Zu guter letzt
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Der alte Dichter
Der alte Dichter geht zum letzten mal auf Lesung
Er sitzt ganz dünn vor einem furchtbar dicken Buch
Der Dezernent schätzt ihn und wünscht herzlich Genesung
Die Stirn tupft er mit einem schwarzen Taschentuch
Drei alte Frauen kauern auf den harten Stühlen
Ihre Gesichter sind ganz welk und fieberfahl
Zutiefst ergriffen sind sie von alten Gefühlen
Wär nur so neon nicht das kalte Licht im Saal
Bundesverdienstzäpfchen verlieh man ihm am Bande
Doch er wehrt ab und sagt: sowas ist doch fürn Arsch
Einst führten Lesereisen ihn durch alle Lande
Und die Kritiken über ihn warn selten harsch
Das Publikum ist lang schon ausgeblieben
Und Bücher von ihm kennt ja keiner mehr
Und niemand weiß noch was er einst geschrieben
Jaja das Alter ist für manchen Dichter schwer
Er schrieb verquast langweilige Novellen
Im Pfefferminzteelyrikschreiben war er groß
Ganz sicher war er keiner von den Hellen
Die Preise fielen ihm ja nur so in den Schoß
Sein Opus magnum hat weit über 1000 Seiten
Dem Leser nimmt es seine letzte Lebenskraft
Im Blocksatz tut dem Auge es Verdruß bereiten
Was eigentlich der Inhalt ganz alleine schafft
Die Frauen die an seinem Weg sich bückten
Die liegen lange schon tief unter grünem Gras Und ihre Briefe die ihn einst so sehr entzückten
Sind im Tresor vom Schillerarchiv unter Glas
Der alte Dichter geht zum letzten Mal auf Reisen
Doch niemand nimmt davon noch groß Notiz
Er will sichs einmal noch nochmal beweisen
Die nächste Lesung gibt demnächst er im Hospiz
Der alte Dichter lädt zu seiner letzten Lesung
Er liegt ganz dünn vor einem furchtbar dicken Buch
Im Zimmer riecht es leicht schon nach Verwesung
Aus jetzt – und Schluss! Nun aber ists genug…
Vorspiel
Zwischenspiel
Zwei Gedichte
Zwei Gedichte schreib ich noch
Oder schreibt sie wohl das Leben
Dem mein eignes ich gegeben
Bis zum tiefen Fall ins Loch
Zwei Gedichte schreib ich noch
Dies hier ist für euch geschrieben
Eines noch ist mir geblieben
Bis zum steilen Flug ins Hoch
Bis zum tiefen Fall ins Loch
Will ich noch Gedichte schreiben
Auf dass die Gedichte bleiben
Zwei Gedichte schreib ich noch
Liebe Durst und Rauch
Ob ich berühmt bin ist mir Wurst
Doch bin ich nicht berüchtigt
Wenn sich der Rauch verflüchtigt
Verspür ich großen Durst
Ob ich vergessen werd ist gleich
Solang ich nicht vergesse
Bekam oft in die Fresse
Bin hart und zart zugleich
Ob ich beliebt bin ist egal
Doch lieben – weiß ich – kann ich
Dich lieb ich wirklich bannig
Vor Kälte schützt ein Schal
Und ob vergeht die Welt in Rauch
Brennt vorher doch ein Feuer
Dass Altes sich erneuer
So brenn und trink und schmauch
Letztes Lied
So manches Bier goss ich daneben
So mancher Schnaps fiel um
Doch bleibt mir noch genug zum Leben
Kommt Freunde lasst uns einen heben
Setzt euch um mich herum
So manche Freundin ging mir flöten
So mancher Freund blieb weg
So mancher Riss ist nicht zu löten
Ein größrer Kolben wär vonnöten
Es fettet mancher Fleck
So manches Lied hab ich geschrieben
So manches Lied schrieb mich
Und ist nur dies davon geblieben
Dann will ich noch paar Bier reinschieben
Prost Freunde dann besauf ich mich
sehr Le kip kür wir kön se uns ser nen leh ben le Schnäp uns fen, wir an len, gern nen, Dass so pen, nen, ge wön wein so dür Rot Le Dass ser wir wir lan Dass schlür Seh wir ge un sind, zen zen, die dass kön nen, weil so fen, re stür krank Bie fal fal vor wir nen, ser an leh send rig pras zen, ben feu un wür weil von Trä ben lie pras send lie zen, sehr len, ben nen, nen, blind ben kür Lo = 80 Interlude
Dass wir so lang leben dürfen
Dass wir so lang leben dürfen
Schnäpse kippen Rotwein schlürfen
Feurig würzen Biere stürzen
Prassend unser Leben kürzen
Dass wir so sehr lieben können
Loser sind die gern gewönnen
Blind vor Tränen krank vor Sehnen
Fallen weil wir uns anlehnen
Dass wir so sehr lieben können
Dass wir so viel kämpfen müssen
Meist vergebens oft verbissen
Nichts von Dauer nur die Trauer
Kennen wir jetzt viel genauer
Dass wir unsre Lieder singen
Sie durch laute Zeiten bringen
Manchmal nur ganz leise summen
Aber niemals ganz verstummen
Dass wir unsre Lieder singen
Dass wir noch Gedichte schreiben
Und zwar solche die einst bleiben
Stark wie Eichen die nicht weichen
Zart wie Seerosen auf Teichen
Dass wir grüne Gärten bauen
wo die Elfen in den lauen
Nächten zwischen Pflanzen tanzen
Sorgen uns ums Wohl des Ganzen
Dass wir grüne Gärten bauen
Dass wir tiefe Brunnen bohren
Unbeirrbar unverfroren
Hart uns schinden Quellen finden
Seher sind unter den Blinden
Dass wir euch als Freunde nennen
Und durch euch erst Freundschaft kennen
Mit euch lachen Pläne machen
Glut im kalten Haus entfachen
Dass wir euch als Freunde nennen
Dass wir so lang leben dürfen
Schnäpse kippen Rotwein schlürfen
Feurig würzen Biere stürzen
Prassend unser Leben kürzen
Dass wir so lang leben dürfen
Steh nicht im Goldnen Buch der Stadt
Steh nicht im Goldnen Buch der Stadt
Hab keine großen Preise
Bin nicht behängt mit Orden satt
Bin noch auf meiner Reise
Steh nicht im Goldnen Buch der Stadt
Nach mir heißt keine Straße
Bin Mitglied nicht im Großen Rat
Nicht Sprecher einer Klasse
Nach mir benannt wurde kein Platz
Nicht Stadion noch Schule
Hab mit gemacht bei keiner Hatz
Hielt fern mich von Bambule
Sie nannten nach mir keine Schlacht
Kein Kriegsschiff keinen Flieger
Verlieren hat mir nichts gemacht
So war ich auch kein Sieger
Und hab ich Unmut doch erregt
Mit all meinen Geschichten
Hab ich ermutigt und bewegt
Mit Liedern und Gedichten
Habe begangen manchen Streich
Wenn ich es recht besehe
Arm geh ich – an Erinnerung reich
An Liebe Freundschaft Nähe
Am Ende hat sich ja gelohnt
Mein Fahren und mein Singen
Hab mich und andre nicht geschont
Will es zu Ende bringen
Bleibt gerne noch ein bisschen hier
Lang dufte euch der Flieder
Ich geh schon vor und mach Quartier
Wir sehen uns ja wieder
Werde ich endlich flach gelegt
Und das zum letzten Male
Dann bitte seid recht froh bewegt
Legt Geld in Charons Schale
Und wer mich recht zu ehren weiß
Der leere seinen Humpen
Und summe meine Lieder leis
Und rauche einen Stumpen
Steh nicht im Goldnen Buch der Stadt
Hab keine Großen Preise
Bin nicht behängt mit Orden satt
Noch bin ich auf der Reise
Bonusverse:
Und wer mich recht zu ehren weiß
Mich und den guten Goethen
Der singe unsre Lieder leis
Und schlürfe Sekt aus Flöten
Doch wer mich gar nicht ehren will
Der trinke Schnaps aus Kannen
Und lege sich aufs Lager still
Und ich ziehe von dannen
Und wer mich gar belehren will
Trink Wasser aus Zisternen
Dann klingt die Stimme nicht so schrill
Und er kann von mir lernen
Einmal noch
Einmal noch unter Kumpanen
Einmal noch Applaus absahnen
Nochmal Nacht der Poesie
Mit der ganzen Compagnie
Einmal noch zusammen singen
Nochmal mit den Hüften schwingen
Einmal noch Gesang und Tanz
Leben pur noch einmal ganz
Einmal noch zusammen sprechen
Und mit euch gemeinsam zechen
Mit dem großen Publikum
30 Jahre sind schon um
Nochmal mit euch schwadronieren
Schnabulieren pokulieren
Pantomime Puppenspiel
Lieder und Musik ganz viel
Einmal noch zusammen streiten
Eingedenk der alten Zeiten
Scherz Satire recht viel Spaß
Auch für uns wächst schon das Gras
Also hoch jetzt die Pokale
Bald erlöscht das Licht im Saale
Einmal noch nur noch einmal
Lange Nacht in Teutschenthal
Auf uns
Immer schreibe ich noch Lieder
Ja ich singe immer noch
Seh Dich Liebste immer wieder
Doch wie lang wie lange noch
Immer fühl ich noch das Beben
In den Adern rotes Blut
Immer noch bin ich am Leben
Dir und meinen Freunden gut
Immer noch mag ich ihn trinken
Diesen purpurroten Wein
Mag in ihm und Dir versinken
Und noch immer bei euch sein
Hab euch noch an meiner Seite
Hoffentlich recht lange noch
Rauchend trinkend liebend gleite
Letztlich dann auch ich ins Loch
Sehe wie die Blätter fallen
Und wie weißer Nebel wallt
Bin fast einziger von allen
Fühle jung mich noch – nicht alt
Seht der Rauch zieht leicht von hinnen
An die schwere Wolkenwand
Möchte gern noch mal beginnen
Setz die Pfeife neu in Brand
Ja es ist nur schwer zu fassen
Wir sind doch noch immer da
Drum ihr Freunde – Hoch die Tassen
Und ein donnerndes Hurra
Wünsche euch noch viele Jahre
Wenn ich längst gegangen bin
Dass ihr steht an meiner Bahre
Und ich liege drin …
Zwischenlied
Ich kann nicht davon leben
Von dem was uns ernährt
Was uns ernährt
Das ist nicht zu erstreben
Ich kann nur davon singen
Von dem was uns beschwert
was uns beschwert
Das wird uns nicht bezwingen
Ich will das nicht nur träumen
All das was uns verwehrt
Was uns verwehrt
Das wollen wir nicht versäumen
Ich kann sie niemals ordern
Die Waffen für Gewalt
Hier heißt es für mich: Halt
Das lasse ich nicht fordern
Ich kann das nicht ertragen
Den Lug und den Betrug
Davon hab ich genug
Das lässt mich nicht verzagen
Das Leben zu begreifen
Ja das fällt manchmal schwer
Und doch: ich will ja mehr
Statt Stacheldraht nur Schleifen
Bevor ins Grab wir sinken
Erhebe ich das Glas
Jawohl ich gönn mir das:
Mit euch auf uns zu trinken
Ich weiß es kommen Zeiten
Für Frieden auf der Welt
Gut ists um uns bestellt
Wenn wir den Weg bereiten
Wenn wir den Weg beschreiten
Viele Lieben
Viele Lieben musstest du erleiden
Und die eine hast Du auch erlebt
Magst auch heute Schönheit noch nicht meiden
Bist noch einer dem das Herz erbebt
Glaubtest oft Du kämpfst für Dich alleine
Gegen eine ganze wilde Welt
Denn noch ists um Freiheit die ich meine
Auf der Erde nicht so gut bestellt
Viele Kämpfe hast Du überstanden
Niederlagen viele überlebt
Und befreit von Fesseln Ketten Banden
Bist Du doch der Erde nicht entschwebt
Viele Tode wollten Dich schon fällen
Und den letzten fürchtest Du nicht mehr
Ließest nie Dich von den Mordgesellen
Werben für ihr großes graues Heer
Deine Fehler hast Du Dir verziehen
Und der Herbst zieht lächelnd übers Land
Nun da bald die letzten Rosen blühen
Hast am Ende Du es auch erkannt:
Viele Lieben musstest du erleiden
Und die eine hast Du auch erlebt
Magst auch heute Schönheit noch nicht meiden
Bist doch einer dem das Herz erbebt