Maskerade (WS 20/21)

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Grafik: Svenja Fischer


editorial Liebe Leserinnen und Leser, wenn es eines gibt, das wir mit Sicherheit sagen können, dann, dass das vergangene Jahr verrückt war! Es gab gute und auch schwere Zeiten. Aber mit einer weltweiten Pandemie hätte wohl keine:r gerechnet. Es folgten Einschränkungen, Umstellungen und auch die Masken. Seit einem Jahr haben sie für uns eine ganz andere Bedeutung als sie es noch vor Corona hatten. Kannte man Masken früher aus Krankenhaus-Serien, als Superhelden-Symbol oder aus Reportagen über Großstädte mit schlechter Luftqualität, so sind sie mittlerweile zum Alltag für uns alle geworden. Von pinker Einwegmaske über die selbst genähte Maske von Mutti bis hin zu stylischen Designer-Masken, mittlerweile ist alles vertreten. Das haben wir zum Anlass genommen, um die Maske nicht nur als Gegenstand, sondern als Symbol zu betrachten. Wir fragen uns, was so oft hinter einer Maske verborgen bleibt, wozu sie uns ermutigt und warum sie uns auch manchmal motiviert. In dieser Ausgabe sprechen unsere Redakteur:innen vielseitige Themen an: Die Lügen der Werbung, Introvertiertheit, Online-Tierhandel, Drag-Queens, KlinikClowns und viele mehr. Aber die wohl wichtigste Frage: Wer verbirgt sich eigentlich hinter Gustav, dem VS-Maskottchen? In dieser Ausgabe nehmen wir euch mit auf eine Reise der Enthüllungen und zeigen, was auf den ersten Blick oft verborgen bleibt. Dabei decken wir nicht nur sozial-kritische und gesellschaftlich-relevante Themen ab, sondern fangen direkt bei uns selbst an. In kurzen Anekdoten erzählen wir Initiativleiterinnen und die Hauptverantwortlichen der Ressorts, hinter welchen Masken wir uns manchmal verstecken oder welche uns ermutigen – es wird also auch sehr persönlich! Wir hoffen, ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen, wie wir beim Erstellen dieses Magazins hatten! Eure Initiativleiterinnen

Franzi, Sophia & Selina

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t l a h n I # Seite 4 Leitung Diese Personen organisieren die Produktion dieser VielSeitig-Ausgabe.

Seite 10 Patscheflügelchen und TaucherflossenFüße: Wer steckt hinter Gustav? Gelb, gute Laune und immer dabei: Gustav. Doch wer steckt eigentlich in dem Kostüm des geliebte Maskottchens der Verfassten Studierendenschaft? Vier Studierende erzählen von ihren Gustav-Highlights und Gustav-Patzern.

Seite 26 Der Tod als Grund zum Feiern? In Mexiko feiert das ganze Land Anfang November den „Día de los muertos“ – den Tag der Toten. Wenig überraschend hat das Coronavirus dem Fest 2020 einen Strich durch die Rechnung gemacht – ganz ausgefallen ist es aber nicht. Seite 32 Die maskierten Held:innen Eigentlich tauchen sie nur in Filmen auf, heute sind sie überall zu sehen: Maskierte Held:innen, die ihre Mitmenschen retten.

Seite 14 „Eine Pause vom Ich-Sein“ Für viele Menschen ist Cosplay ein Fremdwort. Um zu zeigen, was eigentlich hinter diesem Verkleiden steckt, habe ich der Cosplayerin Salma einige Fragen gestellt – und war genauso überrascht wie begeistert von ihren Geschichten.

Seite 34 Vorhang auf: Portrait eines Theaters Paula Kohlmann arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Dramaturgin am Theater Rampe, einem freien Produktionshaus in Stuttgart. Jetzt spricht sie über Auszeichnungen, die eigene Bar und die Situation der Kultur.

Seite 18 Wettstreit der Masken Genug gekläfft, jetzt wird es ernst. Bei einer Diskussion klärt sich, wer die Nummer Eins unter den Masken ist: Die ehemalige Außenseiterin – die Corona-Maske – oder das technologische Wunderwerk – die Darth-Vader-Maske. Lasset die Debatte beginnen!

Seite 38 – Trigger-Warnung: Suizid Seifenblasen zwischen grauen Wänden Krankenhäuser sind keine schöne Umgebung, um dort seine Kindheit zu verbringen. Um eine Prise Humor in den Alltag der kleinen Patient:innen zu streuen, besucht Mirjam Avellis Kinderkrankenhäuser. Ein Interview darüber, wie man Licht in dunkle Zeiten bringt.

Seite 20 „Soziales Geschlecht ist nur ein Konstrukt“ Rachel Intervention steht als Dragqueen auf der Bühne und bringt das Publikum mit Standup-Comedy zum Lachen. Wenn sie die Perücke ablegt, die Korsage auszieht und sich abschminkt, dann ist sie wieder Fabio*. Wir sprechen darüber, was Drag als Kunstform ausdrückt, was es für Rachel bedeutet und ob es in der Gesellschaft als normal angesehen wird.

Seite 44 Stille Wasser sind unerwünscht Introvertierte verstecken sich oft hinter einer extrovertierten Maske. Wann ist das hilfreich und wann zerstörerisch?

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Seite 46 Zwischen Authentizität und Inszenierung 2018 nutzten eine Milliarde User:innen Instagram – sie liken, kommentieren, posten Bilder von Haustieren, der Natur und natürlich auch sich selbst. Welche Folgen hat Selbstdarstellung für unsere Psyche?


Seite 48 Fünf Lebensweisheiten aus RuPaul‘s Drag Race, aus denen wir lernen können Zwölf reguläre Staffeln, fünf All Stars-Staffeln in den USA, Ablegerserien und unzählige Miniserien: Das Serienuniversum von RuPaul’s Drag Race ist umfangreich. Mitunter machen die Zitate von Drag-Ikone RuPaul die Show zu dem Hit, der sie ist. Von diesen Weisheiten können nicht nur Fans etwas lernen. Seite 50 • Trigger-Warnung: Psychische Erkrankungen Verständnis statt Ignoranz Corona treibt die Zahlen der psychischen Erkrankungen weiter in die Höhe und trotzdem ist das Thema noch immer scham- und schuldbehaftet. Ein Gespräch mit dem psychologischen Psychotherapeuten Dr. Gabriel Kornwachs zeigt: Es sollte sich langfristig etwas ändern. Seite 54 Maskenmingle?t Gesichtsausdrücke lassen sich schwerer deuten, wenn eine Hälfte des Gesichts fehlt. Trotzdem hat das Tragen einer Maske eine Aussageund manchmal sogar Anziehungskraft Seite 58 Hinter großen Marken Kinderarbeit in der Textilindustrie, Massentierhaltung in der Lebensmittelproduktion, Sklavenarbeit auf Kaffeeplantagen. Das alles wirkt weit entfernt von den bunten Bildern und fröhlichen Jingles der Werbespots. Warum dürfen Marken sich solche Werbemasken aufsetzen? Seite 62 Das kriminelle Geschäft mit unseren Haustieren Dank Corona verbringen viele Menschen mehr Zeit zu Hause – und haben endlich Zeit, sich ein Haustier anzuschaffen. Der zukünftige tierische Mitbewohner ist nur einen Klick entfernt: Auf

Internetplattformen finden sich haufenweise Anzeigen von Tierkindern. Jede:r Händler:in kann dort Tiere völlig anonym verkaufen, weshalb besonders das illegale Geschäft floriert. Seite 66 Hass und Hetze unter der Maske der Anonymität Mehr Transparenz, einfachere Verurteilung von Trollen im Netz, sie wird sogar als Allheilmittel gegen sogenannten Hate Speech gesehen – all das verspricht die Klarnamenpflicht. Aber was genau hat es mit dem Begriff auf sich und schadet sie nicht mehr, als dass sie nutzt? Seite 68 Sein wahres Gesicht verstecken: Warum lügen wir Menschen? Lügen, Schwindeln, die Unwahrheit sagen. Warum lügen wir Menschen immer wieder? Was geht dabei in uns vor? Und was macht es mit uns? Seite 72 Das Symbol des Friedens wird mit Füßen getreten Vor allem süd- und osteuropäische Länder sind für ihre Problematik mit Straßentieren bekannt. Und für einen teils rauen, sogar brutalen Umgang mit diesen. Deutschland gilt dagegen in Sachen Tierschutz als Vorzeigeland. Doch vielen ist nicht bewusst, dass auch hier Millionen heimatlose Haustiere auf der Straße leben und täglich um ihr Überleben kämpfen müssen. Und die Deutschen gehen nicht viel besser mit ihnen um als ihre europäischen Nachbarn. Seite 76 Das Team Diese Menschen haben diese Ausgabe, Social Media und den Blog zur VielSeitig betreut und die Inhalte geplant, geschrieben und gestaltet.

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Leitung Selina Hellfritsch Initiativleitung & Social Media Lange wusste ich nicht, wer ich bin, wer ich sein möchte und wo ich mich zugehörig fühle. Ich habe mich viel an anderen Menschen orientiert. Menschen, die mich inspiriert haben oder die ich bewundernswert fand. Und ich habe versucht mir eine Maske aufzusetzen und wie sie zu wirken. Mittlerweile ist mir klar geworden: So wird das nix. Die eigene Ausstrahlung kann man nur entwickeln, wenn man aufhört zu versuchen, wie andere zu sein und anfängt zu sich selbst zu stehen. Eine Sache, die man oft hört, aber doch selber lernen muss.

Franziska Roth Initiativleitung & Layout Eine Maske aufzusetzen bedeutet für mich das Verlassen meiner Komfortzone. Schon in der Schule hatte ich meinen Spaß daran, auf der Bühne in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Heute weiß ich, dass es nicht nur im Theater wichtig ist, die Geschichte hinter einem Menschen wahrzunehmen. Wir alle sind individuell und regelmäßige Perspektivwechsel helfen, unsere*n Gegenüber zu verstehen. Sei es in der Politik, im Beruf oder auch im Privatleben – indem wir die Masken anderer Menschen aufsetzen, sehen wir die Welt aus ihren Augen. Und im besten Fall lernen wir dabei auch etwas über uns selbst.

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Sophia Suckel Initiativleitung & Redaktion Ich wirke oft extrovertiert, verstecke mein introvertiertes Ich aber nur hinter einer extrovertierten Maske: Auch wenn ich es mir manchmal ungern eingestehe (weil die Gesellschaft von extrovertierten Menschen geprägt ist), ich brauche Zeit für mich, um wieder Energie zu sammeln. Die extrovertierte Maske hilft mir aber auch, mich zu Sachen zu überwinden, die ich im Normalfall nicht machen würde oder bei denen ich sehr nervös sein würde. Maske auf und schon bin ich etwas selbstsicherer und werde auch von anderen Menschen so wahrgenommen.

Denise Ott Hauptverantwortliche Redaktion Die ersten Bilder, die mir bei dem Begriff „Maskerade“ in den Kopf kommen, sind bunt, fantasievoll, verrückte Kostüme, verschiedene Charaktere auf der Bühne oder in einer Menge, die das Leben feiern. Aber gleichzeitig auch genau das Gegenteil: Einseitige Masken, die wir uns selbst aufsetzen, um die Person gegenüber durch unsere eigentlichen Gefühle nicht zu stören. Masken sind eine Barriere, die uns einschränken und die eigentliche Vielfalt verstecken. Wenn ich es schaffe sie abzusetzen, dann kommt mir die Welt, meine Perspektiven und das Zusammensein erst viel lebendiger vor.

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Carla Benzing Hauptverantwortliche Social Media Ich komme vom Land: Jeden auf der Straße grüßen, zu Fuß ans andere Ende des Orts laufen, einfach nie anonym sein. All das veränderte sich schlagartig mit meinem Umzug nach Stuttgart. Großstadt. Obwohl ich mich manchmal wie ein kleines Fischchen im großen Teich fühle, genieße ich das Gefühl dieser Maske der Anonymität. Ich laufe durch die Stadt – keiner kennt mich. Meine Freunde und ich tanzen durch die Nacht - keiner kennt uns. Keine Gedanken um Gerüchte und Getuschel.

Sarah Huß Hauptverantwortliche Blog In einer Welt in der ich sein kann was ich will, ist es manchmal schwer herauszufinden, wer ich bin. Aufgewachsen mit Normen und Ansichten meiner Mitmenschen. Geprägt durch die eigenen Erfahrungen. Offen und neugierig, trotzdem verloren in den Möglichkeiten. Eine Unsicherheit gut versteckt unter der selbstständigen Stärke, die von mir gewünscht und auch erwartet wird. Doch vielleicht ist es an der Zeit mich treiben zu lassen, die Maske loslassen und mich darauf einzulassen, den richtigen Weg erst zu finden. Denn erst unser wahres Gesicht macht uns zu dem individuellen Menschen, der wir sind.

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Evelyn Krix Hauptverantwortliche Layout Immer wieder stelle ich fest, dass mein Selbstbild nicht mit dem zusammenpasst, das andere mir für mich aufsetzen. “Du willst mit mir etwas wichtiges besprechen?”, fragte mich mal ein Chef über meine Zuständigkeit sowie Kompetenz und grinste mich an. “Du bist doch noch so jung”, sagen mir Menschen in unterschiedlichen Situationen immer wieder in mein ach so junges Gesicht. Nach dem Motto: Sie kann noch gar kein relevantes Wissen oder Erfahrung beitragen. Dabei vergessen sie aber, meinen Lebenslauf anzusehen. Denn ich bin mit ihrem internetbasierten, medialen Job groß geworden.

Elena Grunow Hauptverantwortliche Lektorat Ich bin der Meinung, es gibt guten Small-Talk und schlechten Small-Talk. Der eine unterscheidet sich vom anderen, indem man ab und zu die eigene Maske fallen lässt und sich ein bisschen angreifbar macht, damit man in Gesprächen nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern auch in tiefere Sphären abtauchen kann. Masken können uns schützen, aber sie sorgen auch dafür, dass man das Gesagte in Konversationen nicht versteht. Wenn wir einander also wirklich verstehen wollen, müssen wir lernen, sie wieder abzulegen .

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KAtegor

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x x x Patscheflügelchen und Taucherflossen-Füße:

Wer steckt hinter Gustav? Gelb, flauschig, gute Laune und immer dabei: Ronni Gustavson. Oder einfach Gustav. Das geliebte Maskottchen der Verfassten Studierendenschaft (VS). Doch wer steckt eigentlich in dem Kostüm? Warum ein Küken? Fühlt man sich als Gustav so süß wie er aussieht? Vier Studierende erzählen von ihren Gustav-Highlights und Gustav-Patzern.

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Spassvogel Die Studierenden der HdM kennen und lieben ihn alle: Gustav, das Maskottchen der VS. Das große Küken, mit dem sich die kleinen Küken in ihrem ersten Semester identifizieren können. Doch 2020 kamen Gustavs Auftritte leider ein wenig zu kurz – denn ohne Event schlüpft auch niemand in das Kostüm. Bis es wieder soweit ist und Gustav gemeinsam mit uns durch die Küken-Nacht tanzt, erzählen vier Studierende von ihren Highlights, was so schief gelaufen ist und was die alternative Idee zu Gustav war – auch eine ziemlich tierische. Gustavs Ursprünge Die Idee eines Maskottchens stand damals schon länger im Raum. Denn die Verfasste Studierendenschaft (VS), damals noch UStA, war ein wenig unscheinbar und versteckt hinter dem Grünen Ei. Ein Maskottchen sollte den Wiedererkennungswert steigern. „Es wurde einige Male gebrainstormt: Nachdem es HoRst und Klaus schon gab, war klar, dass wir auch einen lustigen Namen brauchen. Letztendlich kam jemand auf Gustav und es war perfekt, denn UStA steckte mit drin und ein richtiger Name auch.“ Nina Neukirchen war 2011 dabei als Gustav „geboren” wurde. Sie studierte von 2009 bis 2013 Audiovisuelle Kommunikation und war Teil des Veranstaltungsreferats und des Vorstands. Nachdem schon Gustavs Name stand, war schnell klar, dass es ein Küken werden sollte. „Denn wir alle an der HdM waren einmal Küken, so wie Gustav.“ Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er auf der Erstsemester-Messe im Wintersemester 2011/12. Nina hatte als Erste die große Ehre und steckte selbst im Kostüm, um die Erstis zu begrüßen und für gute Laune zu sorgen. Was die Reaktionen der Leute waren, weiß Nina ehrlich gesagt gar nicht so genau: „Die Sicht ist extrem eingeschränkt. Aber ich habe viel Gelächter gehört, die Leute wollten Selfies machen und haben mich umarmt.“ Dass alle gerne Gustav umarmen, ergibt Sinn, wenn man sich die Beschreibung der VS von ihm durchliest: Ein wenig zu groß geraten, gelb wie Eidotter, süß wie Zuckerwatte und einfach unglaublich

flauschig! Es mag einem erst mal kindisch vorkommen, doch Gustav spricht für sich: Seit fast zehn Jahren ist er nun bei jeder Veranstaltung der VS dabei und bei allen beliebt. Ein überdimensionales Küken ist vielleicht nicht das, was man als Studienanfänger:in bei der ersten großen Uni-Feier erwartet. Doch sobald man sieht, wie er sich in ein Dancebattle auf der Tanzfläche stürzt, ist man ein Fan. „Ich habe mit anderen Studierenden ein Dance Battle gehabt. Da habe ich in voller Runde den Kükentanz gemacht.“ An diesem Abend steckte Leonard Wohlfarth in dem Maskottchen. Leo hat damals seinen Bachelor gemacht und studiert derzeit Computer Science and Media im Master. Wie oft er Gustav war, kann er nur schätzen, „häufig, bestimmt vier oder fünf Mal, wenn nicht sogar mehr.“

Leo Wohlfarth als Gustav

So ist es, Gustav zu sein Von außen flauschig, süß und knuddelig – doch von innen? „Also das größte Problem bei dem

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„Du legst all dein Schamgefühl und Erwachsen-Sein ab.“ Sonja Heyen

Gustav-Kostüm ist, dass es darin hundert Grad sind. Das ist die größte Hürde, um es Leuten schmackhaft zu machen. Aber sobald man als Gustav unterwegs ist, dann ist es eine der geilsten Erfahrungen überhaupt“, sagt Bartek Pollok. Eigentlich war er bis 2016 Eventteamleiter und dadurch bei der Küken-Nacht im Hintergrund unterwegs. Doch drei Semester lang hatte auch er die Ehre, in das Kostüm zu schlüpfen. „Aber nur, wenn ich an dem Abend nicht das Event leiten muss. Weil als Gustav siehst du nicht viel und kannst dich auch nicht wirklich mitteilen. Beides gleichzeitig wäre nicht möglich gewesen.“ Zum Sprechen hat Gustav keine Möglichkeit und das Blickfeld ist nur zehn mal zehn Zentimeter groß, mit einem schwarzen Netz davor. Doch das hat Leo damals als Gustav nicht abgehalten, dem Webcast der HdM Stufe, ein Interview zu geben. Wie es wohl lief? Man kann es sich vorstellen. Sonja Heyen studierte 2012 bis 2017 Werbung und Marktkommunikation an der HdM. Sie spielte ebenfalls mehrere Male Gustav. Beispielsweise bei der Erstsemesterbegrüßung im Audimax. Neben dem begrenzten Blickfeld, gibt es hier eine ganz andere Herausforderung: Stufen. „Es ist schwierig in dem Kostüm die Balance zu halten: Man sieht sehr wenig und ist total unförmig. Gustav sein ist wie in einem ganz komisch geformten Auto zu sitzen und damit einparken zu müssen. Beim Treppengehen hat

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man zum Glück noch eine Person, die Gustav am Patscheflügelchen hält, damit man mit den großen Taucherflossen-Füßen nicht fällt.“ Leider hatten nicht alle Gustavs das Glück wie Sonja, jemanden am Patscheflügelchen zu haben. „Ich habe eine Person immer mal wieder verfolgt an einem Abend. Dann ist das in ein Fangspiel ausgeartet. Die Person ist ein paar Treppen runter. Ich hinterher. Dann lag ich da. Und als kugelrunder Gustav fällt man nicht so weich, wie man denkt.“

Bartek Pollok als Gustav – mit Krawatte für die Kükennacht


Nina mit Gustav bei der Erstibegrüßung

Tipps von ehemaligen an künftige Gustavs Sobald Veranstaltungen wieder möglich sind und Gustav die Leute aus dem ersten Semester begrüßen kann, werden natürlich auch wieder Leute gesucht, die für einen Abend in sein Kostüm reinschlüpfen. Doch was sollte jemand mitbringen, der:die Gustav spielen will? Hier ein paar Tipps: Sonja: „Falls du ein sehr großer Mensch bist, dann schauen unten deine Beine ein wenig raus. Aber trotzdem weiß deswegen immer noch niemand, wer du bist und es ist nicht peinlich. Einfach gute Laune haben und Pepp reinbringen.“ Bartek: „Du solltest auf jeden Fall das eigene Ich vergessen. Wenn du Gustav bist, dann bist du Gustav. Und Gustav winkt, springt und macht Blödsinn. Was du nicht vergessen solltest: Ein gutes Deo und Kleidung zum Wechseln.“ Nina: „Man sollte auf jeden Fall Spaß mitbringen, keine Berührungsängste und Angst vor Enge haben und einfach Lust haben, auf Leute zuzugehen und den Leuten zeigen zu wollen, dass überall wo Gustav auftaucht, eben auch Studierende im Hintergrund sind, die sich engagieren.“

Seit zehn Jahren ist Gustav nun dabei und ohne ihn ist die VS unvorstellbar. Auch jetzt, ohne Veranstaltungen vor Ort, finden HdM-Studierende ihn bei den Online-Vollversammlungen – er ist einfach nicht mehr wegzudenken. Leo: „Wir bei der VS lieben Gustav sehr. Vor allem gerade jetzt, wo der Gustav-Kopf unserer Mitarbeiterin Gaby so viel Gesellschaft leistet im Büro, da wächst er uns immer mehr ans Herz. Ersetzen werden wir ihn nie.“ Schöne Worte, die hoffen lassen, Gustav auf Veranstaltungen bald wieder zu sehen, um mit ihm zu tanzen, zu lachen und zu feiern. Und wer weiß: Vielleicht bekommt Gustav mal einen Sidekick. Denn damals war die Alternative zu einem Maskottchen, ein echtes Meerschweinchen mit Peilsender, welches man über HoRst hätte beobachten können. ■

Text: Denise Ott Layout: Franziska Roth Fotos: Nina Neukirchen, Leonard Wohlfarth, Bartek Pollok

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Ein Blick hinter die Kulissen des Cosplay

„Eine Pause vom Ich-Sein“ Für viele Menschen ist „Cosplay“ ein Fremdwort, oder zumindest noch etwas sehr Befremdliches. Um zu zeigen, was eigentlich hinter diesem Verkleiden steckt, habe ich der Cosplayerin Salma einige Fragen gestellt – und war genauso überrascht wie begeistert von ihren Geschichten. „Das Schminken hat so mit elf oder zwölf angefangen. Da war es aber eher zum Ausprobieren, weil man in die Pubertät kam und so“, erinnert Salma sich lächelnd zurück. Salma ist 20 Jahre alt und momentan Schülerin einer Kosmetikschule in Stuttgart. Nebenbei ist sie auch als Make-up-Artistin tätig. Das klingt ja erst einmal gar nicht so außergewöhnlich, finde ich. In diesem Alter fangen viele an, sich auszuprobieren, zu verändern. Aber Salma, die junge Frau, die mir über ihre ersten Erfahrungen mit Make-up berichtet, ist sehr wohl außergewöhnlich. Denn für sie entwickeln sich Make-up und das Maskieren zu einem Hobby und zu einer ganz besonderen Leidenschaft: dem sogenannten Cosplay. „Ich mag es, auch einen Teil von mir in die Kostüme einzubringen.“ Der Duden definiert das Wort Cosplay als „das Sichverkleiden als eine Figur aus einem Manga o.Ä., häufig als Wettbewerb um die beste Darstellung“. Die meisten Leute vermuten dahinter wohl auch nicht mehr als das: ein reines Verkleiden. Aber vertraut mir: Es lohnt sich, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Das wird mir klar, als Salma mir von ihrer ersten Comic Con erzählt: „Das war dann 2016, da war ich zum ersten Mal auf so einer Messe.“ Sie spricht darüber wie von einer anderen Welt und sie fängt an zu strahlen, während sie

darüber berichtet. „Das ist ein so unglaublich warmes Gefühl, wenn ich darüber spreche. Es ist, als würde man eine Familie dort finden. Man hat auch zu diesen Leuten eine ganz andere Bindung, weil sie dich anders verstehen können. Um ehrlich zu sein, kann ich nicht wirklich beschreiben, was für ein Gefühl es ist, dort zu sein. Einfach warm, so im Bauch.“ „Die Augen der Leute dort haben geleuchtet, als sie uns gesehen haben.“ 2016 schlüpft Salma also zum ersten Mal in ein Kostüm – das der „Sailor Moon“ – und in die Rolle, die sie verkörpert. Wie fühlt sich das an? „Man fühlt sich schon wie diese Rolle. Man wird eben zu diesem Charakter! Das ist wie einen Tag lang eine Auszeit von dir selbst zu haben. Keine Flucht – eher einfach eine Pause. Eine Pause vom Ich-Sein.“ Eine Pause vom Ich-Sein. Das ist wahrscheinlich etwas, das viele von uns gerne hätten. Verkörpert Salma also auch am liebsten Charaktere, die anders sind als sie? „Die Charaktere, die ich cosplaye, sind eigentlich immer anders als ich! Dabei interpretiere ich die Verkleidungen der Charaktere am liebsten frei. Klar, ihre Hauptmerkmale übernehme ich in mein Kostüm. Aber ich mag es, dann auch einen Teil von mir in die Kostüme einzubringen.“ Auf der Messe 2016 trifft sie dann auch zum ersten Mal eine ihrer Heldinnen: Jessica Nigri, eine

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„Das ist wie einen Tag lang eine Auszeit von dir selbst zu haben.“ Salma Lugo

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Cosplay berühmte Cosplayerin. Salma selbst war in diesem Jahr gar nicht in einem „offiziellen“ Kostüm dort – dafür war das Geld nicht wirklich da. Aber diese Begegnung, gemischt mit diesem unglaublich warmen Gefühl, inspirieren sie, sich richtig ins Cosplayen reinzuhängen, trotz des Gegenwinds, den sie erfahren muss. „Mein Umfeld hat schon erst einmal ein bisschen geschockt reagiert, als ich damit angefangen habe. Die meisten verstehen es nicht so ganz, weil sie selbst auch keine Animes schauen. Aber dann haben sie gesehen, dass ich es trotzdem mache, dass es mir Spaß macht, und dass ich gut darin bin. Und inzwischen bringt mir meine Mutter meinen Kaffee sogar in meiner Lieblingstasse; da sind die Charaktere aus dem Anime „My Hero Academia“ drauf. Das bedeutet mir schon viel.“ „Ich kann dabei meine eigene Version der Charaktere erstellen.“ Um 2018 dann noch einmal dieses wunderschöne Gefühl zu bekommen, steckt Salma viel Zeit und Arbeit in ihr Kostüm, und steht am Tag der Comic Con sogar schon um 4 Uhr auf, um sich zu schminken. Sie und ihre Freunde entschieden sich dazu, als Hinata Hyuga, Kakashi Hatake und Naruto Uzumaki aus dem Anime „Naruto“ verkleidet auf die Messe zu gehen. Und es lohnt sich, wie sie mir, fast zu Tränen gerührt, erzählt. „Die Augen der Leute dort haben geleuchtet, als sie uns gesehen haben. So viele Leute kamen und wollten Bilder machen. An eine Geschichte erinnere ich mich noch ganz besonders: Da waren zwei Mädchen, die auf uns zukamen. Eine von ihnen war so aufgeregt und hat geweint, und meinte, dass wir ihre Helden sind. Sie hatte wohl eine Zeit lang psychische

Probleme, und Naruto hat ihr damals da herausgeholfen. Das war so schön zu hören! Für sie einfach zu verkörpern, was ihr so viel Kraft gegeben hat – ich könnte immer noch weinen, wenn ich daran denke, wie glücklich sie war.“ Ich bekomme Gänsehaut, während sie erzählt. Die Geschichte des Mädchens berührt auch mich – obwohl ich nicht viel vom Verkleiden verstehe. Was ich aber verstehe ist, dass Cosplay offensichtlich viel mehr ist als nur Verkleiden. Es steht für das besondere Gefühl, die Verbundenheit, und das gemeinsame Anderssein. Noch ein letztes Mal klar wird mir diese Bedeutung, als Salma mir erzählt, wie ihre Kostüme entstehen. „Die offiziellen Kostüme sind schon sehr teuer. Deswegen mache ich viel selbst, ich habe mir sogar selbst das Nähen dafür beigebracht. Das macht so Spaß! Ich kann dabei meine eigene Version der Charaktere erstellen. Das ist dann, als ob ich ihre guten Eigenschaften aufnehmen würde und diese mit meinen vermische. Und wenn ich dann wieder aus der Rolle schlüpfe, dann bleiben diese Eigenschaften. Sie gehen nicht einfach weg. Das ist schon sehr besonders.“ Ich bedanke mich sehr herzlich bei Salma für diesen Blick hinter die Kulissen. Nach unserem Gespräch habe ich das Gefühl, selbst einen kleinen Teil dieser magischen Welt gesehen zu haben. Und ich muss zugeben, allein dieses Gefühl, nur dieser kleine Einblick, ist schon wirklich ziemlich schön. ■ Text: Chiara Hermanns Layout: Lena Dagenbach Fotos Salma Lugo @salmalugomakeupartist

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e t t a b e D

Wettstreit der Masken Genug gekläfft, jetzt wird es ernst. Beim alljährlichen Wettbewerb klärt sich, wer die Nummer Eins unter den Masken ist. Nach sieben Tagen hitziger Diskussionen ist es endlich soweit: Die Endrunde der internationalen Masken-Meisterschaft 2020 steht an. Die erste Finalistin war vor diesem Jahr stets eine Außenseiterin, nutzte die Gunst der Stunde jedoch, um zahlreiche Konkurrent*innen auszustechen: die Corona-Maske. Auf der anderen Seite haben wir ein technologisches Wunderwerk und die amtierende Meisterin: die Darth-Vader-Maske. Da bleibt nur zu sagen: Lasset die Debatte beginnen! Corona Maske:

Deine Zeit an der Spitze ist vorbei. 2020 war MEIN Jahr. Meine Beliebtheit ist unstrittig. Milliarden Menschen haben mich getragen, sich auf mich verlassen. Da kannst du nicht mithalten. Darth Vader Maske

Du laberst hier von Beliebtheit. Schon seit dem Release des ersten „Star Wars“-Films 1978 wünschen sich Fans aus aller Welt, in den Genuss meiner Aura zu kommen und meine sexy tiefe

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Stimme zu haben. Ich ziere die Kopfkissen tausender Kinder und Erwachsener, bin für Sammler*innen ein riesiger Schatz. Meine Bekanntheit sucht unter uns Masken ihresgleichen. Corona Maske:

1978 – das sagt ja schon alles. Da war Helmut Schmidt noch Bundeskanzler. Du bist alt und aus der Mode gekommen, ich hingegen wild und modern – voll 2020 eben. Durch individuelle Styles und meine Anpassbarkeit präge ich


die neuesten Fashion-Trends. Nicht so wie du, du hässlicher schwarzer Helm. Was für eine unpraktische Farbe. Kann man im Sommer überhaupt mit dir rausgehen, ohne dass einem der Kopf platzt? Darth Vader Maske

Also erst mal: Schwarz ist zeitlos elegant und immerhin braucht es mehr als eine Schere, um mich zu zerstören. Gegenüber meinem Panzer aus bestem Durastahl bist du nur ein mickriger Stofffetzen. Hast du dir mal meine Feature-Liste angeschaut? Sensoren, die vor den Gefahren der Umwelt warnen, ein Luftfiltersystem, das Viren und giftiges Gas fernhält und ein Comlink, der mich zu einem Sprachen-Multitalent macht. Sogar Maschinen lauschen meinen Worten. Corona Maske

Alles nutzloser Schnickschnack, wäre in den meisten Ländern eh nicht erlaubt. Lass uns lieber über Komfort sprechen. Ich bin federleicht, passe in jede Hosentasche und kann mit verschiedenen Accessoires kombiniert werden. Dagegen hast du schwerer, harter Helm keine Chance. Bei deinen vielen Stahlschichten frage ich mich: Kann man dadurch überhaupt küssen? Keine Sorge, die Frage musst du nicht beantworten. Bei deinem verbitterten Aussehen hast du bestimmt schon lange keine Liebe mehr erfahren.

Corona Maske:

Immer die gleichen ausgelutschten Argumente bei dir. Es zählt mehr als nur Technik. Meine Existenz geht übers Materielle hinaus. Ich bin mehr als nur eine einfache Maske. Ich bin ein Symbol. Wer mich trägt, wird zum Teil einer Gemeinschaft, einer Bewegung. Ich stehe für Hoffnung und vereine Menschen in schweren Zeiten. Du bist nur eine Marionette des Bösen. Darth Vader Maske

Vor mir haben die Menschen wenigstens noch Respekt, du wirst immer noch von Querdenker*innen in Frage gestellt. Und das mit dem Bösen ist längst Geschichte, hast du nicht Episode sechs geschaut? Heutzutage wird nicht gegen mich demonstriert. Ganz im Gegenteil: Sobald eine Person mich aufsetzt, wird sie zum*zur Superheld*in und zu einer weltweiten Berühmtheit. Corona Maske:

Spinnst du dir da nicht was zusammen? Das Böse war eigentlich erst vorbei, als dein erster Besitzer dich abgenommen hat. Darth Vader Maske

Ach ja? Dann frag mal deine Mutter.

Jetzt komm mir nicht mit Maske abnehmen. Du bist nicht mehr als eine Notfalllösung. Wenn das Coronavirus verschwindet, verabschiedest du dich wieder in die Bedeutungslosigkeit. Nicht nur das: Weltweit werden die Menschen feiern, wenn sie dich endlich in die Mülltonne pfeffern können.

Corona Maske:

Corona Maske:

Darth Vader Maske

Wag es nicht…

Darth Vader Maske

Luke… LUKE… Ich bin dein Vater! Und im Übrigen: Dass du mit Komfort anfängst, ist lachhaft. Brillenträger*innen schimpfen ständig über dich und nach ein paar Stunden werden deine Riemen so unangenehm wie Dornenzweige. Außerdem lenkst du schon wieder ab. Ich bin dir technisch in jeglicher Hinsicht überlegen. Dagegen kommst du nicht an.

Und das ist auch kein Problem. Bis dahin habe ich unzählige Leben gerettet. Das wirst du nie schaffen und deswegen bin ich dieses Jahr die Gewinnerin. ■

Text: Christian Mittweg, Jakob Hertl Layout: Evelyn Krix Grafik: Christian Mittweg

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Interview

„Soziales Geschlecht ist nur ein Konstrukt“ Rachel Intervention steht als Dragqueen auf der Bühne, präsentiert „Lip Sync“Nummern und bringt das Publikum mit Stand-up-Comedy zum Lachen. Wenn sie sich die hohen Schuhe abstreift, die Perücke ablegt, die Korsage auszieht und sich abschminkt, dann ist sie wieder Fabio*. Fabio ist 23 Jahre alt und studiert an der Hochschule der Medien. In seiner Freizeit tritt er als Dragqueen auf. Wir sprechen darüber, was Drag als Kunstform ausdrückt, was es für Rachel bedeutet und ob es in der Gesellschaft mittlerweile als normal angesehen wird. Was bedeutet Drag für dich? Drag ist für mich … eine Ausdrucksform, eine Kunstform, eine Unterhaltungsform. Hauptsächlich ist es für mich die Möglichkeit, etwas Kreatives auf der Bühne zu machen und Leute zu unterhalten. Drag ist aber auch hochpolitisch und spricht viele Gender-Thematiken an.

auf der politischen und sozialkritischen Ebene interveniert Drag in die Geschlechtsstrukturen.

Möchtest du als Frau gesehen werden, wenn du in Drag bist? Ich versuche nicht irgendjemandem weiszumachen, dass ich eine Frau bin. Das bin ich einfach nicht. Ich finde aber, dass es mit Respekt zu tun hat, wie man den Künstler behandelt. Gerade wenn man sieht, dass ich mir als Dragqueen viel Mühe gegeben habe, ist es angebracht mich mit Rachel anzusprechen und zu siezen.

Wie kamst du dazu Drag zu machen? Ich habe mit 13 Jahren angefangen, bei Musical-Produktionen mitzuspielen. Als Typ. Da habe ich meine Liebe zur Bühne entdeckt. Ein paar Jahre später bin ich erst auf Drag gestoßen. Ich habe die Show „RuPaul’s Drag Race“ entdeckt und gemerkt, dass diese ganzen Typen wie ich sind. Irgendwann bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich das auch mal ausprobieren will. Bei einer Musical Vorstellung bin ich dann als Scherz in Drag auf die Bühne gegangen. Ich sah furchtbar aus (lacht). Und so hat das alles seinen Lauf genommen, bis zu meiner eigenen One-Woman-Show.

Wie bist du auf den Namen Rachel Intervention gekommen? Ich wünschte ich könnte dir dazu eine coole Story erzählen, aber mir ist kein Name eingefallen. Also habe ich nach einem DragqueenNamen-Generator gegoogelt, meinen Namen eingegeben und dann kam Rachel Intervention raus. Ich fand Rachel als Vornamen ziemlich cool. Intervention ist für Drag als Kunstform auch super passend, weil ich sozusagen in den Alltag des Publikums interveniere. Und auch

Wie hast du dich bei deiner ersten OneWoman-Show gefühlt? (lacht) Ich war furchtbar, furchtbar aufgeregt. Ich habe davor schon kleine Lip-Sync-Performances gemacht, bei denen ich mir nicht unbedingt in die Hose geschissen habe. Da hatte ich ja mein Play-back. Für diese OneWoman-Show musste ich allerdings komplett eineinhalb Stunden mit Lip Sync und Standup-Comedy füllen und mit dem Publikum interagieren.

*Der Name wurde auf Wunsch des Protagonisten von der Redaktion geändert.

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t s n ü K War dann am Anfang dein ganzer Fanclub von Familie und Freunden dabei? Meine Eltern wussten tatsächlich von Anfang an, was ich mache. Bei ihnen sind dann ganz viele Fragezeichen aufgepoppt, weil sie davor noch nie damit konfrontiert worden sind und das zunächst auch nicht als Kunst angesehen haben. Sie haben nicht verstanden, warum ich mich jetzt verkleiden muss, da ich davor auch als Typ auf der Bühne stand. Wenn ich aber in der Region von meiner Heimat eine Show mache, kommen sie immer. Und wie sieht es bei deinen Freunden aus? Da ich mich ohnehin schon in einem künstlerischen Umfeld bewegt habe, sind das Leute, die dafür ein offenes Ohr und offene Augen haben. Bevor ich mich mit dem Gedanken angefreundet hatte, Drag zu machen, haben sie schon gemeint, dass ich eine gute Dragqueen wäre. Kannst du das Thema auf einer Party erwähnen und locker mit Fremden darüber reden? Ich gehe ziemlich offen damit um. Es ist einfach ein Teil von mir und ich schäme mich nicht dafür. Ich rede gerne darüber, weil es auch meine Leidenschaft ist und mich begeistert. Bei der Vorstellung am ersten Hochschultag habe ich zum Beispiel direkt gesagt, dass ich Drag mache, obwohl ich dort keinen Menschen kannte. Würdest du sagen, dass du als Fabio auch der extrovertierte Unterhalter bist? Auf meinem Instagram-Account hat mir erst letztens jemand die gleiche Frage gestellt, ob ich out of Drag eher Rampensau oder Mauerblümchen bin. Ich würde sagen, eine Mischung aus beidem. Ich habe kein Problem damit,

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N I r tle mich als Typ zu präsentieren und auf Leute zuzugehen. Ich genieße aber genauso stille Momente und muss nicht immer im Vordergrund stehen. Drag ist eine Kunstform. Machst du Drag auch aus dem Grund, weil du dir wünschst eine Frau zu sein? Man muss immer unterscheiden: Es gibt Transgender, die sich mit ihrem körperlichen Geschlecht nicht identifizieren können. Es gibt Transvestiten, die weibliche Klamotten als sexuellen Reiz verstehen. Und es gibt Dragqueens oder wie man früher gesagt hat: Travestie-Künstler. Bei Drag geht es darum, sich Kostüme anzuziehen, zu schminken und eine Show zu machen. Ich mache Drag nicht, weil ich irgendwas kompensieren muss, sondern weil es mich bereichert. Ich habe dadurch die Einsicht gewonnen, dass man als Mensch einfach das machen kann, was einen glücklich macht. Wenn das die sozialen Geschlechtergrenzen sprengt, dann ist das so. Wie würdest du die Drag-Szene in Stuttgart bezeichnen? (überlegt) Unglaublich talentiert. Die Leute denken bei der deutschen Drag-Szene immer zuerst an Berlin und Köln. Aber wir in Stuttgart haben auch unglaublich talentierte Leute. Ich gehöre mit fünf anderen Queens zu einem Drag Haus hier in Stuttgart. Zusammen produzieren wir Shows und machen Auftritte. Ich würde behaupten, dass wir in der deutschen DragSzenen schon ein Begriff sind. Wird Drag mittlerweile als normal angesehen? Überhaupt gar nicht. Ich bewege mich in einer

x Blase, in der man schnell das Gefühl bekommen kann, dass Drag normalisiert ist. Dieses Jahr wurde ich in einem SWR-Beitrag interviewt und da gab es viele positive Kommentare, aber auch viel Negatives und Kritisches. Da wird man wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und sieht: Drag ist noch nicht so angekommen, wie es ankommen sollte. Bei der SWR-Reportage hast du auch das Thema sexuelle Belästigung angesprochen. Wurdest du als Dragqueen sexuell belästigt? Wenn ich in Clubs gebucht bin, passiert das dort eher als auf einer Christopher-Street-DayParade. Ich habe schon öfter erlebt, dass Leute keine Grenzen kennen und mich einfach anfassen. Wenn ich sowas erlebe oder bei Kolleginnen sehe, dann schreite ich ein und weise die Leute zurecht. Wie gehst du mit negativer Kritik um? Wenn man einen Bereich hat, in dem man sich gut auskennt, dann kann man negative Argumente schnell entkräften. Ich versuche immer, meine Ansichten auf eine sachliche Art und Weise zu vermitteln. Wenn ich allerdings auf jemanden stoße, der unbelehrbar zu sein scheint, dann verschwende ich dafür nicht meine Zeit. Trennst du Drag von deinem Privatleben, so wie oft Berufliches von Privatem? Auf der einen Seite ist es schon eine Trennung, auf der anderen Seite ist Drag auch ein Teil von mir. Ich bin keine andere Person, wenn ich als Dragqueen auftrete. Allerdings sehe ich es dann nicht als relevant an, meinen richtigen Namen zu sagen. Ich agiere dann für die Kunstfigur Rachel.

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Mal Hand aufs Herz: Wie lange brauchst du, um dich fertig zu machen? Das variiert immer. Manchmal hat man Tage, da sitzt das Make-up direkt und an anderen Tagen braucht man fünf Anläufe, um allein die Augenbrauen hinzubekommen. Aber im Durchschnitt brauche ich für das Make-up zwei Stunden. Dann brauche ich noch mal eine halbe Stunde, um mich anzuziehen. Ist es bei etwas knapperen Outfits leicht, untenrum alles zu verstecken und fühlst du dich damit wohl? Was man als außenstehende Person oft nicht weiß: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Manche Drag Queens tapen tatsächlich mit Tape-Band. Das mache ich nicht. Ich bin ja nicht lebensmüde! Ich wende eher eine Schichtmethode an. Dabei habe ich so viele Strumpfhosen an, dass ich mir sicher sein kann, dass nichts rauspoppt. Drag an sich ist eine sehr ungemütliche Sache. Ich trage auch noch hohe Schuhe, eine Korsage und einen BH. Jeder weiß, dass BHs bescheuert sind. In welcher Sexualität würdest du dich einordnen? Ich identifiziere mich als homosexuell. Datest du als Rachel auch Männer? Oh nein, nein, nein. Wie schon gesagt, für mich ist das kein Fetisch. Ich möchte, dass mich ein Typ wegen mir datet und nicht wegen der Tatsache, dass ich Drag mache. In den letzten Monaten habe ich tatsächlich auch Männer kennengelernt, die zuerst Rachel kannten. Das war auch interessant.

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Zum Abschluss noch: Gibt es denn eine Frage, die dir in vergangenen Interviews nicht gestellt wurde, die du aber gerne mal beantworten würdest? (überlegt) Mich hat noch nie jemand gefragt, wo ich Drag in Zukunft sehe. Die meisten Interviews drehen sich immer um das Hier und Jetzt oder um meine Vergangenheit. Na dann: Wie siehst du die Zukunft von Drag? Ich bin der Zukunft gegenüber sehr positiv gestimmt. Wir als Dragqueens kämpfen für mehr Akzeptanz. Nicht nur für Drag als Kunstform, sondern auch für die Schwulen-Community und allgemein die queere Community. Drag kommt auch immer mehr im Mainstream an. Beispielsweise gab es letztes Jahr auf Pro7 die Show „Queen of Drags“. Ich würde mir wünschen, dass Drag in allen Unterhaltungsbereichen, sei es Musik, Film oder allgemein Fernsehen, vertreten wird. Ich glaube Drag kann auch viele Menschen bereichern, da es mit großer Flagge vorangeht und zeigt: Du kannst alles sein! Soziales Geschlecht ist nur ein Konstrukt. Sexualität ist nicht schwarz und weiß, sondern ein Farbspektrum, in dem sich jeder frei bewegen kann. ■

Text: Selina Hellfritsch Layout: Melissa Reisenauer Fotos: (1) Tabea Virginia, (2) Marius Rückheim, Jens&Jan


„Ich glaube, Drag kann auch viele Menschen bereichern, da es mit großer Flagge vorangeht und zeigt: Du kannst alles sein!“ Rachel Intervention

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Der Tod als Grund zum Feiern? Bunte Farben, gutes Essen, Maskerade und Musik. Würde man diese Dinge in Deutschland mit dem Tod assoziieren? Vermutlich nicht. Bei uns bleibt der Tod ein mit Trauer verbundenes Tabuthema. Ganz anders sieht das in Mexiko aus: Jedes Jahr Anfang November feiert das ganze Land den „Día de los muertos“, den „Tag der Toten“. Wenig überraschend hat das Coronavirus dem Fest 2020 einen Strich durch die Rechnung gemacht – ganz ausgefallen ist es aber trotzdem nicht.

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s o t r e u m

Es ist der 2. November 2020. Auf den Friedhöfen von Monterrey im Nordosten von Mexiko herrscht Totenstille. Die Gräber liegen in der Dunkelheit. Die Tore sind verschlossen. In Deutschland würde das wohl niemanden verwundern, für die Mexikaner:innen ist es aber ungewohnt. Normalerweise würden sie jetzt den Abschluss eines der wichtigsten Feste des Landes feiern: den „Día de los muertos“ – übersetzt „Tag der Toten“. Das Fest geht auf eine Tradition der Azteken zurück: Sie sahen den Tod nicht als Ende, sondern als natürlichen Teil des Lebens. Die Toten wurden deshalb weiterhin als Teil der Gesellschaft gesehen und von den Lebenden einmal im Jahr aus dem Jenseits empfangen, um gemeinsam zu feiern. Nachdem die Spanier das Gebiet der Azteken eroberten, versuchten die Missionare das Fest zu unterdrücken und abzuschaffen. Sie scheiterten zwar, dennoch ist das Fest heute eine Mischung aus der Tradition der Ureinwohner:innen und christlichen Einflüssen. Das wird beispielsweise am Datum klar: Gefeiert wird ab dem 31. Oktober, hauptsächlich am 1. und 2. November – im christlichen Glauben Allerheiligen und Allerseelen.

besseren Ort gehen, um dort Frieden zu finden.“ Vor allem für die älteren Leute, die bereits das Ableben enger Verwandter wie Eltern oder Geschwister miterleben mussten, sei es deshalb wichtig, jedes Jahr am „Día de los muertos“ an die Toten zu erinnern und ihnen Respekt zu zollen. Ricardo hat bisher nur seine Großeltern verloren und feiert deshalb wie viele jüngere Menschen nicht ganz so ausgiebig – „trotzdem wird die Tradition bestehen bleiben“, erklärt der 23-Jährige. Kostüme und Köstlichkeiten Unabdingbar sind dafür auch die klassischen Bräuche der Festtage. Diese sind sehr abhängig von der jeweiligen Region Mexikos. Besonders im Süden gibt es riesige Umzüge und Feierlichkeiten. Die Menschen schminken sich als Skelette oder verkleiden sich als „La Catrina“. Dabei handelt es sich um eine vom Künstler José Guadalupe Posada geschaffene Fantasiefigur. Als elegant gekleidete Skelettdame mit großem Hut gilt sie als eines der bedeutendsten Symbole des Festes.

Traditionsfest in der Krise Wie zahlreiche andere alte Glaubensfeste hat es auch der „Día de los muertos“ nicht leicht: Für viele junge Menschen spielt der traditionelle Hintergrundgedanke keine große Rolle mehr. Zudem wird Halloween immer beliebter – vor allem im Norden Mexikos, wo der „Día de los muertos“ grundsätzlich nicht so bedeutend ist wie im Süden, dem historischen Hauptgebiet der Azteken. Gefeiert wird er aber nach wie vor im ganzen Land. So auch bei Ricardo. Der Marketing-Student wohnt in Monterrey und ist mit der traditionellen mexikanischen Auffassung über den Tod aufgewachsen. „Natürlich schmerzt es und wir sind traurig, wenn jemand stirbt. Aber wir glauben, dass der Tod der Anfang eines neuen Lebens ist und dass die Toten an einen

Eine als „La Catrina“ verkleidete Pappfigur in Monterrey, Mexiko.

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Vor allem bei jungen Menschen ist das Schminken als Skelett sehr beliebt.

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Außerdem kommen die Menschen an den Gräbern zusammen, um die Toten zu ehren. „Im Süden gibt es sogar Leute, die auf dem Friedhof schlafen“, erzählt Ricardo. Auch kulinarisch hat der „Día de los muertos“ einiges zu bieten. Es wird viel Süßes gegessen, wie zum Beispiel bunte Totenschädel aus Zucker, die „Calaveritas“. In Bäckereien gibt es das „Pan de muerto“, ein süßes Brot aus Hefeteig. Getrunken wird neben Tequila das Nationalgetränk Mexikos, „Pulque“, ein alkoholhaltiges Gärgetränk aus Agaven. Besonders wichtig sind traditionell die „Ofrendas“, Altäre, die zu Hause oder an den Gräbern errichtet werden, um die Toten willkommen zu heißen. Sie werden mit Kerzen, Familienfotos und orangefarbenen Studentenblumen – auch „Blume der Toten“ – geschmückt.

An der Universität, an der Ricardo studiert, gibt es jedes Jahr einen Wettbewerb, wer den schönsten Altar im Gebäude aufbaut. Spielverderber Corona Im besonderen Jahr 2020 ist all das nicht möglich. Das Coronavirus hat auch Mexiko nicht verschont. Im Gegenteil: Mit knapp einer Million bestätigten Fällen (Stand: 25.11.2020) und über 100.000 Toten zählt das Land in Mittelamerika zu den am stärksten betroffenen Nationen. Dementsprechend ist die Situation am „Día de los muertos“ anders als sonst: Friedhöfe sind geschlossen, Bars und Clubs sowieso. Große Umzüge sind abgesagt, wo normalerweise Menschenmassen zusammen singen und tanzen herrscht trostlose Stille. Anstelle des Altar-Wettbewerbs an Ricardos Uni gibt es eine Online-Challenge auf Instagram, wer das beste „Catrina“-Kostüm postet. „Es ist nicht dasselbe wie sonst, aber wenn man den Tag wirklich feiern will, kann man das auch zu Hause“, meint er. Neben den Vorbereitungen auf das Fest mit seinen Freunden vermisst er, die Leute überall geschminkt und verkleidet zu sehen, die bunten Dekorationen in der Uni, die vielen Blumen. „Und natürlich das Essen“, ergänzt er lachend, „ich habe noch kein Pan de muerto probieren können.“ Bei aller Wehmut über die ausgefallenen Feierlichkeiten bewahrt er sich aber seinen Optimismus: „Wir machen daraus das Beste, das während der Pandemie möglich ist. Und nächstes Jahr können wir hoffentlich wieder so feiern, wie es eigentlich sein sollte.“ Nämlich gemeinsam. ■

Farbenfroh und persönlich gestaltet: Die Altäre am „Día de los muertos“.

Text: Jakob Hertl Layout: Sira Illner Fotos: Ricardo Velázquez Grafik: Sira Illner

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KAtegor

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rieseite

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HeldEN

Meinung

Die maskierten Held:innen Eigentlich tauchen sie nur in Filmen auf, heute sind sie überall zu sehen: Maskierte Held:innen, die ihre Mitmenschen retten.

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Noch nie hatten es Superheld:innen so schwer wie in Zeiten der Corona-Krise. Nicht nur maskieren sich unzählige Menschen und stehlen den kühnen Überflieger:innen damit einen Teil ihrer einzigartigen Optik, jetzt nehmen ihnen die Normalos auch noch ihre Jobs weg. Wie sollen Wonder Woman, Spiderman und Co. in ihren nächsten millionenteuren Filmen beeindrucken, wenn Zuschauer:innen vor dem heimischen Bildschirm mit einem „Weird flex, Bro. Gestern erst halb Deutschland gerettet, als ich eine Maske in der Bahn getragen hab“, reagieren können. Krisenzeiten bringen stets neue Held:innen hervor. Einst waren es heroische Soldat:innen, mutige Herrscher:innen oder clevere Wissenschaftler:innen, heute ist es der Junge von nebenan. Oder seine Schwester. Oder der ältere Herr, der ein Haus weiter wohnt und ansonsten nur durch seinen pedantisch sauberen Gehweg hervorsticht. Kurzum: Die Corona-Krise macht aus Maskenträger:innen tapfere Held:innen, die ohne viel Mühe zur Bewältigung der Krise und der Rettung vieler Leben beitragen.

Freiheit?“ Ein Zwang, sich einen schützenden Stofffetzen vor den Mund zu spannen – das ist wahrlich grauenhaft. Was kommt als nächstes: Werde Mützen im Winter zur Pflicht? Ein absurder Gedanke, schließlich wäre das noch mehr von diesem weichen Material, das Krankheiten abwehrt – und entsprechend noch einschränkender. Umso verständlicher das Aufbrausen.

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Wie die Held:innen in den Filmen sind auch die Masked-Mans reichlich Kritik ausgesetzt. Immer wieder krakeelen Gegner:innen aus irgendwelchen dunklen Ecken: „Wie könnt ihr es wagen, während einer weltweiten Pandemie eine Maske zu tragen? Wo bleibt denn da die

Glaubt man den Parolen der Maskengegner:innen, dann haben sie guten Grund für ihre Beschwerden. Jeder Mensch sollte machen dürfen, was er will – das bedeutet Freiheit und steht so oder so ähnlich doch auch im Gesetz. Wenn ich die Maske daheim lassen will, dann mache ich das, und wenn ich jemandem eine knallen will, dann mache ich das. Alles andere wäre eine Einschränkung. Wie meine Handlungen andere Menschen beeinflussen, ist meiner Freiheit doch egal.

Etwas paradox ist diese Kritik allerdings. Denn sture Abwehrhaltung gegen Masken treibt die Gegenmaßnahmen nur in die Höhe und damit alle Bürger:innen ins traute Heim. Sie sollen und wollen nicht rausgehen, wo die Gefahr lauert. Stiehlt somit nicht eher die Abneigung gegenüber den Masken die Freiheit? Für eine Auflösung müssen wir wohl aufs Ende des Films warten. Aber Achtung – Spoiler: Meist stellen sich die Held:innen am Ende als die Guten heraus. ■

Text: Christian Mittweg Layout: Melissa Reisenauer Grafik: Christian Mittweg

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Kat Kaufmann, Foto: Kerstin Schomburg

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Interview

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Vorhang auf: Portrait eines Theaters

Paula Kohlmann arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Dramaturgin am Theater Rampe, einem freien Produktionshaus in Stuttgart. Davor war sie als freie Kuratorin und in der Projektleitung tätig, konzipierte und organisierte Ausstellungen und Festivals wie das „SOFT POWER PALACE“-Festival im Kunstgebäude Stuttgart. Wer steckt hinter dem Theater Rampe? Es gibt ein festes Team, das in Büro und Technik unterteilt ist. Im Technikbereich arbeiten sechs Personen, im Büro sind wir zu neunt. Ein festes Ensemble haben wir nicht. Das bedeutet, dass unsere Künstler:innen fast immer von außen dazukommen. Unser Programm setzt sich also aus Gastspielen, Koproduktionen und etwa drei bis vier Eigenproduktionen pro Jahr zusammen. Eure Theaterpraxis baut auf dem Autor:innentheater auf – worin liegt der Unterschied zu anderen Modellen? Im Autor:innentheater werden Texte von zeitgenössischen Autor:innen auf die Bühne gebracht, in enger Zusammenarbeit mit ihnen selbst. Oft sind es keine Einzelpersonen, sondern Kollektive. Von großen Häusern wie dem Schauspiel Stuttgart unterscheiden wir uns dadurch, dass kaum Inszenierungen aus dem klassischen Theaterkanon aufgeführt werden. Bei uns wird vor allem Performance gezeigt. Ein wichtiger Schwerpunkt ist außerdem der zeitgenössische Tanz, da arbeiten wir zum Beispiel mit dem Tanzensemble „backsteinhaus“ zusammen. Was ist das Besondere am Standort, welcher Bezug besteht zu unserer Kesselstadt? Das Besondere an unserem Haus ist vor allem, dass wir uns den Raum mit der „Zacke“, der Zahnradbahn der SSB, teilen. In Stuttgart ist es ja so: Je höher man fährt, desto reicher wird’s – und wir sind unten im Kessel, somit sind wir

durch die Zacke mit allen Schichten verbunden. Ansonsten ist Stuttgart auch eine Stadt, der es finanziell sehr gut geht und die oft in diesem Wohlstand erstarrt scheint. Daher glaube ich, dass ein Theater wie das unsere, wo kritisches, politisches Theater gemacht wird, ein Spiegel für diese Stadt sein kann. Ich meine den Kontakt zur Außenwelt, zum Publikum oder zur Stadtbevölkerung: Wer sind die Menschen, die ihr erreichen wollt? Das ist eine spannende Frage. Tatsächlich haben wir uns besonders in den letzten zwei Jahren sehr intensiv damit auseinandergesetzt, wer eigentlich unser Publikum ist. Wir haben mit unterschiedlichen Aktionen versucht, einen Öffnungsprozess zu starten. Mit unserem Programm „WWW“, also „WLAN, Wasser, WC“, haben wir das Theater Rampe zum öffentlichen Raum erklärt und die Nachbarschaft dazu eingeladen, diesen auch zu nutzen. Dann haben wir das Projekt „Volks:theater Rampe“ gegründet. Im Sommer 2019 sind wir auf den Marienplatz gegangen und haben die Menschen dort gefragt: Was für ein Theater wünscht ihr euch? Sind eure Themen im Theater gut aufgehoben? Daraus ist ein 15-köpfiges Ensemble entstanden, in dem sehr unterschiedliche Leute zusammenkommen: Von professionellen Theatermacher:innen bis hin zu Personen, die davor noch gar nichts mit dem Theater zu tun hatten. Eigentlich wollten wir diesen Sommer auf dem Marienplatz ein sehr großes Spektakel veranstalten. Das ging wegen Corona nicht. Stattdessen haben wir eine Telefon-Performance

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Der Vorhang gemacht. Aus allen Geschichten, die wir gesammelt haben, ist ein Telefongespräch entstanden, mit dem die Zuschauer:innen für eine Stunde durch Stuttgart-Süd geleitet wurden. So haben wir trotz Corona versucht, eine Art Intimität herzustellen.

Letztes Jahr habt ihr den Theaterpreis des Bundes erhalten und ihn somit zum ersten Mal nach Baden-Württemberg geholt. Welche Bedeutung hatte das für euch? Das ist eine sehr schöne und wichtige Bestätigung unserer Arbeit gewesen und hat uns noch mal eine andere Aufmerksamkeit gebracht – sowohl bundesweit als auch in der Stadt. Das Geld, die 75.000 Euro, haben wir vor allem in unsere Projekte gesteckt. Dadurch haben wir das Volks:theater Rampe finanziert, konnten die Performance-Gruppe „She She Pop“ zu uns holen – die sind relativ groß und bekannt, deswegen ist es nicht selbstverständlich – und haben Renovierungen durchführen können, die schon lange anstanden. Das klingt zwar klein, aber zum ersten Mal planen wir einen Betriebsausflug und wollen als Team zusammen wegfahren. Das Raketenradio, Foto: Felix Keltsch

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Ihr habt im Haus eine integrierte Bar, aktuell hat sie leider wegen Corona geschlossen. Welche Rolle spielt sie generell für euch? Die Rakete ist ein wichtiger Bestandteil des Theaters Rampe. Sie wird geführt von Andreas Vogel, der dort sein musikalisches Programm macht. Er lädt Bands und DJs ein, die dort Konzerte geben, und hat zusätzlich seine „Montagereihe“. Das spricht noch mal ein anderes Publikum an und ist deswegen wichtig für uns. Wir sind sehr traurig darüber, dass die Rakete seit März geschlossen hat. Im Sommer konnten wir immerhin mit begrenztem Publikum wieder Theater spielen, aber das ist natürlich ein großer Unterschied, ob man nach der Premiere noch an der Bar zusammensteht und über das Stück reflektiert, oder eben nicht. Eigentlich ist das Theater vor allem dafür da, um solche Gespräche anzustoßen. Aktuell gibt es eine Radio-Alternative, bei der einmal im Monat große Radiosendungen stattfinden. Über die Plattform „Steady“ kann man das Raketenradio unterstützen. Da bekommt man noch extra Podcasts und Gespräche mit den Mitarbeiter:innen, die eigentlich hinter der Bar stehen. Es ist kein Geheimnis, dass Corona vor allem die Kunst- und Kulturschaffenden besonders trifft. Wie geht ihr mit der Situation um und was hilft euch, diese Zeit zu überstehen? Wir versuchen, so gut es geht, mit künstlerischen Ideen auf diese Einschränkungen zu reagieren. Zum Beispiel haben „NAF“, ein Performance-Kollektiv, ihrem Publikum, das sich im Raum frei bewegen sollte, Reifröcke angezogen. Dadurch hat man die 1,5 Meter Abstand sowieso einhalten müssen – wie durch eine Art körperliche „Mutation“. „Gruppe CIS“ hat mit „Stress - ein sinnliches Spektakel“ ein Stück realisiert, bei dem die Performer:innen die ganze Zeit in Bewegung sind, sich aber nie begegnen. Das hat alles ganz gut funktioniert. Dann haben wir mit dem Volks:theater, bzw. der Telefon-Performance, das kontaktlose Theater erfunden – wie wir immer behaupten. Die Kunst muss immer zu improvisieren – insofern kann das Theater jetzt relativ gut auf diese


F ä ll t Regularien eingehen. Aber es ist natürlich sehr tragisch und traurig, weil Theater etwas Sinnliches ist und es darum geht, dass man gemeinsam in einem Raum etwas erlebt und da auch Grenzen ausgetestet werden. Was macht eine Dramaturgin am Theater Rampe? Im Gegensatz zur dramaturgischen Arbeit an einem Stadt- oder Staatstheater bin ich eher seltener bei Produktionen direkt dabei. Ich arbeite vor allem viel in der künstlerischen Leitung mit. Gemeinsam mit Martina Grohmann und Marie Bues überlege ich mir Konzepte, wir schreiben Anträge für Projekte, reden über Kooperationen oder ich repräsentiere das Theater Rampe stellvertretend für die beiden. Ich mache auch viel Vermittlung, frage mich also, wie unsere Inhalte an unser Publikum vermittelt werden können, leite Gesprächsreihen und lade Gäste aus der Stadt ein. Ich bin leider mehr in meinem Büro am Computer als im Theaterraum. Bei einzelnen Projekten bin ich aber auch als Produktionsdramaturgin dabei. Das bedeutet, dass ich gemeinsam mit den Gruppen an der Entwicklungsphase beteiligt bin und einen Blick von außen erhalte, jedoch nicht zu tief in die künstlerische Arbeit einsteige. Ich reflektiere immer wieder und schaue, was funktioniert. Was sind eure Pläne für die Zukunft? Wir hatten am 5. Dezember 2020 eine Premiere mit Backsteinhaus geplant, ein Tanzstück. Leider haben die Theater weiterhin zu, also konzentriere ich mich auf die längerfristigen Projekte, die im Sommer geplant sind, wie die Arbeit mit dem Volks:theater Rampe. Außerdem, in Bezug auf Corona, machen wir uns natürlich auch Gedanken über das digitale Theater. Zum Beispiel sind wir mit der digitalen Theaterplattform „SPECTYOU“ im Gespräch, die nächstes Jahr ein Festival plant, das digitale und analoge Hybridformate zusammen bringt. Ich denke, das ist eine Frage, die uns auch in Zukunft noch weiter begleiten wird – wie die Sinnlichkeit des Theaters auch in den digitalen Raum übertragen

Paula Kohlmann auf der Open Stage des Volkstheaters, Foto: Dominique Brewing

werden kann. Auch der öffentliche Raum hat eine neue Bedeutung bekommen und muss unbedingt weiter bespielt werden – mit neuen und anderen Geschichten, die nicht nur von Abstand erzählen, sondern auch Begegnungen möglich machen. ■ Das Raketenradio ist eine Möglichkeit, die Rakete zu unterstützen und bietet spannende kulturelle Inhalte: https://steadyhq.com/de/raketenradiostuttgart

Text: Maria Gazarjan Layout: Julia Haible Fotos: Theater Rampe

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Interview • Trigger-Warnung: Suizid

Seifenblasen zwischen grauen Wänden Piepende Geräte, spitze Nadeln und triste Wände: Krankenhäuser sind keine schöne Umgebung, um dort seine Kindheit zu verbringen. Um eine Prise Humor in den Alltag der kleinen Patient:innen zu streuen, besucht Mirjam Avellis Kinderkrankenhäuser. Ein Interview darüber, wie man Licht in dunkle Zeiten bringt. Mirjam, du bist als Klinikclown in ganz Bayern unterwegs und schenkst kranken Kindern ein Lächeln. Kannst du einen Einblick in deinen Alltag geben? Ich gehe als Dr. Augustine Zottl ins Kinderkrankenhaus und erlebe Geschichten, die mich hinter meiner Clownsfassade ergreifen. Ich erinnere mich noch an einen Fall, als eine Krankenschwester vor dem Einsatz kurz vorbei geflitzt ist. Sie erzählte mir die Hintergrundgeschichte, die ich sonst eigentlich nicht unbedingt wissen muss: Die Mutter ist mit dem

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vierjährigen Kind von der Brücke gesprungen und dabei gestorben. Das Mädchen überlebte, hat aber seitdem kein Wort mehr geredet. Nachdem wir bei ihr waren, kam eine Schwester und sagte: „Das Kind hat wieder gesprochen.“ In der Sekunde hatte ich einfach wahnsinnig Gänsehaut. Wie verwandelst du dich von Mirjam Avellis zu Dr. Augustine Zottl? Der Clown ist natürlich ein Teil von mir auf eine Art. Trotzdem kann man über die normalen


gesellschaftlichen Barrieren springen und verrückt sein. Dazu kommt, dass viele von uns Klinikclowns sehr knallig bunte Kostüme an-haben. Darüber tragen wir einen weißen Kittel, auf dem hinten das große Klinikclown-Emblem drauf ist. Dann schminke ich mich und setze meine Nase auf. Außerdem geht man immer mit einem weiteren Clown von Zimmer zu Zimmer. Deshalb ist es wichtig, sich vorher mit dem:der Partner:in auszutauschen. Manchmal machen wir zu zweit kleine Aufwärmspiele. Danach ist man so in Laune, dass es mit der Liste in der Hand los geht. Wenn ich die Umkleide verlasse, dann ist die Zottl da.

kommt nicht zurück, dann suche ich einen anderen Weg.

Worauf musst du achten, wenn du das Krankenzimmer betrittst? Wir klopfen an die Tür, dann fragen wir, ob wir reinkommen dürfen. Im Zirkus gibt es vorgefertigte kleine Nummern, die wiederholbar abzuspielen sind. Bei uns wird spontan auf das Kind passend abgestimmt, was da gerade gespielt wird. Wie das Spiel sich dann kreiert, ob das laut, wild, bunt und lustig ist oder ganz zart, leise und poetisch ist, das hängt sehr davon ab, auf was das Kind eingeht. Das ist wie Ping Pong: Wenn ich merke, mein ausgespieltes Ping

Verlierst du manchmal dein Lächeln? An manchen Stellen hat mich die Arbeit schon belastet. Dann bekommen wir vom Klinikclown-Verein Hilfe in Form von Supervision gestellt. Aber im Normalfall hilft der:die Spielpartner:in schon ganz viel. Das Wunderbare ist, man hat vorher und nachher meistens etwas Zeit und kann darüber reden. Und, das hört sich jetzt blöd an, aber der Tod ist so etwas, das durch den Beruf viel mehr dazu gehört. Es relativiert sich so viel durch die Erfahrungen.

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Es scheint so, als würde man nie so genau wissen, was einen hinter der Tür erwartet. Gerade bei der onkologischen Station, auf der auch krebskranke Kinder behandelt werden, ist das so. Ich öffne die Tür und die Mutter kommt mir entgegen. Ich bin schon im Kostüm als Zottl und ganz lustig drauf und sie fällt mir einfach um den Hals und weint. Da weiß ich schon, was Sache ist. Dann fliege ich erst mal aus der Rolle raus. Ich bin dann einfach für sie da und zwar als Mirjam.

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Zottl

Stichwort Erfahrung: Welche drei Fähigkeiten muss man als Klinikclown mitbringen? Fingerspitzengefühl, Empathie und Improvisationstalent. Empathie gerade für Kinder, die Angst vor Clowns haben? Es gibt tatsächlich nicht gerade wenige Kinder, die Angst vor uns haben. Dadurch, dass ich den weißen Kittel trage, erschrecken sich manche erst mal. Denn wenn dich ein Ärzt:innen mit einem solchen Kittel schon so oft gestochen hat, dann bist du prinzipiell eher zurückhaltend. Sollte die Angst massiv sein, ziehen wir uns sofort zurück. Wir wollen auf keinen Fall ein weinendes Kind im Zimmer hinterlassen. Aber mit Fingerspitzengefühl finden wir oft einen Weg, um eine Brücke zu den Kindern zu bauen. Unser Werkzeugköfferchen hilft da ebenso. Ich packe meinen Werkzeugkoffer und nehme mit … ? Luftballons zum Tiere bauen, Seifenblasen oder Instrumente. Aber auch Techniken gehören dazu, die man sich über die Jahre angeeignet hat. Dazu gehört zum Beispiel das Nachahmen der Kinder, um sie abzulenken.

Seit 21 Jahren besucht du nicht nur Kinderkrankenhäuser, sondern auch Altenheime. Wir sehen die Senior:innen wöchentlich: Von da an, wenn sie in das Heim kommen, bis sie sterben. Viele sind traurig und wollen nicht mehr leben. Letztens hatte ich eine schöne Begegnung mit einer sehr alten Dame, die früher ein Tanzstudio hatte. Mit einer Hand am Stock gestützt, mit der anderen am Geländer haltend, hat sie uns Steppschritte gezeigt. Wir mussten sie nachmachen und sie hat uns korrigiert. Am Schluss hat sie gesagt: „Allein wegen euch würde ich noch mal ein Stückchen länger leben wollen.“ Das sind Geschichten, mit denen ich total erfüllt nach Hause gehe und mir denke: Es macht einfach Sinn. Gut, ich werde damit nicht zur Millionärin werden, aber zumindest kann ich mich darüber freuen, wenn ich in den Zimmern etwas zum Leuchten gebracht habe. Wie können wir alle ein Stück unbeschwertes Clown-Sein in unser Leben bringen? Man sollte nie vergessen, dass Lachen so ein wundervolles Mittel ist, damit einem das Leben leichter fällt. Gerade in Krisensituationen, wie dieser, hilft Humor einem dabei, die Dinge auf eine andere Weise zu sehen und neue Perspektiven zu bekommen. Wichtig ist einfach, dass man mit Anderen über sich selbst lachen kann. Wir gehen immer ohne Erwartungen an das Kind in die Zimmer rein. Das Einzige, das wir hinterlassen wollen, ist ein Stück Licht oder Sonne oder Leichtigkeit, ein Stück Fantasie, ein Stück Seifenblasen-Eintauchen. ■ Mehr Informationen zu Mirjam und dem gemeinnützigen Verein KlinikClowns e.V. findet ihr auf www.mirjam-avellis.de und www.klinikclowns.de.

Text: Alina Braun Layout: Lena Rixinger Fotos: Alina Braun

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Mehr Informationen zu Mirjam und dem gemeinnützigen Verein KlinikClowns e.V. findet ihr auf www.mirjam-avellis.de und www.klinikclowns.de

„Das Einzige, das wir hinterlassen wollen, ist ein Stück Licht oder Sonne oder Leichtigkeit, ein Stück Fantasie, ein Stück SeifenblasenEintauchen.“ Mirjam Avellis

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t r e i t r e Introv Stille Wasser sind unerwünscht Introvertierte verstecken sich oft hinter einer extrovertierten Maske. Wann ist das hilfreich und wann zerstörerisch? Ich fühle mich oft unwohl und beklemmt. Die westliche Gesellschaft macht es Extrovertierten leichter als uns Introvertierten. Ihnen scheint sie perfekt zu passen, fast schon maßgeschneidert. Wir müssen uns anstrengen, denn die Welt ist nicht nur wie für Extrovertierte gemacht, sondern hegt auch viele Vorurteile gegen uns. Es heißt: Introvertierte sind schüchtern, sind Einzelgänger:innen, mögen keine Menschen. Das stimmt nicht unbedingt. Was die beiden Persönlichkeitstypen eigentlich unterscheidet ist, wie sie Energie tanken. Sie brauchen Zeit mit anderen Menschen, wir brauchen Zeit mit uns selbst. Wir erfüllen also nicht die Anforderungen eines extrovertierten Ideals, welches in unserer Gesellschaft herrscht. Deshalb tragen viele Introvertierte eine Maske. Introvertierte fertigen die unterschiedlichsten Masken an – mit Federn und Perlen bestickt oder auch ganz schlicht. Manche trennen sich niemals von ihrer Maske, während andere sie nur zu besonderen Anlässen aus der Schublade kramen. Diese Maske kann schützen, aber auch zerstören. Die Maske versteckt das wahre Ich oder verschleiert es zumindest. Wir wissen, oder meinen zu wissen, wie uns Andere sehen wollen, was sie von uns erwarten. Mit diesem Bild im Kopf haben wir unsere Maske angefertigt. Setzen wir sie selten ab, kann uns das krank machen und wir vergessen, wer sich unter der Maske verbirgt. Was wollen wir vom Leben, was brauchen wir vom Leben? Leere. Es kann lange dauern, bis man sich wiedererkennt, bis man die Antworten in sich wiederfindet. Paradoxerweise kann uns gerade eine Maske dabei helfen. Denn die Maske kann uns auch schützen und Erfahrungen ermöglichen, die uns ansonsten entgangen wären. Sie schützt uns davor, dass wir abends ausgelaugt

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in uns zusammenfallen. Außerdem verhindert die Maske, dass wir zu viel verpassen, was uns wichtig ist. Sie verhindert, dass wir ein wichtiges Vorstellungsgespräch sausen lassen, uns am Tag einer Präsentation krankmelden oder die Party unserer besten Freundin absagen. Sie ermöglicht uns, neue Freundschaften zu knüpfen oder für etwas einzutreten, was uns am Herzen liegt. Wenn wir die Maske bewusst tragen, können wir herausfinden, was uns wichtig ist und was wir wollen. Um uns nicht zu verlieren, müssen wir die Maske oft abnehmen; so oft, wie möglich. Gleichzeitig müssen wir entscheiden, wofür wir sie wieder aufsetzen möchten. Wir erleichtern unser Leben, wenn wir uns die Erlaubnis geben, viel Zeit allein zu verbringen, oder auch mit den engsten Freund:innen. Außerdem müssen wir uns wichtige Fragen stellen: Was erfüllt uns und gibt uns Kraft? Wo liegen meine Grenzen und was ist es mir wert, die Maske aufzusetzen? Jeder von uns hat andere Grenzen und jeder hat andere Wünsche ans Leben. Das Wichtige ist, dass wir unsere kennen und würdigen. Unser Umfeld wird sich so schnell nicht ändern, die Vorurteile nicht so schnell verschwinden. Die Maske kann uns in der Zwischenzeit helfen und schützen, solange wir sie bewusst aufsetzen. Dann können wir uns wohl und frei fühlen. Vielleicht schreiben wir sogar einen Text über Introvertierte und ihre Maske, weil uns das Thema wichtig ist. Für die Abgabe setzen wir unsere Maske auf, weil wir es ohne sie nicht schaffen würden. So wie ich gerade. ■ Text: Karla Denzer Layout: Deborah Adar


„Es kann lange dauern, bis man sich wiedererkennt, bis man die Antworten in sich wiederfindet.“ Karla Denzer

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Kommentar

Zwischen Authentizität und Inszenierung 2018 nutzten eine Milliarde User:innen Instagram – sie liken, kommentieren, posten Bilder von Haustieren, der Natur und natürlich auch sich selbst. Soziale Netzwerke verbinden Menschen, bringen sie zusammen und werden vorrangig zur Kommunikation, aber vor allem auch zur Selbstdarstellung genutzt. Welche Folgen hat das für unsere Psyche? Die sozialen Medien machen krank. Das weiß ich, das weißt du, das wissen wir alle. Psychische Krankheiten nehmen zu, wenn wir 24/7 mit scheinbar perfekten und normschönen Körpern konfrontiert werden. Sehe ich selbst nicht so aus wie die zahllosen Influencer:innen, kann das auf Dauer zu einem verschobenen Selbstbild und Minderwertigkeitskomplexen führen, da immer der Vergleich zu den anderen da ist. Mir war das tatsächlich lange nicht bewusst – ich habe gescrollt, geliked und mich immer schlechter gefühlt.

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Dabei war ich immer zufrieden mit mir, meinem Aussehen, meiner Art. Und irgendwann haben sich die dunklen Gedanken eingeschlichen, ich stand länger vor dem Spiegel als nötig und fühlte mich immer schlechter. Bis ich herausgefunden habe, dass es mit meinem Konsum der sozialen Medien zusammenhängt, hat es eine ganze Weile gedauert – und noch länger, bis ich mir eingestehen konnte, dass sehr vieles mit Inszenierung zu tun hat. Inszenierung ist kein neues Phänomen – ich kenne den Begriff vom Theater, bei dem eine


Medien von sich zeigen, wirklich echt ist? Dass sie die Instagram-Story nicht fünf Stunden vorher gedreht haben, mit perfektem Make-Up, perfektem künstlichen Licht? Dass sie keine Maske tragen und für die Kamera fröhlich sind, obwohl es ihnen nicht gut geht?

Geschichte auf eine bestimmte, bewusste Art und Weise gestaltet wird. Auf die sozialen Medien bezogen bedeutet das, es wird genau geplant, was auf dem Bild zu sehen ist, aber dort hört es nicht auf: Durch verschiedene Filter kann das Bild noch mehr verändert werden, bis es wirklich perfekt ist. Diesen Prozess bekommen die Follower:innen nicht zu sehen – sie sehen nur das Resultat und nicht die Arbeit, die dahintersteckt. Wie viel am Ende wirklich real ist, weiß ich als Follower:in streng genommen nicht. Photoshop-Fails passieren und fallen auf, aber meist sind die Änderungen so dezent, dass es mir nicht auffällt, wenn ich nicht genau darauf achte. Und das hat mir lange Angst gemacht und dafür gesorgt, dass ich vielen Leuten entfolgt bin, deren Content ich eigentlich gerne mochte. Aber es sind nur kleine Ausschnitte, die Menschen im Internet von sich zeigen und preisgeben. Ein solcher Ausschnitt reicht jedoch schon, dass unser Gehirn denkt, dass wir an ihrem Leben teilhaben und alles von ihnen wissen. Nach der social comparison theory beginnt damit das Denken, dass wir wie die Menschen sein wollen, denen wir auf sozialen Netzwerken folgen. Wer sagt mir aber, dass das, was die Influencer:innen in den sozialen

Weil wir so viel Vertrauen in die Influencer:innen haben, mit denen wir tagtäglich in den sozialen Medien konfrontiert sind, werden diese zu Vorbildern. Nicht nur, was das Kaufverhalten oder die Werte angeht, die sie vorleben. Vor allem aber werden Schönheitsideale geschaffen, die von Filtern und bearbeiteten Bildern dominiert sind und daher nichts mit der Realität zu tun haben. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb geht der Trend in den letzten Jahren zur Natürlichkeit: Es ist nicht immer alles bunt und alle sind glücklich, auch die Schattenseiten des Lebens werden gezeigt. Und vor allem werden unter dem Hashtag #nofilter Bilder geteilt, in denen Menschen sich ohne Filter zeigen. Ganz natürlich mit allen Makeln, die sie haben und die zu ihnen gehören. Und das hilft mir, mich selbst zu akzeptieren und mir zu zeigen, dass ich normal bin. Ich bin niemand, der zu Selbstdarstellung neigt: Ich mag es nicht, wenn ich fotografiert werde, wenn ich ganz genau planen muss, was ich sage, poste, wie ich auf Fotos posiere. Aber Inszenierung gehört dazu – jeder Mensch inszeniert sich, sei es in den sozialen Medien oder im echten Leben. Dabei darf jedoch die Authentizität nicht verloren gehen. Und das einzusehen hat mir geholfen, mich selbst mehr zu akzeptieren. ■

Text: Sophia Suckel Layout: Minh Chau Pham

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Fünf Lebensweisheiten aus

e c a R g a r D aul‘swir lernen können uPdenen Raus Zwölf reguläre Staffeln, fünf All Stars-Staffeln in den USA, Ablegerserien und unzählige Miniserien: Das Serienuniversum von RuPaul’s Drag Race ist umfangreich. Mitunter machen die Zitate von Drag-Ikone RuPaul die Show zu dem Hit, der sie ist. Von diesen Weisheiten können nicht nur Fans etwas lernen.

“If you can‘t love yourself, how the hell are you going to love somebody else?” - RuPaul Charles

“The only thing wrong with me was that I thought there was something wrong with me.” - Courtney Act

Eines der häufigsten Zitate – die die Show definieren – ist ein Appell an die eigene Selbstakzeptanz und ein Aufruf sich selbst zu lieben. RuPaul beendet jede Episode mit diesem Spruch, auf den ein kollektives „Amen!“ der Kandidat:innen folgt. Allein die Häufigkeit, mit der dieses Zitat in der Serie auftaucht, macht klar, wie wichtig Selbstliebe im Leben von RuPaul ist. Aus dieser Zufriedenheit mit sich selbst folgt ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, das besonders in schweren Zeiten einen entscheidenden Unterschied machen kann.

In Bezug auf Selbstakzeptanz können die meisten noch etwas von Courtney Act lernen. Viele werden erwachsen und sind überzeugt, dass etwas mit ihnen falsch sei, äußerlich oder innerlich. Gesellschaftliche Normen beeinflussen beispielsweise die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Doch Anderssein ist ein Alleinstellungsmerkmal, das zu einer Stärke werden kann, wenn man es nur akzeptiert.

“Not today, Satan. Not today.” - Bianca Del Rio

“I want people to realize it‘s OK to make mistakes, it‘s OK to fall down. Get up, look sickening and make them eat it!“ - Latrice Royale

Dieses eher amüsante Zitat stammt von Comedy-Königin Bianca Del Rio aus der zwölften Episode der sechsten Staffel. Sie bezog sich damit auf eine Mitstreiterin, die sie runterziehen wollte, indem sie ihr Aussehen auf dem Laufsteg ungerechtfertigterweise kritisierte. Was wir daraus lernen können? Wenn der Teufel – in den meisten Fällen eine Person – versucht, uns zu Fall zu bringen, lassen wir das einfach nicht zu und vertrauen stattdessen auf die eigenen Fähigkeiten.

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In einer Rede im großen Finale der vierten Staffel preist Fan-Favorit Latrice Royale das Wiederaufstehen an, nachdem man einen Fehler gemacht hat. Fehler an sich seien nicht schlimm, solange man weitermache. In dem für sie typischen Drag Queen-Slang schafft sie es, ein Bild in den Köpfen zu erzeugen, das motiviert, nach Rückschlägen wieder aufzustehen.


“I feel like you‘re being sabotaged by your inner saboteur.” - RuPaul Charles In der Serie kommt es häufig vor, dass Drag Queens nach einer Weile an ihrem Talent und ihren Fähigkeiten zweifeln. Das wiederum beeinflusst ihren Auftritt vor den Jurymitgliedern oft zum Negativen. So auch bei Trinity K. Bonet in der siebten Episode von Staffel sechs. RuPaul gibt seinen Schützlingen Rat mit dem Bild des inneren Saboteurs, der den DragRace-Kandidat:innen erzählt, sie seien nicht gut genug und sollten am besten gleich aufgeben – etwas, was viele Menschen nur allzu gut kennen. Mit dem Bild der inneren sabotierenden Stimme werden die zerstörerischen Gedanken greifbar und man kann gegen sie ankämpfen. ■ Text: Laura Bongard Layout: Lena Dagenbach Grafik: Evelyn Krix

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Trigger-Warnung: Psychische Erkrankungen

Verständnis statt Ignoranz Corona treibt die Zahlen der psychischen Erkrankungen weiter in die Höhe und trotzdem ist das Thema noch immer scham- und schuldbehaftet. Ein Gespräch mit dem psychologischen Psychotherapeuten Dr. Gabriel Kornwachs zeigt: Es sollte sich langfristig etwas ändern. Der Alltag zerfließt zu einem grauen Brei. Es gibt neuen Erkrankungen führen und es kann die kaum ein erwähnenswertes Ereignis, selbst die Krankheitsverläufe von bereits Erkrankten Wochentage verlieren an Bedeutung. Corona deutlich negativ beeinträchtigen“, so Gabriel und der Lockdown haKornwachs, psychologiben viel verändert. Sozischer Psychotherapeut. „Nach dem ersten Lockdown ale Isolation statt Party, Wie psychische Erkranmusste man plötzlich wieder Homeoffice statt gemeinkungen entstehen, lässt normal funktionieren und den samer Kaffeepause. Da sich am DiatheseAlltag bewältigen. ist es kaum verwunderStress-Modell erklären. Aber das hat bei mir nicht mehr lich, dass psychische ErEs beschreibt die Wechso einfach funktioniert, krankungen zunehmen. selwirkungen zwischen weil sich mein Leben Genaue Daten stehen in der Krankheitsneigung komplett verändert hatte: Deutschland noch aus und Stress. Das heißt, Ich habe meine Freunde und für eine genaue Bewenn zu traumatischen wochenlang nicht mehr wertung der psychischen Ereignissen, einer psygesehen, die normale Langzeiteffekte ist es zu chologischen oder genefrüh. Wohin aber die Ent- Alltagsroutine hat gefehlt und die tischen Vorbelastung Flut an besorgniserregenden wicklung geht, ist jetzt Stress dazu kommt, kann Nachrichten hat mich schon klar. An Depressioeine psychische Erkranständig negativ gestimmt.“ nen, Angststörungen und kung entstehen. Dieser anderen psychischen ErStress kommt momentan krankungen sind vor alzum Beispiel durch die Madeleine Kächele lem während der strenAngst um seinen Arbeitshat seit Ende des ersten geren Lockdown-Phasen platz, die Sorge um die eiLockdowns eine Angststörung. mehr Menschen erkrankt. gene Gesundheit oder Laut der Techniker Krandie Befürchtung andere kenkasse haben die psychischen Erkrankungen anzustecken, zustande. Corona nimmt den fast 20 Prozent des gesamten Krankenstandes Menschen das beste Antidepressivum, nämlich im ersten Halbjahr 2020 ausgemacht. die sozialen Kontakte, Struktur im Alltag, eine regelmäßige Aufgabe und Sport. Corona als Dauerstress „Für uns alle und insbesondere für diejenigen, Frische Luft und Sonne die zuvor schon vulnerabel gegenüber psychi- Bisher ist noch kein Ende der Pandemie in schen Erkrankungen gewesen sind, ist Corona Sicht. Was kann man also tun, gegen die düsteeine massive Stressbelastung. Dies kann zu ren Gedanken, die Angst, die Einsamkeit?

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Gerade jetzt sollte man den Blick auf die Klei- Kontakt nicht vollständig, es ist für Patient:in nigkeiten richten. Ein Spaziergang im Wald, fri- und Therapeut:in besser, sich tatsächlich zu sesche Luft und Sonne. Eine Verbindung zu Freun- hen. Vorübergehend sind sie allerdings eine den über das Telefon oder per Videochat gute Alternative“, meint Kornwachs. beizubehalten ist wichtig. Gabriel Kornwachs fasst es zusammen: „Hilfreich ist es zu versu- Nicht jede:r sollte therapieren chen, möglichst wenig damit zu hadern, was Als Angehörige:r fühlt man sich schnell überforjetzt nicht mehr geht, sondern sich vielmehr dert. So groß der Wunsch ist, helfen zu können, darauf zu konzentrieren, was aktuell möglich so belastend auch die Sorge, irgendetwas Falist. Hierzu braucht es meist viel Frustrationsto- sches zu sagen. Scheint doch jeder Satz zu eileranz, einen starken Kampfgeist, Anpassungs- ner bedeutungslosen Floskel zu werden. „Bei fähigkeit und Kreativität. psychischen ErkrankunDas ist eine enorme Hergen steht oft das Thema „Natürlich versuche ich, ausforderung und leichSchuld im Raum. Es ist mein Mitgefühl zu zeigen ter gesagt als getan. In wichtig zu sehen, dass und mein Bestmögliches zu tun. der Therapie werden daran niemand Schuld Aber wenn man selbst hierfür hilfreiche Stratehat“, so Kornwachs. Aukeine Panikattacken hat, gien und Lösungsansätze ßerdem sei es bedeutfällt es schwer zu verstehen, erarbeitet. Wenn das gesam, dass man als Angewas der oder die Betroffene lingt, ist das meist ein guhörige:r nicht denke, man braucht und wie man ter erster Schritt in Richmüsse therapieren. Man helfen kann.“ tung Akzeptanz und könne aber bereit sein für Veränderung zum Positiein Gespräch und die eiAnna Kächele, Autorin ven.“ Sollte man durch gene Sorge ausdrücken. Ihre Schwester hat eine seine Gedanken nicht Angststörung. mehr aus dem Bett komPsychische Erkrankunmen und den Alltag nicht gen als Tabu mehr bewältigen könPsychische Erkrankunnen, dann ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen. gen haben in den letzten Jahrzehnten deutlich „Je früher man sich Hilfe holt, desto günstiger zugenommen und trotzdem ist das Thema imist durchschnittlich die Prognose der Behand- mer noch mit Scham behaftet. Jährlich werden lung“, so der Psychotherapeut. am Tag der mentalen Gesundheit im Oktober die Forderungen laut, offener mit psychischen Das Problem? Die Hälfte der an Depressionen Erkrankungen umzugehen. „Jede:r kann für erkrankten Menschen hat im ersten Lockdown sich entscheiden, wie viel er oder sie in der Themassive Einschränkungen in der Behandlung rapie erzählt und in welchem Tempo. Ein Proberlebt. Laut einer Studie der deutschen Depres- lem ist immer wieder, dass Betroffene sich von sionshilfe berichtet jede:r zweite Betroffene ihren Mitmenschen nicht verstanden oder stigvon ausgefallenen Behandlungsterminen bei matisiert fühlen. Dies erschwert es ihnen Fachärzt:innen oder Psychotherapeut:innen manchmal, Hilfe annehmen zu können. Psychiwährend des Lockdowns. Jede:r zehnte Be- sche Erkrankungen sind oftmals leider noch fragte erlebte sogar, dass ein geplanter Klinik- immer mit dem Thema Schwäche konnotiert. aufenthalt nicht stattfinden konnte. Um die Das ändert sich aber langsam. Hierfür braucht Versorgungslücke zu schließen, werden Video- es noch mehr Information und Aufklärung, wie Sprechstunden angeboten. 85 Prozent der Pati- psychische Erkrankungen entstehen und wie ent:innen bewerten diese positiv. „Video- sie behandelt werden können“, meint KornSprechstunden ersetzen den persönlichen wachs.

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Vielen Menschen fällt es noch immer schwer, Dinge zu erkennen, die man nicht sofort sieht. Kein fehlendes Bein, Brandnarben oder andere äußerliche Hinweise darauf, was die Person erlebt hat. Sobald es um inneres Leiden geht, fehlt es oft an Verständnis und Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Das macht psychische Erkrankungen aus Im Frühjahr vergangenen Jahres hat eine Gruppe Abiturient:innen eine Petition gestartet, die fordert, dass den psychischen Krankheiten von Schüler:innen in den Schulen künftig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Auch Kornwachs fände es sinnvoll, wenn Lehrer:innen schon im Studium für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiert würden. „Meines Erachtens sollten auch Lehrer:innen grob über psychische Erkrankungen Bescheid wissen. Sie sollen Schüler:innen nicht behandeln, jedoch wäre es auch für sie hilfreich und entlastend zu wissen, auf welche Anzeichen einer psychischen Erkrankung sie bei ihren Schüler:innen achten können.“

Auf Merk Sam keit

Doch es liegt nicht allein an den Lehrer:innen. Auch Arbeitgeber:innen können sich bemühen, ein besseres Arbeitsklima zu schaffen. Entscheidungsspielraum lassen, eine mitarbeiterorientierte Führung, Kollegialität und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung haben positive Wirkungen. Mit der psychischen Gesundheit geht auch die Leistungsfähigkeit einher, also eine Win-Win-Situation. Abgesehen von den Video-Sprechstunden und der Einhaltung der Hygieneregeln hat sich in Gabriel Kornwachs Berufsalltag nicht viel verändert. Doch die Nachfrage ist gestiegen, die Leute sind belasteter und gewisse Themen sind sehr präsent. Für die herausfordernde Zeit, die vor uns liegt, gilt also: Verständnis statt Ignoranz und Aufmerksamkeit für andere statt des eigenen Tunnelblicks. ■

Dr. Gabriel Kornwachs ist psychologischer Psychotherapeut, der in Stuttgart seine eigene Praxis führt. Er behandelt Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Außerdem lehrt er an der Universität Tübingen.

Text: Anna-Sophie Kächele Layout: Minh Chau Pham Foto: Anna-Sophie Kächele

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Maskenmingle? Gesichtsausdrücke lassen sich schwerer deuten, wenn eine Hälfte des Gesichts fehlt. Trotzdem hat das Tragen einer Maske eine Aussage- und manchmal sogar Anziehungskraft.

Grimmig/lächelt Grimmig/lächelt sie sie mich mich an? an? Ich Ich deute deute ihre ihre Augenbrauen. Augenbrauen. Galt Galt das das sweete sweete Zwinkern Zwinkern mir? mir? Darf Darf ich ich diesen diesen Augen Augen trauen? trauen? Oder Oder hat hat sie sie nur nur gegähnt? gegähnt? Ungeniert, Ungeniert, wie wie alle alle hier? hier? Keine Keine Hand Hand mehr mehr vor vor dem dem Mund, Mund, Nein, Nein, no no Knigge, Knigge, nur nur Papier. Papier. Manche Manche sind sind noch noch ungenierter ungenierter Und Und verhüllen verhüllen nur nur ihr ihr Kinn. Kinn. Sie Sie macht‘s macht‘s besser, besser, als als die die Trottel. Trottel. Sie Sie weiß, weiß, dass dass das das so so nichts nichts bringt. bringt. Schlau Schlau und und stark, stark, das das sehr, sehr, sehr sehr sexy. sexy. Zeigt Zeigt nichts nichts zeigend zeigend Solidarität. Solidarität. Unter Unter dem dem provokanten provokanten Stück Stück Stoff Stoff Steckt Steckt safe safe die die schönste schönste Nase Nase der der Welt. Welt.

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Text: Anne Meister Layout: Evelyn Krix Grafik: Evelyn Krix

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Hinter großen Marken Kinderarbeit in der Textilindustrie, Massentierhaltung in der Lebensmittelproduktion, Sklavenarbeit auf Kaffeeplantagen. Das alles wirkt sehr weit entfernt von den bunten Bildern und fröhlichen Jingles der Werbespots. Warum dürfen Marken sich solche Werbemasken aufsetzen? „Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso.“ Einer der berühmtesten Werbeslogans aller Zeiten. Haribos werden gleich mit Thomas Gottschalk, den berühmten bunten HariboGoldbeeren und lachenden Kindern assoziiert. Doch im Grunde ist der Satz nicht die ganze Wahrheit. Zugegeben, im ersten Moment machen Haribo-Gummibärchen jede:n froh, die oder der gerne Fruchtgummis isst. Doch die bunten Bären bestehen zu 46 Prozent aus Zucker. Bei ihrer Herstellung verwendet Haribo Gelatine, die aus Schweinehaut gewonnen wird. Auch das verwendete Karnaubawachs, mit welchem die Haribos überzogen sind, kommt aus Palmen des Amazonas. Der ARDMarkencheck deckte 2017 auf, dass die Arbeiter:innen auf diesen Plantagen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. „Ich liebe es!“ Mit diesem Spruch wirbt McDonalds in seinen Werbespots. In der Werbung sieht das alles immer sehr idyllisch aus: Eine weite grüne Wiese zieht sich über ein malerisches Tal.

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Ein kleiner Hof aus rustikalen Holzhäusern wird eingeblendet. Ein sympathischer und bodenständiger Bauer fährt lachend mit seinem Traktor über das Feld und sieht zu seinen Kühen, die fröhlich und unbeschwert auf der saftigen Wiese grasen. Doch was die Werbung nicht zeigt ist, dass McDonalds immer noch Fleisch aus der Massentierhaltung bezieht. Was die grüne saftige Wiese in einen grauen, von Exkrementen bedeckten Betonboden verwandelt. Auf dessen Grund unter grauenhaften Umständen Tiere stehen, die nie einen sympathischen Bauern zu Gesicht bekommen. Darf Werbung lügen? Haribo und McDonalds sind dabei nur ein paar wenige Beispiele von vielen. Den meisten großen Hersteller:innen geht es in erster Linie um Gewinn und somit darum, möglichst viele Kund:innen anzusprechen, gleichzeitig, aber auch kostengünstig zu produzieren. Auch wenn wir es als Konsument:innen ungern zugeben: Werbung wirkt teilweise beeinflussend. Wie der niederländische Psychologe Johan Karremans von der Universität Nijmegen herausfand. Wer hätte nicht gerne über Nacht makellose Haut


Werbung weckt in uns Träume und HofFnungen und vor allem Bedürfnisse,von denen wir vor dem Werbespot nicht einmal wussten. oder wäre plötzlich unfassbar beliebt und erfolgreich, wenn dafür nur ein Produkt gekauft werden müsste? Laut § 5 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, darf Werbung nicht täuschend und irreführend sein. Aber ihr ist es erlaubt, zu übertreiben und unerfüllbare Versprechungen zu machen, solange deutlich zu erkennen ist, dass es sich um eine Werbung handelt. Die Konsumierenden der Werbebotschaft sind nämlich selbst dafür verantwortlich zu erkennen, dass die werbliche Darstellung übertreibt. Etwas suspekt bleibt es trotzdem,

dass wir anscheinend in einer Welt leben, die uns fast rund um die Uhr mit leeren Versprechungen und verschönerten Aussagen bewirft. Der Werbeindustrie wird schon seit etlichen Jahren vorgeworfen, die Konsument:innen zu manipulieren. Während in der Vergangenheit noch die reinen Produktvorteile beworben wurden, steht heute das Image der Marken im Fokus. Plötzlich haben Marken keine Produkteigenschaften mehr, sondern übermitteln Emotionen, als hätte die Marke selbst eine Persönlichkeit. Nike ist sportlich, Coca-Cola ist jung

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und frisch und Apple elegant. Diese Beschreibungen führen immer mehr dazu, dass sich die Zuschauer:innen mit den Marken identifizieren und eine emotionale Bindung zu diesen aufbauen. So erschaffen Marken ganze Fangemeinden – ohne, dass die Fans die gesamte Wirklichkeit der Marke kennen. Ein neuer Konsum Von Bekleidungsgeschäften über Spielzeughersteller bis hin zum Elektrohandel – alles was konsumiert wird, wird auch produziert. Das erschreckende dabei ist, dass uns die Werbemaßnahmen häufig ein Gefühl von einer Scheinwelt vermitteln. Wir als Konsument*innen sehen schon lange nicht mehr wie unsere

Konsumgüter entstehen. Auch das trägt entscheidend zum Problem des Überkonsums, Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung bei. Es ist völlig unmöglich, die ganze Wahrheit hinter einer Marke und der Herstellung zu erfahren. Aber zumindest ist es einen Versuch wert, Marken und Werbung zu hinterfragen, um sich der Wahrheit bzw. der Wirklichkeit etwas zu nähern. Natürlich lässt sich nicht über alles akribisch recherchieren. Genauso wenig lässt sich auf alles verzichten. Den eigenen Konsum zu hinterfragen kann aber dabei helfen, hoffnungslosen Werbeversprechen aus dem Weg zu gehen. Wer weniger kauft, trägt auch weniger Verantwortung. Konsum lässt sich reflektieren.

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Ein paar Beispiele, um hinter die Maske des eigenen Konsums zu blicken und diesen zu hinterfragen, sind folgende: › Notizen machen Einen Monat lang notieren, welche Produkte gekauft wurden. Nach einem Monat alles zusammenrechnen und schauen welche Dinge, man sich wortwörtlich hätten sparen können. › Leihen statt kaufen Egal ob Waffeleisen, ein Zelt oder ein Kostüm, irgendwer im Freundesoder Bekanntenkreis kann einem bestimmt aushelfen. Werden keine Dinge mehr gekauft, die nur einmal oder nur sehr selten gebraucht werden, spart das nicht nur Geld, sondern auch viel Platz. › Selbst kreativ werden Dekorationen, Geschenke und noch vieles mehr können häufig selbst gemacht werden. Dafür einfach Sachen verwenden, die bereits Zuhause herumstehen und nicht mehr gebraucht werden. Zeitungen lassen sich zum Beispiel bemalen und als umweltfreundliches Geschenkpapier verwenden. › Recyceln Sachen, die für ihren vorgesehenen Zweck nicht mehr zu gebrauchen sind, lassen sich manchmal noch zu

etwas Neuem um designen. T-Shirt lassen sich zu Putzlappen umfunktionieren und aus alten Socken lässt sich schnell ein Haargummi oder Hundespielzeug erstellen. › Bewusst kaufen Oft entstehen Kaufbedürfnisse spontan und werden nicht ausgiebig überdacht. Wenn das nächste Mal ein kurzfristiger Kaufwunsch aufkommt, den Wunsch mit Datum auf einen Zettel notieren. Dann zwei Wochen warten. Ist der Wunsch immer noch präsent, kaufen und freuen. Oft kommt es jedoch vor, dass der Wunsch nach einer gewissen Zeit nicht mehr so wichtig erscheint, manchmal gerät er sogar in Vergessenheit. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern auch jede Menge Geld. Im Grunde möchte niemand, dass für seinen Konsum Menschen, Tiere oder die Umwelt leiden. Diskussionen über Werbevorschriften, Unternehmensskandale und Werbeverbote werden fortlaufend geführt. An der gegenwärtigen Werbelandschaft ändert das bis jetzt nichts. Sein eigenes Kaufverhalten zu überdenken kann der erste Schritt sein, sich nicht mehr von Werbemasken blenden zu lassen. Bestimmt würden wir weniger kaufen, wäre Werbung nicht bewerbend, sondern informierend. Aber zumindest wüssten wir dann, was wir alles mit unserem Kauf bewirken. ■ Text: Jessica Morlock Layout: Svenja Fischer Fotos: (1) Unsplash/Muskan Gohrani (2) Unsplash/Marine Golfetto

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Essay

Sch

Das kriminelle Geschäft mit unseren Haustieren Große, dunkle Knopfaugen blicken auf Fotos entgegen. Ein Tier ist süßer als das andere. Dank Corona verbringen viele Menschen mehr Zeit zu Hause – und haben endlich Zeit, sich ein Haustier anzuschaffen. Wie praktisch, dass der zukünftige tierische Mitbewohner nur einen Klick entfernt ist. Auf Internetplattformen wie eBay Kleinanzeigen, Quoka und Co. finden sich haufenweise Anzeigen von süßen Tierkindern, die ein Zuhause suchen. Jede:r Händler:in kann dort Tiere völlig anonym verkaufen, weshalb besonders das illegale Geschäft floriert. Ein Welpenschicksal Mein Name ist Sammy und ich bin eine Schmuggelware. Dies ist meine Geschichte.1 Geboren wurde ich in einer dunklen, verdreckten Kiste. Umgeben von vier hohen Wänden und dem Gestank von Angst und Tod. Lange Zeit dachte ich, dass so die Welt aussieht. Es gab nur meine Geschwister, meine Mutter und mich. Manchmal streckte sich eine Hand in die Kiste und warf uns Futter zu. Ab und zu kam sie,

um eines meiner Geschwister mitzunehmen. Der Tag, an dem die kräftigen Finger auch mich packten, war der Tag, an dem ich zum ersten Mal die Sonne auf meinem Fell spürte. Doch nur kurz. Die Finger gehörten zu einem Menschen, der mich zu einem Fahrzeug trug. Ich wurde zu vier anderen Welpen in einen Käfig gesetzt, der nicht so dunkel war wie meine Geburtskiste, aber genauso klein. Wir konnten uns nicht bewegen, nicht umdrehen, es war viel zu eng. Unser Geschäft mussten wir direkt unter uns erledigen und darauf sitzen bleiben. Über uns, unter uns, neben uns – überall waren Käfige mit noch mehr Welpen. Ich roch Angst, ich hörte Wimmern. Ich vermisste meine Geschwister und meine Mutter. Lange Zeit gab es nichts außer dem Schaukeln und Brummen des Fahrzeugs und das vielstimmige leise Winseln. Ich wurde immer hungriger und durstiger und als ich es kaum noch aushielt, stimmte ich in das Weinen mit ein. Plötzlich stoppte das Schaukeln und Brummen und die Türen des Fahrzeugs öffneten sich. Die Sonne blendete mich und ich nahm nur verschwommen zwei Menschen wahr, die nacheinander die Käfige ausluden. Einer der beiden griff grob nach unserem Käfig und trug uns in ein Haus. Ich drückte mich zitternd an die anderen Welpen. Alles roch 1: Die Geschichte setzt sich aus Erfahrungsberichten verschiedener Quellen sowie der ehrenamtlichen Arbeit der Autorin und ihren Erfahrungen zusammen.

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hmuggelware

fremd. Mein Bauch tat schrecklich weh, so hungrig war ich. Schließlich stellte der Mensch unseren Käfig ab und öffnete ihn. Nach kurzem Zögern kletterten wir heraus. Der Mensch gab uns zu fressen und zu trinken – wir schlangen alles in wenigen Sekunden hinunter. Plötzlich kamen noch mehr Leute in den Raum und riefen uns lockend. Einer nahm mich hoch, betrachtete mich von allen Seiten. Ich konnte vor Aufregung nicht aufhören, mit dem Schwanz zu wedeln. Die Menschen sprachen lange miteinander. Schließlich nahm mich einer von ihnen mit zu sich nach Hause. Ich hatte jetzt einen eigenen Menschen! Die ersten Tage waren so aufregend. Alles war neu und musste erkundet werden. Doch am dritten Tag wollte ich nicht mehr aus dem Körbchen kommen. Mir war schlecht, mein Bauch war kugelrund und tat so schrecklich weh. Ich war so schrecklich müde und wollte nur noch schlafen. Als ich anfing mich zu erbrechen, brachten mich meine Menschen zum Tierarzt. Er stellte fest, dass die Angaben in meinem Gesundheitspass alle gefälscht waren. Außerdem war ich gerade mal fünf Wochen alt und hätte noch gar nicht von meiner Mutter getrennt werden dürfen. Mein Zustand verschlechterte sich schnell und ich erinnere mich nicht wirklich an die Zeit in der Tierklinik. Ich schlief und schlief und bereitete mich aufs Sterben vor. Die Ärzt:innen hatten mich schon fast aufgegeben, aber ich schaffte

es, mich wieder ins Leben zurück zu kämpfen. Als ich endlich wieder nach Hause durfte, freute ich mich sehr. Mittlerweile bin ich zu einem stattlichen Junghund herangewachsen, doch zum Tierarzt muss ich immer noch regelmäßig. Wegen meiner schlechten Vergangenheit bin ich sehr anfällig für Krankheiten. Ich hoffe, meine Geschwister haben es auch bis zu ihren Familien geschafft. Das kriminelle Netzwerk Sammys fiktive Geschichte basiert auf wahren Schicksalen vieler geschmuggelter Welpen. Ein Großteil der im Internet angebotenen Welpen stammen aus Osteuropa. Dort bildete sich in den letzten Jahren ein kriminelles Netzwerk aus Züchter:innen oder besser gesagt „Vermehrern“, Händler:innen, Fahrer:innen und Verkäufer:innen. Führende Produktionsländer für Welpen sind unter anderem Tschechien, Rumänien, Ungarn, Polen und die Slowakei. Aber mittlerweile werden auch Welpen aus dem Westen, zum Beispiel aus Belgien und den Niederlanden, importiert. Der illegale Welpenhandel ist ein lukratives Geschäft: Die Gewinnspanne beträgt pro Tier bis zu 1000 Euro. Die kriminellen Strukturen erschweren die Suche nach den Hintermännern. In den Nachrichten wird gelegentlich von illegalen Welpentransporten berichtet. Die Beamt:innen betrachten diese Beschlagnahmungen jedoch nur als Beiwerk,

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da sie nicht gezielt nach „Welpenschmuggel“ Ausschau halten. Die Dunkelziffer der unentdeckten Transporte ist hoch. Spitzenreiter im Welpenhandel ist die Slowakei. Im Land hat der Tierschutz nur eine untergeordnete Rolle. Die Zustände in den Zuchtbetrieben werden kaum kontrolliert und die Polizei hat keine gesetzliche Grundlage, um gegen schlechte Haltungsbedingungen vorzugehen. Dazu kommt, dass der Verkauf von Welpen aufgrund von fehlenden Gesetzen steuerfrei ist und die Händler:innen den reinen Gewinn erhalten. In Polen ist der Handel mit Tierkindern sogar eingeschränkt auf dem Wochenmarkt erlaubt. Hier kaufen nicht nur Privatleute zwischen Spielsachen, Autoreifen und Essensständen mal eben ihr neues Haustier. Auch Welpenschmuggler:innen knüpfen dort Kontakte. Die Produktionskette der sogenannten Welpen-Mafia ist sehr effektiv. In tierschutzwidrigen Zuchtanlagen werden Muttertiere als „Gebärmaschinen“ missbraucht, die einen Wurf nach dem anderen produzieren müssen. Die Rüden vegetieren meist in Einzelhaft vor sich hin. Sinkt die Produktivität der Elterntiere, werden sie getötet oder ausgesetzt und durch neue ausgetauscht. Die Welpen werden bereits nach wenigen Wochen von ihrer Mutter getrennt und für den Transport möglichst platzsparend in kleine Boxen gepfercht. Von der Grenzpolizei wurden in einem Sprinter schon über 100 Welpen in bis an die Decke gestapelten Kisten entdeckt. Am

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Zielort angekommen, werden die Tiere in Einkaufsstraßen, am Bahnhof, auf Parkplätzen, in Hinterhöfen und Wohnungen verkauft. Nicht selten sogar aus dem Kofferraum heraus. Aus Kostengründen wird bei den Elterntieren sowie beim Nachwuchs auf eine medizinische Versorgung verzichtet. Impfausweise und andere Papiere werden gefälscht. Bis den Käufer:innen auffällt, dass das gerade erst erworbene Haustier schwer krank ist, sind die Händler:innen bereits untergetaucht. Viele der verkauften Welpen sterben nach wenigen Tagen. Auf den Tierarztkosten, die oft mehrere Tausende Euro betragen, bleiben die Käufer:innen sitzen. Die Anonymität des Internets schützt die illegalen Händler:innen und erleichtert ihnen das Untertauchen und Anlegen von neuen Accounts. Die lückenhafte Gesetzeslage In Deutschland gelten Tiere rein rechtlich als Ware. Sie werden kaum von Gesetzen geschützt. Es gibt zwar ein Tierschutzgesetz, doch dies enthält eher Empfehlungen als klare Regeln und weist in vielen Bereichen große Lücken auf. Der Online-Handel mit Tieren findet quasi in einem rechtsfreien Raum statt, denn in Deutschland gibt es bislang keine spezifischen Vorschriften. Die Tierschutzorganisation PETA und der Deutsche Tierschutzbund fordern seit Jahren ein Heimtierschutzgesetz, damit Tiere nicht weiter in der Zucht und im Handel leiden

Ein Pop-Up auf eBay Kleinanzeigen, dass auf die Tier-Mafia aufmerksam macht.

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Welpenmafia müssen. Andere Länder sind in diesem Bereich deutlich weiter als Deutschland. Österreich verbietet bereits seit 2017 Privatpersonen den Verkauf von Tieren über das Internet. Das Online-Portal eBay Kleinanzeigen geht als gutes Beispiel voran und setzt seit dem 1. Oktober 2020 freiwillig schärfere Tierschutz-Grundsätze um. Es ist seitdem verboten auf der Plattform sogenannte Qualzuchtrassen anzubieten oder zu kaufen. Als Qualzucht werden Rassen bezeichnet, deren Zuchtmerkmale Schmerzen und gesundheitliche Probleme verursachen können. Dazu zählen zum Beispiel Möpse, die aufgrund ihrer platt gezüchteten Schnauzen zu Atemnot neigen. Außerdem hat eBay Kleinanzeigen das Mindestalter für die Abgabe von Hunden und Katzen von acht auf zwölf Wochen angehoben. Der Verleih von Tieren zu Zuchtzwecken und die Ankündigung von Nachwuchs sind ebenfalls seit Oktober verboten. Diese neuen Grundsätze sollen die massive Vermehrung von Haustieren eindämmen und deutsche Tierheime entlasten, die jährlich über 300.000 Tiere versorgen. Um den illegalen Tierhandel einzuschränken, dürfen auf der Plattform nur noch in Deutschland befindliche Tiere angeboten werden. So haben Interessierte die Möglichkeit ihre tierischen Mitbewohner vorab kennenzulernen. Zudem gibt es in den entsprechenden Kategorien Pop-up Fenster mit Warnhinweisen zum illegalen Tierhandel. Von Juli 2018 bis Juli 2019 wurden 12.000 Hunde und 19.000 Katzen auf eBay Kleinanzeigen zum Verkauf angeboten. Aktuell gilt die Plattform als größter Anbieter von Tieren im Internet. Warum du kein Tier im Web kaufen solltest Damit das kriminelle Netzwerk des Welpenschmuggels nicht weiterhin erfolgreich und ungestraft agieren kann, müssen die Betroffenen Länder umgehend handeln. Sie müssen für eine gesetzliche Grundlage und das nötige Personal sorgen, um strikte Grenzkontrollen und Strafen für die Händler:innen durchsetzen zu können. Ein konsequentes Durchgreifen der Länder auf nationaler und europäischer Ebene

ist dringend nötig.

In einer aktuellen Studie der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wurde festgestellt, dass der Online-Handel mit Tieren unkontrollierbar ist. Die Angaben über Herkunft und Vorgeschichte des Tieres können nicht überprüft werden. Häufig können die Tiere vor dem Kauf nicht persönlich angeschaut werden. Zudem erfolgt keine Beratung zur artgerechten Haltung. Kurzum: Käufer:innen können die Seriosität eines Online-Angebotes nicht einschätzen. Die meisten importierten Welpen weisen später aufgrund ihrer schlimmen Vergangenheit schwere gesundheitliche und verhaltensauffällige Probleme auf, die oft ihr Leben lang anhalten. Ein Rückgaberecht für die Käufer:innen gibt es in der Regel nicht. Fehlkäufe werden häufig ins Tierheim abgegeben oder ausgesetzt. Dies belastet die ohnehin schon überfüllten Tierheime in Deutschland enorm. Auch Privatpersonen können etwas gegen den illegalen Tierhandel unternehmen. Nicht nur unseriöse Verkäufer:innen, auch unüberlegte Tierkäufe gefährden das Tierwohl. Ein Tier sollte nie aus Mitleid oder Spontanität gekauft werden, denn damit unterstützt man das System der „Vermehrer“. Der Verkauf von Lebewesen auf Plattformen ist grundsätzlich unmoralisch. Tiere sind wie Menschen keine Ware und deshalb sollte mit ihnen nicht gehandelt werden. Wer sich einen tierischen Mitbewohner zulegen möchte, sollte sich genug Zeit nehmen, das neue Familienmitglied auszuwählen und persönlich kennenzulernen. Ein Blick in die Heime der Umgebung lohnt sich in jedem Fall. Der Vorteil ist, dass die Vorgeschichte des Tieres bekannt ist und es medizinisch versorgt wurde. Wer aus dem Tierschutz adoptiert, rettet immer mindestens zwei Lebewesen. Eines bekommt ein neues Zuhause und macht damit Platz für ein anderes hilfsbedürftiges Tier. ■ Text: Josephine Hennen Layout: Svenja Fischer Fotos: (1)/(2) Unsplash/Flouffy (3) Josephine Hennen

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Meinung

Hass und Hetze unter der Maske der Anonymität Mehr Transparenz, einfachere Verurteilung von Trollen im Netz, sie wird sogar als Allheilmittel gegen sogenannten Hate Speech gesehen – all das verspricht die Klarnamenpflicht. Aber was genau hat es mit dem Begriff auf sich und schadet sie nicht mehr, als dass sie nutzt?

Noch nie war es so einfach, Hass und Hetze zu verbreiten – einen Account auf einem der zahllosen sozialen Netzwerke anlegen, am besten mit einem zufällig generierten Nutzernamen und schon ist man anonym unterwegs. Kann tun und lassen, was man will, ohne dass diese Aktivitäten mit der Person hinter dem Bildschirm in Verbindung gebracht werden. 2020 entfernte allein Facebook 9,6 Millionen hetzerische Inhalte.1 Dabei handelte es sich um Posts oder Kommentare, darunter Beleidigungen, rassistische und diskriminierende Inhalte. Was ist die Klarnamenpflicht? Nach dem Telemediengesetz müssen Diensteanbieter „die Nutzung von Telemedien und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym ermöglichen […]“.2 Unter der Klarnamenpflicht versteht man, dass Kommunikationsteilnehmer:innen in sozialen Netzwerken gezwungen werden, ihre wahre Identität preiszugeben. Das bedeutet: Jede:r meldet sich mit dem Namen an, der im Personalausweis steht. Tun Nutzer:innen dies nicht, wird ihr Account gesperrt. Pseudonyme oder Nicknames sind Tabu. 2017 diskutierten Union und SPD über eine 1: René Bocksch, Statista: „Facebook geht verstärkt gegen Hate Speech vor“, 13.05.2020. 2: Telemediengesetz, Abschnitt 5 Datenschutz, Paragraph 13 Pflichten des Diensteanbieters, Absatz 6

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Hetzer Klarnamenpflicht, im Jahr 2018 hatte das Landgericht Berlin entschieden, dass der von Facebook betriebene Klarnamenzwang rechtswidrig ist und das Telemediengesetz als Argument angeführt. Die Diskussion über eine Klarnamenpflicht wird also im Deutschen Bundestag immer wieder geführt, vor allem Netzaktivist:innen stellen sich jedoch konsequent dagegen.

heraus, dass die Kommentare der Nutzer:innen, welche nicht-anonym auftraten, deutlich aggressiver waren als die der anonymen Nutzer:innen. Auch ändert die Klarnamenpflicht nichts an der Debattenkultur selbst: Auf Facebook sind sehr viele Menschen unter ihrem Klarnamen unterwegs und scheuen sich trotzdem nicht davor, gegen andere zu hetzen.

Warum braucht es Anonymität im Internet? Die Nutzung eines Nicknames kann viele Gründe haben: Viele wollen nicht, dass Kolleg:innen oder Chef:in wissen, was sie in ihrer Freizeit machen und für was sie sich interessieren. Die politische Einstellung oder sexuelle Orientierung sind Sache jedes:r Einzelnen. Nicknames können dabei als Schutzschild gesehen werden: Du kannst dich frei im Internet bewegen, ohne zur Zielscheibe zu werden. Gerade für Mitglieder der LGBTQIA+ Community oder anderen marginalisierten Menschengruppen sind Nicknames wichtig, um sich nicht angreifbar zu machen. Anonymität und auch Pseudonymisierung sind in erster Linie also immer Schutzinstrumente.

Dass die Debatte um die Klarnamenpflicht noch längst nicht der Vergangenheit angehört, zeigt ein Fall Anfang des Jahres 2020: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble stieß in Deutschland erneut die Debatte um eine Klarnamenpflicht im Internet an. Ausgangspunkt war der Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübke, dessen Tod Rechtsextreme im Internet feierten.4 Schäuble forderte mehr Transparenz in der digitalen Welt und somit die Möglichkeit, besser im Internet gegen Straftaten vorgehen zu können, erhielt jedoch nur wenig Zustimmung. Eine Mehrheit im Bundestag ist nicht in Sicht.

Hetze unter der Maske der Anonymität Jetzt könnte argumentiert werden: Die Hetze ist nur deswegen so schlimm, da die Menschen unter der Maske der Anonymität agieren und kommentieren können. Träte die Klarnamenpflicht in Kraft, würde auch die Hetze abnehmen. Dass dem nicht so ist, zeigt eine Studie der Wissenschaftler:innen Katja Rost, Lea Stahel und Bruno S. Frey: Diese untersuchten „Online Firestorms on Social Media“3 und fanden 3: K. Rost, L. Stahel, B.Frey: „Digital Social Norm Enforcement: Online Firestorms in Social Media“, 17.06.2016. 4: Florence-Anne Kälble, ZDF: Interview: „Hate Speech im Fall Lübcke: Hass hinter Pseudonymen“, 06.06.2019.

Pseudonyme sind Voraussetzung für Meinungsfreiheit und -vielfalt. Nur, wenn Anonymität gewährleistet ist, kann eine Debattenkultur entstehen, bei der Menschen keine Angst haben müssen, von Arbeitgeber:in, Freund:innen oder Kolleg:innen für ihre Meinung verurteilt zu werden. Essentiell ist hierbei auch der Punkt des Opferschutzes, da Internetnutzer:innen durch die Klarnamenpflicht zur Zielscheibe werden könnten. Denn jedem:jeder muss sich bewusst sein: Es ist ein Privileg, sich im Netz mit dem Klarnamen bewegen zu können. ■ Text: Sophia Suckel Layout: Sira Illner Grafik: Franziska Roth

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B A E K MAS Meinung

Sein wahres Gesicht verstecken: Warum lügen wir Menschen? Lügen, Schwindeln, die Unwahrheit sagen. Warum lügen wir Menschen immer wieder? Was geht dabei in uns vor? Und was macht es mit uns? Heute schon gelogen? Wenn man aufmerksam darauf achtet, ertappt sich jede:r im Alltag immer mal wieder beim Lügen. Obwohl man sich grundsätzlich für einen sehr ehrlichen Menschen hält, rutscht einem dann doch hier und da mal eine kleine Lüge raus. Zum Beispiel, wenn jemand fragt wie es einem so geht und man nur kurz mit „gut“ antwortet. Statt ehrlich zu erklären, dass man extrem schlecht geschlafen, sich mit dem Freund gestritten hat, greift man zu der kleinen Lüge. In dem Moment will man sich nicht lange erklären, der anderen Person kein schlechtes Gefühl geben und lügt so lieber ein bisschen, um eine unangenehme Situation zu vermeiden. Also: Jede:r flunkert ab und zu mal – und das ist auch ganz normal. Generell aber ist das Lügen in unserer Gesellschaft eine sehr negative und eher unerwünschte Eigenschaft. Wer will schon mit jemandem zusammenleben oder arbeiten, bei dem man sich nicht darauf verlassen kann, dass er oder sie die Wahrheit sagt? Warum also flunkern wir trotzdem alle immer mal wieder?

Es gibt sehr verschiedene Arten von Lügen, verschiedene Motive und Hintergründe. Es lohnt sich also, mal etwas genauer hinzuschauen, denn Lüge ist nicht gleich Lüge und nicht jede davon macht einen zu einem super schlimmen Menschen. Ein Grund zu lügen, den schon Kinder teilweise hervorragend ausnutzen, ist, mit der Lüge einen größeren Vorteil für sich zu erhalten als mit der Wahrheit. „Ich weiß nicht, wer den letzten Keks gegessen hat, ich war’s nicht!“, versichert ein Kind, auch wenn die Schokokrümel noch im Mundwinkel kleben. Der Vorteil der Lüge – hier: keinen Ärger mit den Eltern zu bekommen und leckere Süßigkeiten zu naschen – überwiegt also den Nachteil des schlechten Gewissens. Dabei kann Lügen tatsächlich sehr schlechte Auswirkungen auf uns haben. Es kostet nämlich enorme Anstrengung und erzeugt Stress, eine Lüge zu erfinden und aufrecht zu erhalten. Bei dem Kind mit dem angeblich nicht gegessenen Keks wird es bei einigen Nachfragen zu schokoladigen Fingern oder Krümeln im Gesicht schon schwierig, nicht aufzufliegen. Es muss die offensichtliche Lüge

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zugeben oder aber weitere Lügen spinnen und sich noch mehr in ein Netz aus Unwahrheiten verstricken, indem es zum Beispiel das Geschwisterkind beschuldigt. Das aus Lügen resultierende schlechte Gewissen kann noch tagelang an einem nagen und zum Beispiel dazu führen, dass man schlechter schläft. Man muss sich also schon fragen, ob sich das Lügen dann überhaupt lohnt oder es den Stress vielleicht doch nicht wert ist. Die scheinbaren Vorteile, die durchs Lügen erlangt werden, können ganz unterschiedlich sein. So kann eine geschickte Lüge in einer sozialen Gruppe eine bessere

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Stellung ermöglichen, zum Beispiel indem man mit etwas angibt, das man eigentlich gar nicht geleistet hat: „Ich habe letzten Sommer meine Zeit richtig gut genutzt, super viel gearbeitet, nebenher Chinesisch gelernt und freiwillig im Altenheim geholfen. Und du so?“ (Obwohl man in Wahrheit zwei Wochen am Strand lag und Cocktails geschlürft hat.) Die Bewunderung oder Anerkennung anderer kann als starker Antrieb zum Lügen dienen. Denn auch wenn man sich später mit dem eigenen schlechten Gewissen herumschlagen muss, überwiegt für einige dann doch der kurze Moment der gefühlten


Überlegenheit. Das Zugeben von eigenen Fehlern und Schwächen kann ja auch oft sehr schwierig sein. Das eigene Ego ist dann manchmal doch wichtiger als die komplette Wahrheit. Im Alltag spielen kleine Lügen vor allem in Form von Höflichkeitsfloskeln eine Rolle. Man will Freundschaften aufrechterhalten und sagt dem Freund nicht, dass man seine neue feste Freundin nicht leiden kann. Oder man möchte jemanden nicht verletzen und beteuert, die neue Frisur sei super schön. Kleine Flunkereien können Beziehungen also auch aufrechterhalten, sind in gewisser Weise notwendig, um jemanden nicht zu verletzen oder eine Freundschaft

zu erhalten. Trotzdem sollte es natürlich nicht zur Gewohnheit werden, denn es schlägt schnell ins Gegenteil um, wenn man sich gar nicht mehr auf die Meinung von Freund:innen verlassen kann. Lügen gehört also gelegentlich zum Menschsein und zu unserer Gesellschaft dazu. Trotzdem ist die Wahrheit natürlich zurecht ein wichtiger Wert in unserer Kultur und wer sein wahres Gesicht immer versteckt, ist bald allein. Im Namen der Ehrlichkeit gilt also: Maske ab! Im Namen von Corona natürlich auf jeden Fall auflassen. ■

Text: Hannah Richter Layout: Isabell de la Rosa Bilder: Isabell de la Rosa

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Fried

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Kommentar

Das Symbol des Friedens wird mit Füßen getreten Vor allem süd- und osteuropäische Länder sind für ihre Problematik mit Straßentieren bekannt. Und für einen teils rauen, sogar brutalen Umgang mit diesen. Deutschland gilt dagegen in Sachen Tierschutz als Vorzeigeland. Doch vielen ist nicht bewusst, dass auch hier Millionen heimatlose Haustiere auf der Straße leben und täglich um ihr Überleben kämpfen müssen. Und die Deutschen gehen nicht viel besser mit ihnen um als ihre europäischen Nachbarn. Die Taube gilt in unserer Kultur als Symbol für Frieden und ewige Liebe. Es sind anpassungsfähige und intelligente Tiere, die sogar menschliche Gesichter unterscheiden und wiedererkennen können. Außerdem sind sie sehr treu. Hat sich ein Taubenpaar erstmal gefunden, bleibt es ein Leben lang zusammen. Doch zugleich haben sie auch einen völlig anderen Ruf.

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Die grauen, in den Städten lebenden Vertreter ihrer Art gelten als Plage und Krankheitsüberträger. Oft werden sie als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet. Dabei haben mehrere Studien längst bewiesen, dass die Gefahr der Krankheitsübertragung durch Tauben nicht größer ist als durch andere Wild- oder Ziervögel. Vor über 7000 Jahren begann der Mensch die wilden


den Felsentauben aus den Küsten- und Berggebieten in Afrika und Eurasien für die Fleischgewinnung zu domestizieren. Die Haustaube entstand. Die sogenannten Stadttauben sind Nachkommen entflogener Haustauben und verirrter Brief- oder Zuchttauben. Auch Hochzeitstauben, die zur Feier einer Eheschließung frei gelassen werden, finden oft nicht mehr zurück nach Hause und schließen sich den Schwärmen in den Städten an. So siedeln sich schon seit Jahrhunderten Millionen von Tauben in den Städten an. Da es sich bei ihnen nicht um Wildtiere handelt, die sich einfach in den „Kreislauf der Natur“ einreihen können, sind sie – wie andere heimatlose, domestizierte Haustiere – auf die Versorgung durch Menschen angewiesen. Deshalb tummeln sie sich in Schwärmen auf Plätzen und Gebäuden, laufen den Passant:innen zwischen den Beinen umher und betteln um Nahrung. Der Taubenkot beschädigt und verunstaltet Gebäude, weshalb die Tiere von einigen als „Plage” betrachtet werden. Aber diese Probleme sind nun mal menschengemacht. Durch Wettflüge mit Zuchttauben oder dem traditionellen Flug von Hochzeitstauben trägt der Mensch aktiv zur Bestandserhöhung der Stadttauben bei. Der Umgang der Deutschen mit den Tauben ähnelt sehr den grausamen Maßnahmen, die in anderen Ländern gegen Straßentiere ergriffen werden. Ganz oben auf der Liste stehen tierschutzwidrige Vergrämungsmaßnahmen, wie der Einsatz von Netzen, Spikes und Klebepasten, um die Tiere von Gebäuden fern zu halten und ihnen Nist- und Ruheplätze zu nehmen. Viele Tiere verfangen sich in den Netzen oder bauen ihre Nester auf den Spikes und die Küken werden von den Metallspitzen aufgespießt. In manchen Städten wird zu direkteren Maßnahmen gegriffen. Die Tiere werden über präpariertes Futter vergiftet oder gezielt eingefangen und getötet. In vielen Gemeinden gilt ein Fütterungsverbot für Tauben. Diese Maßnahmen sind weder artgerecht noch erfolgreich, denn der Mensch hat der Taube über Jahrtausende hinweg einen

Brutzwang angezüchtet. Sie brütet ganzjährig und unabhängig von Futterangebot, vorhandenen Lebensraum oder dem Wetter. Durch Tötungen kann die Taubenpopulation niemals nachhaltig reduziert werden, da die freigewordenen Plätze schnell wieder durch Nachwuchs besetzt werden. Stadttauben werden nicht nur durch solche grausamen Maßnahmen bedroht, sondern auch durch ständigen Hunger. Als Hartkörnerfresser ernährt sich die Taube eigentlich ausschließlich von Mais, Weizen, Erbsen und nackten Körnern. Doch eine Stadttaube muss von dem leben, was sie auf der Straße findet: Das sind Essensreste und Abfall der Menschen. Pommes, Brötchen, Pizza, Zigarettenkippen – um nicht zu verhungern, schlingen die Tiere alles herunter, was sie finden können. Trotzdem ist es nicht genug. Zu viele Stadttauben, zu wenig Nahrung. Den meisten Tauben in den Städten sieht man es wegen ihres aufgeplusterten Gefieders nicht an, aber sie stehen meist kurz vor dem Hungertod. Durch die falsche und ungenügende Nahrung, entsteht der flüssige, grünweiße Hungerkot, der Gebäude und Statuen bedeckt und wegen dem die Tauben als Plage betrachtet werden. Der Kot von gesunden Tieren ist dagegen fest und leicht zu entfernen. Weil sie von Menschen getreten und gescheucht oder von Hunden gejagt werden, müssen die Tiere ihre letzten Kraftreserven für die Flucht verbrauchen. Wer sich die Tauben in der Stadt genauer ansieht, wird bemerken, dass viele von ihnen humpeln. Da die Tauben gezwungen sind, auf dem Boden nach Futter zu suchen, müssen sie jeden Tag durch den Unrat laufen, den wir Menschen hinterlassen. Dabei wickeln sich Haare und Fäden um die Füße der Tiere und schnüren sich mit der Zeit immer enger, bis sie sogar ins Fleisch schneiden und die Blutversorgung stören. Dies hat zur Folge, dass den Tauben einzelne Zehen oder ein ganzes Bein bei lebendigem Leib absterben und schließlich abfallen.

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Kein unlösbares Problem Die Lösung für das Taubenproblem ist die gleiche, wie für Straßentiere unserer Nachbarländer: Bestandskontrollen und Aufklärung der Bevölkerung. Im Fall der Taubenproblematik spricht man vom „Augsburger Modell“. Hierbei handelt es sich um ein tierschutzgerechtes Konzept, das zur Regulierung und Reduzierung der Stadttauben-Population zum Wohle von Mensch und Tier sorgen soll. Haben sich Tauben an einem Ort angesiedelt, lassen sie sich nur schwer vertreiben. Das Konzept macht sich die ausgeprägte Standorttreue der Tiere zunutze, indem sie gezielt an extra errichteten Taubenschlägen angesiedelt werden. Die Tiere werden ausschließlich dort mit Futter und Wasser versorgt. Außerdem dient ihnen die Einrichtung als Nist- und Ruheplatz. Da die Nester von Menschen erreicht werden, ist eine effektive Geburtenkontrolle möglich, indem Eier durch Attrappen ausgetauscht werden. Auch eine

Stadttauben-Projekt Stuttgart Das Stadttauben-Projekt ist eine Kooperation des Tierschutzvereins Stuttgart und Umgebung e.V. mit der Stadt Stuttgart und wurde 2008 gegründet. Es gibt aktuell zwölf Taubenschläge in Stuttgart. Das sind nicht annähernd genug, um die gesamte Taubenpopulation Stuttgarts betreuen zu können. Die Taubenschläge werden von Ehrenamtlichen und sogenannten Taubenwarten betreut. Sie reinigen die Schläge, erneuern Futter und Wasser und kontrollieren die Gelege. Eier werden durch Attrappen ausgetauscht, um eine Vergrößerung des Bestands zu verhindern. Von der Gründung 2008 bis Ende 2019 wurden bereits über 45.000 Eier ausgetauscht. Kranke und verletzte Tiere werden so gut wie möglich medizinisch versorgt. Das Ziel des Projekts ist es, einen kleinen, gesunden und betreuten Taubenbestand zu erschaffen. Das Projekt wurde 2015 mit dem Landestierschutzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Weitere Informationen gibt es unter www.stadttauben-stuttgart.de.

medizinische Betreuung der angesiedelten Tiere ist einfacher. Durch die artgerechte Fütterung im Schlag müssen die Tiere nicht in den Straßen auf Futtersuche gehen, wodurch eine Taube bis zu 80 Prozent des Tages und die ganze Nacht in ihrem Schlag verbringt. Ein wichtiger Inhalt des Konzepts ist die Aufklärung der Bevölkerung. Das Problem kann nur in den Griff bekommen werden, wenn die Menschen aufhören, die Tauben zu bekämpfen, sondern versuchen ihr Verhalten zu verstehen. Das Augsburger Modell führt nachweislich zu einer geringeren Verschmutzung durch Taubenkot und weniger Belästigung durch bettelnde Tauben. Langfristig kann so ein stabiler und gesunder Taubenbestand erreicht werden, ohne dass Menschen und Tiere dafür leiden müssen. Das Augsburger Modell wird bereits in 80 deutschen Klein- und Großstädten umgesetzt, was bei einer bundesweiten Anzahl von 10.795 Gemeinden ein sehr geringer Bruchteil ist. ■

Text: Josephine Hennen Layout: Nina Walter Fotos: (1) Rohan Reddy/unsplash (2) Atul Pandey/unsplash Logo: Taubenprojekt Stuttgart

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Team

Wer hat an dieser Ausgabe gearbeitet?

Diese Menschen haben diese Ausgabe, Social Media und den Blog zur VielSeitig betreut und die Inhalte geplant, geschrieben und gestaltet. Im Wintersemester 2020/2021 waren 44 Personen dabei.

Selina Hellfritsch IL & Social Media

Sophia Suckel IL & Redaktion

Franziska Roth IL, Layout & Webdesign

Carla Benzing HV Social Media

Elena Grunow HV Lektorat

Sarah Huß HV Blog

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Evelyn Krix HV Layout, Grafik & SEO

Denise Ott HV Redaktion

Debora Adar Layout

Helen Arnold Lektorat & Social Media

Laura Bongard Redaktion & Lektorat

Alina Braun Redaktion

Tzu-Hsuan Chuang Social Media

Lena Dagenbach Layout & Webdesign

Isabell de la Rosa Layout, Grafik & SEO

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Karla Denzer Redaktion

Svenja Fischer Layout, Lektorat & Grafik

Maria Gazarjan Redaktion & Lektorat

Julia Haible Layout

Josephine Hennen Redaktion & Lektorat

Chiara Hermanns Redaktion

Julia Herschberger Lektorat

Jakob Hertl Redaktion

Hannes Huber Layout, Logo & Editing

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Lavinia Hutt Lektorat & Blog

Sira Illner Layout & Illustration

Anna-Sophie Kächele Redaktion

Vivien Konz Redaktion

Charlotte Kovac Social Media & Blog

Anne Meister Redaktion

Christian Mittweg Redaktion

Jessica Morlock Redaktion

Benedikt Mugrauer Blog

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Minh Chau Pham Layout & SEO

Stella Reinisch Layout, Webdesign & SEO

Melissa Reisenauer Layout & Webdesign

Hannah Richter Redaktion & Lektorat

Lena Rixinger Layout, SEO & Lektorat

Lisa Schubert Redaktion

Julia Stapf Lektorat

Silvia Vangelova Social Media & Blog

Nina Walter Layout & Webdesign

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Du willst selbst mitmachen? Dann melde dich bei uns!

Insta: @vielseitig_hdm E-Mail: Vielseitig@hdm-stuttgart.de Auf unserem Blog gibt es noch mehr: vielseitig.vs-hdm.de

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m u s s e r Imp VielSeitig - Die Zeitschrift der Verfassten Studierendenschaft (VS) an der Hochschule der Medien E-Mail: Vielseitig@hdm-stuttgart.de Blog: vielseitig.vs-hdm.de Facebook: facebook.com/wirsindvielseitig Instagram: Instagram.com/vielseitig_hdm Eine Initiative der VS der Hochschule der Medien Nobelstraße 10, 70569 Stuttgart Tel.: 0711/89232631 E-Mail: vs@hdm-stuttgart.de Web: https://vs-hdm.de/

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Danksagung Unser besonderer Dank gilt vor allem den vielen fleißigen VielSeitig-Mitgliedern, die von der ersten Themenfindung übers Layout bis zum Endprodukt engagiert mitgearbeitet haben. Ein weiteres großes Dankeschön geht an die Verfasste Studierendenschaft, insbesondere Gabriele Stober, ohne die die VielSeitig so nicht möglich gewesen wäre.


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