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Landschaften_und_Menschen_1-16

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1. Auflage 2008

ISBN 978-3-940751-05-8

Alle Rechte vorbehalten

Fotografien © Foto Liebert, Holzminden; Foto Fritz, Bad Karlshafen

Texte © Herausgeber

Verlag Jörg Mitzkat Holzminden www.mitzkat.de

Druck: Lönneker, Stadtoldendorf

Polle mit Burg und Fähre, um 1900 [Foto: Otto Liebert]

Foto vorhergehende Seite: Wanderer im Tal der Holzminde bei Fohlenplacken, Heinrich Fritz

Titelbild: s.S. 46

Foto Rückumschlag: s.S. 90

Landschaften und Menschen

Frühe Fotografien aus dem Weserbergland

Otto Liebert und Heinrich Fritz

dokumentieren das Leben im Solling und im Wesertal

Herausgegeben von Thomas Krueger, Jörg Mitzkat und Wolfgang Schäfer

Verlag Jörg Mitzkat Holzminden, 2008

Inhalt

Zwei Fotografen ...

Bevern

Holzminden

Tonenburg

Corvey

Höxter

Boffzen

Fürstenberg

Wehrden

Derental

Meinbrexen

Schönhagen

Uslar

Vernawahlshausen

Volpriehausen

Hardegsen

11

14

15

Stadtoldendorf

Amelungsborn

Arholzen

Schießhaus

Köhlerei im Solling

Silberborn

Neuhaus

Fohlenplacken

Mühlenberg

Holzminden

Editorische Notiz:

Dieses Buch war als erweiterte Neuauflage von „Auf dem Lande – Leben im Solling und im Wesertal; Fotografien von Heinrich Fritz (1879-1945)“, hrsgg. v. Wolfgang Schäfer, Holzminden 1997 gedacht. Doch neben der Erweiterung um die Bilder Otto Lieberts gelang es, auch viele Aufnahmen von Heinrich Fritz durch bisher unveröffentlichte Motive zu ersetzen. Aus „Auf dem Lande“ wurden nur ganz wenige unersetzbare Motive sowie einige Texte übernommen

Für Unterstützung und wertvolle Hinweise sei vor allem Dr. Matthias Seeliger und Detlef Creydt gedankt.

Zwei Fotografen dokumentieren das Leben im

Solling und im Wesertal

Für die Zeit der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gibt es praktisch keine Zeitzeugen mehr. Auch für die Zeit danach bis in die 1930er Jahre können wir nur noch von wenigen Menschen aus erster Hand erfahren, wie es ihnen damals erging und wie man in jener Zeit lebte, als Pferdewagen noch das bevorzugte Verkehrsmittel waren, als sich nur wenige Firmen rühmen konnten, einen Telefonanschluss zu besitzen, oder als Wochenschauen in den städtischen Kinos erstmals mit Bild und Ton von den Ereignissen in der Welt berichteten.

Um einen Eindruck von der damaligen Lebenswelt der Menschen auf dem Lande zu bekommen, sind Fotografien meist das einzige Medium.

Dieses Buch versammelt eine Auswahl von Bildern der Fotografen Otto Liebert aus Holzminden und Heinrich Fritz aus Karlshafen. Die Aufnahmen stammen aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre. Sie zeigen eine ländliche Welt, in der das 20. Jahrhundert offenbar selbst 1930 noch nicht richtig angekommen war. Dies ist die

Das erste Atelier von Otto Liebert in Holzminden, 1878: Die Utensilien machen deutlich, dass es seinerzeit noch nicht um Dokumentation, sondern um Inszenierung ging.

große Gemeinsamkeit dieser beiden Fotografen aus dem Weserbergland: Wenn man von einigen Auftragswerken absieht, klammern beide – ganz gegen den Trend dieser fortschrittsgläubigen Zeit – die Zeugnisse des Fortschritts aus: an Industrieanlagen oder Neubauten wird bewusst vorbei fotografiert, und oftmals finden sich Pferde- oder Ochsengespanne im Bildvordergrund, wo andere Fotografen eher ein Auto platziert hätten. Trotzdem wird man nicht behaupten können, die Fotos von Otto Liebert und Heinrich Fritz seien nostalgietrunkene Täuschungen. Diese Fotografien zeigen uns – wie alle anderen Fotos auch – die Wirklichkeit aus jeweils individueller Perspektive; sie sind so wahr oder unwahr wie Fotos nur sein können. Uns heutigen Betrachtern geben sie eine Ahnung vom Leben in der vormodernen Zeit: Selbst die Hauptstraßen sind auf diesen Bildern meist nicht gepflastert – gemessen an unseren Verhältnissen, lebten die Menschen damals im Dreck; nur die wenigsten Häuser sind frisch verputzt oder angestrichen – die meisten Gebäude zeugen von der Armut ihrer Bewohner; und die Menschen selbst mit ihren Pferde- oder Ochsenwagen oder die teilweise zerlumpten Kinder unterstreichen diesen Eindruck materieller Armut mit großer Deutlichkeit – und doch stellt sich bei der Mehrzahl der Betrachter geradezu unweigerlich eine gewisse Sentimentalität ein: vom viel beklagten Stress und der Hektik der heutigen Zeit scheinen die Menschen der damaligen Zeit Lichtjahre entfernt.

Geboren am 19. November 1854 in Küstrin, kam Otto Liebert in den 1870er Jahren nach Holzminden. Offenbar hat er in Holzminden in der heutigen Halbmondstraße im Jahre 1878 ein FotoAtelier übernommen: Auf seinen ältesten Abzügen findet sich der Hinweis „vorm. R. Carbonnier“. Von 1881 bis 1889 befand sich Lieberts Atelier im Wilhelmsgarten, einem beliebten Gartenlokal an der Karlstraße. In dieser Gegend der Stadt blieb er: Nach einigen Umzügen gelangte er in die Karlstraße Nr. 19. Dort blieb das Geschäft bis in die 198oer Jahre. Otto Liebert starb am 22. Juli 1940. Heute findet sich der Familienbetrieb in der vierten Generation in der Oberbachstraße Holzminden. Mit einer ununterbrochenen Generationenfolge in nunmehr 130 Jahren darf sich Otto Lieberts Urenkel Jost Liebert heute rühmen, einen der ältesten Fotografenhandwerksbetriebe Deutschlands zu führen. In Holzminden gab es in den 1880er Jahren einige Fotografen. Das fotografische Abbild faszinierte die Menschen, und die Entwicklung von Handkameras für die Amateurfotografie lag noch in weiter Ferne. Neben Porträts wurden vor allem Gruppenaufnahmen von Vereinen und Organisationen angefertigt. Die technische Entwicklung von Trockenplatten machte es den Fotografen erst in den 1880er Jahren möglich, ohne besonders großen Aufwand Außenaufnahmen zu erstellen. Die in den 1870er Jahren tätigen wenigen Reisefotografen mussten immer ein Dunkelkammerzelt mitführen. Auch Otto Liebert musste in seiner Anfangszeit die Emulsionen erst kurz vor der Aufnahme auf Glasplatten gießen, denn die Belichtung musste auf der nassen Emulsion erfolgen, die dann umgehend entwickelt

werden musste. Die Tatsache, dass von Otto Liebert schon aus dem Jahre 1894 ein Leporello mit 14 Holzminden-Motiven überliefert ist, zeugt jedoch davon, dass Liebert die technische Entwicklung schnell aufgegriffen hat. Durch die Möglichkeit, Außenaufnahmen zu erstellen, konnte er sich von der Konkurrenz der anderen regionalen Fotografen deutlich absetzen.

Mit dem Auftrag für das 1896 erstellte „Koken-Album“ bekam er die Gelegenheit, den Kreis Holzminden systematisch zu dokumentieren, denn das Fotoalbum, das dem Kreisdirektor

Koken zum Abschied überreicht wurde, enthielt Bilder aller Ortschaften im damaligen Kreisgebiet. In aller Kürze konnte Otto Liebert diesen Auftrag damals nicht bewältigen, denn der Fotograf musste die gesamte Strecke selbstverständlich mit dem Pferdewagen zurücklegen – über den Straßenzustand in der damaligen Zeit geben die Bilder bestens Auskunft. Auch die Handhabung der großformatigen Plattenkamera war noch eine Wissenschaft für sich und nahm entsprechend Zeit in Anspruch. Auch das Arrangement der offenbar zufällig anwesenden Personen, die der Fotograf – wie in vielen Aufnahmen ersichtlich ist – offenbar sorgfältig anordnete, zeugt davon, wie

Im Wilhelmsgarten befand sich von 1881 bis 1889 das Atelier von Otto Liebert.

zeitintensiv Fotografieren im 19. Jahrhundert war. Das verwendete Material war sehr wertvoll, deshalb kam alles darauf an, dass das erste und einzige Foto technisch und inhaltlich perfekt war.

Liebert war es gewohnt, von Ort zu Ort zu reisen, denn aus den erhaltenen Unterlagen ist ersichtlich, dass er neben seiner

Tätigkeit in Holzminden zeitweise auch in Detmold, Bad Driburg, Höxter, Stadtoldendorf und Bad Gandersheim seine Kundschaft fotografierte.

Neben den obligatorischen Porträt- und Gruppenaufnahmen sind von Otto Liebert eine Reihe von Auftragsarbeiten sowie unzählige Postkartenmotive erhalten. Da diese Postkarten in der Zeit um 1900 noch originale Fotografien waren, die im Kontaktabzugsverfahren hergestellt wurden, existieren auch großformatige Glasplatten-negative, aus denen zwei verschiedene Postkartenmotive (jeweils im Format 9x13 cm) entstanden sind.

Otto Liebert übergab im Jahre 1921 den Betrieb an seinen Sohn Albrecht. Da beide Fotografen das gleiche Material benutzten und die Bilder nicht datiert sind, ist es heute nicht mehr genau nachvollziehbar, ob die Fotos aus der Zeit um 1920 von Otto oder Albrecht Liebert stammen. Nur ganz wenige Fotografien in diesem Buch sind Albrecht Liebert zuzurechnen. Die allermeisten Liebert-Bilder stammen aus der Zeit vor 1920.

Während Otto Liebert ein hohes Alter erreichte und erst 1940 starb, lebte sein Sohn nur bis 1948.

Heinrich Fritz

Blaurock ist da, rief der kleine Mann, wenn er mit seinem Motorrad vorfuhr. Blaue Ätzflecken waren eine Art Markenzeichen des Fotografen Heinrich Fritz aus Karlshafen, der vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren in den Dörfern der Oberweser und des Sollings eine gewisse Popularität erlangte.

Heinrich Fritz stammte aus Mecklenburg und wurde 1879 als Sohn eines Kätners in Schönbruch im Landkreis Friedland geboren. Nach dem Schulbesuch wurde er Gärtner und kam wahrscheinlich um die Jahrhundertwende in den Solling. Zunächst war er in seinem erlernten Beruf bei dem Amelither Glashüttenbesitzer Bippard tätig. Später arbeitete er als Maschinist im kleinen Kraftwerk der Hütte. Im Jahre 1909 heiratete er Minna Stümpfel aus Polier, die Tochter eines Glasmachers.

Bereits während er im abgelegenen Arbeiterdorf Amelith arbeitete, war der technisch begabte junge Mann nebenberuflich als Fotograf tätig und hielt Konfirmationen, Hochzeiten und Feste mit seiner Plattenkamera fest. Im Jahre 1910 zog Fritz mit seiner Familie nach Karlshafen und wurde Berufsfotograf. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kamen immer mehr Sommergäste in das Kurstädtchen Karlshafen, und der umtriebige junge Fotograf war zur Stelle, wenn der Dampfer anlegte. In seinem Haus in der Friedrichsstraße besaß Fritz lediglich ein kleines Labor. „Sein Atelier war die Straße,“ erinnert sich sein Sohn Heinrich. So lichtete Fritz seine Kunden am historischen Hafen oder an der Weser mit seiner Reisekamera ab. Da der Apparat keinen Verschluß besaß, benutzte der Fotograf lange

Zeit einen Erdal-Schuhcremedeckel. Trotz vielfältiger Schwierigkeiten konnte sich Fritz in wenigen Jahren als Fotograf in Karlshafen etablieren. Der Ausbruch des I. Weltkrieges stellte diese bescheidene Existenz in Frage. Fritz wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Er nahm aber seine Kamera mit an die Front und schoß zahlreiche Fotos vom Alltag an der Front.

Nach dem Krieg konnte Fritz nur langsam wieder Fuß fassen. Vor allem während des Inflationsjahres 1923 konnte er nur mühsam seine Familie ernähren und betätigte sich auch als Lumpen- und Alteisensammler. Außerdem fing er Maulwürfe mit Fallen und verkaufte deren Felle.

In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre konnte Fritz wieder von seiner Arbeit als Fotograf leben. Er fuhr mit seinem Fahrrad, später mit seinem Zündapp-Motorrad, über die Dörfer und war auf allen Hochzeiten ein hochangesehener Party-Fotograf. Außerdem stellte er Ansichtskarten her, die er in Gastwirtschaften, Pensionen und Kolonialwarenläden verkaufte.

Er arbeitete jetzt auch für öffentliche und private Auftraggeber. So wurde er eine Art Betriebsfotograf für das Bodenfelder Holzverkohlungswerk und ständiger Mitarbeiter des Lauenförder Kreisheimatpflegers Heinrich Könecke. Nicht zuletzt war er für die Buchhändler Ulrich in Lippoldsberg und Henze in Uslar tätig.

Der Machtübernahme der Nationalsozialisten begegnete Fritz mit Skepsis und größter Zurückhaltung. Er verweigerte grundsätzlich den sogenannten Hitlergruß und machte sich nicht selten über die Nazis lustig. Trotz massiver Verbote fotografierte Fritz während der Kriegsjahre ausländische Zwangsarbeiter, die in den Betrieben Karlshafens tätig waren.

Heinrich Fritz starb 1945. So wie das Geschäft Lieberts wird auch sein Fotogeschäft heute vom Urenkel geführt.

Heinrich Fritz war ein volkstümlicher Künstler auf dem Lande. Er war nicht nur Fotograf, sondern versuchte sich auch — allerdings erfolglos — als Erfinder. In seiner Freizeit malte er auf

einem beachtlichen Niveau Landschaftsbilder. Er mochte die kleinen Leute in den Solling- und Wesergemeinden. Vor allem zu den Kindern fand er leicht Zugang. Da ihn die Menschen kannten und ihm vertrauten, war er überall willkommen. So konnte er Kinder bei den Schularbeiten fotografieren, Nachbarinnen beim Schwatz auf der Straße und Jugendliche bei Schwimmversuchen in der Weser. Beeindruckend sind auch seine Dorfporträts. Seine Fotos vermitteln einen Einblick in das schwere Leben auf dem Lande zur Zeit unserer Eltern und Großeltern. Die Straßen sind kaum aufgeräumt, die Häuser oft schlecht verputzt, manchmal auch leicht verwahrlost. Fritz sah sich durchaus als Chronist seiner Zeit und vermittelt ein ungeschminktes Bild von der Weser-Solling-Region.

Auf den Fotografien von Otto Liebert und Heinrich Fritz werden die Personen meist nur recht klein abgebildet, trotzdem sind die Menschen nie Beiwerk. Das gesamte Szenario dieser Bilder erzählt mehr über das Leben in der Weser-SollingRegion in der Zeit des Kaiserreichs als manch umfangreiche Chronik. Die Perspektive beider Fotografen scheint dem Ansatz der in den sechziger Jahren entstandenen Dokumentarfotografie vorauszugreifen. Diese Richtung der künstlerischen Fotografie versucht, durch Vermeidung aller fotografischen Effekte ein realistisches Bild von der Welt zu entwerfen. Die meisten Dokumentarfotografen benutzen — ebenso wie Liebert und Fritz — eine kompliziert zu handhabende Großformat-kamera. Ohnehin glich ein Fotograf zu der damaligen Zeit eher einem Alchemisten, als einem Handwerker.

Viele Bilder von Fritz und Liebert strahlen eine große Ruhe aus. Wenn sich die Kinder auf der Straße sammeln, der Fährmann die Leinen los macht oder die Köhler ihr Abendbrot vorbereiten, scheint die Zeit stillzustehen. Diese vorindustrielle Langsamkeit prägte bis in die 1960er Jahre hinein den Alltag in den kleinen Ortschaften des Sollings und entlang der Weser.

Im Gegensatz zu Otto Liebert, der wohl bis zum Ende seiner beruflichen Tätigkeit 1921 mit dem Pferdewagen unterwegs war, konnte Heinrich Fritz in den 1930er Jahren schon mit dem Moped auf Motivsuche gehen.

Otto Liebert hat Bevern im Jahre 1896 von Südwesten über den alten Ortskern in Richtung Wesertal fotografiert. In der linken Bildmitte ist das Schloss mit seinen charakteristischen Türmen erkennbar; es wurde seinerzeit als Waisenhaus genutzt.

Holzminden, um 1895: Offenbar lag Otto Liebert daran, die Weserstadt als einen Ort im Grünen darzustellen, denn die drei Herren auf der Wiese und das Gebüsch am Weserufer nehmen einen wichtigen Raum im Motiv ein. Die Holzmindener Weserbrücke wurde erst wenige Jahre vorher (1888) eingeweiht.

Holzminden – die Ackerbürgerstadt

Die Lage zwischen Solling und Weser prägte über Jahrhunderte die kleine Ackerbürgerstadt. Neben holzverarbeitenden

Betrieben und einer Eisenhütte (Bild unten) residierte in Holzminden die Administration der Sollinger Steinbrüche. Vom Holzmindener Hafen wurden die in den Brüchen des Sollings gewonnenen roten Sollingsandsteinplatten sogar bis nach Amerika verschifft. Um die Jahrhundertwende stellte die Administration in ihren Steinschleifmühlen vor allem Fussbodenplatten für Kirchen und Schlachthöfe in ganz Deutschland her.

Trotzdem blieb Holzminden in den vergangenen Jahrhunderten immer eine beschauliche Kleinstadt, die sich von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges nur schwer erholte und sich auch als „Hauptstadt“ des Braunschweigischen Weserdistricts nie entscheidend weiterentwickeln konnte.

Das „alte Holzminden“ wurde von Wilhelm Raabe literarisch verewigt, der hier seine Kindheit verlebte und einige seiner

Die ehemalige Eisenhütte in Holzminden im Jahr 1899 – sie wurde seinerzeit als Steinhof genutzt und musste bald dem Neubau der Bauschule weichen, die zu diesem Zeitpunkt noch in dem heute als Katasteramt genutzten Gebäude im Hintergrund untergebracht war.

Erzählungen und Romane unverkennbar in der Stadt an der Weser und seiner Umgebung ansiedelte.

Holzmindens Aufstieg als Industriestadt begann erst in den Nachkriegsjahren, als das während des Krieges aus Berlin umgesiedelte Elektrounternehmen Stiebel Eltron expandierte und auch die beiden Duft- und Geschmackstoffunternehmen

Haarmann & Reimer und Dragoco zu den größten der Branche wurden. Heute firmieren beide Unternehmen gemeinsam unter dem Namen „symrise“.

Heinrich Fritz zeigt Holzminden (um 1920) vom Stahler Ufer schon etwas urbaner als Otto Liebert (vorhergehende Seite).

Die eindrucksvolle Aufnahme vom Bau des über 50 Meter hohen Holzmindener Silos im Jahre 1939 stammt von Albrecht Liebert und ist das jüngste Foto in diesem Buch.

Die Tonenburg wurde 1315 als Trutzburg zur Verteidigung

Corveys gegen die Braunschweiger Herzöge und Grafen von Everstein erbaut. Später wurde die Burg zu einem Gut umgewandelt. [Foto: Otto Liebert, um 1900]

Schleppdampfer auf der Weser [Fotos: Heinrich Fritz, um 1910]

Schiffsverkehr auf der Weser

Über Jahrhunderte hatte die Weser als Transportweg eine herausragende Bedeutung für die Region. Aus dem Solling wurde vor allem Holz den Fluss hinab geflößt sowie Getreide und Sandsteinplatten in Richtung Bremen verschifft. Neben der Stromschnelle bei Hameln war der Schiffsverkehr durch die zahlreichen Territorialgrenzen stark behindert, denn an jeder Grenze waren Zollstellen eingerichtet, mit denen Profit aus dem Handelsverkehr gezogen wurde. Zur Umgehung des Mündener Stapelrechts wurde im 18. Jahrhundert sogar mit dem Bau eines Kanals zwischen Karlshafen und Kassel begonnen, der aus technischen Gründen allerdings nicht realisiert werden konnte.

Die Gründung des Deutschen Reiches beendete 1871 endgültig die Kleinstaaterei. Allerdings war die Oberweser ungeeignet für die Aufnahme der wachsenden Warenströme im Zuge der Industrialisierung. Radikale Ausbaupläne wurden erfreulicherweise nie realisiert, sodass der Fluss im Weserbergland – im Gegensatz zu anderen deutschen Flüssen – eine halbwegs natürliche Gestalt bewahrt hat.

Corveys Mönche – aus dem Solling an die Weser

Für die Mönche des legendären Klosters Hethis waren die Existenzbedingungen in den rauen Höhen des Sollings zu Beginn des 9. Jahrhunderts nicht lange zu ertragen, deshalb wurde das Kloster im Jahre 822 im milderen Wesertal als Corvey neu gegründet. Diesmal war es ein Erfolg: Corvey entwicklelte sich im frühen Mittelalter zu einem geistlichen Zentrum, von dem aus die Christianisierung Nordeuropas vorangetrieben wurde. Die Zerstörung der am Kloster errichteten florierenden

Stadt durch die Bürger der Stadt Höxter im Jahre 1265, die in dem Paderborner Bischof Simon einen Verbündeten fanden, läutete das Ende der europaweiten Bedeutung Corveys ein. Von den mittelalterlichen Anlagen ist nur noch das um 888 errichtete Westwerk der Klosterkirche erhalten. Die meisten heutigen Bauten Corveys stammen aus der Zeit des Barock. Der Gesamtkomplex hat sich seit der Aufnahme von Otto Liebert um 1900 kaum verändert.

Höxter – Handelsstadt an der Weser

Im Gegensatz zum nahegelegenen Holzminden besaßen Höxter und Corvey schon im frühen Mittelalter Brücken über die Weser. Die Städte lagen an der wichtigen Ost-West-Verbindung, dem Hellweg, und entwickelten sich zu bedeutenden Handelszentren. Nach der Zerstörung der Stadt Corvey 1265 wuchs die Bedeutung Höxters weiter. Zahlreiche stattliche Fachwerkbauten zeugen noch heute von dieser Zeit, die im 17. Jahrhundert jäh zu Ende ging: Der 30jährige Krieg behinderte den Handel, zudem wurde 1697 auch noch die Weserbrücke

zerstört und lange nicht wieder aufgebaut. In den folgenden Jahrhunderten gelang es der Stadt nicht, bedeutende Manufakturen oder Industriebetriebe anzusiedeln.

Das Foto Otto Lieberts von der Höxteraner Weserbrücke um 1890 zeigt, dass zur Zeit der Pferdekutschen eine Unterteilung in Fahrweg und Fußweg nicht für nötig befunden wurde. Die Bebauung links der Brücke am jetzigen Bahnhof ist heute vollkommen verändert.

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