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Italienische Pilgerzeichen des Mittelalters – eine Problemanzeige

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ISSN 0035-7812

IM AUFTRAG des Priesterkollegs am Campo Santo Teutonico in Rom und des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft IN VERBINDUNG MIT Wolfgang Bergsdorf, Thomas Brechenmacher, Jutta Dresken-Weiland, Michael Durst, Rudolf Schieffer, Andreas Sohn und Günther Wassilowsky HERAUSGEGEBEN VON Dominik Burkard, Hans-Peter Fischer und Stefan Heid BAND 110, HEFT 1–2

2015

HERDER ROM FREIBURG WIEN


Italienische Pilgerzeichen des Mittelalters – eine Problemanzeige Von HARTMUT KÜHNE Abstract: Medieval pilgrim badges from Italy: an indication of problems – This article deals with the research of pilgrim badges originated from Italy. Pilgrim badges were being searched for and collected in Italy in the time of the first wave of interest in pilgrim badges in the second half of the 19th century. This indication corresponds to our historical knowledge about the production of pilgrim badges in the medieval Italy. They were cast during the early period – first at Rome at the Basilica of St. Peter’s, at San Giovanni in Laterano, at San Lorenzo fuori le Mura and at Sancta Maria ad Martyres, but also at Bari (St. Nicholas) and at Lucca (Volto Santo) and later u. a. at Loreto (Casa Santa) and elsewhere. The preoccupation with pilgrim badges is shown using the example of four collections which were accrued around 1900. This also includes especially the pilgrim badges collected by Anton de Waal for the Campo Santo, which are presented in a summary. The interest in pilgrim badges appears to have died in Italy after the First World War. Therefore this article is as well an appeal to rediscover unknown collections of Italian pilgrim badges.

Die von der Erfurter Kunsthalle im Sommer 2011 veranstaltete Ausstellung „Rom sehen und sterben … Perspektiven auf die Ewige Stadt. Um 1500–2011 1“ gab dem Verfasser als Berater zum Thema Rompilgerfahrt die Möglichkeit, die Ausleihe eines Teils jener Pilgerzeichen vorzuschlagen, die Anton de Waal (1837–1917) 2 einst für das Museum des Campo Santo Teutonico erworben hatte und die seit der im Jahre 1962 veranstalteten Ausstellung „Frühchristliche Kunst aus Rom“ in der Essener Villa Hügel 3 nicht mehr außerhalb des Campo Santo gezeigt worden waren. Es war ein ausdrücklicher Wunsch des Kustos der Sammlung, mit der Ausleihe eine wissenschaftliche Bearbeitung zu verbinden. So entstand die Idee zu deren naturwissenschaftlicher Beprobung. Über eine solche Untersuchung von Pilgerzeichen war im Rahmen des Berliner Projektes der „PilgerzeichenDatenbank 4“ zwischen Lothar Lambacher, dem Kustos der MitAbkürzungen: ACST = Archiv des Campo Santo Teutonico. 1 S. Knorr u. a. (Hg.), Rom sehen und sterben … Perspektiven auf die Ewige Stadt um 1500 bis 2011 [Ausstellungskatalog Kunsthalle Erfurt] (Bielefeld 2011); siehe darin bes. C. Brumme, Mittelalterliche Zeugen der Wallfahrt in die Ewige Stadt. Die römischen Pilgerzeichen (49–56). 2 S. Heid, Anton Maria de Waal, in: ders., M. Dennert (Hg.), Personenlexikon zur Christlichen Archäologie 1 (Regensburg 2012) 410–412. 3 Frühchristliche Kunst aus Rom. 3. September bis 15. November 1962 Villa Hügel, Essen, bearbeitet von L. Küppers (Essen 1962). 4 S. www.pilgerzeichen.de Einen aktuellen Überblick zu den mittelalterlichen Pilgerzeichen und ihrer Erforschung bieten K. Herbers, H. Kühne, Einführung: Mittelalterliche Pilgerzeichen. Zur Geschichte und den gegenwärtigen Perspektiven ihrer Erforschung, in: dies. (Hg.), Pilgerzeichen – „Pilgerstraßen“ (Tübingen 2013) 7–28. Einen reich bebilderten Einblick in die mittelalterliche Welt der Zeichen vor allem aus französischer Perspektive gewährt D. Bruna, Saints et Diables au chapeau. Bijoux oubliés du Moyen Age (Paris 2007).


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telaltersammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums, und dem Verfasser als Initiator der Datenbank schon zuvor mehrfach nachgedacht worden. Durch die Kooperation der Staatlichen Museen zu Berlin mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung Berlin, ergab sich die Möglichkeit zu einer Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA), die Martin Radtke durchführte, sowie zu einer Bleiisotopenanalyse durch den Archäometrie-Experten Jochen Vogl. So machten die nach Erfurt ausgeliehenen Stücke zuvor in Berlin Station. Um für die Bleiisotopenuntersuchung ein möglichst breites Spektrum potentieller Herkunftsorte in den Blick zu nehmen, wurden Vergleichsproben von Pilgerzeichen mit eindeutig identifizierter Herkunft aus Spanien, Westfrankreich und Norddeutschland aus den Beständen des Kunstgewerbemuseums Prag, des Berliner Kunstgewerbemuseums und des Archäologischen Landesamtes MecklenburgVorpommern in die Untersuchung einbezogen. Die Auswertung der Befunde berührt unterschiedliche Aspekte, so dass sich die drei beteiligten Partner darüber verständigt haben, für die sich aus ihrem Blickfeld ergebenden Einsichten je eine eigene Darstellung zu verfassen, die drei Texte aber gemeinsam zu veröffentlichen. Während der Aufsatz von Jochen Vogl sich mit den technologischen Fragen der Bleiisotopenanalyse von Pilgerzeichen befasst, skizziert der Beitrag von Lothar Lambacher die Probleme und Perspektiven, die sich aus der Anwendung dieser Methoden für die mediävistisch-kunsthistorische Forschung ergeben. Der vorliegende Text soll hingegen die Bedeutung der Pilgerzeichensammlung des Campo Santo im Kontext der Erforschung italienischer Pilgerzeichen beleuchten. 1. Fehlende Funde? Seit den 1980er Jahren nehmen archäologische Funde mittelalterlicher Pilgerzeichen in einem rasanten Maße zu: Waren es zunächst vor allem die Feuchtböden der Niederlande, in denen Tausende neuer Zeichen entdeckt wurden 5, sowie Stücke aus der Themse und anderen britischen Grabungen 6, so ist in den letzten Jahren im Ostseeraum ein Boom massenhafter Funde zu verzeichnen 7 5 Nach der ersten größeren Veröffentlichung von R. M. van Heeringen, A. M. Koldeweij, A. A. G. Gaalman, Heiligen uit de modder. In Zeeland gevonden pelgrimstekens (Utrecht 1987) erschienen inzwischen drei Katalogbände: H. J. E. van Beuningen, A. M. Koldeweij, Heilig en profaan. 1000 laatmiddeleeuwse insignes uit de collectie H. J. E. van Beuningen (Cothen 1993); dies., D. Kicken, Heilig en profaan 2. 1200 laatmiddeleeuwse insignes uit openbare en particuliere collecties (Cothen 2001); dies., Heilig en Profaan 3. 1300 laatmiddeleeuwse insignes uit openbare en particuliere collecties (Langbroek 2012). Einen Überblick über die niederländische Forschung gibt W. Piron, Der Ertrag aus 30 Jahren niederländischer Pilgerzeichenforschung, in: Herbers, Kühne (Anm. 4) 187–194. 6 B. W. Spencer, Pilgrim souvenirs and secular badges (London 1998); ders., Pilgrim Souvenirs and Secular Badges (Salisbury 1990). 7 In Deutschland wurden vor allem von den Archäologen J. Ansorge und R. Samariter größere Fundkomplexe in Rostock, Wismar, Stralsund und Greifswald geborgen, siehe deren Beiträge in: H. Kühne, L. Lambacher, J. Hrdina (Hg.), Wallfahrer aus dem Osten. Mittel-


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und auch in Frankreich sind wieder größere Fundkomplexe zu Tage getreten 8, nachdem dort bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts Massenfunde die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Pilgerzeichen angestoßen hatten. 9 Aber auch zahlreiche Einzelfunde bereichern derzeit ständig das Wissen um die Vielfalt dieses Massenbildmediums. Diesem mittel- und nordeuropäischen Boom von Neuentdeckungen stehen südlich der Alpen nur wenige Einzelfunde gegenüber. Soweit der Verfasser die Publikationen italienischer Funde des letzten halben Jahrhunderts überblickt, lassen sich diese fast an einer Hand aufzählen: Carlo Bertelli und Floriano Grimaldi veröffentlichten im Jahre 1968 die einschlägigen Funde aus Loreto 10. Dazu kommen drei Berichte in der Zeitschrift „Archeologia medievale“ über Entdeckungen einzelner Zeichen aus Ferrara und Argenta (Emilia-Romagna) 11, der Kirche San Pietro in Quiliano (Provinz Savona) 12 sowie dem Raum von Grosseto 13. Der Fund eines Pilgerzeichens in einer Burg im Friaul hat Holger Grönwald zu einer Vergleichsstudie angeregt 14. In den letzten Jahren hat sich auch der Archäologe Marco Leo Imperiale von der Universität Salento dem Thema anhand von Funden aus Süditalien zugewendet 15. alterliche Pilgerzeichen zwischen Ostsee, Donau und Seine (Frankfurt a. M. u. a. 2012). Zur Situation in Polen siehe M. Rębkowski, The Finds of the Pilgrim Badges from the Polish Baltic Coast, in: ebd. 33–49. Die nach Hunderten Fundstücken zählenden Grabungen in Danzig sind hier noch nicht berücksichtigt; eine erste Publikation der marianischen Pilgerzeichen erfolgte erst Ende 2013: H. Paner, Średniowieczne świadectwa kultu maryjnego. Pamiątki pielgrzymie w zbiorach Muzeum Archeologicznego w Gdańsku (Gdańsk 2013). 8 Einen Fund aus dem Flüsschen Rhonelle in Valenciennes publizierte A. Tixador, Enseignes sacrées et profanes médiévales découvertes à Valenciennes: un peu plus d’un kilogramme d’histoire, Valenciennes 2004. Die Ausstattung eines Pilgerzeichenateliers am Mont SaintMichel wurde vorgestellt im Katalog M. Rey-Delque (Hg.), Vivre au Moyen Âge. Archéologie du quotidien en Normandie, XIIIe–XVe siècles [Ausstellungskatalog Caen – Toulouse – Evreux 2002/2003] (Mailand 2002), bes. 297–299. 9 Die Pariser Funde wurden gesammelt und publiziert von A. Forgeais, Collection des plombs histories trouvés dans la Seine, 1–5 (Paris 1861–1865). 10 C. Bertelli, F. Grimaldi, Oggetti devozionali antichi rinvenuti nella santa casa di Loreto, in: Studia Picena 36 (1968) 104–112. Auf den Ausfall des Themas Pilgerzeichen in der italienischen Forschung verweist auch die dort in Anm. 6, S. 106–108, zusammengestellte Pilgerzeichenbibliografie. 11 C. Guarnieri, Due insegne di pellegrinaggio provenienti da scavi urbani a Ferrara ed Argenta (FE), in: Archeologia medievale 25 (1998) 265–270. 12 C. Cattaneo, C. Ravedoni, M. Binda, Insegne di Pellegrino da S Pietro in Carpignano – Quiliano (SV), in: Archeologia Medioevale 25 (1998) 279. 13 A. Wentkowska, Alcune insegne di pellegrinaggio dall’area grossetana, in: Archeologia medievale 27 (2000) 423–432. 14 H. Grönwald, Maria im Pantheon. Ein Pilgerzeichen von der Burg Cucagna, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 37 (2009) 180; ders., Am Einzelfund ins Detail: Das mittelalterliche Bild des Pantheon und seiner Ikone im Spiegel von Pilgerzeichen, in: Wallfahrer aus dem Osten (Anm. 7) 275–320. 15 M. L. Imperiale, „Signa Apostolorum Petri et Pauli“. Note sulla produzione delle „quadrangulae“ di pellegrinaggio a Roma, in: F. Redi, A. Forgione (Hg.), VI Congresso nazionale di archeologia medievale (Florenz 2012) 698–703; ders., Late medieval pilgrim ampullae from southern Apulia. An indicator of long-distance pilgrimage or of local shrines?, in: SOMA 2011. 15th Symposium on Mediterranean Archaeology Catania University – Sicily


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Abgesehen von einem kurzen Überblick über italienische Pilgerzeichen, den Alessandra Rodolfo für eine Ausstellung in Rom anlässlich des Heiligen Jahrs 2000 schrieb, scheint es keine weiteren Überblicksarbeiten zum Thema zu geben. 16 Dieser Befund wirft Fragen auf, denn die Herstellung von Pilgerzeichen an italienischen Wallfahrtskirchen ist im Mittelalter gut belegt. Die römische Peterskirche gehörte zu den ersten Kirchen der lateinischen Christenheit, an denen metallene Pilgerzeichen hergestellt und verkauft wurden. Seit dem letzten Drittel des 12. Jahrhunderts, also etwa zur selben Zeit, als in den Kirchen von Rocamadour, Saint-Leonard und Saint-Gilles entlang der französischen Jakobswege die Herstellung von Pilgerzeichen begann 17, wurden auch an der römischen Peterskirche mit Ösen versehene Metallplaketten gegossen, die das Bild der beiden Apostelfürsten zeigen 18. Da Innozenz III. dem Kapitel von Sankt Peter am 18. Januar 1199 die Einkünfte aus dem Verkauf und das Monopol der Pilgerzeichenherstellung übertrug, muss die Produktion bereits einige Jahre zuvor eingesetzt haben; Jochen Johrendt hat die Quellen zur Pilgerzeichenherstellung an Sankt Peter für das frühe 13. Jahrhundert jüngst zusammengestellt 19. Zwar blieb die Peterskirche im Hinblick auf Anzahl und Variationsbreite der wichtigste Produzent von Pilgerzeichen im mittelalterlichen Rom, aber spätestens seit dem 14. Jahrhundert traten weitere römische Pilgerkirchen durch eigene metallene signa hervor. Gesichert ist dies für San Giovanni in Laterano, wo rhombenförmige Plaketten mit dem Bild Johannes des Täufers hergestellt wurden 20, für San Lorenzo fuori le Mura, wo man nach dem Vorbild der Petrus(March 3–5th, 2011), online unter http://www.academia.edu/945566/Late_medieval_pilgrim_ampullae_from_southern_Apulia._An_indicator_of_long-distance_pilgrimage_or_of_local_shrines. 16 A. Rodolfo, „Signa super vestes“, in: Romei & Giubilei. Il pellegrinaggio medievale a San Pietro (350–1350) (Milano 1999) 151–156. Der Katalogbeitrag von P. Cannatá, Divisa e insegne del Romeo, in: Roma 1300–1875. L’Arte degli Anni Santi, catalogo della mostra (Roma, Museo di Palazzo Venezia, 20 dicembre 1984 – 5 aprile 1985) (Mailand 1984) 47–55 beschränkt sich im Wesentlichen auf die Pilgerzeichen römischer Kirchen. 17 Zum Beginn der Produktion von Pilgerzeichen s. A. Haasis-Berner, Pilgerzeichen des Hochmittelalters (Würzburg 2003) bes. 23 f. Zu den genannten Herkunftsorten s. ebd. und K. Köster, Pilgerzeichen und Pilgermuscheln von mittelalterlichen Santiagostraßen. SaintLéonard, Rocamadour, Saint-Gilles, Santiago de Compostela. Schleswiger Funde und Gesamtüberlieferung (Neumünster 1983). 18 Imperiale, Signa (Anm. 15) mit der älteren Literatur. 19 J. Johrendt, Römische Pilgerzeichen und das Kapitel von St. Peter im Vatikan. Eine übersehene Urkunde Gregors IX., in: QFIAB 89 (2009) 385–399; ders., Die Diener des Apostelfürsten. Das Kapitel von St. Peter im Vatikan (11.–13. Jahrhundert) (Berlin 2011), bes. 114– 116. 20 Bisher wurden bisher vier derartige Zeichen publiziert: zwei englische Funde aus London bzw. Wolverton von Spencer, Pilgrim souvenirs 1998 (Anm. 6) 252 f. und zwei aus dem Kunsthandel für das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum erworbene Stücke, die seit 1945 zu den Kriegsverlusten des Museums für Byzantinische Kunst gehören, s. H. Kühne u. a., Europäische Pilgerzeichen und verwandte Weißmetallgüsse des hohen und späten Mittelalters im Kunstgewerbemuseum und im Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin [Katalog], in: H. Kühne, L. Lambacher, K. Vanja (Hg.), Das Zeichen am Hut im Mittelalter. Europäische Reisemarkierungen: Symposion in memoriam Kurt Köster (1912–


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Paulus-Zeichen des Vatikan querrechteckige Plaketten mit den Bildern des hl. Laurentius und des hl. Stefanus emittierte 21 und für Sancta Maria ad Martyres (Pantheon) 22. Erwogen wurde die Zuweisung eines weiteren Pilgerzeichens an die Kirche Santa Maria in Trastevere 23. Nimmt man den Raum des mittelalterlichen Italien hinzu, so sind vor allem Pilgerzeichen aus Bari (Nikolaus) 24 und Lucca (Volto Santo) 25 gut dokumentiert. Ein besonderes Problem stellen die Zeichen aus Loreto (Casa Santa) 26 dar. Die aus den niederländischen Bodenfunden bekannten Zeichen des 15. Jahrhunderts 27 und ähnliche Funde in der Sammlung des Kölner Kunstgewerbemuseums 28 stellen in einem runden Rahmen mit Inschrift die von Engeln getragene Casa Santa dar; ein solches Zeichen findet sich u. a. auch auf dem von Bernardino Detti 1523 gemalten Bild der Sacra conversazione im Museo Civico von Pistoia 29 (Abb. 1). Allerdings entsprechen die aus Funden in Loreto bekannten signa diesen Zeichen nicht. Hinzu kommt, dass in Loreto auch archäologisch bisher m. W. nicht nachgewiesene Stachelschweinborsten als Pilgerzeichen verkauft wurden, wie beispielsweise der Stralsunder Romreisende Bartholomäus Sastrow berichtete, der Loreto 1546 besuchte und sich ein solches Souvenir an seinem 1986) und Katalog der Pilgerzeichen im Kunstgewerbemuseum und im Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin (Frankfurt a. M. u. a. 2008) 249–384, hier 379 f., Nr. 264 f. Der Form nach entsprechen diesen rhombischen Zeichen zwei Funde aus Herrenhauswand in Tirol, publiziert von R. Baier, Th. Kühtreiber, Chr. Schmid, Pilgerzeichenfunde in Österreich – Pilgerzeichen aus österreichischen Wallfahrtsstätten, in: Kühne, Lambacher, Hrdina (Anm. 7) 219–274, hier 254 f., Kat. Nr. O 1 und 2. Es fehlt dem Zeichen aber die Inschrift „IOH BA[P] TI ST“ und die dargestellte Figur trägt keinen Stab, sondern ein Schwert und einen Rost (?). 21 Vgl. Haasis-Berner (Anm. 17) 148, der zwei Funde aus Paris und Bad Wimpfen vorstellt. Hinzu kommt ein weiterer Fund aus Budapest: E. Benkö: Pilgerzeichenforschung und Pilgerzeichenüberlieferung in Ungarn und in Siebenbürgen, in: Kühne, Lambacher, Vanja (Anm. 20) 167–184, hier 171 f. 22 Vgl. Grönwald, Am Einzelfund ins Detail (Anm. 14). 23 Vgl. Kühne, Zur Bedeutung der Pilgerzeichensammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, in: Kühne, Lambacher, Vanja (Anm. 20) 221–232, hier 225–228. 24 Haasis-Berner (Anm. 17) 155 f. stellt insgesamt neun Funde zusammen. Hinzu kommen mindestens zwei weitere Stücke, eines aus dem tschechischen Olmütz, T. Velimský, Reflection of Pilgrimages in the Material Culture of the Czech Middle Age, in: D. Dolezal, H. Kühne (Hg.), Wallfahrten in der europäischen Kultur/Pilgrimage in European Culture (Frankfurt a. M. u. a. 2006) 253–270, hier 264; aus Ostrau, M. Zezula u. a., Archeologické výzkumy na Masarykově náměstí v Ostravě a jejich výpověd’ k vývoji, hmotné kultuře a životnímu prostředí města ve středověku a raném novověku, in: Ostrava. Příspěvky k dějinám a současnosti Ostravy a Ostravska 24 (2009) 538–579, bes. 568–570, sowie aus Österreich: Baier, Kühtreiber, Schmid (Anm. 20) 252, Kat. Nr. L 1. 25 Haasis-Berner (Anm. 17) 151–154. 26 Vgl. neben der in Anm. 10 genannten Arbeit F. Grimaldi, Pellegrini e pellegrinaggi a Loreto nei secoli XIV–XVIII (= Supplemento n. 2 al Bollettino Storico della Città di Foligno) (Loreto 2001) 487–489 und 503. 27 van Beuningen, Koldeweij (Anm. 5) 226, Nr. 468–470. 28 H.-U. Haedecke, Zinn. Kunstgewerbemuseum der Stadt Köln (Köln 1968) 62, Nr. 28 f. 29 Freundlicher Hinweis und Foto (oben Abb. 1) von Philippe Cordez, Florenz/München.


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Abb. 1 Pistoia, Museo Civico, Bernardo Detti, Sacra conversazione, Detail mit Darstellung eines Pilgerzeichens aus Loreto

Strohhut befestigen ließ. 30 Bildliche Zeugnisse für derartige Stachelschweinborsten an Pilgerhüten sind zahlreich; die älteste Darstellung findet sich m. W. auf einem Tafelbild von Bartolomeo della Gatta aus dem Jahre 1479 31. Als Bildmotiv erscheinen die Borsten das ganze 16. Jahrhundert hindurch 32. „Sie haben zu Loreta fur die Pilgram viel Tarandesfedern [Stachelschweinborsten], wie ich der Orter viel lebendige Tarande [Stachelschweine] gesehen hab […] Drei [Borsten] an einander mit Seite [Seide] geschmucket, an einer yedern ein Fenlein, unnd vor demselben ein groß Marienbilde von Blei gegossen, das kaufft ich, unnd ließ mihrs vorne an den strohut machen, unnd ging darmit biß in Rom hinein.“ Bartholomäi Sastrowen Herkommen, Geburt und Lauf seines ganzen Lebens (1595–96) hg. von G. Mohnike, Bd. 1 (Greifswald 1823) 314 f. 31 Bartolomeo della Gatta, San Rocco ruft die Jungfrau Maria an (San Rocco davanti alla Fraternita dei Laici), Museo Statale di Arte Medioevale e Moderna invoca la Vergine, F. Redi, A. Forgione (Hg.), Roma 1300–1875. L’arte degli anni santi [Roma, Palazzo Venezia 20 dicembre 1984–5 aprile 1985], 49, Nr. II. 2. (h). 32 Der Verfasser bezieht sich auf die Pilgerzeichenkartei Kurt Köster im Deutschen Glockenarchiv, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Sie enthält folgende Hinweise auf bildliche Darstellungen von Pilgern, an deren Hüten sich Stachelschweinborsten befinden: A. Hans Burgkmaier, Darstellung von Santa Croce (Stationsbild), 1504 für das Augsburger Katharinenklosters gemalt, s. z. B. die Abbildung bei G. Goldberg, „Peregrinatio, quam vocant Romana“. Miscellanae zu Stellvertreterstätten römischer Hauptkirchen, in: L. 30


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Ein einzelnes Zeichen, das aus Gubbio (Ubaldus) stammt, ist publiziert 33, für weitere Zeichen sind als Herkunftsorte Bologna (Dominicus) 34 und Siena (Berhardin) 35 im Gespräch. Merkwürdigerweise wurde ein Pilgerzeichen, dass eindeutig aus der Markuskirche von Venedig stammt, bisher nicht publiziert, obwohl es in Fachkreisen durchaus schon lange bekannt war. Es handelt sich um eine siegelförmige Plakette, die aus der Sammlung von Paul Dissard in die Münzsammlung der Bibliothèque royale de Belgique in Brüssel gelangte (Inv. Nr. 23 444). (Abb. 2) Das Zeichen zeigt den frontal stehenden Evangelisten mit zum Segen erhobenen Armen, der von der Majuskelinschrift „SANCTVS MARCUS EVANGELISTA dE VENECIA“ umzogen wird. Während Kurt Köster das Stück in das 15. Jahrhundert datierte, machen sowohl die Majuskelschrift als auch die Plakettenform eine Datierung in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts wahrscheinlicher 36. Diese Auflistung von italienischen Kirchen, an denen im Mittelalter Pilgerzeichen hergestellt wurden, ist sicherlich Abb. 2 Brüssel, Bibliothèque royale de Belgique, Pilgerzeichen unvollständig und wahrscheinlich sogar mit der sprichwörtlichen Spitze des Eisbergs zu vergleichen. Daran wird aus Venedig sich auch kaum etwas ändern, solange neue Pilgerzeichen italienischer Herkunft nur als archäologische Gelegenheitsfunde auftauchen. Wichtig wäre es daher zu erfahren, wie

Kriss-Rettenbeck, G. Möhler (Hg.), Wallfahrt kennt keine Grenzen. Themen zu einer Ausstellung des Bayerischen Nationalmuseums und des Adalbert-Stifter-Vereins (München / Zürich 1984) 346–351, hier 350 mit Abb. 159. – B. Rosso Fiorentino: Fresco Himmelfahrt Mariae (Figur des hl. Jacobus ganz links), Florenz 1517, SS. Annunziata, s. Roma 1300– 1875 (Anm. 31), Nr. II.2 (l). – C. Hans Asper, Bild der Casa Santa, 1535 im Museum der Stadt Soluthurn, s. P. Vignau-Wilberg: Museum der Stadt Solothurn. Gemälde und Skulpturen (Solothurn 1973) 19. – D. Jacopa da Ponte, gen. Bassano, Maria mit Kind und den hll. Jakobus und Johannes, s. Roma 1300–1875 (Anm. 31), Nr. II.2 (i). – E. Kupferstich von Nicolaes de Bryn aus dem Jahre 1600 mit der Darstellung des hl. Jakobus, A. Georges, Le pèlerinage à Compostelle en Belgique et dans le Nord de la France. Suivi d’une étude sur l’iconographie de Saint Jacques en Belgique (Brüssel 1971) 237 mit Abb. 214. 33 Das einzige bisher veröffentlichte Pilgerzeichen aus Gubbio wurde im niederländischen Nieuwlande gefunden und erstmals publiziert von van Beuningen – Koldeweij (Anm. 7) 200, Nr. 370; s. auch Romei & Giubilei (Anm. 16) 355, Nr. 128. Nach mündlicher Auskunft durch den Direktor des Danziger Archäologischen Museums, Herrn Henryk Paner, sind in Danzig kürzlich zwei weitere derartige Zeichen geborgen wurden. 34 Haasis-Berner (Anm. 17) 154 f.; Spencer (Anm. 7) 257. 35 Kühne (Anm. 20) 375 f., Nr. 257. 36 Pilgerzeichenkartei Köster (Anm. 32), „Venedig, St. Marcus“ (daraus oben Abb. 2). Die Interpretation einer als Markuslöwe gedeuteten Tierdarstellung als Pilgerzeichen von San Marco durch Spencer (Anm. 7) 257 f. überzeugt nicht.


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die Sammlungsgeschichte solcher Objekte in den letzten 100 Jahren in Italien verlief. Darüber sind die bisherigen Kenntnisse aber äußerst beschränkt. 2. Historische Sammlungen italienischer Pilgerzeichen Bis in das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein tauchten im Kunsthandel immer wieder Pilgerzeichen auf, die man in Italien – vorzugsweise im Tiber – gefunden haben will 37. Um 1900 erwarb der Münchner Maler Wilhelm Clemens (1847–1934) insgesamt 16 italienische Pilgerzeichen für seine Sammlung, die er 1919/20 dem Kölner Kunstgewerbemuseum schenkte 38. Es handelt sich um zwei Zeichen aus Loreto 39, eine Petrus-Paulus-Plakette 40, sechs VeraIkon-Zeichen 41, ein Nikolauszeichen aus Bari 42, zwei Plaketten mit dem hl. Bernhardin von Siena, die möglicherweise aus L’Aquila stammen 43, und drei noch nicht identifizierte Zeichen, deren Lokalisierung nach Italien nicht unbedingt gesichert ist 44. Freilich machten diese 16 Objekte nur ein Viertel jener Pilgerzeichenkollektion aus, die Clemens vermutlich durch Käufe im französischen Kunsthandel aufgebaut hatte, da um 1900 französische Funde den Antiquitätenmarkt bestimmten 45. Wilhelm von Bode (1845–1929) versuchte 1894 vergeblich, für das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum Teile einer großen Sammlung französischer Pilgerzeichen zu erwerben 46. Dafür glückte es ihm und seinen Mitarbeitern in den Jahren 1892, 1905 und 1912/13 immer wieder, kleinere Konvolute von Pilgerzeichen aus Italien zu beschaffen 47. Auch wenn die Provenienzen der Stücke zum Teil unsicher sind, so ist für etwa 30 Pilgerzeichen, die bis Diese Fundsituation entspricht auch der Herkunft der ersten großen Pilgerzeichenkollektionen des 19. Jh. aus der Sambre, Seine und Themse. Zum Problem der massenhaften Ablagerungen von Pilgerzeichen im Wasser vgl. C. Brumme, Pilgerzeichen: Erhaltungsbedingungen und Verbreitungsräume, in: Kühne, Lambacher, Vanja (Anm. 20) 127–142, bes. 129–132. 38 S. den Ausstellungskatalog Die Sammlung Clemens, hg. vom Kunstgewerbemuseum der Stadt Köln (Köln 1963). Freilich werden hier nur 39 Pilgerzeichen u. ä. Weißmetallgüsse verzeichnet. Haedecke (Anm. 21) listet mit Nr. 10–60 und 62–70 60 Pilgerzeichen u. ä. Devotionalien auf. Zu den Pilgerzeichen der Sammlung Clemens auch E. Moses, Der Schmuck der Sammlung W. Clemens (Köln o. J. [1925]) 37–43. 39 Haedecke (Anm. 28), Nr. 28 f. 40 Ebd. Nr. 15. 41 Ebd. Nr. 17–22. 42 Ebd. Nr. 16. 43 Ebd. Nr. 26 f. 44 Ebd. Nr. 23–25. 45 Vgl. H. Koenigsmarková, H. Kühne, Die Prager Pilgerzeichensammlung. Eine sammlungs- und forschungsgeschichtliche Einleitung, in: dies., C. Brumme, Jungfrauen, Engel, Phallustiere. Die Sammlung mittelalterlicher französischer Pilgerzeichen des Kunstgewerbemuseums in Prag und des Nationalmuseums Prag (Berlin 2012) 15–30, bes. 15–20. 46 Ebd. 20–25. 47 S. die Provenienznachweise der einzelnen Stücke bei Kühne (Anm. 20) Nr. 369–383, Nr. 247–383. 37


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zum Jahre 1919 für die Abteilung „Bildwerke der christlichen Epochen“ im Kaiser-Friedrich-Museum erworbenen wurden, eine Herkunft aus Italien nicht zweifelhaft. Diese Sammlung ist seit 1945 verschollen, so dass man zur Rekonstruktion des Bestandes auf die erhaltenen Fotos angewiesen ist. Dieser Verlust ist auch deshalb zu bedauern, weil sich neben den auch sonst bekannten Pilgerzeichentypen einige einzigartige Stücke in der Kollektion befanden. Diese dokumentierten möglicherweise bisher unbekannte Pilgerzeichentypen aus dem mittelalterlichen Italien 48. Wahrscheinlich ebenfalls um 1900 gelangten fünf Pilgerzeichen in die Sammlung des Museo Cristiano der Vatikanischen Bibliothek; sie gelten als Tiberfunde aus der Nähe des Ponte Sant’Angelo 49. Es handelt sich um eine frühe PetrusPaulus-Plakette 50, ein Vera-Ikon-Zeichen 51 und ein Marienzeichen aus Le Puy 52. Die Herkunft einer trapezförmigen Plakette mit der Verkündigung an Maria war lange Zeit in der Forschung umstritten 53; ein sehr ähnlicher niederländischer Fund mit der Inschrift „in Aquisgrani“ scheint dieser Debatte durch die Verortung in Aachen nun ein Ende gesetzt zu haben 54. Das fünfte Zeichen zeigt eine Büste des hl. Antonius mit der Inschrift „S:ANThOINE“; es stammt sehr wahrscheinlich aus dem südfranzösischen Saint-Antoine-l’Abbaye (Dép. Isère) 55. Auffällig ist der überwiegende Anteil nichtrömischer Zeichen in dieser – freilich kleinen – Sammlung. Brachten Rompilger diese Zeichen im Spätmittelalter in die Ewige Stadt oder gelangten sie vielleicht doch erst durch den modernen Kunsthandel hierher?

Dies betrifft ebd. Nr. 248 f., 253 f., 270, 272 f. Vier der Zeichen sind abgebildet und beschrieben in: Roma 1300–1875 (Anm. 31) 52 f., Nr. II.2.3–6 und II. 2. 7. Herr Guido Cornini (Vatikanische Museen) teilte mir freundlicherweise mit, dass neben diesen vier Zeichen nur noch ein Veronikazeichen zum Bestand des Museo Cristiano der Vatikanischen Bibliothek gehört, der von den Vatikanischen Museen betreut wird. Da A. de Waal, Roma Sacra. Die ewige Stadt in ihren christlichen Denkmälern und Erinnerungen alter und neuer Zeit (München 1905) 258 schon auf das Zeichen mit der Verkündigung Mariae (Inv. Nr. 61060) verweist, muss zumindest dieses damals bereits im Besitz der Sammlung gewesen sein. 50 Inv. 61059, abgebildet und beschrieben in: Roma 1300–1875 (Anm. 31) 52, Nr. II, 2, 3 und Romei & Giubilei (Anm. 16) 339, Nr. 100. 51 Inv. 62786, unpubliziert. 52 Inv. 61109, abgebildet und beschrieben in: Roma 1300–1875 (Anm. 31) 52, Nr. II, 2,4. 53 De Waal (Anm. 49) 258 hielt die römische Kirche S. Maria Maggiore für einen wahrscheinlichen Herkunftsort. A. Andersson, Jungfru Marie Bebadelse, ett parisiskt pilgrimsmärke funnet i Visby, in: Fornvännen 76 (1981) 30–35 plädierte dagegen für Paris. van Heeringen, Koldeweij, Gaalman (Anm. 5) 105 f. und ihnen folgend Haasis-Berner (Anm. 17) 201 f. hatten Nazareth als Herkunftsort erwogen. 54 Vgl. Heilig en Profaan 3 (Anm. 5) 169, Nr. 1414. 55 Vgl. ebd. 104, Nr. 2255–2257. 48 49


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3. Die Pilgerzeichensammlung des Campo Santo Teutonico Anton de Waal (1837–1917) erwarb für die von ihm angelegte Sammlung altchristlicher Kunstwerke im Campo Santo mindestens neun Pilgerzeichen, ein Gussmodel und eine bleierne Pilgerampulle. Den ursprünglichen Umfang dieser Sammlung genau zu erfassen fällt deshalb schwer, weil Anton de Waal sie nie insgesamt publizierte. Diejenigen Pilgerzeichen, die nach seiner Meinung aus der Stadt Rom stammen sollten, veröffentlichte er mehrmals 56. (Abb. 3: Nr. 1 = Schaffer-Inventar D 45; Nr. 2 = D 44; Nr. 3 = D 42; Nr. 9 = D 41; Nr. 4, 5, 6 und 7 verschollen) Als der gesamte Sammlungsbestand 1962 in Essen ausgestellt war, wurden die erhaltenen Pilgerzeichen auch in dem Ausstellungskatalog vorgestellt 57. Die Inventarisation der gesamten Sammlung des Campo Santo durch Edith Schaffer im Jahre 2010 ermöglicht die Identifizierung aller noch und einst vorhandenen Pilgerzeichen 58. Trotz dieser gründlichen Inventarisierung ist eine Bestimmung der Objekte im Rahmen des gegenwärtigen Forschungsstandes bisher noch nicht vorgenommen worden. Deshalb sollen im Folgenden für alle einschlägigen Objekte der Sammlung des Campo Santo kurze Hinweise zu deren Einordnung geboten werden; eine formgerechte Katalogisierung ist durch die genannten Vorarbeiten nicht notwendig. A–D Petrus-Paulus-Plaketten der Peterskirche am Vatikan Von den vier hochrechteckigen Plaketten, die Anton de Waal für die Sammlung erworben hatte, ist eine verschollen 59. Es handelt sich bei dem verlorenen und den erhaltenen drei Zeichen (Inv. Nr. D 42, D 44, D 45) um den ältesten Typus von Pilgerzeichen der Peterskirche, dessen Herstellung wohl noch im 12. Jahrhundert begann. Sie zeigen im gerahmten Bildfeld halbfrontale Darstellungen mit den Halbfiguren der Apostelfürsten, die ihre Attribute Schlüssel und Schwert in den Händen halten. Eine Inschrift fehlt entweder oder es wird nur die von den Papstbullen bekannte Signatur „SPE“ und „SPA“ benutzt. Dieser Typus wurde – wohl im Laufe des 13. Jahrhunderts – von querrechteckigen Plaketten mit der Inschrift „SIGNA APOSTOLORUM PETRI ET PAULI“ abgelöst 60. A. de Waal, Andenken an die Romfahrt im Mittelalter, in: RQ 14 (1900) 54–67 mit Tafel 1 (oben Abb. 3). Mit demselben Titel erschien dieser Beitrag auch in: Stromation archaiologikón. Mitteilungen dem zweiten internationalen Congress für christliche Archäologie zu Rom gewidmet vom Collegium des deutschen Campo Santo (Rom 1900) 1–14. Eine Kurzfassung mit derselben Abbildungstafel bietet auch ders. (Anm. 49) 256–258. 57 Frühchristliche Kunst (Anm. 4) Nr. 28, 279 f., 291, 292–296. 58 E. Schaffer, Sammlung der Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes am Campo Santo Teutonico, Typoskript 2010 (im Archiv des Campo Santo Teutonico). 59 Verschollen ist das von de Waal (Anm. 56) auf der Tafel mit Nr. 4 bezeichnete Zeichen, das bereits vor 1962 verloren ging, da es nicht in Essen ausgestellt wurde, s. Frühchristliche Kunst (Anm. 4). Zum Verlust siehe Schaffer (Anm. 58), ACST 08 105, S. 276 (Inventarisierung 1923). 60 Zu den Pilgerzeichentypen s. Haasis-Berner (Anm. 17) 147; Brumme (Anm. 1), bes. 50– 52. 56


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Abb. 3 Pilgerzeichen in der Sammlung des Campo Santo Teutonico


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Die Untersuchung dieser Pilgerzeichen hat gezeigt, dass sie nicht – wie die meisten mittelalterlichen Pilgerzeichen – aus einer Blei-Zinn-Legierung bestehen, sondern aus praktisch reinem Blei. Auch dieses Material verbindet sie mit den massenhaft in der päpstlichen Kanzlei verwendeten Bleibullen. Peter Schmidt hat darauf hingewiesen, dass die Verwendung des Materials Blei für die Genese der ersten Pilgerzeichen vielleicht auch im Hinblick auf die Nachahmung der Siegelpraxis relevant gewesen sein könnte, wobei er sich aber auf die Pilgerzeichen aus Rocamadour bezog 61. Die Analogien zwischen den Papstbullen und den ersten römischen Pilgerzeichen sind hingegen bisher kaum im Blick der Forschung gewesen und auch noch nie deutlich artikuliert worden. E–G Vera-Ikon-Zeichen Zwei kreisrunde Zeichen mit der Darstellung der Vera Ikon vor einem Kreuznimbus müssen ebenfalls bereits vor 1962 verloren gegangen sein 62. Sie entsprechen u. a. jenen sechs Zeichen im Kölner Kunstgewerbemuseum, die Wilhelm Clemens erworben hatte 63. Die Herstellung dieser Zeichen scheint seit dem 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts üblich gewesen zu sein. Allerdings gibt es noch keine ausreichend begründete Typologie der Pilgerzeichen von Sankt Peter, die sichere Schlüsse über die Abfolge der Typen zulässt. Eine einseitig abgeplattete Bleiampulle mit einer den Vera-Ikon-Pilgerzeichen sehr ähnlichen Darstellung im Flachrelief (Inv. Nr. D 29) stellt ein singuläres Objekt unter den mittelalterlichen Pilgerampullen dar. Die Ähnlichkeit der Darstellung mit den römischen Vera-Ikon-Pilgerzeichen macht eine Deutung als „ostkirchliche Ampulle“ 64 unwahrscheinlich. Andererseits gibt es unter den zahlreichen Miniaturbzw. Pilgerampullen des Spätmittelalters keine vergleichbaren Funde. Auch fehlen m. W. Nachrichten über Ampullen, die Pilger im Spätmittelalter aus Rom mitgenommen hätten. Es kann daher nicht völlig ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Stück um eine Nachahmung des 19. Jahrhunderts, etwa im Stile von „Billy and Charley“-Ampullen, handelt 65. F Gussmodel für ein Pilgerzeichen Das Gussmodel ist derzeit nicht aufzufinden, war aber 1962 noch vorhanden 66. Der mit diesem Model zu gießende Zeichentypus verbindet die DarstelP. Schmidt, Materialität, Medialität und Autorität des vervielfältigten Bildes. Siegel und andere Bildmedien des Mittelalters in ihren Wechselwirkungen, in: M. Späth (Hg.), Die Bildlichkeit korporativer Siegel im Mittelalter: Kunstgeschichte und Geschichte im Gespräch (Köln u. a. 2009) 89–112, bes. 106. 62 de Waal (Anm. 56) auf der Tafel mit Nr. 6 und 7 bezeichnet. 63 Haedecke (Anm. 28) Nr. 17–22. 64 Frühchristliche Kunst (Anm. 4) 149, Nr. 280. 65 R. Halliday, The Billy and Charley forgeries, in: The London Archaeologist (1986) 243– 248. 66 Frühchristliche Kunst (Anm. 4) 43, Nr. 28. 61


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lung der beiden Apostelfürsten mit der Vera Ikon. Dieser seltene Pilgerzeichentypus ist bisher nur durch einen niederländischen Bodenfund 67 und drei Glockenabgüsse in Warzenbach (Kreis Marburg 14. Jh.), Eime (Kreis Alfeld, 1436), und Winningen (Kreis Koblenz, 1507) belegt 68. Die Datierung dieser Abgüsse erlaubt es nicht, in dem Zeichen eine Übergangsform zu sehen, welche zeitlich zwischen den älteren Pilgerzeichen mit den Apostelfürsten und den jüngeren Vera-Ikon-Zeichen steht. G Pilgerzeichen aus dem Pantheon / Sancta Maria ad Martyres Der Pilgerzeichenflachguss lässt deutlich die Architektur des römischen Pantheons mit der charakteristischen Kuppelöffnung erkennen, unter der die hier verehrte Marienikone dargestellt wird. Die Inschrift „S : MAR[IE] ROTVNDE“ lässt keine Zweifel an der Herkunft des Zeichens 69. Allerdings herrschte lange Zeit Unklarheit über die zeitliche Einordnung des Zeichentypus, von dem Funde aus ganz Mitteleuropa bekannt sind. Eine gründliche Analyse aller bekannten Exemplare durch Holger Grönwald macht deren Herstellung aber für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts, also zwischen den beiden ersten Jubiläen und evtl. noch ein wenig darüber hinaus, wahrscheinlich 70. H Pilgerzeichen aus Lucca Gustav Schnürer und Joseph M. Ritz publizierten 1934 erstmals diesen kreuzförmigen Flachguss mit einem bekleideten Christus und den für Zeichen aus Lucca charakteristischen zwei Ösen an jedem Kreuzbalken 71. Das Zeichen war spätestens 1923 in der Sammlung des Campo Santo vorhanden und wohl auch von Anton de Waal erworben worden 72. (Abb. 4) Sowohl die Darstellung wie auch die Inschrift „V V / S LTI“ sind typisch für die Pilgerzeichen des Lucceser Volto Santo 73. Die durch die Isotopenuntersuchung des Zeichens gewonnene Einsicht, dass das für diesen Guss verwendete Blei aus einer sardischen Mine stammt, stützt die Herkunft aus Lucca.

van Beuningen-Koldeweij (Anm. 5) 185, Nr. 300. Die Angaben zu den Glockenabgüssen beruhen auf der Pilgerzeichenkartei Kurt Köster (vgl. Anm. 32). 69 Frühchristliche Kunst (Anm. 4) 154, Nr. 292; die Inschrift wurde hier falsch aufgelöst. 70 Grönwald (Anm. 14). 71 G. Schnürer, J. M. Ritz, St. Kümmernis und Volto Santo (Düsseldorf 1934) 119 mit Abb. 39. Ebenso in Frühchristliche Kunst (Anm. 4) Nr. 291. 72 Schaffer (Anm. 58), D 0040, ACST 08 105, S. 268 (Inventarisierung 1923). Siehe oben Abb. 4. 73 Vgl. Haasis-Berner (Anm. 17) 151–154. 67 68


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Abb. 4 Rom, Campo Santo Teutonico, Pilgerzeichen aus Lucca

Abb. 5 Rom, Campo Santo Teutonico, Pilgerzeichen mit dem heiligen Nikolaus

J Pilgerzeichen mit dem hl. Nikolaus Der Flachguss mit der Darstellung eines ganzfigurigen Heiligen wurde erstmals im Katalog der Essener Ausstellung publiziert, gehörte aber ebenfalls spätestens seit 1923 zur Sammlung des Campo Santo 74. (Abb. 5) Das Zeichen entspricht im Typus ganz den Flachgüssen aus Saint-Gilles-du-Gard, nämlich der charakteristischen Darstellung des heiligen Abtes Eligius in einem hochrechteckigen Bildfeld, aus dem der nimbierte Kopf des Heiligen als kreisrunde Fläche herausragt 75. Diese Darstellung hat Kurt Köster als „älteren Formenkreis [aus Saint-Gilles] mit Inschrift“ bezeichnet 76. Allerdings bezeichnet auf dem Stück aus dem Campo Santo die Majuskelinschrift den Dargestellten als hl. Nikolaus („S BEATI NICOLAI“) 77. Die wahrscheinlichste Erklärung für diese nicht zum Frühchristliche Kunst (Anm. 4) Nr. 294; Schaffer (Anm. 58), D 0043, ACST 08 105, S. 266 (Inventarisierung 1923). S. oben Abb. 5. 75 Frühchristliche Kunst (Anm. 4) Nr. 294. 76 Köster (Anm. 17) 100 f. 77 Die von Leonhard Küppers gebotene Lesung entspricht auch nach meiner Autopsie zweifelsfrei der gut lesbaren Inschrift. 74


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Pilgerzeichentypus passende Inschrift ist, dass es sich bei diesem Pilgerzeichen um eine Fälschung handelt, wie sie in dem nach 1880 kurzzeitig boomenden Pilgerzeichenmarkt auch sonst bezeugt sind. 78 Möglicherweise ist das Stück nach dem Vorbild eines um 1870 in der Sambre bei Namur gefundenen Pilgerzeichens gestaltet worden, dessen Inschrift schwer lesbar war. 79 Die vier vorgestellten historischen Sammlungen des Kölner Kunstgewerbemuseums, des Berliner Bodemuseums, des Museo Cristiano der Vatikanischen Bibliothek und des Campo Santo Teutonico repräsentieren sicher nur einen Teil des antiquarisch-kunstgeschichtlichen Interesses, das Pilgerzeichen aus Italien um 1900 auf sich gezogen hatten. Sie zeigen aber deutlich, dass es um 1900 in den Kreisen ‚kulturhistorisch‘ orientierter Sammler ein starkes Interesse an diesen Objekten gab, welches nach dem Ersten Weltkrieg schnell erlosch. Inwiefern weitere damals entstandene Pilgerzeichensammlungen mit italienischen Stücken durch dieses Desinteresse tatsächlich verloren gingen oder nur in Vergessenheit gerieten und auf ihre Wiederentdeckung warten, ist eine Frage, die aufzuwerfen eine der Absichten dieses Beitrags ist. Dass Italien in der gegenwärtigen Erforschung der europäischen Pilgerzeichen – mit Ausnahme der Stadt Rom – weithin eine terra incognita ist, liegt sicher weniger an anderen kulturellen Verhältnissen diesseits und jenseits der Alpen im Spätmittelalter, sondern an einem Wandel des kultur- und kunsthistorischen Interesses in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg.

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Köster (Anm. 17) 20. Ebd. 100 f., Nr. G 2.


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Italienische Pilgerzeichen des Mittelalters – eine Problemanzeige by Ann Marie Rasmussen - Issuu