Robert Gallmann Prof. em. Yoshifumi Miyazaki Robert Gallmann Prof. em. Yoshifumi Miyazaki
Waldbaden ist eine in Japan seit Jahrzenten erforschte und anerkannte Therapie gegen Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Stress, Burnout und Stoffwechsel erkrankungen. Hinzu kommt, dass der Aufenthalt in Wäldern nachweislich das Immunsytem stärkt. Wandern wohnt ein meditatives Element inne, welches Körper, Geist und Seele in Harmonie vereint. Die beiden Autoren bringen den Leserinnen und Lesern die medizinischen Zusammenhänge des Waldbadens näher und bieten ihnen 33 Wandervorschläge im Kanton Bern. Die Wanderungen führen durch Waldgebiete von b esonderer Schönheit zu Kraftorten wie Kult- und Naturplätzen mit besonderer Ausstrahlung oder spiritueller Energie. Das Buch verbindet so die gesundheitlichen Aspekte des Wanderns mit der Freude an und in der Natur.
THE HIKING THERAPY
THE HIKING THERAPY
THE HIKING THERAPY
Wanderungen zu Kraftorten im Kanton Bern ISBN 978-3-03922-147-9 Weber Verlag AG CH-3645 Thun/Gwatt www.weberverlag.ch
STADT BERN – BREMGARTENWALD
STADT BERN – BREMGARTENWALD
Stadt Bern – Bremgartenwald
Stadt Bern 1. Bremgartenwald Konditionell einfache Wanderung durch hauptsächlich bewaldetes Gebiet – von Bern Neufeld durch den Bremgartenwald zum Kraftort Glasbrunnen, nach Hinterkappelen und zurück nach Bern. In meiner Jugend erzählte man sich manche Gruselgeschichten über den Bremgartenwald – entsprechend hat dieser Wald für mich stets eine unheimliche Aura ausgestrahlt, und ich habe als Kind immer einen grossen Bogen um ihn gemacht. Am Bahnhof Bern besteige ich den 11er-Bus und fahre an der Reithalle und dem Bierhübeli vorbei durch das Brückfeldquartier. An der Haltestelle Neufeld Park & Ride beginne ich meine Wanderung. Ich folge dem Wanderweg der Neubrückstrasse entlang, unterquere die Autobahn und zweige nach ein paar Minuten in Richtung Kleiner Bremgartenwald nach rechts ab. Bei der Wohnwagensiedlung Zaffaraya kann ein kunstvoll gestalteter Drache bestaunt werden, der einen mit seinen Reisszähnen anzulachen scheint. Nach der Fussgängerbrücke trete ich vom Kleinen in den Grossen Bremgartenwald ein, den man in Bern schlicht und einfach nur «Bremer» nennt. Ich folge dem Weg Richtung Glasbrunnen, vorher will ich jedoch noch die Überreste der prähistorischen Wehranlage erkunden, die auf meiner Karte eingezeichnet ist. Statt der Überreste der Festung finde ich jedoch bloss eine Feuerstelle. Enttäuscht breche ich die Suche ab und gehe zum nahe liegenden Weiher. Die Oberfläche ist mit Pflanzen überwachsen, und die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fallen, tauchen die Landschaft in ein magisches Meer aus Grün. Ich setze mich auf eines der beiden Bänklein am Rande des Weihers und entspanne mich. Das Grün beruhigt meine Augen, ich atme tief die frische Waldluft ein, es riecht nach feuchtem Moos und Pilzen. Mein Puls und Atem sind ruhig, mein Blutdruck ist tief, ich bin tief entspannt. Ich schliesse meine Augen und lausche der Natur. Ein Eichelhäher ruft in der Nähe durch das Dickicht, die Blätter rascheln im Wind, sonst hört man keine Geräusche – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Stadt Bern und die Autobahn nur einen Katzensprung entfernt sind. Von diesem Ort geht eine positive Energie aus, die ich in mich aufsauge. Als ich die Augen wieder öffne, bin ich erstaunt, dass fast zwanzig Minuten vergangen sind.
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Stadt Bern – Bremgartenwald
Erfrischt setze ich meinen Weg fort, überquere die (für Motorfahrzeuge inzwischen gesperrte) Halenstrasse und erreiche den Glasbrunnen. Es ist ein unscheinbarer Brunnen, der entgegen seinem Namen aus Stein ist. Er befindet sich in einer kleinen Talsenke, durch die ein Bächlein verläuft. Als ich als Student im Neubrückquartier gewohnt habe, bin ich oft mit dem Fahrrad hier vorbeigekommen, ich wurde irgendwie magisch von diesem Ort angezogen. Damals wusste ich nicht, dass diesem Ort und dem Wasser, das hier entspringt, geheimnisvolle Kräfte nachgesagt werden. Der Glasbrunnen gilt in Esoterikkreisen als mystischer Kraftort. Auf Internetseiten werden die Kräfte des Wassers beschrieben, das angeblich Krankheiten heilen kann. Ein Märchen rankt sich um einen sagenumwobenen Schatz, der hier von einer Fee gehütet werden soll. Diese soll einer Jungfrau, die in einem Schloss im Bremgartenwald wohnte, als Brautgeschenk einen Brunnen aus Edelsteinen (deshalb eventuell der Name) herbeigezaubert haben. Als die Jungfrau, masslos in ihrer Gier, nach mehr verlangte, verlor sie Bräutigam und Schatz zugleich. In der Tat strahlt der Ort eine spezielle Aura von Ruhe und Fröhlichkeit aus. Ich nehme einen grossen Schluck aus dem Brunnen, schaue mich kurz um, und als ich niemanden entdecke, tauche ich meinen Kopf ins kühle Nass des steinernen Brunnentrogs. Es muss ein Jungbrunnen sein, ein wahrer Kraftort, denn ich fühle mich danach wie neugeboren, mein Körper ist gestärkt, meine Gedanken sind (glas-)klar. Zwei Wege führen nach Hinterkappelen; man hat die Wahl, den Wanderweg südwestlich über Hasli oder die Route westlich über Eymatt zu nehmen. Ich nehme letzteren und bereue meinen Entscheid schon bald – der Weg verläuft schnurgerade wie eine Autobahn. Bei der nächsten Abzweigung folge ich dem Wegweiser Richtung Forsthaus Eymatt und bin erneut etwas enttäuscht. Statt dem beschaulichen Forsthaus finde ich eine Baustelle vor: Hier entsteht das neue Tierzentrum (Tierheim) der Stadt Bern. Der Weg überquert nun die Wohlenstrasse, die wie ein langer, von Bäumen eingerahmter grüner Tunnel verläuft. Nach dem Campingplatz Eymatt – ein Indianertipi sticht aus der Menge der Zelte wohltuend heraus – erreiche ich den Fussgängersteg über die Aare. Für jene, die jetzt müde sind, wartet auf der anderen Seite der Bus 101 Richtung Bern Hauptbahnhof (Haltestelle Hinterkappelen Aumatt). Ich halte auf dem Steg etwas inne und schaue der schönen grünen Aare nach. Ein Fluss hat etwas zutiefst Meditatives, er strahlt Ruhe und Kraft aus, alles fliesst. Er ist auch eine Metapher für das Leben: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles ist in Bewegung, alles verändert sich. Als ich mich umdrehe und flussaufwärts schaue, erblicke ich eine Gruppe von Jugendlichen, die mit einem selbst gemachten Floss unterwegs ist. Ich gehe zurück ans Ufer und folge dem Waldweg zur Aare zurück Richtung Osten. Dabei überquere ich einen Bach, in dem fröhlich eine Ente schwimmt. Nach einiger Zeit erreiche ich die Lichtung Hasli, welche die Ethnologische Station der Universität Bern beherbergt. Stetig verändert sich der Charakter des Waldes, einmal licht und hell, dann dicht, feucht und dunkel.
Kraftort Glasbrunnen
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Stadt Bern – Bremgartenwald
Bern (Neufeld P&R) – Glasbrunnen – Hinterkappelen – Bern.
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Stadt Bern – Bremgartenwald
Der Weg verläuft hier parallel zur Aare auf einer Anhöhe und führt nach einiger Zeit hinunter in den Glasgraben, den der Glasbach sich ins Gelände gefressen hat. Hier ist der Wald wild wie ein Urwald, umgestürzte Bäume, mäandernde Bäche und überall dichtes Grün. Ich folge dem Glasbach bis zur Stelle, wo er in die Aare mündet. Der Bach geht in etwas Grösserem auf, in der Aare, die wiederum selbst irgendwann ins Meer fliesst. Mich beruhigt der Gedanke, dass die Wassertropfen, die hier den Bremgartenwald verlassen, irgendwann in Form von Regentropfen wieder an ihren Ursprung zurückkehren – der Kreislauf des Lebens. Der Weg schmiegt sich nun um einen imposanten Sandsteinfelsen und biegt in die sogenannte Drakau ein. Der Name erinnert an Graf Dracula, und es fröstelt mich etwas. Springt jeden Moment ein Vampir vor mir auf den Weg? Im von Berchtold Weber verfassten Lexikon zur Stadt Bern stösst man auf die lapidare Erklärung, dass «Drakau» seit dem 18. Jahrhundert für den nördlichen Teil des Bremgartenwaldes beim Glasbach verwendet wird. Danach geht es hinunter zur Brüggbodenstrasse, die den Bremgartenwald von Bern kommend durchschneidet und über die Halenbrücke mit Herrenschwanden verbindet. Ich wandere unter den Brückenpfeilern hindurch in Richtung Neubrügg. Die rund fünfhundert Jahre alte Holzbrücke ist eine der längsten im Kanton Bern und hat mich schon in meiner Kindheit fasziniert, und ich entscheide, mich kurz vom oberhalb der ARA verlaufenden Wanderweg zu trennen und zur Brücke abzusteigen. Hier kann das kunstvoll verzierte Berner- und Zähringerwappen am Brückenportal und die filigrane Holzkonstruktion bewundert werden – wie viele Bäume hierfür wohl gefällt werden mussten? Jetzt folge ich dem Uferweg, der wegen der heftigen Regenfälle der letzten Tage jedoch an einigen Stellen überschwemmt ist. Kurzerhand ziehe ich meine Schuhe aus und gehe barfuss weiter. Das kühle Wasser fühlt sich angenehm erfrischend an. Die Sonne kommt nun wieder hinter den Wolken hervor und taucht das Blätterdach in ein freundliches Hellgrün. Unzählige kleine Bächlein gurgeln und plätschern melodisch von den steilen Wänden zu meiner rechten Seite herab und liefern eine angenehme Begleitmusik. Das kalkhaltige Wasser hat über die Jahre Tuffstein gebildet, an dem sich hie und da Moos festsetzt. Vorbei am Kraftwerk Seftau erreiche ich die Brauerei Felsenau. Durstig von meiner Wanderung, schmeckt mir der edle Gerstensaft noch besser als sonst. Ein paar Meter weiter besteige ich dann müde, aber fröhlich an der Fährstrasse den 21er-Bus Richtung Bern Hauptbahnhof. Aus dem Bus heraus blicke ich ein letztes Mal auf den Bremgartenwald – falls hier Geister hausen, dann nur gute.
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STADT BERN – ENGEHALBINSEL
STADT BERN – ENGEHALBINSEL
Stadt Bern – Engehalbinsel
2. Engehalbinsel Kurze, aber nicht minder schöne Wanderung über die Engehalbinsel – von Felsenau zum Kraftort Bremgartenkirche, über das Zehndermätteli und durch den Rychenbachwald, vorbei an römischen Ruinen nach Tiefenau. Jede Wanderung ist auch eine Reise in die Vergangenheit. Entweder sie bringt uns die Geschichte der Orte näher, durch die wir uns bewegen, wenn wir an Schlössern, Schlachtfeldern oder archäologischen Ausgrabungen vorbeikommen, oder sie bringt uns unseren eigenen Erinnerungen und damit uns selbst näher. An der Haltestelle Fährstrasse steige ich aus dem 21er-Bus und überquere die Felsenaubrücke nach Bremgarten. Von dort gehe ich den Aareuferweg entlang und folge dem Weg bis zur Engehalbinsel, wo die Zeit stillzustehen scheint. Vorbei am Schloss Bremgarten aus dem 16. Jahrhundert und einem beschaulichen Bauernhof schlendere ich zur Bremgartenkirche. Es ist eine Oase der Ruhe, die ein südenglisches Flair ausstrahlt. Die im romanischen Stil im 10. Jahrhundert auf den Fundamenten eines römischen Tempels erbaute Kirche steht irgendwie verloren inmitten von Wiesen auf der Halbinsel. Das Innere der Kirche ist von schlichter Schönheit, über dem Kirchenschiff erhebt sich eine grüne Holzdecke, durch die gotischen Bleiglasfenster im Kirchenschiff fällt gedämpftes Licht. Ich bin alleine und setze mich auf einen der Holzbänke und bewundere die bunten Fensterscheiben mit christlichen Motiven und die Wandmalereien. Für einen Moment schliesse ich meine Augen und glaube, die besondere Energie zu spüren, die von diesem geschichtsträchtigen Kultplatz ausgeht. Darauf setze ich meine Wanderung entlang der Aare fort. Im Wäldchen Höll komme ich am Tunnel vorbei, der die Halbinsel an ihrem engsten Punkt durchschneidet (was im Sommer intensiv von Aareschwimmern genutzt wird), und erreiche schliesslich die Fähre zum Zehndermätteli. Schön, dass es in unserer modernen Zeit noch so etwas Archaisches wie eine Fähre gibt. Die alten Griechen glaubten, dass der Fährmann Charon sie auf ihrer letzten Reise ins Jenseits über den Fluss Hades in die Unterwelt bringen würde. Aus diesem Grund legten sie den Toten Silbermünzen auf die Augen, damit diese den Fährmann bezahlen konnten.
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Stadt Bern – Engehalbinsel
Leider ist die Fähre hochwasserbedingt nicht in Betrieb, weshalb ich zurück zur Felsenaubrücke gehen und den Umweg über den Pulverrain nehmen muss, der sich entlang dem krummen Flusslauf der Aare schlängelt. Nach einigen Minuten erreiche ich das Zehndermätteli, eine Lichtung, auf der das gleichnamige Restaurant liegt. Kinder spielen auf der Wiese, Mütter trinken Tee, und alte Männer spielen konzentriert Schach. Hinter dem Haus setze ich mich unter die schattigen Ahornbäume und gönne mir eine Erfrischung. Nur einen Steinwurf vom Zehndermätteli entfernt liegt der Keltenwall; einst umgab das Befestigungswerk die ganze Engehalbinsel und war Teil einer keltischen Siedlung (Oppidum Brenodor). Heute ist von der Anlage nur noch ein rund dreihundert Meter langer Wall vorhanden, der im Wald nur beim genaueren Hinsehen noch als solcher zu erkennen ist. Ein steiler Weg führt einige Meter den Hügel hinauf, danach verläuft er parallel zur Aare bis zur Reichenbachfähre. Leider ist auch diese nicht in Betrieb, sonst hätte sich ein Übersetzen gelohnt, denn auf der anderen Seite locken das sehenswerte Schloss Reichenbach und das gleichnamige Restaurant mit gemütlichem Biergarten an der Aare. Ich folge dem Wanderweg Richtung Tiefenau und wandere durch den Rychenbachwald. Vor zweitausend Jahren befand sich hier eine grosse römische Siedlung (Vicus Brenodurum), die von schier endlosen Wäldern umgeben war. Ironischerweise ist es heute umgekehrt: Die Römersiedlung ist im Wald verschwunden, der von modernen Siedlungsräumen eingeschlossen ist. Der Weg führt schnurgerade durch den Wald, und nach einigen Minuten folge ich der Abzweigung zum römischen Bad. Inmitten des Waldes kann man hier die Überreste eines römischen Bades bestaunen. Die Römer pflegten eine ausgesprochene Badekultur, das Bad diente nicht nur der Hygiene und der Entspannung, es war ein wichtiger Mittelpunkt des sozialen Lebens. Bereits als Kind haben mich archäologische Ausgrabungen fasziniert, in den von Gras überwucherten Ruinen hallt das einst vibrierende Leben nach, was in Form von Schwingungen noch heute irgendwie wahrnehmbar ist. Ich gehe zurück auf dem Hauptweg und folge dem Weg, der hinunter an die Aare führt und von dort dem Flusslauf folgt. Ich bin nun im Thormebodewald. Der Name weckt bei mir Assoziationen zum Teutoburger Wald, wo die Germanen den Römern ihre wohl grösste Niederlage zugefügt haben. Für die Germanen war der Wald heilig, sie schrieben den Bäumen mystische Wirkungen zu und widmeten diese ihren Göttern – so war die Eiche dem Donnergott Thor und die Linde der Fruchtbarkeitsgöttin Freya geweiht. Eine zentrale Rolle in der nordischen Mythologie nahm dabei die sagenumwobene Weltenesche Yggdrasil ein. Diese stand als Symbol für den Kosmos und die menschliche Schöpfung und wurde als wissenspendender Lebensbaum verehrt. Auch im Mittelalter wurde bestimmte Bäume als Kultplätze genutzt, etwa in Form von Gerichtsbäumen.
Kraftort Bremgartenkirche
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Stadt Bern – Engehalbinsel
Bern (Felsenau) – Bremgartenkirche – Zehndermätteli – Bern (Tiefenau).
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Stadt Bern – Engehalbinsel
Bald erreiche ich das Thormannmätteli, eine lauschige Schrebergartensiedlung am Ufer der Aare. Ich geniesse die entspannte Stimmung und gehe auf dem Thormannmätteliweg hinauf Richtung Aaregg. Nach dem Spital Tiefenau, ganz versteckt hinter einer Kirche, finde ich, was ich gesucht habe: die Ruinen des ehemaligen Amphitheaters Tiefenau, das Platz für tausendfünfhundert Besucher bot und das kulturelle Zentrum der Siedlung war. Heute steht das Theater auf einer verlassenen Wiese, und ich versuche mir vorzustellen, wie hier römische Bürger vor zweitausend Jahren bei Tragödien geweint und bei Komödien gelacht haben. Von hier folge ich dem Wanderweg hinunter zum Bahnhof Tiefenau, von wo mich die S-Bahn zurück nach Bern bringt. Auf dem Nachhauseweg hallen die Eindrücke der heutigen Wanderung noch nach. Ich bin von den baulichen und kulturellen Leistungen der Römer genauso beeindruckt wie von der engen Verbundenheit der Kelten mit den Bäumen, dem Wald und der Natur. Es wäre schön, wenn wir von Letzteren lernen würden.
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STADT BERN – DER BERNER FORST
Wer einen Baum pflanzt, wird den Himmel gewinnen. Konfuzius
STADT BERN – DER BERNER FORST
Stadt Bern – Der Berner Forst
3. Der Berner Forst Schöne und entspannende Wanderung durch eines der grössten zusammenhängenden Waldgebiete im Kanton Bern – auf historischen Pfaden von Niederwangen zum Kraftort Denkmal Bramberg und ins historische Städtchen Laupen. Der junge Stadtstaat Bern begann sich im 13. Jahrhundert gegen Westen auszudehnen. Als die Burgunder und die Habsburger das zuvor von Bern besetzte Laupen belagerten, kam es zum Konflikt. Die Berner stellten zusammen mit ihren Verbündeten eilig ein Heer zusammen und zogen gen Westen. Bei einem Bauernhof machte die Truppe Rast und verpflegte sich mit Käse und Brot. Eine Bäuerin soll den bunt zusammengewürfelten Soldaten als einheitliches Erkennungsmerkmal weisse Leinentücher kreuzweise auf die Hemden genäht haben. Der Legende nach soll so das Schweizerkreuz entstanden sein. Legende oder Wahrheit, Tatsache ist, dass der kleine Weiler am Rande des Forsts heute noch Chäs und Brot heisst, und so auch die Bushaltestelle, an der ich an diesem Sommermorgen aussteige. Alte Bauernhäuser, Felder, Wiesen – in den letzten siebenhundert Jahren scheint sich wenig verändert zu haben. Ich schultere meinen Rucksack und wandere vorbei an einem endlos scheinenden Feld von Sonnenblumen hinauf zum Matzenriedwald. Der Wanderweg verläuft den Waldrand entlang, wer will, kann aber auch auf einem Weg im Wald über den Grüenebode Richtung Südwesten wandern. Mir jedoch gefällt das Wandern am Waldrand, es bietet das Beste von beiden Welten, den Schatten des Waldes und die Weitsicht auf die Jurakette. Bei der Verzweigung Holzegge folge ich dem Weg Richtung Thörishaus, der mich tiefer in den Wald hineinführt. Ohne Orientierungspunkte kann man sich in dem Wald mit all seinen Wegen und Abzweigungen leicht verlaufen. Im Mittelalter haben sich die Wanderer wohl auch an der Sonne orientiert, wie Seefahrer an den Sternen. In der Tat ist der Vergleich gar nicht so unzutreffend. So hat man das Gefühl, in ein Meer von Bäumen einzutauchen in der Hoffnung, auf der anderen Seite des Ozeans wieder auf «Land» zu stossen. Ich folge dem Weg Richtung Laupen, bei der Verzweigung Totebrünnli fällt mir eine Gruppe von kunstvoll geschnitzten Holzskulpturen auf: Hasen, Pilze, Adler, Zwerge. Ich bewundere die kleinen Kunstwerke und staune, was man aus einem Baumstamm so alles machen kann. Nach einigen Minuten erreiche ich die Lichtung Heitere, die wie eine Insel inmitten eines Ozeans von Bäumen vor mir auftaucht. In der Mitte der Lichtung steht ein stattlicher Bauernhof, zu dem eine mit Eichen gesäumte Allee führt. Irgendwie erinnert der Hof an die Plantage «Twelve Oaks» aus dem Südstaatenepos «Vom Winde verweht».
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