Wirkstoff Lesestoff für den Fachhandel Selbstmedikation
9/2026
Fachkräfte geschickt einsetzen Abschluss geschafft
Islam Alijaj im Interview
Die frisch ausgebildeten Drogistinnen Der Politiker erzählt, was es und Drogisten EFZ und HF haben braucht, damit Inklusion gelingt ihre Diplome erhalten und wo Verbesserungen nötig sind
Gegen fehlende Worte Menschen auf psychische rkrankungen anzusprechen fällt E schwer – d abei wäre es so wichtig
Branche
Schwerpunkt
Interview
8
10
16
Gelungene ESD-Abschlussfeier
Kompetenzen passend einsetzen
Mehr Inklusion hilft allen
33 Absolventinnen und Absolventen haben die ESD erfolgreich abgeschlossen und feierten Anfang Juli gemeinsam ihren HF-Abschluss an der traditionellen Clôture im Schloss Neuenburg.
Eine Drogerie lebt von Drogistinnen und Drogisten. Doch: Einige Aufgaben können auch von Personen mit anderem beruflichem Hintergrund erledigt werden. Dies ist ein Gewinn für den Betrieb.
Der Politiker Islam Alijaj lebt mit einer Cerebralparese. Im Interview erzählt er, gegen welche Hürden er mit seiner Behinderung kämpfen muss und wieso Barrierefreiheit der ganzen Gesellschaft zugutekommen würde.
Impressum Wirkstoff
Herausgeber Schweizerischer Drogistenverband, Thomas-Wyttenbach-Strasse 2, 2502 Biel, Telefon 032 328 50 30, info@drogistenverband.ch Verlag vitagate ag, Thomas-Wyttenbach-Strasse 2, 2502 Biel Geschäftsführung und Verlagsleitung: Tamara Gygax-Freiburghaus, t.gygax@vitagate.ch Inserate: Tamara Gygax-Freiburghaus, Marlies Föhn, Valérie Rufer, Janine Klaric, inserate@vitagate.ch Abonnemente und Vertrieb: Sabine Andersen, vertrieb@vitagate.ch Redaktion Publizistische Leitung, Chefredaktorin Wirkstoff: Céline Jenni, c.jenni@vitagate.ch Redaktionelle Mitarbeit in dieser Ausgabe: Désirée Klarer, Jasmin Weiss, Sabine Reber Wissenschaftliche Fachkontrolle: Dr. phil.-nat. Anita Finger Weber Übersetzung: Marie-Noëlle Hofmann Titelbild: stock.adobe.com/Dmitry Rukhlenko Produktion Layout: Claudia Luginbühl Druck: Courvoisier-Gassmann AG, Biel ISSN 2673-4974 (Print), ISSN 2673-4982 (Online); CHF 65.–/Jahr, inkl. MWST. Auflage von 5 469 Ex. WEMF/KS-beglaubigt (9/2025) 7. Jahrgang. Erscheinung 10× jährlich © 2026 – vitagate ag, Thomas-Wyttenbach-Strasse 2, 2502 Biel
Offizielles Magazin des Schweizerischen Drogistenverbandes und Medium von Angestellte Drogisten Suisse
4 15
Abschluss im Sack Schweizweit haben junge Drogistinnen und Drogisten ihre EFZ-Diplome entgegengenommen. Angestellte Drogisten Suisse Das gilt, wenn ein Elternteil kurz- oder langfristig die Betreuung eines kranken Kindes übernehmen muss.
Fachwissen
20
Editorial
MK
Erste Hilfe für psychische Gesundheit Viele Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. Nach einer Operation fragt jeder nach. Bei einer Depression schweigen die meisten. Dabei kann ein einziges Gespräch für Betroffene der Anfang der Besserung sein.
24
Schmerzhafte Steine Nierensteine sind äusserst unangenehm. Mit der richtigen Ernährung kann einiges zur Prävention beigetragen und Ver besserung erreicht werden.
Hinschauen, nachfragen, zuhören Schlagworte wie Mental Health, Self Care und Resilienz sind allgegenwärtig. Ein positiver Trend: Die zunehmende Sensibilisierung für die psychische Gesundheit hilft uns, besser auf uns selbst zu achten. Doch diese Offenheit schwindet, sobald es um die Schattenseiten geht: Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken oder andere psychische Belastungen. Viele Menschen wissen nicht, wie sie auf Betroffene reagieren sollen. Aus Unsicherheit wird Schweigen. Wir haben oft Angst, etwas Falsches zu sagen oder Grenzen zu überschreiten. Dabei wäre genau das Gegenteil wichtig. Hinschauen, nachfragen und zuhören. Psychische Gesundheit darf kein Tabuthema mehr sein, zumal jede zweite Person in ihrem Leben einmal psychisch erkrankt. Umso wichtiger ist es deshalb, dass wir – sei es als Arbeitskollegin, im privaten Umfeld oder als Drogistin oder Drogist – unseren Mitmenschen zeigen, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine sind. Ob wir dafür genau die richtigen Worte finden, ist zweitrangig. Viel wichtiger ist der Mut, überhaupt das Gespräch zu suchen. Wenn wir offen zuhören und Unterstützung bieten, kann folgende ehrliche Frage einiges verändern: «Wie geht es dir wirklich?» Céline Jenni, Leiterin Publizistik, Chefredaktorin Wirkstoff, c.jenni@vitagate.ch
Herzliche Gratulation! In den vergangenen Wochen durften die Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger ihre Diplome als Drogistinnen und Drogisten EFZ entgegennehmen. Der Schweizerische Drogistenverband und die Berufsschulen gratulieren herzlich! Berufsfachschule Zürich
Nach den intensiven Wochen der Vorbereitung und der Prüfungen wurden die Absolventinnen und Absolventen mit einer zweitägigen Abschlussreise belohnt. Organisiert vom Aargauischen Drogistenverband und dank dem grosszügigen Sponsoring der Firma Weleda und der Unterstützung durch die Lehrbetriebe ist dies für die Absolventinnen und Absolventen kostenlos. Die Abschlussreise führte nach Arlesheim, wo die Firma Weleda einen Blick in die Produktion ermöglichte, die Arnika-Produkte in einem MassageWorkshop angewendet werden konnten und der normalerweise nicht zugängliche Heilpflanzengarten bestaunt wurde. Anschliessend ging die Reise weiter nach Rust, wo nach einer Übernachtung der zweite Tag im Europa-Park genossen wurde. Höhepunkt war die QV-Feier am 4. Juli, bei der bekannt gegeben werden konnte, dass der gesamte Abschlussjahrgang 2026 der Allgemeinen Berufsschule Zürich erfolgreich das Qualifikationsverfahren bestanden hat.
Berufsfachschule Graubünden • 1. Platz Note 5.7: Romana Poo, Drogaria Zysset AG, Samedan • 2. Platz Note 5.3: Nubia Bächler, Dropa Drogerie, Klosters • 3. Platz Note 5.1: Laila Clavadetscher, Parsenn Drogerie, Schiers, und Yashodhara John, Dropa Betriebs AG, Davos Was hat dir in der Lehrzeit geholfen, auch durch schwierige Zeiten zu kommen? Laila Clavadetscher: Mir hat es sehr geholfen, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen. Wenn mich eine Situation überfordert hat, habe ich kurz innegehalten und tief durchgeatmet. So konnte ich mich beruhigen und wieder entspannter werden. Dabei war es wichtig, mir nicht noch mehr aufzubürden, sondern ehrlich zu sagen, dass es mir gerade zu viel wird.
4
Wirkstoff | 9/2026
Berufsfachschule St. Gallen
Klasse A
• 1. Platz Note 5.5: Jana Gämperle, Drogerie Brunner, Kaltbrunn • 2. Platz Note 5.4: Enola Brunner, Drogosana AG, Frauenfeld; Eva Huber, Abderhalden Drogerie, Wattwil; Sarah Wüst, Dropa Drogerie Oberriet, und Silvan Zürcher, Oedenhof Drogerie, Wittenbach • 3. Platz Note 5.3: Julia Berger, Swidro Drogerie Buchs, und Victoria Näscher, Centrum Drogerie, Eschen
Klasse B
Worauf freut ihr euch nun mit Diplom im Sack? • Einfach mal wieder ohne schlechtes Gewissen mit den engsten Personen Sachen unternehmen, auf die man während der Lernzeit auch ab und zu verzichtet hat. Und natürlich einfach arbeiten und einen grossen Lohn erhalten. • Auf das neue «Namensschildli». • Spontan etwas abmachen und es geniessen, ohne die Stimme im Hinterkopf, die sagt: «Du solltest lernen!».
Ecole professionelle EPSIC à Lausanne
• 1re place, note 5.8: Sarangerel Boldbaatar, Droguerie de la Sarraz, La Sarraz • 2e place, note 5.5: Candice Curdy, Droguerie de Valère, Sion • 3e place, note 5.0: Jessica Sandrine von Büren, Pharmacie Amavita Nutribio La Palud GaleniCare SA, Lausanne Quel conseil donneriez-vous à celles et ceux qui doivent encore passer l’examen final (CFC)? Sarangerel Boldbaatar: En entrant dans votre dernière année d’apprentissage, il est crucial de commencer à faire des liens entre chaque branche et de comprendre un sujet dans sa globalité. Il faut pouvoir allier une pathologie avec un principe actif, sa structure chimique, son mécanisme d’action au niveau biologique et toujours avoir en tête des conseils complémentaires en phytothérapie et salutogenèse. Ces associations vous permettront de mieux mémoriser et comprendre les différents thèmes, ainsi que de vous préparer à la structure des examens finaux.
Berufsfachschule Solothurn und Basel • 1. Platz Note 5.6: Sereina Erb, Chrüterhüsli, Basel, und Anna Rohn, Drogerie Kilchenmann AG, Kriegstetten • 2. Platz Note 5.3: Jael Schödler, Saner Drogerie, Aarau • 3. Platz Note 5.2: Ljubica Vasiljevic, DROPA Drogerie Langendorf, Langendorf
Klasse Solothurn
Klasse Basel
Was macht eure Abschlussklasse einzigartig? Anna Rohn: Unsere Klasse entsprach nicht dem klassischen Bild einer Drogistenklasse. Wir waren lebhaft, offen und stets für eine Überraschung gut. Von unseren Lehrpersonen wurden wir mit einem Augenzwinkern als «Hühnerhaufen mit Hahn» bezeichnet – eine Beschreibung, die unseren temperamentvollen und bunten Charakter wohl treffend wiedergibt. Trotz unserer unterschiedlichen Persönlichkeiten und der gelegentlichen Unruhe zeichnete uns ein starker Zusammenhalt aus. Wir unterstützten einander, standen füreinander ein und meisterten die Herausforderungen unserer Ausbildungszeit gemeinsam. Genau dieser Teamgeist machte unsere Klasse zu etwas Besonderem. Was hat dir in der Lehrzeit geholfen, auch durch schwierige Zeiten zu kommen? Silas Hallwyler: Mir hat in der Lehrzeit vor allem geholfen, dass ich Menschen in meinem Umfeld hatte, mit denen ich sprechen konnte, wenn mich etwas belastet hat. Dazu gehörten meine Eltern, Freunde, teilweise Leute aus dem Betrieb und auch meine Berufsbildnerin. Sobald ich darüber gesprochen hatte, ging es mir direkt besser. 9/2026 | Wirkstoff
5
Wir versichern Unternehmen auf Augenhöhe, seit 1902.
hen Die Branc ng Versicheru : heisst neu visavis
Bei Unfall und Krankheit zählt nur der beste Schutz. Wir sind da – für Sie, Ihre Mitarbeitenden und alle Risiken, die Ihr Unternehmen betreffen. Als genossenschaftliche Versicherung betreuen wir Sie präzise, persönlich und provisionsfrei. Das machen wir erfolgreich seit über 120 Jahren.
6
Wirkstoff | 9/2026
visavis.ch
Berufsfachschule Bern
Klasse A
Klasse B
• 1. Platz Note 5.4: Eveline Sieber, Drogerie Studer AG, Fraubrunnen; Carla Berlinger, Drogerie und Gesundheitszentrum Riesen, R iggisberg, und Lena Kiener, üsi Drogerie, Münsingen • 2. Platz Note 5.3: Yamina Elea Schenk, Müller AG, Ostermundigen Wie bist du als Mensch durch die Lehre gewachsen? Marta Ferreira: Ich bin selbstständiger und verantwortungsbewusster geworden. Ausserdem habe ich gelernt, auch in stressigen Situationen ruhig zu bleiben und L ösungen zu finden.
CPNE-ESD, Neuchâtel
Berufsfachschule Luzern
Quel conseil donneriez-vous à celles et ceux qui doivent encore passer l’examen final (CFC)? Sonia Gremion: Je leur dirais que c’est impossible de se sentir prêt à 100 % pour les examens, mais ce n’est pas grave! À un moment donné, il faut faire confiance à tout ce qui a été appris durant la formation aux cours et au travail. Au final, on en sait souvent bien plus que ce que l’on imagine, même si le stress nous fait douter sur le moment. Et pour les révisions, se préparer un petit kit de survie: une spagyrie pour la confiance et le stress + un roll-on aux huiles essentielles pour rester «focus»! Et tout va bien se passer!
Mit grosser Freude gratulieren wir den 41 frisch diplomierten Drogistinnen und Drogisten EFZ aus der Zentralschweiz ganz herzlich zu ihrem erfolgreichen Abschluss. Am Mittwoch, 1. Juli 2026, durften wir gemeinsam ein unvergessliches Fest in der Festhalle Sempach feiern. In bewegenden Reden wurde auf vier intensive Jahre zurückgeblickt und mit Zuversicht in die Zukunft geschaut. • 1. Platz Note 5.6: Svenja Gisler, DROPA Drogerie Urnertor, Altdorf • 2. Platz Note 5.5: Felicia Senn, Natur Drogerie Britschgi, Altdorf • 3. Platz Note 5.4: Rahel Meier, Drogerie A. Jost, Willisau; Flavia Kull, Drogerie Schleiss, Hünenberg; Sarina Oberli, Entlebucher Drogerie, Entlebuch; Livia Züsli, DROPA Drogerie Käch, Neuenkirch, und Lena Portmann, Drogerie Balance, Malters 9/2026 | Wirkstoff
7
Ein Grund zu feiern 33 Absolventinnen und Absolventen der ESD haben an der traditionellen Abschlussfeier ihre Diplome entgegengenommen. Ein feierlicher Abschluss nach zwei intensiven Studienjahren. 7 Céline Jenni |
Die Sonne strahlte am 2. Juli 2026 mit den Absolventinnen und Absolventen der «Ecole supérieure de droguerie» (ESD) förmlich um die Wette. Zusammen mit Familie und Freunden feierten sie an diesem Nachmittag mit der Diplomübergabe im Schloss Neuenburg einen grossen Meilenstein. ESD-Direktorin Ludmilla Wüthrich betonte in ihrer Rede, dass die beiden vergangenen Jahre aus viel Lernen, viel Arbeit und wahrscheinlich auch einigen Zweifeln bestanden haben. Es verhalte sich ähnlich, wie bei einem Baum: «Ein Baum wächst nicht einfach schnell und ohne Widerstand. Mal scheint die Sonne, mal stürmt es. Und genau durch diese Wechselwirkungen wird der Baum stärker. Er wächst nicht nur nach oben, sondern wird mit der Zeit auch stabiler.» Die Ausbildung sei Teil dieses Wachstums. Wüthrich gab deshalb folgenden Ratschlag: «Nehmt das Gelernte mit und bleibt offen für Neues. Lernen ist ein stetes Wachstum. Denkt an das Bild vom Baum und bleibt standhaft, behaltet eure Wurzeln und lasst euch nicht so schnell aus der Ruhe bringen.»
8
Zum Gedenken
Ein prall gefüllter Rucksack
Die Abschlussfeier bot auch Raum für einen Moment des Innehaltens. Die Schuldirektorin Ludmilla Wüthrich erinnerte an Sandra Rogger, die während ihrer Ausbildungszeit verstorben ist, und würdigte sie mit einfühlsamen Worten. So blieb sie auch an diesem besonderen Tag Teil der Schulgemeinschaft.
Auch Rosemarie Meyer-Strähl, Präsidentin der Schulkommission ESD, gratulierte den Neu-Diplomierten herzlich. «Auch wenn ihr glaubt, dass der Rucksack, der in den letzten beiden Jahren mit Wissen, Erfahrung, Emotionen und schönen Erinnerungen gefüllt wurde, langsam voll ist – aus meiner Erfahrung kann ich euch versichern, dass da noch sehr viel Platz ist!» Absolventin Diana Rutz brachte in einer humorvollen Rede den s tudentischen Alltag etwas näher
Wirkstoff | 9/2026
Miriam Kolmann
und sprach im Namen aller Diplomandinnen und Diplomanden ein grosses Dankeschön an die Dozentinnen und Dozenten, die Schulleitung, das Sekretariat, die Familien, Freunde, Partner und die Eltern aus, die sie und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler bei allem unterstützt hätten. Eine bunte Sammlung an Fotos aus der Studienzeit zeugte von lustigen Momenten, einem tollen Zusammenhalt und vielen gemeinsamen Erlebnissen.
Bestleistungen Den Höhepunkt bildete die feierliche Übergabe der Diplome und Geschenke der ESD-Sponsoren, die von Bernhard Kunz, Präsident der Prüfungskommission, und Anita Finger Weber, Leiterin Bildung SDV, überreicht wurden. Mit der Bestnote 5.6 schloss Deborah Signer die Ausbildung ab, gefolgt von Luisa Cavelti mit der Note 5.5. Jana Haldimann, Daniela Hürzeler, Sara Simona Ramseier und Melanie Roos teilten sich den dritten Platz (Note 5.4). Für den vierten Platz wurden Roxana Koller und Inês Marujo Velhinho geehrt (Note 5.3). Anschliessend wurden die neu-diplomierten Drogistinnen und Drogisten HF schon von der Vereinigung Droga Neocomensis mit einem Spalier und Gesang auf dem Schlosshof erwartet. Beim Apéro wurde geredet, gefeiert und gelacht – bis sich alle in Richtung Zukunft verabschiedeten.
Hier finden Sie alle Bilder der Abschlussfeier:
Die frisch diplomierten Drogistinnen und Drogisten HF des Jahrgangs 2024–2026. Erste Reihe (v.l.): Yara Rüdisühli, Elvira Marggi, Anja Schellenberg, Lara Schütz, Lara Vaucher, Sara Simona Ramseier, Inês Marujo Velhinho. Zweite Reihe (v.l.): Nina Brunner, Léon Hesse, Lara Gisler, Deborah Signer, Noemi Heini, Tanja Jäggi, Roman Trummer, Jana Haldimann, Melia Meier, Daniela Hürzeler, Roxana Koller, Kimberly Keel, Annemarie Röthlisberger, Ladina Stoop, Michelle Haldimann, Diana Rutz, Luisa Cavelti, Robin Beck, Hanna Knellwolf, Melanie Roos, Lara Järmann, Ronja Wegmüller, Lisa Maria Decurtins, Alessia Hangl. Auf dem Bild fehlen: Aurore Cattin, Stella Sasse.
9/2026 | Wirkstoff
9
Die vielfältig du
stock.adobe.com/Iryna
10
Wirkstoff | 9/2026
ese Chancen bieten urchmischte Teams 7 Désirée Klarer
Drogistinnen und Drogisten sind das Herzstück jeder Drogerie. Doch braucht es für jede Aufgabe eine Fachperson? Immer mehr Betriebe setzen bewusst auf Teams mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund – und schaffen so mehr Zeit für die Beratung. Drei Beispiele aus der Praxis.
9/2026 | Wirkstoff
11
magnific.com
12
Wirkstoff | 9/2026
«Spannende Innovation im Detailhandel: Der ‹Chäslade› und die Drogerie Meier spannen zusammen» schrieb der «Reussbote»1 am 31. März dieses Jahres sinngemäss. In Zeitfenstern mit wenig Kundenkontakt hilft die Drogerie seither im «Chäslade» aus und vice versa. «Einer Kundin, die ich aus der Beratung in der Drogerie kenne, kann ich beim Einkauf der Lebensmittel in der Käserei Empfehlungen abgeben, die auf ihre gesundheitliche Situation zugeschnitten sind. Eine echte Win-Win-Situation», so der dipl. Drogist HF Andreas Meier gegenüber der Zeitung. Innovativ? Sicher. Echt ist die Geschichte allerdings nicht: Die ersten Arbeitseinsätze der Chefs der Drogerie und des «Chäslade» fanden am 1. April statt – ein Aprilscherz also. Die Auflösung wurde im «Reussbote» vom 4. April abgedruckt. «Die Kunden fanden den Scherz sehr gelungen und wir erfreuen uns auch noch heute an dem lustigen Tag», so Eliane Meier, Mitinhaberin der Drogerie.
Erfahrung im Lebensmittelbereich verstärken die Abteilung «Gesunde Ernährung», andere übernehmen Aufgaben in der Warenbewirtschaftung. Anfangs habe sie vor allem aufgrund des Fachkräftemangels Mitarbeitende ohne Drogistenausbildung eingestellt. Heute gehe es jedoch längst nicht mehr darum, eine Lücke zu füllen, sondern die unterschiedlichen Kompetenzen ganz gezielt zu nutzen. «Je nach Aufgabengebiet würden wir mittlerweile wieder Personen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund einstellen», sagt von Grünigen-Huber. Der Austausch und der Wissenstransfer von Mitarbeitenden mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund sei sowohl im Team als auch gegenüber der Kundschaft sehr wertvoll. «Damit die Arbeit in solch durchmischten Teams funktioniert, braucht es klare Aufgabengebiete, Verantwortungsbereiche und eine gute Kommunikation. Wie bei allen anderen Teams auch», betont sie.
Von der Käserei in die Parfümerie
Seit 60 Jahren mit einem gemischten Team unterwegs
Die Kundschaft findet es lustig, doch ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee der Drogerie Meier nicht. Zwar wechselt kaum jemand von der Käsetheke direkt in die Drogerie. Doch Mitarbeitende mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund gehören in manchen Betrieben längst zum Alltag. Die Drogerie von Grünigen mit zwei Standorten in Gstaad beispielsweise beschäftigt rund 18 Vollzeitäquivalente, inklusive sieben Lernender. Die grosse Mehrheit davon sind Drogistinnen EFZ mit Teilzeitpensum. Hinzu kommen Mitarbeitende mit Detailhandelsausbildung, eine BäckerKonditorin, eine medizinische Praxisassistentin, eine Pharma-Assistentin EFZ (seit 2022 lautet die neue Bezeichnung Fachfrau Apotheke EFZ) sowie Fachpersonen aus dem Kosmetikbereich. «Wir haben seit fünf Jahren Mitarbeitende ohne Drogistenausbildung im Team», sagt Elisabeth von Grünigen-Huber. Statt alle Mitarbeitenden gleich einzusetzen, werden deren unterschiedliche Stärken gezielt genutzt. Für kosmetische Dienstleistungen wie Pediküre, Maniküre oder Gesichtsbehandlungen setzt die Drogerie von Grünigen auf ausgebildete Spezialistinnen. Mitarbeitende mit
Bei Stephan Vögeli ist das Modell des durchmischten Teams historisch gewachsen. «Schon mein Vorgänger hat das so gemacht. Vor knapp 60 Jahren gab es in der Drogerie noch eine grosse Lebensmittelabteilung. Die ist zwar nun auf ein klassisches Reformsortiment mit selber abgefüllten Trockenfrüchten geschrumpft. Das Modell hingegen ist geblieben», sagt Vögeli, der die Drogerie schon seit 26 Jahren führt. Mittlerweile arbeiten bei ihm neben 16 Drogistinnen auch vier Mitarbeitende mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund. «Solche Leute findet man auch einfach schneller. Die Fluktuation, die wir in dem Bereich haben, ist fast durchwegs der Pensionierung geschuldet. Nur eine Person hat vorzeitig gekündigt.» Dass ihm die Mitarbeitenden so lange treu bleiben, führt Vögeli auf mehrere Faktoren zurück. Die Mitarbeitenden ohne Drogistenausbildung erhalten beispielsweise einen vergleichbaren Lohn wie die Drogistinnen. Zudem seien die Arbeitszeiten für viele attraktiv. «Dadurch, dass Konfektionierung oder Abfüllarbeiten zeitunabhängig erledigt werden können, können wir hier noch besser auf individuelle Wünsche ein-
gehen. Möchte jemand zum Beispiel immer um 12 Uhr nach Hause gehen, ist das in der Regel kein Problem.» Das sei in der Beratung nur bedingt möglich. «Wir sorgen schon dafür, dass wir den Mitarbeiterinnen so gut es geht entgegenkommen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist uns ein grosses Anliegen. Doch letztlich muss trotzdem immer jemand im Laden stehen und die Kundschaft beraten.»
Flexibilität als Voraussetzung Bald geht eine langjährige Mitarbeiterin ohne Drogistenausbildung in Pension. «Sie war 36 Jahre für unsere Drogerie tätig. Also schon länger, als ich die Drogerie führe.» Mit ihrem Weggang geht viel Know-how verloren. «Wir müssen schauen, dass wir hier eine gute Nachfolge finden.» Zwar führt Vögeli eine Warteliste mit Interessenten für diese Stellen, doch es seien längst nicht alle auch für die Anstellung geeignet. Flexibilität etwa sei in seiner Drogerie Voraussetzung. Das gelte für die Drogistinnen ebenso wie für die anderen Mitarbeitenden. Um die passenden Leute zu finden, setzt Vögeli nicht nur auf die klassische Suche. Eine Mitarbeiterin beispielsweise hat er aktiv aus dem eigenen Umfeld rekrutiert. «Wir dachten, ihr könnte das noch gefallen. Nun ist sie schon seit sechs Jahren bei uns und hat Freude an der abwechslungsreichen Arbeit. Wir haben es beide nie bereut», so Vögeli. Den grössten Vorteil sieht der Unternehmer darin, dass sich die Drogistinnen auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können. «Sie füllen zwar auch gerne ab und machen den Wareneingang grossmehrheitlich wieder alleine. Doch manchmal kommt einfach viel zusammen. Man kann nicht überall gleichzeitig sein», sagt er. Von der Aufteilung profitiert nicht nur die Kundschaft. Auch für das Team sei die Durchmischung ein Gewinn. Drogistinnen und Drogisten würden dazu neigen, in ihrer eigenen «Bubble» zu bleiben. Durch die Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden aus anderen Berufsfeldern werde diese aufgebrochen. Es kommen andere Themen und Perspektiven auf den Tisch. «Die Pausen verbringen unsere Mitarbeitenden in gemischten Teams. Das hat sich bewährt. Es ist für alle Seiten eine Bereicherung.» Auch künftig möchte Vögeli deshalb auf Mitarbeitende mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund setzen.
Drei Betriebe, ein Dach Beim «Rägeboge» in Winterthur ist die Durchmischung kein neues Konzept, sondern Teil der Unternehmensidee. Unter einem Dach vereinen sich ein Lebensmittelladen (Bio.Markt), ein Bistro (Bio.Bistro) und eine Drogerie (Natur.Drogerie). «Ganz am Anfang war der Rägeboge ein kleiner Bioladen. Mit dem Wachstum des Betriebs wurde das Sortiment schrittweise um eine Naturdrogerie erweitert und entsprechend wurden auch ausgebildete Drogistinnen und Drogisten angestellt», erklärt Geschäftsleiter Patrick Schläpfer. Die engsten personellen Synergien bestehen heute zwischen Lebensmittelladen und Bistro. «Einzelne Mitarbeitende arbeiten in beiden Bereichen und können je nach Bedarf flexibel eingesetzt werden», sagt Schläpfer. Zwischen Lebensmittelladen und Drogerie seien solche Überschneidungen aufgrund der fachlichen Anforderungen seltener. Ganz getrennt seien die Bereiche aber nicht: «Im Lebensmittelladen arbeiten mittlerweile auch zwei ausgebildete Drogistinnen. Diese könnten bei Bedarf in der Drogerie eingesetzt werden.»
Genossenschaftlich organisiert Möglich wird diese Verzahnung nicht zuletzt durch die Organisationsform: Der Rägeboge ist als Genossenschaft organisiert. Marketing, Buchhaltung, IT und Kassensysteme werden zentral geführt. Dadurch könnten sich die Bereichsleitenden auf ihr Fachgebiet konzentrieren, «ohne sich selbst um Themen wie die langfristige Nachfolgeplanung kümmern oder das gesamte unternehmerische Risiko tragen» zu müssen. Für Schläpfer bildet genau diese Struktur die Grundlage für die enge Zusammenarbeit: «Die Kombination aus Mitbestimmung, Unabhängigkeit, regionaler Verankerung, geteilter Verantwortung und langfristiger Ausrichtung ist für uns der grosse Vorteil eines genossenschaftlich organisierten Unternehmens.»
Mit den Grossen mithalten Ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Unternehmen: Der Rägeboge ist nicht gewinnorientiert. 9/2026 | Wirkstoff
13
«Nicht gewinnorientiert bedeutet für uns, dass ein allfälliger Gewinn nicht in erster Linie an einzelne Eigentümer ausgeschüttet wird, sondern wieder dem Unternehmen und den Menschen zugutekommt», so Schläpfer. Konkret erhalten alle Mitarbeitenden einen 13. Monatslohn, Weiterbildungen werden finanziell unterstützt und zwei Weiterbildungstage als Arbeitszeit vergütet. «Unser Anspruch ist es, mit den Lohnbedingungen der grossen Detailhändler mitzuhalten. In den vergangenen Jahren ist uns das auch gelungen», sagt Schläpfer.
Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben Auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben setzt der Rägeboge auf Mitsprache statt starre Vorgaben. «Bereits bei der Dienstplanung können unsere Mitarbeitenden frühzeitig ihre Wünsche einbringen. Wir versuchen, diese wenn immer möglich zu berücksichtigen», erklärt Schläpfer. Auch nach der Veröffentlichung der Pläne bleibe man flexibel: Diensttausche seien unkompliziert möglich, sofern der Betrieb weiterhin gewährleistet sei. Für kurzfristige Ausfälle – etwa wegen Krankheit oder familiärer Verpflichtungen – verfüge man zudem über Springerinnen und Springer. Langjährige Mitarbeit wird zusätzlich honoriert: Nach fünf Dienstjahren gibt es eine Woche bezahlte Ferien oder einen Viertelmonatslohn, nach zehn Jahren zwei Wochen oder einen halben Monatslohn. Für Schläpfer sind faire Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung kein Selbstzweck. Sie sollen dazu beitragen, Mitarbeitende langfristig an den Betrieb zu binden und dem Unternehmen auch in einem anspruchsvollen Arbeitsmarkt Stabilität zu verleihen. Nichts, was nur einer Genossenschaft vorbehalten wäre. Auch Vögeli und von Grünigen-Huber setzen sich tagtäglich aufs Neue dafür ein, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestmögliche Arbeitsbedingungen zu bieten. Nicht zum Selbstzweck:
Wer gut für seine Mitarbeitenden sorgt, findet meist die passenden Leute schneller und hält sie auch länger im Betrieb.
Mehr Zeit für Kernaufgaben Die Lage auf dem Stellenmarkt ist dennoch unverändert: Die Nachfrage nach Drogistinnen und Drogisten übersteigt das Angebot. Zwar liegt der Fachkräftemangel-Index im Jahr 20252 im Vergleich zum Vorjahr rund 22 Prozent tiefer. Doch im Gesundheitswesen bleibt die Lage angespannt und wird auch Drogerien höchstwahrscheinlich noch einige Jahre beschäftigen.3,4 Wird das Szenario aus dem «Reussbote» also bald Realität? Vermutlich nicht. Nicht umsonst absolvieren Drogistinnen und Drogisten sowie Detailhandelsfachfrauen und -männer mindestens eine Berufslehre. Eine Käseverkäuferin wird somit wohl auch künftig kaum hinter einer Drogerietheke stehen. Dennoch zeigt der Aprilscherz der Drogerie Meier überspitzt, was viele Betriebe längst erkannt haben: Unterschiedliche berufliche Hintergründe sind kein Nachteil. Sie können eine Bereicherung sein. Und Drogistinnen und Drogisten haben mehr Zeit, sich auf die Kernaufgaben zu konzentrieren. Vorausgesetzt, Aufgaben, Kompetenzen und V erantwortung werden bewusst verteilt.
Das vollständige Literatur verzeichnis f inden Sie hier:
Am rechten Ort gesucht Nicht alle haben das Glück von Stephan Vögeli, im direkten Umfeld Menschen zu haben, die zum eigenen Betrieb passen. Was also tun? Mund-zu-Mund-Propaganda hilft. Und: die Stelle ausschreiben. Wichtig ist hier nicht nur das Stelleninserat, sondern auch der Ort der Ausschreibung. Für die Suche von Drogistinnen und Drogisten und weiteren Gesundheitsberufen empfiehlt sich www.vitajobs.ch.
14
Wirkstoff | 9/2026
Mein Kind ist krank und braucht Betreuung – was jetzt? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist oft schon herausfordernd genug. Ein krankes Kind stellt den geregelten Familienalltag erst recht auf den Kopf. Was gilt, wenn ein Elternteil kurz- oder gar langfristig die Betreuung eines kranken Kindes übernehmen muss? 7 Christoph Balmer
Weitere Informationen und die Formulare zur Betreuungsentschädigung finden sich auf der Homepage der AHV/IV unter www.ahv-iv.ch. Das einschlägige Merkblatt ist das Merkblatt 6.10.
Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterscheidet bei kranken Kindern zwischen der kurzen bezahlten Absenz nach Art. 32 GAV und dem Betreuungsurlaub nach Art. 37 GAV. Bei gewöhnlichen Krankheiten (z. B. Grippe, Lungenentzündung) oder Unfällen (z. B. Knochenbrüche) des Kindes kommt Art. 32 GAV zur Anwendung. Vater oder Mutter erhalten bezahlte Freizeit, wenn das Kind krank und pflegebedürftig ist und die Betreuung nicht anders organisiert werden kann. Voraussetzung ist ein ärztliches Zeugnis. Die bezahlte Absenz beträgt bis zu drei Tage pro Krankheitsfall.
Bezahlter Betreuungsurlaub
Christoph Balmer, Rechtsanwalt und Geschäftsführer Angestellte Drogisten Suisse Dies ist eine Seite von Angestellte D rogisten Suisse. Die Meinung des Autors muss sich nicht mit jener der Redaktion und/oder des Schweizerischen Drogistenverbandes decken.
www.drogisten.org
Seit dem 1. Januar 2026 ist der neue GAV in Kraft, welcher neu in Art. 37 den bezahlten Betreuungsurlaub ausdrücklich regelt. Dieser greift nur, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen in Art. 16n-16s Erwerbsersatzordnung erfüllt sind. Eine schwere gesundheitliche Beeinträchtigung des Kindes liegt dann vor, wenn eine einschneidende Veränderung des körperlichen oder psychischen Zustandes vorliegt, der Verlauf oder der Ausgang der gesundheitlichen Beeinträchtigung schwer vorhersehbar ist oder eine bleibende/zunehmende Beeinträchtigung beziehungsweise der Tod droht, ein erhöhter Betreuungsbedarf besteht und ein Erwerbsunterbruch nötig ist. Diese gesetzlichen Voraussetzungen dürften bei einer Krebserkrankung mit unklarer Prognose,
einer schweren Herz-, Organ- oder neurologischen Erkrankung, einer schweren psychischen Krise mit erheblichem Betreuungsbedarf oder einer schweren Infektion sowie bei Unfallfolgen mit ungewissem Verlauf erfüllt sein. Eine Diagnose allein reicht jedoch nicht aus. Es braucht eine ärztlich belegte Schwere, den unvorhersehbaren Verlauf und den erhöhten Betreuungsbedarf. Damit Art. 37 GAV zur Anwendung gelangt, muss der Anspruch auf Betreuungsentschädigung bei der zuständigen Ausgleichskasse geltend gemacht werden. Bei Angestellten erfolgt die Anmeldung über den Arbeitgeber. Erst wenn die Voraussetzungen erfüllt beziehungsweise der Anspruch auf Erwerbsersatz gemäss Erwerbsersatzordnung (EO) anerkannt ist, besteht der entsprechende Betreuungsurlaub nach Art. 37 GAV. Der Anspruch umfasst innerhalb einer 18-monatigen Rahmenfrist höchstens 98 Taggelder. Beide Eltern können die Taggelder grundsätzlich aufteilen. Die GAV-Lösung geht finanziell weiter als das Gesetz: Für die ersten 28 Taggelder sieht sie bei einem Monatsbruttolohn von bis zu CHF 3500 100 % vor, falls der Monatsbruttolohn darüber liegt sieht der GAV 90 % bis zum EO-Höchstbetrag vor. Danach gilt die gesetzliche EO-Entschädigung von 80 %. Wichtig zu wissen: Während des Betreuungsurlaubs besteht ein Kündigungsschutz für die Dauer von sechs Monaten ab Beginn der Rahmenfrist (vgl. Art. 336c Abs. 1 lit cquater OR). 9/2026 | Wirkstoff
15
Lorenzo Oschwald, Carmona Media
16
Wirkstoff | 9/2026
«Was für Menschen mit Behinderung funktioniert, hilft allen» Islam Alijaj lebt seit seiner Geburt mit einer Cerebralparese und wurde im Herbst 2023 in den Nationalrat gewählt. Der Politiker und Unternehmer erzählt, was es für wahre Inklusion braucht und wo es in der Schweiz diesbezüglich hapert. 7 Sabine Reber
Islam Alijaj, gut ein Fünftel der Bevölkerung in der Schweiz lebt mit Beeinträchtigungen, aber in der Politik sind Sie einer der ganz wenigen Vertreter mit Behinderung. Warum? Islam Alijaj: Weil unsere Systeme nicht darauf ausgelegt sind, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich mitmachen können. Es fehlen barrierefreie Strukturen, Assistenz wird nicht genügend finanziert und viele politische Prozesse sind schlicht nicht zugänglich. Dazu kommen Vorurteile: Man traut Menschen mit Behinderung politische Verantwortung oft nicht zu. Das führt dazu, dass viele gar nicht erst kandidieren oder keine Chance erhalten. Was müsste sich ändern, damit mehr Menschen mit Beeinträchtigungen am politischen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können? Es braucht echte Gleichstellung. Das heisst: Zugang zu Assistenz, barrierefreie Infrastruktur, inklusive Bildung und faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und politisch müssen wir Strukturen schaffen, die Teilhabe ermöglichen – nicht erschweren. Inklu-
sion darf kein individuelles Projekt sein, sondern muss systemisch organisiert werden. Eine wahrhaft inklusive Gesellschaft wäre auch für alte Menschen oder für junge Eltern mit Kinderwagen einfacher. Insgesamt würden gewiss alle davon profitieren. Warum ist es in der Schweiz so schwierig, die Barrierefreiheit umzusetzen? Weil man Barrierefreiheit immer noch als Speziallösung für eine Minderheit sieht – und nicht als Standard für alle. Dabei wissen wir: Was für Menschen mit Behinderung funktioniert, hilft allen. Oft fehlt der politische Wille oder man schiebt es aus Kostengründen hinaus. Aber langfristig ist es teurer, nichts zu tun. Sie selber haben mit der Wahl in den Nationalrat ihre IV-Rente verloren. Sind Sie froh, nicht mehr auf die IV angewiesen zu sein? Oder ist das ein Problem für Ihre Zukunft? Es zeigt vor allem ein Systemproblem. Es darf nicht sein, dass Menschen bestraft werden, wenn sie politisch oder beruflich aktiv werden. Ich will arbeiten und Verantwortung übernehmen – aber die sozialen
Islam Alijaj Der Zürcher Nationalrat und Unternehmer wurde 1986 im kosovarischen Hereq geboren. Er kam während des Krieges mit seinen Eltern nach Zürich, wo er die Sonderschule besuchte und sich später seine Ausbildung erkämpfte. Heute ist er gelernter Kaufmann, verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Co-Gründer von Monitoris AG, einem digitalen Treuhänder, und Präsident des Vereins für eine inklusive Schweiz und des Vereins Tatkraft. Mit Christine Loriol hat er das Buch «Wir müssen reden» geschrieben. Der Film über seinen Wahlkampf «Voice of my people» wurde 2025 am Zurich Film Festival gezeigt. Er lebt seit seiner Geburt mit einer Cerebralparese, sitzt deswegen im Rollstuhl und hat eine Sprechbehinderung. 9/2026 | Wirkstoff
17
Sicherungssysteme sind nicht darauf ausgelegt. Das schafft Unsicherheit, auch für die Zukunft. Die Schweiz hat die Behindertenkonvention der UNO ratifiziert, aber bis heute nicht umgesetzt. Damit verstossen wir gegen das Gesetz, oder? Wir erfüllen unsere Verpflichtungen nicht. Die UNO hat die Schweiz mehrfach kritisiert. Wir haben schöne Worte auf Papier, aber zu wenig konkrete Umsetzung. Es fehlt ein verbindlicher Plan, wie wir echte Gleichstellung erreichen.
«Wenn Menschen nicht arbeiten können oder ausgegrenzt werden, kostet das die Gesellschaft mehr, als wenn wir in Inklusion investieren.» Warum wird die Schweiz in diesen Gremien eigentlich von Menschen ohne Behinderung vertreten? Sie selber und andere Behindertenaktivistinnen und -aktivisten wären doch selbst in der Lage, solche Funktionen wahrzunehmen und auch an internationale Konferenzen zu reisen? Das ist genau das Problem: Es wird oft über uns gesprochen statt mit uns. Menschen mit Behinderung müssen in solchen Gremien vertreten sein – nicht als Symbol, sondern als Expertinnen und Experten in eigener Sache. Ich würde von 10 bis 20 politisch aktiven Menschen mit Behinderung ausgehen, die für solche Aufgaben infrage kämen. Ob sie diese tatsächlich übernehmen können, ist aber eine andere Frage. Oft fehlen dafür schlicht die nötigen Rahmenbedingungen. Seit rund zwei Jahren gibt es das Forum22, das politisch Engagierte vernetzt und den Erfahrungsaustausch fördert. Von den Verbänden kommt aus meiner Sicht noch zu wenig. Viele sehen sich nicht als politische Akteure, obwohl sie gezielt Personen für solche Konferenzen vorschlagen könnten. Sie schildern in ihrem Buch das Glück, als eine Lehrerin Ihnen in der Primarschule einen Computer besorgte und wie für Sie damals eine neue Welt aufging. Ist die Infor-
18
Wirkstoff | 9/2026
matik immer noch ein Segen für Menschen mit Beeinträchtigungen? Absolut. Technologie kann Barrieren abbauen und neue Möglichkeiten schaffen. Für mich war das ein Wendepunkt. Und das gilt heute noch – vielleicht sogar mehr denn je. Wie kann künstliche Intelligenz (KI) Menschen mit Behinderung im Alltag unterstützen – und welche Tools eignen sich dafür? Es gibt KI-gestützte Sprachassistenz, automatische Untertitelung, Echtzeit-Übersetzungen oder Tools, die Menschen mit motorischen Einschränkungen beim Schreiben helfen. Für blinde Menschen können KISysteme Bilder beschreiben, für gehörlose Menschen Gespräche live transkribieren. Spannend finde ich auch Entwicklungen, bei denen KI individuelle Assistenz ermöglicht – also digitale Unterstützung, die sich an die Bedürfnisse der einzelnen Person anpasst. Wichtig ist aber: Diese Technologien müssen zugänglich und bezahlbar sein, sonst entsteht eine neue Form der Ungleichheit. Sie sprechen in Ihrem Buch das Unverständnis an, das Ihnen immer wieder begegnet, wenn Sie Gleichberechtigung für beeinträchtigte Menschen fordern. Manche Stimmen sagen, die Forderungen der Behindertenorganisationen seien zu teuer. Das ist eine kurzfristige Sicht. Exklusion ist viel teurer – sozial und wirtschaftlich. Wenn Menschen nicht arbeiten können oder ausgegrenzt werden, kostet das die Gesellschaft mehr, als wenn wir in Inklusion investieren. Bei vielen Leuten scheint das Bild vom Menschen mit Behinderung vorzuherr schen, der in einem Heim lebt und dankbar ist, wenn er für einen wohltätigen Verein etwas basteln darf. Woran liegt es, dass sich dieses Vorurteil so hartnäckig hält? Diese Bilder sind tief verankert und wurden über Jahrzehnte reproduziert. Sie haben mit der Realität vieler Menschen nichts zu tun. Aber sie beeinflussen Politik und Gesellschaft stark. Deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig.
«Meine Kinder sollen nicht in einer Gesellschaft aufwachsen müssen, in der ihr eigener Vater als minderwertig angesehen wird», schreiben Sie auf Ihrer Website. Kann man sagen, dass die meisten beeinträchtigten Menschen gerne ein «normales» Familienleben hätten – wenn sie denn die nötige Unterstützung dafür bekämen? Natürlich. Menschen mit Behinderung haben dieselben Wünsche wie viele andere Menschen auch: Beziehungen, Familie, Kinder, ein selbstbestimmtes Leben. Oft scheitert das nicht am Willen oder an der Fähigkeit, sondern an fehlender Unterstützung und an gesellschaftlichen Vorurteilen. Viele müssen permanent beweisen, dass sie überhaupt fähig sind, Verantwortung zu übernehmen. Das ist diskriminierend. Eine inklusive Gesellschaft müsste ein Familienleben für Menschen mit Behinderung genauso selbstverständlich ermöglichen wie für alle anderen. Wurde es eigentlich punkto Bildungsmöglichkeiten besser? Sie konnten damals nicht aufs Gymnasium gehen. Heute wäre das wohl möglich? Wegen meiner Sprechbehinderung hielten mich viele auch für geistig behindert. Heute gäbe es wahrscheinlich mehr Möglichkeiten und technische Hilfsmittel als früher, doch das Unterschätzen wäre heute wohl gleich wie damals. Ausserdem hängt sehr viel vom Goodwill einzelner Lehrpersonen oder Institutionen ab. Das Problem ist: Inklusion ist oft nicht systematisch organisiert. Viele Kinder mit Behinderung werden noch immer unterschätzt oder früh aussortiert. Damit verlieren wir enormes Potenzial. Ein immer wieder diskutiertes Hindernis ist der öffentliche Verkehr, der ja laut Gesetz schon lange behindertengerecht gestaltet sein müsste. Das ist ein gutes Beispiel: Die gesetzlichen Fristen sind längst abgelaufen, aber noch immer ist nicht alles barrierefrei. Das zeigt, dass Rechte allein nicht reichen – sie müssen auch durchgesetzt werden. Was sind Ihre grössten Herausforderungen im Alltag? Mit welchen Hürden kämpfen Sie am meisten?
Die ständigen kleinen Barrieren. Türen, die zu schmal sind, fehlende Rampen, komplizierte Prozesse. Es ist oft nicht eine grosse Hürde, sondern die Summe vieler kleiner Dinge. Es gibt immer noch Drogerien und Apotheken, die nicht barrierefrei zugänglich sind für Rollstühle, Kinderwagen und Rollatoren. Was raten Sie den Besitzern solcher Lokale? Barrierefreiheit ist keine Kür, sondern Teil der Grundversorgung. Wer heute investiert, gewinnt neue Kundinnen und Kunden. Es lohnt sich – auch wirtschaftlich. Was braucht es sonst noch, damit ein Geschäft wirklich barrierefrei ist? Neben dem Zugang auch verständliche Informationen, geschultes Personal und digitale Zugänglichkeit. Es geht um das Gesamtpaket. Was können Drogerien und andere Gewerbebetriebe tun, um inklusiver zu werden? Menschen mit Behinderung anstellen, ihre Perspektiven einbeziehen und Barrieren aktiv abbauen. Inklusion beginnt im Alltag – nicht nur auf Gesetzesebene. Wann kommt die von Ihnen massgeblich geprägte Inklusionsinitiative zur Abstimmung? Das hängt vom politischen Prozess ab – wir rechnen in den nächsten Jahren damit. Wichtig ist: Der Druck steigt und das Thema verschwindet nicht mehr. Sie träumen davon, dass eines Tages ein Mensch mit Assistenz in den Bundesrat gewählt wird und liebäugeln selber damit, bei Gelegenheit zu kandidieren. Was würde es brauchen, damit das tatsächlich möglich wird und Sie ein solches Amt ausüben könnten? Das wäre ein starkes Signal für echte Gleichstellung. Dafür braucht es funktionierende Assistenzsysteme, barrierefreie Strukturen und vor allem ein Umdenken. Ich traue mir das zu, aber es geht nicht nur um mich, sondern darum, dass solche Wege überhaupt möglich werden.
In der OktoberAusgabe von Wirkstoff erwartet Sie an dieser Stelle ein Gespräch mit Dr. Dominik Hauser, CEO Hänseler AG 9/2026 | Wirkstoff
19
Ansprechen statt schweigen Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Trotzdem fällt es vielen M enschen schwer, Betroffene anzusprechen. Dabei kann ein offenes Gespräch den entscheidenden Unterschied machen. 7 Céline Jenni
Jede Person in der Schweiz, die den Führerschein machen möchte, muss einen Nothelferkurs besuchen. Deshalb haben fast alle Menschen schon einmal davon gehört, was bei Erstickungsgefahr, starker Blutung oder Bewusstlosigkeit zu tun ist. Dabei sollten sie sich insbesondere die Notrufnummer 144 und das ABCDE-Schema eingeprägt haben, um Menschen in medizinischen Ernstfällen helfen und die Zeit überbrücken zu können, bis professionelle H ilfe eingetroffen ist. Doch: Wissen Sie auch, was zu tun ist, wenn jemand eine Panikattacke hat oder Suizidgedanken äussert? Die ehrliche Antwort würde wohl bei vielen «nein» lauten.
Fehlende Worte Dabei erleidet in der Schweiz jede zweite Person einmal im Leben eine psychische Erkrankung. Fast alle kennen deshalb in ihrem Umfeld Menschen, die davon betroffen sind. Bei körperlichen Notfällen wissen dank Nothelferkurs viele, was zu tun ist. Bei psychischen Problemen hingegen herrschen oft eine Art Scheu und Ratlosigkeit,
wie geholfen werden könnte. «Psychische Erkrankungen sind nach wie vor mit Stigmatisierung und Vorurteilen verbunden», erklärt Psychologin Chantal Hofstetter. Betroffene befürchten, dass sie als schwach, wenig belastbar oder «nicht normal» wahrgenommen werden oder haben Angst vor negativen Konsequenzen im beruflichen oder privaten Umfeld. «Aussenstehenden wiederum fehlen oft die richtigen Worte. Sie haben Angst, Grenzen zu überschreiten, etwas Falsches zu sagen oder gar eine Situation noch schlimmer zu machen, wenn sie diese ansprechen», sagt Hofstetter. Diese Sprachlosigkeit kann jedoch überwunden werden: Mit den «Erste-HilfeKursen für psychische Gesundheit». Zwei Australier entwickelten 2001 ein Konzept, damit Laien Erste Hilfe bei psychischen Schwierigkeiten leisten können – ähnlich wie beim Nothelferkurs. In der Schweiz heissen diese Kurse «ensa-Kurse» (siehe QR-Code rechts). «ensa» stammt aus einer der über 300 Sprachen der australischen Ureinwohner und bedeutet «Antwort». Chantal Hofstetter ist bei Pro Mente Sana verantwortlich für die ensa-Kursinhalte. «In den Kursen lernt man, Anzeichen psy-
Alle ensa-Kursangebote finden Sie hier:
Hilfreiche Adressen Weisen Sie in Ihren Beratungsgesprächen in der Drogerie/Apotheke neben hausärztlicher oder psychologischer Hilfe auf folgende Angebote hin: • Pro Mente Sana: promentesana.ch/angebote/beratung/beratung-fuer-betroffene-nahestehende, Tel. 084 880 08 58 • Die Dargebotene Hand: www.143.ch/ • Für Kinder und Jugendliche: Pro Juventute: www.147.ch/ • Angebote zur Unterstützung der psychischen Gesundheit: psy24.ch/de • Opferhilfe Schweiz: www.opferhilfe-schweiz.ch/de/
20
Wirkstoff | 9/2026
stock.adobe.com/1STunningART
chischer Erkrankungen zu erkennen und auf Betroffene zuzugehen.» Es sei wichtig, dass das Umfeld von Menschen in einer psychischen Krise nicht wegschaue, sondern zuhöre und die Belastungen ernst nehme. «Die Kurse sind praxisnah aufgebaut, damit das Ansprechen und Helfen geübt werden kann. Das gibt den Teilnehmenden Sicherheit», so Hofstetter.
Leitfaden ROGER
Konkreter Anwendungsfall in der Drogerie:
Je besser man eine Person kennt, desto einfacher ist es, zu merken, ob es dieser Person schlecht geht. «Veränderungen im Verhalten, in der Stimmung oder im Umgang mit anderen fallen dann schneller auf. Solche Veränderungen können ein Hinweis darauf sein, dass jemand belastet ist», sagt Hofstetter. Aber auch bei Menschen, die man nur oberflächlich kennt – wie zum Beispiel bei der Drogeriekundschaft – ist es möglich, Anzeichen zu erkennen: «Vielleicht wirkt jemand ungewöhnlich niedergeschlagen, angespannt, erschöpft oder zieht sich plötzlich zurück – je nach Belastungen sind die Anzeichen auch unterschiedlich.» Grundsätzlich sei das Bauchgefühl ein guter Indikator, auf den man achten könne, rät Hofstetter. Psychische
Belastungen zeigen sich zudem häufig auch in körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Verdauungsbeschwerden oder Schmerzen. Doch wie sollte man reagieren, wenn man das Gefühl hat, dass etwas nicht stimmt? «Überhaupt darauf zu reagieren ist das Wichtigste. Nichtstun ist immer falsch», betont Hofstetter. Je früher man Betroffene anspricht und sie unterstützt, desto einfacher ist es, Hilfe zu leisten und der Entwicklung von psychischen Erkrankungen vorzubeugen oder den Verlauf positiv zu beeinflussen. Um Hemmungen abzubauen und so im Ernstfall frühzeitig zu reagieren, lernt man in den ensa-Kursen den Leitfaden «ROGER». Dieses Handlungsschema soll Ersthelfenden Orientierung geben – ähnlich wie das ABCDE-Schema beim Nothelferkurs. Allerdings müssen die einzelnen Punkte nicht in einer festen Reihenfolge durchgeführt werden. Es ist eher eine Gedankenstütze, um ins Handeln zu kommen. • Reagiere: Ansprechen, beistehen, einschätzen, nachfragen • Offen und unvoreingenommen z uhören und kommunizieren • Gib Unterstützung und Information • Ermutige zu professioneller Hilfe • Reaktiviere Ressourcen 9/2026 | Wirkstoff
21
Füreinander da sein «Drogistinnen und Apotheker bringen für Gespräche über psychische Gesundheit wichtige Voraussetzungen mit: Sie können aufmerksam beobachten, gut zuhören und sind sich gewohnt, sensible Gesundheitsfragen zu stellen», sagt Hofstetter. Deshalb haben Drogerien und Apotheken einen Vorteil, um Betroffene frühzeitig zu erreichen – als niederschwellige Anlaufstelle erfahren Fachpersonen in Drogerien und Apotheken gesundheitliche Anliegen oft bevor ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird. Erzählt eine Kundin oder ein Kunde von Schlafproblemen, Verdauungsbeschwerden oder Erschöpfungssymptomen, kann es sich lohnen, etwas genauer hinzuschauen und nachzufragen. «Wichtig ist, Veränderungen oder Auf fälligkeiten anzusprechen, ohne zu interpretieren oder zu diagnostizieren», sagt Hofstetter. Offene Fragen seien dafür besonders hilfreich, da sie Betroffenen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wie viel sie erzählen möchten. Die wertfreie Haltung sei ebenfalls entscheidend: «Es geht darum, zu signalisieren, dass man eine Person wahrnimmt und sie unterstützt.» Die perfekten Worte dafür zu finden, sei gar nicht nötig, betont Hofstetter. Die Bereitschaft zuzuhören sei viel wichtiger. «Verzichten sollte man auf pauschale Tröstungsversuche oder gut gemeinte Aussagen wie ‹Das ist doch nur eine Phase› oder ‹Denk einfach positiv› – damit werden Probleme bagatellisiert und kleingeredet.» Die meisten Betroffenen erleben es als entlastend, wenn jemand nachfragt, und sind froh, dass ihr Gegenüber ihre Belastung bemerkt hat. Es kann aber auch sein, dass zuerst eine Abwehrreaktion kommt. «Davon sollte man sich nicht entmutigen lassen
und das Gegenüber nicht drängen», sagt Hofstetter. «Stattdessen kann man signalisieren, dass man da ist, wenn die Person zu einem späteren Zeitpunkt darüber reden möchte. Oder man ermutigt sie, mit einer anderen Vertrauensperson darüber zu sprechen, wenn man das Gefühl hat, man selbst sei nicht die richtige Person dafür.»
Grenzen der Ersten Hilfe Wichtig: Erste Hilfe für psychische Gesundheit hat klare Grenzen. Ersthelfende stellen keine Diagnose und übernehmen keine T herapie. Ihre Aufgabe ist es, Belastungen oder Krisen frühzeitig zu erkennen, das Gespräch zu suchen, Unterstützung anzubieten und Betroffene bei Bedarf zu professioneller Hilfe zu ermutigen. «So wie ein Nothelferkurs niemanden zur Chirurgin oder zum Chirurgen macht, macht ein ensa-Kurs niemanden zum Psychologen oder zur Psychiaterin», sagt Hofstetter. «Ersthelfende übernehmen auch nicht die Verantwortung für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder lösen ihre Probleme.» Sie können jedoch zuhören, Verständnis zeigen und den Weg zu professioneller Unterstützung ebnen – und das ist schon sehr viel wert.
Ressourcen aktivieren Die Kampagne «Wie geht’s dir?» zeigt, dass die psychische Widerstandskraft durch viele kleine, alltagsnahe Schritte gestärkt werden kann. Unter anderem gibt es einen Selbst-Check sowie sechs Impulse zur Stärkung der eigenen psychischen Gesundheit. Wer gut für sich selbst sorgt, kann auch andere langfristig besser unterstützen. «Aber Achtung: Resilienz und psychische Widerstandskraft heisst nicht, dass man immer energiegeladen, motiviert und produktiv ist, sondern flexibel auf die eigenen, inneren Zustände reagieren kann. Es ist also völlig in Ordnung, nicht immer permanent leistungsfähig zu sein», sagt Chantal Hofstetter. Details zur Kampagne finden Sie hier:
22
Wirkstoff | 9/2026
Packshot Downloaden?
Das geht ganz einfach und schnell
Wir leben Komplementärmedizin www.ebi-pharm.ch
Sonia Lemmenmeier Leiterin Aussendienst OTC/RX Schweiz
stock.adobe.com/Martina Berg
Wenn der Körper Steine produziert Nierensteine können sehr schmerzhaft sein und wiederholt auftreten. Dabei könnte die Ernährung die Hälfte der Nierensteine verhindern. 7 Jasmin Weiss
Nierensteine haben weltweit eine hohe Prävalenz. Je nach Land liegt sie zwischen zwei und 15 Prozent.1–3 Sie treten bei Erwachsenen und Kindern immer öfter auf, was auf Veränderungen bei der Ernährung, der Bewegung, beim Lebensstil und der optimierten Diagnostik zurückzuführen ist.1,3 Nierensteine können symptomlos sein. Wenn sie Symptome verursachen, treten oft starke Schmerzen und Koliken auf.¹ Die Pathogenese ist noch nicht vollends verstanden.⁴ Bei einer hohen Sättigung des Urins mit bestimmten Substanzen können diese auskristallisieren und sich ablagern, so bilden sich Nierensteine.4,5 Die erhöhten Harnsubstanzen können verschiedene Ursachen haben, unter anderem durch unterschiedliche Erkrankungen bedingt sein wie Gicht, Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen),Infekte und Hyperoxalurie (je nach Erkrankungsform produziert der Körper selbst zu viel Oxalat oder er nimmt zu viel Oxalat aus der Nahrung auf). Auch Flüssigkeitsmangel, der pH-Wert des Urins und die Ernährung spielen eine Rolle.⁴ Nierensteine werden anhand ihrer chemischen Zusam-
24
Wirkstoff | 9/2026
mensetzung, ihrer kristallinen Form und Herkunft unterschieden.¹ Mit Abstand am häufigsten sind in 75 Prozent der Fälle Kalziumoxalatsteine.1,5 Weitere, weniger häufig auftretende Steine sind: Harnsäuresteine, Kalziumphosphatsteine, Zystinsteine und Infektsteine.1 Infektsteine sind Nierensteine, die bei Harnwegsinfektionen entstehen, da Bakterien Harnstoff spalten und so den pH-Wert des Urins verändern.
Behandlungsmöglichkeiten Festgestellt werden Nierensteine mittels Ul traschall, je nach Situation werden zusätzlich Röntgenaufnahmen und Computertomographien (CT) durchgeführt. Therapeutisch werden Schmerzmittel eingesetzt und ärztliches Fachpersonal beurteilt, ob der Stein entfernt werden muss. Je kleiner der Nierenstein ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er ohne Intervention spontan ausgeschieden wird. Nierensteine, welche kleiner als 4 mm sind, gehen in 95 Prozent der Fälle innerhalb von 40 Tagen spontan ab. Während dieser
Zeit sollten jedoch regelmässige Kontrollen durchgeführt werden.¹ Je nach Lage, Grösse, Ausmass der Verengung oder bei nicht kontrollierbaren starken Schmerzen wird der Stein entfernt, beispielsweise durch Zertrümmerung mit Stosswellen, endoskopisch oder durch eine Operation.1,7
Prävention und Rückfallprophylaxe Die Rückfallquote bei Nierensteinen ist hoch und liegt bei bis zu 50 Prozent, was die Relevanz der Nachsorge untermauert.¹ Nicht alle Steine können mit der Ernährung gleich gut beeinflusst werden. Beeinflussbar sind vor allem Kalziumoxalatsteine, Kalziumphosphatsteine und Harnsäuresteine. Ungefähr die Hälfte der Nierensteine kann durch die Ernährung verhindert werden.8 Wenn ein Nierenstein auftritt, sollten seine Zusammensetzung und eine 24-StundenSammelurinprobe analysiert werden. Dabei kann herausgefunden werden, ob im Urin zu hohe Oxalat-, Kalzium- oder Harnsäurespiegel oder auch erniedrigte Citratspiegel vorliegen.1,5,9 Durch die beiden Analysen können die Ernährungsmassnahmen individuell angepasst und unnötige Einschränkungen vermieden werden, da nicht alle Betroffenen alle Massnahmen umsetzen müssen.2,9 Grundsätzlich wird eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung, ausreichend körperliche Aktivität, Stressreduktion und der Erhalt beziehungsweise das Anstreben eines normalen Gewichts bei Übergewicht empfohlen. Die nachfolgenden beschriebenen Nahrungsbestandteile sind bezüglich ihres Einflusses auf die Steinbildung besonders wichtig: Flüssigkeit, Salz, Oxalat und Kalzium sowie Protein.1,3
Flüssigkeit Die wichtigste Massnahme, um Nierensteine zu verhindern, ist eine adäquate Trinkmenge, unabhängig davon, um welche Steinzusammensetzung es sich handelt. Ziel ist es, eine Harnmenge von zwei bis zweieinhalb Litern pro Tag zu erreichen. Dafür müssen zwischen zweieinhalb bis
drei Liter Flüssigkeit zugeführt werden.1,9 Bei Zystinsteinen sollte ein Urinvolumen von mindestens drei Litern pro Tag angestrebt werden. Flüssigkeitsverluste durch Schwitzen oder Durchfall müssen zusätzlich ausgeglichen werden.9 Die hohe Flüssigkeitszufuhr verdünnt den Urin und senkt dadurch die Konzentration der Harnbestandteile, welche auskristallisieren können.¹ Damit die Konzentration möglichst konstant tief bleibt, sollte die Flüssigkeit gleichmässig über den Tag verteilt eingenommen und auch vor dem Schlafengehen sollte ausreichend getrunken werden.1,9 Getränke, welche reich an Zucker, Fruchtzucker oder Phosphorsäure sind, können das Risiko für Nierensteine erhöhen. Dies betrifft vor allem Süssgetränke und Fruchtsäfte. Diese Getränke sollten aufgrund des hohen Zuckergehalts grundsätzlich nur massvoll genossen werden. Personen mit Nierensteinen, Gicht oder Diabetes sollten möglichst darauf verzichten. Auch Alkohol sollte möglichst gemieden werden.9 Tee (Kräuter- und Früchtetees) und Kaffee haben eine protektive oder neutrale Wirkung. Aber Achtung: Grün- und Schwarztee weisen hohe Oxalatwerte auf, sie sollten deshalb von Menschen mit zu hohen Oxalatwerten im Urin nicht getrunken werden. 2,9
Salz, Oxalat und Kalzium Eine hohe Salzzufuhr führt dazu, dass mehr Kalzium über den Urin ausgeschieden wird. Dadurch steigt das Nierensteinrisiko an.3,9 Deshalb ist es sinnvoll, den Salzkonsum zu senken. Unsere Nahrung enthält grundsätzlich genug Salz. Vor allem stark verarbeitete Lebensmittel wie Saucen, Suppen, Konserven, Fleischwaren, Snacks und Backwaren sind sehr salzreich.2 Die Konzentration von Oxalat im Urin ist ein relevanter Risikofaktor für die Bildung von Kalziumoxalatsteinen. Oxalat wird zu einem erheblichen Teil mit der Nahrung aufgenommen. Es kommt in pflanzlichen Lebensmitteln vor, besonders reichhaltig sind unter anderem: Spinat, Rhabarber, Mangold, weisse Bohnen, Weizenkleie, Sesam, Kakao, Lakritz, Süsskartoffel, Okra, Sojabohnen, Sternfrucht, Amaranth, Man9/2026 | Wirkstoff
25
Das vollständige Literatur verzeichnis finden Sie hier:
deln sowie Schwarz- und Grüntee. Bei letzterem muss auch an Eistee gedacht werden. Der Oxalatgehalt kann reduziert werden, indem die Lebensmittel in Wasser gekocht werden, da ein Teil des Oxalats ins Kochwasser übertritt.9 Im Stoffwechsel entsteht Oxalat als Abbauprodukt von Ascorbinsäure. Supplemente mit Vitamin C sind daher für Nierenstein-Betroffene und insbesondere für Menschen mit zu hohen Oxalatwerten im Urin nicht geeignet.5,9 Kalzium und Oxalat verbinden sich im Darm zu einem Komplex und werden gemeinsam mit dem Stuhlgang ausgeschieden.5 Wird nicht genug Kalzium konsumiert, wird mehr Oxalat im Darm resorbiert und dann über den Urin ausgeschieden. Dadurch steigt die Oxalatkonzentration im Urin an und das Steinbildungsrisiko ist erhöht.5,9 Deswegen wird empfohlen, Lebensmittel, welche reich an Oxalat sind, zusammen mit kalziumreichen Lebensmitteln zu verzehren.5
Protein Eine hohe Zufuhr an tierischem Protein (vor allem aus Fleisch) senkt den pH-Wert des Urins, dadurch kann die Nierensteinbildung begünstigt werden.³ Durch den tieferen pH-Wert kann der Kalziumgehalt und dessen Ausscheidung im Urin erhöht sowie die Zitratausscheidung reduziert sein.9 Durch mit der Nahrung aufgenommene Purine entsteht im Verdauungsprozess Harnsäure.³ Bei Harnsäuresteinen wird empfohlen, den Konsum von tierischem Protein im Mass zu halten, damit die Purinzufuhr und die dadurch gebildete Harnsäure nicht zu hoch ausfällt.¹ Untersuchungen zeigen, dass Protein aus Fleisch im Gegensatz zu Protein aus Milchprodukten das grössere Risiko darstellt, bei der Proteinzufuhr über Milchprodukte sank das Risiko für Nierensteine sogar.8
Ab Anfang September 2026 im Fachhandel erhältlich.
Pures Retinol und Astaxanthin. Fördern Zellerneuerung und antioxidativen Schutz über Nacht.
NEU
100 % bestätigen:
Straffe und regenerierte Haut*
90 % bestätigen:
Ebenmässiges Hautbild*
86 % bestätigen:
Sichtbar reduzierte Falten*
*Anwenderstudie durch dermatologisches Institut mit 21 Personen über 4 Wochen, 1× täglich angewendet.
Die innovative Kombination aus 0,3 % purem Retinol und Astaxanthin vereint zwei hochwirksame Wirkstoffe für maximale Anti-Ageing Power bei optimaler Hautverträglichkeit. Für sichtbar glattere, strahlendere und jugendlichere Haut in einem Schritt. Dermatologische Kompetenz. Kosmetische Exzellenz. Seit 1960.
26
Wirkstoff | 9/2026