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Peter Imhof – Sense

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sense

Wild und romantisch ist sie, die Schlucht der Sense – fesselt jeden, lässt manchen nie mehr los, so auch den Buchautor. Über Jahre war er unterwegs mit seiner Kamera, suchte sich einen Weg durch Wasser und Steinwüsten, gepackt vom Zauber dieser Auenlandschaft. Seine Passion: das einzigartige Bild, die besondere Stimmung des Augenblicks im jeweiligen Licht der Jahreszeiten festzuhalten – beim Erwachen des Frühlings, in der Hitze des Sommers, im sanften Herbstlicht und ebenso bei klirrender Kälte im Winter. Peter Imhof schafft mit seinen Bildern und begleitenden Texten einen ungewohnten neuen Zugang zum Reichtum der Senseschlucht: spannt den Bogen von den Alpenrosen am Abgrund zur Dramatik eines ungestümen Hochwassers – bis zum geduldig erdauerten Bild einer Ringelnatter beim Sonnenbad.

Peter Imhof

Wilde Urlandschaft

Peter Imhof

sense

«sense» ist eine Hommage an all die Schönheiten einer der wohl letzten natürlichen Urlandschaften am Alpenrand. Mit Bild und Text öffnet das Buch Fenster zu 16 eigenen Welten einer vergessenen Schlucht, die zu entdecken manches Erlebnis verspricht. Texte / Bilder: Peter Imhof

ISBN 978-3-03818-034-0 Werd & Weber Verlag AG CH-3645 Thun / Gwatt www.werdverlag.ch www.weberverlag.ch

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sense Wer verbindet «Sense» nicht gern mit Erinnerungen an eigene, unvergessliche Sommertage? Sense, als Freibad in der berauschenden Natur, als romantisches Western-Paradies, als Plausch am Feuer mit Familie und Freunden, das erholsame Wandergebiet, das Jogger-Eldorado. Oder einfach ein bezaubernder Ort zum Abschalten und Auftanken. Und welchem Fischer liegt die Flusslandschaft nicht seit jeher am Herzen? Jäger und Wildhüter kennen jeden Wildwechsel. Unerschrockene mit Seil und Haken lieben den Kick in den Kletterwänden. Und bei günstigem Wasserstand suchen die Kanuten ihre Herausforderung im Wildwasser. So hat jeder seinen ganz eigenen Zugang zum Fluss, zur Schlucht, findet hier am Wasser seine Welt, die ihn begeistert, immer wieder anzieht. Irgendwann vor Zeiten wurde die Sense zum Grenzfluss zwischen zwei Kantonen. Und obschon sie ja nirgends unmittelbar an der Sprachgrenze kratzt, auch nicht wirklich den Röstigraben markiert – sie ziert sich gern auch als «Singine» mit dem Charme der Romandie. Wen die Kinderstube der Sense interessiert, nimmt die Karte zur Hand. In der Region Schwarzsee liegt die Wiege der Warmen Sense. Etwas weiter abwärts gesellt sich dann die Kalte Sense aus dem Gantrischsee hinzu, begleitet von Hengst- und Muscherensense. Als kristallklare, natürliche Gebirgsbäche sind sie die wichtigsten Zubringer aus den Quellgebieten, die sich beim Zollhaus zur eigentlichen Sense vereinigen. Geneigte Abenteurer zieht es irgendwann hinab zu ihr ins steinige Bachbett, vielleicht dort, etwas unterhalb der Guggersbachbrücke, wo das offene Tal sich zum wilden Canyon verengt. Doch was ist es wirklich, das diese Abenteurer bewegt, dem Flusslauf zu folgen, durch die unwegsame Schlucht, hundertmal über Steine, durchs Wasser?

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Einer von ihnen muss es wissen, der Autor dieses Buches. Für ihn ist es vorab die Einzigartigkeit dieser Urlandschaft, die ihn fasziniert. Eine Einzigartigkeit, die in dieser Form im weiten Umkreis kaum so zu finden ist, weder an der Saane, an der Gürbe, noch an der Aare. Bilder und Texte des vorliegenden Buches sind auf solche Einzigartigkeiten fokussiert. Jedes Bild liesse sich auch als Reflexion von Raum und Zeit definieren, als Momentaufnahme oder als festgehaltene Stimmung eines flüchtigen Augenblicks – zusammengetragen in unzähligen Exkursionen. Es sind Momente, die den Autor beeindruckten, ihn zum Staunen, zum Nachdenken anregten. Oft sind es scheinbar banale, unscheinbaren Dinge oder etwas total Unerwartetes, das ihn bewegte: Die Alpenrosen beispielsweise, ganz aussen am Abgrund, an den Senseflühen. Oder das Geheimnis der hundert smaragdgrünen Glungge; das Rätsel der mächtigen Felsblöcke überall in der Schlucht, die vor Urzeiten von den Flühen in die Tiefe gedonnert sein müssen. Und warum spricht niemand von den zerklüfteten, steilen Hangwäldern, dem verborgenen Kosmos, der sich im gespenstischen Halbdunkel hinter der dichten Ufervegetation verbirgt? Man könnte hier durchaus von vergessenen Parallellandschaften sprechen. Doch auch der Reichtum der Flora fordert den aufmerksamen Betrachter heraus, und erst recht die Fauna, diese Welt der Schlangen, Echsen, Amphibien, Schmetterlinge und Biber. Gemse und Hirsch gehören dazu, und auch Wildkatze und Luchs haben sich irgendwann fast unbemerkt eingeschlichen. Diese faszinierende Vielfalt und die Schönheiten dieser Flusslandschaft mit eigenen Augen zu sehen, immer wieder neu zu entdecken − zu diesem Abenteuer möchte dieser Bildband jedes naturverliebte Herz verführen.

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Die wilde Schönheit der Schlucht Sensegraben wird diese natürliche Auenlandschaft oft genannt, in der sich das Wasser der Sense als lebendiger Voralpenfluss immer neu seinen Weg bahnt. «Graben» scheint offenbar eine Frage des Standorts, des Blickwinkels zu sein. Angenommen, man gönnt sich ein erfrischendes Bad in einer der hundert smaragdgrünen «Glungge». Wer würde behaupten wollen, er oder sie bade hier in einer Schlucht? Graben kommt der Realität hier doch näher. Die Wahrnehmung kann sich allerdings sehr schnell ändern, wenn man sich dort oben hinaustraut, an den Rand der steil abfallenden Sandsteinflühe, und einen Blick in die Tiefe wagt. Ein heimliches Erschauern treibt einem die ersten Schweissperlen auf die Stirn. Beim Anblick dieser atemberaubenden Topografie drängt sich der Ausdruck Schlucht nun geradezu auf. Der Blick stürzt hier unvermittelt in den Rachen eines imaginären Untiers. Von beschaulicher Idylle ist weiss Gott nichts zu spüren. Zur Sicherheit klammert man sich vielleicht an einen Baumstamm, blickt beeindruckt in den Abgrund einer nahezu zweihundert Meter tiefen Schlucht. In dieser Umgebung drängt sich die Frage auf, wo denn ein Graben rein geologisch betrachtet aufhört, ein Graben zu sein, und zur Schlucht wird.

und beobachten, wie die blauen Schatten der Dämmerung hinabsinken ins Flussbett. Minuten später die Stimmung geniessen, wenn die blutrote Sonnenscheibe hinter den Jurahöhen sachte versinkt, auch das letzte Fünklein Licht erlischt, die Landschaft sich im blauen Dunst verliert. Diese Momente sind es, die uns hier immer wieder faszinieren. Falls es Kraftorte geben sollte, dann gehören diese Orte hier am Rand der Schlucht bestimmt dazu. Eine nochmals andere Ansicht bietet sich dem Beschauer auf der einstigen Burgstelle Helfenstein, die unterhalb der Strasse leicht zu erreichen ist. Von der Burg selber ist zwar nichts mehr auszumachen, doch die Sicht auf den Fluss ist von hier einzigartig. Richtung Norden folgt der Blick den Windungen des Flusses, der dann unter der gedeckten Sodbachbrücke in eine nächste Geländekammer entschwindet. In die andere Richtung, flussaufwärts, gegen Südwesten, mäandert die Sense als silbriges Band durch den Flussgrund, verschwindet immer wieder, um hinter einer neuen Biegung wieder aufzutauchen. Die bewaldeten Hänge hier im Bild versinken in der Melancholie der Wintermonate. Im Sommer verdecken die Laubbäume grosse Teile dieser Sicht, lassen von hier aus den Flusslauf nur erahnen.

Neben den Badegästen am Wasser gibt es jene etwas kleinere Gruppe von stillen Geniessern, die die Landschaft nirgendwo mehr beeindruckt und fasziniert als eben am äussersten Rand der Schlucht, hoch oben, über dem sanften Rauschen des Flusses. Hier, wo sich das breite Flussbett mit seinem aufgefächerten Wasserlauf auf einen Blick uneingeschränkt erfassen lässt. Hier, wo das satte Grün der Baumkronen sich an die steilen Hänge schmiegt. Wo lassen sich jene besonderen Momente intensiver empfinden, wenn die Sonne mit ihrem warmen Licht des Spätnachmittags die rechtsufrigen Baumkronen zart mit Gold übergiesst – wo, wenn nicht am Rand der Schlucht? Dann still verweilen, sich Zeit gönnen

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< Das warme Abendlicht der tiefstehenden Sonne verleiht den knorrigen Föhren am Schluchtrand einen exotischen Zauber. 2.5.2012 | 19.39 Uhr Dorfwald, Senseflühe

> Die Abendsonne vergoldet den Schluchtrand, bevor sie etwas später als blutrote Scheibe hinter den blauen Jurahöhen versinkt. 2.5.2012 | 20.11 Uhr

Dorfwald, Senseflühe

<< Das zarte Licht eines Frühlingstages verzaubert für einen Moment den Blick in die Tiefe. 29.5.2012 | 17.07 Uhr Dorfwald, Senseflühe

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< Ganz aussen am Fluhrand kämpft ein Ahorn gegen Sturm und Trockenheit ums Überleben, begleitet von einem Busch Alpenrosen. 17.6.2011 | 14.16 Uhr Dorfwald, Senseflühe

> Der eindrückliche Blick in die Tiefe, wo sich das Wasser der Sense frei seinen Weg sucht. Das üppige Sommergrün der Wälder an den Hängen verdeckt dabei viel von der unwegsamen Wildheit der Schlucht. 17.6.2011 | 13.57 Uhr Dorfwald, Senseflühe

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Das Wunder der Alpenrosen Normalerweise erreicht der Wanderer die Senseflühe vom Parkplatz aus in einer guten Viertelstunde – vorausgesetzt, er kennt den Weg, kennt die Tücken der zahllosen Holzersträsschen im Dorfwald. Der Weg dorthin wäre nicht lang, doch überall, links wie rechts, zweigen weitere Wege ab. Immer dieses Abwägen, immer dieser Zwang zu einer Entscheidung zwischen links oder rechts, die sowieso falsch ist. So wird das Finden des Ortes zur Lotterie, zum Stress, denn wirklich nützliche Wegweiser gibt es nicht einen einzigen. Das Risiko, irgendwo im unwegsamen «Gjätt» zu landen, ist für Ortsunkundige gross. Ob da ein Navi die Lösung brächte? Nehmen wir aber an, der zielgerichtete Weg sei gefunden. Ein sicheres Zeichen dafür ist der lichte Wald mit dem dichten Teppich von Heidelbeerstauden, der sich irgendwann vor uns ausbreitet. Doch ab hier ist Vorsicht geboten, äusserste Vorsicht sogar! Unmittelbar hinter den Heidelbeeren stürzt die Fluh nämlich jäh in die Tiefe. Kein Zaun, keine Abschrankung, nichts als erschreckende Leere. Und hier, ganz aussen, dem Abgrund entlang, führt ein schmaler, kaum schuhbreiter Pfad – für ängstliche Naturen ein Pfad des Schreckens. Ein falscher Schritt, ein Ausrutscher, ein Stolpern, schon ist Schluss – zweihundert Meter freier Fall. Trotzdem gibt es dutzende von wagemutigen Wanderern, die sich liebend gerne weit hinausbeugen, um sich von der Tiefe berauschen zu lassen. Und sogar einige besonders ehrgeizige Biker haben diesen Pfad mittlerweile als speziellen Kick in ihr Pflichtprogramm aufgenommen. Und genau hier, hier an dieser verwegenen Stelle, umgeben von Heidelbeerstauden, entlang der Schlucht, hier blühen sie jedes Jahr neu, die schönsten Alpenrosen. Echte, rostblättrige Alpenrosen; knappe neunhundert Meter über Meer. Und genau das ist es, was man als Wunder empfindet – eines der Wunder, das die Sense als unvergleichliches Naturerlebnis auszeichnet.

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Nicht die Alpenrosen schlechthin sind das Wunder, sondern die Lage, wo sie blühen, weit weg von ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet. Die Alpenrose gedeiht ja nicht einfach so in «Grosis Gärtli» hinter dem Haus – sie bevorzugt normalerweise Lagen ab sechzehnhundert Metern aufwärts, wie etwa am Gurnigel. Da kann es gut und gerne Juli werden, bis sie sich zum Blühen bemühen. Hier im Dorfwald, ganz aussen am Rand der Senseflühe, strecken sie uns ihre Blüten schon im Mai/Juni entgegen. All jenen, die diese besondere Blütezeit hier nicht verpassen möchten, hilft die Natur. Wenn im Dorfwald nämlich die Dolden des schwarzen Holunders in Blüte stehen, dann kann das zarte Leuchten der Alpenrosen nicht mehr fern sein. Wie freut man sich doch jedes Jahr auf diese Zeit. Man möchte sie unbedingt erleben, diese Büsche voller rosa Blüten. Man möchte sie fühlen, den herben Duft der holzigen Triebe riechen. Viel zu schön sind sie zum Pflücken, nicht allein, weil sie geschützt sind. Immer wieder fragt man sich, wie und wann die Alpenrose wohl hier in den Dorfwald, an die Sense gelangt ist. Uralte Büsche müssen es sein, niemand kennt ihr Alter – sie waren immer schon da. Man sagt, die rostblättrige Alpenrose liebe torfigen Grund, wie er dort am Rand der Schlucht vorkommt. Früher haben sich verliebte Burschen die ersten Alpenrosen für ihre Angebetete dort an den Senseflühen geholt. Man erzählt sich, manch einer habe sich dabei zu weit hinausgewagt, habe den sicheren Halt verloren – und nicht zum ersten Mal schmückte ein Sträusschen Alpenrosen ein frisches Grab.

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