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Josef Š.

Ich gebe meinen Namen nicht an

An Pohrlitz und den Todesmarsch erinnere ich mich nur schwach, ich sehe lediglich Menschen vor mir und es fehlt mir meine Mutter, die zwar immer noch mit mir ist, doch schiebt sie einen Kinderwagen, sie ist hinter mir und ich sehe sie nicht, ich weiß nicht, ob ich heulte oder still war, aber an die Beklemmung erinnere ich mich und dann an nichts mehr. Von dem Brünner Todesmarsch habe ich von meiner Mami erst irgendwann in den 1970er Jahren erfahren und obwohl nach dem Krieg bereits so viele Jahre vergangen sind, ich ein erwachsener Mann war und sie eine fast schon alte Frau, erzählte sie es mir wie ein großes Geheimnis, über das man nicht sprechen darf. Es sollte besser keiner wissen, dass wir Deutsche sind. Dabei hatte unser Deutschsein eine sehr kuriose Gestalt: Mein Vater, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Volksdeutscher mit tschechischem Namen fiel bei Stalingrad, eh´ ich ihn überhaupt wahrgenommen habe, er aber hatte mein Foto dabei gehabt. Während des Marsches nach Pohrlitz hatte man meinen Opa und meine Oma beiseite genommen und ich habe sie seitdem nie mehr gesehen, ich weiß nicht, was ihnen zugestoßen ist, es war bestimmt nichts Angenehmes.

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Die erste Milch bekamen wir erst hinter der österreichischen Grenze, aber auch dort hatte man sich über die Deutschen aus Böhmen kaum gefreut. In Wien hat meine Mami versucht, den russischen Soldaten klar zu machen, dass wir hierher durch einen Irrtum geraten sind und um diesen Irrtum noch durch eine Tat zu stärken, hatte sie in aller Eile einen tschechischen Mann mit deutschem Namen geheiratet, so dass man uns dann zurückschickte. In eine andere, eine schlechtere Wohnung. Wir sind nach Brünn zurückgekehrt und es wurde aus uns eine echte tschechische Familie, so tschechisch, dass, wenn jemand meine Mami auf der Straße auf Deutsch ansprach, was wirklich äußerst selten vorkam, rannte sie vor Angst zitternd, mich an der Hand haltend, davon, als hätte es sich um einen Angriff gehandelt. Es ist absurd, aber auch im Jahre 2012 möchte ich niemandem sagen, dass ich eigentlich ein Deutscher bin. Meine Kinder ahnen nichts von meiner Kindheitsgeschichte, meine Familie hegt keinerlei Zweifel hinsichtlich meiner tschechischen Herkunft und den Brünner Todesmarsch habe ich dermaßen verdrängt, dass ich sogar selbst die Erinnerung daran, wie meine Mutter den Kinderwagen auf dem langen Weg schob, eher für ein Trugbild und einen Traum, denn für eine wirkliche Begebenheit halte.

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Ich gebe meinen Namen nicht an