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Anlässlich unserer neusten Ausgabe von «natürlich» habe ich mich dazu entschieden, einen Nacht-Spaziergang in der Natur zu machen. Unzählige Sterne funkelten hell am Himmel, so viele wie man sonst in der Stadt nie sieht. Im Hintergrund bildeten das sanfte Rauschen des nahen Flusses und das Rascheln der Blätter eine Symphonie der Nacht. Über uns erhellte der Mond leuchtend den Nachthimmel und verwandelte die Natur in eine silbrige Traumlandschaft.
Der Mond wirkt so weit von uns entfernt und doch hat er einen grossen Einfluss auf das Leben auf der Erde. Das wohl bekannteste Beispiel hierfür sind Ebbe und Flut. In dieser Ausgabe schauen wir deshalb, inwieweit der Mond nicht nur die Natur, sondern auch uns Menschen beeinflusst.
Wir schauen in dieser Ausgabe darauf, was passiert, wenn der Darm seine Schutzfunktion nicht mehr wahrnehmen kann. Denn dann gelangen Schadstoffe in unseren Blutkreislauf, was verheerende Folgen haben kann. Wir gehen der Frage nach, wie die Naturheilkunde beim sogenannten Leaky-Gut-Syndrom unterstützen kann.
Auch wenn wir langsam auf den Frühling zu gehen, die Erkältungszeit ist noch nicht vorbei. Deshalb zeigen wir in unserem Artikel, wie naturheilkundliche Methoden unser Immunsystem stärken können. Dennoch soll die Vorfreude auf den Frühling nicht zu kurz kommen. Denn egal ob im Garten oder in der Kulinarik, die ersten Frühlingsboten machen sich auch in dieser Ausgabe schon bemerkbar.
Ich hoffe auch Sie lernen den Mond in dieser Ausgabe von einer neuen Seite kennen und inspiriert Sie vielleicht, ebenfalls öfters den Nachthimmel zu geniessen.
Blanca Bürgisser Chefredaktorin «natürlich»
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Raymond Zurschmitten
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12 Porträts aus der Schweiz
Bergbauernfamilien arbeiten unter schwierigen Bedingungen: viel Handarbeit, steile Böden, lange Winter und ein unterdurchschnittliches Einkommen. Die langen Arbeitstage Jahr für Jahr erfordern Idealismus und die Liebe zur Natur. Bergbauernfamilien leisten eine wichtige Arbeit. Sie erzeugen naturnahe und hochwertige Produkte, fördern die Artenvielfalt, verhindern mit der Beweidung der hochgelegenen Flächen Hangrutsche und Verwaldung. Die so gepflegten Landschaften kommen auch dem Tourismus zugute.
Der Fotograf Raymond Zurschmitten porträtiert in seinem bildreichen Buch zwölf Bergbauernfamilien und ihre Betriebe – ergänzt mit hochwertigen Videos zum Herunterladen.
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So fern und doch so nah
Der Mond ist unser ständiger Begleiter und übt seit jeher eine besondere Faszination auf den Menschen aus. Er erhellt die Nacht, steuert die Gezeiten und dient seit Jahrtausenden als Grundlage für Kalender und Zeitrechnung. Ein Blick auf Natur, Mensch und jahrhundertealte Beobachtungen zeigt, wie eng unser Leben mit dem Mond verbunden ist. Während einiges wissenschaftlich belegt ist, stammt anderes aus tief verwurzelten Überzeugungen.
Laura
Spielmann
Die Gezeiten sind wohl der deutlichste Beweis für die Wirkung des Mondes. Mit seiner Anziehungskraft sorgt er für das regelmässige Wechselspiel von Ebbe und Flut, dem die Ozeane in einem festen Rhythmus folgen. Damit prägt der Mond Küstenlandschaften und Meeresökosysteme, denn viele Meeresbewohner richten ihre Fortpflanzung, Nahrungssuche oder Wanderungen nach diesem Rhythmus aus. Aber auch viele Menschen richten ihr Leben nach dem Mond und sind davon überzeugt, dass er Einfluss auf Körper und Gesundheit nimmt. Viele dieser Einflüsse beruhen auf über Jahrhunderte überlieferten Überzeugungen, deren Effekte kaum wissenschaftlich belegt sind.
Einfluss des Mondes
Wenn der Vollmond am Himmel steht, wirkt die Nacht heller, ruhiger und irgendwie anders. Viele Menschen berichten während dieser Zeit von unruhigem Schlaf, intensiven Träumen, gesteigerter Energie, besonderer Stimmung oder innerer Unruhe. Der Zusammenhang zwischen Vollmond und Schlafstörungen ist ein Thema, das in der Wissenschaft schon lange diskutiert wird. Untersuchungen zeigen unterschiedliche Ergebnisse. Während einige Studien belegen, dass Menschen in den Nächten vor dem Vollmond später ins Bett gehen und insgesamt weniger schlafen, zeigen andere Studien keinen signifikanten Effekt. Forschende vermuten hier eher eine psychologische Komponente: Wer mit schlechtem Schlaf rechnet, schläft tatsächlich schlechter. Auch der Menstruationszyklus wurde analysiert. Eine Langzeitstudie deutet darauf hin, dass der Zyklus bei manchen Frauen gelegentlich mit dem Mondzyklus in Einklang steht. Dies besonders bei jüngeren Frauen und bei geringem nächtlichem Lichtaufkom-
men. Allerdings betonen die Forschenden, dass es sich hierbei um Korrelationen handelt und nicht um bewiesene Ursachen.
Erfolgreiche Ernte
Ein weiteres Thema ist der Einfluss des Mondes auf das Pflanzenwachstum und die Landwirtschaft. Verschiedene Kulturen beobachteten über Jahrtausende hinweg den Mondzyklus und richteten ihren Alltag sowie die Landwirtschaft danach aus. Sie waren der Meinung, dass der günstigste Zeitpunkt weitgehend von der Mondphase, der täglichen Bewegung des Mondes und seinem Stand im Tierkreis abhängt.
Noch heute richten sich viele Landwirt*innen nach den Gestirnen aus.
Insbesondere im aufkommenden Ackerbau war es von entscheidender Bedeutung, den Jahresverlauf genau zu kennen und den Mondphasen und anderen Rhythmen der Natur Aufmerksamkeit zu schenken. Denn eine gute Ernte war überlebenswichtig, ebenso wie der richtige Zeitpunkt, wann welches Getreide gesät wird und wann es geerntet werden muss. Noch heute berichten viele Gärtnerinnen und Gärtner von üppigeren Erträgen, wenn sie sich nach diesen Rhythmen richten. Unsere Vorfahren hatten durch diese direkte persönliche Erfahrung die Einsicht gewonnen, dass zahllose alltägliche und weniger alltägliche Handlungen von Naturrhythmen beeinflusst werden. Durch die genaue Beobachtung der Natur und der Mondphasen gelang es ihnen schliesslich, den Mondkalender zu erstellen. Er legte ideale Zeiten für das Säen, Pflanzen und Ernten fest. Aber auch Tätigkeiten wie das Holzschlagen, das Kochen, das Essen, das Brotbacken, die Milchverarbeitung, das Haareschneiden, das Waschen, die Anwendung von Heilmitteln, Operationen, das Angeln und vieles mehr gehörten dazu. Dem Kalender zufolge hat jede Mondphase günstige oder ungünstige Einflüsse. So wird dem zunehmenden Mond beispielsweise ein fördernder Einfluss auf das Wachstum oberirdischer Pflanzen zugeschrieben.
Die genaue Beobachtung der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt machten unsere Vorfahr*innen somit zu Profis des richtigen Zeitpunkts. Sie lebten nach der Erkenntnis, dass der Erfolg nicht nur von den vorhandenen Fähigkeiten und Hilfsmitteln, sondern auch vom richtigen Zeitpunkt abhängt. Diese Erkenntnis war weltweit verbreitet und diente als Grundlage für verschiedene Deutungen. Die Wechselwirkungen zwischen Sonnen- und Mondstand sowie Ereignisse im jahreszeitlichen Verlauf waren den Menschen früher viel bewusster, sodass sie einen erheblichen Vorteil daraus ziehen konnten. Heutzutage ist das Wissen aufgrund der technologisierten Welt jedoch weitestgehend abhandengekommen.
Mondkalender um Mondkalender
Im Laufe der Jahrhunderte waren viele historische Kalender Mondkalender. Noch heute werden alle unsere beweglichen Feiertage nach dem Stand des Mondes berechnet: So wird beispielsweise Ostern stets am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang gefeiert.
Die Mondphasen
Den verschiedenen Phasen des Mondes werden traditionell unterschiedliche Qualitäten zugeschrieben und jede Phase kann auf Mensch und Natur Einfluss nehmen. Diese sollen nachfolgend kurz beschrieben werden.
Neumond: Zeit des Neubeginns. Der Mond «erneuert» sich und lädt sich mit Energie auf. Es fühlt sich so an, als würde die Erde «einatmen». Beim Menschen sorgt der Neumond für Wachstum und Neuanfang. Das Ablegen alter Gewohnheiten wird als besonders effektiv beschrieben. Wer Neues beginnt, hat grössere Chancen auf Erfolg.
Zunehmender Mond: Aufbau und Wachstum. Alles, was dem Körper zugeführt wird, soll eine intensivere Wirkung entfalten. Diese Phase wird zudem als nicht ideal für Operationen oder grössere Verletzungen angesehen, da es zu stärkeren Blutungen aus den Wunden kommen kann. Zudem gilt es als der ideale Zeitpunkt, um Emotionen zum Ausdruck zu bringen und Klartext zu sprechen.
Vollmond: Höhepunkt. Für viele Menschen ist diese Zeit von Intensität, starken Emotionen oder Schlafmangel geprägt. Heilkräuter sollen besonders effektiv sein. Positive wie negative Gefühle werden verstärkt.
Abnehmender Mond: Entlastung und Regeneration. Hausarbeiten lassen sich leichter erledigen, Wunden heilen besser, und Fasten oder Entschlacken führt oft zu nachhaltigeren Ergebnissen. Massagen zum Lösen von Stauungen gelingen besser.
Neben den Mondphasen ist im traditionellen Mondwissen auch die Position des Mondes im Tierkreis von Bedeutung. Während die Sonne etwa einen Monat in einem Tierkreiszeichen bleibt, durchläuft der Mond alle zwölf
Zeichen in ungefähr 28 Tagen. Jedem Zeichen werden bestimmte Körperregionen und Eigenschaften zugeordnet. Unsere Vorfahr*innen waren überzeugt davon, dass Handlungen, die mit diesen Körperregionen verknüpft sind, besonders dann effektiv sind, wenn der Mond im entsprechenden Zeichen steht. Egal, ob es um Haarpflege, Heilbehandlungen oder Gartenarbeit ging: Der Mond im Tierkreis diente als präziser Zeitmesser, um die richtige Zeit für bestimmte Handlungen zu ermitteln. Noch heute gibt es Mondkalender, die Tipps geben, wann welche Unterfangen am besten gelingen.
Im Bann des Mondes
Es steht ausser Frage, dass der Mond einen Einfluss auf die Erde nimmt. Seine magnetische Wirkung steuert die Ozeane, sein Schein durchbricht die Dunkelheit. Unklar ist, inwiefern er unser Schlafverhalten, unsere Gesundheit, das Pflanzenwachstum oder gar unseren Alltag beeinflusst. Sicher ist jedoch, dass er Natur und Mensch sowohl wissenschaftlich als auch kulturell prägt, dass seine grösste Kraft nicht nur im Messbaren, sondern auch im Symbolischen liegt und dass es eine Verbindung zwischen Wissenschaft und jahrtausendelanger Erfahrung gibt. •
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Seine magnetische Wirkung steuert die Ozeane, sein Schein durchbricht die Dunkelheit. »
Mythologie des Mondes
Der Mond ist der Erde ständiger Begleiter. Er ist jedoch weit mehr als eine astronomische Tatsache. Seit Jahrtausenden prägt er das Leben der Menschen und dient als Inspirationsquelle. In verschiedenen Kulturen der Erde regte der Himmelskörper mit seinen Erscheinungen zur Herstellung von Bildern an, die bezeugten, dass das Leben der Menschen schon immer eine spirituelle Dimension hatte.
Maximilian Geiger
Der Mond diente unseren Vorfahren auf ganz praktische Weise dazu, den Lauf der Jahreszeiten und die Zeit zu bestimmen sowie sich zu vergewissern, wann gesät und geerntet werden musste. Dabei blieb er jedoch immer auch eine geheimnisvolle, überirdische Macht. Diese äusserte sich beispielsweise in seinem rätselhaften Zu- und Abnehmen, seinem nächtlichen Erscheinen und täglichen Verschwinden sowie seiner Verbindung zu Ebbe und Flut. Den Mondphasen schrieb man einen Einfluss auf die Abläufe des menschlichen Lebens zu, beispielsweise auf Empfängnis und Geburt.
In vielen Teilen der Welt gab es Darstellungen des Mondes. Besonders häufig verkörperten unterschiedliche Götterfiguren den Himmelskörper. Mit solchen Figuren, die oft Bestandteil grösserer Erzählungen in der bildenden Kunst waren, standen die Kräfte des Mondes den Menschen anschaulich und greifbar vor Augen. Auf einem Streifzug durch die Geschichte lassen sich solche mythischen Verkörperungen, Bedeutungen und Symboliken des Mondes entdecken und in ihrem Spannungsverhältnis mit seinen unsichtbaren Kräften erkunden. Bis heute ist die Faszination der Menschen für den Begleiter unseres Planeten ungebrochen.
Urzeit und Altertum
Vor mehr als 15 000 Jahren haben Menschen dem Mond vermutlich schon Bilder gewidmet. So könnte in den berühmten Höhlen von Lascaux in Frankreich ein Mondkalender dargestellt sein. Astronomische Aufzeichnungen sind seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. aus China und Mesopotamien bekannt. Solchen Zwecken diente wohl auch das weltberühmte Steinensemble von Stonehenge in England, das in der Jungsteinzeit, um circa 3000 v. Chr.,
errichtet wurde. Mit der kreisförmigen Anordnung von Monumentalsteinen aus Basalt wollten die Menschen den Himmel, die Himmelskörper und vermutlich auch den Mond beobachten. Rund um den Erdball versuchte man, die Auswirkungen des Mondes auf das menschliche Leben und die Tageszeiten zu verstehen, und fand dafür mythische Erklärungen. Der Mondgott Sin etwa war einer der wichtigsten Götter der Babylonier*innen. Ihm wurden grosse Tempel gewidmet, wie etwa in der Stadt Ur, wo sich sein Hauptheiligtum befand. Man erkannte Sin an einer Sichel oder einem Bullen. Den wiederkehrenden Mondzyklus deuteten die Menschen als eine Kraft des Gottes, mit der er sich jeden Monat neu erschuf. Dem Mond und dem ihn repräsentierenden Gott schrieb man eine Fruchtbarkeitsmacht zu, da man sich vorstellte, dass er diese Kraft auf alle Lebewesen übertragen könne.
Auch die Ägypter*innen beobachteten den Himmel. Für den Mond stand der ibisköpfige Thot, der auch als Gott der Weisheit und Schrift angesehen wurde. Der Mond kommt im Zusammenhang mit der Vorstellung vom Wechsel von Tag und Nacht vor. Die alten Ägypter*innen glaubten, dass eine vom Sonnengott Re gelenkte Barke tagsüber den Himmel über dem Nil überquert – ein starkes Symbol für den Fortgang des Lebens auf Erden! In der Nacht jedoch fährt die Barke durch das Totenreich. Thot ist der Herold des Sonnengottes und steht diesem im Kampf gegen die drachenähnliche Schlange Apophis zur Seite, die das Boot zum Kentern bringen will. Der Mond ist in dieser Vorstellung also mit der Weisheit verbunden und hilft, den Fortlauf des Lebens zu sichern. Im Alten Ägypten (drittes Jahrtausend v. Chr.) war Thot auch der Gott der Zeit, deren Verstreichen mithilfe des Mondes festgestellt wurde
Oben Links: Thot – eine bedeutende Figur der altägyptischen Götterwelt.
Oben Rechts: Stonehenge in England.
Unten: Artemis.
Auch die alten Griech*innen stellten sich den Mond in Form einer handlungsfähigen Figur vor. Die Göttin Selene, Schwester des Sonnengottes Helios und der Göttin der Morgenröte, Eos, war im Himmel mit einer silbernen Kutsche unterwegs, die von geflügelten Pferden gezogen wurde. Eine weitere Göttin, die ebenfalls mit dem Mond verbunden war, trug den Namen Artemis, die Schwester des Sonnengottes Apollon. Als Göttin der Jagd war sie Herrin der Nacht und der Dunkelheit. Eine Sonderrolle nahm Hekate ein, die oft mit drei Köpfen dargestellt wurde. Man schrieb ihr ein okkultes, geheimnisvolles Wesen und Wissen um die natürlichen Prozesse des Vergehens und Werdens der Dinge auf Erden zu. Sie galt als Göttin der Übergänge. So wurde Hekate auch mit den Mondphasen in Verbindung gebracht.
Im antiken Rom orientierte man sich bei der Systematisierung des Kosmos eng an den griechischen Vorbildern. Luna war somit das Pendant zu Selene. Diese mythologische Figur diente beispielsweise dazu, Herrschaftsverhältnisse in der Politik anschaulich zu machen: Ehefrauen der Herrscher wurden oft mit Luna gleichgesetzt, während die Männer Apollon bzw. Sol entsprachen. Besonders prominent trat Diana in Erscheinung, das Pendant zu Artemis bei den Griechen. Die scheue Jagdgöttin wurde mit Pfeil und Bogen und oft auch mit der Mondsichel im Haar gezeigt. Da sich das Wild vornehmlich bei Nacht bewegte, wurde sie zur Gebieterin der Dunkelheit. Eine besondere Geschichte macht die römische Mondgöttin zur Protagonistin einer Liebesszene. Der schöne Hirte Endymion lag schlafend im Mondschein, als sich Diana ihm
näherte und ihn liebkoste. Da er wusste, dass die keusche Göttin sich nie von ihm verführenlassen würde, erbat er vom Göttervater Jupiter ewigen Schlaf, um sich ihren Zärtlichkeiten weiterhin hingeben zu können.
Die Geschlechterzuweisung von Sonne und Mond – sowohl im Griechischen als auch im Römischen ist die Sonne männlich, der Mond weiblich – war in anderen Kulturen und Zeiten jedoch variabel. So wurde die Sonne in der nordischen Mythologie beispielsweise mitunter als weibliche Gottheit angesehen, der Mond hingegen als männliche. In der griechischen und römischen Mythologie, die vor allem in der frühen Neuzeit (ca. 15.–18. Jahrhundert) wieder aufblühte, wird der Mond zum Spiegelbild zwischenmenschlicher Beziehungen sowie der Beziehungen zwischen Mensch und Natur. In den berühmten Monddarstellungen des Malers Caspar David Friedrich veranschaulichen Figuren, die den Mond betrachten, auf faszinierende Weise die Bedeutung der Natur für den Menschen. Seine Bilder werden der Kunst der Romantik zugeordnet, und es scheint, als gäbe der Mond auch Aufschluss über die Beziehungen der Figuren zueinander.
Die Erfindung des Teleskops im frühen 17. Jahrhundert veränderte die Sicht auf den Himmelskörper. Zwar wurde es möglich, sich eine Vorstellung von der Mondoberfläche zu machen, doch Spekulationen über Leben auf dem Mond konnten aufgrund der unzureichenden Qualität der optischen Eindrücke natürlich nicht ausgeräumt werden. Wissenschaftliche Neuerungen änderten nichts am Interesse an künstlerischen Darstellungen des Mondes in Form von Götterfiguren.
In der Bibel ist der Mond keine Gottheit Nach der Sichtung dieser teils sehr alten Mythologien des Mondes und seiner Gottheiten sorgt ein Blick in die Bibel für Überraschungen. In der Bibel wird der Mond nämlich nicht als Gottheit dargestellt, sondern als Himmelskörper an sich verstanden. In der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament heisst es: «Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei grosse Lichter: ein grosses Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.»
Der Mond erscheint somit als die bestimmende Macht der Nacht und als ein natürliches Element der biblischen Schöpfungsgeschichte. Ihm kommt sogar eine Funktion zur Festlegung von Zeiten, Tagen und Jahren zu. In vielen
Religionen spielt der Mond – in Verbindung mit der Sonne – eine wichtige Rolle. Besonders der Mondzyklus ist hierbei ein wichtiger Bezugspunkt, so etwa in der islamischen Zeitrechnung. Der islamische Kalender besteht aus zwölf Mondmonaten.
Feste für den Mond
Die Betrachtung der Mondphasen lässt sich als eine Art Scharnier zwischen einer astronomisch-wissenschaftlichen und einer spirituell-mythischen Betrachtung des Mondes auffassen, die mit dem Leben der Menschen verbunden ist.
So richten die Mitglieder des Stammes der Ngas in Nigeria beispielsweise ihr soziales Leben und den Ackerbau nach dem Mondkalender aus. Wenn sich die neue Mondsichel zeigt, wird ein rauschendes Fest zur Erntezeit gefeiert. Dabei werden Pfeile in die Luft geschossen, um den Mond zu erlegen und den neuen Mond herbeizurufen.
Die Spuren der antiken Mythologien in unserer Zeit zeigen sich beispielsweise in der biodynamischen Landwirtschaft. So geben Mondkalender über günstige Pflanz- und Erntebedingungen Aufschluss. In der Demeter-Landwirtschaft ist die Pflanzzeit konkret mit der Phase des absteigenden Mondes verbunden. Eine Wirkung davon sei etwa eine Vitalisierung der Wurzeln. Dies ist die Zeit der Bodenbearbeitung. Im Umkehrschluss geht mit dem aufsteigenden Mond eine Vitalität der oberen Pflanze bis zur Blüte einher. In dieser Zeit fallen Erntearbeiten an. Demeter ist ein direkter Bezug auf die griechische Götterwelt, genauer gesagt auf die Göttin Demeter. Die Mythologie des Mondes zeigt eindrucksvoll, dass Menschen und Kulturen Teil einer kontinuierlichen Geschichte sind, die bis in unsere Tage reicht. Die gesellschaftlich-soziale
In China werden zum Mondfest traditionell runde Mondkuchen gegessen.
Seite der Mondbetrachtung zeigt sich auch in der chinesischen Kultur. Mond und Sonne wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert mit Ritualen und Opferzeremonien verehrt. Die Verbundenheit mit dem Mond äussert sich in der Verehrung des Vollmondes. Seine runde Form symbolisiert die Vollständigkeit und Einheit der Familie. So wird am 15. Tag des achten Monats bei Vollmond das Herbstfest gefeiert. Hierbei kommen Familienmitglieder zusammen und zelebrieren den Tag mit runden Mondkuchen.
Auch in Japan gibt es eigene Feierlichkeiten zum Mond: das Jugoya- oder Tsukimi-Fest. Es findet im Herbst bei Vollmond statt und dient dem Innehalten, der gemeinsamen Himmelsbetrachtung sowie dem genussvollen Essen und Trinken. Die Feierlichkeiten haben ihren Ursprung in China, wurden dann aber während der Heian-Zeit (794 –1185) in Japan in höfisch-aristokratischen Kreisen etabliert. Später festigte sich das Fest in allen Gesellschaftskreisen. In der Landwirtschaft dankten die Bauern beispielsweise für eine gute Ernte von Reis oder Süsskartoffeln. Der Mondgott der japanischen Shinto-Religion heisst Tsukuyomi. Er entstand dem Mythos zufolge dadurch, dass der Urschöpfergott Izanagi sich nach seiner Unterweltreise bei seiner Reinigung das rechte Auge auswusch. Der Mondgott ist der Bruder der Sonnengöttin Amaterasu und wird als Herrscher über die Nacht betrachtet. Wie in der griechischen und römischen Mythologie bestehen auch hier Verwandtschaften zwischen den Gottheiten des Himmels.
Ungeachtet des naturwissenschaftlichen Fortschritts, wie er sich in der Mondlandung im Jahr 1969 vor aller Augen der Welt manifestierte, verlor der Mond nichts von seiner uralten kosmischen Bedeutung und magischen Wirkung in der Wahrnehmung der Menschen. •
Im Jahre Bingchen zum Mondfest, feierten wir bis zum Morgengrauen in tiefem Rausch. Ich schrieb diesen Text und dachte gleichzeitig an Ziyou.
Heller Mond, wann erschienest du?
Bei etwas Wein fragte ich den Himmel. Im Palast des Himmels weiss niemand, in welchem Jahr dieser Abend liegt.
Ich möchte auf dem Wind nach Hause reiten, allein ich verstecke mich im Mondpalast, als könnte ich die Kälte in der Höhe nicht ertragen. Also tanze ich im Schatten des Mondlichtes, diese Menschenwelt – Wie kann ich sie mit eurer vergleichen?
Drehende rote Kammern, herabgelassene Stofffenster, du scheinst auf die Schlaflosen. Du willst uns nichts böses, aber warum bist du so voll, wenn Menschen getrennt sind?
Menschen haben Kummer und Freude, Trennung und Zusammenkunft, Der Mond hat dunkle und klare, volle und halbe [Zeiten], solche Dinge waren schon immer kompliziert. Aber ich hoffe, wir beide werden ein langes Leben haben, auch wenn uns tausend Meilen trennen, können wir doch die Schönheit des Mondes zusammen geniessen.
Su Shi, 1037–1101
Starke Abwehr mit natürlichen Kräften
Die Immunabwehr ist in den kalten Monaten besonders gefordert. Keime und Viren lauern überall. Die Naturheilkunde bietet ein ganzes Arsenal an Methoden, um das Abwehrsystem zu stärken und uns vor Erkältungen und Grippe zu bewahren.
Fabrice Müller
Jeder Mensch verfügt neben seinem physischen Körper über eine Art Wärmeschild», erklärt Sonja Wunderlin aus Laufenburg AG, Naturheilpraktikerin und Dozentin an der Akademie für Naturheilkunde in Basel sowie an der Wildkräuterschule Schweiz. Wenn der Körper mit Keimen oder Viren konfrontiert werde, sei die Grösse dieses Feinstoffkörpers, auch als Aura bekannt, unter anderem dafür verantwortlich, wie wirkungsvoll das Immunsystem auf virale Angriffe von aussen reagieren könne. Verfüge dieser Wärmeschild über Schwachstellen, steige die Gefahr, anfällig für Krankheitserreger zu sein. Ein wichtiges Ziel einer naturheilkundlichen Behandlung sei es deshalb, diesen Wärmekörper zu stärken und somit auch die Immunabwehr zu fördern, betont Sonja Wunderlin. Als Ursache für eine Schwächung nennt die Naturheilpraktikerin zum Beispiel Stress, Schlafmangel, äusserliche wie auch innerliche Kälte, ausgelöst etwa durch Kummer oder Ängste. «Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf ein geschwächtes Immunsystem. In allen Fällen ist jedoch ein Übermass an Kälte vorhanden», erläutert Sonja Wunderlin.
Blick auf die Lebensführung
Am Anfang einer ganzheitlichen Behandlung nach der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde steht das Patientengespräch, um herauszufinden, welche Faktoren zu einer Schwächung des Wärmekörpers und somit des Immunsystems geführt haben. Neben körperlichen und seelischen Gründen kann laut Sonja Wunderlin auch die individuelle Lebensführung eine Rolle spielen. «Wurde über einen längeren Zeitraum hinweg einem Thema zu wenig Beachtung geschenkt – zum Beispiel durch zu wenig Bewegung, einer einseitigen Ernährung oder auch zwischenmenschlichen Problemen –, kann dies zu einer Schwächung der Abwehrkräfte führen.» Als Folge davon sei es beispielsweise möglich, dass sich Wut, die sich über längere Zeit unbewusst angestaut hat, plötzlich auf der körperlichen Ebene bemerkbar mache – etwa in Form einer zunehmenden Anfälligkeit für Viren.
Baunscheidt-Therapie
«Die Erkenntnisse aus einem solchen Patientengespräch sind essenziell für die Wahl des Heilmittels», sagt Sonja Wunderlin. Bestehe zum Beispiel ein lokaler Mangel an
Wärme, lasse sich die betroffene Körperstelle mit der Baunscheidt-Therapie behandeln. Hierfür wird die Haut mit kleinen Nadeln und einem Öl bewusst gereizt. Dadurch entstehen kleine Hauterhebungen, vergleichbar mit Mückenstichen, die nach einer halben Stunde wieder verschwinden. «Diese Therapie fördert den Blutzudrang an der entsprechenden Körperstelle. Dadurch aktivieren wir die lokalen Abwehrkräfte», schildert Sonja Wunderlin den Heilungsansatz. Mit dieser Methode werden unter anderem chronische Kälteerkrankungen wie Arthrosen, chronische Bronchitiden, chronische Rückenschmerzen und chronifizierende Tennis- bzw. Golferellenbogen, Achillessehnenschmerzen oder andere Sehnenerkrankungen behandelt.
Ableitende Wirkung: Schröpfen
Eine lokale Anwendung, um das Immunsystem systemisch zu stärken, ist das Schröpfen. Diese Methode gehört zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), ist jedoch in Europa und in der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN) ebenfalls schon lange bekannt. Neben der ableitenden Wirkung zeichnet sich die Schröpfbehandlung durch ihre schmerzlindernde, entzündungshemmende und tonisierende Wirkung aus. Davon profitieren Stoffwechsel und Lymphfluss im betroffenen Gebiet. «Beim Schröpfen entsteht ein lokaler Bluterguss, der zu einer Bündelung der Heilkräfte an der behandelten Stelle führt», sagt die Naturheilpraktikerin. Darüber hinaus ist Schröpfen auch eine Reiztherapie, bei der man sich das Prinzip der Reflexzonen zunutze macht – das heisst: Verschiedene Hautbereiche, sogenannte Head-Zonen im Rückenbereich, sind über die Nervenbahnen mit bestimmten inneren Organen verbunden und können diese reflektorisch anregen.
In der Baunscheidt-Therapie wird die Haut mit kleinen Nadeln und einem Öl bewusst gereizt.
Nasen- und Mandelrödern
Bei Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich setzt Sonja Wunderlin häufig auf das sogenannte Nasenrödern. Mittels langer Wattestäbchen wird ein spezielles Reflexöl in die Nasengänge eingebracht und einmassiert. So wird die Lymphe im Kopfbereich gereinigt. Das Nasenrödern gilt als eine effektive Methode zur Behandlung von rezidivierenden Nebenhöhlenentzündungen, Rachenmandelentzündungen sowie bei einer geschwächten Nasenschleimhaut. Die Mandeln spielen für die Abwehrkraft ebenfalls eine wichtige Rolle. Durch ihre Lage an Rachen und Gaumen können sie Krankheitserreger aufhalten, die über Mund oder Nase eindringen. Zudem enthalten sie viele weisse Blutkörperchen, die dafür sorgen, dass Krankheitserreger abgetötet werden. «Immer wieder kommt es vor, dass die Mandeln durch chronische Entzündungen vernarbt und ihre Kavernen mit einem käsigen Substrat gefüllt sind. Sie werden so vom wichtigen Organ für die Abwehr zum chronischen Krankheitsherd. Darunter leidet schlussendlich das Immunsystem», erklärt Sonja Wunderlin. Statt die Mandeln voreilig zu entfernen, empfiehlt sie, die Mandeln erst einmal zu rödern. Dabei werden die Mandeln mehrere Male mit einem Saugapparat von den Eiterpfropfen, den sogenannten «Stippchen», gereinigt, indem man sie absaugt. Danach können die Tonsillen als wichtige Lymphorgane ihre Aufgabe wieder wahrnehmen und die chronische Entzündung kann sich beruhigen.
Die Kraft der Heilpflanzen
Links: Der Sonnenhut ist eine der beliebtesten Heilpflanzen für das Immunsystem.
Rechts: Neben der ableitenden Wirkung hilft Schröpfen, Schmerzen und Entzündungen zu lösen.
Wenn die Naturheilpraktikerin mit Heilpflanzen arbeitet, um das Immunsystem zu stärken, setzt sie zum Beispiel auf Wildbeeren wie Hagebutten, Sanddorn sowie die Schlehen, die Früchte des Schwarzdornbuschs. Während die Beeren zu einem Wärme- und Eisenaufbau im Blut führen, stärken beispielsweise Holunderblüten den Wärmeschild eines Menschen über das Lymphsystem. Die Kraft der Holunderblüten – etwa in Kombination mit Tragantwurzeln, Mädesüssblüten, Weidenrinde und Hagebuttenfrüchten – lässt sich am besten in Form eines Tees einnehmen. Ansonsten empfiehlt Sonja Wunderlin im Sinne der Ganzheitlichkeit individuell zugeschnittene Mischungen.
Von Sonnenhut bis Ingwer
Die Äbtissin und Heilpflanzenspezialistin Hildegard von Bingen schätzte unter anderem den Thymian als wichtigste Heilpflanze bei Atemwegserkrankungen und Erkältungen. Vor allem ist Thymian aber ein wirksamer Helfer, um die natürlichen Abwehrkräfte zu aktivieren. Er enthält sehr viele ätherische Öle, wie zum Beispiel Thymol, das besonders in der Lunge und an den Schleimhäuten antiseptisch wirkt. Echinacea, auch als Sonnenhut bekannt, ist eine der beliebtesten Heilpflanzen für das Immunsystem. Vor allem der Rote Sonnenhut wird dafür verwendet. In ihm stecken viele essenzielle Öle, Polysaccharide, Flavonoide sowie Vitamin C. Sie alle stärken aktiv das Immunsystem und können damit Erkältungen vor-
beugen. Darüber hinaus entfaltet die Heilpflanze eine entzündungshemmende und antivirale Wirkung. Es wird aufgrund seiner stark aktivierenden Wirkung auf das Immunsystem aber empfohlen, den Roten Sonnenhut nicht länger als sechs Wochen einzunehmen, da das Immunsystem sonst ermüdet und es eher zu einer Schwächung statt zur Stärkung kommt. Alternativ zum Roten Sonnenhut kann die Taiga-Wurzel eingenommen werden. Für viel Feuer im Körper sorgt zum Beispiel der Ingwer. «Die tropische Wurzel hat einen besonderen Bezug zur Wärme und befeuchtet gleichzeitig. Ingwer fördert die Durchblutung und wirkt Entzündungen entgegen. Er kommt besonders bei Erkältungen zum Einsatz», informiert Sonja Wunderlin.
Bärlauch und Bitterenzian
Wer bereits im Vorfrühling das Immunsystem aufbauen möchte, dem seien Wildpflanzen zu empfehlen. Der Bärlauch weist eine antibakterielle und keimtötende Wirkung auf, unterstützt die Blutbildung, wirkt blutdruck- und cholesterinsenkend, stärkt das Immunsystem, fördert die Verdauung und somit auch die Ausscheidung. Der Gelbe Enzian, auch Bitterenzian genannt, wirkt anregend auf die Leber, den Sitz der Wärme im Körper.
Eine halbe Stunde Bewegung pro Tag
Um das Immunsystem in den kalten Monaten zu stärken, leistet Bewegung an der frischen Luft ebenfalls gute Dienste. Sonja Wunderlin empfiehlt, sich mindestens eine
halbe Stunde pro Tag in der Natur aufzuhalten. «Dies tut nicht nur dem Körper gut, sondern wärmt uns auch auf der emotionalen Ebene.» Wer allerdings bereits angeschlagen ist, sollte seine Abwehrkräfte durch die Zuführung von Wärme in Form von heissen Tees, eines Saunabesuchs oder eines Rosmarinbades unterstützen. «Idealerweise geht man nach der Zuführung von Wärme mittels eines heissen Bads und eines warmen Tees ins Bett, deckt sich gut zu und schwitzt sich die Erkältung weg», ergänzt Sonja Wunderlin.
Spagyrik: Alchemie in der Heilkunde
Der bekannte Schweizer Arzt und Alchemist Paracelsus (1493–1541) legte den Grundstein für die zahlreichen spagyrischen Systeme. Im Zentrum der Spagyrik steht die Umwandlung von vorwiegend pflanzlichen Stoffen, um deren Kraft den Patientinnen und Patienten in Arzneien zugänglich zu machen. Es handelt sich dabei um eine Therapierichtung, die alchemistische Erkenntnisse in der Heilkunde umsetzt. Zur Herstellung spagyrischer Arzneimittel werden Pflanzen zerkleinert, vergoren, destilliert und veräschert, wobei die Wirkstoffe getrennt, bearbeitet und am Ende in der sogenannten «chymischen Hochzeit» wieder zusammengefügt werden. Ein spagyrisches Arzneimittel wird individuell für die jeweilige Person zusammengestellt. Daraus entsteht eine Mischung verschiedener Essenzen, die dazu bestimmt sind, Körper, Seele und Geist ins Gleichgewicht zu bringen.
Mikroimmuntherapie
Eine im Jahre 2021 veröffentlichte Studie zeigte auf, dass die sogenannte Mikroimmuntherapie eine immunstimulierende Wirkung auf unterschiedliche Komponenten des körperlichen Abwehrsystems hat. Eine andere Forschungsarbeit hat ergeben, dass durch den Einsatz eines in der Mikroimmuntherapie verwendeten Botenstoffs namens IFN-gamma in niedrigen Dosierungen die Aktivierung und Vermehrung verschiedener Immunzellen für die antivirale Abwehr gefördert werden. Diese Therapie gilt als methodisch deckungsgleich mit der Homöopathie. Durch die Einnahme von unterschiedlichen Immunbotenstoffen in niedrigen Dosierungen unterstützt die Mikroimmuntherapie das Immunsystem in der Auseinandersetzung mit Viren und anderen Erregern. Die Mikroimmuntherapeutika eignen sich auch zur Vorbeugung, wenn eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht. Die Auswahl der mikroimmuntherapeutischen Präparate hängt vom bestehenden Ungleichgewicht des Immunsystems sowie den Beschwerden der Patientin oder des Patienten ab. Dank ihrer niedrigen Dosierung eignen sich die Mikroimmuntherapeutika für alle Altersgruppen.
Waldluft kann sich positiv auf das Immunsystem auswirken.
Mit guten Düften gegen Killerzellen
Der Geruchssinn ist eng mit der Immunologie verknüpft. Angenehme Düfte sorgen für angenehme Gefühle und können über die Verbesserung der Stimmungslage Immunfunktionen positiv beeinflussen. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist zum Beispiel bekannt, dass Waldluft, insbesondere wenn Nadelhölzer ausreichend vertreten sind, die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen des Immunsystems nachhaltig steigert. Mithilfe von ätherischen Ölen lässt sich zudem die Keimbelastung in der Luft, auf Gegenständen sowie auf der Haut und Schleimhaut reduzieren. So ist zum Beispiel die keimhemmende Wirkung des Öls der Zitrone wissenschaftlich gut belegt. Auch Lemongras oder Waldbaum-Öle wie Arvenöl oder Kiefernöl stärken als ätherische Öle das Immunsystem.
Emotionale Wärme
Bei allen naturheilkundlichen Methoden, die eine Stärkung des Immunsystems zum Ziel haben, steht die Förderung von Wärme im Zentrum. Wärme im Körper wird auch durch gewisse Emotionen erzeugt. Wer sich für etwas begeistert, sorgt laut Sonja Wunderlin für eine innere Wärme. Deshalb sollte man sich stets auch einen Ausgleich gönnen, sei es mit einem Ausflug in die Natur oder mit Kunstund Kulturgenuss. Ebenso wärmend sind laut Sonja Wunderlin kreative Tätigkeiten wie Singen, Tanzen, Schreiben, Malen, Theaterspielen oder Musizieren. Nicht zu vergessen die sozialen Kontakte zu anderen Menschen – alles Dinge, die das Herz erwärmen. •
www.sonjawunderlin.ch
IMMUNSYSTEM
Rezept für Gentiana-Tonic: ein Apéro als Gesundheitsprävention
• 25 Tropfen Enzian-Tinktur
• ½ Zitrone, frisch gepresster Saft
• 2 TL Biotta-Ingweressenz oder abgekühlter, sehr starker Ingwertee
• 2 dl Wasser
Alles zusammen mischen, in eine dunkle Flasche füllen. Täglich vor der Hauptmahlzeit ca. 5 cl (ein Schnapsglas) GentianaTonic trinken.
Die unsichtbare Belastung
Es ist wieder so weit: Alles spriesst und die Pollensaison beginnt. Für viele Menschen bedeutet das juckende Augen und Niesen. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sind von Heuschnupfen betroffen – Tendenz steigend. Für die Betroffenen ist das sehr belastend. Auch wenn Heuschnupfen nicht heilbar ist, gibt es jedoch Möglichkeiten, die Symptome zu lindern.
Laura Spielmann
Aufgrund des Klimawandels und der Luftverschmutzung beginnt die Heuschnupfen-Saison nicht nur früher, sie ist auch länger und intensiver geworden. Bereits Ende Januar juckt es manche in der Nase. «Der Klimawandel führt zu früheren und längeren Pollensaisons und begünstigt das Auftreten neuer Pflanzen wie Ambrosia. Luftschadstoffe machen Pollen aggressiver und reizen die Atemwege zusätzlich. Dadurch verstärken sich die Beschwerden vieler Betroffener», so Roxane Guillod, Leiterin Fachdienstleistungen beim aha! Allergiezentrum. Pollenallergien werden durch Bäume, Gräser und Kräuter verursacht. Im März fliegen die Pollen von Hasel, Erle und Esche, bei entsprechenden Temperaturen auch die der Birke.
Heuschnupfen tritt häufig erstmals im Schulalter oder bei jungen Erwachsenen auf, kann jedoch in jedem Alter entstehen. Wer betroffene Eltern hat, hat zudem ein erhöhtes Risiko zu tragen. Bei Heuschnupfen reagiert das Immunsystem überempfindlich auf eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen. Beim Einatmen oder bei direktem Kontakt stuft unser Immunsystem die Eiweisse der Pollen fälschlicherweise als gefährlich ein. Die daraufhin ausgeschütteten Botenstoffe wie Histamin lösen eine Entzündungsreaktion aus, die zu Beschwerden wie Niesen und juckende Augen führt. Allergien entstehen also nicht durch ein geschwächtes, sondern durch ein fehlgeleitetes Immunsystem. Die Symptome können dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein: von leichtem Schnupfen und gereizten Augen über ständiges Niesen, Hustenreiz und erschwerte Atmung bis hin zu juckender Kopfhaut, Nase, Gaumen und Ohren sowie allergischem Asthma. Diese Beschwerden können den Schlaf stören, die Arbeit erschweren und die Lebensqualität beeinträchtigen.
«
Der Klimawandel
macht die HeuschnupfenZeit länger und die Symptome stärker. »
Möglichkeiten für Linderung
Um gegen Heuschnupfen vorzugehen, gibt es verschiedene Methoden. Bei akuten Beschwerden ist es zunächst wichtig, den Kontakt mit Pollen möglichst zu reduzieren. Dazu gehören einfache Massnahmen wie das Haarewaschen vor dem Schlafengehen, das Verbannen von Strassenkleidung aus dem Schlafzimmer, die regelmässige Reinigung von Brillengläsern und -gestell, das tägliche Staubsaugen, um Pollen von Möbeln zu entfernen, das kurze Lüften an Tagen mit hoher Pollenkonzentration oder das Lüften erst nach 22 Uhr oder nach längerem Regen, da die Pollenkonzentration dann gering ist. Das Anbringen von Pollenfiltern an Fenstern ist ebenfalls hilfreich. Auch sollte die Wäsche möglichst nicht im Freien getrocknet werden, da sich sonst Pollen an den Kleidern festsetzen können.
Oben: Rund 20 Prozent der Bevölkerung ist von Heuschnupfen betroffen.
Unten: Brennnessel kann Beschwerden von Heuschnupfen linden.
Die Symptome können mit Medikamenten wie Antihistaminika, kortisonhaltigen Nasensprays und antiallergischen Augentropfen gelindert werden. Bleiben die Beschwerden trotz Behandlung bestehen oder verwandelt sich die Allergie in Asthma, sodass Atemprobleme auftreten, ist eine allergologische Abklärung im Krankenhaus oder in spezialisierten Praxen empfehlenswert. Nach einem ausführlichen Gespräch werden Haut-, Blut- und Provokationstests durchgeführt. Mithilfe moderner Diagnoseverfahren können die auslösenden Pollen gut und präzise bestimmt werden.
Neben der symptomatischen Behandlung gibt es mit der Hyposensibilisierung eine spezifische Immuntherapie, die an der Ursache der Allergie ansetzt. Sie kann verhindern, dass sich ein unbehandelter Heuschnupfen zu Asthma entwickelt (ein sogenannter «Etagenwechsel»). «Es ist wichtig, die Allergiesymptome vor dem Auftreten von Asthma zu behandeln, um die Entzündung der Atemwege zu reduzieren. In bestimmten Fällen wird auch eine frühzeitige Immuntherapie empfohlen», so Roxane Guillod. Wichtig ist zudem, aktives und passives Rauchen konsequent zu vermeiden, da dies die Atemwege zusätzlich schädigt. Die Desensibilisierung gilt als die am meisten akzeptierte Methode. Dabei wird versucht, die Überreaktion des Immunsystems zu reduzieren. Über einen Zeitraum von etwa drei Jahren gewöhnt sich das Immunsystem allmählich an das Allergen.
Natürliche Hilfe
Pflanzenextrakte bieten ausserdem eine wirksame und natürliche Möglichkeit, Beschwerden zu lindern. Sie sind gut verträglich, hemmen Entzündungen und stärken das Immunsystem. Sie sind eine gute Alternative zu herkömmlichen Medikamenten, insbesondere für Personen, die auf diese empfindlich reagieren und von Nebenwirkungen berichten. So wird das Übel an der Wurzel gepackt und die Ursache, nicht nur die Symptomatik der Allergie, bekämpft. Wichtig ist, dass die Produkte von medizinischen Fachkräften verschrieben werden oder man sich in Apotheken beraten lässt, da die Qualität der Extrakte entscheidend ist. Schwarzkümmelöl ist dank seiner Inhaltsstoffe ein entzündungshemmendes und immunstärkendes Heilmittel. Auch Zitronen-Quitten-Extrakte wirken oft schon nach kurzer Zeit und sorgen für eine Erleichterung beim Atmen. Zudem können die pflanzlichen Stoffe die Freisetzung von Histamin hemmen. Der Pflanzenextrakt Pestwurz hat sich vor allem bei einer verstopften Nase bewährt. Die entzündungshemmende Wirkung von Ingwer ist ebenfalls hilfreich. Zusätzlich können Augentrost, Brennnessel und Sanddorn die Beschwerden lindern.
Digitale Hilfsmittel wie die App «Pollen News» können Betroffenen den Alltag erleichtern. «Pollen News stellt», wie Roxane Guillod erklärt, «kostenlos zuverlässige Pollen-Daten in Echtzeit zur Verfügung, die von MeteoSch-
Das Öl der Schwarzkümmel-Pflanze wirkt entzündungshemmend und immunstärkend.
weiz bereitgestellt werden.» Die App zeigt an, welche Regionen besonders belastet sind, und hilft dabei, Aktivitäten besser zu planen, den richtigen Zeitpunkt zum Lüften zu wählen und somit Pollen besser auszuweichen.
Vorbeugen statt leiden
«Es kommt häufig vor, dass Behandlungen zu spät oder unregelmässig begonnen werden. Auch die übermässige Anwendung von abschwellenden Nasensprays, die für die Behandlung von Allergien nicht geeignet sind, kann problematisch sein. Viele vernachlässigen vorbeugende Massnahmen wie gezieltes Lüften, das Ausspülen der Haare oder das Nicht-Trocknen der Wäsche im Freien», so Roxane Guillod. Wer seine Beschwerden ernst nimmt, sie frühzeitig behandelt und vorbeugende Massnahmen in den Alltag integriert, kann die Pollensaison deutlich besser bewältigen – trotz der zunehmenden Belastung durch Umwelt und Klima. •
Mit Mythen aufräumen
Über Pollen halten sich hartnäckige Mythen. So ist beispielsweise nicht jeder Pollen gleich allergen. Und auch wenn Bäume und Pflanzen derselben Familie Ähnlichkeiten aufweisen, ist jeder Pollen anders. Die auffälligen gelben Nadelbaum-Pollen, die beispielsweise auf Autos gut zu sehen sind, sind in der Regel nicht allergen und somit harmlos. Zudem ist Heuschnupfen schon lange kein reines Frühlingsproblem mehr, denn die Pollensaison beginnt oft schon im Januar und kann bis in den Spätsommer dauern.
Wenn der Darm seine Schutzfunktion verliert
«Stopp, du kommst hier nicht rein!» – Türsteher erfüllen eine wichtige
Aufgabe: Sie entscheiden, wer Zutritt erhält, und weisen diejenigen ab, die potenziell für Schwierigkeiten sorgen. Genauso schützt uns die Darmbarriere vor Erregern und Schadstoffen. Wird diese Schutzfunktion gestört, kann der Darm «löchrig» werden – dann spricht man vom Leaky-Gut-Syndrom. Gelangen dadurch Stoffe in unseren Blutkreislauf, die dort nicht hingehören, hat dies weitreichende Folgen für den gesamten Organismus.
Laura Columberg
Unser Darm ist ein hochkomplexes Schutzund Kommunikationssystem, das entscheidet, welche Stoffe in unseren Körper gelangen und welche draussen bleiben. Er verbindet – wie das gesamte Verdauungssystem – die Aussenwelt mit unserer Innenwelt und wandelt Nahrungsbestandteile in nutz bare Stoffwechselprodukte um. Beim sogenannten Leaky Gut, auch «löchriger Darm» genannt, gerät diese Schutz funktion aus dem Gleichgewicht. Die Darmschleimhaut, die normalerweise wie ein fein regulierter Filter arbeitet, wird durchlässig. Zwischen den einzelnen Darmzellen, aus denen die Darmschleimhaut besteht, öffnen sich mikroskopisch kleine Lücken, durch die unvollständig verdaute Nahrungsbestandteile, Toxine (Giftstoffe), Krankheitserreger und bakterielle Stoffwechselprodukte ins Blut gelangen. Das Immunsystem reagiert darauf mit Alarm: Es kommt zu Entzündungsreaktionen, die den Körper in Dauerstress versetzen und als Auslöser viel fältiger Beschwerden gelten.
Die Entstehung eines Leaky Guts ist kein plötzliches Ereig nis, sondern das Ergebnis einer langandauernden Über lastung des Darms. Zu den häufigsten Ursachen zählen eine stark verarbeitete, zucker- und glutenreiche Ernährung, chronischer Stress, wiederholte Antibiotikaeinnahmen, Dauermedikation mit Schmerzmitteln oder Kortison, sowie anhaltende Darminfektionen mit Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten. Diese Faktoren können mit der Zeit zu einem Ungleichgewicht der Darmflora und zu chronischen Darmentzündungen führen. Fehlen schützende Darmbakterien oder ist der Darm chronisch entzündet, kann sich die Schleimhaut nicht ausreichend regenerieren. Gleichzeitig wird die Produktion von Schleimstoffen und Schutzproteinen reduziert. Dadurch verliert die Darmbarriere zunehmend an Stabilität und die Verbindungen zwischen den Darmzellen lockern sich weiter.
Symptome eines Leaky Guts
Die Symptome sind oft schwer zu fassen und vielfältig. Betroffene leiden unter klassischen Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Durchfall, Verstopfung oder Bauchschmerzen. Typisch ist auch das Gefühl des «Aufblähens» unmittelbar nach dem Essen. Die Auswirkungen beschränken sich aber nicht auf das Verdauungssystem, sondern es können sich Beschwerden im gesamten Orga-
Normaler Darm Leaky Gut
nismus bilden: chronische Müdigkeit und Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen, Hautprobleme wie Akne, Neurodermitis oder Rosazea sowie Rücken-, Gelenk- und Muskelschmerzen.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -sensitivitäten nehmen zu, da das Immunsystem auf eigentlich harmlose Bestandteile überreagiert. Nicht selten stehen auch depressive Verstimmungen, Angstzustände oder ein geschwächtes Stressmanagement im Zusammenhang mit einer gestörten Darmbarriere – ein Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn, die sogenannte Darm-Hirn-Achse.
Mögliche Folgeerkrankungen
Folgeerkrankungen eines Leaky Guts können sich aus der chronischen Entzündung und Überlastung des Immunsystems bilden. Zudem gerät das Hormonsystem durch den andauernden Alarmzustand des Organismus aus dem Gleichgewicht. Zwei sehr häufig verbreitete Beschwerdebilder sind hervorzuheben: Eine mögliche Folge ist die Entstehung eines Reizdarmsyndroms. Allein in der Schweiz leiden 10–15 % der Bevölkerung an einem Reizdarm, wobei Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Auch wenn das Reizdarmsyndrom unterschiedliche Ursachen haben kann, hängt es meist mit einer langfristigen Schädigung der Darmbarriere zusammen. Es lohnt sich daher, bei typischen Reizdarmbeschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen, Blähungen und Verstopfungen nicht nur die Symptomlinderung ins Auge zu fassen, sondern auch die Regenerationskraft der Darmzellen anzuregen. Durch die langanhaltende Überstimulierung des Immunsystems kann ein Leaky Gut die Schilddrüsenfunktion schwächen und die Entstehung einer HashimotoThyreoiditis begünstigen. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Schilddrüsenzellen angreift. Dies führt zu neuen chronischen Entzündungen und letztlich zu einer Unterfunktion der Schilddrüse.
Perlen der Naturheilkunde für die Darmschleimhaut
Naturheilkundliche Behandlungen setzen nicht auf schnelle Symptombekämpfung, sondern auf eine nachhaltige Regeneration der Darmbarriere, Stressreduktion und Linderung der Entzündungsreaktionen. Im Mittelpunkt steht dabei ein ganzheitlicher und individuell abgestimmter therapeutischer Ansatz. Lassen Sie sich darum von einer gesundheitlichen Fachperson begleiten.
Ein zentraler Baustein ist eine darmentlastende Ernährung. Entzündungsfördernde und schleimhautschädigende Nahrungsmittel werden konsequent reduziert: Zucker, Weissmehlprodukte, Alkohol, stark verarbeitete Lebensmittel, Gluten- und Kuhmilchprodukte. Es wird auf eine ballaststoffreiche und entzündungshemmende Ernährung mit buntem Gemüse, blau-roten Beeren, gesun-
den Fetten und Ölen sowie hochwertigen Eiweissquellen gesetzt. Ergänzend können entzündungslindernde Gewürze und Kräuter eingebaut werden. Dazu zählen: Kurkuma mit dem bekannten Wirkstoff Curcumin, Ingwer, Zimt, Kardamom, Nelken, schwarzer Pfeffer, Rosmarin, Thymian, Basilikum, Oregano und Salbei. Nebst einer darmentlastenden Ernährung können auch spezifische Heilpflanzen Linderung schenken, wie zum Beispiel die entzündungshemmende Boswelliasäure aus dem Weihrauch. Aber auch das Harz der Myrrhe, die ätherischen Öle der Kamille sowie die Gerbstoffe der Blutwurz lindern Entzündungsreaktionen im Darm.
Ein weiterer wertvoller Punkt ist die Sanierung der Darmflora. Probiotische Bakterien helfen, das mikrobielle Gleichgewicht wiederherzustellen und schädliche Keime zurückzudrängen. Häufig wird zunächst eine Phase der Darmreinigung oder -regulation empfohlen, bevor Probiotika eingesetzt werden. Für die Sanierung genutzt wird zum Beispiel die Huminsäure aus der Braunkohle. Diese bindet Schadstoffe, Giftstoffe (Toxine) und Schwermetalle wie ein Schwamm, dichtet die Darmschleimhaut ab, verdrängt Krankheitserreger, wirkt entzündungshemmend
Links: Kräuter wie Rosmarin und Thymian können die Entzündung lindern.
Rechts: Entzüngshemmende Gewürze wie Pfeffer können in die Ernährung eingebaut werden.
Unten: Kamille unterstützt bei der Darmsanierung.
Artischoken enthalten Präbiotische Ballaststoffe, die die Darmbakterien unterstützen.
und fördert die natürliche Entgiftung über den Darm, ohne selbst vom Körper aufgenommen zu werden. Bei chronischer Darmentzündung wird mit Kombinationen aus Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle gearbeitet, um den entzündungshemmenden Effekt zu verstärken. Zur allgemeinen Stabilisierung der Darmflora kann die spagyrische oder homöopathische Essenz Okoubaka, die Rinde eines westafrikanischen Urwaldbaums, eingesetzt werden. Die enthaltenen Gerbstoffe unterstützen den Aufbau der Darmflora und stabilisieren die Darm-ImmunsystemAchse. Zu einem späteren Zeitpunkt folgt dann der Darmaufbau mit Probiotika. Hierfür gibt es spezifische Darmbakterienstämme, die bei Leaky Gut eingesetzt werden: Lactobacillus plantarum, Bifidobacterium longum, Lactobacillus acidophilus und Lactococcus lactis, Akkermansia muciniphila. Die Dosierung und Dauer der Einnahme richten sich nach verschiedenen Aspekten wie Alter, Geschlecht und Grunderkrankungen und sollten daher von einer Fachperson begleitet werden.
Präbiotische Ballaststoffe dienen den Darmbakterien als Nahrung und unterstützen deren Ansiedlung langfristig. Dazu zählen unverdauliche Nahrungsbestandteile wie Inulin. Dieses ist enthalten in Knoblauch, Zwiebeln, Lauch, Chicorée, abgekühlten gekochten Kartoffeln, Spinat, Haferflocken, Bananen, Artischocken und Topinambur. Diese Ballaststoffe gelangen unverdaut in den Dickdarm, wo sie von den Darmbakterien fermentiert werden und sich kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat bilden. Diese stärken die Darmschleimhaut. Im Fachhandel finden sich verschiedene Fertigprodukte, die ergänzend zur Ernährung eingebaut werden können. Achtung Verstopfungs-
gefahr: Steigern Sie die Einnahme von Inulin-Pulver langsam, da sich der Körper an die neue Ballaststoffquelle gewöhnen muss.
Parallel zur Darmsanierung sollte der gezielte Aufbau der Darmschleimhaut beachtet werden. Bewährt hat sich die Aminosäure L-Glutamin, die als Hauptenergielieferant für die Darmzellen gilt. Sie fördert die Regeneration der Zellverbände (Tight Junctions), die unsere Darmzotten beieinander halten, und schliesst entstandene Lücken. Sie finden L-Glutamin im Fachhandel von verschiedenen Anbietenden. Empfehlenswert ist die Anwendung in Pulverform, 10 g pro Tag. Nährstoffe wie Zink, Selen, Beta-Carotin, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren unterstützen die Regeneration der Schleimhaut zusätzlich und wirken entzündungshemmend. Der Einfluss von Stress auf die Darmgesundheit darf nicht vergessen werden. Chronischer Stress erhöht die Durchlässigkeit der Darmbarriere: Entspannungsmethoden wie Massagen, Fussreflexzonenbehandlungen, Atemübungen, Meditation, Yoga oder Spaziergänge in der Natur sind daher fester Bestandteil eines naturheilkundlichen Therapiekonzepts. Ebenso wichtig ist eine gute Schlafqualität, da sich die Darmschleimhaut vor allem nachts regeneriert.
Ein Leaky Gut hat Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit. Ganzheitliche Therapieansätze fokussieren nicht nur Symptome, sondern versuchen, beim Ursprung anzusetzen. Denn mit Geduld, einer bewussten Ernährung, gezielter Unterstützung der Darmflora und einem achtsamen Lebensstil kann der Darm seine Schutzfunktion Schritt für Schritt zurückgewinnen. •
IKEBANA –ENTDECKE DEINE NATUR
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Saftfasten: Im Einklang mit Körper und Natur
Die Tierwelt macht es vor: im Winter verfallen viele Tiere in einen Winterschlaf und ernähren sich nur von den körpereigenen Reserven. Die Natur hilft ihnen dabei nicht nur durch diese Fastenzeit, sondern kann uns Menschen ebenfalls mit den vielfältigen Nährstoffen in Frucht- und Gemüsesäften unterstützen. Wie auch Sie die Kraft des Saftfastens für sich erschliessen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Sophie Souvignier
Unter Saf tfasten versteht man eine besondere Fastenart, bei der die Nahrungsaufnahme, die beim Fasten vollständig auf flüssig umgestellt wird, ausschliesslich durch Säfte, Wasser und Tees erfüllt wird. Der Vorteil gegenüber Fastenkuren mit Brühen und Tees ist, dass der Körper mehr Micro-Nährstoffe aus den überwiegend gemüsehaltigen Frischsäften ziehen kann, erklärt Peter Dreverhoff, Fastenspezialist und Leiter der Keimling Akademie. Saftfasten ist daher besonders für diejenigen geeignet, die während des Fastens nicht vollständig auf die Nährstoff-Aufnahme verzichten möchten. Ida Hofstetter, zertifizierte Fastenleiterin UGB & Gründerin von Fasten-Wandern-Wellness, betont zudem, dass Saftfasten nur für Menschen ohne Abneigung gegenüber Säften geeignet ist, da einem das Wenige, das man zu sich nimmt, auch schmecken sollte. Für Fastende, die leicht frösteln, empfiehlt sie zudem eine warme Brühe anstelle eines Saftes zu sich zu nehmen. Damit das Saftfasten ge-
lingt, sollte man auf die Frische der Säfte achten, sodass sie möglichst viele gesunde Nährstoffe enthalten, auch wenn bei frischgepressten Säften die Reinigung der Geräte und Zutaten mitunter zeitaufwändig ist. Ida Hofstetter mahnt hier jedoch: gekaufte Säfte sind zwar eine praktische Zeitersparnis im Einkauf, sollten jedoch ebenfalls mit einem Kaffeelöffel genossen und nicht aus der Flasche getrunken werden, denn «so hat man den Genuss viel länger und fühlt sich danach oft richtig zufrieden und satt».
Fastendauern variieren je nach Erfahrungsgrad, Körpertyp und Wohlbefinden während des Fastens und können von meist fünf bis sieben Tagen sogar bis zu maximal vier Wochen andauern, was nur sehr erfahrene Fastende einhalten können. Wichtig für das Erreichen der gewünschten Fastendauer ist, dass für das Fasten ein guter persönlicher Grund vorliegt, um durchhalten zu können. Als Gründe nennt Ida Hofstetter ein Interesse, was das Fasten mit dem
«
Ein guter persönlicher
Grund ist die wichtigste Voraussetzung, um ein Fasten erfolgreich durchzuhalten.
eigenen Körper und Geist macht, Gesundheitsprävention und Gewichtsabnahme sowie das Erlangen eines klaren Kopfes, neuer Lebensfreude und eines Energieschubs.
Säfte für jeden Geschmack
Die Zusammensetzung der eigenen Fastensäfte kann ganz nach Geschmack vorgenommen werden. Insgesamt gilt, dass keine Konzentrate, Nektare oder Fruchtsaftgetränke mit zugesetztem Zucker konsumiert werden sollten, sondern nur reine, idealerweise frischgepresste Säfte. Beide Fachpersonen betonen jedoch, dass Obstsäfte nur in kleinen Mengen oder verdünnt eingenommen werden sollen, damit der Blutzuckerspiegel nicht in die Höhe schnellt und kein (Heiss-)Hunger aufkommt. Peter Dreverhoff empfiehlt hier wasserreiches Obst wie Äpfel und Zitrusfrüchte und betont: «Beim Gemüse ist alles erlaubt, was sich auspressen lässt und roh gegessen werden kann.» Damit sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und es kann nach Herzenslust kombiniert werden. Ida Hofstetters Geheimtipp ist die Kombination von Apfel, Rande und Ingwer sowie das Hinzufügen von (Wild-)Kräutern. Typische Säfte sind Rüebli-, Randen-, Tomaten- und Sauerkrautsaft, es sollte jedoch auf die persönliche Bekömmlichkeit geachtet und kein Gemüse zu sich genommen werden, das auch sonst nicht gut vertragen wird.
So gelingt das Fasten
Die Fastenzeit sollte für ein gutes Gelingen schonend vorund nachbereitet werden und der Körper sollte durch unterstützende Begleitmassnahmen, leichte Bewegung und Entspannung während des Fastens entlastet werden. Peter Dreverhoff betont: «Der Fasteneinstieg und die Aufbautage nach dem Fasten sind elementar wichtig. Mindestens zwei Tage vorher sollte die Nahrung reduziert und auf Genussmittel verzichtet werden. Nach dem Fasten dasselbe. Wichtig ist, sich intensives Kauen anzugewöhnen, damit der Köper mit der festen Nahrung nicht überfordert ist. Das Motto dazu lautet: Kaue so lange, bis die Nahrung getrunken werden kann.» Ida Hofstetter empfiehlt, die Tage vor dem Fasten bereits Ruhe in den Alltag einkehren zu lassen, um Körper und Geist auf die kommende Zeit vorzubereiten. Ausserdem sollte möglichst leicht und bevorzugt Gemüse und Obst gegessen und der Kaffeekonsum bereits 5 Tage zuvor gestoppt werden, damit allfällige Beschwerden des Entzugs nicht in die Fastenwoche fallen. Neben einem langsamen Gewöhnen des Körpers an feste Nahrung sollte die Leistung von Körper und Geist laut Ida Hofstetter auch liebevoll gewürdigt werden, zum Beispiel mit einem feierlichen Fastenende mit Blumen und Kerzen zur Feier des Ereignisses. Sie ermutigt alle Feinschmecker*innen zum Fasten, denn: «Nie schmeckt das Essen besser als nach dem Fasten!»
Unterstützung während des Fastens
Typische Unterstützungsmöglichkeiten während der Fastenzeit sind Leberwickel, basische Anwendungen, Massnahmen zur Darmreinigung mit Bittersalz, Einläufe oder fermentierte Pflaumen, moderate Bewegung an der frischen Luft, das zusätzliche Trinken von mindestens 2,5 Litern Kräutertee oder Wasser und ganz wichtig: Zeit zur Entspannung, damit der Körper Ruhe für die reinigende Wirkung des Fastens hat. Um möglichst viele der guten Nährstoffe aus den Zutaten zu bekommen, empfiehlt Peter Dreverhoff Saftpressen, die bei Keimling Naturkost GmbH erhältlich sind und mehr Inhaltsstoffe und Saftmenge produzieren als Zentrifugen. Ausserdem empfehlen sich Fastenretreats, in denen unter Anleitung von erfahrenen Fastenleiter*innen wie Ida Hofstetter und Peter Dreverhoff gemeinsam in einer Gruppe gefastet wird. Dies ist besonders für Anfänger*innen geeignet, da der organisatorische Aufwand der eigenen Saftproduktion wegfällt und man sich eine Auszeit vom Alltag nimmt.
Mehr Informationen zu den Fastenseminaren mit Wanderungen von Ida Hofstetter und ihrem Team finden Sie hier: www.fasten-wandern-wellness.ch/. Dort finden Sie auch eine fundierte Fastenanleitung zum freien Download.
Mehr Informationen zum Angebot von Keimling Naturkost GmbH und zur Keimling Akademie mit Peter Dreverhoff finden Sie hier: www.keimling.ch •
Chronisches Fatigue-Syndrom
Zu Beginn ein harmloser Infekt. Doch ist dieser vorüber bleiben bleierne Müdigkeit, intensive Schwäche, Muskelschmerzen und grippeähnliche Symptome zurück. Die Rede ist vom Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS), einer bis heute kaum verstandenen, schwerwiegenden Erkrankung, die immer mehr Menschen betrifft.
Die Naturheilkunde schenkt Betroffenen mit Lebensführungshinweisen, Heilpflanzenkraft und manuellen Behandlungen ergänzende Therapieansätze.
Laura Columberg
Viele Menschen kennen das Gefühl, nach einer anstrengenden Woche oder einem stressigen Tag ausgelaugt und erschöpft zu sein. Normalerweise regeneriert sich der Körper nach ein paar Stunden Ruhe, einem feinen Essen oder einem Wochenende ohne Hektik. Doch was, wenn die Erschöpfung bleibt? Wenn schon kleine Anstrengungen wie Einkaufen oder ein Telefongespräch zu viel werden? Die Alltagsbewältigung unmöglich wird? Für Menschen mit einem Chronischen Fatigue-Syndrom ist genau das Alltag.
Häufig beginnen die Symptome nach einem Infekt: so zum Beispiel nach Infektionen mit dem Epstein-BarrVirus oder anderen Herpesviren, einer starken Grippe, aber auch nach dem Dengue-Virus. Nicht nur Viren, son-
dern auch Bakterien wie Chlamydien oder Borrelien können einem CFS zugrunde liegen. Erschreckend ist zudem, dass seit der Coronapandemie die Zahl der CFSBetroffenen sprunghaft angestiegen ist. Als weitere Auslöser werden stressige Lebensweisen, seelische Konflikte und Belastungen, eine Funktionsstörung des Immunsystems, Dysbalancen im Hormon- und Neurotransmitterstoffwechsel sowie genetische Faktoren in Betracht gezogen und diskutiert.
Die Krankheit ist aktuell noch wenig bekannt und kaum erforscht, daher wird sie oft sehr spät oder gar nicht diagnostiziert. Betroffene erleben meist eine lange Odyssee an Arztbesuchen und Therapieversuchen, die ihnen viel Kraft abverlangen.
In ihrer Erschöpfung tragen Betroffene dennoch stille Stärke. »
Symptome und Verlauf
Ein wichtiges Leitsymptom ist die sogenannte Post-Exertionelle Malaise. Dabei handelt es sich um eine ausgeprägte und anhaltende Verstärkung aller Symptome nach geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung. Diese Belastungsintoleranz kann zum Teil erst ein bis zwei Tage nach einer Anstrengung auftreten. Dann hält sie jedoch mehrere Stunden oder sogar Tage an, bis hin zu einem völligen Zusammenbruch.
Betroffene spüren eine ausgeprägte Schwäche, Gelenkund Muskelschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Teilweise treten auch Allergiesymptome oder MagenDarm-Störungen auf. Zusätzlich reagiert das vegetative Nervensystem mit Herzrasen, Schwindel, Blutdruckschwankungen sowie Benommenheit und Konzentrationsstörungen (Brain Fog). Viele leiden auch an Ein- und Durchschlafstörungen. Am belastendsten ist für die meisten Betroffenen aber das intensive Gefühl einer bleiernen Erschöpfung. Diese Müdigkeit ist nicht mit einer normalen Erschöpfung vergleichbar. Sie geht nicht durch Schlaf und Erholung weg und beeinträchtigt den Alltag Betroffener erheblich. Schon kleine Aufgaben wie duschen oder kochen können nicht mehr bewältigbar sein.
Die Verläufe der Erkrankung sind sehr unterschiedlich. Teilweise bessern sich die Symptomatiken im Verlauf. In diesem Fall spricht man auch vom Chronischen Erschöpfungssyndrom – einer leichteren Variante des CFS. Anders sieht es bei schweren Verläufen aus, diese beeinträchtigen Betroffene so enorm, dass viele ihrem Alltag nicht mehr nachgehen können und komplett arbeitsunfähig sind.
Die Entstehungsfrage und Diagnostik
Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es noch keine ausreichende Erklärung für die Entstehung der Erkrankung. Man geht davon aus, dass die postvirale Belastung zu einer Störung im Gefässsystem führt, wodurch die Erweiterung der Gefässe nur noch eingeschränkt möglich ist. So vermindert sich der Blutfluss – auch im Gehirn. Zudem entstehen durch die Viruserkrankung spezielle Autoantikörper, die das Nervensystem angreifen könnten. Wissenschaftliche Forschungen laufen und werden hoffentlich bald wertvolle Erkenntnisse liefern.
Für eine CFS-Diagnosestellung braucht man viel Geduld, Hartnäckigkeit, eine gründliche Diagnostik und saubere Laboruntersuchungen – wobei es nicht einfach einen Marker für CFS gibt. In der Schweiz haben sich einige schulmedizinische Anlaufstellen auf die Diagnostik und Begleitung von CFS spezialisiert. Falls Sie unter genannten Beschwerden leiden und die Symptome bereits länger als sechs Monate bestehen, bitte ich Sie, sich einer ärztlichen Fachperson anzuvertrauen.
Naturheilkundliche Möglichkeiten
Da es bislang keine schulmedizinische Heilung für das Chronische Fatigue-Syndrom gibt, suchen viele Betroffene zusätzlich naturheilkundliche Hilfe. Eine Fachperson aus der Naturheilpraxis betrachtet den Menschen immer in seiner Ganzheit und setzt auf sanfte Methoden, die seine Selbstheilungskräfte fördern sollen. Ein auf die betroffene Person abgestimmtes Behandlungskonzept ist beim CFS enorm wichtig. Zu den naturheilkundlichen Therapieansätzen gehören zum Beispiel:
Pflanzliche Adaptogene
Insbesondere, um das Leitsymptom der starken Erschöpfung lindern zu können, wird die Einnahme von pflanzlichen Adaptogenen empfohlen. Diese erhöhen die Be-
lastbarkeit und verbessern den körperlichen Umgang mit Stress. Zu den wichtigsten Vertretern gehören der Rosenwurz (Rhodiola rosea), die ayurvedische Schlafbeere (Ashwagandha) und der Rote Ginseng ( Panax ginseng). Bei konstant erhöhter Infektanfälligkeit kann eine spagyrische Anwendung der Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus) immunstärkend wirken. Doch nicht jedes Adaptogen passt zu jedem Menschen. Lassen Sie sich von einer Fachperson in einer Naturheilpraxis oder Drogerie beraten. Ausserdem finden sich viele verschiedene Produkte auf dem Markt – hier sollte die Einnahmeform für Sie stimmig sein und keinen neuen Stress auslösen.
Mikronährstoffe
Mithilfe von Labordiagnostik kann ein Nährstoffmangel ermittelt werden. Alternativ lohnt sich die Erhöhung des Angebotes über die Ernährung. Achten Sie sich auf:
• Vitamin B12: tierische Lebensmittel wie Austern, Muscheln, Sardinen und Rindfleisch. Pflanzliche Lebensmittel enthalten kein verwertbares Vitamin B12, ausser sie sind angereichert (Hefeflocken, pflanzliche Milchsorten). Für Vegetarier*innen und Veganer*innen ist daher eine ergänzende Supplementierung notwendig.
• Vitamin D: Lachs, Fischöl (Lebertran), Eier, Avocado, Algen. Der tägliche Bedarf liegt bei etwa 20 µg (800 I. E.). Über die Ernährung ist dieser Bedarf oft schwer zu decken.
• Magnesium: Kürbis- und Sonnenblumenkerne, Leinsamen, Bitterschokolade ab 70 % Kakao, Amaranth, Haferflocken, Spinat, Bananen usw. Der Tagesbedarf liegt je nach Alter und Geschlecht bei ca. 300–400 mg.
• Coenzym Q10: Rinderleber oder -herz, Sardinen, Poulet, Brokkoli, Spinat, Vollkornprodukte. Der tägliche Bedarf liegt zwischen 30 und 100 mg. Mit der Ernährung allein wird dieser Wert kaum erreicht.
• Omega-3-Fettsäuren: Lachs, Thunfisch, Sardinen, Algen usw. ALA aus Leinöl – die pflanzliche Vorstufe des Omega-3 – kann nur eingeschränkt in die aktiven Formen EPA/DHA umgewandelt werden
Entgiftung und Darmgesundheit
Ein gesunder Darm spielt eine wichtige Rolle für das Immunsystem und das allgemeine Wohlbefinden. Ein gezielter Einsatz von sanften Bitterstoffen wie Schafgarbe, Löwenzahn oder Erdrauch in Form von Teekräutern und Tinkturen oder bitterstoffhaltigen Lebensmitteln kann eine wertvolle Unterstützung schenken und die Entgiftungsorgane ankurbeln. Wichtig ist dabei die
Beachtung der individuellen Verträglichkeit – lassen Sie sich hierfür von einer naturheilkundlichen Fachperson beraten. Zudem sollte die Darmflora mit Probiotika (lebende Mikroorganismen) und Präbiotika (Nahrung für die Darmbakterien) unterstützt und aufgebaut werden, um ein längerfristiges Gleichgewicht herstellen zu können.
Entspannung und Stressreduktion
Dauerstress schwächt das Immunsystem und kann chronische Erschöpfung verstärken. Sanfte Methoden können helfen, das überreizte Nervensystem zu beruhigen:
• Meditation, Atemübungen, progressive Muskelentspannung, Qigong oder Yin Yoga sind besonders geeignet, da sie wenig Energie verlangen.
• Achtsames Spazieren in der Natur – inklusive Waldbaden – wirkt beruhigend und regenerierend. Starten Sie mit einer kurzen Dauer und steigern Sie diese nur ganz langsam. Die Waldluft regt die Produktion gesunder Immunzellen an und lässt Stresshormone sinken.
• Sanfte manuelle Therapien wie zum Beispiel Fussreflexzonentherapie, Massagen oder Craniosacraltherapie lindern schmerzhafte Verspannungen, schenken Ruhe und Geborgenheit und aktivieren mittels der entstehenden Tiefenentspannung die Selbstheilungskräfte.
Leben mit CFS
Eine zentrale Rolle spielt auch die eigene Lebensführung. Viele Betroffene lernen mit der Zeit, achtsamer auf ihren Körper zu reagieren und ihre Grenzen zu berücksichtigen. Ein wichtiges Prinzip ist das sogenannte «Pacing»: Dabei geht es darum, Belastung und Erholung in einem ausgewogenen Rhythmus zu halten, um Energie zu sparen und Rückfälle vermeiden zu können.
Nicht selten zeigen sich zudem psychische Themen wie depressive Verstimmungen, Ängste bis hin zu Angststörungen. Eine psychologische Begleitung, Mal- oder Musiktherapie, aber auch Gesprächstherapien können Betroffenen Halt geben und sie auf ihrem oft schweren Weg begleiten. Auch wenn die Erschöpfung nicht komplett
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Dauerstress schwächt das Immunsystem und kann chronische Erschöpfung verstärken. »
verschwindet, kann es dennoch möglich sein, Lebensqualität zurückzugewinnen – machen Sie Schrittchen um Schrittchen, in einem Tempo, das Ihr Körper zulässt. Und vergessen Sie nicht: Viele kleine Schritte ergeben am Schluss etwas Grosses. • Quellen
www.sgme.ch, Juli 2025 www.usz.ch, Juli 2025
Laura Columberg
Dipl. Naturheilpraktikerin TEN mit eigener Praxis in Brugg AG. Spezialisiert auf Frauen- und Kinderheilkunde.
www.praxiscolumberg.ch
Neues Jahr –neuer Körper?
Wer kennt es nicht: Das Jahresende bringt viel gutes Essen, dann sind die Festtage vorbei, der Januar bricht an, und schon macht sich ein Gefühl von Trägheit im eigenen Körper breit. So möchte man jedoch nicht in das neue Jahr starten. Da gibts nur eins: Entgiften, und möglichst schnell zu einem sauberen und frischen Körper zurückkehren. Doch was bedeutet das genau? Und welche Rolle können die Heilpflanzen Löwenzahn und Mariendistel dabei spielen?
Corinne Kneubühler
Die Idee des Entgiftens oder des «Detox» ist simpel: Die überschüssigen Schadstoffe sollen aus dem Körper ausgeschieden werden. Wir machen also quasi einen Frühlingsputz für den Körper. Das passiert nicht nur in der Fastenzeit. Der Körper entgiftet nämlich ständig. Doch gehen wir zuerst einen Schritt zurück. Wie kommen diese Schadstoffe in unseren Körper? Es gibt hauptsächlich zwei Möglichkeiten: entweder über die Luft oder über die Nahrung. In der Lunge lagern sich Schadstoffe zum Beispiel durch Rauchen oder aufgrund von Abgasen und Feinstaub ab. Über die Nahrung sind es hauptsächlich Pestizide oder Mikroplastik von
Verpackungen, die in den Körper gelangen können. Meistens sind diese Stoffe aber nur in sehr kleiner Konzentration vorhanden, sodass ein gesunder Körper sie gut abbauen kann.
Superorgan Leber
Die Entgiftungsarbeit passiert im Körper hauptsächlich durch Leber und Nieren. Wenn schädliche Stoffe über die Nahrung in den Verdauungstrakt und über das Blut in die Leber gelangen, werden sie dort umgewandelt. Die Leber funktioniert als Filter für den Körper. Die Stoffe werden dort so umgewandelt, dass der Körper sie verwerten kann.
Alles, was nicht verwertet werden kann oder was schädlich ist, wird von der Leber in weniger schädliche Moleküle umgewandelt, die dann über die Nieren ausgeschieden werden können. So entgiftet der Körper und bleibt gesund.
Entgiftende Pflanzen
Es gibt einige Heilpflanzen, die die Leber und die Nieren beim Entgiften unterstützen können. Allen voran sind das der Löwenzahn (Taraxacum officinale) und die Mariendistel (Carduus marianus). Bei beiden Pflanzen kann anhand ihrer Merkmale die Wirkung abgelesen werden. Der Löwenzahn, der sich nach der Sonne richtet und sich bei Regen verschliesst, strotzt vor Anpassungsfähigkeit. Wie die Umwelt des Löwenzahns, ändern sich auch die Umwelt und die Ernährung des Menschen immer wieder. So wirkt er anregend auf den Stoffwechsel in der Leber und auf die Galle, und fördert damit die Entgiftung. Die Mariendistel mit ihren auffälligen Dornen symbolisiert hingegen die Abwehr. Sie stärkt die Leber und unterstützt das Leberfunktionsgewebe bei der Regeneration.
Sorgfalt mit Pflanze und Körper
Wer nun also frisch und fit ins neue Jahr starten möchte, dem helfen dabei in erster Linie eine gesunde Ernährung und genügend Bewegung. Löwenzahn und Mariendistel können zur Unterstützung eingenommen werden. Am einfachsten ist das mit einer pflanzlichen Urtinktur. Im Unterschied zu herkömmlichen Tinkturen werden diese aus frischen statt aus getrockneten Pflanzen hergestellt. Als Pionier der Urtinkturen gilt der Schweizer Biochemiker Dr. Roger Kalbermatten. Die von ihm gegründete Ceres Heilmittel AG verwendet mehrheitlich Pflanzen aus dem Thurgau, die nach Bio- oder Demeter-Standard angebaut
wurden oder aus sorgfältig ausgewählter Wildsammlung. Mit dem eigens entwickelten Verfahren wird sichergestellt, dass Geruch, Geschmack und Wirkung der Pflanze in den Urtinkturen in möglichst reiner Form bewahrt werden. Obwohl diese Urtinkturen weniger konzentriert sind als herkömmliche Tinkturen, haben sie meist eine tiefergehende Wirkung. Es reichen schon 1–2 Tropfen in einem grossen Glas Wasser, das über den Tag verteilt getrunken werden kann. Zentral für die Herstellung der Urtinkturen ist der richtige Zeitpunkt für die Ernte, wenn die Pflanze das optimale Stadium erreicht hat. Löwenzahn, beispielsweise, ist eine der ersten Pflanzen, die geerntet werden. Fast schon symbolisch also, dass gerade diese Pflanze uns zum Jahresbeginn unterstützen kann. •
Ceres Heilmittel AG
Ceres wurde 1991 vom Schweizer Biochemiker und Arzneipflanzenforscher Dr. Roger Kalbermatten gegründet und steht seither für höchste Qualität in der Herstellung von Urtinkturen. Jede Urtinktur ist das Ergebnis von grosser Sorgfalt und handwerklicher Präzision und enthält das gesamte Wirkspektrum der Heilpflanze – von den chemischen Wirkstoffen bis hin zu den unstofflichen Kräften. Bevor die Urtinkturen von Ceres in den Handel kommen, reifen sie über mehrere Jahre in Glasflaschen. Dieser langsame Reifungsprozess sorgt unter anderem dafür, dass die Pflanzen ihr volles Aroma entfalten können. Ceres Urtinkturen sind in Apotheken und Drogerien erhältlich. Zur korrekten Anwendung berät Sie der Fachhandel oder die medizinische Fachperson gerne. Die Ceres Akademie ergänzt dies mit einem umfassenden Angebot an Fortbildungen.
Was Knochen erzählen
Knochen vergessen nichts. Sie speichern Stürze und Schwerthiebe, Mangelernährung und Infektionen, harte Arbeit und medizinische Eingriffe –oft ein Leben lang. Selbst Jahrhunderte später lassen sich diese Spuren noch lesen.
Samuel Krähenbühl
Wie verändern sich Infektionen über Jahrtausende? Welche Rolle spielen Umwelt, Ernährung und soziale Ungleichheit? Und warum verschwinden manche Krankheiten, während andere neu entstehen? Die Antworten liegen nicht nur in modernen Laboren, sondern auch in den Knochen vergangener Generationen. Die Paläopathologie, eine junge Wissenschaft an der Schnittstelle von Medizin, Archäologie und Anthropologie, macht genau das: Sie rekonstruiert Krankheiten und Verletzungen vergangener Populationen und eröffnet damit einen überraschend direkten Blick auf den Alltag früherer Gesellschaften.
Eine junge Disziplin mit langem Gedächtnis
Als eigenständiges Forschungsfeld entwickelte sich die Paläopathologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert, parallel zur systematischen archäologischen Erfassung menschlicher Skelette. Während frühe Forschende sich vor allem auf spektakuläre Verletzungen konzentrierten, umfasst das Fach heute ein breites Spektrum: Infektionskrankheiten, Tumore, Mangel- und Abnutzungserscheinungen, angeborene Fehlbildungen oder Zahnkrankheiten. Untersucht werden Skelette, Mumien oder Moorleichen – mit klassischen Methoden der Knochenanalyse ebenso wie mit Röntgen, Computertomografie, Histologie oder der Analyse alter Geninformationen (DNA).
Ziel ist nicht nur die Diagnose einzelner Krankheitsfälle. Paläopathologie fragt immer auch nach Mustern: Welche Krankheiten waren verbreitet? Welche Bevölkerungsgruppen waren besonders betroffen? Und wie veränderten sich Krankheitsbilder über Jahrhunderte hinweg?
Wenn Akten und Knochen dasselbe erzählen Besonders eindrücklich wird diese Forschung dort, wo Skelette mit historischen Quellen kombiniert werden können. Ein herausragendes Beispiel stammt aus der Stadt Basel. Die Anthropologin Marie Kumpf untersuchte in
ihrer Masterarbeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die Gesundheit der städtischen Unterschicht des 19. Jahrhunderts anhand von Skeletten des ehemaligen Spitalfriedhofs St. Johann – ergänzt durch detaillierte Patientenakten. Ein Einzelfall zeigt die Stärke dieses Ansatzes: Bei einer Frau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts war im Skelett eine sauber verheilte Beinamputation zu erkennen. In den Archivunterlagen findet sich tatsächlich der Eintrag über eine chirurgische Entfernung des Beins wegen einer schweren Infektion. Der Knochen zeigt den exakt abgesägten Schaft, die geglättete Kallusbildung belegt, dass die Patientin den Eingriff noch längere Zeit überlebte. Solche Übereinstimmungen erlauben eine selten präzise Rekonstruktion medizinischer Praxis und Überlebenschancen jener Zeit.
Im Alten Ägypten war die Mumifizierung von Leichnamen verbreitet. Heute kann die Wissenschaft interessante Erkenntnisse daraus ziehen.
Ein weiteres Beispiel aus derselben Studie betrifft chronische Entzündungen: Verdickte Knochenoberflächen und poröse Veränderungen an Schienbeinen lassen sich mit langanhaltenden Infektionen in Verbindung bringen. In den Akten finden sich dazu wiederholt Diagnosen wie «Knochenfrass» oder «chronisches Fieber» – Begriffe der damaligen Medizin, die auf chronische Entzündungen hinweisen.
Harte Arbeit schreibt sich ins Skelett ein Paläopathologie macht auch sichtbar, wie sehr der Körper vom sozialen Umfeld geprägt ist. Viele Skelette aus dem Basler Spitalfriedhof zeigen massive Abnutzungsspuren an Wirbelsäule und grossen Gelenken. Zusammengedrückte Wirbelkörper, Arthrosen an Hüften und Knien oder deformierte Schultergelenke deuten auf lebenslange schwere körperliche Arbeit hin. Auffällig ist dabei, dass solche Veränderungen oft schon bei jungen Erwachsenen auftreten – ein Hinweis auf frühe Belastung und fehlende medizinische Entlastung. Ein besonders anschaulicher Befund sind sogenannte Stressmarker an den Zähnen: feine Linien im Zahnschmelz, die in der Kindheit entstehen, wenn der Körper über längere Zeit unterversorgt ist. Sie zeigen Hungerperioden oder schwere Krankheiten an und lassen erkennen, dass viele Menschen bereits als Kinder gesundheitlich stark belastet waren.
Gewalt, Krieg und ihre Signaturen
Ein zweiter grosser Forschungsbereich der Paläopathologie ist die Analyse von Verletzungen. In Übersichtsarbeiten und Fallstudien haben Christine Cooper und Sandra Lösch, beide an der Universität Bern tätig, zahlreiche Schweizer Fundstellen ausgewertet – von prähistorischen Gräbern bis zu neuzeitlichen Schlachtfeldern.
Die Unterschiede sind markant: Frühmittelalterliche Schädel weisen häufig verheilte Hiebverletzungen auf –Zeichen von Gewalt, die nicht tödlich war, aber zum Alltag gehörte. Dagegen zeigen Skelette aus Schlachtzusammenhängen der Neuzeit ganz andere Muster. Mehrfachverletzungen, tiefe Schwerthiebe oder Bajonettstiche lassen sich direkt mit historisch bekannten Kriegen in Verbindung bringen.
Ein besonders bekannter Fall ist der Schädel von Jörg Jenatsch, dessen tödliche Axtverletzung die schriftliche Überlieferung präzise bestätigt. Solche Befunde zeigen, dass Knochen historische Quellen nicht nur ergänzen, sondern mitunter sogar überprüfen können.
Infektionen, die Spuren hinterlassen – und solche, die verschwinden Nicht jede Krankheit greift den Knochen an. Doch einige Infektionen hinterlassen charakteristische Veränderungen. Tuberkulose etwa befällt in wenigen Prozent der Fälle die Wirbelsäule und führt dort zu typischen Einbrüchen der Wirbelkörper. Solche Befunde sind aus mehreren Schweizer Fundstellen bekannt, von frühmittelalterlichen
Rechts: Bevor sie untersucht werden können, werden die Knochen sorgfältig ausgegraben.
Links: Jörg Jenatsch.
Gräbern bis zu neuzeitlichen Armenfriedhöfen. Paläogenetische Analysen konnten den Erreger in mehreren Fällen eindeutig nachweisen.
Andere Krankheiten sind heute fast verschwunden. Jodmangel war im Alpenraum über Jahrhunderte verbreitet und führte in schweren Fällen zu Kretinismus. Paläopathologisch zeigt sich dies in verzögerter Knochenentwicklung, Minderwuchs und Fehlbildungen. Besonders häufig finden sich solche Skelette in neuzeitlichen Anstaltsfriedhöfen – ein Hinweis darauf, wie Gesellschaften mit Krankheit und Behinderung umgingen.
Warum das alles heute relevant ist
Die Forschung an vergangenen Krankheiten ist kein Selbstzweck. Am Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich, unter anderem unter der Leitung von Frank Rühli, wird Paläopathologie gezielt genutzt, um langfristige Krankheitsverläufe zu verstehen. So können die Knochen der Verstorbenen zur Verbesserung der Gesundheit heutiger und zukünftiger Generationen beitragen. So konnten die Forschenden am Institut für Evolutionäre
Medizin der Universität Zürich nachweisen, dass Arteriosklerose bereits vor Jahrhunderten bei Menschen vorkam – also lange vor moderner Ernährung, Rauchen oder Bewegungsmangel. Das hilft der heutigen Medizin zu verstehen, dass diese Krankheit nicht nur eine «Zivilisationskrankheit» ist, sondern auch biologische und genetische Ursachen hat. Dieses Wissen fliesst in Prävention, Risikobewertung und die Entwicklung moderner Therapien ein.
Fazit: Knochen erzählen Geschichten – leise, aber dauerhaft. Die Paläopathologie gibt ihnen eine Stimme und erinnert daran, dass Gesundheit immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, in der Menschen leben. •
Wer war Jörg Jenatsch?
Jörg Jenatsch (1596–1639) war ein Bündner Reformator, Politiker und Söldnerführer zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges. Er spielte eine zentrale Rolle in den Bündner Wirren, wechselte mehrfach die politischen Seiten und trat später sogar vom reformierten zum katholischen Glauben über. 1639 wurde er während der Fasnacht in Chur maskiert mit einer Axt erschlagen – ein bis heute berühmtes Ereignis der Schweizer Geschichte.
Was man am Knochen erkennt
Verletzungen und Unfälle: Verheilte Brüche, Schädelhiebe oder Stichverletzungen zeigen, ob Menschen gestürzt sind, schwere Arbeit verrichteten oder Gewalt ausgesetzt waren. Art und Lage der Verletzungen lassen oft Rückschlüsse auf Waffen oder Arbeitsgeräte zu.
Infektionskrankheiten: Krankheiten wie Tuberkulose oder Knochenentzündungen verändern Wirbelkörper und lange Röhrenknochen. In manchen Fällen kann der Erreger heute sogar genetisch nachgewiesen werden.
Mangelernährung: Hunger und Vitaminmangel hinterlassen Spuren an Zähnen und Knochen – etwa feine Wachstumsunterbrechungen im Zahnschmelz oder verzögerte Skelettentwicklung.
Abnutzung und Arbeit: Arthrosen, deformierte Gelenke oder zusammengedrückte Wirbel zeigen, wie stark der Körper über Jahre belastet wurde – oft schon in jungen Jahren.
Medizinische Eingriffe: Amputationen, Trepanationen oder andere chirurgische Eingriffe lassen sich an sauber geschnittenen Knochenflächen erkennen und geben Einblick in den medizinischen Wissensstand früherer Zeiten.
Einfach mal ganz Ohr sein
Einem anderen Menschen zuzuhören, bedeutet mehr als nur die gesagten Worte zu hören – es geht um Einfühlen, Anteilnehmen und um eine echte Verbindung. Gut zuhören zu können, ist eine Kunst, die Übung, Geduld und den aufrichtigen Wunsch erfordert, sein Gegenüber auch wirklich zu verstehen.
Markus Kellenberger
Lange hielt ich mich für einen guten Zuhörer. Ich war gegenüber Mitmenschen aufmerksam, die mir von bewegenden Geschehnissen erzählten, stellte Fragen und nickte meist auch an den richtigen Stellen. Und doch stellte ich eines Tages fest: Eigentlich hörte ich nur selten wirklich zu. Noch während mein Gegenüber sprach, formte sich in mir bereits eine Antwort, und mit ihr auch gleich eine Lösung, die ich unbedingt in das Gespräch einbringen wollte. Das ist, wenn es ums Zuhören geht, ein klassisches Männerproblem, wobei ich dazu festhalten will: Auch Frauen haben Männeranteile, und umgekehrt gilt das natürlich auch. Aber wie auch immer – als Mann musste ich erst einmal lernen, mich mit meinen Ratschlägen zurückzunehmen, denn Menschen, die sich etwas von der Seele reden wollen, möchten nicht gleich eine Lösung, sondern zuallererst mit ihren Sorgen wahr und ernst genommen werden. Mit anderen Worten: Sie möchten, dass ihnen jemand zuhört. Wirklich zuhört.
Eine Frage der Haltung
Wirkliches Zuhören beginnt nicht im Ohr, sondern mit der inneren Haltung. Es ist eine bewusste Entscheidung, für einen Moment vom eigenen Standpunkt abzurücken und sich dem Erleben eines Gegenübers zuzuwenden, und das nicht, um zu bewerten, zu korrigieren oder besonders schlau zu antworten, sondern einzig und allein, um für sie, ihn oder es da zu sein. Gehört zu werden wirkt stärker, als wir vermuten, denn wer spricht und merkt, dass seine Worte nicht sofort eingeordnet, relativiert oder kommentiert werden, kann sich tiefer mit dem eigenen Erleben verbinden, und das löst innere Spannungen. Gerade für Menschen mit erschütternden Erfahrungen ist «gehört werden» ein wichtiger Schritt, um eigene Lösungen zu entwickeln. Sie erleben, dass ihre Wahrnehmung zählt und ihre Grenzen respektiert werden. Zuhören ist nämlich auch eine Form der liebe- und verständnisvollen Anerkennung, die sagt: Du darfst sein mit dem, was dich bewegt.
Zuhören tut allen gut
Der israelische Sozialpsychologe Guy Itzchakov hat in seinen Studien belegt, dass sich wirkliches Zuhören auf alle Beteiligten positiv auswirkt. Redende fühlen sich sicherer, öffnen sich stärker und nehmen weniger extreme Positionen ein; Zuhörende wiederum profitieren davon, dass dabei ihr eigenes Wohlbefinden steigt, denn wer zuhört, ohne sich aufzudrängen, erlebt sich als wirksam –nicht durch sein Tun, sondern einzig durch sein Dasein. Der Grund dafür ist, dass sich bei einem solchen Austausch eine besondere Form der Verbundenheit einstellt, die über reines Verstehen hinausgeht. Wer reden darf und wer zuhören kann, erlebt Nähe, ohne dass Unterschiede verschwinden. Man könnte es auch so sagen: Menschen lernen sich in einer solchen Situation besser kennen – sich selbst und das Gegenüber.
Wenn wirkliches Zuhören doch so heilsam ist – warum fällt es uns dann trotzdem so schwer? Ganz einfach deshalb, weil dazu mehrere Hindernisse zu überwinden sind. Ein Grund dafür ist das eigene Gedankenrauschen. Wir sind es gewohnt, ständig alles Gehörte innerlich zu kommentieren, sofort nach Lösungen zu suchen oder –und das ist zutiefst menschlich – wir gleiten während des Zuhörens gedanklich in unsere eigenen Probleme ab. Dagegen können kleine Rituale helfen, wie zum Beispiel ein bewusstes «Ich bin und bleibe bei dir». Zuhören heisst nämlich, sich selbst zurückzunehmen und leiser zu stellen.
Angst vor zu viel Intimität
Zum eigenen Gedankenrauschen gesellt sich gerne auch die Angst vor Veränderung, denn wer wirklich zuhört, läuft Gefahr, die eigene Sichtweise überdenken zu müssen. Das kann verunsichern, weil Zuhören eine Offenheit erfordert, die verletzlich machen kann. Und damit wären wir bei einer weiteren grossen Angst, nämlich der vor zu viel Nähe. Zuhören schafft Intimität, denn es öffnet einen Raum, in dem Gefühle spürbar werden. Nicht alle halten diese Nähe aus.
Wirkliches Zuhören ist immer auch eine Begegnung mit sich selbst. Es konfrontiert uns mit den eigenen Sorgen und Nöten, mit emotionaler Unsicherheit und mit dem Wunsch, die Kontrolle zurückzugewinnen, indem wir recht haben oder um jeden Preis helfen wollen. Wer diese inneren Dynamiken erkennt, kann lernen, sie als Schutzmuster zu erkennen und ihnen nicht mehr reflexhaft zu folgen. Zuhören wird dann zu einer stillen Übung im zugewandten Dasein – und zu einer Einladung, mit einem wirklich offenen Ohr auf Menschen zuzugehen. •
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Gehört zu werden, heilt oft mehr als jede Antwort. »
Das «wesentliche Zwiegespräch» in Beziehungen
In Liebesbeziehungen ist Zuhören besonders kostbar. Der deutsche Paartherapeut Michael Lukas Moeller hat eigens dazu das «wesentliche Zwiegespräch» entwickelt. Dieses Konzept, das Paare lernen können, schafft mit klaren Regeln einen geschützten Raum, in dem sich die Beteiligten einander mitteilen. Die Kernpunkte sind:
• Mindestens einmal wöchentlich wird eine Stunde für das Zwiegespräch reserviert.
• Jede Partnerin, jeder Partner bekommt eine halbe Stunde Redezeit, während das Gegenüber zuhört, ohne zu unterbrechen oder das Gesagte zu kommentieren. Pausen sind auszuhalten.
• Wer redet, redet ausschliesslich in der «Ich-Form», also nur über sich. Konkret heisst das: «Ich erlebe etwas so» oder «Ich fühle das und das» – und nicht «Du hast wieder» oder «Du tust immer».
• Beim Zwiegespräch geht es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern darum, immer wieder die innere Welt und das Erleben des Anderen kennenzulernen.
Studien aus der Beziehungspsychologie haben gezeigt: Paare, die sich so zuhören, lernen nicht nur das Gegenüber, sondern auch sich selbst besser kennen. Nähe entsteht nämlich nicht durch ständige Problemlösung, sondern durch verlässliche und nicht wertende Aufmerksamkeit. Zuhören wird dadurch zur echten Beziehungspflege und erinnert daran, dass wir den anderen nie ganz kennen – und genau darin liegt die Lebendigkeit der Liebe.
Haben Sie Fragen?
Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich. m.kellenberger@weberverlag.ch
Die Kraft des Mondes
Der Mond beeinflusst nicht nur Ebbe und Flut, auch die Menstruation kann von seinen Kräften verändert werden. Wie dieser Einfluss aussieht und warum es sich lohnt, den Menstruationszyklus zu beobachten und sogar nach ihm zu leben, erfahren Sie in unserem Beitrag.
Sophie Souvignier
Wie auch der Mond verläuft der Menstruationszyklus in Phasen über etwa 29 Tage, die sehr gut mit diesem verglichen werden können. Die Eckpunkte stellen hierbei Neumond und Vollmond dar, die für das Einsetzen der Periode und den Eisprung stehen. Beim Beginn der Mens befinden sich alle vier beteiligten Hormone (Follikelstimulierendes Hormon (FSH), Luteinisierendes Hormon (LH), Östrogen und Progesteron) an einem Tiefpunkt, ebenso wie das Licht des Neumondes. Zum Zeitpunkt des Eisprungs befinden sich die Hormone FSH, LH und Östrogen an einem Höhepunkt, wie die Strahlkraft des Vollmondes. Dazwischen werden
mehr Hormone ausgeschüttet, vor allem Östrogen, vergleichbar mit dem Anschwellen des Mondes, sowie der schnelle Abfall und das gleichzeitige Ansteigen des Hormons Progesteron, wie auch beim Mond, der sich zum Neumond hin verdunkelt.
Die Einflüsse des Mondes
Aber was hat der Mond nun wirklich für Einflüsse auf den Menstruationszyklus? Das hat ein Team der Uni Würzburg um Chronobiologin Charlotte Förster erforscht. Dazu untersuchten die Forschenden die Daten von 22 Frauen, die ihren Zyklusverlauf zum Teil über 32 Jahre hinweg
notierten. Das überraschende Ergebnis: Wie auch bei vielen Tierarten, deren Fortpflanzung an den Mondzyklus angepasst ist, gibt es auch eine Korrelation zwischen Mondphasen und menschlichem Menstruationszyklus. Die Forschenden vermuten, dass sogar bis in die Antike noch eine vollständige Synchronität mit dem Mond vorhanden war. Auch Schwangerschaften (erhöhte Wahrscheinlichkeit bei Mond-Synchronität) sowie Geburten (Erhöhung bei Vollmond, Absenken bei Neumond) werden laut verschiedener Studien bis heute von den Schwankungen des Mondes beeinflusst.
Den stärksten Einfluss hat das Mondlicht, im Schnitt verlaufen die Zyklen von 25 Prozent der Frauen für bestimmte Zeiträume synchron mit dem Mond. Dies sinkt mit dem Alter ab und ist zudem davon abhängig, wie vielen künstlichen Lichtquellen Frauen nachts ausgesetzt sind. «Nachteulen» sind dementsprechend seltener synchron. Es gibt auch noch einen zweiten Einflussfaktor: die Gravitationskraft des Mondes. In Jahren mit besonders starker Schwerkraft waren sieben von neun Frauen im Gleichtakt mit dem Mondzyklus. Dieser von der Schwerkraft vorgegebene Rhythmus erklärt zudem, warum unser Schlaf manchmal an den Voll- oder Neumond gekoppelt ist, denn in beiden Phasen ist die Schwerkraft gleich stark.
Die Vorteile, den eigenen Zyklus zu kennen
Wie die Kraft des Mondes schwankt auch die der Frau im Zyklus – und das kann gezielt genutzt werden. Deshalb hilft ein Zykluskalender dabei, wichtige Schlüsse für sich und das eigene Wohlbefinden zu ziehen. Mit Beginn der Periode befinden sich unsere Hormone auf einem Niedrigwert – hier helfen häufig Ruhe und das Vermeiden von Stress. Gleichzeitig sollten wir unserem Körper etwas Gutes tun, leichte Bewegung und dunkle Schokolade (über
70 % Kakaogehalt, enthält Kalium, Magnesium und Eisen) helfen gegen Krämpfe und auch Akupunktur kann Abhilfe schaffen. Die ansteigenden Hormone und Kräfte bis zum Eisprung lassen sich beispielsweise sehr gut für Krafttraining nutzen, weshalb viele Sportlerinnen mittlerweile auch ihr Training nach dem Zyklus richten. Vor der Mens ist es ratsam, weniger anspruchsvolle körperliche Leistungen zu erbringen und es etwas lockerer angehen zu lassen, denn mit den schwindenden Hormonen schwindet auch unsere Energie. Das Wichtigste durch den gesamten Zyklus ist jedoch: Das körperliche Wohlbefinden steht im Zentrum. Dafür hilft es, den Körper und den eigenen Zyklus zu kennen und diesen für sich zu nutzen – damit die Kraft des Mondes auch im Alltag entfaltet werden kann. •
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Wie der Mond folgt auch der Menstruationszyklus einem natürlichen Rhythmus. »
Trautes Heim, Glück allein
Das eigene Zuhause ist neben dem Arbeitsplatz der Ort, an dem wir uns am häufigsten aufhalten. Umso wichtiger ist es, sich dort wohlzufühlen. Petra Studer arbeitet als Wohndesignerin und steht tatkräftig zur Seite, wenn es um das Ein- und Ausrichten der eigenen Wohlfühloase geht. Wir haben sie gefragt, worin das Geheimnis des Wohndesigns liegt.
Interview: Corinne Kneubühler
«natürlich»: Frau Studer, was bedeutet Wohndesign?
Petra Studer: Von Wohndesign spricht man, wenn ein auf die Bewohnenden abgestimmtes Einrichtungskonzept bewusst gestaltet wird. Viele denken, dass ein Tisch mit Stühlen, ein Sofa, ein Bett, ein Pflänzchen und ein Licht an der Decke ausreichen, um wohnen zu können. Man vergisst aber, welche Energie dabei entsteht und dass diese sehr wohl eine wichtige Rolle für das Wohngefühl spielt. Wenn man sich unwohl fühlt, nicht gut schlafen kann, aber auch wenn man unruhig ist, keine Erholungsphase hat, es an Motivation fehlt, man krank ist – das sind Zeichen dafür, dass der Wohnraum nicht optimal eingerichtet ist.
Wann hat Ihre Leidenschaft begonnen?
Schon als Kind war mir wichtig, ein schönes und aufgeräumtes, sauberes Zimmer zu haben. Ich glaube, ich bin mit dem Bedürfnis geboren! (lacht) Ich kann mich gut erinnern, dass ich nicht einschlafen konnte, wenn die Vorhänge nicht schön gerichtet waren oder die Schranktüren noch offen standen. Aus diesem Bedürfnis wurde schlussendlich eine Berufung.
Mit welchen Anliegen kommt Ihre Kundschaft häufig zu Ihnen?
Da gibt es solche, die verzweifelt versuchen, Atmosphäre in ihr Zuhause zu bringen. Das wird manchmal zur Herausforderung. Vorhänge und Teppiche sind beispielsweise immer wieder Thema. Da höre ich oft, dass diese nur Staubfänger seien und dass man Allergiker*in sei. Aber genau dadurch entsteht ein heimeliges Gefühl und der Staub, der sonst in der Luft herumfliegt, kann sich setzen.
Gibt es auch Probleme, die durch die Architektur bedingt sind?
Das gibt es schon, ja. Hat der Raum beispielsweise nur eine Wand ohne Fenster, kommt sofort die Frage auf: Wo stelle ich das Sofa und wo den TV hin? Ausserdem befindet sich in modernen Bauten oft alles in einem Raum: Küche, Esszimmer, Wohnzimmer … Dann kommt auch noch der Trend der möglichst grossen Kochinsel – na ja, die Vorstellungen sind oft grösser als der gegebene Platz dafür.
Was verstehen Sie unter «heilendem Wohnen»?
Heilendes Wohnen beginnt bereits bei der Auswahl der Wohnung, des Hauses oder des Bauplatzes. Dabei gilt, sich die einfache, aber zentrale Frage zu stellen: «Wie fühlt sich diese Auswahl an?» Kopf also ausschalten und das Bauchgefühl an.
Wenn ich vom Kunden ein zufriedenes Lächeln erhalte, dann ist das meine ganz persönliche Belohnung für mein Schaffen.
Dafür braucht es einen Moment Ruhe und Zeit, um nicht abgelenkt zu sein. Ebenso wichtig sind Ordnung und das Sauberhalten der Räumlichkeiten. Denn sind die Räumlichkeiten überstellt, überfüllt und staubig, ist die Energie tiefer, was Müdigkeit und Lustlosigkeit begünstigt und motivationshemmend sein kann.
Für wen ist eine (heilende) Wohndesign-Beratung eine gute Idee?
Für alle Menschen, die sich in den eigenen vier Wänden nicht wirklich wohlfühlen und tagtäglich faule Kompromisse eingehen müssen. Und natürlich für alle, die etwas erneuern und verändern wollen, aber nicht richtig wissen, wo anfangen.
Wie würden Sie den Mehrwert einer solchen Beratung einstufen?
Ich finde, man muss den Preis einer Einrichtungsberatung relativieren: Es kostet selten mehr als eine Woche Ferien, und diese ist nach sechs Tagen vorbei und nach sieben Tagen vergessen. (schmunzelt) Das schön gestaltete Zuhause mit wunderbarem Ambiente kann jeden Tag, jede Woche, jeden Monat über viele Jahre genossen werden und es kostet keinen Rappen mehr – ausser ein wenig Aufmerksamkeit, indem es ordentlich und sauber gehalten wird.
Was ist das Schönste, was Sie je bei einer Wohndesign-Beratung erlebt haben?
Als ich eine ganze Wohnung nach meinen Vorstellungen einrichten durfte. Der Kunde überliess mir alles, selbst die Auswahl der Accessoires. Als ich schliesslich die Wohnungsschlüssel in den Briefkasten warf, war ich
schon sehr aufgeregt. Als er mich schliesslich spät am Abend anrief und mir sagte: «Well done, Petra! I’m absolutely happy!» (Gut gemacht Petra! Ich bin absolut glücklich!), konnte ich beruhigt und zufrieden schlafen gehen.
Haben Sie einfache Tipps, um einen Raum heilsam einzurichten?
Es tönt simpel, doch oft ist es das Schwierigste! Altes entsorgen, loslassen und Platz für mehr Raum oder Neues schaffen. Die überfüllten Schränke ausmisten und neu einräumen, Dinge, die man kaum bis nie mehr anschaut, weggeben oder verschenken. Pflanzen, die nicht mehr gesund sind, ersetzen. Dann sollte frische Luft herrschen, sodass man wie im Frühling, wenn alles wieder blüht und duftet, richtig durchatmen kann. •
Petra Studer
Petra Studer ist seit 2002 in der Inneneinrichtung tätig. Heute begleitet sie die Kundschaft bereits ab der Fertigstellung des Grundrissplanes und wirkt auch bei der Auswahl von Bad, Küche, Bodenbelägen, Wandfarben/Tapeten usw. mit. Es ist ihr ein grosses Anliegen, dem Wohnen einen Mehrwert zu verleihen, sodass das Zuhause zum Wohlgefühl, zur Erholung und somit zur ganz persönlichen Oase wird.
www.ps-wohndesign.ch
Kurz gefasst
TIERE
Wie Natriummangel Wildtiere zur Wanderung zwingt
Für das Funktionieren von Stoffwechsel, Nerven und Muskeln sind Pflanzenfresser auf genügend Natrium angewiesen. Ein Forschungsteam von der Northern Arizona University hat untersucht, wo Elefanten, Giraffen und Nashörner ihr Natrium finden. Dafür werteten sie über 4200 Pflanzenproben aus der südlichen Sahara aus. Diese ergänzten sie durch über 1300 Kotproben, die zeigen, ob das jeweilige Tier an Natriummangel leidet. Wie wissenschaft.de berichtet, hat sich im Laufe der Studie gezeigt: In vielen Gegenden haben die imposanten Säugetiere nur beschränkten Zugang zu Natrium. «In Afrika variiert die Natriumverfügbarkeit in Pflanzen von einer Region zur anderen um das 1000-Fache», erklärt Projektmitarbeiter Marcus Clauss von der Universität Zürich gegenüber wissenschaft.de. Diese Tatsache führt dazu, dass manche der grossen Tiere ein starkes Wander- und Suchverhalten entwickelt haben. Manche Elefanten dringen gar in Höhlen vor, um an natriumreiche Felswände zu gelangen, oder graben in Flussbetten nach Salz.
Das Forschungsteam geht laut wissenschaft.de davon aus, dass das zu einer zunehmenden Annäherung der betroffenen Tierarten an besiedelte Gebiete führen wird. Denn dort entstehen durch Bohrlöcher künstliche Natrium-Hotspots. Auch StrassenStreusalz, Bergbau und andere Industriezweige erzeugen artifizielle Natriumquellen, was die Tiere anlocken kann. bbu
Die Schattenseite der Digitalisierung
Was haben E-Autos, Smartphones und Laptops gemeinsam? Sie alle benötigen Kobalt. Abgebaut wird der Rohstoff fast ausschliesslich in der Demokratischen Volksrepublik Kongo – und das unter schweren Menschenrechtsverletzungen. Siddharth Kara reiste in die Bergbauregionen und zeigt in seinem Buch «Blutrotes Kobalt» die Folgen unserer verschwenderischen Verwendung elektronischer Güter auf.
Der Autor legt schonungslos die Lieferketten und Geschäftsmodelle der Tech- und Automobilkonzerne offen, deren Nachhaltigkeitsversprechen selbst in Vorzeigeminen leere Worte sind. Er schildert auch die kolonialen Hintergründe, die zu den heutigen Zuständen geführt haben, und lässt die Menschen zu Wort kommen, die für den Kobaltabbau ihr Leben riskieren.
Blutrotes Kobalt.
Der Kongo und die brutale Realität hinter unserem Konsum – Siddharth Kara Harper Collins, Hamburg 2024 ISBN 978-3-365-00619-1
BUCHTIPP
WISSENSCHAFT
Aufräumen wie die Profis
Wie schön wäre es, wenn wir einfach nur durch unsere Wohnung schlendern könnten und schon hätten wir aufgeräumt? Genau das ist bei Wür mern Realität. Wie Geo.de berichtet, haben Forschende entdeckt, dass Würmer wie von selbst aufräumen. Dafür hat das Forschungsteam der Universität Amsterdam, der Georgia Tech, der Sorbonne-Universität und des Centre national de la recherche scientifique einen Wurm zusammen mit Sandkörnern in eine Petrischale gelegt. Und siehe da: Kaum beginnt der Wurm zu kriechen, kommt Ordnung ins Chaos und er beginnt, die losen Körner in kleinen Haufen zu gruppieren. Wie die Forschenden herausgefunden haben haben, ist das keine Verhaltensstrategie, sondern ein glücklicher Zufall. Es liegt an zwei Eigenschaften der Würmer: ihrer Flexibilität und ihren wellenförmigen Bewegungen.
Das Team hofft, dass diese Erkenntnisse helfen können bei der Entwicklung von Aufräumrobotern, die Mikroplastik oder Sedimente aus Gewässern entfernen. bbu
TIER DES JAHRES
Vor Hunger schützen auch Stacheln nicht
500 Gramm – so schwer muss ein Igel im Herbst sein, damit er den Winter überlebt. Doch weil immer mehr Natur überbaut wird, wird es zunehmend schwieriger für die Insektenfresser, genügend Nahrung zu finden.
Mit der Wahl des Braunbrustigels (Erinaceus europaeus) zum Tier des Jahres 2026 will Pro Natura Schweiz auf die zunehmende Gefährdung des Igels aufmerksam machen. Je mehr sich unser Siedlungsraum verdichtet, desto mehr Lebensräume des Igels verschwinden. Igel brauchen ein dichtes Netz an Unterschlupfmöglichkeiten und ein genügend grosses Nahrungsangebot an Insekten, was auch in landwirtschaftlich genutzten Gebieten oft nicht mehr sichergestellt ist. Umso wichtiger, dass wir mehr Naturgärten mit genügend Rückzugsmöglichkeiten für unseren stacheligen Nachbarn schaffen. Wenn Sie mehr über den Igel erfahren möchten und lernen wollen, wie Sie Ihren Garten igelfreundlich gestalten können, finden Sie auf pronatura.ch zahlreiche Tipps und Tricks. bbu
UMWELT
Klimawandel-Klage
Die Bevölkerung der indonesischen Insel Pari verursacht kaum CO2-Emissionen. Und doch leidet sie stark unter den Folgen des Klimawandels. Dieser wirkt sich beispielsweise immer öfter in verheerenden Überflutungen der Insel aus. Ibu Asmania, Arif Pujianto, Pak Bobby und Edi Mulyono wehren sich nun gegen diese fatale Situation. Die vier haben beim Zuger Kantonsgericht Klage eingereicht gegen den Schweizer Zementkonzern Holcim, der mit seinem massiven CO 2Ausstoss massgeblich beteiligt ist an der Klimaerwärmung. Die indonesischen Fischer*innen beantragen Entschädigung für erlittene Klimaschäden, die finanzielle Beteiligung an Flutschutzmassnahmen sowie die schnelle Reduktion der CO2-Emissionen. Der Gerichtsentscheid steht noch aus. Wer wissen möchte, wie es um das Verfahren steht, findet auf callforclimatejustice.org aktuelle Informationen. bbu
EMOTIONEN
Wenn Weinen helfen kann
Hilft uns Weinen, wenn es uns schlecht geht? Laut quarks.de haben in einer Studie der Psychologin Lauren Bylsma die Teilnehmenden nur in 30 % der Fälle angegeben, sich nach dem Weinen besser zu fühlen. Ein Faktor, der die Situation wesentlich verbesserte, war die Anwesenheit einer Person, die Trost spendete.
Wie steht es eigentlich bei anderen Lebewesen um das Weinen? Auch Tiere vergiessen Tränen. Doch anders als wir nicht aus emotionalen Gründen, sondern um die Augen zu befeuchten. bbu
Publireportage
Vitalpilze für das Immunsystem
Vitalpilze sind bekannt für ihre potenziell positiven Auswirkungen auf das Immunsystem. Zu den bekanntesten Vitalpilzen gehören Reishi, Shiitake und Maitake. Diese Pilze enthalten Beta-Glucane, Polysaccharide, die das Immunsystem stimulieren können, indem sie die Aktivität von Makrophagen und anderen Immunzellen erhöhen.
Reishi, oft als «Pilz der Unsterblichkeit» bezeichnet, wird traditionell zur Unterstützung der allgemeinen Gesundheit eingesetzt. Studien haben gezeigt, dass Reishi die Produktion von weissen Blutkörperchen fördern kann, was die Immunabwehr stärkt.
Shiitake-Pilze sind nicht nur ein kulinarischer Genuss, sondern auch reich an Lentinan, einem Beta-Glucan, das das Immunsystem stärken kann. Lentinan wird in einigen Ländern sogar als unterstützende Therapie bei Krebs eingesetzt.
Der Maitake-Pilz enthält ebenfalls wertvolle BetaGlucane, die die Immunantwort modulieren können, indem sie die Aktivität von natürlichen Killerzellen und T-Zellen fördern.
Insgesamt bieten Vitalpilze eine natürliche Möglichkeit, das Immunsystem zu unterstützen und die allgemeine Gesundheit zu fördern. Ihre Wirkung ist jedoch individuell unterschiedlich und sollte idealerweise in Absprache mit einem Gesundheitsfachmann genutzt werden.
Mykoplan® Vitalpilze Schweiz AG E-Mail: info@mykoplan.ch www.mykoplan.ch
FORSCHUNG
Küssen seit Urzeiten
Küssen ist nicht nur unter Menschen, sondern auch in der Tierwelt verbreitet. Wo der Ursprung des Küssens liegt, ist bis heute ein Rätsel. Denn evolutionär betrachtet bringt es keine Vorteile. Wie Geo.de berichtet, untersuchte eine Forschungsgruppe der Universität Oxford und des Florida Institute of Technology genau diese Frage. Dabei konzentrierte sich das Team auf Primaten und sammelte Daten zu deren Paarungsverhalten sowie Ernährung. Diese Daten kombinierten die Forschenden mit 10 000 Versionen genetischer Stammbäume von Primaten. Mithilfe einer Computerberechnung simulierten sie, wie sich das Küssen entlang dieser Stammbäume unter den Primaten und ihren Vorfahren entwickelt haben könnte.
Das Resultat: Der erste Kuss trat wahrscheinlich vor 21,5 bis 16,9 Mio. Jahren bei einem gemeinsamen Vorfahren der Menschenaffen auf. Die Frage nach dem Grund für das Küssen konnte jedoch nicht abschliessend beantwortet werden. Einer Theorie zufolge hat sich das Küssen aus dem Vorkauen und Weitergeben von Nahrung entwickelt. Eine andere These der Forschenden ist, dass es für die Partnerwahl relevant war. bbu
ERNÄHRUNG
Wie verlässlich ist der Nutri-Score wirklich?
Gut sichtbar zeigt er uns beim Einkaufen an, wie gesund ein Lebensmittel ist: der Nutri-Score. Die Bewertung wird aus den Inhaltsstoffen berechnet. Dabei werden beispielsweise Ballaststoffe, Eiweiss, Gemüse, Obst, Nüsse und Hülsenfrüchte positiv gewertet, während Kalorien, Zucker, Salz und gesättigte Fettsäuren negativ gewichtet werden. Doch wie quarks.de berichtet, wird zunehmend Kritik am Bewertungssystem laut. Der Grund: Es könne der Eindruck entstehen, dass ein Lebensmittel automatisch gesund ist, wenn es den Stempel «A» hat. Nun gibt es beispielsweise Toastbrot mit der Bewertung «A». Der Grund hierfür ist, dass der Nutri-Score innerhalb von Produktgruppen bewertet. Ein Toastbrot wird also nur mit anderen Toastbroten verglichen. Doch der Nutri-Score hat auch Vorteile: Er kann helfen, sich innerhalb einer Produktekategorie für eine gesündere Alternative zu entscheiden. Und obwohl er nicht zwingend ist, animiert er manche Firmen, ihre Rezepturen zu verbessern. bbu
Dr. Reto Wilhelm
FRANZ W. FAEH –PALACE RETOUR
«Palace retour.» Diese Geschichte handelt von einem, der auszog, um die grosse Welt der Hotellerie und Gastronomie zu entdecken. Sie hat keinen Anfang und kein Ende, sondern versammelt ein buntes Vielerlei von Eindrücken, Impressionen, Geschichten aus dem echten Leben eines Kochkünstlers. Die Rede ist von Franz W. Faeh, dem bodenständigen Saanenländer, der als 21-Jähriger von Gstaad auswanderte und mit gut 55 wieder nach Gstaad heimkehrt. Seine letzte Station war jene als Culinary Director im Gstaad Palace – dort, wo er einst die Lehre als Koch gemacht hatte. Dies ist kein Kochbuch. Auf über 200 Seiten sind nicht traditionelle Rezepte abgebildet, denn dieses Buch liefert Nahrung für Geist und Seele. Die Auswahl der Geschichten und Gerichte ist absichtlich eigensinnig, willkürlich, vom Moment und vom Erlebnis inspiriert. Free-style, sozusagen – mit Stil, ganz nach dem Gusto von Franz, kein Chichi. Der Appetit kommt beim Lesen.
ca. 280 Seiten, 23 × 27 cm, gebunden, Hardcover Mit zahlreichen Abbildungen. ISBN 978-3-03818-896-4
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Sabine Hurni über …
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das Meditieren
Meditieren Sie? Oder würden Sie es gerne tun, kommen aber nicht dazu? Vor zehn Jahren besuchte ich mein erstes Meditations-Retreat und kam dort in Kontakt mit tibetisch-buddhistischen Meditationspraktiken wie auch mit dem japanischbuddhistischen Zen. Damals habe ich mich entschieden, dass der tibetisch-buddhistische Weg besser zu mir passt und habe ihn weiterverfolgt. Zuerst mit dem Praktizieren der Achtsamkeitsmeditation, dann mit der bewegten Meditation Lu Jong (tibetisches Heilyoga) und später mit tieferen buddhistischen Meditationspraktiken, die mit dem inneren Feuer arbeiten. Mein Glück war es, dass ich sofort Menschen fand, die sich für das Lu Jong interessierten und denen ich diese wertvollen Bewegungen weitergeben konnte, immer kombiniert mit verschiedenen Meditationen. So meditiere ich regelmässig, im Minimum an den Kursen, im Maximum auch morgens unter der Woche. Die ganzen zehn Jahre habe ich es jedoch nie
« Meditation bedeutet, ganz bei dem zu sein, was wir gerade tun. »
geschafft, über längere Zeit täglich zu meditieren. Dies, damit Sie wissen, dass auch ich auf dem Weg bin. Wohin auch immer.
Und genau das ist es doch, was das Meditieren so erfrischend anders macht. Wir müssen nichts erreichen mit der Meditation, kein Ziel verfolgen und keine Leistung erbringen. Wir können meditieren, um den Geist zu beruhigen, um den Körper besser wahrzunehmen oder um den Atem in Ruhe zu beobachten. Aber es braucht viel Disziplin und Willensstärke, sich morgens oder abends hinzusetzen und zu meditieren. Meditieren Sie in einer gewissen Regelmässigkeit um des Meditierens willen, wird sich eine Stressresistenz und Konzentrationsfähigkeit einstellen, wir können es aber nicht erzwingen. In einer Weisheitsgeschichte von Anthony de Mello erklärt es der Meister am Beispiel des Geschirrspülens: «Es gibt zwei Möglichkeiten, Geschirr zu spülen. Die eine, um es sauber zu machen, die andere ist es, das Geschirr zu waschen, um es zu waschen. Die erste ist totes Tun, denn während der Körper Geschirr spült, ist der Geist auf den Zweck fixiert, es sauber zu machen. Die zweite ist lebendiges Tun, weil der Geist dort ist, wo der Körper ist.»
Das lebendige Meditieren muss also nicht zwingend im Sitzen erfolgen, erst recht nicht in einer für Sie unbequemen Sitzhaltung. Meditation funktioniert auch im Gehen, beim Schwimmen, Tanzen, Singen, Malen, Gärtnern oder bei einfachen, monotonen Arbeiten, indem Sie sich beim Gehen nur auf Ihre Fusssohlen konzentrieren, Sie beim Schwimmen das Wasser beobachten, das um Ihren Körper fliesst, beim Singen, Malen und Tanzen in einen Flow
kommen, der Sie die Zeit vergessen lässt, und Sie beim Gärtnern die Natur intensiv beobachten. Das alles bringt eine gewisse Leichtigkeit ins Tun. Sie schwimmen nicht mehr, um die Muskeln zu stärken, Sie malen nicht mehr, um ein grossartiges Bild zu produzieren, Sie tanzen nicht mehr, um anderen zu gefallen, und gärtnern nicht, um es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Nein, Sie tun die Dinge um der Freude willen.
Wenn Ihnen das zu schwierig, ineffizient und langweilig erscheint, ist es wohl besser, Sie beginnen mit der Meditation im Sitzen. Am besten früh am Morgen, vor dem Frühstück, wenn die Welt noch still ist. Setzen Sie sich anfangs maximal fünf Minuten mit einem Stuhl oder einem Meditationskissen in eine ruhige Ecke Ihres Zimmers und konzentrieren Sie sich auf eine einzige Sache. In der Regel beginnt man mit dem Beobachten des Atems, wie er durch die Nase ein- und ausströmt. Sie können aber auch auf Ihren Brustkorb achten, wie er sich hebt und senkt, oder ein östliches oder christliches Mantra zur Hilfe nehmen, das Sie immer und immer wieder repetieren. Eine schöne Meditation ist auch die Betrachtung der Dinge, wie zum Beispiel die Flamme einer Kerze, den Horizont, die Wasseroberfläche, einen Baum oder einen Berg. Damit Sie sich nicht um die Zeit kümmern müssen, stellen Sie am besten einen Wecker. Beginnen Sie anfangs mit kleinen Sequenzen und steigern Sie diese kontinuierlich.
Wir können mit dem regelmässigen Meditieren den Geist beruhigen. Das heisst, die Meditation hilft, den Geist klarer zu machen. Getrübt wird er von zahlreichen Gedanken, die ununterbrochen durch unseren Kopf sausen, uns ablenken, uns selbst und die Dinge bewerten und unsere Stimmung wie auch unser Tun beeinflussen. Diese Gedanken können wir nicht abstellen, erst recht nicht, wenn wir uns in Ruhe zum Meditieren hinsetzen. Wir müssen ihnen mit knallharter Disziplin klarmachen, wer der Chef oder die Chefin ist. Die Buddhist*innen nennen das «den Affen dressieren». Die Konzentration bleibt bei einer Sache – Atem, Kerzenflamme, Wasseroberfläche, was auch immer. Kommt ein Gedanke, schieben wir ihn liebevoll, als wäre es ein junger Hund, zur Seite und konzentrieren uns wieder auf diese Sache, so lange, bis der Wecker klingelt. Je mehr Übung Sie bekommen, desto länger können Sie in einem Zustand verweilen, der friedlich, ruhig und lichtvoll ist. Das ist es, was das Nervensystem braucht, um sich zu erholen. •
Sabine Hurni
Sabine Hurni ist Fachfrau für Ernährung, Naturheilkunde und Spiritualität. In der Kolumne «Sabine Hurni über…» befasst sie sich mit Ernährung als Medizin und Gesundheit auf allen Ebenen. In ihrer Praxis begleitet und berät sie Menschen ganzheitlich. www.sabinehurni.ch
Beratung
GESUND BLEIBEN BEI SCHICHTARBEIT
Meine Tochter beginnt demnächst eine herausfordernde Arbeit mit Nachtschicht. Was kann sie beachten betreffend Ernährung, Schlaf, Sport, Lebensrhythmus usw., um die Lebensbalance trotzdem halten zu können? I. S., Basel
Schichtarbeit bringt leider sehr viel Unruhe in den Körper. Meistens kommt die Verdauung aus dem Takt und der Schlaf-Wach-Rhythmus ist stark gefordert. Das ist aber sehr individuell. Es gibt ein paar Regeln, die man beachten kann, um nicht zu sehr aus dem Lot zu kommen. Wichtig ist auch, dass Ihre Tochter achtsam mit sich selbst umgeht und gut auf den eigenen Körper hört.
Aus der Sicht von Ayurveda, der indischen Gesundheitslehre, bringt Schichtarbeit vor allem das Windelement durcheinander. Sämtliche Massnahmen zielen darauf ab, dieses möglichst ruhig zu halten, damit es im Körper trotz Zeitverschiebungen möglichst ruhig bleibt. Wenn jemand vom Wesen her eine eher erdige, ruhige Konstitution hat, ist er resistenter gegenüber der Schichtarbeit. Leute hingegen, die ohnehin schon eher zart, leicht und dünnheutig sind, reagieren schneller mit Schlafstörungen oder Verdauungsproblemen auf unregelmässige Arbeits- und Schlafenszeiten. Aber in jungen Jahren fällt das alles noch nicht so sehr ins Gewicht. Ihre Tochter sollte in regelmässigen Abständen warmes Wasser trinken. Das heisst: Wasser aufkochen, in der Thermoskanne warmhalten und mehrheit-
lich davon trinken. Zudem sollte sie schauen, dass sie zwischen 11 und 14 Uhr richtig Zmittag isst, also eine warme Mahlzeit zu sich nimmt. Falls dafür keine Zeit ist, sollte sie zumindest eine Suppe essen. Kein Sandwich, keine Salatschale und kein Birchermüesli oder so etwas. Es wäre auch gut, wenn sie immer eine Beutelsuppe zur Hand hätte, damit sie sich zwischendurch mit etwas Warmem, Nährendem stärken kann. Wenn man spät nach Hause kommt und noch was Kleines essen möchte, eignen sich mit heissem Wasser überbrühte Haferflocken, die man je nach Vorliebe mit Honig und Zimt oder mit Salz und Pfeffer würzt.
Es wäre sicher auch gut, wenn sie jeden Tag in ihren freien Zeitfenstern einen Spaziergang in der Natur geniesst, da der Duft und die Energie von Bäumen sehr ausgleichend wirken und Stress reduzieren. Joggen würde ich nicht empfehlen, weil diese intensive Bewegung das Windelement erhöht und den Körper zusätzlich stresst. Ein Spaziergang hingegen tut dem Nervensystem gut und regt den Darm an.
« Regelmässige Wärme, Rhythmus und Achtsamkeit helfen dem Körper, bei Schichtarbeit. »
MENOPAUSE
Was können Sie mir über die Heilpflanze Ashwagandha raten? Seit einem Jahr bin ich in der Menopause und habe mit Schwindel, innerer Unruhe, Angst- und zuweilen Panikattacken zu kämpfen. Den Ratschlag meines Hausarztes, zum Psychologen zu gehen, will ich noch nicht befolgen. N. R., Zug
Ja, es ist eine gute Idee, Ashwagandha einzunehmen. Es wirkt auf vielen Ebenen stärkend auf den Körper und das Nervensystem. Zudem haben verschiedene Studien auch gezeigt, dass Ashwagandha einen Einfluss auf das Hormonsystem hat. Ein weiteres Stärkungsmittel, oder Adaptogen, wie diese Gruppe von Heilpflanzen auch genannt wird, ist der Rosenwurz. Ihn empfehle ich sehr gerne als Stärkungsmittel für Frauen. Die Wirkung ist ähnlich wie jene von Ashwagandha, nur dass es nicht so viele Studien zu dieser Pflanze gibt. Fühlen Sie in sich hinein. Zu welcher der beiden Pflanzen fühlen Sie sich mehr hingezogen?
In den Wechseljahren sind auch Rosendüfte sehr wohltuend, einhüllend und ausgleichend. Schnuppern Sie in der Drogerie die ätherischen Rosenöle durch. Dazu zählen Rosengeranium oder die Wilde Rose. Wenn Sie sich davon angesprochen fühlen, wenden Sie das ätherische Öl als Körperöl an, vermischt mit Mandelöl. Es wirkt wie ein sanfter Schutz, wenn die Stimmung am Boden ist. Massieren Sie sich mit dem Öl den Nacken und den unteren Bauch ein. Hilfreich ist auch der Muskatellersalbei, ein starkes Frauenmittel. Die beiden ätherischen Öle können Sie miteinander kombinieren.
Zudem wäre es allenfalls gut, wenn Sie Ihre Eisenwerte kontrollieren liessen. Es kann sein, dass diese aufgrund der verstärkten Blutungen vor der Menopause sehr tief sind. Tiefe Eisenwerte können Stimmungsschwankungen auslösen. Wenn die Hormone Kapriolen machen, sollte das Frühstück warm und mehrheitlich glutenfrei sein (Reis, Hirse, Amaranth). Abends tut leichte Kost gut, zum Beispiel Gemüse, Suppen, Toast mit vegetarischen Brotaufstrichen oder leichte Reisgerichte.
GESUNDHEITSTIPP
Ashwagandha – starke Nerven
Der Name Ashwagandha stammt aus dem Sanskrit und bedeutet: «Das, was den Geruch eines Pferdes hat.» Gemäss der alten Lehre soll es dem Menschen die Vitalkraft und die Stärke eines Pferdes verleihen. In der modernen Pflanzenlehre hat sich Ashwagandha einen Namen als Adaptogen gemacht. Das heisst, es gehört zu den Heilpflanzen, die den Menschen helfen, sich besser an erhöhte körperliche und emotionale Herausforderungen anzupassen.
So hilft Ashwagandha: Insgesamt 35 aktive Inhaltsstoffe sind in der Ashwagandhawurzel enthalten. Verantwortlich für die Nervenstärkung wie auch für die entzündungshemmenden und antioxidativen Eigenschaften ist die Wirkstoffgruppe der Withanolide. Das Wurzelpulver wird zur Stressreduktion und Stärkung eingesetzt. Es kann bei sämtlichen Themen rund um die Nerven, den Energiehaushalt, den Hormonhaushalt und die Konzentrationsfähigkeit helfen. Ebenso bei innerer Unruhe, Stimmungstiefs und depressiven Verstimmungen.
Wie anwenden: Bei Stresssymptomen, Angstzuständen, Schlafproblemen und vielen weiteren gesundheitlichen Themen nimmt man Ashwagandha als Pulver oder Wurzelextrakt in Form von Kapseln. Kaufen Sie das Produkt im Fachhandel, da so der Wirkstoffgehalt gewährleistet ist. In der Regel nimmt man zweimal täglich eine Kapsel ein.
Zwei Tipps für starke Nerven:
• Geben Sie täglich eine Handvoll gehackte Walnüsse in Ihre Mittagsmahlzeit oder ins Frühstücksmüesli. Die darin enthaltenen Omega3-Fettsäuren sind wichtig für Gehirn und Nerven.
• Essen Sie täglich drei warme, gekochte Mahlzeiten. Diese Art von Nahrung nährt besser als Kaltes und Rohes. shr
Wenn Vorsorge Orientierung gibt:
Patientenverfügung nach ACP
Das Leben folgt selten einem Plan. Gerade in medizinischen Krisen zeigt sich, wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein, mit Klarheit darüber, was wirklich zählt. Sybille hatte eine Patientenverfügung aus dem Internet erstellt. Nach einem Schlaganfall stand ihre Tochter vor der Frage, ob trotz ungewisser Prognose eine intensive Therapie begonnen werden soll. Die Behandlung wurde eingeleitet – doch die kognitive Beeinträchtigung bleibt. Rückblickend blieb unklar, ob dies dem Willen der Mutter entsprach.
Norbert hingegen lebt mit einer schweren Lungenkrankheit und erarbeitete seine Vorsorge im Rahmen einer «Patientenverfügung plus» nach Advance Care Planning (ACP) gemeinsam mit Fachpersonen. Werte, Prioritäten und Grenzen wurden konkret besprochen und verständlich festgehalten. So waren Entscheidungen für ihn, seine Angehörigen und die betreuenden Fachpersonen auch in komplexen Situationen nachvollziehbar und umsetzbar.
Der Unterschied ist zentral. Klassische Patientenverfügungen greifen oft zu kurz, weil sie sich auf das Lebensende beschränken, ACP begleitet den gesamten Krankheitsverlauf – vom Notfall über Phasen unklarer Prognose bis hin zu bleibender Urteilsunfähigkeit – und übersetzt persönliche Vorstellungen in praktikable medizinische Entscheidungen. Wie der natürliche Rhythmus des Lebens ist auch Vorsorge ein Prozess: Sie braucht Zeit, Reflexion und regelmässige Anpassung. Wer früh klärt, was wichtig ist, entlastet sich selbst und seine Angehörigen – und schafft Orientierung in Momenten, in denen sie am dringendsten gebraucht wird:
www.spo.ch/angebot/ patientenverfugung
Susanne Gedamke, Geschäftsführerin SPO
Mehr zur Organisation:
Schweizerische Patientenorganisation SPO spo.ch
Die SPO bietet medizinische und zahnmedizinische Beratungen.
Für Beratungen auf Französisch, Italienisch oder Englisch kontaktieren Sie uns telefonisch: 044 252 54 22
BLUTERGÜSSE VERSCHWINDEN NICHT
Ich bin männlich, 73 Jahre alt, 72 kg, in gutem allgemeinem Gesundheitszustand. Wenn ich mich im Garten oder bei der Hausarbeit leicht verletze, führt dies zu Blutergüssen, die nur langsam verschwinden. Manchmal vergehen Monate. Blutverdünner nehme ich nicht ein. Man sagte mir, im Alter hat man dünnere Haut, aber das allein kann es doch nicht sein. Haben Sie eine Idee, wie ich diese Beschwerden lindern könnte? W. M., Bern
Die Haut wird im Alter nicht nur dünner, der Hautstoffwechsel wird auch langsamer und die Zellen sind nicht mehr so prall gefüllt mit Wasser. Zuallererst ist es wichtig, dass Sie genügend trinken. Versuchen Sie, am Vormittag mindestens einen Liter Tee oder Wasser zu trinken. Nur wenn genügend Wasser durch die Zellen fliesst, kann sich die Haut gut regenerieren. Ebenfalls wichtig für die Haut sind die B-Vitamine. Es kann sein, dass bei Ihnen diese Nährstoffe etwas knapp vorhanden sind. In Drogerien und Apotheken erhalten Sie Nahrungsergänzungsmittel, die Sie mit allen B-Vitaminen versorgen.
Achten Sie zudem darauf, dass die Haut geschmeidig bleibt, das heisst, dass Sie die Arme immer gut einfetten. Eine ausgetrocknete Haut ist weniger elastisch und verletzt sich leichter. Sie könnten das Arnikaöl von Weleda verwenden. Das nährt Ihre Haut und gleichzeitig haben Sie mit dem enthaltenen Arnikaextrakt ein wunderbares Heilmittel für Prellungen und leichte Verletzungen.
Die Blutergüsse sind ein Problem der venösen Durchblutung. Fragen Sie im Fachhandel nach einem Gel, das Heparin enthält. Der Wirkstoff ist in Venenprodukten enthalten, man kann sie gut auch für die Behandlung von Blutergüssen verwenden. Und nochmals: Trinken Sie! Das ist sehr wichtig.
Haben Sie Fragen?
Sabine Hurni, Drogistin, Naturheilpraktikerin und Ayurveda-Expertin, beantwortet ihre Fragen zu Gesundheitsund Ernährungsthemen persönlich und ganzheitlich: s.hurni@weberverlag.ch
Sex braucht keine Liebe. Aber Vertrauen.
Es gibt viele gute Gründe für Sexualität zwischen zwei erwachsenen, bewusst entscheidenden Menschen. Liebe ist ein wunderschöner davon. Andere können sein: Abenteuerlust, Neugier, Nähe, Beruhigung unseres Nervensystems, Vertiefung einer Beziehung, Fortpflanzung, Wertschätzung, Trost, Meditation oder Zelebration unserer Lebendigkeit. Wer sind wir denn, einen dieser Gründe als weniger wert zu bezeichnen als einen anderen!
Begegnen wir unserer Sexualität doch bitte mit mehr Respekt. Schliesslich ist sexuelle Lust ein Geschenk des Lebens. Sie verdient es nicht, mit Abwertung, Scham, Angst, Erwartungsdruck, Leistungsstress und Optimierungstipps belegt zu werden. Allerdings gibt es auch etliche unschöne Gründe für Sex: etwa Gewalt, Unterwerfung und Demütigung, Angeberei, jemand anderen eifersüchtig machen, Manipulation. Gründe, die unser deutliches Nein erfordern. Aber ist es wirklich die Schuld der Sexualität, dass sie so verschmutzt wurde? Wie ein Fluss kann sie nichts dafür, dass wir Menschen unseren Müll hineingeworfen haben.
Einen Fluss zu reinigen, das bedeutet nicht nur, den Müll wieder herauszuholen. Es bedeutet auch, ihm wieder die Freiheit zu geben, so zu fliessen, wie er von selbst fliessen möchte, ungestüm, zart, mäandrierend. Denn dann reinigt er sich zu einem guten Teil selbst.
So ist es auch mit der Sexualität. Die wichtigste Voraussetzung, sich frei unserer Lust hingeben zu können, ist Vertrauen. Ohne Vertrauen geht es nicht. Ohne Vertrauen öffnen wir uns nicht, jedenfalls nicht freiwillig.
Echtes Vertrauen aufzubauen, braucht natürlich Zeit. Sein Inneres offenbaren und sich kennenlernen gehören dazu. So lange möchten und können wir im Fall akuter Lust nicht unbedingt warten. Deshalb schlage ich eine vorläufige Abkürzung vor. Auf der naheliegendsten Ebene beruht Vertrauen auf der Erfahrung: Egal, was geschieht – mein Nein und mein Ja werden respektiert. Die Annä-
herung, der Flirt und das Vorspiel dürfen dazu dienen, das zu üben: Ja und Nein zu sagen und angemessen auf das Ja und Nein des anderen zu reagieren.
Angemessen heisst: Egal wie zögernd oder unsicher ein Nein kommt – man hält inne, hört zu, will mehr wissen und mit dem anderen gemeinsam herausfinden, wo das Nein herkommt. Gibt es etwas auszusprechen oder grundsätzlich zu ändern? Und zwar ohne Druck und Überredung. In jedem Moment, selbst mittendrin, auch kurz vor dem Höhepunkt, darf jeder von beiden noch Nein sagen. Wird es respektiert, wächst das Vertrauen – und damit manchmal auch die Lust auf ein Ja.
Aber … ist es nicht so, dass wir manchmal aus Scham Nein sagen, unser Körper aber gerne Ja sagen würde? Braucht es nicht auch ein wenig Zudringlichkeit vom anderen, um darüber hinwegzukommen?
Die Antwort: Selbst wenn wir an einer ungewollten Schamgrenze stehen, können wir sie nur gemeinsam überwinden. Ein Eroberungskampf, wo «sie» Grenzen setzt, die «er» mit seiner Zudringlichkeit Zentimeter um Zentimeter überwindet – das taugte vielleicht als Teenager-Fantasie unserer Grosseltern. Aber nicht für Menschen, die die volle Wucht und Zartheit echter sexueller Hingabe kennenlernen möchten, die aus dem Vertrauen entsteht.
Leila Dregger
Leila Dregger ist Journalistin und Buchautorin. Sie begeistert sich für gemeinschaftliche Lebensformen, lebte u. a. über 18 Jahre in Tamera, Portugal, sowie in anderen Gemeinschaften. Am meisten liebt sie das Thema Heilung von Liebe und Sexualität sowie neue Wege für das Mann- und Frau-Sein.
Leila Dregger
Was uns glücklich und zufrieden macht
Das Streben nach Glück ist allen Menschen eigen, und deshalb ist es in Märchen, Liedern, Geschichten, in heiligen Schriften und im Alltag ein ewiges Thema. Das ist es vielleicht genau deshalb, weil Glück kein Ding ist, das sich festhalten lässt, egal, welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind. Aber: Die Glücksforschung weiss, was – und vor allem wie wenig – es braucht, um immer wieder glücklich zu sein.
Markus
Kellenberger
Was ist eigentlich Glück? Wenn es darauf eine klare und abschliessende Antwort gäbe, dann könnte ich sie an dieser Stelle in die Tastatur tippen – und ich hätte Feierabend. Das würde mir einen kurzen Moment des Glücks bescheren, aber dafür würde mir jenes Glücksgefühl fehlen, das mich jedes Mal überkommt, wenn ein Artikel nach langem Recherchieren und stundenlangem Schreiben endlich und zu meiner Zufriedenheit fertig geschrieben ist. Sie merken es: Das mit dem Glück, das ist alles andere als eine einfache Sache. Das musste auch jener Mann erleben, der Abend für Abend Gott in seinen Gebeten bat, ihm einen Lottosechser zu schenken.
Nach Monaten meldete sich bei einem dieser Gebete überraschenderweise Gott, und sagte spürbar genervt: «Dann hilf mir doch – und füll endlich einen Lottozettel aus!» Mir gefällt diese Geschichte, denn sie erinnert mich daran, dass ein Freund einmal zu mir sagte, Glück schreibe man mit drei Buchstaben: tun! Doch sei hier ehrlicherweise auch gleich gesagt: Tun alleine ist noch keine Garantie, um angestrebtes Glück zu erreichen, aber es erhöht die Chancen.
Das Glück als Quelle innerer Unruhe Kommen wir nun aber zurück zur Anfangsfrage, was Glück eigentlich sei. Was suchen wir eigentlich, wenn wir von Glück reden? Ist es ein gutes Gefühl, Sicherheit, Lebenssinn, Anerkennung oder schlicht die Abwesenheit von Sorge? Die vielfältigen Antworten darauf haben sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert und sind zum Teil sogar erstaunlich widersprüchlich. Mal galt Glück als göttlicher Segen, mal als Ergebnis eines tugendhaften Lebens, dann wieder als Frage der inneren Haltung und in unserer konsumorientierten Zeit hauptsächlich als ein Produkt von Leistung, erreichtem Wohlstand und erfolgreicher Selbstoptimierung. Vielleicht ist gerade unser heutiges Verständnis von Glück ein Punkt, an dem wir neu
«
Glück ist schwer zu definieren und nicht eindeutig festzulegen.
»
hinschauen müssen. In einer Zeit, in der uns ständig eingeflüstert wird, wir könnten das Glück planen, messen und steigern, ist es zu einem käuflichen Gegenstand geworden – und damit auch zu einer neuen Quelle der inneren Unruhe. Kommt dazu, dass uns in der Werbung und in den sozialen Medien täglich präsentiert wird, was Glück sein soll, wie es auszusehen hat und wo man es bekommt. Was aber bleibt, wenn Glück weniger mit der Vorstellung eines perfekt gestylten Lebens zu tun hat, sondern viel mehr mit einem, das sich trotz aller Brüche im Grossen und Ganzen stimmig anfühlt?
Ja, was bleibt, wenn man sich von der Vorstellung löst, wie etwas sein sollte, und sich wieder darauf besinnt, was für einen ganz allein stimmt? Das ist nicht einfach, denn der Mensch ist kein Wesen, das einfach lebt und sich damit zufrieden gibt. Wir deuten und vergleichen ständig und kommen so früher oder später zur Frage, ob das, was man lebt, auch gut genug ist. In diesem Sinne ist die Suche nach dem Glück keine moderne Marotte, sondern ein Grundzug unseres Seins. Schon immer haben Menschen versucht zu verstehen, was ein gelingendes Leben ausmacht und wie sich das erreichen lässt.
Wonach wir streben – und was wir sind
Evolutionär gesehen ist Glück kein Luxus, sondern ein Orientierungssystem, das uns anzeigt, was dem Leben dient. Der Mensch hat sich nicht entwickelt, um dauerhaft glücklich zu sein, sondern um zu überleben, sich mit seiner Umwelt zu verbinden und darin einen Sinn zu finden. Der Anthropologe Carel van Schaik beschreibt in seinem Buch «Mensch sein» eindrücklich, wie sehr unser heutiges Leben in vielen Bereichen in kompletten Widerspruch zu den Bedingungen steht, unter denen wir zwei Millionen Jahre lang als soziale und höchst kooperative Wesen entstanden sind. Aus seiner Sicht lassen sich viele Formen modernen Unglücks darauf zurückführen, dass zwischen dem, wonach wir streben, und dem, was wir in unserer Urnatur sind, mittlerweile ein zu grosser Unterschied besteht.
Ein gutes Beispiel dafür ist die zunehmende Einsamkeit, über die immer mehr ältere und jüngere Menschen klagen. Ein Befund, den der Berner Psychologe und Glücksforscher Bernhard Sollberger nicht zuletzt auf die alles infiltrierende Wirkmacht der sozialen Medien zurückführt. (siehe Box «Was macht die Glücksforschung?»).
Das Märchen von «Hans im Glück» bringt dieses Problem einer in vielen Bereichen masslos gewordenen Gesellschaft auf den Punkt. Hans verliert im Lauf der Geschichte alles, was ihm als erstrebenswertes Muss verkauft wird – und trotzdem wird er darob nicht immer unglücklicher, sondern im Gegenteil: Er wird immer leichter und fröhlicher. Das Glück liegt für Hans also nicht im Haben, sondern im Loslassen und in der Rückkehr zu einer Einfachheit, die nicht arm, sondern gefühlt stimmig und für ihn somit richtig ist. Mich berührt dieses Märchen, weil es von einer Ahnung berichtet, die viele von uns kennen: Das Glück liegt nicht unbedingt dort, wo uns gesagt wird, dass es sei, sondern dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten.
Geld macht nur bedingt glücklich
Die moderne Glücksforschung hat in den letzten Jahrzehnten vieles entzaubert. Sie zeigt, dass Wohlstand und Sicherheit wichtig sind – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sind die Grundbedürfnisse eines Menschen gedeckt, dann verlieren Geld und Besitz ihre glückssteigernde Wirkung. Mehr Besitz führt demnach nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit, auch wenn uns die Superreichen dieser Welt das weismachen wollen. Es sind andere Faktoren als Geld und Macht, die zu unserem Glück und somit zu unserer
Ein Lachen, das von Herzen kommt, ist mehr wert als alles Gold der Welt –so schön es auch schimmern mag.
Zufriedenheit beitragen. Alle Studien zum Glück kommen diesbezüglich zum selben Resultat: Unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zu uns selbst sind es, die uns mit Glück und Zufriedenheit füllen. Der österreichische Philosoph Michael Zichy kommt bei seiner Suche nach dem Lebenssinn zum Schluss, dass es im Leben darum geht, aus den richtigen Gründen und um seiner selbst willen anderen Menschen wichtig zu sein. Wahre Freundschaften und tragfähige Beziehungen sind denn auch die stärksten Glücksfaktoren überhaupt. Und: Sie schützen vor Krankheit und Einsamkeit und geben dem Leben eine zutiefst menschliche Bedeutung.
Auch die immer wieder in Teilen tabuisierte Sexualität gehört in diesen Zusammenhang, denn sie ist eine unserer grössten Ressourcen für ein gutes Lebensgefühl. «Wenn wir sexuell genährt sind, sind wir kreativer, stärker, ausgeglichener und lebendiger», sagt dazu Marcel Ruchti, der in Thun mit «Herz & Sinne» eine Tantra-Schule führt. «Eine erfüllte und befreite Sexualität hat einen direkten Einfluss auf unser Glücksgefühl.» Ein weiterer wichtiger Faktor, der zu Zufriedenheit führt, sind sinnvolle Tätigkeiten. Menschen, die aufgehen in dem, was sie tun, die einer Arbeit nachgehen, die sie fordert, aber nicht überfordert, erleben immer wieder
Was macht die Glücksforschung?
Was man unter Glück versteht, was alles dazu gehört und wie man es erreicht, darum kümmert sich seit fast hundert Jahren die Glücksforschung. 1938 startete die Harvard Universität in den USA eine bis heute andauernde und mehrere Generationen umfassende Langzeitstudie zum Thema. Sie untersucht, was Glück ausmacht und wie es sich im Verlauf der Jahre verändert. Hier sei eines der Resultate gleich vorweggenommen: Tragfähige Freundschaften und Beziehungen sind ebenso ein Schlüssel für empfundenes Glück wie auch ein erfüllter Lebenssinn im Arbeits- und im Privatbereich.
Die Glücksforschung hat sich mittlerweile auch in vielen europäischen Forschungsanstalten etabliert und ist interdisziplinär geworden. Psychologie, Soziologie, Medizin, Neurowissenschaften und Wirtschaftswissenschaften arbeiten hier zusammen. Auch die UNO macht mit und veröffentlicht regelmässig den sogenannten «World Happiness Report». In der Schweiz sind es der Ökonom Mathias Binswanger und der Psychologe Bernhard Sollberger, die sich als Glücksforscher mit der Befindlichkeit der Bevölkerung auseinandersetzen. Ähnlich wie die UNO kommen auch sie dabei zum Schluss, dass Schweizerinnen und Schweizer im Grossen und Ganzen zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören.
Die Glücksforscher zeigen in ihren Befragungen und Studien aber auch auf, was das Glück beeinträchtigen kann. In der Schweiz ist das unter anderem ein um sich greifendes Einsamkeitsgefühl, das sich unter älteren, aber immer mehr auch unter jungen Menschen breitmacht. Einen Grund dafür sieht Bernhard Sollberger in unserem Umgang mit den sozialen Medien. Da habe man zwar viele Follower oder digitale Freunde –doch wirklich nahe stünden einem am Ende des Tages nur sehr wenige.
Glücksgefühle. «Wenn Können, Aufgabe und Aufmerksamkeit zusammenfinden, dann ist der Mensch im Flow», nannte der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihaly diesen befriedigenden Zustand.
Zu all dem gesellen sich aber noch weitere Aspekte, die das persönliche Glück beeinflussen und die nicht unterschätzt werden dürfen. Dazu gehören Spiritualität, Naturverbundenheit und das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein. Auch nicht zu unterschätzen sind gesellschaftliche Entwicklungen, die aktuelle politische Unsicherheit, wachsende soziale Ungleichheit und natürlich auch die Klimakrise – all das wirkt sich auf das individuelle Glück aus, denn Glück ist nie rein privat, es ist immer eingebettet in eine Welt, die uns trägt oder belastet. Das Märchen von den Sterntalern kann hier eine Anregung sein, denn das Mädchen in der Geschichte wird am Ende nicht deshalb mit Sterntalern belohnt und glücklich, weil es Angst hat – sondern weil es dem Leben vertraut.
Was in unserer Macht steht – und was nicht Wenn wir also fragen, was Glück ist, stellt sich auch die Frage nach der Eigenverantwortung. Sind wir tatsächlich unseres Glückes eigener Schmied? Meine Antwort darauf lautet Ja – aber anders, als dieser Spruch oft verstanden wird. Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht auf Teufel komm raus herstellen, kaufen und schon gar nicht dauerhaft festhalten. Aber wir können Bedingungen schaffen, unter denen Glück entstehen kann, indem wir Beziehungen pflegen, unseren Tätigkeiten einen Sinn geben, Mass halten und nicht nach dem Unerreichbaren streben. Und: Wir können lernen, uns selbst besser zu verstehen und zwischen dem zu unterscheiden, was in unserer Macht steht, und dem, was wir annehmen müssen.
Ein Patentrezept zum Glücklichsein gibt es nicht, und deshalb ist die vielleicht ehrlichste Schlussfolgerung die: Glück ist weder reiner Zufall noch reine Leistung. Glück ist ein Prozess, eine Beziehung und eine Haltung zum Leben, und wer sein Glück schmiedet, tut dies nicht mit Gewalt, sondern mit Aufmerksamkeit und nicht gegen die Welt, sondern mit und in ihr. Und ja, wer weiss, vielleicht beginnt das Glück genau dort, wo wir aufhören, es unbedingt haben zu wollen, und wir beginnen, so zu leben, dass es uns finden kann. Oder wie es der Berner Paartherapeut und Männercoach Peter Oertle sagt: «Wünsch dir das, was du hast – und du wirst zufrieden sein.» •
Buchtipps:
Michael Zichy: «Anderen wichtig sein – eine Philosophie des Lebenssinns», Verlag Suhrkamp, 2025
Carel van Schaik/Kai Michel: «Mensch sein –von der Evolution für die Zukunft lernen», Verlag Rowohlt, 2023
Paul Watzlawick: «Anleitung zum Unglücklichsein», Verlag Piper Taschenbuch, 2021
Glücksfaktoren und Unglücksfaktoren
Die Forschung zeigt, dass Glück nicht durch einzelne Faktoren entsteht, sondern durch ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer, sozialer und gesellschaftlicher Bedingungen. Das erstaunliche daran: Nachhaltig glücklich machen in der Regel nicht die spektakulären, sondern die ganz «gewöhnlichen»
Dinge im Alltag, die wir als selbstverständlich ansehen – und die oft gar nicht so leicht zu erreichen sind.
Das sind die wichtigsten Glücksfaktoren:
• Stabile soziale Beziehungen
• Erfüllende Arbeit, gesellschaftliches Engagement und kreative Tätigkeiten
• Angemessene und erfüllbare Herausforderungen
• Massvolle materielle Sicherheit
• Körperliche Gesundheit, genug Bewegung und ausreichend Schlaf
Das sind die wichtigsten Unglücksfaktoren:
• Einsamkeit und soziale Ausgrenzung
• Dauerhafter Stress und Unsicherheit
• Armut und fehlende Sinnperspektiven
• Ständiges Vergleichen mit anderen
• Übersteigerte Erwartungen an sich selbst
• Der Druck, glücklich sein zu müssen
Eine kleine Anleitung zum Glücklichsein
Glück lässt sich nicht erzwingen – aber begünstigen. Die Glücksforschung zeigt, dass bereits kleine, regelmässige Veränderungen im Alltag eine spürbare Wirkung haben können. Die nachfolgenden Tipps sind keine Garantie für Glück. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen es wahrscheinlicher wird.
1. Beziehungen pflegen: Nehmen Sie sich mehr Zeit für Menschen, die Ihnen etwas bedeuten. Menschen treffen, zuhören, gemeinsame Erlebnisse und ehrliche Gespräche wirken besser als Selbstoptimierungskurse.
2. Dankbarkeit kultivieren: Nehmen Sie wahr, was sie schon alles haben, statt sich auf das zu konzentrieren, was Ihnen zu fehlen scheint, denn das steigert Ihre Zufriedenheit. Kleine Dankbarkeitsrituale – etwa das bewusste Erinnern an positive Erlebnisse – können das Wohlbefinden steigern. Führen Sie ein Glückstagebuch und notieren Sie sich darin jeden Tag eine Begebenheit, die Sie hat staunen oder lächeln lassen oder die Sie einfach zufrieden gemacht hat.
3. Sinnvolle Tätigkeiten suchen: Ob Arbeit, Ehrenamt oder Hobby – Tätigkeiten, die als befriedigend erlebt werden, ohne zu überfordern, erhöhen die Lebenszufriedenheit. Wo Können und Herausforderung in Balance sind, entsteht ein zufriedenstellender «Flow».
Von Liebe und Respekt getragene Beziehungen sind der Schlüssel zum persönlichen Glück.
4. Körper und Geist ernst nehmen: Bewegung, genug Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und genügend Zeit für sich selbst fördern das emotionale Gleichgewicht.
5. Mass halten und vergleichen meiden: Glück wächst selten im ständigen Mehr. Üben Sie sich darin, zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden und vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Das entspannt, denn Zufriedenheit entsteht oft dort, wo das Genug wieder sichtbar wird.
« Wir können
Bedingungen schaffen, unter denen Glück wachsen kann.
Die Medizin der Urpflanze
Der Acker-Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil.
Das spröde Kraut aus der Urzeit tut Haut, Knochen und Nieren gut.
Yves Scherer
Vor mehr als 300 Millionen Jahren dominierten Schachtelhalme die Sumpflandschaften und Urzeitwälder des Karbon-Zeitalters. Manche Arten wurden über 30 Meter hoch. Damals gab es noch keine Blütenpflanzen, keine Säugetiere und auch die Ära der Dinosaurier war noch nicht angebrochen. Die Dinosaurier sind wieder verschwunden, doch der Schachtelhalm ist geblieben. Und er erweist sich als reichhaltige, vielfältig verwendbare Heilpflanze.
Der Acker-Schachtelhalm ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die in allen Ländern Europas zu finden ist. Am Rand von Kieswegen und auf Brachen findet man ihn recht häufig. Seine weit verzweigten Wurzeln reichen bis zu zwei Meter tief in den Boden hinein, wo kein Spaten und kein Pflug sie erreichen können. Von März bis Anfang Mai erscheinen die blass-braunen, bis zu 20 cm hohen
Frühjahrstriebe der Schachtelhalme, deren Ähren Sporen tragen. Sobald die Sporen reif sind, rieselt der blaugrüne Sporenstaub zu Boden und bildet winzig kleine, moosähnliche männliche und weibliche Vorkeime. Erst durch die Befruchtung des weiblichen Vorkeims entsteht als Sommertrieb die eigentliche Schachtelhalmpflanze. Der sterile Sommertrieb bildet keine eigentlichen Blätter aus, sondern trägt quirlig angeordnete, dünne Ästchen. Seine Gestalt erinnert an ein kleines Tannenbäumchen. Die Pflanze wird bis zu 50 cm hoch.
Am jungen Spross des Sommertriebes ist gut zu erkennen, wie der Schachtelhalm zu seinem Namen kam. Der Stängel ist nämlich aus Segmenten aufgebaut, die ineinander verschachtelt sind. Die lateinische Bezeichnung Equisetum arvense bedeutet Acker-Pferdeschwanz. Volkstümliche Namen sind Katzenschwanz, Schafthalm, Hermoos
«
Wer AckerSchachtelhalm sammelt, sollte ihn sicher vom ähnlichen SumpfSchachtelhalm unterscheiden können.
Oben: Sommertriebe des Acker-Schachtelhalms.
Unten: Der verschachtelte Stängel eines aufschiessenden Sommertriebes.
und Tannenwedel. Die Bezeichnungen Scheuergras und Zinnkraut entstanden, weil man früher mit dem zu Knäueln zusammengepressten Kraut Kochtöpfe, Zinnbecher, Tafelsilber und Holzoberflächen gereinigt hat.
In der Schweiz sind etwa zehn verschiedene Schachtelhalm-Arten einheimisch, die alle volksheilkundlich verwendet wurden. Ihr Wirkspektrum ist nahezu identisch. Einzig der Sumpf-Schachtelhalm sollte nicht eingenommen werden, denn es ist bis heute unklar, ob er für den Menschen giftig ist oder nicht. In der modernen Phytotherapie wird vorwiegend der Acker-Schachtelhalm gebraucht.
Sichere Bestimmung
des Acker-Schachtelhalms
Wer die Pflanze selbst sammeln will, sollte sie vom sehr ähnlich aussehenden und möglicherweise leicht giftigen Sumpf-Schachtelhalm unterscheiden können. Hierzu vergleicht man die Länge der Segmentscheiden am Stängel mit der Länge des ersten Segments eines Ästchens. Zur genaueren Beobachtung kann man den Stängel aus der Scheide herausziehen und die Ästchen von ihrem
Stängelscheide (kurz)
Erstes Segment der Ästchen (lang)
Bestimmungsmerkmal des Acker-Schachtelhalms: Bricht man die Ästchen am Übergang vom ersten zum zweiten Segment ab, sind die am Stängel verbleibenden ersten Segmente länger als die Stängelscheiden.
ersten Segment losreissen. Beim Acker-Schachtelhalm ist die Stängelscheide kürzer als das erste Segment der Ästchen, beim Sumpf-Schachtelhalm ist es umgekehrt. Als Merkhilfe dient der Spruch: «Im Sumpf trägt man hohe Stiefel.» Wer es einfacher mag, kauft sich das Kraut im Reformhaus oder in der Drogerie.
Inhaltsstoffe und Heilwirkung
Im spröden Kraut der Schachtelhalme ist viel Kieselsäure enthalten. Kieselsäure reinigt und festigt das Bindegewebe. Anscheinend unterstützt das organische Silizium die Rekalzifizierung von Knochengewebe. Es stärkt Knochen, Zähne, Nägel, Sehnen und Gelenkkapseln. Besonders für ältere Menschen eignet sich der regelmässige Genuss einer Schachtelhalm-Abkochung oder eines Schachtelhalm-Tees als vorbeugende Massnahme gegen degenerative Gelenkerkrankungen und Knochenschwund. Schachtelhalm festigt auch das Lungengewebe und stärkt durch die Vermehrung der weissen Blutkörperchen die Immunabwehr, weswegen er sich gut zur Begleitbehandlung der Lungentuberkulose eignet. Neben organischem Silizium sind reichlich Mineralien und Spurenelemente vorhanden, darunter Kalzium, Kaliumund Aluminiumchlorid, Eisenoxid, Magnesium, Zink und Mangan. Wegen des hohen Gehalts an Selen wird vermutet, dass Acker-Schachtelhalm als Therapeutikum bei Selenmangel eingesetzt werden kann. Saponine sorgen für eine vermehrte Harnausscheidung und lösen festsitzenden Schleim, Flavonoide stärken die Blutgefässe und agieren als Antioxidantien, die Vitamine C und E wirken ebenfalls antioxidativ und dämmen chronische Entzündungen ein.
Oben: Acker-Schachtelhalm-Tee unterstützt die Gesundheit von Knochen und Gelenken.
Unten: Wickel mit Acker-Schachtelhalm (siehe Anwendungstipps).
Sebastian Kneipp benutzte den Schachtelhalm zur Behandlung von Blasen- und Nierenerkrankungen. Zur Stärkung der ableitenden Harnwege, bei Steinleiden, Blasen- und Nierenentzündung, Reizblase und Harnverhalten sei die Pflanze «einzig, unersetzbar und unschätzbar». Eine Teekur mit gleichzeitiger Anwendung von Sitzbädern lindert Schmerzen, wirkt entzündungshemmend und wassertreibend (aquaretisch). Pflanzliche Aquaretika wie der Schachtelhalm eignen sich auch zur Behandlung von Ödemen. Sie können gefahrlos verwendet werden, solange schwerwiegende Herz- und Nierenerkrankungen als Ursache ausgeschlossen sind.
Für äusserliche Anwendungen wie Spülungen, Bäder, Kompressen oder zur Herstellung von Salben haben sich alle Schachtelhalm-Arten bewährt. Mit ihrer gewebefestigenden, entzündungshemmenden und juckreizlindernden Wirkung sind die Urpflanzen bestens geeignet zur Behandlung von Hautkrankheiten, Bindegewebeschwäche, Durchblutungsstörungen, Venenschwäche, Haarausfall, brüchigen Nägeln, zur Blutstillung und Wundheilung. Das breite Wirkspektrum des Acker-Schachtelhalms ist ein gutes Beispiel für die Multi-Target-Wirkung von Heilpflanzen. Eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe initiiert und unterstützt Heilungsprozesse und wirkt besonders da, wo ihre Unterstützung gerade gebraucht wird. Für den AckerSchachtelhalm wurden bisher keine Neben- oder Wech-
«
Acker-Schachtelhalm
vereint uralte Heilkraft und kulinarischen Wert in einer einzigen Pflanze. »
selwirkungen beschrieben. Bei schwerwiegenden Herzoder Nierenerkrankungen sollte vor der Einnahme mit der behandelnden medizinischen Fachperson Rücksprache genommen werden.
Auch für die Wildkräuterküche ist der Acker-Schachtelhalm interessant. Die jungen Frühjahrstriebe sind gebraten oder gekocht ein schmackhaftes Wildgemüse. Besonders in Russland und Japan wird der Schachtelhalm bis heute in der Küche verwendet. •
Buchempfehlung
Schachtelhalm.
Drachenmedizin aus der Urzeit – Marianne Ruoff AT Verlag, 2019, ISBN 978-3-03800-999-3
Ausführliches Porträt des Schachtelhalms, Inhaltsstoffe, Heilwirkungen und Rezepte für heilkundliche Anwendungen.
Anwendungstipps
Sammelregeln
Die Frühjahrstriebe können von März bis April gesammelt werden, die Sommertriebe von Juni bis September. Je älter die Pflanze ist, desto mehr Kieselsäure enthält sie. Am besten sammelt man das Kraut an sonnigen Standorten am frühen Nachmittag. Es ist besonders darauf zu achten, dass die Pflanzen trocken sind und keine schwarzen Flecken aufweisen. Frühjahrstriebe werden als Wildgemüse frisch zubereitet. Die Sommertriebe werden ein bis zwei Handbreit über dem Boden abgebrochen, zu dünnen Sträussen zusammengebunden und an einem dunklen Ort zum Trocknen aufgehängt. Nach ein bis zwei Wochen wird das trockene Kraut grob zerkleinert in einer Papiertüte oder einer Kartonschachtel aufbewahrt und innerhalb eines Jahres verbraucht.
Zubereitung der Abkochung (Dekokt)
Wenn als Hauptwirkstoff die Kieselsäure zur Anwendung kommen soll, werden die zerkleinerten Pflanzenteile zugedeckt mindestens 20 Minuten lang abgekocht. Der maximale Kieselsäuregehalt des Kochwassers wird nach einer Kochzeit von drei Stunden erreicht.
• Vom Dekokt können 3–4 Tassen über den Tag verteilt getrunken werden.
• Der Rest kann einige Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden.
Wickel
Zur äusserlichen Behandlung von Krampfadern, Ödemen, schmerzenden Muskeln, Gelenken und Hautkrankheiten kann mit einem Baumwolltuch ein Wickel angelegt werden. Das Tuch wird im Absud getränkt oder man wickelt frisch gedämpftes Schachtelhalm-Kraut darin ein und bindet es satt auf die betroffene Stelle. Der Verband sollte mehrmals täglich erneuert werden. Zur unterstützenden Behandlung bei Nieren- und Harnwegsinfekten kann der warme Wickel auf beide Nieren aufgelegt werden.
Yves Scherer
Yves Scherer ist Herbalist, diplomierter Naturheilpraktiker und visueller Gestalter. Er unterrichtet Phytotherapie an verschiedenen Fachschulen und bietet eine eigene Ausbildung in Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen an: www.medizingarten.ch www.medizinwald.ch
Publireportage
Vitalität mit Löwenzahn
Das Wesen einer Pflanze ist nicht offensichtlich – und bestätigt einmal mehr die bekannten Worte Antoine de Saint-Exupérys: «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»
Doch liegt gerade im Wesenhaften einer Pflanze – der Signaturenlehre folgend – ihre enorme Heilkraft auf psychischer und körperlicher Ebene begründet. Betrachten wir den Löwenzahn, Taraxacum officinale, «mit dem Herzen», dann zeigt sich seine immense Fähigkeit, sich an unterschiedliche Begebenheiten anzupassen.
Diese Wandlungskraft können wir auf seelisch-geistiger Ebene nutzen: Im Laufe unseres Lebens überprüfen wir immer wieder unsere Wertvorstellungen. Das kann mühevoll sein. Wird ein bestimmtes Mass an Abweichung überschritten, kann es zu Bitterkeit führen. Auf körperlicher Ebene kann dies mit einer Störung der Leberfunktion und des Galleflusses verbunden sein.
Stauungsprozesse lösen
Daher eignet sich der bitterstoffhaltige Löwenzahn hervorragend zur ganzheitlichen Auflösung von Stauungsprozessen: Er dynamisiert die Wandlungs- und Anpassungsprozesse, löst Erstarrungen in Geist und Körper und vermittelt mit seiner Wärme neue Lebenskraft.
Im Buch weiterlesen: www.pflanzliche-urtinkturen.com
R. Kalbermatten, Schweizer Biochemiker und Arzneipflanzenforscher und Gründer der Ceres Heilmittel AG
Kleine Kraftpakete
Sprossen sind für viele nur Beigemüse, das ab und zu als unscheinbare Garnitur auf dem Salat auftaucht. Höchste Zeit, dass sich das ändert! Denn Sprossen sind nicht nur lecker, sondern sie strotzen nur so vor gesunden Inhaltsstoffen.
Blanca Bürgisser
Sprossen sind wahre Kraftpakete. Trotz ihrer kleinen Grösse sind sie reich an Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. In keinem anderen Wachstumsstadium ist die Dichte an gesunden Inhaltsstoffen bei einer Pflanze so hoch wie im Stadium der Sprosse. Sobald ein Same keimt, startet eine Reihe von Stoffwechselvorgängen, die der Pflanze die nötige Energie zum Wachsen liefern. Diese Wandlungsprozesse steigern auch die Bioverfügbarkeit der Inhaltsstoffe. Das heisst, dass der menschliche Körper Vitamine, Mineralstoffe und Proteine besser aufnehmen und verwerten kann. Gerade im Winter, wenn weniger frisches Gemüse verfügbar ist, sind Sprossen die perfekte Ergänzung für eine ausgewogene Ernährung. Weil Sprossen so leicht sind, reichen sie allein nicht aus, um den täglichen Nährstoffbedarf zu decken. So müsste man beispielsweise 200 Gramm Sprossen essen, um den Tagesbedarf an Vitamin C (100 mg) zu decken. Eine typische Packung Kresse, wie sie im Supermarkt zu finden ist, enthält aber gerade mal 30 bis 50 g Sprossen.
Alles für die erfolgreiche Sprossenzucht
Die gute Nachricht: Damit der Sprossenanbau zu Hause gelingt, braucht es neben den Samen lediglich ein Sprossenglas. Dieses ähnelt einem Konfitürenglas, statt mit einem herkömmlichen Deckel wird es aber mit einem Sieb verschlossen. So kann das Wasser abtropfen und die Feuchtigkeit staut sich nicht. Damit das Glas die optimale Position dafür hat, erhält man beim Kauf meistens eine passende Halterung dazu, auf der das Glas leicht schräg sitzt.
Da das Glas wiederverwendbar ist, entsteht kaum Abfall. Ausserdem entfallen dank der eigenen Sprossenzucht lange Transportwege. Sprossen sind also nicht nur gut für die Gesundheit, sondern auch für die Umwelt.
Richtige Pflege
Eine gute Hygiene ist das A und O bei der Sprossenzucht. Das feucht-warme Milieu, in dem die Sprossen gezogen werden, begünstigt nämlich das Wachstum von Bakterien und Pilzen. Deshalb muss das Sprossenglas vor Gebrauch gründlich gereinigt werden. Sprossen, die im Glas gezogen werden, sollten mehrmals täglich durchgespült werden. Ideal sind Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad. Sobald Anzeichen von Schimmel sichtbar sind, muss das ganze Pflanzengut entsorgt werden. Beim Kauf der Samen empfiehlt es sich, auf biologisches Saatgut zu setzen, das für die Sprossenzucht und nicht für den Gartenanbau gedacht ist.
Sprossengläser haben im Deckel ein feines Netz, damit das Wasser ablaufen kann und sich die Feuchtigkeit nicht staut.
Trotz dieser Schritte ist eine absolute Keimfreiheit nicht garantiert. Personen mit geschwächtem Immunsystem sollten deshalb auf den Verzehr von Sprossen verzichten.
Grosse Vielfalt
Ist das Sprossenglas installiert, hat man die Qual der Wahl: Die Sprossenvielfalt ist riesig, da kann es schon mal vorkommen, dass man vor lauter Sprossen den Wald nicht mehr sieht. Es lohnt sich, sich etwas einzulesen, um die Sprosse zu finden, die den eigenen Bedürfnissen entspricht. Für einen ersten Einblick in das vielfältige Angebot stellen wir Ihnen im Folgenden drei verschiedene Sprossen vor.
Alfalfa: Die Alfalfa, auch als Luzerne bekannt, ist aus gutem Grund eine der beliebtesten Sprossen. Der mildnussige Geschmack und ihre knackige Textur machen sie zu einer wahren Gaumenfreude, passend für Salate und Smoothies. Der hohe Chlorophyllgehalt der AlfalfaSprossen kann dabei helfen, den Säure-Basen-Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen und die Leber zu unterstützen. Die enthaltenen Saponine können die Produktion von Giftstoffen im Darm reduzieren und so das Immunsystem stärken. Dieser positive Effekt wird durch den hohen Vitamin-C-Gehalt unterstützt. Zudem ist sie reich an sekundären Pflanzenstoffen, die auch antikanzerogen wirken können, das heisst, sie können die Bildung und Verbreitung von Krebszellen stören. Zusätzlich wirken die kleinen Kraftpakete antibiotisch und antifungal. Ausserdem wird ihnen ein cholesterinsenkender Effekt zugeschrieben.
Brokkoli: Die Brokkoli-Sprossen schmecken mild-würzig. Sie passen wunderbar zu Salaten, Smoothies und Suppen. Wie bei allen Sprossen ist auch ihr Geschmack ganz anders als der des ausgewachsenen Gemüses. Was Brokkoli-Sprossen besonders gesund macht, sind die enthaltenen Senfölglykoside. Diese wirken antientzündlich, schwächen das Wachstum von Krebszellen und können Tumorstammzellen angreifen. Die entzündungshemmende Wirkung kann zudem bei chronischen Erkrankungen wie Arthritis oder Herz-Kreislauf-Beschwerden hilfreich sein. Der hohe Gehalt an Vitamin C und Antioxidantien kann die Abwehrkräfte stärken und so das Immunsystem unterstützen. Die enthaltenen Ballaststoffe beeinflussen die Verdauung positiv und können Verstopfungen vorbeugen.
Kresse: Die Kresse hat einen scharfen Geschmack und eignet sich perfekt als Salatgarnitur. Sie eignet sich aber auch für ein leckeres Frühstück: Einfach eine Scheibe Brot mit etwas Butter oder Frischkäse bestreichen und die Sprossen darüber streuen. Kresse wirkt antientzündlich, antibiotisch und antifungal. Das liegt unter anderem an den enthaltenen Glucosinolaten. Diese dienen der Pflanze als Schutz vor Fressfeinden. Beim Menschen können sie als Antioxidantien vor freien Radikalen schützen. Dadurch können sie den Kampf gegen Krebs unterstützen. Zusätzlich wird ihnen eine blutdrucksenkende Wirkung zugeschrieben. Kresse kann auch blutverdünnend wirken, wodurch das Risiko für Thrombosen sinken kann. Dank ihrer harntreibenden Wirkung kann Kresse zudem dabei helfen, den Körper zu entgiften. Dafür muss aber genügend Wasser getrunken werden.
Gesunder Farbtupfer
Während die meisten Sprossen grün sind, gibt es auch blaue, rote oder violette Arten. Dazu zählen beispielsweise Rettich und Radieschen. Diese sind nicht nur optisch ein Hingucker: Die für diese Farben verantwortlichen Anthocyane können antioxidativ wirken. Das bedeutet, dass sie dabei helfen können, Zellstress zu reduzieren, der die Entstehung von Arthritis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs begünstigt. •
Oben: Sprossen bereichern Gerichte Suppen optisch ebenso wie geschmacklich.
Unten: Sprossen kommen nicht nur in Grün daher, sondern auch in Rot und Violett.
So gelingt die Sprossenzucht zu Hause
1.) Spülen Sie die Samen in einem Sieb unter fliessendem Wasser ab.
2.) Weichen Sie die Samen über Nacht im Wasser ein.
Nicht alles, was keimt ist eine Sprosse!
Die Begriffe «Sprosse» und «Keimling» werden oft synonym verwendet, meinen aber nicht ganz dasselbe. Der Keimling, auch Keimsprosse genannt, ist der erste Austrieb aus dem Saatgut. Sprosse, teils auch Grünsprosse, bezeichnet hingegen den Stängel und die Keimblätter, also das Stadium, bevor die ersten «richtigen» Blätter spriessen.
Sowohl Keimlinge als auch Sprossen können im Sprossenglas gezogen werden. Sprossen kann man aber auch in der Erde pflanzen. In diesem Fall nehmen die Sprossen zusätzlich zu den Nährstoffen aus den Samen auch Nährstoffe aus der Erde auf.
3.) Stellen Sie das Sprossenglas schräg, sodass das Wasser ablaufen kann. Platzieren Sie das Glas an einem hellen Ort, aber nicht im direkten Sonnenlicht.
4.) Spülen Sie die Sprossen täglich zwei- bis viermal mit Wasser ab, um Schimmelbildung zu verhindern.
5.) Nach einigen Tagen sind die Sprossen gross genug, um geerntet zu werden. Der richtige Zeitpunkt ist, wenn sich Keimblätter, aber noch keine richtigen Blätter, gebildet haben.
6.) Schütten Sie die Sprossen vor dem Verzehr aus dem Glas und spülen Sie sie gründlich durch.
Eine Pflanze, die Systeme verbindet
Es gibt Pflanzen, die man nutzt. Und es gibt Pflanzen, die ganze Systeme verändern können. Hanf gehört zur zweiten Kategorie.
Nachdem wir uns zuvor der grundlegenden Bedeutung und Geschichte dieser aussergewöhnlichen Pflanze gewidmet haben, richten wir den Blick in die Zukunft. Denn Hanf ist nicht nur ein Rohstoff, nicht nur ein Lebensmittel, nicht nur eine Faserpflanze. Er ist eine Systempflanze – eine Pflanze, die ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen gleichzeitig berührt.
In einer Zeit, in der Ressourcen knapper werden, Lieferketten fragiler und ökologische Belastungsgrenzen immer sichtbarer werden, gewinnt Vielseitigkeit an Bedeutung. Genau hier zeigt Hanf seine besondere Stärke. Aus einer einzigen Pflanze entstehen Fasern, Schäben, Samen und Öle – verwertbar für Ernährung, Bauwesen, Textilien, Industrie und Energieanwendungen. Kaum eine andere Kulturpflanze vereint so viele Nutzungsformen in sich.
In der Industrie entstehen aus Hanffasern stabile, leichte Biokomposite, die erdölbasierte Kunststoffe ersetzen können. In der Bauwirtschaft ermöglichen Hanfbaustoffe klimafreundliche Lösungen, die CO2 speichern statt ausstossen. In der Textilbranche kehren langlebige, atmungs-
aktive Materialien zurück, die weniger Wasser und Chemie benötigen. Und in der Landwirtschaft verbessert Hanf Böden, lockert Fruchtfolgen und reduziert den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
Hanf begegnet uns in Alltagsprodukten ebenso wie in Hightech-Anwendungen. Er verbindet traditionelle Handwerkskunst mit moderner Forschung, regionale Wertschöpfung mit globalen Herausforderungen. Genau darin liegt seine aktuelle Relevanz.
Diese Vielseitigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines natürlichen Kreislaufgedankens. Hanf wächst schnell, nutzt wenig Ressourcen und hinterlässt kaum Abfall. Was nicht als Faser verwendet wird, fliesst in andere Anwendungen zurück. Damit steht die Pflanze für eine Wirtschaftsweise, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf Nutzung im Gleichgewicht setzt.
Diese Serie wird Schritt für Schritt zeigen, wie Hanf als Pflanze für nachhaltige Lösungen dient – nicht als kurzfristiger Trend, sondern als langfristiger Begleiter. Wir werden uns mit einzelnen Anwendungen vertieft beschäftigen, Zusammenhänge erklären und aktuelle Entwicklungen einordnen. Nicht laut, nicht ideologisch, sondern fundiert und nachvollziehbar. Denn manchmal liegt die Zukunft nicht in neuen Erfindungen, sondern im Wiederentdecken dessen, was längst vorhanden ist.
Wohin sich die CannabisMedizin bewegt
Medical Cannabis ist in der Medizin angekommen –nicht als Modetrend, sondern als ernstzunehmendes Forschungsfeld. Während die öffentliche Wahrnehmung oft noch zwischen Skepsis und überhöhten Erwartungen schwankt, hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung längst versachlicht. Staaten, Universitäten und pharmazeutische Unternehmen investieren in Forschung, klinische Studien und regulatorische Prozesse. Medizinisches Cannabis wird nicht mehr diskutiert, sondern untersucht.
Nachdem wir uns in der letzten Ausgabe mit der Rückkehr von Cannabis in die Medizin beschäftigt haben, lautet die entscheidende Frage nicht mehr, ob Cannabis medizinisch relevant ist, sondern wie, für wen und unter welchen Bedingungen es sinnvoll eingesetzt werden kann.
Im Zentrum der aktuellen Forschung steht das Endocannabinoid-System – ein körpereigenes Regulationsnetzwerk, das an Schmerzverarbeitung, Entzündungsprozessen, Schlaf, Appetit, Stimmung und Immunreaktionen beteiligt ist. Dieses System ist bei allen Menschen vorhanden, arbeitet jedoch individuell unterschiedlich. Genau hier liegt einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis von Medical Cannabis: Wirkung ist nie pauschal, sondern immer persönlich. Moderne medizinische Anwendung bedeutet deshalb Differenzierung. Unterschiedliche Cannabinoide, variable Wirkstoffverhältnisse, individuelle Dosierungen
und passende Darreichungsformen entscheiden über Nutzen und Verträglichkeit. Die Forschung bewegt sich weg von einfachen Antworten hin zu personalisierten Therapieansätzen.
Zunehmend interessieren sich Forschende auch für die Rolle von Begleitstoffen wie Terpenen und sekundären Pflanzenstoffen. Sie könnten erklären, warum scheinbar ähnliche Präparate bei verschiedenen Menschen unterschiedlich wirken. Gleichzeitig wächst das Verständnis dafür, dass Cannabis nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern im Zusammenspiel mit Lebensstil, Ernährung, Stresslevel und bestehenden Therapien. Auch regulatorisch ist Bewegung spürbar. Viele Länder schaffen klarere Rahmenbedingungen für medizinische Anwendungen, standardisierte Produkte und ärztliche Begleitung. Das Ziel ist Sicherheit, Qualität und Nachvollziehbarkeit – für Patientinnen, Patienten und Fachpersonen gleichermassen.
Roger Urs Bottlang
Roger Urs Bottlang beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Hanf –von medizinischer Anwendung bis zu Ernährung, Fasern und Innovationen. Im «natürlich» wird er in seiner Kolumne Einblick in die reiche Geschichte der Heilpflanze bieten, ebenso wie in ihre Nutzungsmöglichkeiten. Harmonius GmbH – natuerlich.hanf@gmail.com
Das kulinarische Erwachen der Natur
Die Natur erwacht und beginnt zu blühen, die Bären lassen ihre Winterruhe hinter sich und locken wieder Besucher*innen nach Bern. Gleichzeitig zieht der letzte Schnee des Jahres Wintersport-Verrückte in die höheren Regionen des Landes, während sich die Kleinsten bereit machen, auf die Suche nach Ostereiern, Schokohasen und vielleicht sogar einem echten Häsli zu gehen. Die Monate März und April bringen aber auch die ersten kulinarischen Frühjahrsboten mit sich, die wir heute in einem leckeren Menü kombinieren werden, das sicher auch an Ostern begeistert.
Sophie Souvignier
In unserer neuen Reihe – Regional und Saisonal Essen – nehmen wir Sie auf eine kulinarische Entdeckungsreise durch die Schweiz mit, denn eine saisonal-regionale Ernährung bringt viele Vorteile mit sich – aber was genau versteht man darunter? Der regionale Aspekt ist vor allem ein räumlicher, der jedoch gar nicht so genau definiert werden kann. Die Region, aus der ein Lebensmittel stammt, unterliegt nämlich keiner geschützten Definition, sondern kann vom Nachbarort bis hin zur gesamten Schweiz reichen. Für die eigene, umweltbewusste Ernährung gilt natürlich «je näher, desto besser», aber auch hier gibt es wichtige Unterschiede, die vor allem durch einen Fokus auf saisonale Lebensmittel positiv ausfallen können.
Saisonale Lebensmittel, vor allem Gemüse und Früchte, sind diejenigen, die in einem Gebiet von wenigen Kilometern (das heisst: sehr regional) unter den naturgegebenen Bedingungen im Freiland oder in unbeheizten Gewächshäusern heranreifen. Diese saisonal-regionalen Produkte bieten viele Vorteile. Einer davon ist sicherlich die bessere Ökobilanz, vor allem gegenüber tropischen Früchten, die aus weiter Entfernung eingeflogen werden müssen, sowie gegenüber Produkten, die zwar regional angebaut werden, aber in einem beheizten Gewächshaus. Auch Konsument*innen beeinflussen die Ökobilanz direkt, indem sie beispielsweise mit dem Auto einkaufen fahren, viele tierische Produkte konsumieren und (plastik-)verpackte Lebensmittel kaufen. Saisonale Ernährung hat jedoch noch weitere Vorteile: Wenn die eingekauften
Produkte variieren, entsteht mehr Abwechslung, die für die Versorgung mit Vitaminen, Mineralien und anderen Nährstoffen sorgt. Ausserdem ermöglicht das Kochen mit saisonal-regionalen Produkten, dass man die kulinarische Vielfalt der Schweiz kennenlernt und sich neue Geschmäcker in die Küche holt.
Veilchen können zum Verfeinern und Verschönern von Salaten verwendet werden.
Hierbei ist ein Schwerpunkt auf saisonales Obst und Gemüse besonders lohnend, da sie den Geschmack des Frühlings direkt auf den Teller zaubern. Hilfreich sind dabei Saisonkalender wie die von Bio Suisse, Swissmilk oder vom WWF, die anzeigen, wann welche Gemüse und Früchte Saison haben. Die kann man sich einfach in die Küche hängen, oder hat sie auf dem Smartphone direkt beim Einkauf griffbereit. Bei vielen Händler*innen ist bereits an den Preisschildern vermerkt, wo die Produkte angebaut wurden. Noch einfacher ist eine regionale Küche, indem man den Wochenmarkt des eigenen Ortes oder Hofläden besucht.
Hier ermöglicht der Einkauf zusätzlich die direkte Unterstützung der regionalen Landwirt*innen und Hersteller*innen und wer weiss, vielleicht entdeckt man zugleich noch einen neuen kulinarischen Schatz der Region. Mit diesen Tipps wird der saisonal-regionale Einkauf erleichtert und der vielfältige Geschmack Schweizer Gemüse und Früchte gelangt schon bald in Ihre Küche. In den Monaten März und April sind dies beispielsweise Bärlauch, Brennnesseln, Kohlrabi, Rhabarber und Veilchen. Wie man diese gut in ein Menü einbinden kann, zeigen wir Ihnen auf den nächsten Seiten.
«Mami,
Damit wir für unsere Kinder eine Antwort haben, setzen wir uns für faire Arbeits bedingungen im globalen Süden ein.
Taten statt Worte Nr. 137: Das grösste Fairtrade-Sortiment der Welt gibt’s bei uns.
Kohlrabicarpaccio mit Linsensprossen
Zubereitung
Linsensprossen — Linsen in eine Schüssel geben, mit reichlich kaltem Wasser übergiessen und über Nacht einweichen. Linsen abtropfen, feucht in ein Keimglas geben. Linsen ca. 3 Tage keimen lassen, dabei zweimal täglich durchspülen. Die Linsen sollten nie im Wasser und auch nicht im direkten Sonnenlicht (Hitze) stehen. Wenn die Linsen einen 1–2 cm langen Keim gesprossen haben, nochmals gründlich waschen, abtropfen.
Carpaccio — Kohlrabi schälen und dünn hobeln, Kräuter fein schneiden. Kohlrabischeiben auf Tellern verteilen. Kräuter mit Essig, Öl, Honig und Salz verrühren, darüberträufeln. Linsensprossen darauf anrichten.
Tipp — Mit Veilchen garnieren.
Zutaten
30 g grüne Linsen
2 Kohlrabi
½ Bund Basilikum
½ Bund Dill
½ Bund glattblättrige Petersilie
3 EL Weissweinessig
3 EL Olivenöl
1 TL Honig
½ TL Salz
Brennnessel-Ravioli
Zubereitung
Brennnessel — Brennnesselblätter in siedendem Salzwasser blanchieren. Ca. 10 besonders schöne Blätter herausnehmen, sorgfältig auf ein sauberes Küchentuch legen, beiseitelegen. Restliche Blätter abtropfen, ausdrücken und fein hacken. Pastateig — Mehl auf die Arbeitsfläche geben, in der Mitte eine Mulde eindrücken. Eier in die Mulde geben, mit einer Gabel die Eier verquirlen, dabei immer etwas Mehl hineinarbeiten. Zu einem glatten Teig kneten, zugedeckt ca. 30 Min. ruhen lassen. Teig in 4 Portionen durch die Pastamaschine drehen und zu Streifen von ca. 15 cm Breite auswallen. Wenn der Teig dünn ausgewallt ist, die beiseitegelegten Brennnesselblätter auf zwei Teigstreifen verteilen, restliche Teigstreifen darauflegen und nochmals durch die Pastamaschine drehen. Unter einem feuchten Küchentuch beiseitelegen.
Füllung — Kartoffeln in Stücke schneiden, in siedendem Salzwasser weich kochen, ganz auskühlen lassen. Schalotte und Knoblauch fein schneiden. Butter in einer Pfanne schmelzen, Schalotte und Knoblauch ca. 5 Min. andämpfen, gehackte Brennnesseln beigeben und ca. 5 Min. mitdämpfen, ganz auskühlen lassen. Kartoffeln durch das Passevite oder die Kartoffelpresse treiben, mit gedämpften Brennnesseln, Mascarpone, Sbrinz und Eigelb mischen, würzen.
Zutaten
200 g Brennnesselblätter
300 g Weissmehl
3 Eier
200 g mehligkochende Kartoffeln
1 Schalotte
1 Knoblauchzehe
1 EL Butter
100 g Mascarpone
100 g geriebener Sbrinz
1 Eigelb
½ TL Salz
Pfeffer
1 Eiweiss
40 g Butter
Rezepte
GUET. SCHWEIZER KÜCHE
NEU INTERPRETIERT
Autorinnen: Daniela Bieder; Monika Hansen; Claudia Link
320 Seiten, 21,5 × 25,5 cm
ISBN 978-3-03818-413-3
CHF 49.–
Götterspeise mit Rhabarber und kandiertem Salbei
Zubereitung
Ofen — 180 °C / Ofenmitte / ca. 15 Min. Folie entfernen, ca. 5 Min. fertig backen. Herausnehmen, in der Form ganz auskühlen lassen.
Kandierte Salbeiblätter — Wasser und 100 g Zucker in einer kleinen Pfanne unter gelegentlichem Rühren erwärmen, bis sich der Zucker gelöst hat. Hitze reduzieren und ca. 2 Min. weiterköcheln. Zuckersirup etwas abkühlen. Salbeiblätter in den Sirup tunken, abtropfen, im restlichen Zucker wenden, auf ein Backpapier legen und bei Raumtemperatur trocknen lassen.
Creme — Vanillestängel längs aufschneiden und Samen auskratzen. Die Schale der Zitrone mit einem Sparschäler abschälen. Vanillestängel, -samen und Zitronenschale mit 5 dl Milch in eine Pfanne geben und aufkochen. Vom Herd nehmen und zugedeckt ca. 10 Min. ziehen lassen. Vanillestängel und Zitronenschale entfernen. Restliche Milch mit Zucker und Maizena glattrühren, Eier darunterrühren und alles zur Milch geben. Bei mittlerer Hitze unter ständigem Rühren zum Kochen bringen. Sofort vom Herd nehmen, kurz weiterrühren, durch ein Sieb in eine Schüssel giessen, Creme direkt mit Frischhaltefolie bedecken (so bildet sich keine Haut), ganz auskühlen lassen.
Götterspeise — Zwieback grob zerbröckeln, mit Rhabarberkompott und Vanillecreme auf Tellern anrichten. Mit kandierten Salbeiblättern garnieren.
Zutaten
800 g Rhabarber
100 g Zucker
½ dl Wasser
130 g Zucker
16 Salbeiblätter
1 Vanillestängel
1 Bio-Zitrone
6 dl Milch
2 EL Zucker
1½ EL Maizena
2 Eier
100 g Zwieback
Tipp — Statt Rhabarber können Aprikosen, Kirschen oder Zwetschgen verwendet werden.
Ein weiteres Beispiel, wie schön Lenzrosen sein können. Die gelbe ‹Anja Oudolf› mit zarten rosa Adern.
Lenzrosen –Zarte Frühlingsboten
Im Frühling bringen die Lenzrosen mit ihren Blüten langersehnte Farbtupfer in den Garten. Am wohlsten ist ihnen an einem halbschattigen Platz am Fusse von Sträuchern. In der Gärtnerei sind nebst traditionellen Sorten auch viele Neuheiten in unterschiedlichen Farben erhältlich.
Irène Nager, JardinSuisse
Ihr Name ist Programm: Wenn die Lenzrosen blühen, ist der Frühling nicht mehr weit. Sie öffnen ihre zarten Blüten zu einer Zeit, in der ein Grossteil der Pflanzen noch in der winterlichen Ruhepause ist. Auch Kälteeinbrüche können dem Farbenzauber der mehrjährigen Blütenstauden nichts anhaben. In den vergangenen Jahren sind viele neue Züchtungen entstanden, die einfach in der Pflege sind und die Gartenbeete zuverlässig über viele Jahre hinweg bereichern. Mit ihren zarten Blüten passen sie ins klassische Zierbeet vor dem Haus ebenso gut wie in den naturnah gestalteten Garten. Lenzrosen fühlen sich an einem halbschattigen Plätzchen unter laubabwerfenden Sträuchern am wohlsten. So bekommen sie während ihrer Blütezeit Anfang Jahr viel Sonnenlicht ab und stehen später im lichten Schatten. Sie lassen sich auch gut in grossen Töpfen kultivieren. Zur Gruppe der sogenannten Orientalis-Hybriden zählen viele verschiedene Sorten, die ab
Februar bis April über dunkelgrünem Blattwerk ihre leicht nach unten geneigten Blüten von hellgelb über purpurrot und altrosa bis hin zu bordeauxrot öffnen. Besonders exquisit präsentiert sich die Quintessa-Serie, zu der viele gefüllte Blütenformen zählen.
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Lenzrosen bringen schon im Spätwinter Farbe in den Garten. »
Links: Die weiss blühende Spring Promis Frilly Kitty verspricht den Frühling bereits im Namen.
Rechts: Ein schöner Kontrast bilden die zartrosa blühende Spring Promise Bridget und die zartgelb blühende Scheinhasel (Corylopsis pauciflora).
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Lenzrosen gedeihen sogar an sonnigen Standorten und bedecken grosse Flächen im Garten. »
Laufend neue Züchtungen
In den vergangenen Jahren sind immer neue Züchtungen mit Lenzrosen als Züchtungspartner entstanden, darunter die Serie Ice N’Roses®. Sie blühen im Unterschied zu den klassischen Lenzrosen bereits ab dem Spätherbst und bis weit in den Frühling hinein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kreuzungen können sie auch sonnig stehen und gelten als äusserst robust. Eine einzelne Pflanze kann eine Fläche von bis zu einem Quadratmeter abdecken. An den verschiedenen Trieben bilden sich
immerfort neue Blüten. Die Sorte ‹HGC® Ice N’ Roses®› ‹Early Red› blüht in hellem Purpurrot, während ‹Frosted Rose› gelbliche Blüten mit feiner, dunkelroter Zeichnung aufweist. Diese und weitere Sorten sind in Gartencentern und Gärtnereien erhältlich.
Die Lenzrose – eine beliebte Bienenweide
Den Lenzrosen gefällt es in frischen, leicht kalkhaltigen Gartenböden mit gutem Wasserabzug. Anders als es ihr spektakuläres Aussehen vermuten liesse, ist die Pflege der Lenzrosen denkbar einfach. Ihre üppigen Blatthorste bleiben auch im Winter grün. Sobald im Frühling erste neue Blätter nachwachsen, kann das alte Laub vorsichtig abgeschnitten werden. Wer Verblühtes entfernt, hält seine Pflanzen über viele Jahre vital. Lenzrosen sind sehr beliebt bei den Bienen. So früh im Jahr sind Blüten Mangelware, was sie zu umschwärmten Nektarquellen macht.
Gute Partnerschaft
Ein schönes Bild entsteht, wenn die mehrjährigen Schönheiten unter frühlingsblühenden Gehölzen wie Zaubernuss oder Winterblüte wachsen. Dazwischen passen Zwiebelpflanzen wie Narzissen, Krokus oder Traubenhyazinthen. Auch Ziergräser wie die Rutenhirse oder Blütenstauden wie das Purpurglöckchen haben sich als ideale Begleiter bewährt.
Übrigens: Lenzrosen geben sich bei der Anzucht in der Gärtnerei mit relativ tiefen Temperaturen zufrieden. Der Heizaufwand in den Gewächshäusern ist dementsprechend gering, was zu einer besonders ökologischen Produktion beiträgt. •
Eine Weltneuheit
Im Gegensatz zu den bekannten, weissen Christrosen, die bereits ab November blühen, öffnen die mit ihnen verwandten Lenzrosen ihre Blüten je nach Sorte erst ab Februar. Nun ist einem deutschen Züchter etwas gelungen, das lange als unmöglich galt. Er hat es geschafft, Christ- und Lenzrosen zu vermählen und eine neuartige Kreuzung (Helleborus x lemperii) auf den Markt zu bringen, die in vielen verschiedenen Farben blüht und ihre Blüten schon ab dem Spätherbst öffnet. Sie sind aufrecht nach oben gerichtet und scheinen einen direkt anzuschauen. Zu den neuen Kreationen zählen Sorten wie ‹Leona›, ‹Lola›, oder ‹Liara›. Sie blühen in hellem Purpurrot, Pink und Apfelblütenrosa, einige von ihnen haben fein gepunktete Blütenblätter. Die Pflanzen sind robust und einfach in der Pflege.
Natürlicher Frostschutz
Die Kälte kann den zarten Blüten der Lenzrosen nichts anhaben. Sie haben eine clevere Schutz-Strategie entwickelt, um auch tiefen Temperaturen zu trotzen. Sinkt das Thermometer unter null Grad, tricksen die Pflanzen die Natur aus. Sie minimieren den Druck in ihren Zellen und leiten das Wasser aus den Leitungsbahnen ab, damit der Frost diese nicht aufsprengt. In der Folge erscheinen die Lenzrosen schlapp und neigen ihre Blüten zu Boden. Sobald die Temperaturen wieder steigen, richten sie sich erneut auf, als wäre nichts gewesen. In dieser Phase sind die Pflanzen dankbar für zusätzliche Wassergaben.
JardinSuisse
JardinSuisse ist der Unternehmerverband Gärtner Schweiz. Ihm gehören 1700 Betriebe des Garten- und Landschaftsbaus, der Topfpflanzen- und Schnittblumenproduktion, der Baumschulproduktion sowie des gärtnerischen Detailhandels an. Der Branchenverband bietet seinen Mitgliedern eine umfassende Palette an Dienstleistungen an. Dazu gehören beispielsweise die Beratung, die Unterstützung bei der Werbung, die Zertifizierung von Produktionsbetrieben und vieles mehr. Jardin Suisse betreut zudem die gärtnerische Berufsbildung von der Grundbildung bis zur Höheren Fachprüfung (Gärtnermeister*in).
Der Eisvogel lebt nahe von Gewässern.
Blaues Juwel
Wie ein Pfeil schiessen die Eisvögel übers Wasser, um ihre Lieblingsnahrung, kleine Fische, zu fangen. Ihr leuchtendes Gefieder macht sie zu einem der schönsten Vögel der Schweiz. Doch seine Welt ist gefährdet. Als Vogel des Jahres 2026 steht er als Botschafter für naturnahe Fliessgewässer.
Laura Spielmann
Blau-schillernd fliegt der Eisvogel durch die Lüfte. Mitunter einer der schönsten Vögel der Schweiz. Einer französischen Sage nach erhielt der Vogel seine Farbe von Noah: Dieser gab ihm den Auftrag, nach Festland Ausschau zu halten. Als ein Sturm aufzog, musste der Vogel weit in die Höhe steigen, um ihm auszuweichen. Dabei flog er so hoch, dass die Sonne unter ihm lag. Dadurch nahm seine Oberseite die blaue Farbe des Himmels und seine Unterseite die orangene Farbe der Glut der Sonne an.
Diese Farbenpracht hat ihm wohl auch Pluspunkte bei der Bevölkerung eingebracht, die ihn letzten Herbst, nach einem entsprechenden Aufruf von BirdLifeSchweiz, zum Vogel des Jahres 2026 gewählt hat. Insgesamt stimmten 18 000 Personen ab. Der Eisvogel erhielt dabei 30 Prozent der Stimmen.
Wie er zu seinem Namen kam, ist jedoch unklar. Es existieren mehrere Theorien: Eine geht davon aus, dass er vom althochdeutschen Wort für «schillern» oder «glänzen» («eisan») kommt, eine andere sagt, er stamme daher, dass die blaue Färbung wie Eisen aussieht. Eine weitere These besagt, dass der Name daher kommt, dass der Eisvogel in der kalten Jahreszeit beobachtet wurde, wie er auf eisbedeckten Seen sass.
Flinker Jäger auf Fischfang
Hauptsächlich ist der Eisvogel in der nördlichen Schweiz zu finden. Da er kein Zugvogel ist, ist er ganzjährig an unverbauten, steilen Uferbereichen von langsam fliessenden bis stehenden Gewässern wie Bächen, Flüssen, Altarmen, Auenlandschaften und Seen anzutreffen. Dort gibt es einen reichen Bestand an Kleinfischen, klares Wasser und genügend Sitzwarten wie Äste, Schilfhalme oder
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Der Eisvogel jagt pfeilschnell an klaren Gewässern nach kleinen Fischen. »
Steine. Nur bei langanhaltendem Frost weicht der Flugkünstler auf wärmere Reviere aus. Denn wenn die Flüsse und Seen zugefroren sind, finden sie keine Nahrung.
Seine Leibspeise sind kleine Fische. Auf seinem Speiseplan stehen aber auch Kaulquappen und Libellenlarven. Ausschau nach Nahrung hält er, indem er geduldig auf einer Sitzwarte, zum Beispiel einem Ast, lauert. Sobald der flinke Jäger einen Fisch entdeckt hat, stürzt er sich pfeilschnell kopfüber und mit angezogenen Flügeln ins Wasser. Dabei verschliesst er seine Augen mit einer speziellen Haut. Durch dieses Lid sieht er zwar nichts, dafür sind seine Augen geschützt. Durch das Öffnen der Flügel bremst er gekonnt ab und packt den Fisch rasch mit seinem langen, spitzen Schnabel, dessen Unterseite bei den Weibchen orange ist.
Das Brutverhalten des Eisvogels ist einzigartig.
Zurück auf seinem Platz schlägt er den Fisch mit ein paar gezielten Schlägen auf den Ast tot und schluckt ihn kopfvoran hinunter, damit nichts stecken bleibt. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Sekunden. Pro Tag frisst der Eisvogel bis zu fünfzig Prozent seines Körpergewichts an Fischen, die meist vier bis sieben Zentimeter lang sind. Eisvögel fressen die Fische komplett. Da sie die Schuppen und Gräten jedoch nicht verdauen können, spucken sie diese von Zeit zu Zeit wieder aus. In der Bruthöhle findet man deshalb manchmal sogenannte Gewölle: gepresste Kugeln aus Fischknochen und -schuppen.
Farbenprächtiger Einzelgänger
Der Eisvogel verbringt seine Zeit am liebsten allein. Nur in der Paarungszeit, die im Februar/März startet, halten sich die Vögel gemeinsam auf. Ab Herbst/Winter sind sie dann wieder allein unterwegs. Während der Paarungszeit zeigt das Männchen dem Weibchen sein Revier und präsentiert ihm die besten Fischgründe. Zudem versucht das Männchen, die Gunst des Weibchens mit kleinen Fischen zu erlangen. Dabei erinnern manche Balzrituale aber eher an Verfolgungsjagden als an ein Liebesspiel. Es dauert einige Tage, bis sich die beiden aneinander gewöhnt haben.
Links: Zuerst schlägt der Eisvogel seine Beute auf dem Ast tot, bevor er den ganzen Fisch auf einmal hinunterschluckt.
Rechts: Der Eisvogel gräbt eine Höhle für die Brut.
Welche Plätze eignen sich am besten für die Brut? Die wichtigsten Plätze in der Schweiz sind der Neuenburgersee, die Saane, die Aare unterhalb von Bern, die Reuss ab Luzern, die Thur unterhalb von Frauenfeld und der Hochrhein. Der Eisvogel nistet selten oberhalb 620 Metern über Meer. Als Brutplätze dienen ungestörte, vegetationsfreie, senkrechte Uferböschungen an naturnahen, dynamischen Bächen oder Flüssen. In die sandigen oder lehmigen Uferwände graben die Vögel eine vierzig Zentimeter lange und eine achtzig Zentimeter tiefe, leicht ansteigende Höhle. Mit Schnabel und gezielten Schlägen bearbeitet ein Vogel diese, während der andere Wache hält. Während der Brutzeit verhalten sich die Tiere unauffällig. Ende März legt das Weibchen sechs bis sieben Eier, die drei Wochen lang bebrütet werden. Bereits nach wenigen Tagen öffnen die Jungen ihre Augen und es wachsen ihnen die ersten Federkiele. Die Jungen werden mit Insekten und kleinen Fischen gefüttert. Im Nest wird nicht um Futter gestritten; sobald ein Junges einen Fisch bekommen hat, stellt es sich wieder hinten an. Nach drei bis vier Wochen verlassen in der Regel alle Jungen gleichzeitig das Nest. Sie unternehmen dann ihre ersten Flugversuche. Da ihre Eltern sie danach nicht mehr im Revier dulden, werden sie vertrieben. Sie begeben sich auf Wanderschaft und suchen sich ein eigenes Revier,
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Der Eisvogel steht als Symbol für intakte, lebendige Gewässer und eine gesunde Natur. »
das sich über einen zwei bis sieben Kilometer langen Flussabschnitt erstrecken kann. Die Eltern beginnen sogleich mit der nächsten Brut. So wird pro Jahr zwei- bis dreimal Nachwuchs geboren.
Ein Zeichen für den Naturschutz
Der Eisvogel ist ein Symbol für lebendige Gewässer und biologische Vielfalt. Er steht für klare Flüsse, intakte Natur und dynamische Lebensräume. Natürliche Prozesse wie durch Hochwasser angerissene Prallhänge oder Altläufe bilden einen für ihn überlebenswichtigen Lebensraum.
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Dank gezielter Renaturierungen erholt sich der Eisvogel langsam, bleibt aber weiterhin bedroht. »
Da sein Lebensraum systematisch verbaut, begradigt, trockengelegt und betoniert wurde, ist der Eisvogel in der Schweiz selten und steht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Allmählich verschwinden immer mehr seiner Brutplätze und Nahrungsquellen. Weitere Bestandseinbrüche gehen auf winterliche Kälteperioden während der Brutzeit zurück. Durch mildere Winter haben sich seine Bestände in den letzten Jahren jedoch leicht erholt und liegen schätzungsweise zwischen vier- und fünfhundert Brutpaaren.
Mithilfe gezielter Renaturierungen, Rücksichtnehmen auf seine Brutplätze, Artenförderungsmassnahmen und des Schutzes von klaren Gewässern will BirdLife Schweiz naturnahe Lebensräume mit gesunden Fischbeständen schützen und schaffen. In den BirdLife-Naturzentren in La Sauge (VD), am Klingnauer Stausee (AG) und im Neeracherried (ZH) schafft BirdLife neue Lebensräume, indem beispielsweise künstliche Steilwände errichtet werden. Zudem unterstützt BirdLife bei der Revitalisierung von Bächen und Flüssen mit Fachwissen und Beratung.
Wer Eisvögel beobachten möchte, hat im Spätsommer und im Winter die besten Chancen. •
BirdLife Schweiz
Für Lebensräume und mehr Natur
Seit 100 Jahren engagiert sich BirdLife Schweiz mit Herzblut und Fachkenntnissen für die Natur. Der Verband setzt sich für den Naturschutz in den Gemeinden sowie für die Förderung von Vögeln und ihren Lebensräumen ein. Der Verband umfasst 430 Naturschutzvereine und 20 Kantonalverbände mit insgesamt mehr als 72 000 Mitgliedern. Seit 2001 wird der «Vogel des Jahres» gewählt. Dadurch sollen Naturschutzfragen verdeutlicht und der Bedarf an Massnahmen in Bereichen wie Kulturland, Wald und Siedlungsräumen aufgezeigt werden. www.birdlife.ch
Oben: Männchen (links) und Weibchen (rechts) bei der Balz.
Unten Links: Eisvögel können in der Schweiz auch im Winter beobachtet werden.
Unten: Kleine Fische sind die Lieblingsspeise der flinken Jäger.
Bainvgnü a Scuol –Willkommen in Scuol
Manche Orte lassen einen nicht mehr los. Das Unterengadin gehört dazu. Diese genussvolle Halbtagestour verbindet Natur, Kultur und Kulinarik: Von Scuol nach Tarasp, hinauf zum stillen Lai Nair und zurück entlang des Inns – eine einfache Wanderung, die Lust macht, einfach draussen zu sein.
Maria-Theresia Zwyssig
Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie das Wort «Engadin» hören? Goldgelbe Lärchen im Herbstlicht, tiefblaue Seen, Capuns und Engadiner Nusstorte? Vielleicht der Frühlingsbrauch Chalandamarz, wenn die Dorfjugend am 1. März mit ihren blauen Hemden und den roten Zipfelmützen in den Dörfern unterwegs ist – oder die Engadiner Häuser mit kunstvollen Sgraffitos –, nicht zu vergessen der Schellen-Ursli, wie er tapfer durch den Schnee stapft. Ganz gleich, welches Bild gerade auftaucht: Das Engadin im Kanton Graubünden ist ein ganz besonderer Fleck Erde. Jahr für Jahr zieht es Menschen in eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas –und viele kommen immer wieder zurück.
Ein Tal, das bleibt
Mich verbindet mit dem Engadin vor allem die Erinnerung an herbstliche Wanderferien meiner Kindheit. Gemeinsam mit meinen Grosseltern reiste ich in ihrem alten Ford Fiesta vom Berner Oberland über den Flüelapass an, zurück ging es über den Julier oder Albula. Den gleichen Weg zweimal nehmen? Das kam für sie nicht infrage. Diese Neugier begleitete uns auch beim Wandern. Dank ihnen durfte ich über viele Jahre unzählige Orte entdecken. Vielleicht ist genau das der Grund, dass es mich bis heute mindestens einmal pro Jahr ins Engadin zieht.
Unterwegs im Herzen des Unterengadins
Heute lade ich Sie zu einer gemütlichen, einfachen Wanderung – oder nennen wir es ruhig einen ausgedehnten Spaziergang ein. Der Tipp stammt von einem guten Freund, heute Lokführer bei der Rhätischen Bahn. Ausgangspunkt ist Scuol im Unterengadin. Flächenmässig ist Scuol die grösste Gemeinde der Schweiz und umfasst unter anderem Ardez, Ftan, Guarda, Sent, Tarasp und natürlich Scuol selbst.
Am Bahnhof – Staziun – steigen wir in die PostAuto-Linie 923 und fahren bis Tarasp, Fontana. Schon die Fahrt ist ein kleines Erlebnis: Das PostAuto überquert auf der imposanten Hochbrücke Punt d’En Vulpera/Tarasp den Inn. Seit dem Bau des Vereinatunnels gilt sie als eines der grössten Infrastrukturprojekte des Unterengadins. Kurz darauf steigen wir aus, atmen tief durch – wir befinden uns auf rund 1400 Metern über Meer – und lassen den Blick nach oben schweifen.
Der Lai Nair lädt zum Erholen und Entspannen ein.
Hoch über dem Dorf thront das Schloss Tarasp, seit 1040 Wächter des Tals und Wahrzeichen des Unterengadins. Heute gehört es dem einheimischen Künstler Not Vital. Wer mag, kann im Schloss eine bemerkenswerte Sammlung antiker, moderner und zeitgenössischer Kunst entdecken.
Doch auch draussen begegnet uns seine Kunst: Auf dem kleinen Dorfsee, dem Lai Tarasp, schwimmt eine riesige Metallkugel – der Mond. Silbern, glänzend spiegelt er die Umgebung und sorgt unweigerlich für einen zweiten Blick.
Bevor wir uns auf den Weg machen, gönnen wir uns allerdings etwas ganz Wichtiges. Es ist die Qual der Wahl: Nusstorte oder Engadinertorte – der Name ist hier Programm. Besonders empfehlenswert ist das Schlosshotel Chastè Tarasp, dessen Restaurant uns mit warmem Arvenholz empfängt. Gut gestärkt starten wir anschliessend Richtung Lai Nair, einem Bergsee, der oberhalb von Tarasp auf einem stillen Plateau liegt.
Der Lai Nair – Naturidylle auf
dem Hochplateau
Der Weg führt durch das Dorf, vorbei an der katholischen Kirche und weiter entlang der Strasse Fontana Sura, wo wir bald auf den Wanderweg einbiegen. Der Wald zeigt sich idyllisch und ruhig. Nach rund 40 Minuten und etwa
150 Höhenmetern erreichen wir den Lai Nair auf 1544 Metern über Meer. Es gibt mehrere Wege zum See und rund um ihn herum. Nehmen Sie sich Zeit, umrunden Sie ihn gemütlich, setzen Sie sich auf eines der Bänkli und lassen Sie die Landschaft wirken. Die Berge der Silvretta-Gruppe scheinen zum Greifen nah, besonders der Piz Lavetscha mit seinen 2788 Metern zieht die Blicke auf sich.
Ich kehre immer wieder an diesen Ort zurück. Hier herrscht eine eigene Welt – rau und zugleich lieblich, wild und still im schönsten Gleichgewicht. Auch im Herbst ist der Lai Nair bezaubernd, dann allerdings deutlich weniger einladend für ein Bad. Im Sommer hingegen lockt er mutige Schwimmerinnen und Schwimmer zu ein paar Zügen. Über eine stabile Holztreppe gelangen Sie ins Wasser. Die Sicht ist trüb, fast schwarz – ein Effekt der Huminsäure, die durch den Abbau von Torfmoosen und anderen Pflanzenresten am Seeboden entsteht. Gespiesen wird der See hauptsächlich von Regenwasser. Kurz gesagt: Das Abtauchen braucht etwas Überwindung –aber es lohnt sich. Das Hochmoor lässt sich über einen Holzsteg erkunden, und unter den Arven rund um den See finden sich Feuerstellen mit grossen Tischen und Bänken. Ein idealer Ort zum Verweilen, Picknicken oder einfach Nichtstun.
Über eine Holztreppe gelangt man in den Lai Nair.
Links: Hoch über dem Dorf thront das Schloss Tarasp.
Rechts: Die typischen Engadiner Häuser mit den Sgraffitos begegnen einem in Scuol.
Zurück nach Scuol – Wasser, Wärme und Wohlgefühl
Für den Abstieg folgen wir dem Weg oberhalb des Sees durch den Wald. Der Blick ins Tal Val S-charl öffnet sich, bevor wir den Weiler Avrona erreichen. Hoch über der ClemgiaSchlucht kehren wir im Gasthaus Avrona ein. Der Kuchentisch ist verführerisch, ebenso ein Apéro, den wir an einem der sieben Tische geniessen können. Herzlich und voller Charakter – ein echtes Bijou. Wir sind bereit für den letzten Abschnitt: den Abstieg via Vulpera nach Scuol. In Vulpera folgen wir dem Inn bis kurz nach dem TCS-Campingplatz, erst dann queren wir den Fluss über die Gurlaina-Brücke. Auf ihren 150 Metern mit drei Aussichtsplattformen bietet sie wunderbare Fotomotive – hinunter auf den Inn mit seiner unvergleichlichen Farbe oder hinüber zur Kirche. In Scuol bleiben wir erst im unteren, alten Dorfteil. Die typischen Engadinerhäuser mit ihrer Sgraffito-Kunst sind eine Augenweide. Zahlreiche Brunnen laden zur Degustation ein – über 20 Mineralquellen entspringen auf dem Gemeindegebiet. Besonders eindrücklich ist der Dorfbrunnen Bügl Grond, der grösste seiner Art im Dorf. Den Tag lassen wir schliesslich im Mineralbad Bogn Engiadina Scuol ausklingen. Warmes, sprudelndes Mineralwasser, ein Aussenbad mit Blick auf die Berge – Entspannung pur. Vielleicht schweift der Blick zur Lischanahütte hinauf, wo noch Licht brennt, und die Gedanken wandern bereits zur nächsten Tour. •
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Der Lai Nair ist ein stiller Ort, an dem Wildheit und Ruhe im Gleichgewicht stehen. »
Kurz & praktisch
• Dauer: ca. 2 Std. 15 Minuten Wanderzeit
• Länge: 7,8 Kilometer
• Höhenmeter bergauf: 150 m
• Ausrüstung: Schuhe mit gutem Profil, Sonnen- und Regenschutz, Windjacke
• Anreise: mit dem PostAuto
• Ideal für: eine genussvolle Halbtagestour
Systeme, die Ruhe schenken, Technik, die entspannt
Die Silvretta Therme im mondänen Tiroler Wintersportort Ischgl macht sich zwischen Gipfeln und Himmel ausgesprochen gut. Hinter ihrer eleganten Fassade arbeitet hochentwickelte Technik für Energie, Wasser und Klima. Nach einem aktiven Tag in Höhe und Kälte ist die Therme ein Ort, an dem Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht finden.
Robert Penz
Wer von der Schweiz aus ins Paznaun fährt, spürt rasch eine atmosphärische Verschiebung. Ischgl, auf 1377 Metern gelegen und eingebettet zwischen Verwall- und Samnaungruppe, wirkt längst nicht mehr wie ein klassischer Tiroler Wintersportort. Es ist eine hochalpine Schnittstelle geworden – zwischen Nationen, Sportabenteuern und Lifestyle.
Höhe, Kälte, Belastung
Tagsüber gehört das Terrain der Bewegung: Skifahren, Snowboarden, Skitouren, Langlauf. In der Silvretta Arena bewegen sich Körper zwischen zweitausend und knapp dreitausend Metern Höhe – ein Wechselspiel aus Anspannung, Balance, Erschöpfung und Euphorie. Doch Höhe und Kälte fordern ihren Tribut. Der Schweizer Sport- und Allgemeinmediziner Patrik Noack beschreibt die Höhe als
Stressfaktor für das Herz-Kreislauf-System: Atem- und Herzfrequenz steigen, die Ermüdung setzt schneller ein. Gleichzeitig verbessert sich durch hormonelle Prozesse die Sauerstoffversorgung, auch Durchblutung und muskuläre Anpassung nehmen zu. Kälte wiederum verengt die Blutgefässe und reduziert die Elastizität von Muskeln und Sehnen. Wintersport wird dadurch intensiv – und erschöpfend. Umso sinnvoller ist der Übergang in die Regeneration, den das Portal der 2022 eröffneten Silvretta Therme markiert.
Ästhetik und Technik
Schon von aussen wirkt die Therme weniger wie ein klassisches Gebäude als wie ein geformter Zustand. Die Fassade aus mattem Edelstahl reagiert auf Licht, Schnee und Himmel. Im Inneren setzen Eis, Dampf und warmes
Wasser die architektonische Idee fort, Temperaturzonen strukturieren die Räume. Hinter der Ästhetik arbeitet ein konsequent nachhaltiges System: 37 Erdsonden versorgen das Gebäude mit geothermischer Energie, ergänzt durch umfassende Wärmerückgewinnung aus Lüftung, Kühlung und Technik. Auch das Wasser wird mehrfach aufbereitet und wiederverwendet. Fossile Brennstoffe spielen praktisch keine Rolle – der Energiebedarf liegt bei nur 30 bis 40 Prozent einer konventionellen Therme vergleichbarer Grösse.
Wärme und Achtsamkeit
Was geschieht im Körper nach einem Tag in Höhe und Kälte? In der Wärme erweitern sich die Gefässe, die Durchblutung steigt, der Muskeltonus sinkt. Gleichzeitig verliert der Körper viel Flüssigkeit – sowohl durch Kälte als auch durch die Sauna. Noack empfiehlt daher Pausen, ausreichend Trinken und Aufmerksamkeit für Warnsignale. Auch Hauke Dörffer, stellvertretender Bereichsleiter der Therme, betont die Bedeutung von Achtsamkeit – trotz der zahlreichen Reize im grosszügigen Saunabereich mit professionell inszenierten Aufgüssen. Ziel sei ein hochwertiges, bewusstes Saunaerlebnis mit qualifizierten Saunameistern und hochwertigen, chemiefreien Produkten.
Ein Ort der Balance
Draussen dampft das 34 Grad warme Aussenbecken in die kalte Bergluft, Gipfelblick inklusive. Ein Dach-Panoramapool, Gym, Eislaufbahn und Gastronomie erweitern das Angebot. Auch hier schliesst sich der energetische Kreis: Die Eisaufbereitung arbeitet mit CO2 und speist Wärme zurück ins Gebäude.
So entsteht ein Kosmos, der weit über klassisches Thermalbaden hinausgeht – und für die Region ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Ganzjahresdestination ist.
Am Ende eines solchen Tages bleibt ein schwer benennbares Gefühl: der Moment, in dem ein geforderter Körper wieder zur Ruhe kommt. Unspektakulär vielleicht – aber ausserordentlich angenehm. •
Die Silvretta Therme
Die Silvretta Therme Ischgl liegt im Herzen von Ischgl in Tirol. Auf rund 1000 Quadratmetern Wasserfläche – innen wie aussen – bietet sie Badeerlebnisse mit Panorama, darunter ein Pool mit Blick auf die Paznauner Alpen. Herzstück ist die 1500 Quadratmeter grosse Saunalandschaft auf mehreren Ebenen mit Saunen, Dampfbädern und Schnee-Grotte. Ergänzt wird das Angebot durch vielfältige Gastronomie von Trattoria über Pool-Bar bis Ice-Bar sowie durch ein hochmodernes Trainingsstudio, ein Medical Spa und exklusive Private-Spa-Suiten. Die futuristische Architektur aus Glas, Stein und Stahl prägt das Erscheinungsbild, tägliche Aufgüsse von preisgekrönten Saunameistern setzen besondere Akzente. Ideal ist die Therme für alle, die nach einem aktiven Tag in Ischgl luxuriöse Entspannung suchen. www.silvrettatherme.at
Oben: Eis zur Abkühlung und Aktivierung direkt im Freiluft Warmwasserpool.
Unten: Saunieren mit Weitblick in der Silvretta Therme Ischgl zwischen Alpenpanorama und urbaner Energie.
Mail: m.kellenberger@weberverlag.ch
Tel.: 078 761 22 22
Stichwort: Die Königsstädte Marokkos Anmeldeschluss: 9. März 2026
Auf den Spuren von 1001 Nacht durch Marokko
Exklusive Reise vom 16. bis 30. Mai 2026.
In den Königsstädten und den Wüstenoasen von Marokko sind die Geschichten aus 1001 Nacht noch immer lebendig. Auf dieser 15-tägigen Rundreise besuchen wir die vier Königsstädte Fès, Meknès, Rabat und Marrakesch mit ihren historischen Altstädten, den verschlungenen Gassen und den bunten Souks. Wir übernachten auf der Reise in traditionellen Riads und Khasbas, und erleben dabei die Zauberwelt des Orients mit all seinen lebendigen Farben und würzigen Düften.
Auf unserer Weiterreise zu den Oasenstädten der Nordsahara entdecken wir heilige Orte wie Moulay Idriss oder die Ruinen der Römerstadt Volubilis, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Unterwegs spazieren wir aber auch zur Stadt des Orion, zur Himmelstreppe und zur Goldenen Spirale, drei monumentale Lehmbauten, die der deutsche Landart-Künstler Hannsjörg Voth zusammen mit Einheimischen in der Nähe der Oasenstadt Erfoud mitten in der beeindruckenden Marha-Ebene errichtet hat.
Ein weiterer Höhepunkt der Reise ist die Wüstenstadt Merzouga. Hier wandern wir über die gewaltigen Dünen des Erg Chebbi und zu über 300 Millionen Jahre alten FosJetzt buchen!
silienfundorten, bevor es weiter geht in das Hollywood Marokkos, in die Filmstadt Ouarzazate, in deren Nähe auch die berühmte Lehmstadt Ait ben Haddou liegt. Unsere spannende Reise beenden wir in Marrakesch, wo wir in das quirlige Leben dieser einzigartigen Stadt eintauchen. Kommen Sie mit uns auf diese unvergessliche Reise. Die Zahl der Teilnehmenden ist auf maximal zwölf beschränkt.
Die Stadt des Orion, ein aus Lehm gebautes Monument in der Marha-Ebene bei Erfoud.
Ihre Reiseleitung: Brahim Boulaouane und Markus Kellenberger
Das Reiseprogramm
Ein Jahrhunderte altes Bewässerungssystem garantiert blühende Gärten auch in Wüstenoasen.
1. Tag: Gemeinsamer Flug ab Genf nach Casablanca, Transfer ins Hotel.
2. Tag: Fahrt im Kleinbus nach Meknès. Unterwegs besichtigen wir Rabat, die Hauptstadt Marokkos. Übernachtung im RiadHotel in Meknès.
3. Tag: Fahrt zur heiligen Stadt Moulay Idriss und zu den Ruinen von Volubilis. Übernachtung in Fès.
4. Tag: Besichtigung der Königsstadt Fès, zweite Übernachtung in Fès.
5. Tag: Fahrt von Fès über den Mittleren Atlas in die von Wäldern umgebene Bergstadt Midelt, Übernachtung in Midelt.
6. Tag: Fahrt von Midelt in die Oasenstadt Erfoud, Übernachtung in Erfoud.
7. Tag: Fahrt von Erfoud in die nächste Oasenstadt Merzouga. Unterwegs Besichtigung der Land-Art-Skulpturen von HannsJörg Voth in der Marha-Ebene, Übernachtung in Merzouga.
8. Tag: Spaziergang über die Dünen des Erg Chebbi, Besichtigung Fossilienfundorte, 2. Übernachtung in Merzouga.
9. Tag: Fahrt von Merzouga nach Zagora, Übernachtung in der Wüstenstadt Zagora.
10. Tag: Fahrt von Zagora durch das palmenreiche Draa-Tal in die Filmstadt Ouarzazate mit Besichtigung der berühmten Lehmstadt Ait ben Haddou. Übernachtung in Ouarzazate.
11. Tag: Vormittags Besichtigung der Atlas-Filmstudios, am Nachmittag Fahrt ins Rosental. 2. Übernachung in Ouarzazate.
12. Tag: Fahrt von Ouarzazate nach Marrakesch durch das malerische Ounila-Tal und über den 2260 Meter hohen Tizi n’Tichka-Pass, der grandiose Aussichten bietet. Übernachtung in der Medina von Marrakesch.
13. Tag: Stadtführung durch die quirlige Stadt Marrakesch mit ihrem berühmten Souk und dem Platz Djemaa el Fna. 2. Übernachtung in Marrakesch.
14. Tag: Freier Tag in Marrakesch und Abschlussabend im traditionellen Restaurant mit Musik und Bauchtanz.
15. Tag: Transfer von Marrakesch nach Casablanca zum Flughafen und Heimreise
Alle Transfers und Reise im Kleinbus, Vollpension, deutsch sprechende Reiseführung, geführte Stadtbesichtigungen und Ausflüge.
Nicht inbegriffen
Persönliche Auslagen, alkoholische Getränke, Versicherung, und ca. CHF. 200.– für Trinkgelder
Leserbilder
Bild des Monats
Wir suchen für jeden Monat ein schönes Natur- oder Landschaftsbild. Senden Sie das Bild per E-Mail in hoher Auflösung (mindestens 3 Megabyte) per E-Mail an bild@natuerlich-online.ch unter Angabe Ihrer Adresse (Querformat bevorzugt). Das aus Sicht der Redaktion schönste Bild wird jeweils abgedruckt und mit einem Gutschein des Weber Verlags im Wert von CHF. 50.– belohnt.
Weitere Bilder werden bei uns auf der Website natuerlich-online.ch aufgeschaltet.
Bild des Monats
1: Marjan Suter
2: Anja Geisser
3: Sarah Rappo
4: Claude Wälti
Fasten. Gesundheit. Auszeit.
Findet mich das Glück?
Während ihrer Fastenwochen im Kurhaus St. Otmar ganz bestimmt. Denn Glück beinhaltet Gesundheit, Auszeit, Lebenszeit. Hier ist Zeit zum Glücklichsein. Und sich finden... lassen. Fastenkuren in St. Otmar –Ihre persönliche Glückszeit
Kurhaus St. Otmar · 6353 Weggis · www.kurhaus-st-otmar.ch
Wenn Gärten Geschichten tragen
Die Giardina 2026 öffnet die Türen zu einer Welt, in der Natur, Gestaltung und Emotionen ineinandergreifen und eine besondere Form von Gartenkultur entstehen lassen. Zum 25-jährigen Bestehen präsentiert sich die Ausstellung so inspirierend und vielschichtig wie nie zuvor. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Gärten Geschichten erzählen, die über ihre physischen Grenzen hinaus wirken.
Adriatik Salihi
Im Mittelpunkt steht das Leitthema «Der Baum, die Seele des Gartens». Kaum eine andere Pflanze verkörpert in vergleichbarer Weise Beständigkeit, Kraft und Zukunft. Bäume strukturieren Räume, prägen Stimmungen und schaffen eine tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur. Die Giardina widmet ihnen eindrucksvolle Gartenbilder, die zeigen, wie Bäume nicht nur gestalten, sondern Lebensräume definieren und erlebbar machen.
Ein Gartenkunstwerk von Tom Stuart Smith
Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt der eigens für Zürich entworfene Garten von Tom Stuart Smith, einem der bedeutendsten Landschaftsarchitekten der Gegenwart. Realisiert von der NaturDesign AG, verbindet das Projekt klare gestalterische Strukturen mit einer scheinbar natürlichen, freien Landschaft. Wasserelemente der Aqua AG, biologische Wasserfiltration sowie sorgfältig ausgewählte Wasserpflanzen verleihen dem Garten Ruhe und Tiefe.
Charakterstarke Solitärbäume der Bernhard Baumschulen AG sorgen für eine markante räumliche Präsenz und eine eindrucksvolle Atmosphäre. Stimmigkeit erhält das Gartenprojekt durch die massiven Steine von BÄRLOCHER STEINBRUCH UND STEINHAUEREI AG.
Ein Jubiläum mit Tiefgang
Seit 25 Jahren ist die Giardina ein fester Bestandteil der grünen Branche und ein Ort der Begegnung zwischen Menschen, Ideen und handwerklicher Exzellenz. Die Jubiläumsausgabe verdeutlicht eindrucksvoll, welche emotionale Kraft Gartenräume entfalten können. Wer die Giardina 2026 besucht, nimmt mehr mit als Anregungen. Es ist ein Gefühl, das bleibt: Verbundenheit, Aufbruch und die Sehnsucht nach mehr Grün im eigenen Leben.
Die Giardina 2026 findet vom 11. bis 15. März 2026 in der Messe Zürich statt. www.giardina.ch
hin & weg
Weiterbildung
Ernährungs-Psychologische Beratung IKP
Diese ganzheitliche Weiterbildung berücksichtigt sowohl die Aspekte einer Ernährungsberatung als auch die psychologischen Hintergründe des Essverhaltens. Sie erlangen fundiertes Ernährungsfachwissen, praxisnahe Kompetenzen in Ernährung und Psychologie und können mit einer ganzheitlichen Beratung Betroffene zu einem gesunden Essverhalten begleiten.
www.ikp-therapien.com (Rubrik Lehrgänge)
Erziehungsschäden
Die Erziehung unseres Nachwuchses der nächsten Generation, ist eine anspruchsvolle Aufgabe und wird stets zu einer grösseren Herausforderung. Das Erziehungssystem und der vorherrschende Erziehungsstil hinken dieser rasanten Entwicklung hinterher. Es entwickelt sich Schulabsentismus und Erziehungsverwirrungen. In diesem Kurs werden Ideen und Konzepte erarbeitet, wie allenfalls solche Schäden in Zukunft in Familien und innerhalb des Schulsystems verhindert werden könnten. Samstag 21. März mit Dr. med. Ursula Davatz.
LIKA GmbH in Stilli b. Brugg, Tel. 056 441 87 38, www.lika.ch.
Spüren Sie die Kraft des Frühlings.
Zeit für Yoga, Sonne und Natur in drei Tessiner Häusern im Malcantone. Für Ruhe, neue Energie und bewusste Auszeit.
06.3 – 08.3 Yoga Weekend
08.3 – 13.3 Fasten & Klangwoche
15.3 – 20.3 Yoga & Wanderferien
20.3 – 22.3 Yoga Weekend
22.3 – 26.3 Yoga & Waldbaden
26.3 – 29.3 Frühling Yoga Weekend
Mehr Kursangebote finden Sie auf unserer Webseite. Casa Santo Stefano – Miglieglia 091 609 19 35 | casa-santo-stefano.ch
neu & gut
Werde zertifizierte:r CERES Fachexpert:in
Heilpflanzen ganzheitlich verstehen und sicher anwenden: Die Ceres Ausbildung vermittelt fundiertes Wissen zur Anwendung der Ceres Urtinkturen in Beratung und Praxis. Für Apotheker:innen, Pharmaassistent:innen und Drogist:innen, die ihre phytotherapeutische Kompetenz erweitern möchten. Von der Pflanze bis zur fertigen Arznei – praxisnah, lebendig und zertifiziert. SDV & FPH anerkannt. CHF 649.–
akademie.ceresheilmittel.com/ fachexperte
Escape Hunger Raus aus der Hungerkrise
Escape Hunger ist eine interaktive Ausstellung mit Escape Game in der Umwelt Arena. In Gruppen von zwei bis vier Personen lösen Besucher:innen unter Zeitdruck Rätsel zu Boden, Wasser, Saatgut und Klima. Spielerisch wird erfahrbar, warum weltweit noch immer Menschen hungern, obwohl genug Nahrung vorhanden wäre. Die Ausstellung zeigt: Hunger ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis menschlicher Entscheidungen –und es gibt konkrete Wege zu einer gerechteren, nachhaltigen Ernährung. umweltarena.ch
Natur
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Und so spielen Sie mit: Senden Sie den Talon mit der Lösung und ihrer Adresse an: Weber Verlag, «natürlich», Gwattstrasse 144, 3645 Gwatt Schneller gehts via Internet: www.natuerlich-online.ch/raetsel
Teilnahmebedingungen: Einsendeschluss ist der 14. April. Die Gewinner*innen werden direkt benachrichtigt. Eine Barauszahlung ist nicht möglich. Über diese Verlosung wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Im Gewinnspielset enthalten, jeweils 1x aus der basis sensitive Linie: Anti-Falten Maske Q10, Milde Reinigungsmilch Reichhaltig, Mildes Gesichtswasser, Cremedusche, Pflegedusche 2in1, Body Lotion Express, Handcrem, ENERGIZE ME Duschgel, Natural & Strong Deo Stick
Laura Spielmann, Maximilian Geiger, Fabrice Müller, Laura Columberg, Sophie Souvignier, Corinne Kneubühler, Samuel Krähenbühl, Markus Kellenberger, Sabine Hurni, Leila Dregger, Yves Scherer, Blanca Bürgisser, Roger Urs Bottlang, Irène Nager, Maria-Theresia Zwyssig, Robert Penz
Grafik/Layout
Shana Hirschi, Nina Ruosch
Korrektorat Corinne Kneubühler
Copyright Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung durch den Verlag. Für unverlangte Einsendungen wird jegliche Haftung abgelehnt.
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Thomas Kolbeck, Tel. +41 79 269 73 21 t.kolbeck@weberverlag.ch
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Vorschau
Entgiftung
Wie regen wir unsere Organe zur Entgiftung an?
Haut
Wie wird der Hautstoffwechsel angekurbelt?
Fit bis ins Alter
Gängige Altersbeschwerden und ihre Profilaxen.
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Worauf muss geachtet werden?
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«natürlich» 2/26 erscheint am Donnerstag, 16. April 2026
Kontakt /Aboservice: Telefon 033 334 50 44 oder abo@weberverlag.ch, www.natuerlich-online.ch
Was wir wirklich brauchen
Markus Kellenberger
Hurra, die ersten Erdbeeren sind schon da. Es ist zwar erst Ende Februar, aber was solls, einige der roten Früchte stammen schliesslich aus biologischem Anbau, und wurden liebevoll unter irgend einer Plastikplane in Spanien hochgetrieben. E Guete, denen, die das mögen! Ich weiss, das ist alles andere als ein poetischer Einstieg, aber ich kann nicht anders. Wie keine andere Frucht ist mir die Erdbeere ein Symbol für den Frühling, und jedes Mal, wenn ich sie so früh im Jahr schon in den Regalen sehe, wird mir bewusst, wie sehr wir uns von der Natur entkoppelt haben. Aber bevor Sie mir nun jammervollen Moralismus vorwerfen – ja, ich habe im Winter auch drei Avocados aus Peru gekauft, selbstverständlich in Bio-Qualität. Man ist ja heutzutage nicht einfach nur Mensch, sondern auch ein bewusster Konsument, der glaubt, so die Welt zu retten. Ich gehöre dazu, und manchmal tut mir der dazu nötige Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit richtig weh.
Doch Schluss jetzt mit der ins zynische kippenden Ironie, denn der Wunsch nach Fülle ist zutiefst menschlich. Unsere Art hat fast zwei Millionen Jahre lang jagend und sammelnd von der Hand in den Mund gelebt, und in Zeiten des Überflusses wurde der Bauch vollgestopft, denn die nächste Hungerperiode kam bestimmt. Bis heute beeinflusst das unser Verhalten, und deshalb greifen wir zu, wo immer sich eine passende Gelegenheit ergibt, selbst dann, wenn Kühlschrank, Kleiderkommode und Estrich schon voll sind. Man weiss ja nie
Leben im Überfluss, das heisst, alles zu haben oder haben zu können, was wir uns wünschen, ist seit jeher ein Synonym für Glück. In der Mythologie der alten Griechen stand dafür das Cornucopia, das Füllhorn, aus dem heraus Göttinnen und Götter die Menschen mit allem überschütteten, was das Herz begehrte. Erst waren es nur Korn und Früchte, später kam auch Gold dazu, das in nicht enden wollender Menge aus diesem Horn sprudelte. Und auch der alttestamentarische Prophet Joel nutzte das Bild des Füllhorns, aus dem sich in seiner Vorstellungswelt der göttliche Segen über die Gläubigen – und natür-
lich nur über die – ergoss. Alle anderen mussten sich wohl mit dem zufrieden geben, was die mit Unheil gefüllte Büchse der Pandora hergab.
Die Erdbeeren, die jetzt schon wieder in den Regalen locken, sind für mich ein Ausdruck dafür, dass wir uns mit all unseren zur Verfügung stehenden Mitteln selbst ein Füllhorn geschaffen und uns damit einen Wunsch erfüllt haben, der vielleicht so alt ist wie die Menschheit selbst. Aber auch dieses Füllhorn schüttet seinen Reichtum nicht über allen aus. Das kann es gar nicht, denn was zu jeder Tages- und Jahreszeit aus seiner Öffnung quillt muss von irgendwoher genommen werden, und deshalb schafft es Glück nur für wenige und Ungerechtigkeit für viele. Von der zu diesem Zweck belasteten Umwelt will ich gar nicht erst reden.
Wenn man sich etwas wünscht, dann vergisst man leicht, dass alles, was man bekommt, zwei Seiten hat. So ist das nun mal im Leben. Deshalb sollte man sich immer genau überlegen, welche davon wir an die gute Fee richten, in der Hoffnung, dass sie uns diese wie das Füllhorn erfüllt. Denn die wirklich guten Feen sind nicht die aus dem Märchen – sondern die, die uns nicht das erfüllen, was wir uns wünschen, sondern das, was wir als Menschheit wirklich brauchen. Aus meiner Sicht sind das nicht Erdbeeren im Februar, sondern ein Loslassen der vom Füllhorn gespiesenen Gier, damit wieder Respekt und Liebe allem Lebenden gegenüber wachsen kann.
Markus Kellenberger
Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In der Kolumne «Anderswelt» betrachtet er Alltägliches – nicht nur – aus schamanischer Sicht, und an seinen «Feuerabenden» im Tipi begleitet er Menschen auf der Reise ins Innere. markuskellenberger.ch
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17.-19. April
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Über 60 Aussteller laden zum Entdecken, Austauschen und Vertiefen ein von Trinkwasser und Filtration bis zu ganzheitlicher Gesundheit
Gastreferentinnen und Gastreferenten
Prof. Dr. Ellen Fritsche Direktorin des Schweizerischen Zentrums für angewandte Humantoxikologie
Dr. med. Roger Ziegler Neurodiversität, ADHS, Burnout
Dipl.-Ing. MSc R. Gaupp-Berghausen Herzratenvariabilität (HRV)
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