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David Kovařík

Die Aussiedlung der Deutschen aus Brünn (Zusammenfassung eines Historikers) Die Aussiedlung von mehr als zwanzigtausend deutschsprachigen Einwohnern Brünns Ende Mai 1945 zählt zu den grundlegendsten und tragischsten Ereignissen, die in der modernen Geschichte der Stadt sowie der gesamten Region Südmähren geschehen sind. Die Abschiebung der Brünner Deutschen überragt infolge ihres dramatischen Verlaufs sowie aufgrund der traurigen Folgen die regionale Bedeutung und ist nicht nur ins nationale, sondern sogar ins internationale Bewusstsein gerückt. Gerade außerhalb der Grenzen der damaligen Tschechoslowakei, im Kreis der Landsmannschaften ausgesiedelter Deutscher, hat die ungebändigte Durchführung der Vertreibung des größten Teils deutscher Einwohner aus Brünn sowie deren tragische Folgen das Att ribut „der Todesmarsch“ erlangt, welcher später auch in tschechischen Kreisen geläufig wurde und heutzutage in der Literatur sowie in verschiedenen öffentlichen Diskussionen zahlreich verwendet wird. „Der Marsch von Brünn“ gilt somit ebenfalls als eines der bekanntesten Symbole für gewalttätige Vertreibungen, Nachkriegsgräuel und Repressionen, die an der deutschen Bevölkerung

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in den tschechischen Ländern nach dem Ende des II. Weltkrieges begangen worden sind. Über die erzwungene Aussiedlung der Brünner Deutschen ist schon viel geschrieben und publiziert worden, insbesondere in den letzten zwanzig Jahren erhielt auch die tschechische Leserschaft eine große Anzahl von Veröffentlichungen, die sich diesem Phänomen widmen. Neben einer ganzen Reihe von Zeitungsartikeln, die vor allem zu Jahrestagen erwähnter Ereignisse erschienen, und einiger historiografischer Fachstudien handelte es sich dabei beispielsweise um veröffentlichte Memoiren von Zeitzeugen und direkt Beteiligten. Das Thema des Brünner Marsches ist bereits sogar in der Kunst in der literarischen Form eines Romans oder eines Theaterstücks vorgekommen. Auch wenn die bisherigen Veröffentlichungen den Anschein zu erwecken vermögen, dass wir über die Aussiedlung der Deutschen aus Brünn gebührend informiert sind, so bleiben zu diesen Vorfällen in der Realität trotzdem noch viele Fragenzeichen und Unklarheiten. Aus der Sicht der Geschichtsschreibung gestaltet sich die Problematik der spontanen Aussiedlung deutscher Bevölkerung aus Brünn als ein kompliziertes und schwer greifbares Thema. Die Quellenbasis, die uns den betrachteten Stoff näher bringen könnte, hat ihre Grenzen. Und obwohl Historiker, Publizisten und sonstige Forscher stets neue Quellen und Zeugnisse zu diesen Begebenheiten finden, werden wir vermutlich nie in der Lage sein, die Ereignisse, die sich in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1945 in Brünn und in den anschließenden Tagen während des Ganges aus der Stadt an die österreichische Grenze abspielten, vollständig zu rekonstruieren und objektiv zu beurteilen. Diese Tatsache hat dazu beigetragen, dass sich in Bezug auf die Brünner Geschehnisse im Laufe der Zeit ein Mythos herausgebildet hat, der bis heute

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erhebliche Emotionen hervorruft. Nur wenigen historischen Ereignissen werden so viele unterschiedliche Versionen und widersprüchliche Interpretationen zugeordnet, wie das ausgerechnet bei der Nachkriegsaussiedlung deutscher Einwohner aus Brünn der Fall ist. Die bisherige Entwicklung der Forschung und die darauf begründeten vorliegenden Ergebnisse sind schon an sich als ein sehr interessanter Beleg über die Schaffung und Beeinflussung des kollektiven historischen Gedächtnisses wahrzunehmen. Dabei muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass sich die tschechische Geschichtsschreibung mit der Frage des Brünner Marsches von Ende Mai 1945 aus unterschiedlichsten Gründen viele Jahre nicht befasst hatte. In der Vorwendezeit wurden das Thema der Abschiebung deutscher Bevölkerung aus der Tschechoslowakei weitgehend tabuisiert, ihr Verlauf verzerrt und die Fälle der Gewaltanwendung an deutschen Zivilisten nach dem Krieg in tschechischen Ländern verschwiegen. So verschwand auch der Fall des Brünner Marsches für ganze Jahrzehnte im „Nebel des Schweigens“. Im Gegensatz dazu haben sich insbesondere die Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik Deutschland und in Österreich mit der Problematik der Nachkriegsaussiedlung der deutschen Bevölkerung recht intensiv beschäftigt und zum genannten Thema reichliche literarisch produziert. Während der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei war es allerdings nicht möglich, dieses Thema überhaupt auf die Tagesordnung einer relevanten Diskussion zwischen den tschechischen und den deutschen Historikern zu setzen. Die einzige Ausnahme stellten lediglich einige tschechoslowakische Exilanten dar. Berührt hatte man die Frage der Abschiebung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nur sehr kurz — in einer liberaleren Etappe Ende der 1960er Jahre. In der Zeit

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der anschließenden „Normalisierung“ wurde dieses „historische Problem“ vor allem in den Kreisen der tschechischen und slowakischen Dissidenten besprochen. In den 1980er Jahren ist die Frage des Brünner Marsches gerade unter den Brünner Dissidenten wieder aufgetaucht, und zwar auf den Seiten der Samisdat-Zeitschrift Střední Evropa. Für ein breiteres Publikum blieben die Veröffentlichungen oder Aufsätze, die ihren Ursprung in Exilanten- und Dissidentenkreisen hatten, allerdings nicht zugänglich. Erst die politischen und gesellschaftlichen Änderungen in der Tschechoslowakei Ende 1989 haben eine ganze Reihe von früher tabuisierten Fragen wieder aufgeworfen, zu denen auch die Problematik der Abschiebung der Deutschen aus der Nachkriegstschechoslowakei gehörte. Im Zusammenhang mit der problematischen „Abschiebung“ Brünner Deutscher sind damals in der tschechischen Literatur erste bedeutende Beiträge erschienen. Zu den wichtigen Veröffentlichungen zählt man den Artikel des Publizisten und Schriftstellers Ota Filip Die stillen Toten unterm Klee bei Pohrlitz (Mlčící mrtví pod jetelinou Pohořelic), der 1990 zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und danach auf Tschechisch in der Beilage der Zeitschrift Reportér erschienen ist. Der Autor hatte darin der tschechischen Öffentlichkeit ein Bild der Brünner Ereignisse aufgezeigt, das viel Kritik und Polemik vornehmlich bei der älteren Generation hervorgerufen hat. Ein ähnliches Aufsehen hat ebenso die kontroverse Veröffentlichung Die Deutschen raus!, die auch in einer tschechischen Fassung unter dem Titel Němci ven! mit dem Untertitel Brünner Todesmarsch 1945 herausgegeben wurde, nach sich gezogen. Die Leser wurden in diesem Falle mit einem viel zu einseitigen und tendenziösen Werk konfrontiert, das sich in erster Linie auf Erinnerungen und Zeugnisse deutscher Augenzeugen stützte, die das

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schreckliche Leid und Gräuel nachgerade irreal beschrieben hatten. Diese kritische Sichtweise auf die mit den Aussiedlungsmaßnahmen von Brünn Ende Mai 1945 zusammenhängenden Ereignisse hat insbesondere unter den tschechischen Historikern zu Reaktionen geführt. Als „Sprecher der verteidigenden Haltung“ gegenüber der Kritik an den Aussiedlungen Deutscher aus dem Nachkriegsbrünn galten in den 1990er Jahren zwei lokale Historiker — „die Zeitzeugen“ Vojtěch Žampach und Silvestr Nováček, deren herausgegebene Arbeiten ein deutlich vorteilhafteres Bild der tschechischen Sicherheitskräfte sowie weiterer für die Aussiedlungsmaßnahmen verantwortlicher Behörden skizziert haben, wobei sie die von deutschen Zeitzeugen beschriebene Gewalt und Grausamkeit gegenüber den Ausgesiedelten bagatellisieren und aufgrund der historischen Erfahrung einen solchen Umgang mit den Deutschen nach dem Krieg rechtfertigen und verteidigen. In der Zeit, als innerhalb der älteren Generation von Historikern und Publizisten ein Streit um die Auslegung des Brünner Marsches entfachte, haben die hier betrachteten Ereignisse zum ersten Mal das Bewusstsein der breiten städtischen Bevölkerung erreicht. Es kam sogar zu einigen Veranstaltungen, die der mit dem Nachkriegsschicksal der Deutschen aus Brünn verbundenen Begebenheiten gedachten. Vom österreichischen Schwarzen Kreuz initiiert wurde unweit von Pohrlitz ein Denkmal für die Opfer des Brünner Marsches aufgestellt. Auf dem Gelände des Augustinerklosters in Altbrünn, wo sich der Tross Brünner Deutscher versammelte, wurde eine Gedenktafel enthüllt, die an dieses Ereignis erinnert. 1995 hat der Schriftsteller Ludvík Vaculík eine Untersuchung des Brünner Marsches mit dem Verweis auf Gewalttaten und Morde an Zivilisten, welche diesen begleitet haben

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sollen, veranlasst. Die von der Polizei und Staatsanwaltschaft eingeleiteten Ermittlungen wurden jedoch mangels Beweisen zu den Akten gelegt Die bisher offenbar am meisten bekannte Aktivität in Bezug auf die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung war die sog. „Causa der Entschuldigung“, die zur Jahrtausendwende von der hauptsächlich aus Studierenden der Stadt Brünn bestehende Bürgerinitiative Mládež pro interkulturní porozumění (Jugend für interkulturelle Verständigung) ins Leben gerufen wurde. Der Magistrat der Stadt Brünn hat auf die Aufforderung zur Entschuldigung sowie auf das damit einhergehende Interesse der Medien geantwortet, indem er eine Arbeitsgruppe gebildet hat, deren Aufgabe es war, damalige Ereignisse zu erforschen und zur ganzen Sache eine Stellungnahme zu erstellen, die als Grundlage für das Aussprechen bzw. Nichtaussprechen der geforderten Entschuldigung dienen sollte. Im Ergebnis hat die Kommission vorgeschlagen, einen „neutralen Standpunkt“ einzunehmen. Eine Entschuldigung wurde nicht empfohlen, denn, wie es das von der Kommission herausgebrachte Dokument besagt, „nicht eindeutig klar ist, wer sich bei wem zu entschuldigen hat“. Der Magistrat hat dann anstelle einer Entschuldigung für die Begebenheiten von 1945 sein „Bedauern“ zum Ausdruck gebracht. Um den Brünner Marsch häufen sich zwar noch viele Fragen und Mythen, dennoch ist es auf der Basis der erhaltenen Quellen und bisherigen Ergebnisse historischer Forschung möglich, näherzubringen und zu dokumentieren, was sich während der dramatischen Tage Ende Mai 1945 in Brünn und anschließend in dessen Umgebung auf dem Weg zur österreichischen Grenze ereignet hat. In den ersten Wochen nach dem Ende des II. Weltkrieges befanden sich in der Stadt ungefähr dreißigtausend alteinge-

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sessene Deutsche, was lediglich einer Hälfte der Vorkriegszahl entsprach, wurde doch die Mehrheit der Männer im produktiven Alter im Laufe der Jahre 1939–1945 zur die Wehrmacht eingezogen und an die Front geschickt. Weitere Tausende deutscher Angehöriger, vor allem aktiver Nationalsozialisten oder Personen, die sich an der tschechischen Bevölkerung schuldig gemacht hatten, sind aus der Stadt vor dem Einmarsch der Roten Armee und der Wiederherstellung der tschechoslowakischen Verwaltung geflohen. 1945 bestand die deutsche Gemeinde in Brünn vorrangig aus Frauen, Kindern und alten Menschen. Die Stellung der deutschen Bevölkerung auf dem Gebiet des wiedererrichteten tschechoslowakischen Staates war in den ersten Wochen und Monaten nach dem Krieg sehr problematisch. Die Deutschen wurden sowohl den behördlichen Beschränkungen, als auch dem willkürlichen Hass der tschechischen Öffentlichkeit sowie gewaltsamen Angriffen verschiedenster „Aufständischer“ ausgesetzt. Auch die in Brünn eingesessenen oder verweilenden Deutschen haben nach dem Krieg schwere Zeiten erlebt. Der Nationalausschuss der Stadt Brünn, der am 27. April 1945 die Stadtverwaltung übernommen hat, erteilte bereits in den ersten Tagen seiner Tätigkeit eine ganze Reihe von diskriminierenden und repressiven Verordnungen zu Lasten der deutschen Bewohner. Hierzu zählten unter anderem die Arbeitspflicht, reduzierte Lebensmittelzuteilungen oder Konfiszierungen des Vermögens. Hunderte von deutschen Volksangehörigen wurden in Arbeits- und Sicherungslager verschleppt. Zum Symbol der Gewalt und des Leidens wurde vor allem das berühmt berüchtigte Kaunitz-Kolleg (Kounicovy koleje). Dieses ursprüngliche Hochschulstudentenheim hatte die Brünner Gestapo während der nationalsozialistischen Besatzung zu ihrem Polizeigefängnis

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und einer Hinrichtungsstätte tschechischer Patrioten und Widerständler verwandelt. Nach dem Krieg haben hier wiederum tschechische Sicherheitsorgane Deutsche und Kollaborateure inhaftiert und verhört; obwohl bereits Frieden war, wurden hier Inhaftierte auch gefoltert und getötet. Doch nicht einmal die angewandten Diskriminierungs- und Repressionsmaßnahmen konnten die antideutsche Stimmung mildern. Bereits in den ersten Friedenstagen sprach sich der Großteil der tschechischen Öffentlichkeit für den vollständigen Wegzug der Deutschen aus der Stadt aus. Zu dieser feindseligen Atmosphäre steuerten auch die lokale Presse mit nationalistisch untermalten bis chauvinistischen Texten sowie die öffentlichen Reden damaliger örtlicher oder auch Landesund Staatspolitiker ihren Teil bei. Als einer der bekanntesten antideutschen Auftritte gilt die bis in heutige Tage oft zitierte Rede des damaligen Präsidenten der Tschechoslowakei, Edvard Beneš, die dieser am 12. Mai 1945 während seines Besuches in der Stadt gehalten hat. Zur wachsenden Spannung zwischen den Brünner Tschechen und Deutschen hatten auch die unbefriedigende Versorgungslage und beklemmende Wohnungsnot in der Stadt beigetragen. Brünn hatte sich nur langsam von den Kriegsfolgen erholt. Die Straßen waren von Trümmern der Häuser, die in den Bombardements der Alliierten sowie in den Befreiungskämpfen zerstört worden waren, gezeichnet. Zum allgemeinen Chaos trugen auch die Anwesenheit der Roten Armee, Tausender deutscher Kriegsgefangener und Flüchtlinge aus allen Ecken des ehemaligen Reiches bei, zu denen seit den ersten Nachkriegstagen auch Scharen von entlassenen Zwangsarbeitern und Häftlingen der nazistischen Gefängnisse und Konzentrationslager hinzukamen, die sich in der Stadt aufhielten oder durch diese auf ihrem Heimweg gegangen sind.

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Eine bedeutende Rolle spielte bei der Entstehung antideutscher Stimmungen und der Forderung zum vollständigen Wegzug der Deutschen aus dem Lande auch der außerordentliche, während der sechsjährigen Besatzung durch die Nationalsozialisten angestaute Hass der Tschechen, die das Bedürfnis und die Sehnsucht hatten, mit ihrem Feind abzurechnen. In manchen Fällen konnte sich dazu noch eine persönliche Rache oder das Austragen alter Streitigkeiten gesellen, oder auch die Bemühung, die eigene „Schuld“ an der Kollaboration oder dem oft nur erzwungenen Mitwirken an der Kriegsmaschinerie in den reichseigenen Betrieben wiedergutzumachen, wovon zum Beispiel die Arbeiter der Brünner Waffenfabrik betroffen waren. Und ganz sicher haben auch der legendäre wütende Mob und verschiedenste Kriminelle sowie sadistisch veranlagte Personen die Gunst der Stunde genutzt, um ihrer gewalttätigen Natur gegenüber den besiegten Deutschen freien Lauf zu lassen. Bereits seit Ende April 1945 wurden in Brünn Deutsche verhaftet oder festgehalten. Zur gleichen Zeit wurden die ersten deutschen Familien aus einzelnen Häusern oder Quartieren vertrieben, die dann von der Roten Armee in Beschlag genommen wurden. Eine wichtige Maßnahme, die unter bestimmten Umständen als eine Art „Generalprobe“ für die spätere Aussiedlung wahrgenommen werden kann, stellten die „Allgemeinen Richtlinien zur Abschiebung von Deutschen für drei Tage“ dar, die am 11 Mai 1945 von Bedřich Pokorný, dem Befehlshaber der Nationalen Sicherheitswache, erlassen worden waren. Es handelte sich um einen für die Brünner Polizeireviere bestimmten Befehl, alle Brünner Deutschen, die älter als 12 Jahre sind (in Wirklichkeit betraf dies mit ihren Eltern letztlich auch die Kinder), vor ihren Wohnorten zu versammeln, um sie dann für die nächsten drei Tage aus der Stadt zu schicken. Diese Maßnahme wird am häufigsten mit den Vorbereitungen

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auf den Besuch des Präsidenten Edvard Beneš in Brünn in Verbindung gebracht, der am 12. und 13. Mai stattgefunden hat. Obwohl der Großteil der auf diese Weise zeitweilig internierten Personen tatsächlich nach einigen Tagen entlassen wurde, haben viele nach ihrer Rückkehr feststellen müssen, dass ihre Häuser und Wohnungen von neuen Mietern besetzt worden waren. Hunderte von Brünner deutschen Familien haben so ihr Zuhause bereits Mitte Mai verloren. Zwei Wochen später sollte für sie die ganze Stadt verboten werden. Am 29. Mai 1945 hatte der Landesnationalausschuss den Erlass über die Hinausführung der Deutschen aus Brünn erteilt. In der Stadt durften demnach nur Männer im Alter von 14 bis 60 Jahren verbleiben, damit sie dort bei der Aufräumung der Trümmer sowie weiteren öffentlichen Arbeiten helfen. Die Aussiedlung sollte sich nicht auf Kranke, Invaliden, schwangere Frauen, Antifaschisten und Personen aus gemischten Ehen beziehen. Ein Tag später haben auch die Vertreter des Nationalausschusses der Stadt Brünn den Transfer der Deutschen bewilligt. Zu dieser Zeit spielte schon der Druck der Straße, insbesondere das aktive Vorgehen der Delegierten des Betriebsrates der Brünner Waffenfabrik, die von der Polizeidirektion einen kompromisslosen Eingriff gegen die Deutschen verlangte, eine sehr starke Rolle. Mit dieser Forderung hat die Delegation aus der Brünner Waffenfabrik auch den damaligen Vorsitzenden des Nationalausschusses der Stadt Brünn, Vladimír Matula, besucht. Bei diesen Besuchen hatte man beispielsweise laut die Drohung ausgesprochen, dass die Arbeiter in der Lage seien, die Deutschen im Alleingang auszusiedeln, falls die Vertreter der Stadt zögern würden. Nach der Sitzung mit Polizeidirektor Josef Babák wurde vereinbart, dass die Aussiedlung noch am gleichen Tag beginnt.

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Die Beamten der Polizeidirektion haben im Anschluss daran eine gesonderte Verordnung verfasst, deren Inhalt von der bereits erlassenen Verordnung des Landesnationalausschusses ausgegangen ist. Dieses Dokument wurde danach vom Brünner Oberbürgermeister Matula unterzeichnet. An der vorbereiteten Aussiedlung sollten sich die Kräfte der Polizei und der Nationalen Sicherheitswache in Zusammenarbeit mit den Arbeitern aus der Brünner Waffenfabrik beteiligen, welche für diese Unternehmung rund dreitausend Mitarbeiter zur Verfügung stellte. Die Aussiedlung deutscher Einwohner aus Brünn sollte auch mit den Kommandanten der Roten Armee besprochen werden. An dem verhängnisvollen Tag, jenem 30. Mai 1945, wurde zur abendlichen Stunde die Massenaussiedlung der Brünner Deutschen aus der Stadt in Angriff genommen. Rund zwanzigtausend deutsche Einwohner der Stadt Brünn mussten das Nötigste packen, ihre Wohnungen und Häuser verlassen, um sich auf der Straße zu versammeln. Von der Straße wurden sie in Begleitung der Nationalen Sicherheitswache und der bewaffneten Waffenfabrikarbeiter zur nächsten Polizeidienststelle geführt. Hier wurde ihr Gepäck einer Kontrolle unterworfen, gegebenenfalls hatte man, insofern sie welche bei sich trugen, ihre Kostbarkeiten und Sparbücher beschlagnahmt. Während die meisten arbeitsfähigen deutschen Männer ins Arbeitslager nach Malomeritz geführt wurden, um dann beim Wegräumen der Trümmer in der Stadt zu helfen, hatte man die restlichen Deutschen, d. h. Frauen, Kinder und ältere oder kranke Männer, im Laufe der abendlichen bis nächtlichen Stunden zu einigen größeren Sammelplätzen geführt. Der größte Teil der Brünner Deutschen verbrachte die letzte Nacht in der Stadt auf dem Altbrünner Platz (heute Mendlplatz). Von hier aus wurden die Deutschen, begleitet von Angehörigen

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der Nationalen Sicherheitswache und der bewaffneten „Waffenfabrikarbeiter“, die Wiener Landstraße stadtauswärts in Richtung Groß Raigern und Pohrlitz getrieben. Aus den erhaltenen Quellen geht hervor, dass die erste Gruppe von Aussiedlern gegen 22.00 Uhr aufbrach und der letzte deutsche Tross gegen 6.00 Uhr früh Brünn verlassen hat. Die Hastigkeit der Aussiedlung sowie deren schlechte Organisation haben schließlich zur nachstehenden großen Tragödie beigetragen: Tausende von erschöpften Deutschen erreichten nach mühseligem Marsch Pohrlitz, wo schnell ein provisorisches Lager für alte, kranke sowie zum weiteren Marsch unfähige Personen aufgebaut wurde, sonstige Aussiedler mussten weiter in Richtung der österreichischen Grenze gehen. Ein Teil der aus Brünn vertriebenen Deutschen hatte sich anschließend in umliegenden südmährischen Dörfern verstreut, in denen sie eine Zeitlang als Landwirtschaftsaushilfen blieben, manche konnten einige Zeit später nach Brünn zurückkehren, ein Teil kam bis zur österreichischen Grenze, über die sie dann das tschechoslowakische Gebiet verließen. Viele Deutsche, vorrangig alte und kranke Personen, haben den langen und schwierigen Marsch nicht überstanden, sie sind vor Erschöpfung und Hunger ums Leben gekommen. Doch auch denjenigen, die ihren unfreiwilligen Marsch im Pohrlitzer Lager beendeten, wurde keinerlei Linderung ihres Leidens beschert. Die Bedingungen im Pohrlitzer Lager waren katastrophal, innerhalb von nur wenigen Tagen hat sich hier die tödliche Ruhr zu einer Epidemie entwickelt. Dadurch und infolge von mangelhaften hygienischen Bedingungen sind viele Menschen im Lager gestorben, was sowohl die deutschen Augenzeugen als auch die tschechischen Quellen übereinstimmend bestätigen. Eine weitere schwerwiegende und

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traurige Feststellung ist, dass sich in den Reihen des Brünner Aussiedlermarsches auch Personen befanden, die von diesem Transfer verschont bleiben sollten. Darunter waren deutsche Antifaschisten, Menschen aus gemischten Ehen und sogar einige Tschechen. Wahrscheinlich wird man nie völlig zuverlässig ermitteln können, wie viele Todesopfer der Marsch von Brünn gefordert hat. Unterschiedliche Interpretationen dieser Ereignisse legen unterschiedliche Zahlen verstorbener Brünner Deutscher vor. Die Zahlen schwanken von einigen Hunderten bis zu fünftausend Toten. Seriöse historische Forschungen schätzen die Zahl der Opfer des Brünner Marsches auf 1.700 Tote, wovon die Mehrheit der Todesfälle den Folgen der Ruhr-Epidemie zuzuschreiben sei. Weitere vertriebene Brünner Deutsche sind infolge von Erschöpfung und Hunger verstorben, in einigen Fällen sind auch seitens der tschechischen Begleiter gewaltsame Exzesse sowie Morde nicht auszuschließen, deren Ausmaße allerdings nicht so groß gewesen sein mögen, wie es die Literatur der ausgesiedelten Deutschen oft darstellt. Die Durchführungsweise des spontanen Transfers der deutschen Bevölkerung aus Brünn hatten bereits damalige offizielle tschechoslowakische Stellen kritisch bemängelt. Das Innenministerium hatte dem Brünner Nationalausschuss für die Art, wie die Aussiedlung durchgeführt wurde, eine scharfe Rüge erteilt. Es ist ebenso offensichtlich, dass die Erfahrung mit der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Brünn den lokalen sowie landesweiten Behörden als eine Art Belehrung für ihr weiteres Vorgehen gedient hat. So hatten beispielsweise das Innenministerium und anschließend auch der Landesnationalausschuss kurz nach den Ereignissen von Brünn die Verwaltungsbehörden in Zwittau, wo sich eine große deutsche Sprachinsel befand und die dortige Situation ebenfalls

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zugespitzt war, gewarnt, ähnliche Fehler zu vermeiden und mit der Aussiedlung der Deutschen bis zum Erlass entsprechender Regierungsrichtlinien abzuwarten. Die Aussiedlung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung aus Brünn in den letzten Mai-Tagen 1945 bleibt eine problematische, tragische und aus heutiger Sicht inakzeptable Maßnahme — ungeachtet dessen, ob sich die Auszusiedelnden während der nationalsozialistischen Besatzung schuldig gemacht haben oder nicht. Umso mehr, da diese Aussiedlung noch vor der ordnungsgemäßen, bei der Potsdamer Konferenz der alliierten Mächte verabschiedeten Bewilligung der Abschiebung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei erfolgte. Die Aussiedlung wurde zudem unter solchen Umständen vorgenommen, die vermeidbare Verluste menschlichen Lebens zur Folge und den Überlebenden nachgewiesenermaßen viel Leid und Schmerz zugefügt hatten und sie für ihr ganzes Leben lang gekennzeichnet haben.

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Brünner Todesmarsches