert kürzester Zeit entstehen, aber auch wieder verschwinden. Die Szenen wurden im

Frühsommer bei den Cambrenabrüchen auf dem Persgletscher gedreht.» Nach dem BondEinsatz produzierte Tom Sims seine Snowboards serienmässig, was Akzente im FreestyleBereich setzte.

Ein Ritt auf dem Motorschlitten wurde gefährlich, auch wenn gar kein Stunt vorgesehen war. Ein steiler Gletscherhang führte zum Drehort in den Cambrenabrüchen oberhalb des Morteratschgletschers. Crew und Equipment wurden per Helikopter transportiert. «An diesem Tag war ich das Bond-Double und wollte der Produktion etwas Zeit und Geld sparen. Kurzerhand entschloss ich mich, mit dem Motorschlitten den 600 Meter langen, extrem steilen Hang zum Drehort hinaufzufahren. Nach mehreren Aufwärmrunden auf dem flachen Morteratschgletscher nahm ich den Hang in Angriff. Mit heulendem Motor oben angekommen, applaudierte die ganze Crew.» Davon ermutigt, wollte Zürcher die Aktion am nächsten Tag wiederholen. Dieses Mal war der Motor nicht genügend aufgewärmt. Die Motorleistung nahm mit jedem Meter ab. «Als ich den steilsten Teil des Hanges erreichte, starb der Motor ab. Mit einem Sprung rettete ich mich, musste aber mitansehen, wie der

John Eaves. Dreharbeiten auf dem Morteratschgletscher.
John Eaves, Weltmeister im Freestyle-Skiing, als Bond-Double in den Cambrenabrüchen.

Stefan Zürcher auf Motorschlitten und Bond-Double John Eaves im Hintergrund.

Motorschlitten in grossen Sätzen hinunterstürzte und unten in 1000 Stücke zerschellte. Das grösste Überbleibsel war der Motorblock.» Mit zwei Bergführern sammelte Zürcher die Bruchstücke auf und transportierte sie in einem Helikopternetz vom Gletscher. Also wieder einmal nach dem Motto: «Wir müssen sparen, egal, was es kostet.»

Das Schneemobil war vom Hersteller zur Verfügung gestellt worden; die Bond-Filme sind bekannt für ihre Product-Placements. «Irgendwie muss dieser Posten dann wohl abgeschrieben worden sein, denn wie schon für die Holzstative erhielt ich auch für den Ski-doo nie eine Rechnung. Die Arbeit an dieser spektakulären Einleitungssequenz war einer meiner schönsten Aufträge im Auftrag von James Bond.»

Zum ersten Mal wurde am Ende des Abspanns der Titel des nächsten geplanten BondFilms nicht angekündigt. Roger Moore trat nach sieben Einsätzen endgültig zurück. Das liess für die 007-Produzenten alles offen – und nicht zum ersten Mal wusste Stefan Zürcher nicht, ob James Bond in sein Leben zurückkehren würde. John Eaves jedoch, der für Zürchers Hängepartie gesorgt hatte, sollte er schon bald wiedersehen: in einem Film, der mit seiner Skiaction sogar noch 007 übertreffen würde.

Tom Sims als Bond-Double auf Snowboard.
Stefan Zürcher auf Motorschlitten als russischer Verfolger von Bond.

«Feuer und Eis» (1986), «Feuer, Eis und Dynamit» (1990).

Teamwork mit Willy Bogner: wie Feuer, Eis und Dynamit

1986 hatte Willy Bogner genug Geld aufgetrieben, um seinen eigenen Film «Fire and Ice» zu produzieren.

Dafür versammelte er die Jungtalente der Freestyle-Szene –auch auf Stefan Zürcher wollte er nicht verzichten.

Bei «A View to a Kill» musste Skirennfahrer Bogner, auch im Sportbekleidungsgeschäft eine grosse Nummer, noch Anweisungen von Stefan Zürcher akzeptieren. Mehrmals hatte er ihn an die Rollenverteilung zu erinnern: Bogner zeichnete sich verantwortlich für das Bild, Zürcher für die Einhaltung des Budgets. «Willy hat immer sehr viel Filmmaterial verbraucht. Er war der geborene Showman, wollte allen beweisen, dass er überall mit seiner Kamera Ski fahren konnte, vorwärts und rückwärts. Und er konnte es tatsächlich. Ich habe viel von ihm gelernt.»

Als Willy Bogner mit «Fire and Ice» quasi sein Opus magnum in Personalunion als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Kameramann mit eigenem Geld umsetzte, musste er allerdings schonender mit dem Budget umgehen. «Er engagierte mich genau dafür, wofür es bei Bond Differenzen zwischen uns gegeben hatte.»

Für diesen Film mit exzellenten Skiaufnahmen und 80er-Jahre-Pop-Soundtrack von Harold Faltermeyer rekrutierte Bogner auch Extremskifahrer John Eaves, Tom Sims und die anderen Cracks, mit denen sie beide in «A View to a Kill» gearbeitet hatten. In der englischen Version leiht Sänger John Denver dem Ich-Erzähler, Hauptdarsteller Eaves, seine Stimme. In der deutschen Version vertonte Emil Steinberger. «Emils Stimme und sein Schweizer Akzent haben dem Film gutgetan. Vorgesehen war das nicht von Anfang an, das ist Willy erst im Schneideraum eingefallen.»

Auf der Piste verlangte Bogner von allen Technikern, sich auf seine Improvisationen und schnelle Arbeitsweise einzulassen. Deshalb wollte er meist mit langer Brennweite drehen, um auch Ungeplantes einzufangen. «Sah er eine Schanze, wollte er gleich eine Explosion dahinter platzieren.» Im Kamerateam versah ein Mann namens George die Tätigkeit des Focus-Puller: Er musste in Bewegungsaufnahmen die «Schärfe nachziehen». Was in improvisierten Szenen – ohne davor einen Bezugspunkt für den Fokus festgelegt zu haben –nicht so einfach ist. «Scheisse, alles unscharf!», meckerte Bogner jeweils, der nicht verstehen wollte, dass diese Art von Aufnahmen Zeit brauchen. Schliesslich entgegnete der bayrische Focus-Puller, der die Ruhe selbst war, auf eine weitere Tirade: «Kameraschwenken kann jeder Depp.»

So verbrauchte Bogner kostbares 35-mm-Filmmaterial in rauen Mengen. Bis Zürcher begann, die unbrauchbaren Aufnahmen zu rapportieren. Nach jeder Filmklappe wird üblicherweise notiert, ob ein Take kopiert – also entwickelt – wird. «Ich musste Willy vor Augen führen, dass mit jeder unverwirklichten Aufnahme 60 Meter Film im Kübel landen. Bei einem Bond-Budget konnte man sich das leisten – hier nicht.»

Auch sonst achtete Zürcher exakt auf die Kosten. Als er von München 20 Kisten mit Material – die neuste Kollektion Bogner-Skibekleidung, Kameras und andere Utensilien –zum Drehort in Vail, Colorado, mitbringen sollte, sah er sein Budget durch das Übergewicht in Gefahr. «Ich musste mir etwas einfallen lassen und fand einen Weg, die Gepäckwaage zu manipulieren, indem ich ein Holzstück zwischen Boden und Waage legte. So konnte ich das Übergewicht um die Hälfte reduzieren. Das ist eben meine Schweizer DNA: das Budget um jeden Preis einhalten.»

Willy Bogner und John Eaves.
Steve Link, der «Snow Surfer».

Die Schlusssequenz, die in Vail entstand, zählt bis heute zu den gelungensten Aufnahmen, die je im Schnee gefilmt wurden. «Willy hatte eine besondere Vision von Nachtaufnahmen mit Lichteffekten, Verfolgerscheinwerfern, Feuerwerk und Explosionen. Um seine Ideen umzusetzen, konnte ich mein gesammeltes Wissen über Action im Schnee einbringen.»

Während der Dreharbeiten in Colorado nahm Willy Bogner Zürcher, John Eaves und einige andere zu einem Apéro mit, zu dem er eingeladen war, machte aber ein Geheimnis um den Gastgeber. Die unbekannte Destination in Beaver Creek machte den Anschein eines Gefängnisses, mit Stacheldraht auf hohen Mauern und bewaffneten Wachposten. «Schliesslich öffnete sich das Tor, und nach einer Überprüfung erhielten wir Einlass. Erst als der Hausherr erschien, wurde mir klar, dass ich im Alterswohnsitz des Ex-Präsidenten Gerald Ford stand. So bleibt Willy Bogner mir in Erinnerung: immer für eine Überraschung gut.»

Stunts über eine extra für diese Szene gebaute Buckelpiste.
Willy Bogner und John Eaves. John Eaves und Suzy Chaffee.

Die Skiaufnahmen waren richtungsweisend für künftige Filmemacher. Die Kombination aus Pisten-Fashion, Slapstick und Skistunts vor Explosionskulisse kam auch im Kino gut an. Weshalb Bogner schon bald zum zweiten Mal anklopfte. «Obwohl wir gute Zeiten zusammen verbracht haben, wurden wir nie dicke Freunde. Willy war unnahbar. Als Profis konnten wir aber hervorragend zusammenarbeiten.» Darum sagte Zürcher auch bei der Fortsetzung «Fire, Ice & Dynamite» zu. Dieser Film sollte der Abschluss ihrer langjährigen Zusammenarbeit werden.

Nach dem Erfolg des ersten Films wurde dieser Film mit prominenten Schauspielern wie Roger Moore aufgewertet. Wiederum waren die sportlichen Attraktionen sensationell gefilmt, während die Rahmenhandlung Nebensache blieb. Um das Budget aufzubessern, setzte Bogner so viele Product-Placements ein wie irgend möglich. «Ich sagte Willy jeweils am Abend vorher, welche Sequenz geplant war, und er entschied aus dem Stand, welche Artikel wir darin einbauen könnten.» Das passte einigen Kinobetreibern weniger, die den Film boykottierten, weil sie ihre eigene Einnahmequelle der Kinowerbung durch die Schleichwerbung im Film gefährdet sahen.

John Eaves und Suzy Chaffee.
John Eaves und Suzy Chaffee.
John Eaves und Suzy Chaffee.
Mountainbiker auf Gletscher.
Looping-Stunt. Mountainbiker auf Gletscher.

«Ishtar» (1987).

«Snowman» in die Wüste geschickt

«Nach drei Tagen wussten wir: Das wird nichts.»

Die Produktionsgeschichte von «Ishtar» ist die Geschichte, wie ein 50-Millionen-Dollar-Film sprichwörtlich versandet –und alle hilflos zusehen. Stefan Zürcher hatte in diesem ruinösen Flop den aberwitzigsten Job seiner ganzen Laufbahn: die Sahara einzuebnen.

Am Anfang sah dieses Filmprojekt nach einem bombensicheren Kassenerfolg aus: Als Produzent und Hauptdarsteller wollte Warren Beatty das Drehbuch von Elaine May verfilmen. Er hatte Dustin Hoffman als Co-Star an Bord geholt. «Ishtar» sollte das Publikum mit exotischen Schauplätzen in Nordafrika verzücken. Columbia Pictures war der Film die Investition von 50 Millionen Dollar wert. Den ersten Schritt Richtung Desaster machte Beatty, als er Elaine May noch vor Vertragsabschluss mit dem Studio die Regie zusicherte. Sie sollte den Film sprichwörtlich in den Sand setzen.

Auf Motivsuche im marokkanischen El Aaiún zeigten Micky Moore, der Regisseur der 2nd Unit, und Zürcher der frischgebackenen Regisseurin die nahe gelegene Sandwüste. Sie war begeistert, hatte jedoch einen Einwand, der ihre Reisegefährten sprachlos machte: «Schön, aber die Dünen stören. Ich möchte eine flache Sandwüste.» Sie wollte das Publikum die «Unendlichkeit» spüren lassen, wenn Beatty und Hoffman in einer Sequenz verdurstend durch die Wüste kriechen. «Wir versuchten, ihr zu erklären, dass der Wind immer wieder Dünen entstehen lässt.» Elaine May insistierte. «Micky und ich wechselten einen Blick –und wussten, das wird ein Desaster.»

Zürcher bezog Quartier im zum Fünf-Sterne-Hotel umgebauten Königspalast in El Aaiún, eine halbe Stunde vom Meer entfernt. In den folgenden zwei Monaten sollte er mit zehn grossen Bulldozern der dort stationierten marokkanischen Armee zweieinhalb Quadratkilometer Dünen verschieben und einebnen. «Die Einheimischen dachten wohl, die Sonne

habe uns das Hirn verbrannt. Das änderte jedoch nichts an meinem gut bezahlten Job: Es fühlte sich an wie Ferien im Luxusresort. Jeden Abend standen frischer Fisch und Lobster auf dem Menu.» Der ganze Aufwand aus einem einzigen Grund: der Regisseurin die Vision der «unendlichen Wüste» zu ermöglichen.

Bald fiel auch Warren Beatty auf, dass «Ishtar» aus dem Ruder lief. Zunehmend funkte er seinem Protegé in die Regie. «Mit dem begnadeten Kameramann Vittorio Storaro bekamen wir noch einen dritten Egozentriker ans Set, der versuchte, die Inszenierung zu bestimmen. Storaro fuhr mit zehn Lastwagen voller Kamera- und Beleuchtungsmaterial sowie einem Team von 40 Beleuchtern in der Wüste auf. «Da die Wüstensonne bekanntlich für harte Schatten sorgt und die Gesichter der teuren Stars aufgehellt werden wollten, mussten wir weisse, reflektierende Planen auf Aluminiumrahmen (10 auf 6 Meter) aufziehen und an Stativen festmachen. Ein Verfahren, das auch bei Aufnahmen im Schnee angewandt wird. Wir kämpften jedoch nicht nur gegen die übermächtige Wüstensonne, sondern auch gegen den starken Saharawind, der aus den Reflektoren Windsegel machte. Deshalb engagierten

Dustin Hoffman.
Warren Beatty und Dustin Hoffman.
Dustin Hoffman, Isabelle Adjani und Warren Beatty.
Dustin Hoffman und Warren Beatty.

wir 30 Einheimische zum Festhalten der Aluminiumrahmen und zum Füllen von Sandsäcken, mit denen wir die grossen Stative beschweren konnten.»

Das Chaos war perfekt. Die Buchhalter im fernen Hollywood erlitten Panikattacken, als die Kostenbelege aus Marokko sich schneller zu Bergen anhäuften, als Zürcher die Sandhügel einebnen konnte. «Von El Aaiún aus brach unser Konvoi täglich in die Wüste auf – wie ein verirrter Wanderzirkus, komplett mit Wohnwagen für die Stars.» Dass Beatty die meiste Zeit im Wohnwagen des französischen Stars Isabelle Adjani verbrachte, entsprach seinem Ruf als Playboy.

Unprätentiös war Dustin Hoffman. «Ein Supertyp. An logistischen Problemen zeigte er sich nicht interessiert. Er hatte – wie Beatty – seine 5,5 Millionen Gage bereits im Sack. Wenn wir ihn aus seinem Wohnwagen riefen, kam er und machte seinen Job.»

An einem Drehtag sah der Job der Stars vor, «verdurstend» durch den Sand zu kriechen, während über ihnen schon die Geier kreisen. Dafür wurde ein Tiertrainer mit einem Geier im Gepäck aus Los Angeles eingeflogen. Zürcher holte das Duo am Flughafen El Aaiún ab. «Am Gate kam mir ein Mann mit Vogelkäfig entgegen. Er öffnete die Tür zum Käfig und befahl: ‹Higgins, come out.›» Higgins, so der Name des teuren Geiers, müsse nach dem langen Flug erst mal an die frische Luft. Nebeneinander marschierte dieses seltsame Trio durch die Ausweiskontrolle zum Parkplatz. Dort gehorchte der Aasfresser wiederum aufs Wort: «Higgins, go in», worauf der Geier in seinen Käfig zurückhüpfte. Zürcher kam bald hinter das Geheimnis des Dresseurs: Wann immer Higgins einen Befehl ausführte, erhielt er als Lohn

Warren Beatty, Dustin Hoffman und Isabelle Adjani.

ein «Goodie», ein Stück verwestes Fleisch, das der Trainer in einer Ledertasche am Gürtel trug. Auf der langen Fahrt zum Drehort wurde der Gestank im Auto unerträglich. Zürcher öffnete das Fenster und fragte ihn, ob es Higgins von dem stinkenden Fleisch nicht schlecht werde. Der Trainer meinte ungerührt: «It takes a lot to make a vulture sick.» Diesen Spruch übertrug Stefan Zürcher ins wahre Leben. Wann immer er es im Filmgeschäft mit gierigen «menschlichen Geiern» zu tun hatte, die vor keiner Schandtat zurückschreckten, fiel ihm der Satz ein: «Es braucht viel, bis es einem Geier schlecht wird.»

Nun wurde in der planierten Sahara gedreht, wie der Geier über den Hauptdarstellern kreist und punktgenau neben ihnen landet. Beatty und Hoffman erhielten vom Tiertrainer die Anweisung, sich tot zu stellen – sonst werde Higgins nicht neben ihnen landen. Der Kameramann bestimmte den Landepunkt in unmittelbarer Nähe. Der Tiertrainer markierte die Stelle mit einem für die Kamera unsichtbaren roten Punkt. «Wir hatten einen zehn Meter hohen Turm errichtet, auf den der Tiertrainer mit Higgins im Käfig kletterte. Auf das Kommando der Regisseurin öffnete er den Käfig: ‹Higgins, fly!›» Der Geier schüttelte sein Gefieder, schwang sich in die Lüfte, drehte einige Runden über den «Verdurstenden» und näherte sich im Sinkflug dem roten Punkt. Nach einer Punktladung neben Dustin Hoffman verweilte er dort, beäugte ihn, hüpfte näher und begann – da er Hoffman wohl wirklich für tot hielt –, auf ihn einzuhacken. «Zum Glück hatten wir Dustin vorher gewarnt, mit den Händen seine Augen zu schützen, denn Geier hacken immer zuerst an der verletzlichsten Stelle des Kadavers, an den Augen.» Nach einer einzigen, perfekten Aufnahme war die Szene im Kasten, Higgins erhielt sein stinkendes «Goodie» und durfte seine Rückreise nach Hollywood antreten.

Isabelle Adjani.

Am Ende sorgte der ewige Wüstenwind dafür, die von Stefan Zürcher erschaffene Ebene in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Von bleibendem Wert war für ihn hingegen folgende Episode: «Beduinen vom Stamm der Berber sollten um 9 Uhr für eine Aufnahme bereit sein. Unsere Windsegel waren bereit. Storaros 40 Beleuchter und die 30 einheimischen Helfer ebenso. Das ganze Team wartete stundenlang unter der Wüstensonne. Endlich erschienen am endlosen Horizont die stolzen Reiter auf ihren Kamelen. Es dauerte eine weitere Stunde, bis sie uns erreicht hatten.» Der verärgerte Warren Beatty liess durch den Dolmetscher dem Wüstenvolk ausrichten, sie seien zu spät. Nach langem Palaver kehrte der Übersetzer zurück zum Filmstar und übermittelte die Antwort: «Berbers are never late!» (Berber sind nie zu spät!) «Bestimmt haben Berber auch keine Vorstellung von einem Burn-out.»

Unnötig zu erwähnen, dass Elaine May nie mehr ein Film dieser Grössenordnung anvertraut wurde. Warum hat niemand dem Irrsinn Einhalt geboten? «Während der Entstehung eines Films ist es schwer, einzuschätzen, ob sich das alles lohnt. Mancher Film ist auf verrückte Weise entstanden – und hat dann ein Publikum gefunden. Dieser nicht.»

Dreharbeiten in der marokkanischen Wüste mit Dustin Hoffman und Warren Beatty.
Geier «Higgins» mit Dustin Hoffman und Warren Beatty.

«Der Hauch des Todes» (1987).

Den «Hauch des Todes» hautnah gespürt

Nachdem Roger Moore als James Bond seinen Dienst quittierte, erhielt Timothy Dalton 1987 die Lizenz zum Töten. In Todesgefahr begab sich der neue 007-Darsteller bei Actionszenen freilich nicht. Wer hingegen beinahe sein Leben für «The Living Daylights» aushauchte, war Stefan Zürcher.

Der 15. Film der 007-Reihe war nicht nur die Premiere von Timothy Dalton – Stefan Zürcher tauchte hier erstmals in einer Kleinstrolle mit Dialog auf: «Come on, hurry up!», kommandiert er, wenn ein Agent durch eine Pipeline von Ost- nach Westeuropa geschleust wird. Das war eher ein Insider-Gag, und niemand fragte ihn später, ob er sich auch noch selbst synchronisieren wolle. Wichtiger war, dass Stefan Zürcher bei dieser Gelegenheit erstmals auf Desmond Llewelyn traf, den beliebten Darsteller des genialen Tüftlers Q. «Die Q-Szene, auf die die Fans jeweils warteten, entstand ansonsten ja im Studio, weshalb wir uns zuvor noch nie begegnet waren. In diesem Fall wurde Q für die Pipeline-Szene ‹on location› in Wien benötigt. Desmond gehörte zum ständigen Inventar der Serie und wurde von uns allen wie ein Ehrengast behandelt.»

Die stillgelegten Gasometer (heute ein Einkaufszentrum mit Wohnungen und Veranstaltungshallen), die man für diese einfallsreiche Sequenz nutzte, waren nur einer der vielen Drehorte in Wien, an denen Zürcher als Location-Manager tätig war. Die Behörden der österreichischen Hauptstadt waren so hilfsbereit, dass die Filmemacher sogar die Trams umspritzen durften, damit sie wie osteuropäische Modelle wirkten.

In Wien wurde noch gedreht, als Zürcher schon am Weissensee die aufwendigen Actionszenen vorbereitete und mit der 2nd Unit unter der Regie von Arthur Wooster die sogenannten «Inserts» drehte, Detailaufnahmen der Geheimwaffen im 007-Auto. Regisseur John Glen vertraute der 2nd Unit, dass diese Aufnahmen gemäss seinen Storyboards und Anweisungen realisiert würden.

Bonds «Aston Martin» auf dem Weissensee, Kärnten.

«Aston Martin hatte für uns mehrere Wagen mit unterschiedlichen Gadgets ausgestattet.»

Unter anderem ist der Wagen mit Raketen bestückt, die Bond per Knopfdruck aus den Scheinwerfern auf einen Lastwagen abschiesst. «So etwas sieht im Film nach mehr aus, als es wirklich war. In diesem Fall bestanden die Raketen aus Feuerwerksraketen, von den Special-Effects-Leuten fabriziert. Der gewünschte Effekt ergibt sich, indem man als Folge auf die Explosion des Lastwagens schneidet.»

Der zugefrorene Weissensee war das ideale Motiv für die Verfolgungsjagd des Aston Martins durch die tschechoslowakische Armee. Der Wagen dreht sich im Kreis und fräst mit der Felge am Vorderrad – an der scharfe Zacken angebracht wurden – ein kreisförmiges Loch ins Eis, in dem ein Verfolgerauto dann versinkt. «Die Eisscholle war zuvor mit einer Motorsäge kreisrund ausgeschnitten worden. Durch Bohrlöcher schiesst das Wasser in die Höhe, nachdem das Gewicht des Verfolgerautos auf die eingeschnittene Eisscholle drückt und das Auto im See verschwindet.»

Tatsächlich brach der Aston Martin selbst unbeabsichtigt ein – und musste von der Crew vor einem unfreiwilligen Bad gerettet werden. Für seine Weiterfahrt auf dem See fährt der Aston Martin Kufen aus und zündet einen Raketenantrieb, um einen Grenzwall

zu überwinden. Aufgrund der kalten Temperaturen endete dieser Stunt nicht drehbuchgemäss nach einem kurzen Flug – die Luftkompressoren, die den Aston Martin antrieben, waren zu kalt. Mit vorgewärmten Luftkompressoren gelang der Flug am nächsten Tag.

In der Fortsetzung seiner Flucht nutzt Bond den Cellokasten seiner Begleiterin als Schlitten, das Instrument als Steuer einsetzend. «Wir hatten die Piste präpariert und mit Wasser kompakt gemacht. Den Cellokasten hatte ich mit unsichtbaren Kufen und Führungsschienen versehen.» Dalton steuerte das seltsame Gefährt selbst, während Zürcher auf Ski parallel zum Star die Kamera führte. «Wie im Skript vorgesehen, steuerte James Bond mit der Stachel des Cellos. Das war wirklich echt – nur benutzten wir natürlich nicht eine unbezahlbare Stradivari, sondern gebrauchte Instrumente, die wir in einem Secondhandshop aufgetrieben hatten.» Auch für die «Inserts» von Einschüssen im Schnee rund um den Cellokasten und dem Kugeleinschlag im Musikinstrument zeichnte Zürcher verantwortlich.

Zwei volle Monate brachte Zürchers Aufnahmeteam am Weissensee zu. Da die Versicherung nichts dagegen einzuwenden hatte und das Eis als sicher eingestuft worden war, durften Dalton und Filmpartnerin Maryam d’Abo für ihre Nahaufnahmen selbst im Auto sitzen. «Timothy Dalton machte auf mich einen angespannten Eindruck, was allerdings bei der nicht ungefährlichen Action auf dem gefrorenen See verständlich war.» Dennoch führte der 007-Novize Zürchers Anweisungen für die Schneeszenen mit viel Einsatzwillen aus.

Zürcher hatte nun in mehreren Filmen Erfahrungen mit gefrorenen Seen gesammelt, weshalb er sich fälschlicherweise in Sicherheit wiegte. Auf die folgende Erfahrung hätte er gerne verzichtet. «Als es einmal die Nacht hindurch schneite, mussten wir das Eis vom Neuschnee räumen, denn dessen Gewicht drückte aufs Eis. 20 Traktoren konnten den Schnee zwar ans Ufer schieben, aber nicht darüber hinaus. Daher liessen wir ein grosses Pistenfahrzeug kommen, das den Schnee wegpflügen sollte.»

Aston Martins Spezialausstattung.

Timothy Dalton und Desmond Llewelyn als «Q».

Maryam d‘Abo und Timothy Dalton auf der Flucht nach Österreich.

In der Equipe fand sich niemand, der bereit war, den 7-Tonnen-Pistenbully auf dem Eis zu pilotieren, das immerhin 40 Zentimeter dick war. Kurzentschlossen setzte sich Zürcher mitten in der Nacht selbst ans Steuer, damit die Dreharbeiten am nächsten Tag nicht unterbrochen werden mussten. 150 Meter vom Ufer hörte er plötzlich das unheilvolle Knacken. Das Leben imitierte die Kunst: Zürcher erlitt dasselbe Schicksal wie Bonds Verfolger, deren Auto im Wasser versank. «Das Pistenfahrzeug brach nach vorne im Eis ein. Ich legte den Rückwärtsgang ein, gab aber zu viel Gas. Innert Sekunden soff der Wagen ab. Fatalerweise füllten Eisbrocken das Loch über mir in Kürze. Darum also wollten die Chauffeure nicht selbst fahren, schoss es mir noch durch den Kopf. Das eiskalte Wasser stand mir bis zum Hals. Ich atmete durch die Luftblase, die sich oben in der Führerkabine gebildet hatte. Der Versuch, die Scheibe einzuschlagen, war erfolglos.»

Eisschollen trieben bereits über dem versenkten Fahrzeug, in dem Zürcher um sein Leben kämpfte, als der Eismeister, Norbert Jank, ihm beherzt nachsprang: «Zu meinem unendlichen Glück war er ein grosser, kräftiger Mann; er fand Halt auf der Führerkabine, um die Tür so weit aufzuwuchten, dass ich durch den Spalt entkommen konnte.»

Zürcher ging schlotternd zurück ins Hotel, um sich aufzuwärmen. Er kehrte in derselben Nacht zurück aufs Eis. Erst in der Woche darauf schrak er aus Albträumen auf, weil sich sein Unterbewusstsein mit der verspäteten Todesangst beschäftigen musste.

Als Barbara, Tochter von Produzent Albert Broccoli, am nächsten Tag beobachtete, wie der 7-Tönner von Tauchern mithilfe eines Krans geborgen wurde, da bemerkte sie ganz ruhig, in Anspielung auf den Motorschlitten, den Zürcher bei «A View to a Kill» zu Schrott verarbeitet hatte: «The equipment you’re losing is getting bigger and bigger, Stefan.» (Das durch ihn verlorene Equipment werde grösser und grösser.) «Das war ihr einziger Kommentar zur Grössenordnung dieser Materialabschreibung. Ganz der Papa.»

Stefan Zürcher (rechts) auf Ski lenkt den Cellokasten.
Aston Martins Sprung über den Grenzzaun.
Timothy Dalton und Maryam d‘Abo im Cellokasten.

«Willow» (1988).

«Willow»: viel Fantasie nötig

Mit physischen Spezialeffekten wie Bond-Gadgets oder fliegenden VW-Käfern hatte Stefan Zürcher nun breite Erfahrung. «Willow» brachte ihn erstmals in Kontakt mit der neuen Generation von Special-Effects-Machern aus der Schule von George Lucas.

An Vorbesprechungen in London traf Stefan Zürcher auf den Regisseur Ron Howard. Dieser hatte bereits eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler hinter sich, bevor er ins Regiefach gewechselt und einige Achtungserfolge erzielt hatte. Er würde in späteren Jahren noch häufiger mit Spezialeffekten gespickte Multimillionen-Dollar-Produktionen beaufsichtigen. «Willow» war dafür seine Feuerprobe.

Für Zürcher war das Fantasygenre Neuland. Der Name George Lucas war ihm dennoch nicht unbekannt. Seine Visual-Effects-Schmiede ILM spielte in der Herstellung von «Willow» eine wesentliche Rolle. «Erstmals sah ich den Prozess solcher Aufnahmen, in denen reale Schauspieler mit Fantasiefiguren aus Pappe in verschiedenen Grössen agieren müssen, die an einem Stock gehalten werden und lediglich die Proportionen für Kreaturen markieren, die später in der Postproduktion eingesetzt werden. Von diesen talentiertesten VisuelleEffekte-Machern der ganzen Filmindustrie konnte ich lernen, wie sich die menschliche Wahrnehmung täuschen lässt.»

Die Schneeszenen, die in Neuseeland gedreht wurden, fielen in den Zuständigkeitsbereich des Schweizer Snow-Consultant. Lange vor «Lord of the Rings» hatte «Willow» diese Drehorte als sagenhafte Fantasywelt entdeckt. Auf Ski begab sich Zürcher auf Motivsuche in die Remarkables, ein Skiresort nahe Queenstown. Wie immer hielt er peinlich genau fest, um welche Zeit die Sonne eine potenzielle Location bescheint. «Als ich einige Tage später zurückkehrte, stand die Sonne zu meiner Verblüffung an einem ganz anderen Ort, als ich erwartet hatte! Langsam kam ich dahinter, dass sie in der südlichen Hemisphäre in die

Val Kilmer und Warwick Davis.
Filmset: Zeltdorf bei Cardrona, Wanaka, Neuseeland.

andere Richtung wandert.» Am Mount Cook präparierte er mit einem kleinen Team das Gelände für die Szene, in der Willow durch Gletscherspalten und Eisbrüche fährt.

«Obwohl für die Reitszenen ausgebildete Stuntpferde herangeschafft wurden, kann man ein Pferd nicht einfach über verschneites Terrain jagen. Tritt ein Pferd in vollem Galopp in eine vom Schnee verwehte Unebenheit, kann es sich das Bein brechen. Wir präparierten deshalb Hunderte von Metern Piste, indem wir mit den Füssen den Schnee verdichteten und diesen mit Wasser behandelten, um eine kompakte Schneeschicht herzustellen, auf der die Pferde sicher galoppieren konnten.»

Filmset: Dorf bei Cardrona, Wanaka, Neuseeland.
Filmset: Dorf bei Cardrona, Wanaka, Neuseeland.
Filmset: Dorf bei Cardrona, Wanaka, Neuseeland.

Zürchers aufwendigste Sequenz war Willows Flucht über Schneehänge und durch Eiskanäle. Willow unternimmt diese wilde Abfahrt gemeinsam mit Val Kilmer und einem Baby auf einem Schild, den er als Schlitten benutzt. Hier kamen Zürcher die Erfahrungen aus der ähnlichen Situation mit Bonds Cellokasten zugute. Er liess den Schild genauso mit unsichtbaren Kufen bauen. Für Schanzensprünge wurden Doubles eingesetzt, manchmal auch Puppen. «Nur das Baby war nie echt – dafür hatten wir eine lebensechte Puppe.» Für die Nahaufnahmen nahm der Star Val Kilmer selbst Platz. Er hatte sich damals schon den Ruf eines schwierigen Schauspielers erworben, und «Willow» war da keine Ausnahme. «Er war nicht arrogant, aber er war ein Schauspieler, der seine Arbeit nicht so verstand, dass er einfach machen sollte, was der Regisseur ihm sagt. Ron Howard erwies sich als gescheiter Regisseur, der das verstanden hatte und Val so subtil dirigierte, dass dieser die Regieanweisungen für eigene Einfälle hielt.»

Für ein Meeting reiste Zürcher nach England zum wunderbaren Filmset des Dorfs, das von zwergenhaften Menschen bewohnt wird. «Häuser, Brunnen, Strassen, alles war in diesen Proportionen gebaut worden.» Für deren Gegner, die furchteinflössenden Ritter, wurden besonders gross gewachsene Menschen ausgesucht, und selbst ihre Reittiere wurden nach ihrer Grösse ausgewählt. Die kleinwüchsigen Menschen wurden in ganz Europa rekrutiert und mit Bussen nach England gebracht, wo sich der Drehort zum wahren Heiratsmarkt entwickelte. «Am Ende hatten sich zahlreiche Kleinwüchsige fürs Leben gefunden.»

Willows Einfahrt ins Filmdorf bei Cardrona.
Willows Einfahrt ins Filmdorf bei Cardrona.
Val Kilmer und Warwick Davis in den Remarkables. Willows Flucht auf dem Schild.

Stefan Zürcher lenkt Willows Schlitten für Nahaufnahmen mit der Kamera.

Val Kilmer und Warwick Davis mit Stefan Zürcher als Ski-Kameramann.

«Die drei Musketiere» (1993).

Einer für alle, und alle wollten nur Spass

Nach dem zweiten Willy-Bogner-Film «Feuer, Eis und Dynamit» nahm sich Stefan Zürcher eine dreijährige Pause vom Kinoschaffen. Er war Vater geworden, fühlte sich als Familienmensch, wollte kürzertreten. Aber das Angebot, 1993 an der Neuverfilmung von «Die drei Musketiere» teilzuhaben, war zu verlockend. Natürlich ahnte er nicht, dass er in Wien unartige Jungs beaufsichtigen würde – die Jungstars von Hollywood.

Ursprünglich war Paris, dann Prag als Drehort von «The Three Musketeers» vorgesehen –letztlich erhielt Wien den Zuschlag. Offenbar hatte die Stadt den Filmemachern eine Kampfofferte unterbreitet: zwei Millionen, wenn der Abenteuerstreifen vor österreichischer Kulisse gefilmt wird. «Unter dem Strich ist das gut gerechnet. Film Location Austria wusste gut, dass ein Film Einkommen generiert und Jobs schafft für Filmtechniker und lokale Handwerker. Darüber hinaus macht ein Kinostreifen weltweit Werbung für die Tourismusdestination.»

Mit dem Drehort Wien war Zürcher seit «The Living Daylights» vertraut. Die Hauptstadt war allerdings auch beliebter Party-Hotspot. Genau der richtige Ausgangsrayon für Jungspund Charlie Sheen, der drauf und dran war, seine vielversprechende Filmkarriere für sein ausuferndes Partyleben aufs Spiel zu setzen. «Charlie sah immer aus, als käme er gerade aus einer Bar – was meist auch der Fall war. Wenn er spurlos verschwand, mussten wir die einschlägigen Lokale durchkämmen. Glücklicherweise wusste sein Fahrer meist, in welchem Etablissement wir ihn auftreiben konnten.»

Die drei Musketiere setzten sich zusammen aus der Crème de la Crème junger Hollywoodstars, und nicht selten geriet dies zu einem Wettbewerb um das grösste Ego. «Manchmal war es schwer, zu sagen, ob das gegenseitige Sticheln ernst gemeint war. Aber diese Hahnenkämpfe taten dem Film gut, denn die Figuren stehen ja auch im Film in Konkurrenz zueinander.» Zürcher kam das manchmal so vor, als sei er Aufpasser in einem Feriencamp für aufmüpfige Jungs. «Kiefer Sutherland spielte am Set oft ganz in Gedanken versunken seine Gitarre, und es war schön, ihm zuzuhören. Dass er sein Talent weiterentwickelt und eine zweite Karriere als Musiker eingeschlagen hat, freut mich sehr.»

Eines nahmen die Jungtalente ernst: ihr Fechttraining. Wann immer es der Drehplan erlaubte, übten sie mit den Stuntmen die Handhabung der Stichwaffen. «Es ist im Film gut zu sehen, dass sie viele ihrer Fechtszenen selbst gedreht haben, und das ist eher selten. Sie waren ausserdem hervorragende Reiter und brauchten in den meisten Reitszenen nicht gedoubelt zu werden.»

Charlie Sheen, Chris O’Donnell, Oliver Platt und Kiefer Sutherland.

Spätestens seit den Erlebnissen in Beirut, als mit echten Kugeln geschossen worden war, vertrauten sich Micky Moore und Stefan Zürcher blind. «In diesem Film kam uns seine jahrelange Erfahrung als Action-Unit-Director für Szenen mit Pferden und Explosionen zugute.» Man hatte alle Hände voll zu tun, denn die Dreharbeiten der 2nd Unit bestanden ausschliesslich aus waghalsigen Stunts: Verfolgungsjagden mit Kutschen, Schiessereien und Fechtszenen über den Dächern von Wien, aufwendige Massenszenen mit vielen Statisten.

«Micky lehrte mich, was für das Gelingen eines Stunts notwendig ist: Sind es zwei Elemente, die in der Aufnahme zusammengebracht werden – also etwa eine Kutsche und eine Explosion –, so lässt sich das gut managen. Kommt nun aber ein dritter Faktor hinzu – zum Beispiel eine zweite Kutsche –, dann erhöht sich das Risiko eines Missgeschicks. Und bei vier Faktoren geht meistens etwas schief.» Bei «The Three Musketeers» waren fast bei allen Stunts vier Faktoren im Spiel. Die Kunst einer gelungenen Stuntdarstellung liegt jedoch darin, Elemente einer Stuntszene so aufzuteilen und zu filmen, dass sie durch den Filmschnitt den gewünschten Effekt erzielen.

Tim Curry als Kardinal Richelieu.
Chris O’Donnell und Charlie Sheen.
Michael Wincott und Kiefer Sutherland.
Gabrielle Anwar und Rebecca de Mornay.

Von Blessuren, die man bei schlecht ausgeführten Stunts riskiert, kann Stefan Zürcher ein Lied singen. Noch heute erinnern ihn mitunter Schmerzen an solche Aktionen. So riskierte er einmal für eine deutsche Slapstick-Serie Kopf und Kragen bei einem Stunt an einem Skilift in Graubünden. Weil die Macher am falschen Ort sparten, prallte Zürcher, kopfüber am Skibügel hängend, in den Eisenträger der Umlenkrolle.

Tim Curry, Hugh O’Conor und Gabrielle Anwar.
Chris O’Donnell.
Chris O’Donnell und Kiefer Sutherland.
«Mary Shelleys Frankenstein» (1994).

«Frankenstein»: Das Monster war der Bergführer

Auf die Verfilmung des berühmten Musketier-Romans von Alexandre Dumas folgte eine weitere Buchadaption: «Frankenstein». Doch ebenso wie das Monster aus Leichenteilen zusammengesetzt wird, hatte Zürcher den Eindruck, dass die leblosen Einzelstücke dieses Films einfach nicht zusammenpassen wollten.

Shakespeare-Spezialist Kenneth Branagh versuchte sich mit «Mary Shelley’s Frankenstein» zum ersten Mal als Regisseur eines Weltbestsellers. Er sollte im Laufe der Jahre weitere Verfilmungen folgen lassen – und zunehmend auch erfolgreichere. Seine werkgetreue Verfilmung von Shelleys Roman hingegen konnte Kritik und Kinogänger nur mässig begeistern. Als Schneespezialist machte Stefan Zürcher Kenneth Branagh mit den Wetterverhältnissen vertraut und präsentierte ihm die Motive, die er für die von Francis Ford Coppola produzierte, düstere Geschichte in Erwägung zog. Am Sulsseewli und oberhalb der Lobhornhütte im Lauterbrunnental fanden die Aufnahmen mit Helena Bonham Carter und Kenneth Branagh statt. Die Szenen mit dem Double von Robert De Niro, der das Monster spielte, bei diesem Dreh aber nicht dabei war, entstanden auf dem oberen Grindelwaldgletscher. Tatsächlich wurde ein Bergführer mit einer dicken Make-up-Schicht in Frankensteins Monster verwandelt. «Niemand von uns beneidete ihn darum, jeden Tag mehrere Stunden in der Maske still zu sitzen, während ihm Latexnarben und künstliche Körperpartien angeklebt wurden. Obwohl Bergführer nicht gerade als zart besaitet gelten, sagte er mir später, so eine Tortur würde er sich nicht noch einmal antun.» Zwar wurde das Special-Make-up für den Oscar vorgeschlagen, der Bergführer wie auch Branagh gingen jedoch ohne Preise aus.

Als sich Zürcher den fertigen Film ansah, musste er feststellen, dass Branagh kaum etwas vom bei Grindelwald gedrehten Material verwendet hatte. «Und das, obwohl wir in echten Gletscherspalten hingen.» Branagh hatte die «Eiswüste» im Studio nachbauen und nachdrehen lassen – in einem wenig glaubwürdigen Set aus Kunsteis. «Ich vermute stark, er hatte ein Problem damit, von unseren sehr echt wirkenden Bildern auf seine unechten Eisblöcke aus Styropor zu schneiden – der Unterschied war einfach zu gross, es hätte die Studioszenen der Lächerlichkeit preisgegeben.»

Kenneth Branagh und Robert De Niro.
Robert De Niro.
Ernst Michel als Double von Robert De Niro mit Stefan Zürcher.
Branagh und Bonham Carter am Bachalpsee, Grindelwald.
Kenneth Branagh in Frankensteins Labor.
Branagh und Bonham Carter beim Sulsseewli.
Kenneth Branagh.
Kenneth Branagh und Helena Bonham Carter.

«GoldenEye» (1995).

Als Adolf Ogi James Bond retten musste

Sechs Jahre meldete sich James Bond nicht bei Stefan Zürcher, und er befürchtete schon, dass sein Einsatz für 007 beendet war. Doch in London hatte man Zürcher nicht vergessen. Die nächste Mission war grösser und gefährlicher als alle zuvor.

Nachdem die Bond-Filme bis dahin in einer schönen Regelmässigkeit von zwei Jahren erschienen waren, wurde die Wartezeit auf «GoldenEye» die bisher längste für die Fans des Franchises. Anders als das ungeduldige Publikum wusste Zürcher nach dem Studium des Drehbuchs bereits, dass sich das Warten lohnen würde. Denn Bond Nummer 17 sollte mit der bis dahin aufwendigsten Pre-Title-Sequence aufwarten, um das Comeback des Superagenten mit einem Paukenschlag zu beginnen. Von dieser anstrengenden Actionsequenz hing viel ab: Denn die in sich geschlossene Szene sollte als erste fertig werden, um dann umgehend für die Promotion eingesetzt zu werden.

«Dass wir so viel wie möglich real machen wollen, ohne Computer-Trickserei, mit wirklichen Stunts, ist der ganze Stolz der Bond-Macher.» In diesem Fall bedeutete das, einen Motorradfahrer von einem Schweizer Berggipfel springen zu lassen, um ein abstürzendes Propellerflugzeug ohne Pilot einzuholen. Unmöglich? Zürcher hatte nach der Präsentation der Idee ein halbes Jahr Zeit, diese Vision in die Tat umzusetzen.

Nachdem Barbara Broccoli und Michael Wilson, Albert Broccolis Stiefsohn, seit Längerem die Produktion von der Pike auf gelernt hatten, traten sie nun offiziell «Cubbys» Erbe an. «Und sie machten es richtig, ganz nach Cubbys Devise: Sie gaben das Geld am richtigen Ort aus, heuerten die besten Experten der Welt an. Nicht jeder Filmproduzent kann oder will das.»

Für diesen Stunt, der noch nie probiert worden war, kamen nur wenige Motive überhaupt infrage. Der Tällistock im Kanton Bern erwies sich als ideal, weil der Gipfel 900 Meter über-

Stunt für die Eröffnungsszene von «GoldenEye» am Tällistock oberhalb Gadmen.

hängend abfällt. Sowohl der Motorradfahrer, der sich durch einen Fallschirm retten sollte, wie auch der Pilot des Kleinflugzeugs, der den abstürzenden Flieger auffangen und in einer Schleife wegfliegen sollte, benötigten für die Operation diese Tiefe.

Die Gemeinde Gadmen, unterhalb des Tällistocks gelegen, erteilte die Bewilligung ohne Weiteres. «Dann begann jedoch mein Spiessrutenlauf durch die Berner Behörden, denn hinter unserem Berg liegt ein Naturschutzgebiet.» Da Zürcher alle Berechnungen beibringen konnte und ausgewiesene Experten am Start hatte, erteilte das BAZL, das Bundesamt für Zivilluftfahrt, die Tiefflugbewilligung für einen Sturzflug in Richtung bewohntes Gebiet.

Damit startete das baulich anspruchsvolle Unterfangen, zwei Holzrampen an der Flanke unterhalb des Gipfels des Tällistocks, auf etwa 2200 m ü. M. zu errichten: eine für den Motorradfahrer, der auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen musste, und eine für das Flugzeug, das anzufliegen und einen Touchdown auszuführen hatte, um für das Publikum den Eindruck zu erwecken, es starte direkt vom Ende einer Startbahn aus.

«Kein Statiker konnte uns sagen, wie wir diese Rampen zu bauen hatten, denn so etwas war vorher noch nie gebaut worden. Wenn eine Windböe mit 180 Kilometern pro Stunde über diese Krete fegt, entsteht an der hinteren Seiten ein Vakuum. Um uns gegen die Föhnstürme des Haslitals zu wappnen, trieben wir Felsanker ein, füllten eine Konstruktion aus Baumstämmen mit Schnee und wasserfesten, dicken Sperrholzplatten. Das ganze Material musste zum Drehort geflogen werden.»

Durch Schneeverwehungen war am Gipfelrand eine zehn Meter lange Schneewechte entstanden. Zwei Bergführer untersuchten den Fels darunter mit einer Sonde, um das Terrain genau abzustecken. Plötzlich ein gewaltiges Krachen! Die gesamte Schneewechte brach ab. Direkt vor den Schuhen eines der Bergführer, der sich unversehens am tiefen Abgrund stehend wiederfand. 1000 Meter unter ihm war Gadmen sichtbar geworden. Doch Bergführer sind so einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Er kommentierte das Ereignis gelassen: «Potz.»

Ende der Landepiste am Tällistock für den Absturz des Flugzeugs und Rampe für Absprung des Motorrads.

Trotz dem Erwartungsdruck blieb Zeit für die üblichen, mitunter kruden Spässe unter Filmcrews. «Natürlich war es dort oben windig und kalt. Mir fiel auf, dass ein junger englischer Mitarbeiter ständig fehlte. Schliesslich kam ich ihm auf die Schliche: Er hockte sich für zwei bis drei Stunden in unser Toi-Toi.» Am nächsten Tag wartete der Location-Manager darauf, dass sich der Bursche von Neuem vor der Arbeit drückte. Er wies den Helikopterpiloten an, das Toilettenhäuschen zum Abtransport an sein Kabel zu hängen. Dann drehte der Heli eine Runde über Gadmen. «An einem 30 Meter langen Kabel durch die Luft geschwenkt, hatte unser Crewmitglied bestimmt eine unbeschreibliche Aussicht über das Schweizer Bergpanorama. Anschliessend verkürzten sich seine Toilettenpausen.»

Der erprobte Schweizer Testpilot, der das Propellerflugzeug steuern würde, arbeitete für die Pilatus-Flugzeugwerke, den Flugzeughersteller in Stans (womit sich gleich eine BondParallele einstellte, denn in «Goldfinger» stellten deren Werkhallen die Fabrik des titelgebenden Bösewichts dar). «Er war der einzige Pilot, der eine Pilatus PC-6 im senkrechten freien Fall halten konnte.» Der Testpilot prüfte die 40 Meter lange und 15 Meter breite Rampe, auf der er aufsetzen sollte, um dann vom Tällistock in Sturzflug zu fallen. «Abhängig von der Luftdichte konnte er uns 8,5 Sekunden Sturzflug zusichern. Dann würde er hochziehen müssen.»

Als Motorradfahrer liess sich der Franzose Jacques Malnuit verpflichten. «Er war in der Szene der Basejumper bekannt, aber nicht in der Filmindustrie. Wir trieben ihn in Frankreich auf – wie alle Basejumper reizte ihn die Challenge, etwas Haarsträubendes als Erster zu tun.»

Malnuit würde das Motorrad über den Bergrand fahren, sich im Flug davon trennen und sich nach einem 600-Meter-Sturz durch einen versteckt getragenen, kleinen Fallschirm retten.

Kameraposition für die Aufnahmen.

mit Motorrad nähert sich dem Flugzeug.

Bond-Double

Bond-Double auf Motorrad und Pilatus PC-6 auf der Rampe.

Proben konnte man diesen komplexen Ablauf freilich nicht, auch wenn man ihn noch so oft durchsprach. Bis jetzt hatte Zürcher 200 000 Franken für die Bauten ausgegeben.

Schliesslich reiste das Drehteam aus London an. «Wir wohnten in Interlaken, diskutierten täglich neue Details, achteten auf die Wetterberichte – als plötzlich, zwei Tage vor dem Stunt, im Hotel Mattenhof ein Fax einging. Das BAZL hatte die Bewilligung entzogen.»

Das Zivilluftfahramt berief sich auf den Wortlaut eines Artikels zu «Stuntfliegerei mit Zuschauern», der sich auf Flugshows mit Publikum bezog. Zürcher argumentierte, Zuschauer seien gar nicht vorgesehen, doch das BAZL meinte, dass sich unten im Dorf Gadmen sicherlich Zuschauer einfinden würden. «Ich war am Boden zerstört. Zwei Tage vor Drehbeginn! Die Rampe war gebaut!» Zürcher zermarterte sich das Gehirn, wie James Bond noch zu retten wäre. Schliesslich griff er nach einer langen schlaflosen Nacht zum Telefon. Er wählte die Nummer eines privaten Freunds. Bundesrat Adolf Ogi war Vorsteher des Verkehrsdepartements.

«Dölf, du weisst, ich missbrauche eine Freundschaft nur ungern. Aber ich weiss mir nicht anders zu helfen.»

«Was ist denn los?»

Zürcher schilderte kurz und knapp seine Misere.

«Mach dir keine Sorgen. Wir rufen dich sofort zurück.»

Freier Fall des Pilatus PC-6 vor der Eigernordwand.

Pierce Brosnans Einstieg in die Pilatus PC-6.

Tatsächlich klingelte 30 Minuten später das Telefon im Hotelzimmer. Der Chef des BAZL meldete sich ganz aufgelöst. Er hatte soeben einen Tadel des Bundesrats erhalten. «Dafür hätten Sie doch nicht gleich Herrn Ogi persönlich anrufen müssen!» Darauf erteilte das BAZL seine Bewilligung – zum zweiten Mal.

48 Stunden später wartete Zürcher mit einer 30-köpfigen Crew von Bergführern und Filmtechnikern mit sechs schussbereiten Kameras auf den Befehl «Action!». Jacques Malnuit bretterte auf dem Cagiva-Motorrad der Krete entgegen, während sich das Propellerflugzeug mit 100 Kilometern pro Stunde von hinten näherte, plangemäss auf der Rampe aufsetzte, dann in die Tiefe des Tällistocks tauchte. Sekundenbruchteile später folgte der Motorradfahrer dem Sprung in den Abgrund. Timing war alles.

Der französische Motorradfahrer überholte den Schweizer Flieger in der Luft! So stand die Szene nicht im Skript. Der Pilot meldete sich über Funk: «Das ist das erste Mal, dass ich von einem Motorrad auf 2000 Meter Höhe überholt werde!»

Jeder Aufnahme wurde ein Motorrad geopfert. Insgesamt wurde die Aufnahme achtmal wiederholt – bis der spektakuläre Stunt im Kasten war. Jedes einzelne der Motorradwracks wurde geborgen.

Die Broccolis waren zu Recht begeistert.

Für den Rest der Sequenz – Bond «fliegt» dem Flugzeug hinterher, um es in der Luft einzuholen – verlegte Zürcher den Drehort an den Eiger.

Ein Helikopter brachte den Basejumper in die Luft, von wo aus er sich erneut ins Bodenlose stürzte. Der Pilatusflieger raste gleichzeitig die Nordwand entlang dem Boden entgegen. Es ging um wenige Filmmeter, in denen der Springer und das Flugzeug in derselben Aufnahme zu sehen sind – und das Kunststück gelang.

Viel später, nach Abschluss aller Aussenaufnahmen, hatte Zürcher Gelegenheit, im Studio in London zu sehen, wie die fehlenden Stücke seiner Sequenz gedreht wurden: James Bond «flog», an Drähten gehalten, vor einem Greenscreen hinter dem Heck des Fliegers her, um letztlich in dessen Rumpf einzusteigen und das Steuer zu übernehmen. Zürchers Team hatte für die Aufnahmen, die hinter dem «fliegenden» James Bond einkopiert wurden, die Plates gedreht: Aufnahmen von der vorbeifliegenden Eigernordwand. Verwendet hatte er einen sehr leichten Helikopter, und gedreht hatte er die Felswand von unten nach oben. Dann liess man die Bilder rückwärts laufen, um den Eindruck des Absturzes zu erzielen. Ein kleiner, aber wirkungsvoller Trick. Viel grösser aber war für Stefan Zürcher der Kick, den neuen 007 live in Action zu erleben. Mit diesem Knalleffekt wurde Pierce Brosnan der Welt als neuer Superagent vorgestellt – und für seine Dienste wurde Stefan Zürcher erstmals in der 007-Reihe namentlich im Vorspann erwähnt.

Explosion des russischen Forschungszentrums.

Explosion des russischen Forschungszentrums.

«Fräulein Smillas Gespür für Schnee» (1997).

Im Hundeschlitten auf der Suche nach Smillas Schnee

Im Film ist Fräulein Smilla eine Grönländerin, die sich ausnehmend gut mit allen Facetten von Schnee auskennt. Im wahren Leben war es Herr Zürcher, der den titelgebenden «Sense of Snow» aufbringen musste – und im ewigen Eis einmal mehr sein Leben für einen Film aufs Spiel setzte.

Mit der Bavaria hatte Zürcher lange Zeit nicht mehr zu tun gehabt. Die gloriosen Zeiten in Geiselgasteig gingen zu Ende, als die Tax-Shelter in Auflösung begriffen waren und die internationalen Produzenten nicht mehr mit Steuerermässigungen rechnen konnten. Da meldete sich überraschend Erfolgsproduzent Bernd Eichinger. Ihn hatte Zürcher durch die Mitarbeit bei «Fire, Ice & Dynamite» kennengelernt. Eichinger hatte sich die Filmrechte am Bestseller «Smilla’s Sense of Snow» gesichert. Er hatte ein Budget von 35 Millionen Dollar aufgetrieben. Auch die Titeldarstellerin hatte er schon unter Vertrag, den aufstrebenden Star Julia Ormond. Was er nicht hatte, waren die Drehorte im Eis von Grönland. Denn ausser einheimischen Filmemachern hatte das kaum jemand vorher versucht.

«Wir erwählten das Fischerdorf Jakobshavn (Ilulissat) an der Westküste Grönlands als unseren Produktionsstandort. Die Weite der Gletscherwüste liess sich nur noch mit der Wüste von Nordafrika vergleichen.» Der Ilulissat-Eisfjord und die Diskobucht sind bekannt wegen der kontinuierlichen Bewegung der riesigen Eisberge, die dort vom schnellsten Gletscher der Welt abbrechen. Angeblich stammt der Eisberg, der mit der Titanic kollidierte, aus der Diskobucht. Herrschten während der Dreharbeiten zu «Ishtar» 45 Grad Celsius, so hatte Zürcher sich jetzt mit 45 Grad minus anzufreunden. Ihm blieben zehn Wochen Vorbereitungszeit, bevor Regisseur Bille August die Kameras laufen lassen wollte.

Diskobay Iulissat (Diskobucht Jakobshavn).

Die herrschenden Sturmwinde machten Flüge schwierig. Und Ende Oktober gab es nur wenige Stunden Tageslicht. Der örtliche Tourismusdirektor hielt es für eine gute Idee, mit Schlittenhunden auf Motivsuche zu gehen, und Zürcher dachte, als Berner Bergbub sei er jeder Temperatur gewachsen. «Bei 45 Grad unter null erfror ich beinahe! Der Hundeführer selbst fand, heute sei es gar nicht so kalt.»

Zur Vorbereitung eines Films gehört die Prüfung der örtlichen Gastronomie. Bald verfeinerte Zürcher die einheimische Speisekarte, die vorwiegend aus Fisch bestand, mit Wengener Bergkäse, den er sich auf die Spaghetti reiben konnte. Ob die örtliche Metzgerei als Fleischlieferant geeignet wäre, wollte er mit einer Stichprobe herausfinden. Doch die gekaufte Salami landete umgehend im nächsten Mülleimer, als er von einem blutbespritzten Metzger bedient wurde, dessen Arme und Gesicht mit offenen Aknepusteln übersät waren. Im einzigen, kleinen Hotel sass ihm zum Frühstück jeweils ein Herr mit zitternden Händen gegenüber. Er flösste sich hochprozentigen Schnaps ein, um dem Zittern Herr zu werden. Als man ins Gespräch kam, stellte sich heraus, dass es sich beim Mann mit den zitternden Händen um den Chefchirurgen des hiesigen Spitals handelte.

Unter den Einheimischen, den Inuit, war Alkohol ein augenscheinliches Problem. «Wann immer wir uns in einer Bar mit ihnen anfreundeten, bestellten sie gleich eine Kiste Bier.» Da es wichtig ist, die Mentalität der Bewohner zu verstehen, wenn man die Bevölkerung auf seiner Seite haben will, begleitete Zürcher einen Fischer zu einem zugefrorenen Fjord. «Er schnitt ein Loch ins Eis und lockte einen Seehund an, den er mit einem Speer erlegte. Dann verspeisten wir gemeinsam die noch warme Leber. Diese vitaminreiche Kost ist in diesen Gefilden lebensnotwendig, aber gewöhnungsbedürftig.»

Die ersten Aufnahmen mit Doubles entstanden auf einem russischen Eisbrecher, der für den Film gechartert worden war. Die Crew lebte mehrere Wochen auf dem Schiff, wo der Speiseplan nur aus Toast und lilafarbenen russischen Würstchen bestand, während man vor der Küste des Bottnischen Meerbusens kreuzte.

Als die Tage länger wurden, kamen die Stars an. Richard Harris fühlte sich sofort heimisch, weil er sich selbst gern mit Alkohol warm hielt. «Er war berüchtigt dafür, ab und zu auf Sauftour zu gehen und dem Regisseur abhandenzukommen. In unserem kleinen Ort mit beschränktem Ausgangsrayon konnte er aber nicht ohne Weiteres verschwinden.»

Diskobay Iulissat.

Hundeschlitten in der Diskobay Iulissat.

Stefan Zürcher mit Polarhunden.

Für die Produktionsdepartemente wie Maske und Catering hatte Zürcher zehn isolierte, auf 15 Grad beheizbare Container herstellen lassen, die per Helikopter an den Drehorten abgesetzt wurden. Julia Ormond jedoch zog die Gesellschaft der Crew auch bei 20 Grad unter null ihrem geheizten Trailer vor. «Sie war ein Schatz, immer zufrieden. Wir instruierten die Stars, wie sie mit den Temperaturen umzugehen hatten.»

In einigen Szenen sollten die Darsteller auf treibenden Eisschollen agieren. «Ein Inuit, so wurde uns gesagt, würde nie freiwillig eine losgebrochene Eisscholle betreten. Obwohl wir die Warnung respektierten, brauchten wir diese Aufnahmen.» Seitdem er in «The Living Daylights» im Eis eingebrochen war, wurde Zürcher von Albträumen geplagt. Die Arbeit an «Smilla» trug zur Verarbeitung dieses Traumas bei. «Ich vertraute dem Rettungsteam, das in Booten immer in Reichweite war. Für Notfälle hatten wir Taucher permanent im Wasser. Tatsächlich war das Wasser wärmer als die Luft.»

Die besorgten Behörden von Jakobshavn hatten den Filmemachern ans Herz gelegt, dass Unfallmeldungen dem Tourismus abträglich wären. Einmal jedoch riskierte eine kleine Crew Kopf und Kragen. Für einen Establishing-Shot, also eine Landschaftsaufnahme, die das Publikum sogleich mit dem Handlungsort vertraut macht, verlangte Bille August nach einem Gletscher in einer weiten Eislandschaft. «Wir gingen mit einem Helikopter auf Motivsuche in einer sogenannten Compression-Area, in der die Gletscher zusammengedrückt und aufgetürmt werden. «Der 2nd-Unit-Director wollte dies unbedingt erkunden, obwohl der Pilot uns warnte, eine Front ziehe auf.» Zürcher hatte wenig Lust, wie bei «The Spy Who Loved Me» nochmals in einem Not-Iglu das Schicksal herauszufordern. Als der Pilot ultimativ die Rückkehr befahl, war der Wind bereits zu stark, um einen Berg zu überfliegen. Deshalb musste ein Gebiet überquert werden, das nur als «unexplored glacier» kartografiert war. Endlich war der Fjord erreicht, dem man bis zum Landeplatz folgen konnte, doch im Helikopter piepte bereits das Warnsignal. «Uns ging der Sprit aus, die Wände des Fjords waren zu steil, um irgendwo notzulanden, und der Gegenwind war wie eine Wand. Mit dem letzten Tropfen setzten wir auf. Solche Abenteuer erzählt man dem Team nicht. Man will ja niemandem Angst machen.»

Filmschiff in der Diskobay (Montage).

Schiffe in der Diskobay.

Filmaufnahmen mit Helikoptern in der Diskobay Iulissat.

Container, die Aufenthaltsräume des Casts und der Crew.

Filmteam bei Dreharbeiten in der Diskobay. Transport der Container zum Drehort.

«Die Welt ist nicht genug» (1999).

Die Schweiz war nicht genug

Nachdem Adolf Ogi dafür gesorgt hatte, dass die 007-Mission in der Schweiz durchgeführt werden konnte, war Moritz Leuenberger dann nicht schnell genug. Für «The World Is Not Enough» erhielten die Franzosen den Zuschlag.

Der folgende, gekürzte Auszug aus dem Drehbuch von «The World Is Not Enough» soll zeigen, wie die Vorstellungen von Autoren und Produzenten auf dem Papier aussehen. Solche Zeilen sind jeweils der erste Einblick, den Stefan Zürcher erhält, um Machbarkeit und Logistik einzuschätzen. Auf den Schneehängen von Aserbaidschan werden Pierce Brosnan und Sophie Marceau (in der Rolle der Elektra) von Gangstern aus der Luft attackiert.

Ein Helikopter überfliegt eine grosse SCHNEEFLÄCHE. Er schwebt über einer Bergspitze. Der Wind ist stark Ohne zu zögern, aus dem Heli springt Elektra und landet auf ihren Ski. Bond springt ihr nach. Elektra fährt furchtlos den Abhang hinunter. Bond erreicht sie. Plötzlich hören sie. DAS ENTFERNTE GERÄUSCH EINES FLUGZEUGES.

Sie sehen: VIER OBJEKTE fallen aus dem Flugzeug. Bond und Elektra schauen ungläubig zu. Die vier Objekte öffnen Fallschirme. Es sind Schneemobile mit Propellern an Gleitschirmen. Die Fahrer nehmen Bond und Elektra aus der Luft unter BESCHUSS. Während Elektra in Deckung geht, wird Bond von den fliegenden Motorschlitten verfolgt. Er erreicht einen schützenden Wald. Der fliegende Motorschlitten landet in einem Baum und EXPLODIERT. Der zweite fliegende Motorschlitten wirft Bomben auf Bond, die hinter ihm im Schnee EXPLODIEREN.

Die fliegenden Motorschlitten klinken die Gleitschirme aus und landen mit ihren Kufen auf dem Schnee. Sie verfolgen Bond durch den Wald. Bond lockt den Motorschlitten zu einer Klippe. Er hält im letzten Moment. Der Motorschlitten jedoch rast in den Abgrund.

Fliegender Motorschlitten an einem Gleitschirm.

Nahaufnahme mit Pierce Brosnan.
Pierce Brosnan und Sophie Marceau.
Fliegender Motorschlitten explodiert.

Die Requisiteure hatten bereits begonnen, Schneemobile mit Propellern auszustatten, um sie zu fliegenden Motorschlitten an Gleitschirmen umzubauen, als Stefan Zürcher versuchte, die Drehorte in der Schweiz klarzumachen. «Im Engadin hätten wir das problemlos gebacken bekommen. Doch in London beging jemand den Fehler, eine unerfahrene Produktionsassistentin direkt das BAZL anrufen zu lassen.» Nach der Beschreibung obenstehender Szene antwortete das Zivilluftfahrtamt augenblicklich mit einer Absage: «Fliegende Motorschlitten an Gleitschirmen unterstehen der Bewilligung von Ultraleichtflugzeugen, die in der Schweiz nicht bewilligt werden.» «Nicht zum ersten Mal scheiterte ein grosser Film, der viel für die Schweiz hätte bewirken können, am trägen Beamtentum und an unseren Verfahrensstrukturen.»

Dafür durfte sich nun der französische Skiort Chamonix die Hände reiben, wo der Codename 007 alle Türen öffnete. Als Zürcher den Auftrag für die Schweiz noch zu retten versuchte, stellte ihm Bundesrat Moritz Leuenberger eine Sonderbewilligung in Aussicht. Diese kam jedoch zu spät, da der französische Produktionsleiter, John Bernard, mit den Vorbereitungsarbeiten schon weit fortgeschritten war und sich von Chamonix nicht mehr abbringen liess. Also rekrutierten Zürcher und Bernard aus ihrem Netzwerk französische Freestyler mit Filmerfahrung. Filmverständnis ist für diese Arbeit ebenso unabdingbar wie das Können auf den Ski. «Filmunerfahrene Freestyler machen zwar die schönsten Luftsprünge. Aber wenn jemand nicht versteht, wie eine bestimmte Aktion im Film wirkt, verliert man wichtige Zeit.»

Explosion mit Bond-Double Stephan Dan.

Anders als in anderen Bond-Schneeszenen, in denen Doubles den Part des 007 übernehmen, sollten dieses Mal die Hauptdarsteller tatsächlich auf dem Mer de Glace, dem grössten Gletscher Frankreichs, aufgenommen werden – soweit die Versicherung dies zuliess.

Dafür griff Zürcher auf seine bewährte Methode zurück: Auf Ski fahrend, zog er einen Schlitten, auf dem Pierce Brosnan kniend die Fahrbewegungen nachahmte. Das machte Rückprojektionen im Studio unnötig und sorgte während der spektakulären Stunts für authentische Zwischenschnitte auf den Star. «Die Bewegung nachzuahmen, während man auf einem Schlitten mit 60 Kilometern pro Stunde die Piste herunterbrettert, ist nicht so einfach, wie es klingt. Pierce verstand sich ein bisschen aufs Skifahren, und wir spielten ihm Aufnahmen vor, damit er die Bewegungen authentisch hinbekam.» Auf den Schlitten aufzusitzen, ist Vertrauenssache. Schliesslich traute sich auch Sophie Marceau die Schlittenpartie mit Zürcher zu. «If Pierce can do it, I can do it, too!»

Weil Zürcher damit Brosnans Vertrauen gewonnen hatte, ersuchte der Star den Schweizer, selbst den Verfolger auf dem Schneemobil zu mimen, der Bond durch den Wald verfolgt. «Im Höllentempo kurvte ich um die im Schnee eingegrabenen Sprengsätze, die jeweils farbenprächtig hinter mir detonieren sollten. Um mir diese Stellen merken zu können, fuhr ich mehrere Probefahrten und zog dabei ein Netz hinter mir her, um im Schnee keine Spuren zu hinterlassen.»

An den Abenden im mondänen Skiort lernten sich Zürcher und Brosnan gut kennen. «Er ist der einzige Bond, von dem ich das sagen kann. Die Chemie stimmte auch persönlich. Pierce ist ein umgänglicher Star, ohne den geringsten Anflug eines Egos, und überdies ein exzellenter Gesprächspartner. Wir sprachen nicht über Filme, wir sprachen über das Leben.» Pierce Brosnan hatte acht Jahre zuvor seine Ehefrau an Krebs verloren. Daraufhin zog er die gemeinsamen Kinder selbst gross. «Genau wie ich hatte er gelernt, im Hier und Jetzt zu leben.»

Stefan Zürcher und Pierce Brosnan.

Zürcher war mit der zehnköpfigen 2nd Unit in einer Pension im Schatten des Mont Blanc untergebracht. «Wir lebten wie Gott in Frankreich, doch bald fragten wir uns, warum uns der Wirt jeden Tag eine gute Flasche Wein offerierte.» Dass der Patron die Stuntleute bat, niemandem seine Adresse zu verraten, machte Zürcher stutzig. 1999 war das Jahr eines berüchtigten Lawinenwinters. Mehrmals musste unter grossen Mühen die Location gewechselt werden, als Lawinen drohten. «Als müsse ein Wanderzirkus von einer Piste auf die andere transportiert werden.» Gegen Ende der Arbeiten in Chamonix stiess Zürcher schliesslich auf den Grund für die überbordende Gastfreundschaft. «Die Gemeinde hatte eine neue Gefahrenkarte veröffentlicht, auf der ersichtlich war, dass wir uns die ganze Zeit im dunkelroten Risikobereich befanden hatten. Der nette Wirt hätte seine Pension schliessen müssen.»

Als völlig gefahrlos für Mensch und Natur hatte sich hingegen die Umsetzung der oben zitierten Sequenz erwiesen. «Statt am Mont Blanc wäre das am Piz Palü ebenso machbar gewesen.»

Mit «The World Is Not Enough» wurde Bond nicht nur der Schweiz untreu, es zeichnete sich auch ein grundsätzlicher Wandel in der Umsetzung solcher Sequenzen ab. «Das war vielleicht das letzte Mal, dass wir noch alles real, ohne die Hilfsmittel des Computers machten.» Für das folgende Brosnan-Abenteuer «Die Another Day» begab sich Stefan Zürcher zwar noch auf Motivsuche nach Island. «Aber da hatte man sich bereits dazu entschlossen, CGI einzuführen und vieles mit Software künstlich zu kreieren – womit es für mich weniger zu tun gab.» Die mit CGI kreierten Szenen in «Die Another Day» kamen beim Publikum nicht gut an. So entschloss man sich, bei den kommenden Bond-Filmen zum altbewährten Muster zurückzukehren und die Stunts wieder real zu filmen.

Stefan Zürcher und Pierce Brosnan.

«Wir waren wie Brüder», TV- Serie (2001).

Von der billigen Soap-Opera zu Spielbergs kostspieligem Krieg

Für den nächsten Auftrag konnte Stefan Zürcher zu Hause bleiben. Die Aufnahmen zur bahnbrechenden Kriegsserie «Band of Brothers» fanden in seinem unmittelbaren Wirkungskreis statt. Selbst Hitlers Feriendomizil wurde in die Schweiz verlegt.

Seit «George», Stefan Zürchers erster Mitwirkung an einer TV-Serie, waren drei Jahrzehnte vergangen. Nun schickte sich das Fernsehen an, dem Kino in Sachen anspruchsvoller und aufwendig gemachter Unterhaltung den Rang abzulaufen. Zürcher war an der Front, als «Band of Brothers» das neue Zeitalter kostspieliger Kurzserien einläutete.

Steven Spielberg und Tom Hanks hatten sich vorgenommen, für HBO die Geschichte einer Kompanie von US-Soldaten so realitätsnah wie nur möglich zu realisieren. Diese Prämisse traf auf die schonungslose Darstellung von Kriegsgräueln und die historisch akkuraten Details sicherlich zu. Was die Drehorte betraf, war Spielberg bereit, Kompromisse einzugehen.

Die finale Episode 10 sollte den Einmarsch der Amerikaner in Österreich zeigen. «Spielberg, der bekanntlich jüdischer Abstammung ist, wollte nicht in Österreich drehen, das damals von Jörg Haiders Politik geprägt war. So kamen wir zum Handkuss.»

Auf das bereits filmerprobte Hotel Giessbach am Brienzersee fiel die Wahl als Location für das Hauptquartier der US-Armee, das Städtchen Unterseen wurde zu Zell am See, und oberhalb von Schwanden wurde in Szene gesetzt, wie die US-Truppen mit deutschen Gefangenen aufmarschieren. Die Locations wurden auf 1945 getrimmt, indem alle Telefonleitun-

gen und Satellitenschüsseln abmontiert wurden. Auf dem stillgelegten Militärflugplatz bei Interlaken wurde ein Camp der US-Army aus dem Boden gestampft, mit täuschend echten Attrappen von Flugzeugen. Für die Sequenz, in der die US-Truppen das Eagle’s Nest einnehmen, Hitlers Kehlsteinhaus, durfte die alte Grimselpassstrasse gesperrt werden. In diese Landschaft, die jener oberhalb Berchtesgaden ähnelte, wurde das Eagle’s Nest per Filmtrick nachträglich einmontiert.

Im Lauf der Jahre hatte Zürcher mit dem Luzerner Leonhard Gmür, der sich als Herstellungsleiter im internationalen Film einen Ruf erarbeitet hatte, immer wieder zusammengearbeitet (in «GoldenEye» verantwortete Gmür die Aufnahmen an der Verzasca-Staumauer). In Spielbergs Auftrag spannten sie erneut in den Chargen als Produktionsleiter und Location-Manager zusammen. «Schliesslich kam Steven Spielberg für ein Produktionsmeeting in die Schweiz – inkognito, niemand wusste davon –, um unsere Drehorte abzusegnen. Er war der Kopf dieses enorm anspruchsvollen Unterfangens und der eigentliche Treiber hinter der Absicht, den Krieg so realistisch wie nie zuvor darzustellen, und blieb dabei immer

US-Armeefahrzeuge vor dem Hotel Giessbach.
Das Hotel Giessbach als Hauptquartier der US-Armee. Einmarsch der US-Truppen, gefilmt in Unterseen.

Truppenaufmarsch auf der Strasse nach Giessbach. US-Armeecamp auf dem Flugplatz bei Interlaken.

so bescheiden, dass man ihn fast übersehen hätte. Er brauchte sich nie in den Vordergrund zu stellen, um dennoch das letzte Wort zu haben. Zurück in Los Angeles visionierte er täglich die Aufnahmen, um dann ganz unabhängig sein Urteil zu fällen, ob etwas geändert werden sollte.»

Gmür und Zürcher hatten die jüngst geschlossene Spinnerei Interlaken nutzbar gemacht, um darin die Produktionsdepartemente unterzubringen. Allein die Lagerung des Materials nahm ganze Hallen in Anspruch: Tonnen von Militärmaterial, zahlreiche Uniformen und historische Kostüme sowie das Equipment für die Spezialeffekte.

Auch das Casting der Komparsen führten sie in der alten Spinnerei durch: «Für die umfangreiche Statisterie der deutschen und amerikanischen Soldaten rekrutierten wir Schweizer Wehrmänner, vorzugsweise Grenadiere und Gebirgsfüsiliere.» Damit die Schweizer Burschen marschierten wie zu Kriegszeiten, wurden sie von Dale Dye gedrillt. Dieser Mann galt als Technical-Advisor für Kriegsfilme in Hollywood bereits als Koryphäe. «Dye war dann mit unserer Auswahl ganz zufrieden. Man merke die Schweizer Rekrutenschule, mein-

Bomber-Attrappe von vorne.
Bomber-Attrappe von hinten.

te er anerkennend. Er war nicht der Typ für Small Talk. Auf seinen Kopf passte hervorragend der Stahlhelm.»

Zürcher, nunmehr Mitte 50, hatte nie aufgehört, dazuzulernen. Nun wehte der Wind in der Filmwelt aus Richtung gross angelegter Fernsehserien. Beim amerikanischen Fernsehen hatte er 20 Jahre zuvor schon eine Anlehre gemacht. Die Serie «All My Children» war von 1970 bis 2011 ein Quotenhit des US-Senders ABC gewesen. Einmal liessen die Produzenten es sich etwas kosten, eine Episode in der Schweiz zu drehen. Zürcher unterstützte das Vorhaben auf dem Mutthorngletscher, und als der Herstellungsleiter ihm anbot, sich für einige Monate in New York als Assistent von «All My Children» zu verdingen, da obsiegte Zürchers Neugier. «Nachdem wir für unsere hiesigen Serien jeweils eine Woche für die Produktion von 50 Fernsehminuten benötigten, wollte ich herausfinden, wie die Amerikaner dies als Tagessoll erreichen. Für mich war das wie bezahlte Weiterbildung.»

ABC brachte ihn in einem New Yorker Hotel unter. «Wir Schweizer sind solche Hochhäuser nicht gewohnt, und ich fragte mich ernsthaft, wie ich im Fall eines Feuers entkommen sollte. Ich verlangte ein Zimmer, das nicht höher als im dritten Stock lag, und besorgte mir in einem Sportgeschäft ein 30-Meter-Seil, das ich beim Fenster am Heizkörper anbrachte, um als erfahrener Gebirgsinfanterist im Notfall einen Fluchtweg offen zu haben.»

Einmarsch der siegreichen Truppen.

Städtchen Unterseen als Zell am See mit US-Truppen.

Und noch einen Rat des Produzenten versuchte er in diesem Geschäft, in dem Gerüchte schnell die Runde machen, zeitlebens zu beherzigen: «Whenever you have discussions: no names, no figures.» In Diskussionen sollte man keine Namen und keine Zahlen nennen. Am ersten Tag am Set der Soap-Opera wurde ihm die Enormität der Tagesproduktion bewusst. Es herrschte mehr Betrieb als an der Grand Central Station. 300 Mitarbeiter wuselten durcheinander, 40 Drehbuchautoren lieferten ihre frisch geschriebenen Seiten an die Filmcrew. Sieben, acht Sets, in denen die Darsteller manchmal gleichzeitig unter ferngesteuerten Lampen drehten, standen permanent zum Drehen bereit. Während die Hauptdarsteller in der einen Kulisse agierten, wurde die nächste Kulisse bereits mit Lichtdoubles eingeleuchtet. Die Regisseure, stets den Zeitplan im Nacken, hatten alle bereits den ersten oder zweiten Herzinfarkt hinter sich. «So lernte ich zwar, wie Abläufe sich beschleunigen lassen, aber nach zwei Monaten hatte ich ausgelernt. Fliessband-Filmerei wollte ich nicht zu meinem Lebensinhalt machen. Manchmal ist es im Leben eben auch wichtig, herauszufinden, was man nicht machen will.»

«Der goldene Kompass» (2007).

Materialschlacht mit Daniel Craig

Die Fantasyverfilmung «The Golden Compass» hatte ein Budget von sagenhaften 180 Millionen Dollar – für Stefan Zürcher der bisher teuerste Film, in dem er seine Talente als Snow-Consultant entfalten sollte. Die Materialschlacht, die er auf dem Grindelwaldgletscher schlug, kostete die Kleinigkeit einer Dreiviertelmillion.

Nach vielen abenteuerlichen Werbefilmen trat 2006 schliesslich ein alter Bekannter der Kinowelt auf den Plan: Vic Armstrong. Seit sie als Blofelds Spiessgesellen James Bond das Leben am Schilthorn schwer gemacht hatten, hatte sich Vic in Hollywoods Hackordnung vom Stuntman zum gesuchten Stunt-Coordinator hochgearbeitet. Er doubelte Harrison Ford in den Indiana-Jones-Filmen, sorgte in den «Rambo»-Streifen für Action und kreuzte Zürchers Weg in mehr als einem Bond-Abenteuer.

Vic wusste, dass das bewährte Duo Leonhard Gmür / Stefan Zürcher die anspruchsvolle Logistik bewältigen konnte, täglich 120 Personen der «Golden Compass»-Crew in einen Gletscherabbruch zu transportieren, ohne dass sie dort erfrieren. Nach einer ausgedehnten Motivsuche fiel die Wahl auf Grindelwald. «Ich kannte den Gletscher von ‹Frankenstein› und den Werbefilmen her wie meine Westentasche.»

Mit dem Unterschied, dass für «Frankenstein» nur ein Kernteam um Kenneth Branagh für wenige Aufnahmen aufs Eis gebracht worden waren, sollte nun eine ausgewachsene Crew mit dem Star Daniel Craig in die Höhe geflogen werden. Dafür mussten fünf Helikopter mit genauem Flugplan rotieren. «Ein einzelnes Unternehmen hätte das nicht bewältigen können. Ich war ein bisschen stolz darauf, dass ich die Bohag (Berner Oberländer Helikopter AG) und die Air-Glaciers, die sich ansonsten als Konkurrenten gegenüberstehen, an einen Tisch bringen konnte.»

Damit Grindelwald nicht überflogen werden musste, wählte man den etwas weiter entfernten Heli-Landeplatz bei der Grindelwaldschlucht. Auf dem Gletscher wurden Container

installiert und fünf grosse Mannschaftszelte errichtet. Wie immer seit der Iglu-Übernachtung von «The Spy Who Loved Me» sorgte Zürcher auch für ausreichend Notausrüstung.

Um Verpflegung in Schnee und Eis zu gewährleisten, muss man auf eine erfahrene Catering-Equipe zurückgreifen können, die über eigenes, winterfestes Material verfügt. «Wir arbeiteten mit der erprobten Firma, die auch das Catering für das Lauberhornrennen ausrichtet.» Aufträge für millionenteure Filmproduktionen ausführen zu können, war für einheimische Dienstleister nicht nur lukrativ, sondern versprach auch Renommee. Es bewarb sich ein über die Region hinaus bekannter Koch um den Auftrag. Zürcher musste ihm eine abschlägige Antwort geben. «Ich hatte einmal in seinem italienischen Restaurant Spaghetti Aglio e Olio bestellt. ‹Haben wir nicht!›, war seine Antwort. Wenn ein Koch in seinem italienischen Restaurant keine Spaghetti Aglio e Olio für eine Person kochen kann, kann er auch nicht 120 Personen auf einem Gletscher verpflegen.»

Jeden Morgen schaufelte seine Crew die Zelte aus dem Neuschnee. Für die Helikopter wurden die Landeplätze mit frischer Farbe markiert. Sämtlicher Komfort, den die Gewerkschaften vorschreiben, musste auch auf dem Eisfeld auf über 2500 m ü. M. gewährleistet

Jagd auf Lord Asriel auf dem Grindelwaldgletscher.
Daniel Craig als Lord Asriel.
Daniel Craig auf dem Grindelwaldgletscher.

werden. «Beim Eintreffen der Teams musste die Küche heissen Kaffee ausschenken, anschliessend wurde ein English Breakfast serviert. Wird ein solcher vertraglich vereinbarter Service zu spät geliefert, kommt es zum sogenannten Meal-Penalty – die Gewerkschaft verrechnet den Produzenten eine Strafgebühr.» Dauerte der Breakfast-Break bis 8.30 Uhr, so musste der Lunch zwingend um 13.00 Uhr gereicht werden. Damit der Zeitplan, das Essen abends um 19.00 Uhr im Hotel einzunehmen, aufging, mussten auch die Rückflüge durchgetaktet sein – sonst drohte erneut der Meal-Penalty. Und arbeitete die Crew länger als sechs Stunden am Stück, also ohne Essenspause – Meal-Penalty! Dies veranschaulicht, weshalb sich Produzenten Verzögerungen im logistischen Ablauf nicht leisten können. «Unabhängige Filmproduzenten, die sogenannten Independents, sparen sich die Gewerkschaftstarife, indem sie Crews bevorzugen, die keinen Gewerkschaften angehören.»

Da es sich um eine englische Produktion handelte, schlug jeder Tag mit mehreren

10 000 Franken zu Buche. Zürcher nahm dabei die kostenbewusste Position seiner Auftraggeber ein. «Im Lauf der Jahre haben mir gewerkschaftlich organisierte Kamerateams

Basislager auf dem Grindelwaldgletscher.

Filmcrew auf Gletscher unterhalb Schreckhornhütte.

Helikopterlandeplätze beim Basislager.

Basislager auf dem Gletscher.

Daniel Craig.

immer wieder vormachen wollen, man müsse den Drehtag wegen ungenügenden Lichts abbrechen. Was dann zu einem zusätzlichen Zahltag geführt hätte. Für diese Fälle trug ich immer meinen eigenen Lichtmesser auf mir, um als erfahrener Kameraassistent abzulesen, dass das Licht durchaus ausreicht.»

Der tragische Vorfall, als sich an einem Filmset 2021 ein echter Schuss aus der Requisitenwaffe des Stars Alec Baldwin löste, bestätigte Stefan Zürcher, wie wichtig es ist – und immer gewesen war –, die Sicherheitsvorschriften strikte zu befolgen. «Jeden Produzenten habe ich davon überzeugt, dass wir für Dreharbeiten in der Schweiz einen lizenzierten Waffenexperten verpflichten, der sich mit unseren Waffengesetzen auskennt, über die Lizenz für die Beschaffung von Sprengstoff verfügt und die Aufsicht über alle Aufnahmen mit geladenen Waffen hat.» War der Waffenchef bei einer Szene, in der Waffen zur Anwendung kamen, nicht vor Ort, dann gab Zürcher die Location nicht frei. «Leider streichen Buchhalter, die von der Praxis keine Vorstellung haben, genau diese Positionen bei Sparübungen immer zuerst weg.»

Bei «The Golden Compass» hingegen wurde an nichts gespart. Da der Fantasyfilm in den USA weniger als die Hälfte seiner Herstellungskosten einspielte, wurde die Umsetzung der geplanten Teile II und III der Trilogie gestoppt. Daniel Craig jedoch sollte schon ein Jahr darauf in Zürchers Leben zurückkehren – dann allerdings in der weitaus erfolgreicheren Inkarnation von James Bond.

Stefan Zürcher (ganz links), Daniel Craig (links) und Vic Armstrong, Action-Unit-Director (ganz rechts).

(2015).

«Spectre»

Spektakulärer Höhepunkt mit «Spectre»

«Spectre» war das Highlight in Zürchers Filmschaffen im Auftrag von James Bond. Die Actionsequenz, die ihresgleichen sucht, verlangte ihm alles ab, was er in einem halben Jahrhundert gelernt hatte.

Dass die Produzenten, die hinter dem 007-Franchise stehen, Zürcher eine Carte blanche für diesen finalen Auftrag erteilten, spricht Bände. «Angesichts der Tatsache, dass das so ziemlich die anspruchsvollste Aufgabe war, die mir je zugeteilt worden war, war das ein schöner Vertrauensbeweis.»

Der Startschuss fiel ein volles Jahr vor Drehbeginn. An einem von den Produzenten einberufenen Meeting in London – zugegen waren Regisseur, Stunt-Coordinator, Produktionsdesigner und die weiteren Departementsleiter – wurde das Storyboard vorgestellt. Vor allem so kostspieligen Sequenzen werden stets in gezeichneter Form präsentiert, damit alle Beteiligten dieselbe visuelle Vorstellung teilen.

Die Sequenz, die im Film rund fünfeinhalb Minuten dauern sollte, sah vor, dass Bond die Bösewichte in einem Propellerflugzeug durch eine verschneite Landschaft verfolgt. In einem ihrer Range Rovers wird die Hauptdarstellerin gefangen gehalten. Die Wagen preschen eine Waldschneise hinab, wobei das Flugzeug ihnen folgt und Flügel sowie Fahrwerk einbüsst, bis es schliesslich nur noch auf dem verbleibenden Rumpf den Schneehang hinunterrast, durch eine Scheune bricht und die Fliehenden rammt. Bond kann daraufhin die Gefangene befreien.

«Nach Drehortsuche in der Schweiz, Österreich, Italien und Frankreich machten schliesslich die Drehorte in Österreich das Rennen, die uns der österreichische Produktionsleiter Ernst Vogel vorgeschlagen hatte.» In Sölden wurden die Bergstrasse zum Rettenbachgletscher und das Gipfelrestaurant «Ice Q» genutzt sowie in Osttirol das Bergdorf Obertilliach. Bad Aussee wurde für die Szene gewählt, in der Bond einen kristallklaren See überqueren soll, um eine verlassene Jagdhütte zu finden.

35 000 m² Parkplätze mit Schotter auf Geotextilfolie.

20 Bürocontainer für die Filmproduktion.

Barbara Broccoli vertraute auf Zürchers Wort, dass er die unmöglich scheinende Filmvision umsetzen könne. Er musste garantieren, dass die Aufnahmen in Obertilliach vom 3. bis 6. Januar 2015 mit den Hauptdarstellern gedreht werden können. «Kein leichtes Unterfangen, denn bei Aussendrehs im Winter in den Bergen kann zu viel oder zu wenig Schnee fallen. Im besten Fall verhilft Frau Holle zu einer perfekten Schneedecke.» All diese Möglichkeiten wurden vorher durchgerechnet und alle Massnahmen ergriffen, damit jede Variante in die Praxis hätte umgesetzt werden können.

Die Logistik für die Dreharbeiten konnte in keinem Buch nachgeschlagen werden, es war ein Kraftakt. «Man stelle sich vor, dass 500 Filmleute in ein kleines Bergdorf mit ebenso vielen Einwohnern einfallen. Für ihre Unterbringung buchten wir 500 Einzelzimmer im Umkreis von 80 Kilometern.» Die Parkplätze mit einer Gesamtfläche von 35 000 Quadratmetern wurden auf den Wiesen um das Bergdorf mit durchlässiger Geotextilfolie und 25 000 Kubikmeter Schotter errichtet, um die Flora zu schützen. Darauf standen 20 Bürocontainer für insgesamt 34 Büros, fünf mobile, beheizbare Grosstoiletten, zehn Zelte (50 m × 20 m) mit befahrbaren Böden, Nutzlast 20 Tonnen, in denen Helikopter, Flugzeuge, Spezialeffekte, Küche für die Verpflegung von 700 Personen, und Catering untergebracht

Gipfelrestaurant «Ice Q», Sölden.
Obertilliach im Osttirol.

wurden. Jeder Parkplatz wurde mit Abwasserleitungen, Frischwasser und Stromanschlüssen versorgt.

Jetzt konnte der Bau der Waldschneise in Angriff genommen werden. Erneut legte Zürcher eine durchlässige Geotextilfolie aus, um den Waldboden zu schützen. Er liess die Strecke mit 30 Zentimeter Schotter bedecken. Danach wurde der Schotter gewalzt und mit Wasser vereist. Um den Flug durch die Waldschneise simulieren zu können, wurden zwei 120-Tonnen-Kräne mit einer Höhe von 30 Metern aufgebaut. Dazwischen hingen Tragseile aus Karbonfasern, an denen das Flugzeug aufgehängt war. Mithilfe einer Hochgeschwindigkeitsseilwinde konnte das Flugzeug beschleunigt und abgebremst werden. Mit dem Neigungswinkel der Kräne wurde die Flugbahn exakt bestimmt. Ein Schneeteam mit 30 Leuten war rund um die Uhr im Einsatz, um perfekte Schneekonditionen zu gewährleisten. Nach jedem Drehtag wurden in der Nacht die Spuren der mit dicken Spikes bestückten Reifen der Range Rovers von einem dafür speziell ausgerüsteten Pistenfahrzeug beseitigt. Für die Verfolgungsjagd wurden die Range Rovers umgebaut und mit einem leistungsstarken Motor ausgestattet, um in kürzester Zeit eine Geschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde zu erreichen.

Bonds Flugzeug aufgehängt an Tragseilen.

Bond-Verfolger in Spezial-Range-Rovers.

Spezialraupenfahrzeug mit Kamerakran.

Waldschneise mit 30 Meter hohem Kran.

Die Strasse wurde von einem Fahrzeug der Feuerwehr vereist und das Waldstück mit Schneekanonen beschneit. Für die Vereisung und die künstliche Beschneiung wurden drei Kilometer Wasser- und Stromleitungen verlegt. «Dafür platzierten wir einen Stahlcontainer in einem Flussbecken und liessen die Türen wasserdicht verschweissen, um die 10 000 Liter Wasser zu speichern, die unsere Schneekanonen sowie das Feuerwehrauto versorgten.»

Die meisten Stuntfahrer stammten aus Londons West End. «Auch wenn die Kamera nicht läuft, lieben sie es, das Gaspedal durchzudrücken. Ich musste ihnen klarmachen, dass ihre rücksichtslosen Schleuderpartien die Strasse ruinieren, die wir sorgfältig für sie präpariert hatten.»

Die Scheune, durch die Bond sein Flugzeug krachen lassen sollte, stand ursprünglich an einem anderen Ort. Sie wurde zusammen mit 14 weiteren Häusern und Scheunen den

Bonds Flugzeug kracht auf seiner Verfolgungsjagd durch die speziell für den Film errichtete Scheune.

Der spektakuläre Showdown der Bond-Verfolgungsjagd.

Besitzern abgekauft und am Drehort aufgebaut. Nach Abschluss des Drehs wurden alle Häuser wieder abgebaut und die Umgebung in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Für die Sequenz kamen nicht weniger als zwölf Flugzeuge – in unterschiedlichen Stadien ihrer Zerstörung – zum Einsatz. Für ihre Aufbewahrung und das Parkieren der Geländewagen errichtete Zürcher beheizte Zelte.

Am 3. Januar 2015 reiste schliesslich die 60 Mann starke 1st Unit mit den Stars an. Zusammen mit den lokalen Helfern waren bis dahin bereits 700 Menschen mit der Vorbereitung beschäftigt gewesen. Selbst Barbara Broccoli liess es sich nicht nehmen, den Ort zu besichtigen, an dem James-Bond-Geschichte geschrieben werden sollte – und um ihren langjährigen Snow-Consultant persönlich zu danken.

Der Showdown zwischen Daniel Craig im beschädigten Flugzeug und den Land Rovern war bis ins Detail einstudiert. Regisseur Sam Mendes drehte ausschliesslich mit Weitwinkellinsen, die dem Blickwinkel des menschlichen Auges entsprechen. Der Flugzeugrumpf,

Bond verfolgt im Flugzeug die Range Rovers auf der Bergstrasse vom Rettenbachgletscher in Sölden.

angetrieben von den zwei noch verbliebenen Propellern, verfolgte die Rovers. Das Flugzeug wurde mit einer Hochdruck-Pressluftkanone durch die Scheune geschossen. Für die darauffolgende Kollision, die zur Explosion eines Range Rovers führt, standen die Kameras in sogenannten Crash-Boxes, die wertvollen Linsen mit Kristallglas geschützt. «Wir hatten 80 Marshalls praktisch von Baum zu Baum an roten Warnbändern platziert, damit niemand – versehentlich oder mit Absicht – durch den Wald zu uns gelangen konnte. Inzwischen war Social Media so aufdringlich geworden, dass wir allein fünf Personen für die Abschirmung von Daniel Craig abgestellt hatten. Immerzu wurde er zusätzlich von zwei Bodyguards abgeschottet.» Allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz flimmerte am selben Abend ein Exklusivbericht des ORF über die Bildschirme. Ein Kameramann hatte sich in einem Baum am gegenüberliegenden Hang unter einem Tarnnetz drei Tage und Nächte lang versteckt, um den Stunt zu filmen. «Ihm gelang ein schöner Scoop!»

Der «Ice Q», das gläserne Restaurant auf dem Gaislachkogl in Sölden, bot sich für die Handlung als hochalpine Klinik an. Die Verfolgungsjagd auf der kurvenreichen, schneebedeckten Bergstrasse beim Rettenbachgletscher verlangte den Stuntfahrern alles ab. Sie mussten mit 100 Kilometer pro Stunde fahren, weil das Flugzeug, das sie verfolgte, diese Geschwindigkeit für seinen Flug benötigte.

Im Frühling kehrte Zürcher weitere sechs Wochen nach Obertilliach zurück, um die Rückbauten und die Aufforstung der Waldschneise zu überwachen. Wie beabsichtigt, hatten die ausgelegten Geotextilfolien und der Schotter verhindert, dass die Wiesen- und Waldböden in Mitleidenschaft gezogen wurden, und die Bauern konnten im Juni wie immer ihr Heu ernten. In der Waldschneise zeigte sich gar eine grössere Biodiversität, da die Sonne den Boden erreichte.

«Spectre», der ihn als «Snow Consultant» in den Credits aufführte, erreichte ein Einspielergebnis knapp unter 900 Millionen Dollar. «Seinen Teil zu einem so grossen Film beigetragen zu haben, erfüllt einen mit Stolz. Bond-Filme geben einem die Genugtuung, dass sie von einem weltweiten Publikum noch jahrelang gesehen werden, während andere Streifen in der Versenkung verschwinden.»

Es zieht ihn zurück zum «Spectre»-Drehort in Osttirol. Und zu anderen Plätzen, auf denen längst Gras über die frühere Filmlocation gewachsen ist. Um Freundschaften aufzufrischen, Bekannte wiederzusehen. «Filmemachen geht nur als Kollaboration. Man kommt den Menschen nahe, mit denen man für eine begrenzte Zeit eng zusammenarbeitet, wird Teil ihrer Gesellschaft. Und dann verliert man diese Freunde wieder. Man schlägt Wurzeln und muss diese selbst ausreissen. Wer nicht in diesem verrückten Geschäft arbeitet, wird das kaum verstehen können.»

Daniel Craig nach Zusammenprall mit Range Rover. Stefan Zürcher bei Dreharbeiten in Obertilliach.

Dave Barlia, Basejump Mürrenfluh, Lauterbrunnental.

Nachwort –Hidden Champion

Als ich Stefan Zürcher das erste Mal treffe, trägt er eine Pelzmütze der Schweizer Armee, die Ohrenschützer wegen der bitteren Kälte heruntergeklappt. Es ist mitten in der Nacht. Im Licht der Filmscheinwerfer tummelt sich ziemlich albern ein Liebespärchen im Schnee. Gedreht wird ein Werbespot für Ferrero-Küsschen, irgendwo in den Schweizer Bergen, ich weiss nicht mehr, wo. Meine Mission: einen Mann namens Zürcher zu seinem Einsatz im 007-Film zu interviewen, der demnächst ins Kino kommt. Das Jahr ist 1999, und der Berner Oberländer hat jüngst verantwortet, wie Bond auf einem Motorrad von einem Berggipfel katapultiert wird. Dennoch geht es mir wie vielen: Sein Name ist mir nicht geläufig.

Ausserhalb des Lichtpegels hält er sich einsatzbereit. Jedes Mal, wenn der Regisseur heiser «Cut! Noch mal!» ruft, füllt er mit der unerschütterlichen Geduld des Berglers die Fussstapfen des Liebespaars auf, damit sich dieses im nächsten Take im jungfräulichen Schnee tummeln kann. Die Schneeschaufel hält er wie ein Dirigent seinen Taktstock: Fast liebevoll nimmt er das Weiss auf die Schippe, um es im hohen Bogen herabrieseln zu lassen. Was ich noch nicht ahnen kann: Kaum einer im Filmbusiness weiss so gut mit Schnee umzugehen. So gut, dass George Lucas und Albert Broccoli Millionen auf dieses Gespür setzen.

Die halbe Nacht geht das so. Bis sich die Crew im geheizten Cateringzelt bei Orangenpunsch aufwärmt (beides hat er als Location-Manager organisiert). Die deutschen Werbefilmer beäugen mein viel kleineres Kamerateam argwöhnisch. Was soll an ihrem Schneeschaufelmann so besonders sein? «Stefan, das hättest du uns doch sagen müssen!», sagt der Ferrero-Regisseur vorwurfsvoll, als ihm klar wird, dass er den persönlichen Snow-Consultant der Bond-Familie behandelt hat wie einen gewöhnlichen Handyman. Was Zürcher egal ist.

Zwei Jahre nach der frostigen Nacht treffen wir erneut aufeinander. Dieses Mal trägt er nicht seine vertraute Pelzmütze, sondern ein Baseballcap. Damit fällt er inmitten der vielen Amerikaner nicht weiter auf. Im Auftrag von Steven Spielberg hat er die Drehorte der Grossproduktion «Band of Brothers» organisiert. Auf dem Militärflugplatz Interlaken wird ein authentisches Army-Camp aus dem Boden gestampft, Holzattrappen wirken aus der Distanz wie flugtaugliche Bomber, ein echter US-Marine drillt Schweizer Statisten, wie G. I. zu

Stefan Zürcher an seinem Kraftort am Eigergletscher.

salutieren. Alles Make-Believe. Ich interviewe die besagte Band of Brothers, einen Haufen junger Männer an der Schwelle zum Starruhm. Auch daran kann man Schauspieler erkennen: Sehen sie eine Kamera, dann laufen sie sogar auf den Händen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ganz am Rand des Geschehens steht einer mit dem Rücken zur Kamera. Der Einzige, der in dieser verrückten Scheinwelt seinen Verstand behält. Die Verantwortung des Location-Managers sieht ihm keiner an.

In den kommenden Jahren sollte ich noch öfters feststellen, dass Stefan Zürcher nicht mit seinen Erfolgen hausiert. Und dadurch für die Öffentlichkeit ein Unsichtbarer bleibt. Als

er den ersten Entwurf des Manuskripts zu diesem Buch liest, da äussert er einen Einwand: Ich solle doch versuchen, an den meisten Stellen, in denen von ihm in der Ich-Form die Rede ist, lieber einen Satz mit «wir» oder «unserem Team» zu machen. Mein Hinweis, dies sei in Filmbiografien üblich, und der Leserschaft wäre schon klar, dass hinter ihm eine ganze Crew steht, fällt nicht auf fruchtbaren Boden. Er wird es mir hoffentlich nachsehen, dass ich diese Bescheidenheit hier erwähne.

Als ich ihm bei unserer nächsten Begegnung vorrechne, dass seit «Band of Brothers» zwölf Jahre vergangen sind, verdreht er die Augen. «Wo sind nur all die Jahre geblieben?» Er hat einem Zeitschriftenartikel über sein Leben zugestimmt. Er schlägt den Golfplatz Interlaken für ein Gespräch über seine Filme vor. Denn Golfen ist ihm mindestens so wichtig. Den Korbstuhl dreht er so, dass er die Berge sehen kann. Kaum ein Gipfel, an dem er nicht schon gefilmt hat. Dass das Schweizer Panorama immer wieder auf Kinoleinwänden in aller Welt zu sehen ist, geht auch auf seine Kappe. Die er an diesem Tag nicht trägt.

Er erzählt mir von der Sache mit dem Glück. Das ihn stets fand, ohne dass er es hätte suchen müssen. Ein Filmengagement folgte dem anderen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass jemand ihm gutes Geld dafür zahlen würde, um das zu tun, was er am liebsten tut: «Ski fahren!» Am Ende des langen Gesprächs muss ich gestehen, seine Erzählungen sprengen den Rahmen eines Magazinberichts. Ein Buch, sage ich ohne Hintergedanken, wäre das passendere Format. Die hellen Augen leuchten noch heller, das Grinsen im wettergegerbten Gesicht wird breiter.

2016 stehen wir zusammen dort, wo all das begann: auf dem Schilthorn, 50 Jahre nach dem Bond-Streifen, der sein Sprungbrett in diese verrückte Kinowelt war. Als er mit seinen Mitstreitern seine Handabdrücke für die Nachwelt hinterlassen soll, kann ich es ihm ansehen: Wohl ist ihm im Blitzlichtgewitter der Fotografen noch immer nicht. Wir trinken Wodka-Martinis nach James Bonds nicht mehr so geheimen Rezept, und wie immer wird er von den vielen Reportern kaum wahrgenommen. Dabei kommt er soeben von seinem grössten Einsatz für 007, der Flugzeug-Sequenz in «Spectre». Und endlich dämmert mir, was es mit seiner Kappe auf sich hat, dass er es schafft, noch immer unter dem Radar der Schweizer Prominenz zu fliegen: Es muss eine Tarnkappe sein!

In einem unserer Gespräche zu dieser Filmografie habe ich ihn einmal gefragt, ob an diesen vielen Drehorten eigentlich jeweils ein Klappstuhl für ihn bereitstand, auf dessen Rückenlehne Name oder Funktion geschrieben war. Die Art von Stuhl, die den bekannten Persönlichkeiten am Set vorbehalten ist. Seine Antwort war typisch für den Mann, den ich nun so viel besser kannte als in jener Nacht in den Bergen: «Ich brauchte keinen Stuhl – ich hatte ja nie Zeit, mich zu setzen!» Hätte es diesen Stuhl gegeben, «Hidden Champion» wäre die korrekte Beschriftung gewesen.

Roland Schäfli, April 2023

Dreharbeiten zu «Five Days One Summer».

Gedanken

Als Kind verbrachte ich viel Zeit draussen in der Natur und lernte früh, die Naturgesetze zu lesen und zu respektieren. Sie brachten mir strukturiertes und vernetztes Denken bei. Für mich zeigte sich das Göttliche in der Natur und im Universum. Ich vertraute darauf, dass sich im richtigen Moment das Richtige ereignete. Ich schickte einen Wunsch in Richtung Himmel und überliess es dem Universum, die Details zu regeln.

Ich versuchte, in jedem Menschen das Gute zu sehen und ihn gern zu haben. Nicht nur Kinder haben Träume, sondern auch Erwachsene. Diese Träume darf man nie zerstören. In meinem Führungsstil bezog ich die Ansichten und die Ideen meiner Mitarbeiter immer in meine Entscheidungen ein. Ich kommunizierte visuell mit Storyboards, vielen Skizzen und Zeichnungen, denn eine gute Kommunikation ist der Schlüssel für gegenseitiges Verstehen. Man muss als Kommunikator auch ein guter Zuhörer sein. Ich habe oft lange zugehört und nachgedacht, bevor ich nichts sagte.

Ich traf auf Menschen, die mir sehr geholfen haben und denen ich allen danken möchte; auf Wolfgang Glattes, der mich in der Bavaria in München in die Geheimnisse der Produktion von Filmen einführte; auf Leonard Gmür, mit dem ich als Produktionsteam so gut zusammenarbeitete; auf Micky Moore, der mich lehrte, wie ich meine Ideen zu Ideen anderer machen konnte, vorausgesetzt, man liess sein Ego nach den morgendlichen Turnübungen zu Hause.

Danken möchte ich Sonja Schneider für die schönen gemeinsamen Jahre und unseren Sohn Flavio. Flavio ist für mich Sohn und bester Freund. Ich freue mich jeden Tag über die innige Beziehung zu ihm, seiner Frau Julia und meinem Enkel Jamie-Ray.

2020 veränderte ein Schlaganfall mein Leben. Dank meiner Kämpfernatur habe ich nicht aufgegeben und mich ins Leben zurückgekämpft. Ich freue mich heute über Dinge, die ich noch machen kann, und trauere nicht den Dingen nach, die ich nicht mehr machen kann.

Einen herzlichen Dank geht an meine Jugendliebe und Lebenspartnerin, Corina Fortmann. Sie stand mir in guten und in schlechten Zeiten bei und ist eine immense Bereicherung für mein Leben. Ohne sie würde es dieses Buch nicht geben.

In der TV-Show «Good Morning America» (ca. 60 Mio. Zuschauer täglich) erzählte ich dem Moderator Matt Lauer meine Lebensgeschichte, und er stellte fest: «Stefan, you are a very famous person. It must be terrible walking down Broadway, and nobody knows you.» (Stefan, du bist eine sehr bekannte Persönlichkeit. Es muss fürchterlich sein, auf dem Broadway zu spazieren, und niemand erkennt dich.) Meine Antwort lautete: «THANK GOD!»

autorenporträts

Stefan Zürcher (*1945) begann als Stuntskifahrer und machte Karriere als Location-Manager, Produktionsleiter und Filmproduzent. Bekannt wurde er durch seine Mitarbeit als Snow-Consultant an Schnee- und Bergsequenzen der James-Bond-Filmreihe, die zu Weltsensationen wurden.

Roland Schäfli (*1968) steht als Medienschaffender seit 35 Jahren im Dienst von Verlagshäusern, Fernsehstationen und Filmmagazinen. Er hat mehrere Bücher geschrieben, die in Schweiz, Deutschland und USA erschienen sind.

stefan zürcher Im Geheimdienst von James Bond

Meine Erlebnisse mit Stars und Stunts aus über 50 Jahren Filmgeschäft

Er fuhr Schlitten mit Pierce Brosnan, spielte Golf mit Sean Connery, trank Rotwein mit Friedrich Dürrenmatt, wanderte mit Jon Voight, doubelte als Stuntskifahrer Robert Redford und raste als Erster fürs Schweizer Fernsehen die Lauberhornrennstrecke mit einer Kamera hinunter. Nach einer beispiellosen 55-jährigen Filmkarriere erzählt Stefan Zürcher von haarsträubenden Stunts und aber witzigen Situationen an Drehorten, wie sie sich nur in der Welt des Kinos abspielen können. Wie er für Warren Beatty die Dünen der Sahara einebnete, mit Liza Minnelli die Reeperbahn unsicher machte und im Auftrag von James Bond beinahe im Iglu erfror: Die Lebensgeschichte des Berner Oberländers ist ein Blick hinter die Kulissen unvergesslicher Filme.

ISBN 978-3-03818-491-1

Weber Verlag AG

CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch

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