Nr. 1 — 2021
Dossier: Notfall 16
«Im Notfall ist Teamarbeit unerlässlich.» Judith Engeler, Oberärztin Notfall
Ambulant operieren am USZ Flughafen 13
Bei Herzinfarkt: Sofort handeln 28
Inhalt
16
Notfall!
144
Bei einem Notfall zählt oft jede Minute – ob zu Hause, auf der Strasse oder im Spital.
4 Kennzahlen aus dem Geschäftsjahr 2020
18 76 Minuten Wettlauf gegen die Zeit
Eine Auswahl
30 Im Einsatz im Irak und in Sierra Leone
Frau Müller auf der Notfallstation
Oberärztin Tanja Karen über ihre Arbeit im Ausland
6 Der Mensch im Mittelpunkt Christoph A. Meier über seine Aufgabe als Klinikdirektor
22 Die häufigsten Notfälle
32
Wie reagieren?
24 Kaiserschnitt auf Knopfdruck 8 Zurück zum Ursprung
Wenn es plötzlich sehr schnell gehen muss
Klinikdirektor Gabriel Schär im Interview
10 Love is in the air
Epilepsie Bekannte unbekannte Krankheit
25 In drei Minuten war Aldo auf der Welt
Wer seinen Geruchssinn verliert, büsst Lebensqualität ein
Jeanine B. gebar ihr Kind per Notfallkaiserschnitt
34 Autopsie, Schnellschnitt und COVID-19 Pathologin Zsuzsanna Varga im Interview
26 12 Grüne Fassaden 35 Gastbeitrag
Emanuel Christ über die zukünftigen Fassaden des USZ
Tumor-Profiler: individualisierte Krebstherapie
Die Herz-Odyssee 13
Asidin Dursidi ist nach einem Herzinfarkt auf dem Weg der Besserung
Alles ambulant am USZ Flughafen Was sind die Vorteile? 2
28 Bei Herzinfarkt: Sofort handeln Frauen sind seltener betroffen, sterben aber eher daran
36 Fünf Frauen für alle Notfälle Wir haben Notärztinnen bei ihrer Arbeit begleitet
Liebe Leserin, lieber Leser
D
as USZ steht allen Menschen offen, rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Ein zentrales Element unseres 24-Stunden-Betriebs ist dabei die Notfallversorgung. Jedes Jahr empfängt und behandelt alleine unsere Notfallstation bis zu 45’000 Menschen mit unterschiedlichsten medizinischen Fragestellungen.
Gregor Zünd Prof. Dr. med., CEO
Es wäre aber zu kurz gegriffen, den medizinischen Notfall ausschliesslich in der Notfallstation zu verorten. Auf jeder Abteilung, in jedem Operationssaal gilt es jederzeit bereit zu sein, auf eine sich plötzlich ändernde Situation zu reagieren. Wie eine Patientin und ein Patient des USZ eine Notfallsituation selber erlebt haben, erfahren Sie unter anderem im Dossier «Notfall» dieses Magazins. Um COVID-19 kommen wir auch in dieser Ausgabe leider nicht herum. Seit über einem Jahr prägt die Pandemie unser Leben. Und sie hinterlässt deutliche Spuren, auch in der Bilanz 2020 des USZ. Zum ersten Mal seit vielen Jahren schliessen wir das Geschäftsjahr mit roten Zahlen ab. Das ist schmerzhaft, zumal das USZ mit den geplanten Neubauten vor grossen finanziellen Herausforderungen steht. Das finanzielle Ergebnis schmälert jedoch die Leistung der Mitarbeitenden in keinster Weise. Die Pandemie hat überdeutlich gezeigt, dass das USZ auch im Notfall gerüstet ist, dass unsere Mitarbeitenden in der Lage sind, sich rasch auf neue Situationen einzustellen – und dass unser Haus allen Menschen offensteht, die dringend auf medizinische Hilfe angewiesen sind. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Ich danke allen Mitarbeitenden für ihr tägliches Engagement für unsere Patientinnen und Patienten in diesen herausfordernden Zeiten und wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
3
Kennzahlen aus dem Geschäftsjahr 2020 Das USZ ist weiblich:
85,9 % * Berufsgruppe Administration Medizin
57,2 %
47,9 % **
81,4 % *
Berufsgruppe Facility Management
Berufsgruppe Pflege
weibliche Führungskräfte am USZ * In diesen Berufsgruppen gibt es den höchsten Frauenanteil. ** In diesen Berufsgruppen gibt es den tiefsten Frauenanteil.
145
58,2 % der Frauen am USZ arbeiten Teilzeit
31,4 % der Männer am USZ arbeiten Teilzeit
in Mio
Grosse Verbundenheit zum USZ Die Fluktuation ist gegenüber dem Vorjahr von
13,4 % auf
5,7 % mehr Männer
11,8 %
Teilzeit.
gesunken.
Gegenüber dem Vorjahr arbeiten
Erläuterungen und weitere Zahlen zur Diversität am USZ gibt es im Diversity & Inclusion Report 2020. Online unter www.usz.ch/diversity. 4
Betrieb
–4
Verlust in
38’200 Notfallpatient*innen
6000 davon COVID-19Patient*innen
9370 Mitarbeitende
beschäftigt das USZ per 31.12.2020. Davon sind
716 Auszubildende
bsertrag
51,3
o. CHF
48
n Mio. CHF
2020 Durchschnittlicher CMI ist gestiegen gegenüber Vorjahr.
10 % der Patient*innen mit dem höchsten Schweregrad wiesen einen durchschnittlichen
CMI von 7,382 (Vorjahr 7,108) aus.
6,49 Tage Verweildauer im USZ
2019
6,55 Tage Verweildauer im USZ
Patient*innen weniger lang im Spital
Erläuterungen und weitere Zahlen zum USZ gibt es im Geschäftsbericht 2020. Ab Ende April online unter www.usz.ch/gb2020. 5
Der Mensch im Mittelpunkt Als neuer Klinikdirektor will Christoph A. Meier die Innere Medizin am USZ stärker positionieren. Sein grösstes Anliegen dabei ist die Ausrichtung an den Bedürfnissen, Präferenzen und Werten der Patientinnen und Patienten. Text: Yvonne Vahlensieck Bild: Nicolas Zonvi
D
ie Aufgabe als Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin bereitet Christoph A. Meier viel Freude: «Ich bin jeden Tag bei Visiten auf der Station dabei und betreue auch ambulante Patienten in der Poliklinik.» Nach fünf Jahren in einer überwiegend strategischen Position am Universitätsspital Basel geniesst er es sichtlich, wieder mehr in den klinischen Alltag eingebunden zu sein. Für die nächsten Jahre hat er sich einiges vorgenommen: Er will frischen Wind in die Innere Medizin bringen und ihre Stellung innerhalb des USZ stärken. Wie er selbst einräumt, ist dies in einem Universitätsspital mit über vierzig Spezialisierungen keine geringe Herausforderung: «Viele denken, eine Innere Medizin braucht es da vielleicht gar nicht.»
Zuständig für vieles
Christoph A. Meier ist die patientenzentrierte Medizin ein Anliegen. Das gibt er auch den Nachwuchsärztinnen und -ärzten in seiner Klinik mit.
6
Die Innere Medizin deckt ein riesiges Spektrum an gesundheitlichen Problemen ab: Sie ist zuständig für die Diagnose und die nichtchirurgische Behandlung von Krankheiten, die die inneren Organe des Menschen betreffen. Dazu gehören beispielsweise Erkrankungen des Herz-KreislaufSystems, des Verdauungstraktes, der Gefässe, des Hormonstoffwechsels, des Immunsystems und vieles mehr.
Im letzten Jahr wurden in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin fast 1500 Menschen stationär und über 12’000 Personen ambulant behandelt. Auch bei der Bekämpfung von COVID-19 ist das Team von Christoph A. Meier an mehreren Fronten aktiv: Das Team ist involviert in die Betreuung von an Corona erkrankten Menschen, und der personalärztliche Dienst der Klinik für Innere Medizin berät und betreut im Zusammenhang mit COVID-19 Mitarbeitende des USZ über eine Hotline.
Gemeinsam zur besten Behandlung Die Hälfte der Patientinnen und Patienten weist zudem komplexe Krankheitsbilder auf – das heisst, sie leiden gleichzeitig unter mehreren chronischen und akuten medizinischen Problemen oder haben eine unklare Diagnose. «Wir wollen gemeinsam mit diesen Menschen eine Behandlung finden, die genau für sie passt», so Christoph A. Meier. «Wir stellen uns immer die Frage: Was sind die individuellen Bedürfnisse, Werte und Präferenzen der Patienten? Wenn sie älter sind, verschiedene chronische Erkrankungen haben und dann noch eine akute Erkrankung dazukommt: Wie viel Medizin wollen sie tatsächlich noch? Oftmals möchten sie alle Chancen nutzen, aber nicht immer.» Er nennt das Beispiel eines älteren Mannes mit Vorerkrankungen, für den das Einsetzen einer Hüftprothese zwar medizinisch möglich wäre, aber aufgrund eines wenig aktiven Lebensstils nicht unbedingt die beste Lösung ist. Dieser Einbezug der Betroffenen – die sogenannte patientenzentrierte Medizin – ist sein Kernanliegen für die Innere Medizin am USZ.
Ein Gesamtbild zusammenfügen Christoph A. Meier sieht sich nicht in Konkurrenz mit anderen Spezialgebieten, im Gegenteil: «Wir wollen mit allen Kliniken zusammenarbeiten, alles Wissen zusammenbringen und so eine individuell angepasste Behandlung finden.» In dieser Mission sind die Ärztinnen und Ärzte der Inneren
Medizin auch im Konsiliardienst tätig − sie stellen ihr Fachwissen bei Bedarf den Kolleginnen und Kollegen auf anderen Stationen zur Verfügung. In der Klinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie sowie der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie sind sie einmal pro Woche fest bei der Visite dabei. Ein Modell der Zusammenarbeit, das Christoph A. Meier für weiter ausbaufähig hält.
«Ich bin jeden Tag bei den Visiten auf der Station dabei.» Christoph A. Meier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Dem Nachwuchs verpflichtet Neben der klinischen Tätigkeit sieht er seine wichtigste Aufgabe in der Ausbildung von jungen Medizinerinnen und Medizinern: «Die jungen Kolleginnen und Kollegen müssen lernen, wie man zur richtigen Diagnose kommt, wie man Entscheidungen fällt und vor allem, wie man patientenzentrierte Medizin betreibt. Darum braucht auch ein Universitätsspital eine Innere Medizin.» Nicht zuletzt auch, weil sich aus den angehenden Fachärzten für Innere Medizin die nächste Generation von Hausärztinnen und Hausärzten rekrutiert. Ein guter Draht zu den Hausarztpraxen ist für Christoph A. Meier überhaupt immens wichtig, denn schliesslich veranlassen diese die meisten Zuweisungen in die Innere Medizin. «Hausärzte und Hausärztinnen, die Fragen oder Sorgen haben, sollten idealerweise rasch über eine Telefonnummer eine Kaderärztin erreichen.» Aus seiner früheren Tätigkeit in Zürich kennt er schon viele der regionalen Zuweiserinnen und Zuweiser. Er hofft, dieses Netzwerk in Zukunft noch weiter ausbauen zu können. «Im Moment ist der Kontakt leider noch lange nicht so intensiv wie gewünscht, da durch Corona kaum persönliche Treffen oder Seminare möglich sind.»
Fortschritt durch Forschung Ebenfalls am Herzen liegt Christoph A. Meier die Förderung von jungen Talenten für die Forschung. An der Klinik gibt es bereits renommierte Projekte, beispielsweise zu toxischen Abbauprodukten von roten Blutkörperchen unter der Führung des Leitenden Arztes Dominik Schaer. Ein neues Projekt – in Zusammenarbeit mit Nicola Biller-Adorno, Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich – ist die Entwicklung von Informatikhilfsmitteln, zum Beispiel eines sogenannten Serious Game: Hierbei werden die Werte und Präferenzen für medizinische Behandlungen anhand virtueller Szenarien ermittelt. Dies kann zwar die persönliche Betreuung und Beratung durch den Arzt nicht ersetzen – doch die Resultate sollen in Zukunft dabei helfen, die patientenzentrierte Medizin noch besser zu verwirklichen.
KU R Z P O R T R ÄT
Christoph A. Meier Christoph A. Meier ist seit dem 1. Oktober 2020 Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin. Zuvor war er Leiter der Endokrinologie am Universitätsspital Genf, danach zehn Jahre lang Departementsleiter der Inneren Medizin am Stadtspital Triemli. 2016 wechselte er als Ärztlicher Direktor und stellvertretender Spitaldirektor ans Universitätsspital Basel. Christoph A. Meier wohnt in der Zürcher Altstadt, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.
7
Zurück zum Ursprung Nach 23 Jahren als Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau kehrte Gabriel Schär im Oktober 2020 als Direktor der Klinik für Gynäkologie ans USZ zurück. Dorthin, wo er einst sein Studium der Gynäkologie aufgenommen hatte. Sein Ziel: die ausgezeichnete Arbeit der fünf zertifizierten Zentren für Frauenkrankheiten in den Fokus rücken und das USZ bei den Patientinnen zur ersten Adresse machen. Text: Jolanda von de Graaf Bild: Thomas Egli
Gabriel Schär, wenige Meter von Ihrem Büro entfernt befindet sich der Hörsaal für die Vorlesungen in Gynäkologie. Welche Erinnerungen werden wach? Während der Vorlesungen sass ich jeweils im hinteren Drittel der mittleren Reihe. Ich mochte es, den Kopf nicht abdrehen zu müssen. Tatsächlich kehre ich nun an jenen Ort zurück, wo alles begann. Selbst in den labyrinthischen Gängen des USZ kenne ich mich immer noch aus. Zudem habe ich hier einige Mitarbeitende wiedergetroffen, die schon vor 23 Jahren hier gearbeitet haben. Das spricht für das USZ als Arbeitgeber.
Wie war die Heimkehr an Ihre Alma Mater? Vertraut und doch komplett anders. Nur die Räumlichkeiten im Haus «Nord1» sind dieselben geblieben. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Gynäkologie auch am USZ enorm entwickelt. Ich habe ein tolles Team angetroffen, das gut aufgestellt ist. Mir gefällt die Organisation in fünf zertifizierte Zentren. Das Gynäkologische Tumorzentrum, das Dysplasiezentrum (Zellveränderungen am Gebärmutterhals), das Brustzentrum, das Beckenbodenzentrum (Urogynäkologie) und nicht zuletzt das Endometriosezentrum (Befund von Gebärmutterschleim-
8
haut ausserhalb der Gebärmutter) erfüllen höchste Ansprüche und sind gut geleitet.
Wie kam es, dass Sie mit 63 Jahren noch einen Wechsel ins Auge fassten? Die Berufung ans USZ ist mir eine grosse Ehre. Als die Anfrage aus Zürich kam, hatte ich gerade meine Aufgaben als Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau im Sinne eines geplanten Generationenwechsels an meinen Nachfolger übergeben. Ich war nicht mehr in Führungsaufgaben eingebunden, ausgeruht und verspürte grosse Energie, am USZ nochmals anzupacken. Reizvoll ist, dass wir am USZ in der medizinischen Entwicklung an vorderster Front sind. Mir gefällt die unmittelbare Nähe zur Forschung. USZ-intern gibt es viel professionellen Support. Dass ich zudem meine Lehrtätigkeit intensivieren kann, ist ein weiteres Plus.
Trotzdem bleiben Ihnen bis zu Ihrer ordentlichen Pensionierung nur zwei Jahre als Klinikdirektor. Entsprechend sehe ich meine Rolle darin, eine verlässliche Klinikleitung sicherzustellen, die Organisation zu stärken, das Team zusammenzu schweissen und medizinische Weiterentwicklungen aktiv voranzutreiben. Ich möchte meiner Nach-
folgerin oder meinem Nachfolger ein Top-Team und eine gut funktionierende Klinik übergeben, die eine hochstehende medizinische Versorgung anbietet und bei den Patientinnen erste Wahl ist.
Wie werden Sie vorgehen? Wenn wir gemeinsam als Team gut sind, sind wir als Klinik gut. Ich werde unsere hervorragenden Fachkräfte
KU R Z P O R T R ÄT
Gabriel Schär Nach dem Studium an der Universität Zürich verbrachte Gabriel Schär mehrere Jahre an der Klinik für Gynäkologie des USZ. 1997 wurde er Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Aarau, wo der Spezialist für Gynäko-Onkologie und Urogynäkologie unter anderem ein Beckenbodenzentrum aufbaute. Der begeisterte Sportler und Rockmusikliebhaber ist 63 Jahre alt, verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt im Kanton Aargau.
logie, bei der es um Erkrankungen im tiefen Beckenbereich geht, bin ich am USZ auf ein Top-Team gestossen, was mich sehr freut. Ich werde voraussichtlich an vier Vormittagen operieren. Zwei Nachmittage sollen für die Sprechstunde zur Verfügung stehen. Selbst wenn wir aufgrund der COVID-19Restriktionen etwas weniger operieren, finden insbesondere tumorbedingte Notfalloperationen natürlich weiterhin statt.
«Meine wichtigste Botschaft ist: Zuhören!» Gabriel Schär, Direktor der Klinik für Gynäkologie
Was bedeutet Ihnen die Lehrtätigkeit an der Universität Zürich?
In diesem Hörsaal hat Gabriel Schär als Medizinstudent das USZ kennengelernt.
vermehrt ins Rampenlicht rücken, damit unsere fünf Zentren mehr Beachtung erhalten.
Wo sind die Stolpersteine? Gerade weil mir das Team so wichtig ist, bin ich besorgt, inwiefern unsere Klinik aufgrund der anstehenden Bautätigkeiten am USZ in den nächsten Jahren zersplittert werden könnte. Ich werde mich intensiv für eine stimmige Lösung einsetzen, auch wenn die Planung bereits weit fortgeschritten ist.
Welche Auswirkungen haben die neuen Infrastrukturpläne des USZ auf die Gynäkologie? Es ist absehbar, dass unsere Mitarbeitenden im Rahmen der Bautätigkeiten an unterschiedliche Orte ausweichen
werden. So ist ein grosser Teil der ambulanten Sprechstunden in das neu eröffnete USZ Flughafen im «Circle» umgezogen. Für die Tagesklinik, unter anderem Anlaufstelle unserer Tumorpatientinnen für die Chemotherapie, wird eine Lösung gesucht. Ich möchte vermeiden, dass bisher genutzte Synergien künftig verloren gehen, und engagiere mich entsprechend.
Welches medizinische Gebiet betreuen Sie am USZ persönlich? Ich widme mich den operativen Tätigkeiten in der Onkologie und möchte die Behandlung von gynäkologischen Tumorerkrankungen in Schwerpunkten weiterentwickeln. In den vergangenen Jahren hat sich gerade in Sachen Therapie einiges getan. In meinem zweiten Spezialgebiet, der Urogynäko-
Ich finde es wertvoll, junge Menschen in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung voranzubringen, selbst wenn die Vorlesungen derzeit online stattfinden. Meine wichtigste Botschaft an die angehenden Gynäkologinnen und Gynäkologen ist: Zuhören! Wie wir mit unseren Patientinnen umgehen, bestimmt nicht selten, wie die Behandlung verläuft.
Naturgemäss besteht in der Frauenheilkunde ein Fokus auf die Frau. Inwiefern schlägt sich das auch im Studium nieder? Ganz deutlich. 70 Prozent der Studierenden sind Frauen. Noch widerspiegelt sich dies in den Spitalkadern nicht. Das dürfte sich aber in den nächsten Jahren ändern. Mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beschäftigte ich mich schon an meiner alten Wirkungsstätte in Aarau. Partiell ist es mir dort gelungen, Frauen für Kaderpositionen zu gewinnen. Ich möchte den Frauenanteil auch am USZ weiter erhöhen. Können wir das Potenzial der Frauen ärztinnen künftig stärker nutzen, wird die Klinik für Gynäkologie am USZ noch besser für die Zukunft gerüstet sein.
9
Love is in the air Blütenduft, ein leckeres Essen, ein aufregendes Parfum – wer seinen Geruchssinn verloren hat, hat auch Lebensqualität eingebüsst. Zum Glück häufig nur vorübergehend. Text: Martina Pletscher Bild: Adobe Stock
«D
em Verlust des Geruchssinns wurde in der Praxis und in der Forschung viel zu lange wenig Aufmerksamkeit geschenkt», ist David Holzmann überzeugt. Der Hals-, Nasen-, Ohrenarzt und Spezialist für Riechstörungen am USZ sieht täglich Patientinnen und Patienten in seiner Sprechstunde, die buchstäblich nichts und niemanden mehr riechen können. Sehr selten ist dieses Phänomen also nicht. Seit es als häufiges Symptom bei COVID-19 auftritt, gibt es aber viel mehr Menschen, die selber erlebt haben, wie verstörend der plötzliche Verlust des Geruchssinns ist. Dabei ist grundsätzlich die Übertragung des Sinneseindrucks an das Gehirn blockiert, Ursachen gibt es jedoch verschiedene. In einigen Fällen geht der Geruchssinn dauerhaft verloren, wenn beispielsweise durch Verletzungen im Schädelbereich auch der Riechnerv irreparabel beschädigt ist. Häufig handelt es sich zum Glück um eine vorübergehende, wenn auch oft lang andauernde Störung, beispielsweise durch einen viralen Infekt oder wenn wie bei COVID-19 die Bahnen des Riechnervs lahmgelegt werden. Aber auch Polypen in der Nase können den Geruchssinn beeinträchtigen.
Im Alter lässt der Geruchssinn nach Zur Abklärung wird die Nase genau untersucht, und es wird eruiert, wann und wie sich die Störung bemerkbar machte. Mit standardisierten Referenztests und psychophysischen Tests kann das Ausmass der Riechstörung ermittelt werden. «Geruchs- und Geschmackssinn werden oft vermischt.
10
Dufte Sache! Gerüche wahrnehmen ist ein Erlebnis und schützt uns vor Gefahren.
Meistens ist nur der Geruchssinn weg, der Geschmacksinn, mit dem wir süss, sauer, bitter, salzig und umami unterscheiden, aber noch vorhanden», erklärt David Holzmann. Auch im Alter lässt der Geruchssinn immer mehr nach. Der Grund dafür ist noch immer nicht bekannt. Was man weiss: Ein Riechtraining unterstützt dabei, den Geruchssinn wiederaufzubauen, wenn sich die Schleimhaut oder der Riechnerv vom Infekt erholen, und ihn bei einem altersbedingten Abbau länger zu erhalten. «Leider kann man den Geruchssinn aber nicht präventiv vor dem Abbau schützen», so David Holzmann. Der fehlende Geruchssinn hat gravierende Folgen. Ein leckeres Essen, Frühlingsdüfte oder den Partner nicht riechen können, schränkt die Lebensqualität massiv ein. Der eigene Körpergeruch? Fehlanzeige und entsprechende Verunsicherung. Aber auch Gefahren wie Gasaustritt, Brandgeruch oder verdorbene Lebensmittel werden nicht wahrgenommen. Für einen Koch, eine Bäckerin oder einen Parfümeur ist es das Ende im angestammten Beruf.
«Unsere Erfahrung ist, dass sich Patientinnen und Patienten an einen Hörverlust schneller gewöhnen können. Mit dem Verlust des Geruchsinns können sie sich nach langer Zeit bestenfalls abfinden», so David Holzmann. «Gerüche sind hoch emotional und oft mit bestimmten Erinnerungen verbunden. Praktisch jede und jeder kann dazu sofort eigene Beispiele nennen.» Welcher Duft ist es bei Ihnen?
SPRECHSTUNDE
Die Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie des USZ bietet eine spezielle Geruchs- und GeschmacksSprechstunde an, in der Riechstörungen umfassend abgeklärt werden. Betroffene Patientinnen und Patienten können sich über ihren Hausoder Facharzt ans USZ überweisen lassen.
Veranstaltungen April
Mai
7.4.2021, 18.30 – 20.00 Uhr
12.5.2021, 18.30 – 20.00 Uhr
Checkup: Sinn und Unsinn > online auf Facebook www.usz.ch/forum
Kopfschmerzen: Wann soll ich zum Arzt? > online auf Facebook www.usz.ch/forum
8.4.2021, 12.15 – 13.00 Uhr Diversity-and-InclusionStrategie des USZ > online www.radiologie.usz.ch/ ueber-das-institut/veranstaltungen
14.4.2021, 18.30 – 20.00 Uhr Kreuzbandriss: vorbeugen, behandeln, Langzeitschäden verringern > online auf Facebook www.usz.ch/forum
V E R A N S T A LT U N G E N
Was am USZ läuft, erfahren Sie auf www.usz.ch/veranstaltungen
Juni 10.6.2021, 12.15 – 13.00 Uhr Weiblicher CEO eines HightechStart-ups: Was können wir von innovativen Kleinunternehmen lernen? > online, allenfalls USZ www.radiologie.usz.ch/ ueber-das-institut/veranstaltungen
28.4.2021, 18.30 – 20.00 Uhr
Die Forum-Veranstaltungen werden immer live auf dem Facebook-Kanal des USZ übertragen. Die Vorträge können zudem auf www.usz.ch/forum/ vergangene-veranstaltungen auch danach nachgeschaut werden.
Unklare Bauchschmerzen: vielleicht ein Reizdarmsyndrom? > online auf Facebook www.usz.ch/forum
FACHBEGRIFF EINFACH ERKL ÄRT
Was ist das «Mikrobiom»?
Michael Scharl, Leitender Arzt der Klinik für Gastroenterologie & Hepatologie
«Mit Mikrobiom bezeichnen wir die Gesamtheit aller Mikroorganismen (z. B. Bakterien, Viren, Hefen) auf der Erde, die unbelebte Natur und alles Lebende besiedeln. Beim Menschen finden wir das Mikrobiom in unterschiedlicher Ausprägung in den Atemwegen, im Magen-Darm-Trakt, auf der Haut und im Genitaltrakt. Am bekanntesten dürften die Dickdarmbakterien sein. Die Mikroorganismen, die zum menschlichen Mikrobiom gehören – und ihre Stoffwechselprodukte – sind für die Gesundheit unseres Körpers wichtig. Sie leben mit uns in Symbiose, also nach dem Prinzip des gegenseitigen Nutzens. Sie helfen uns bei der Abwehr gegen krankmachende Keime und unterstützen die Funktionen unseres Körpers. Die Zusammensetzung des Mikrobioms ändert sich im Laufe unseres Lebens. Es reagiert empfindlich auf verschiedene Störungen: eine einseitige Ernährung, Medikamente (z. B. Antibiotika), verschiedene Umweltfaktoren und zahlreiche Erkrankungen werden mit einem veränderten Darmmikrobiom in Verbindung gebracht. Durch ausgewogene Ernährung mit hohem Anteil an frischen und wenig industriell verarbeiteten Produkten können wir die optimale Zusammensetzung unseres Mikrobioms unterstützen. Zucker und tierische Fette sollten wir dagegen eher sparsam verwenden.»
11
Grüne Fassaden der Zukunft 2028 nimmt das USZ zwei von Christ & Gantenbein entworfene Neubauten mit frappanten, individuellen Fassaden in Betrieb: Ein Gebäude wird von Pflanzen umrankt, das andere mit FotovoltaikElementen ergänzt. Architekt Emanuel Christ erklärt, was dahintersteht. Text: Claudio Jörg Bilder: Christ & Gantenbein / Atelier Brunecky, Gabriel Hill
Emanuel Christ, Founding Partner Christ & Gantenbein Emanuel Christ, welche Rolle spielt die Aussenseite eines Gebäudes? Die Fassade eines Gebäudes hat viele Funktionen. Zunächst muss sie vor Regen und Sonne schützen, und sie sollte praktisch sein in der Reinigung und im Unterhalt. Sie trägt als wichtiger Teil der Architektur aber auch zum Wohlbefinden der Patienten bei. Und vor allem stellt sie das Gesicht der Institution dar, die das Gebäude nutzt. Sie prägt das von aussen wahrgenommene Gesamtbild entscheidend. Welchen Eindruck soll denn das künftige USZ-Hauptgebäude vermitteln? Wer an das Haus blickt, dem werden vertikale Linien auffallen: Stützen und nach oben strebende Pflanzen. Diese vertikale Gliederung verleiht dem Gebäude trotz seines relativ grossen Volumens eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz. Die Gestaltung ist allgemein feingliedrig und passt so zum denkmalgeschützten Hauptgebäude
12
von Häfeli Steiger Moser aus dem Jahr 1954. Daneben ist die Fassade aber auch «raumhaltig», das heisst, sie weist eine gewisse Tiefe auf. Somit wirkt sie nicht glatt und abweisend, sondern offen und zugänglich. Auch die gastronomischen Angebote oder beispielsweise die Apotheke in den Erdgeschossen schaffen diese Zugänglichkeit. Die Gebäude sollen ja nicht abgeschottet und dicht sein, sondern ein lebendiger Teil des Quartiers werden, in dem sich alle aufhalten, hindurchlaufen und sich wohl fühlen sollen.
Eine der beiden Fassaden ist begrünt, die andere mit FotovoltaikElementen versehen. Warum diese zwei unterschiedlichen Ansätze? Die beiden Gebäude nehmen zwei Aspekte auf, die das USZ ausmachen. Die Begrünung bringt das Natürliche, das Lebensnahe und Menschliche zum Ausdruck. Sie kommt beim Gebäude zum Zug, in dem die Bettenstationen sein werden, in denen sich die Patientinnen und Patienten grösstenteils aufhalten. Das zweite Gebäude mit den Fotovoltaik-Panels verweist auf die Hightech-Umgebung der modernen Medizin. In diesem Gebäude innern sind zum Beispiel die Operationssäle angesiedelt. Wissenschaft und Präzision stehen im Fokus. Wie das USZ selbst vereinigt auch die Fassade die beiden Merkmale von Menschlichkeit und HightechUmgebung.
Die Fassaden sollen auch einen Beitrag zur CO2-armen Energieversorgung leisten und das lokale Klima abkühlen. Bei diesen Themen handelt es sich um gesellschaftlich relevante Themen. Deshalb haben wir sie in unserer Architektur aufgenommen. Es ist klar, dass die Fassade nur einen kleinen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leistet – aber es ist trotzdem ein wichtiger Beitrag.
Mehr Infos: www.usz.ch/baulichegesamterneuerung
Alles ambulant am USZ Flughafen Seit dem 5. Oktober 2020 ist das ambulante Gesundheitszentrum USZ Flughafen in Betrieb. Für ambulante Eingriffe stehen dort drei Operationssäle zur Verfügung. Was sind die Vorteile einer ambulanten Operation? Text: Katrin Hürlimann Bilder: Thomas Egli
V
iele Spitäler in der Schweiz mussten ihre Operationstätigkeiten im Winter 2020/21 zurückfahren, damit namentlich auf den Intensivstationen immer genügend Kapazitäten für schwerkranke Patientinnen und Patienten vorhanden waren – nur eine von vielen grossen Herausforderungen der COVID-19Pandemie für die Krankenhäuser. So auch am USZ. Ambulant hingegen wurden mehr Menschen operiert – das war möglich, denn sie benötigen kein Spitalbett. Die Eröffnung des USZ Flughafen im Oktober 2020 führte für das USZ insgesamt zu einer Entlastung. «Der Fahrplan für die Eröffnung des dritten Operationssaals wurde wegen Corona beschleunigt. Der Abschied vom Campus war für einige von uns deshalb ziemlich abrupt», erzählt Erika Lindgren. Sie leitet zusammen mit Susanne Blum Lord die Abteilung Anästhesiepflege des ambulanten Operierens am USZ.
Operationen dauern von wenigen Minuten bis mehrere Stunden Pro Tag werden am USZ Flughafen insgesamt zwischen 14 und 22 Patientinnen und Patienten in drei Operationssälen ambulant operiert. «Die grösste Operation, die hier gemacht wird, ist die Brustrekonstruktion nach Brust‑ krebs», weiss Dirk Ubmann. Er ist operativer Leiter des ambulanten OP-
Im USZ Flughafen werden die Patienten schon in der Koje für die Operation vorbereitet.
Bereichs. «Diese Operation dauert etwa drei Stunden. Mit Vor- und Nachbereitung sind betroffene Patientinnen etwa sechs Stunden bei uns.» Eine der kürzesten Operationen am USZ Flughafen ist die sogenannte Zyklopho‑ tokoagulation, eine Operationsmethode bei Glaukom, sprich grünem Star. «Nach zwei oder drei Minuten ist der Eingriff schon wieder vorbei», so Dirk Ubmann. Weil der Einsatz des Lasers am Auge für die Patienten schmerzhaft ist, werden sie dennoch in eine kurze Narkose versetzt. Acht Kliniken des USZ führen ihre ambulanten Operationen am USZ Flughafen durch. «Durch immer diffe-
renziertere Anästhesie- und Operationsmethoden können Operationen vermehrt ambulant durchgeführt werden», erklärt Dirk Ubmann. «Das hat für die Patientinnen und Patienten Vor‑ teile.» Sie können am selben Tag der Operation wieder nach Hause. Zudem ist ein Eingriff günstiger, als wenn sie im Spital bleiben müssen. Die Qualität einer ambulanten Operation ist dabei keineswegs schlechter als bei einem sta‑ tionären Eingriff. «Die Qualität ist ambulant und stationär genau gleich», so Susanne Blum Lord, «bei uns jedoch ist immer dasselbe Team vor Ort. Wir sind ein kleines, eingespieltes und extrem effizientes Team.»
13
VIER FRAGEN AN
Marianne G., Patientin Seit einigen Jahren leidet Marianne G. am grauen Star. Im Dezember 2020 hat sie diesen am USZ Flughafen operieren lassen.
Marianne G., weshalb mussten Sie den grauen Star operieren? Schon länger war meine Sicht durch den grauen Star eingeschränkt. Vor vier Jahren habe ich mich bei einem niedergelassenen Augenarzt auf dem linken Auge operieren lassen. Schon damals war klar, dass ich auch das rechte Auge irgend wann operieren muss. Weshalb liessen Sie sich am USZ operieren? Leider war das Resultat der ersten Operation nicht zufriedenstel‑ lend. Deshalb habe ich mich an die Augenklinik des USZ gewendet, um dort eine Zweitmeinung einzu holen. So kam ich zu Dr. Marc Töteberg in Behandlung. Das linke Auge konnte ich zweimal nach bestrahlen, aber die Operation am rechten Auge wurde trotzdem unausweichlich. Wie verlief die Operation? Kurz nachdem ich mich für die Ope ration entschieden hatte, erhielt ich ein Aufgebot für den 17. Dezem ber. Ich war etwas aufgeregt, weil ich noch nie am USZ Flughafen war und war deshalb etwas zu früh vor Ort. Ein super symphatischer Pfle ger hat mich in Empfang genom
14
men – er hat mir die letzte Angst grad genommen. Dann hat man mir nochmals genau erklärt, wie alles abläuft. Vor der Operation kam auch Dr. Marc Töteberg bei mir vorbei und klärte mich auf, dass es eine Kurznarkose gibt. Das wusste ich schon, weil ich schon vorgängig eine Besprechung mit den Anästhesisten hatte. Dann be kam ich eine Infusion, und die Operation ging los. Ich hatte über haupt keine Schmerzen, und es verlief alles problemlos. Gab es einen negativen Punkt? Weil es mir nach dem Aufwachen schlecht wurde, erhielt ich Medika mente gegen die Übelkeit und konnte mich noch etwas ausruhen. Den Weg durch den ganzen Circle und den Flughafen zum Bahnhof und mit dem Zug nach Hause hatte ich vorgängig unterschätzt. Den wollte ich mit einem abgedeckten Auge doch nicht alleine machen. Deshalb rief ich dann meinen Mann an, damit er mich am Flughafen abholt. Ich bin wirklich sehr zufrie den mit der Operation: mit der Betreuung, der Behandlung und der Aufklärung durch die Anästhesie. Ich kann die Augenklinik uneingeschränkt empfehlen.
Fertig vorbereitet in den Operationssaal Innert 60 bis 90 Minuten nach Eintref fen am USZ Flughafen werden die Patienten operiert. Zur auf dem Auf gebot angegebenen Zeit melden sie sich im 7. Stock am USZ Flughafen am Empfang. Dort werden sie wie bereits am Eingang im Erdgeschoss nach all fälligen COVID-19-Symptomen be fragt. Haben sie keine Symptome, kön nen sie sich in den Wartebereich setzen – mit Maske versteht sich. «Die Kollegen vom Aufwachraum rufen am Empfang an, sobald sie für den nächsten Patienten bereit sind», er klärt Dirk Ubmann. Die Patientin wird dann zum Aufwachraum begleitet, wo sie von der Leitstelle des OP-Bereichs empfangen wird und das Nachthemd
«Bei aller Effizienz des ambulanten Operierens liegt unser Hauptfokus immer bei der bestmöglichen Qualität der Anästhesie und Operation.» Dirk Ubmann, Operativer Leiter ambulantes Operieren USZ Flughafen
und die blauen Überzieher für die Schuhe erhält. Drei Schritte weiter be finden sich die Umkleidekabinen und Schliessfächer für die Wertsachen. Ist die Person umgezogen, wird sie von einer Pflegefachperson der Eintrittsund Austrittseinheit (EAE) einer Koje zugeteilt. Dort werden die Patienten mit OP-Monitoring versorgt: Blutdruckmanschette, Sättigungsclip, Venenzugang, Infusion, EKG und ge gebenenfalls präoperative Medika mente. «Das ist ein erster Unterschied zum Operieren im stationären Be reich», erklärt Dirk Ubmann. «Dort kommen die Patienten in eine OPSchleuse, werden auf eine Operations liege umgelagert, kommen dann in den Operationssaal und werden erst im Saal vorbereitet.» Am USZ Flug‑ hafen sind die Patienten schon kom
Effizient für Patienten und Personal
Die Narkosen werden beim ambulanten Operieren direkt im Operationssaal e inund wieder ausgeleitet. Das ist effizient und angenehm für die Patienten.
plett vorbereitet, wenn sie in den Operationssaal kommen. «Im Saal machen wir vor der Operation nur noch den Anästhesiecheck und beginnen dann mit der Narkose», so Dirk Ubmann. Das hat den Vorteil, dass die Chirurgin sofort mit der Operation beginnen kann, sobald der Patient unter Narkose ist. Währenddessen bereitet die OP-Pfle‑ ge alle Geräte, Instrumentarien und Materialien für die Operation vor. «Im Anschluss an die Narkose lagern wir die Patientin mithilfe der Chirurgin», erklärt Claudio Petrini, Abteilungsleiter OP-Pflege am USZ Flughafen. Nach der Desinfektion und dem Abdecken der Patientin kann die Operation be ginnen. Ist die Operation fertig, wird die Narkose noch im Operationssaal wieder ausgeleitet und der Patient im wachen Zustand zurück in die Koje gefahren – wo er sich erholen kann, bevor er nach Hause entlassen wird. Empfang, Koje und Operationssaal sind dabei nur wenige Schritte voneinander entfernt. «Die Patienten werden bei uns sehr persönlich betreut. Alle Wege sind kurz, wir sind sofort bei ihnen, wenn sie etwas benötigen», so die Erfahrung von Erika Lindgren.
«Ein Team aller beteiligten Berufs‑ gruppen, die Hand in Hand arbeiten: Es braucht die Mithilfe aller für einen er‑ folgreichen Betrieb.»
«Im Schnitt sind die Patienten etwa 3,5 Stunden bei uns», sagt Dirk Ubmann. «Als wir den Betrieb im ambulanten Operieren am USZ Flughafen aufgenommen haben, haben wir die Patienten über eine Stunde vor der Operation aufgeboten. Zudem waren wir noch nicht so flexibel, wenn eine Patientin kurzfristig ausfiel.» Deshalb gab es zu Beginn einzelne Re klamationen wegen langer Wartezeiten. Dirk Ubmann und die beiden Co-Leiterinnen Anästhesiepflege sind sich einig, dass das nach wenigen Monaten Betrieb nun ziemlich glatt läuft. Fallen Patienten kurzfristig aus, rufen die Pflegefachpersonen der EAE Personen, die später am Tag operiert werden sollten, an und fragen, ob sie früher kommen können. Das klappt bis jetzt sehr gut. Nicht nur die Patienten sind sehr zufrieden, sagt Erika Lindgren: «Weil wir hier von den Kliniken unabhängig arbeiten, müssen wir zum Beispiel nicht warten, bis jemand von der Abteilung den Patienten abholt. Oder wir müssen uns nicht in einen anderen Raum begeben, um die nächste Einleitung vorzunehmen. Deshalb arbeiten wir äusserst effizient.» Das ist auch für die Operateure gut, sie müssen zwischen den Operationen beispielsweise nicht länger warten, bis die nächste Patientin bereit ist.
Claudio Petrini, Abteilungsleiter OP-Pflege
AMBULANTES OPERIEREN
Im USZ Flughafen werden monatlich 168 Patientinnen und Patienten aus acht verschiedenen Kliniken des USZ ambulant operiert. Das Team vor Ort besteht aus 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: 10 Anästhesiepflegende und Mitarbeitende Eintritts- und Austrittseinheit, 8 OP- Pflegende, ein Abteilungsleiter OP-Pflege, ein Zivildienstleistender, zwei Abteilungsleiterinnen Anästhesiepflege, ein Oberarzt Anästhesie und ein Assistenzarzt Anästhesie. Die Chirurginnen und Chirurgen arbeiten nicht fix am USZ Flughafen. Sie stossen für die jeweiligen Operationen dazu; ihre Sprechstunden führen sie je nach Klinik auch am Campus durch. Die häufigsten ambulanten Operationen am USZ Flughafen sind die Entfernung des grauen Stars (Phako-Operation) und Metallentfernungen.
15
NOTFALL!
144
76 Minuten Wettlauf gegen die Zeit Herzinfarkt! Begleiten Sie die fiktive Patientin Frau Müller auf die Notfallstation des USZ. Text: Manuela Britschgi Bilder: Nicolas Zonvi
Damit keine Patienten mit COVID-19 ungeschützt ins Spital spazieren, findet die Prätriage vor dem Notfall statt. Fachfrau Gesundheit Tatjana Sturm be‑ fragt die Patienten nach COVID19-Symptomen und misst die Körpertemperatur.
Frau Müller sitzt auf einem Stuhl und atmet schwer. Sie telefonierte gerade auf dem Balkon mit ihrer Schwester, als ihr plötzlich übel wurde, sie einen unangenehmen Druck im Oberbauch und in der Brust bemerkte und sich hinsetzen musste. Sie ruft ihren Mann, der das Geschirr vom Mittag spült. Herr Müller erstarrt, als er seine bleiche, schwitzende Ehefrau sieht.
18
Für ihn ist klar: Wir müssen sofort auf die Notfallstation. In Windeseile fährt er seine Ehefrau an die Schmelz bergstrasse 8. Frau Müller ist unser fiktives Beispiel, stellvertretend für 1700 Patientinnen und Patienten, die jedes Jahr mit Brustschmerzen am Institut für Notfallmedizin des USZ behandelt werden. Begleiten Sie sie auf ihrem Weg.
Minute
Vor der Notfallstation
Das Ehepaar wird bereits auf dem Vorplatz der Notfallstation empfangen. Frau Müller wird nach ihren Be schwerden gefragt und ob sie Symp tome wie Husten, Halsschmerzen oder Fieber hat. Hat sie nicht. Kein Verdacht auf das Coronavirus. Die Fachfrau Gesundheit begleitet Frau
1
Müller umgehend an die Leitstelle der Notfallstation. Herr Müller wartet draussen. Wegen des Coronavirus sind keine Angehörigen auf dem Not‑ fall erlaubt. Herr Meier lässt seine Frau nur ungern alleine in dieser Situ‑ ation. Es beruhigt ihn etwas, dass die Fachfrau Gesundheit ihm erklärt, wie es nun weitergeht, und dass er mit seiner Frau telefonisch in Kontakt bleiben kann. Erst war es ein Zelt, nun steht seit Monaten ein zweiter auffälliger weis‑ ser Container vor dem Notfall des USZ. Damit COVID-19-Infizierte nicht mit anderen Patientinnen in Kontakt kommen, werden sie bereits vor dem Notfall abgefangen und müssen bis zur Aufnahme im Prätria‑ ge-Container warten. Die Arbeit in der Prätriage ist eine zusätzliche 24/7-Aufgabe, die das Pflegeteam des Instituts für Notfall‑ medizin seit der ersten Minute der Pandemie stemmt. «Neben der Vorab‑ klärung auf COVID-19 kümmern wir uns auch um die Angehörigen», sagt Tatjana Sturm, Fachfrau Gesundheit. «Am Anfang der Pandemie war es sehr schwierig für die Angehörigen, und wir mussten viel diskutieren und be‑ ruhigen. Inzwischen ist den Leuten aber bewusst, dass im Spital Besuchs‑ beschränkungen oder -verbote gelten.»
Minute
Ersteinschätzung
Während ihr Ehemann draussen an der Prätriage informiert wird, gibt Frau Müller an der Leitstelle ihre Persona‑ lien an und wird von der Expertin für Notfallpflege zu ihren Symptomen befragt. Seit wann hat sie Schmerzen? Hat sie einen Schlag oder Stoss auf die Brust erhalten? Ist der Schmerz stechend, brennend oder drückend? Wo schmerzt es genau? Hat sie Mühe beim Atmen? Danach wird Frau Müller in die Kernzone direkt hinter der Leit‑ stelle übergeben.
KU R Z E W EG E I M N E U E N N OT FA L L Z E N T RU M
Die erste Etappe der baulichen Gesamterneuerung des USZ wird auch das neue Notfallzentrum beherbergen. Dort behandelt das Institut für Notfallmedizin ab 2028 Patientinnen und Patienten. Zu den künftigen Nachbarn in den beiden neuen Gebäuden Campus MITTE1 und 2 gehören medizinische Fachbereiche, die sinnvollerweise in der Nähe der Notfallversorgung angesiedelt werden: beispielsweise die Chest Pain Unit der Kardiologie, die Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten behandelt, oder die neurologische Stroke Unit für die Erstversorgung bei Schlaganfällen. Durch die räumliche Nähe kann das USZ die interdisziplinäre und interprofessionelle Notfallversorgung weiter stärken.
ist die wichtigste Tätigkeit der Leit‑ stelle des Notfalls. Die Triage ent scheidet darüber, wie schnell und wo die Patienten behandelt werden. «ESI ist fünfstufig. Patientinnen der Stufe 4 und 5 sind leichte Fälle und werden dem direkt neben dem Notfall liegenden Fast Track zugewiesen. Je tiefer die ESI-Zahl, desto mehr Res‑ sourcen werden benötigt, und desto kürzer ist die angestrebte Reaktions‑ zeit. Die Einschätzung ist also sehr wichtig für einen adäquaten Behand‑ lungsstart», erklärt die Pflegefach‑ frau Eva Waldispühl. Sobald die Pati‑ entin erfasst und eingeschätzt ist, wird sie elektronisch im Dashboard der Notfallstation erfasst.
2
Die Einschätzung der Dringlichkeit der eintretenden Patienten nach dem Emergency Severity Index, kurz ESI,
Minute
Herzkurve schreiben
Frau Müller liegt in einer Patientenkoje der Not fallstation. Der Experte Notfallpflege klebt ihr gerade die zehn Elektroden des Elektrokardio‑ gramms auf Brust, Arme und Beine und startet das Gerät. Die Herzkur ve wird anschliessend durch eine Kaderärztin des Instituts für Notfall‑ medizin beurteilt. Im EKG ist nichts Eindeutiges ersichtlich, erklärt sie Frau Müller. Entwarnung kann die Notfallmedizinerin aber noch nicht geben. Es braucht weitere Ab‑ klärungen.
4
Die 20 Patientenkojen des USZ-Not‑ falls sind an den Wänden des grossen quadratischen Raums und in ange gliederten Zimmern platziert. In der Mitte befindet sich das Herzstück, das sogenannte Cockpit: Über zahlrei‑ che grosse Screens behalten Pflegende und Ärztinnen die Vitalzeichen der Patientinnen im Auge, bespre‑ chen und beraten sich. Hier wird ihnen auch angezeigt, wenn die Leitstelle einen neuen Patienten anmeldet und welche Fachkräfte diesem zugeteilt sind. «Verantwortlich für diese Zutei‑ lung ist eine Expertin Notfallpflege, die an diesem Tag die Koordination übernimmt. Sie entscheidet anhand der Einschätzung nach ESI, wer sich um die Patientin kümmert», erläu‑ tert Sarah Ruff, Expertin Notfallpflege. Diese organisatorische Aufgabe ist entscheidend für die Patientensicher‑ heit. «Durch die sehr strukturierten Prozesse können wir die definierten Re‑ aktionszeiten gut einhalten. Bei Brust‑ schmerzen muss beispielsweise innert maximal zehn Minuten ein EKG ge‑ macht werden», ergänzt Sarah Ruff.
Minute
7
Viele Schläuche und Kanülen
Während der zuständige Assistenzarzt der Patientin erklärt, welche weiteren Abklärungen folgen, und ihr Fragen zu ihrer Krank‑
19
heitsgeschichte stellt, beginnen die Experten Notfallpflege mit den weite‑ ren Massnahmen. Sie legen Zugänge für Infusionen, nehmen Blut, messen Blutdruck, Puls und Sauerstoffsätti‑ gung. Zusätzlich werden Frau Müller die Elektroden des Defibrillators auf die Brust geklebt. Dies dient der Sicher‑ heit, falls sich ihr Zustand plötzlich ver‑ schlechtern sollte. Zwei bis drei Fach‑ spezialisten arbeiten nun parallel an und um Frau Meier. Das stört sie aber nicht. Sie ist froh, dass man sich um sie und ihre Beschwerden kümmert. «Ohne klare Richtlinien und Standards wäre die Notfallmedizin ein Chaos», sagt Judith Engeler, Oberärztin Not‑ fallmedizin. Wenn Sekunden über den weiteren Verlauf eines Patienten ent‑ scheiden, muss jeder Handgriff sitzen. «Weil wir uns an den immer gleichen internationalen notfallmedizinischen Standards und Abläufen bei der je weiligen Verdachtsdiagnose orientie‑ ren, weiss jedes Teammitglied, was zu tun ist, kann effizient arbeiten, und es bleibt Raum für all die unvorher gesehenen Entwicklungen, die auftre ten können», ergänzt die erfahrene Oberärztin.
Minute
13
Morphium gegen die Schmerzen
Neben anderen Werten muss nun der Laborwert des Herzenzyms Troponin abgewartet werden. Ist er erhöht, kann ein Herz‑ infarkt vorliegen. Es dauert maximal eineinhalb Stunden, bis der Wert da ist, erfährt Frau Müller vom Assistenz‑ arzt. Sie erhält zusätzlich zu anderen Medikamenten auch Morphium gegen die Schmerzen. Das Morphium hilft zu‑ dem dabei, den etwas hohen Blutdruck von Frau Müller zu senken, weil es die Gefässe erweitert. So wird ihr Herz ent‑ lastet. Nun kehrt etwas Ruhe ein. Frau Müller ruft ihren Ehemann an. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die USZ-Notfallstation zusätzlich zu den regulären Notfällen 6000 Perso‑ nen mit einer Corona-Infektion oder mit Verdacht auf eine solche betreut.
20
Im Team gehts besser: Oberärztin Judith Engeler (rechts) bespricht einen Patienten mit der Direktorin des Instituts, Dagmar Keller Lang.
COVID-19-Infizierte werden räumlich getrennt von den anderen Patienten versorgt, um Ansteckungen zu verhin‑ dern. Die Corona-Pandemie ist eine hohe Zusatzbelastung für das Personal, bringt im Notfall des USZ aber auch Herausforderungen bezüglich der Infra‑ struktur mit sich. «Räumlich sind wir mit den jährlich bis zu 45’000 Patien‑ ten bereits überlastet. Corona ver‑ schärft die Situation nun zusätzlich», präzisiert Dagmar Keller, Direktorin des Instituts für Notfallmedizin.
Minute
Herzinfarkt!
Frau Müller muss sich übergeben und hat erneut grosse Schmerzen im Oberbauch, in der Brust und neu auch im Rücken und Nacken. Es wird ein weiteres EKG angeordnet. Nun ist eine Veränderung ersichtlich, ein soge‑ nannter ST-Hebungsinfarkt. Die Not‑ fallstation informiert die Kardiologie. Die Herzspezialisten werden bei Frau Müller die verschlossenen Herzkranz‑ gefässe wiedereröffnen.
52
Die Notfallmedizin ist ein vergleichs‑ weise junger Fachbereich. Notfall‑ stationen gibt es zwar schon länger,
wurden früher aber von Ärztinnen und Ärzten aus verschiedenen Fach‑ bereichen betreut – medizinische Patienten von Medizinern und chi‑ rurgische von Chirurgen. Heute ge‑ schieht die Notfallversorgung durch ausgebildete Notfallmediziner, un abhängig von der anschliessenden Be‑ handlung. Neben gesteigerten Kom petenzen in der Notfallversorgung er‑ möglicht dies auch, dass die ärzt‑ lichen Ressourcen auf der Notfallsta‑ tion nach Arbeitslast anstatt nach Fachbereich verteilt werden. Assis‑ tenzärztinnen und -ärzte verschie dener USZ-Kliniken arbeiten rotierend auf der Notfallstation für ihre Notfall‑ ausbildung.
Minute
59
HerzkatheterUntersuchung
Auch der gemessene Troponinwert spricht für die Diagnose Herzinfarkt. Frau Müller wird vom Kardiologen über den be vorstehenden Eingriff aufgeklärt. In einer Herzkatheter-Untersuchung wird ein dünner Draht über die Blut‑ bahn von der Leiste zu ihrem Her‑ zen vorgeschoben. Mit Kontrastmittel werden die Herzkranzgefässe sicht‑
bar gemacht und das verschlossene Gefäss identifiziert. Ist der Verschluss klein, kann das Gefäss direkt in der Untersuchung mit einem aufblasbaren Katheter gedehnt werden. Falls ein komplexer Verschluss vorliegt, muss Frau Müller eventuell operiert wer‑ den. Frau Müller willigt ein und infor‑ miert ihren Mann telefonisch. Neben den 120 Pflegenden und 41 Ärztinnen und Ärzten der Notfallstati‑ on arbeiten diverse andere Disziplinen und Bereiche in der Notversorgung der Patientinnen mit. Beispiele dafür sind das Labor, die Radiologie, konsi‑ liarisch zugezogene Fachspezialisten
aus den Kliniken, die Anästhesie im angegliederten Schockraum oder auch die Reinigung. «Für mich ist der Notfall meine zweite Familie», sagt Ismail Mohamud, der seit 16 Jahren die Kojen nach jedem Patienten und jeder Patientin reinigt. Auch er folgt klaren Vorgaben und Richtli‑ nien. «Corona macht es auch für uns schwieriger, weil wir viel öfter Schutzkleidung tragen müssen als normalerweise».
Minute
76
Übergabe an die Kardiologie Frau Müller wird nun vom
Experten Notfallpflege und vom As‑ sistenzarzt zum Eingriff gefahren. Um auch unterwegs schnell reagieren zu können, nehmen sie den Defibrillator und den Reanimations-Rucksack mit den Notfallmedikamenten mit. Mit der Übergabe an die Fachspezialisten der Kardiologie endet Frau Müllers Aufent‑ halt im Institut für Notfallmedizin des USZ. 76 Minuten, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sie und ihre Gesundheit voll einge‑ setzt haben. Ein Herzinfarkt äussert sich bei Frauen und Männern unterschiedlich. Wie ge‑ nau, erfahren Sie im Artikel auf Seite 28.
Die Kojen werden nach jedem Patienten gereinigt. Ismail Mohamud ist darin Profi: Er arbeitet seit 16 Jahren am USZ in der Spezialreinigung.
21
Die häufigsten Notfälle – wie reagieren? Bei einem Notfall zählt oft jede Minute. Selbst wenn sofort ein Notruf erfolgt, vergeht bis zum Eintreffen der Rettungskräfte wertvolle Zeit. Profis in Spitälern und bei der Ambulanz wissen genau, was zu tun ist. Aber wie erkennen Laien das Problem und reagieren richtig? Text: Marcel Gutbrod Bild: Line Rime
Anaphylaxie
(Allergischer Schock) Die Anaphylaxie ist die schwerste Form einer allergischen Reaktion und kann tödlich enden. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der gesamte Körper rea‑ giert. Meistens tritt eine Anaphylaxie sehr schnell und heftig nach dem Kontakt mit dem allergieauslösenden Stoff auf. Bei Erwachsenen wird sie häufig durch Bienen- und Wespenstiche, Medikamente und Nahrungsmittel wie Erdnüsse oder Krustentiere ausge löst. Personen mit stark ausgeprägten Allergien sind sich dessen meist bewusst und tragen einen Adrenalin-Pen sowie Notfallmedikamente auf sich.
Symptome – Jucken, Anschwellen der betroffenen Stelle – Atembeschwerden, Atemnot, Hustenattacken – Magen-Darm-Beschwerden: Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall –S tarker Schwindel, Gefühl von Kraftlosigkeit
Wie helfen? 144 alarmieren und die betroffene Per son bis zum Eintreffen der Rettungs
22
kräfte möglichst flach lagern und wenn möglich Noxe (z. B. Stachel vom Bienen stich) entfernen. Keine Flüssigkeit oder Nahrung geben. Betroffenen fragen, ob Allergien bekannt sind und ob die Person eine Notfallmedikation mit dabei hat (z.B. EpiPen, Notfallset).
144
Die Notrufnummer für alle medizinischen Notfälle.
Herzinfarkt
In der Schweiz erleiden pro Jahr rund 30’000 Personen einen Herzinfarkt. Durch rasches und richtiges Handeln im Notfall können die Überlebenschan cen der Betroffenen erhöht und blei bende Schäden minimiert werden. Män ner sind drei- bis viermal so häufig von einem Herzinfarkt betroffen wie Frauen. Wichtig zu wissen ist, dass sich die Sym ptome bei Frauen und Männern unter scheiden können. Aus diesem Grund werden Infarkte bei Frauen nicht immer erkannt.
Symptome bei Männern – Heftiger Schmerz in der Brust –A usstrahlung des Schmerzes in die Schultern und Arme – Todesangst – Atemnot – Schweissausbrüche
Symptome bei Frauen Mögliche Symptome wie bei den Männern, zusätzlich – Ungewohnt starke Müdigkeit – Magenschmerzen – Schwindel – Ohnmacht – Engegefühl in der Brust (auch rechts)
Wie helfen? Alarmieren Sie sofort den Notruf 144. Lagern Sie den Betroffenen anschlies send mit leicht angehobenem Ober körper auf dem Boden. Falls die Person nicht mehr atmet, beginnen Sie sofort mit der Herzdruckmassage, und wenden Sie den Defibrillator an.
Verschlucken
Fischgräten, Hühnerknochen oder ein fach ein Stückchen Brot – schnell hat man sich beim Essen verschluckt. Norma‑ lerweise ist das harmlos, und wir husten den Fremdkörper einfach wieder aus der Luftröhre heraus. Verkeilt sich der Fremd‑ körper allerdings, kann es schnell ge fährlich werden. Im schlimmsten Fall wird man innerhalb von Minuten bewusstlos und kann sogar sterben – den soge nannten Bolustod.
Symptome – Heftiger Hustenreiz – Klossgefühl im Hals – Geräusche beim Atmen – Würgen – Bewusstlosigkeit
Wie helfen? Sofort mit ein paar kräftigen Schlägen auf den Rücken reagieren. Meistens reicht das schon, um den Fremdkörper auszuspucken. Fall nicht, den Ret tungsdienst (144) alarmieren und dann den Heimlich-Handgriff anwenden. Dabei umfasst der Helfer die Betroffene von hinten und übt mit beiden Hän‑ den ruckartig Druck auf die Magengrube aus. Führt das Manöver zum Erfolg, muss sich der Patient trotzdem ärztlich untersuchen lassen, um innere Verlet zungen auszuschliessen. Bei Ohnmacht oder Atemstillstand sofort mit Wieder belebungsmassnahmen beginnen.
Vergiftung
Eine Vergiftung kann verschiedenste Ursachen haben: zum Beispiel ver sehentlich verschluckte Chemikalien, eine Überdosis an Medikamenten, übermässiger Alkoholkonsum oder Dro genmissbrauch. Auch giftige Pflanzen, Tiere oder Pilze können gefährlich wer den, wobei dies in unseren Breiten graden eher selten ist.
Symptome Die Symptome sind abhängig von der Substanz und Menge – Übelkeit und Erbrechen – Rauschzustand – Schläfrigkeit – Bauchkrämpfe
– Atembeschwerden – Bewusstlosigkeit
WICHTIGE NUMMERN
Wie helfen? Toxinfo Suisse (145) anrufen oder den Notruf (144) alarmieren. Der Person Wasser, Tee oder Sirup geben, um die toxische Substanz zu verdünnen. Kein Erbrechen bei der Patientin oder beim Patienten herbeiführen. Bei verätzter Haut die Stelle gründlich mit Seife und Wasser auswaschen und auf den Selbstschutz achten (nicht ungeschützt berühren). Bei Bewusstlosigkeit stabile Seitenlage anwenden oder Wiederbele bungsmassnahmen beginnen, falls keine Atmung und keine Lebenszeichen vorhanden sind.
Tel. 144 Notruf/Rettungsdienst Tel. 145 Toxinfo Suisse (bei Vergiftungen) Tel. 112 Euronotruf Tel. 1414 Rega
23
Kaiserschnitt auf Knopfdruck Treten vor oder während der Geburt Komplikationen auf, dann muss es schnell gehen – nicht selten kommt es zu einem Notfallkaiserschnitt. Text: Maja Rose Bild: Tobias Willa
A
uf der Gebärabteilung der Kli‑ nik für Geburtshilfe gehört er zum Alltag: Ein bis zwei Mal die Woche führen die Mitarbeitenden einen Notfallkaiserschnitt durch. Wenn es so weit kommt, muss es schnell ge‑ hen, denn jede Minute ist für den Ver‑ lauf der Geburt entscheidend.
Ein Knopfdruck zum Kaiserschnitt Zu einem Notfallszenario vor oder während der Geburt kann es aus den verschiedensten Gründen kom‑ men. Fängt es stark an zu bluten, geht es dem Kind oder der Mutter nicht gut, löst sich eventuell die Plazenta oder reisst sogar die Gebär‑ mutter, dann bleibt den zuständi‑ gen Ärztinnen und Ärzten nur noch der Entscheid, auf den sogenannten roten Knopf zu drücken, der sich am Eingang des Stationszimmers in der Gebärabteilung befindet. «Das hat den Vorteil, dass alle involvierten Mit‑ arbeitenden, von der Anästhesie über die Pflegenden bis zum Kinderarzt, einen Alarm auf ihren Piepser erhalten. Sie lassen dann alles stehen und lie‑ gen und begeben sich so schnell wie möglich ins Patientenzimmer», erklärt Nicole Ochsenbein-Kölble, Leitende Ärztin der Klinik für Geburts‑ hilfe.
rote Knopf gedrückt und das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt geholt wird. Damit wird der vom Kanton Zürich festgelegte Zielwert von 15 Minuten deutlich unterschritten. Das bezieht sich aber nur auf die Notfall-Sectio
«Geht der Alarm los, lassen die Mitarbeitenden alles andere stehen und liegen.»
Üben muss das Team um Nicole chsenbein-Kölble so einen Eingriff O nicht mehr: «Für uns gehört das zur Routine. Wir haben eine ganze Abteilung mit Risikoschwanger‑ schaften. Und die Zusammenarbeit zwischen allen Mitarbeitenden der verschiedenen Abteilungen funktio‑ niert hervorragend. Wir freuen uns aber jedes Mal mit Mutter und Kind, wenn alles gut verläuft.» GEBÄREN IM USZ
Nicole Ochsenbein-Kölble, Leitende Ärztin der Klinik für Geburtshilfe
Neun Minuten bis zur Entbindung Die Entscheidungs-Entbindungszeit dauert am USZ nur etwa neun Minu‑ ten. Das bedeutet, dass innerhalb die‑ ser neun Minuten die Entscheidung zum Notfallkaiserschnitt gefällt, der
24
an sich, so Nicole Ochsenbein. «Es kann natürlich vorkommen, dass die Mutter danach noch weiter ope‑ riert werden muss. Das kann unter Umständen mehrere Stunden dauern.»
Einen Ratgeber zur Geburt und weitere Informationen finden Sie unter www.geburtshilfe.usz.ch
In drei Minuten war Aldo auf der Welt Jeanine B. hatte eine einfache Schwangerschaft. Die ersten drei Monate war ihr ein bisschen übel, aber sonst lief alles wie im Lehrbuch. Sie stellte sich auf eine ganz normale Geburt ein. Es kam anders. Text: Barbara Beccaro Bild: Thomas Egli
«I
m Vorbereitungskurs am USZ wurden wir über mögliche Komplikationen und entspre chende Szenarien informiert. Man hatte uns erklärt, wie ein Kind in weni gen Minuten auf die Welt geholt wer den könne. Ein Knopfdruck, dann gehe es blitzschnell, das Vorgehen sei erprobt, jeder Handgriff sitze. Ich fand das spannend, aber nie im Leben hätte ich damit gerechnet, es zu erleben. An einem Dienstag, um drei Uhr morgens, verspürte ich die ersten Wehen, wir gingen ins USZ. Dort über wachte ein spezielles Gerät, das CTG,
notischen Zustand. Mit der Geburt ging es aber nicht vorwärts. Das Kind war noch viel zu weit oben, und ich hatte bereits Presswehen. Die Töne aus dem CTG wurden immer alarmieren der. Schliesslich entschied die zustän dige Oberärztin, den roten Knopf für die Notfall-Sectio zu drücken.
Den Knopf, von dem ich im Vorbe reitungskurs gehört hatte. Die Ärztin erklärte, ein Kaiserschnitt sei jetzt unumgänglich. Aber selbst jetzt spür te ich keine Angst. Ich hatte diese innere Zuversicht, dass die Leute um mich herum sehr genau wussten, was zu tun war.
«Ich spürte keine Angst und hatte eine innere Zuversicht, dass es gut kommt.» Jeanine B. Patientin
den Herzschlag meines Kindes und meine Wehen. Schnell war klar, dass es noch nicht so weit war. Wir wurden wieder nach Hause geschickt, wo das Warten gemütlicher war. Um sechs Uhr abends platzte meine Fruchtblase, die Wehen wurden stärker, wir sind also wieder ins Spital. Diesmal waren die Hinweise des CTG nicht so gut. Offenbar war die Herzfrequenz meines Kindes zu tief. Von da an blieb immer eine Hebamme bei uns im Zimmer. Ich war aber nicht beunruhigt. Ich atmete schön regelmässig in meine Wehen, wie ich es im Kurs gelernt hatte, und kam dadurch nahezu in einen hyp
Jeanine B. hat nicht mit einem Notfall-Kaiserschnitt gerechnet. Jetzt ist sie einfach nur dankbar, ein gesundes Kind zur Welt gebracht zu haben.
25
Super Einstieg ins Leben trotz Notfall-Kaiserschnitt Kurz vor der Narkose bin ich dann doch etwas nervös geworden. Ich woll‑ te nicht bei der Geburt meines ersten Kindes erfahren müssen, dass ich möglicherweise allergisch auf ein Mittel reagieren würde. Der Anästhesist beru higte mich, und ich schlief ein. Für die Nerven meines Partners hingegen war alles ziemlich aufreibend. Er war ja die ganze Zeit in einer Beobachter‑ rolle und konnte nichts tun. Er rea lisierte schnell, dass da etwas gar nicht gut lief. Den penetranten Alarmton des CTGs empfand er als höchst bedrohlich. In knapp drei Minuten war unser Sohn da. Er schrie sofort, seine Werte waren perfekt, und in seinem Blut wurden keine Stresshormone nachge wiesen. Trotz des Notfall-Kaiserschnitts gelang sein Einstieg in die Welt super. Auch ich war wenige Minuten nach der Geburt hellwach,
wie nach einem Powernap. Uns wurde erklärt, Aldo hätte in der Nabelschnur einen Knoten gehabt. Vermutlich war das der Grund für seine Herzprobleme. Eine natürliche Geburt wäre ohne grössere Komplikationen nicht möglich gewesen. Während bei mir der Schnitt zu genäht wurde, durfte mein Partner den ersten Kontakt zu unserem Baby knüpfen und einen intensiven, glücklichen ersten Moment mit unserem Sohn verbringen. Nach all dem Stress, den er hat aushalten müssen, hat mich das sehr gefreut. Und gerade auch in Zeiten von Corona war es für ihn ein kleiner Trost, weil er aufgrund der Schutzmassnahmen in den ersten Tagen nicht so viel Zeit mit Aldo verbringen können würde.
Dankbar für das gesunde Kind Mir ging es schnell wieder sehr gut. Ich war zwar nicht so mobil wie zum Beispiel meine Zimmernachbarin, die
bereits kurz nach der Geburt herumlaufen konnte. Aber ich bin so dankbar, mit dem Kaiserschnitt ein gesundes Kind geboren zu haben. Während vier Tagen wurde ich im Spital von den Hebammen und Pflegefachfrauen super betreut, sie haben mir viele hilfreiche Tipps gegeben. Es war wie eine kurze Lehre im Umgang mit einem Säugling. Ich weiss aufgrund der aktuellen Maskenpflicht gar nicht, wie die Hebamme, die mich während der G eburt betreut hat, aussieht. Ihre Augen werde ich aber nie vergessen. Sie hat so gut kommuniziert, klar und wohlwollend. Mir sind in der Geburts‑ klinik viele hoch kompetente Mit arbeitende begegnet, ich konnte da‑ rauf vertrauen, dass sie alles richtig machen.
»
Die Herz-Odyssee In seinen Ferien spürt Asidin Durmisi, dass etwas mit seinem Herzen nicht stimmt. Doch sein Hausarzt widerspricht ihm. Statt einer schnellen Behandlung erlebt der Gipser eine kleine Odyssee, bis er schliesslich in letzter Minute auf dem USZ-Notfall landet. Text: Marcel Gutbrod Bild: Nicolas Zonvi
«A
lles fing vor ein paar Wochen in meinen Ferien im Kosovo an. Plötzlich hatte ich überall Schmerzen: In der Schulter, am Herzen und auch an der Lunge – alles tat schrecklich weh. Ich ging dort zum Kardiologen, und der sagte mir, dass etwas mit meinem Herzen nicht in Ordnung sei. Ich solle mich – sobald ich zurück in der Schweiz sei – unverzüglich bei mei-
26
nem Hausarzt für eine Untersuchung anmelden. Er gab mir zwei Tabletten mit auf den Weg. Eine zur Blutverdünnung und eine für das Herz. Zu Hause angekommen, rief ich sofort meinen Hausarzt an und schilderte ihm meine Situation. Dieser meinte aber, ich solle wegen eines möglichen CoronaInfektes zuerst noch zwei Wochen zu Hause warten. Erst nach dieser Zeit durfte ich zu ihm.
Als es endlich so weit war, legte ich ihm den ärztlichen Bericht aus dem Kosovo vor. Nach der Untersuchung war seine Diagnose aber eine andere: Es sei etwas in der Schulter eingeklemmt, meinte er bestimmt. Mit dem Herzen sei soweit alles in Ordnung, und ich solle auch die Tabletten abset‑ zen. Ich vertraute ihm und ging danach wieder als Gipser auf dem Bau arbeiten. Aber bei jeder körperlichen
Nach einem kürzlich erlittenen Herzinfarkt geht es Asidin Durmisi heute wieder besser - obwohl noch weitere Operationen und eine Reha nötig sind.
Anstrengung war ich sehr schnell er‑ schöpft. Ich konnte kaum Treppen hochsteigen und musste mich ständig ausruhen. So kann es nicht weiter gehen, dachte ich, und vereinbarte eine erneute Konsultation bei meinem Hausarzt. Doch auch diese brachte keine Veränderung. Für ihn war wei‑ terhin die Schulter und nicht das Herz das Problem. Ich könne weiter‑ hin arbeiten; was ich auch tat, bis es an einem Montag eben nicht mehr ging. An diesem Tag musste ich auf dem Bau richtig Gas geben. Plötzlich wurde mir schlecht, und ich spürte ein heftiges Stechen in der Brust. Panik stieg in mir hoch, und ich konnte ge‑ rade noch meine Arbeitskollegen alar‑ mieren, bevor ich zusammenbrach. Diese reagierten blitzschnell, was mir wahrscheinlich das Leben rettete. Da unsere Baustelle nur zwei Kilometer vom Unispital entfernt war, beschlossen sie, nicht auf den Kran‑ kenwagen zu warten, sondern mich direkt in den Notfall zu bringen. Ich
weiss noch, dass mir ein Kollege wäh‑ rend der Fahrt das Herz massierte. Als wir im USZ ankamen, hatte ich mich schon fast aufgegeben.
«Meine Arbeitskollegen reagierten blitzschnell, was mir wahrscheinlich das Leben rettete.» Asidin Durmisi, Patient
Im Aufwachraum kam ich wieder zu mir und spürte eine riesige Erleich‑ terung. Die Schmerzen waren ver‑ schwunden, und es überkam mich gegenüber dem behandelnden Per‑ sonal eine tiefe Dankbarkeit. Es war wirklich sehr knapp, und ich musste sofort operiert werden, sonst hätte ich es nicht geschafft. Endlich konnte ich auch meine Familie informieren. Bei der Einlieferung hatte ich keine
Kraft mehr dafür. Für sie war es natür‑ lich ein riesiger Schock. Doch ich konnte sie schnell beruhigen, da ich bereits spürte, dass das Schlimmste hinter mir lag und es ab jetzt wieder bergauf ging. Am nächsten Tag wurde ich ins Kantonsspital Luzern verlegt, da es näher an meinem Wohnort liegt. Ich habe noch weitere Operationen vor mir und gehe bald in die Reha. Doch ich bin optimistisch, dass alles gut kommt und ich bald wieder der Gleiche bin wie vor dem Herzinfarkt. So ein Ereignis ist auch immer eine zweite Chance. Ich freue mich sehr, dass ich sie dank dem USZ be‑ kommen habe. Ich war sehr zufrieden mit meinem alten Leben, werde aber künftig besser auf meine Gesundheit achtgeben. Mein Hausarzt hat sich übrigens bei mir gemeldet und sich in aller Form entschuldigt. Somit ist die Sache für mich abgehakt.
»
27
Bei Herzinfarkt: Sofort handeln 800 Patientinnen und Patienten mit verschlossenen Herzkranzgefässen behandeln die Spezialisten des Herzzentrums jährlich. Dafür nutzen sie eine vor über 40 Jahren am Universitätsspital Zürich entwickelte Technik. Frauen sind von der Verschlusskrankheit zwar seltener betroffen, doch sie sterben eher daran als Männer. Text: Helga Kessler Bild: iStock
Arterienverengung
S
tarke Schmerzen in der Brust und ein Engegefühl, als «sitze ein Elefant» darauf, sind typi sche Symptome eines Herzinfarkts – bei Männern. Bei Frauen sind die An zeichen oft andere: ungewöhnlich starke Müdigkeit, Magenschmerzen, Schwindel oder Ohnmacht. «Die Frauen selbst, aber auch Rettungs sanitäter oder Ärzte erkennen die Symptome oft nicht sofort als Herzin farkt», sagt Christian Templin, Leiter des Herzkatheterlabors am Universitä ren Herzzentrum Zürich. Weil es bei der lebensbedrohlichen Erkrankung um Minuten geht, hat auch eine leicht verspätete Diagnose Folgen: «Frauen
28
Arterien-Stenting
sind zwar seltener betroffen, sie ster ben aber eher an einem Herzinfarkt als Männer», sagt Christian Templin. Der Kardiologe hat eine mögliche Erklärung dafür gefunden: «Wir sehen täglich im Katheterlabor, dass die Frauen schmerzresistenter sind.» Das könne dazu führen, dass sie Anzei chen eines Herzinfarkts weniger ernst nähmen. Studien zeigten ausserdem, dass für Frauen andere Themen als die eigene Gesundheit stärker im Vor dergrund stünden, zum Beispiel, die Kinder zu versorgen. Dabei ist bei einem Herzinfarkt immer höchste Eile geboten: Sind Gefässe, die den Herz muskel mit Blut versorgen, verstopft,
Ein Stent verhindert, dass sich das Blutgefäss wieder verschliessen kann.
bekommen die Muskelzellen keinen Sauerstoff mehr und sterben ab. Je grösser das Areal ist, das das betrof fene Gefäss versorgt, desto grösser ist der Schaden. Im schlimmsten Fall hört das Herz auf zu schlagen.
Diagnose auf einen Blick Ob ein Infarkt vorliegt, lässt sich mit zwei Untersuchungen einfach und schnell klären. Sind Muskelzellen ab‑ gestorben, lassen sich im Blut höhere Konzentrationen von Herzmuskelen zymen finden. Zudem sind die Herz‑ ströme, die mit dem Elektrokardio gramm (EKG) aufgezeichnet werden, meist charakteristisch verändert.
«Wir sehen auf einen Blick, wenn wir unmittelbar mit der Behandlung beginnen müssen», erklärt Christian Templin. Weil die Patientinnen und Patienten grosse Schmerzen haben, erhalten sie ein starkes Schmerzmittel, häufig auch ein beruhigendes Medi‑ kament. Zudem bekommen sie Gerin‑ nungshemmer wie Heparin und As‑ pirin, um die Verstopfung im Gefäss aufzulösen (s. Box). Im Herzkatheterlabor schiebt der Kardiologe einen dünnen Kunststoff‑ schlauch über ein Blutgefäss in der Leiste oder in der Ellenbeuge bis zum Herzen vor. Über einen Monitor sieht er die mit einem Röntgenkontrastmit‑ tel sichtbar gemachten drei grossen Herzkranzgefässe und deren kleinste Verzweigungen. Über den Schlauch schiebt er einen dünnen Draht bis zur verstopften Stelle und versucht, diese zu durchstossen. Gelingt es, weitet er das Gefäss mit einem aufblasbaren Ballon. Damit es sich nach dem Ein‑ griff nicht wieder verschliesst, plat‑ ziert er ein mit einem Medikament beschichtetes Metallgitter, einen so‑ genannten Stent. Entwickelt wurde die Kathetertechnik 1977 von Andreas Grüntzig am Universitätsspital Zürich, der damit die «interventionelle Kar‑ diologie» erfunden hat. Die Methode wird im Prinzip noch heute fast unver‑ ändert angewandt.
«Ein sehr dankbarer Eingriff» Etwa 800 Herzinfarktpatienten jähr‑ lich behandeln die Kardiologen im Herzzentrum des Universitätsspitals mit der Kathetertechnik. Oft ist das Gefäss nach 30 Minuten wieder geöff‑ net, selten dauert es mehrere Stun‑ den. «Es ist ein sehr dankbarer Eingriff, wir können Leben unmittelbar retten», sagt Christian Templin. Madeleine Beyer, Leiterin des Pflegeteams, das die Patienten während der Behand‑ lung im Herzkatheterlabor eng beglei‑ tet, kennt den Moment, in dem das Blut wieder fliesst: «Die Farbe im Ge‑ sicht des Patienten ändert sich, man sieht, wie der Schmerz nachlässt und der Körper zur Ruhe kommt.» Bei der grossen Mehrheit der Patienten ist lediglich ein Gefäss
B LU TG E R I N NSE L I N D E R A RT E R I E
Ursache eines Infarkts im Herzen oder auch im Gehirn sind krankhafte Veränderungen der Arterien, Arteriosklerose genannt. Sie entsteht, wenn sich an den Innenwänden von Gefässen Blutfette (LDL-Cholesterin) und Kalk (Kalzium) ablagern, sogenannte Plaques. Bei einem Infarkt reissen diese plötzlich auf. «Verletzung», signalisiert der Körper und schickt Blutplättchen, um die Wunde zu schliessen. Doch die Plättchen verklumpen, das Gerinnsel verschliesst die betroffene Arterie teilweise oder vollständig; oft war sie aufgrund der Plaques bereits vorher verengt. Meist ist nur ein Gefäss verschlossen, selten sind mehrere oder sogar alle drei grossen Herzkranzgefässe betroffen. Können die Kardiologen die Arterie mit der Kathetertechnik nicht wieder öffnen oder liegt eine Drei-Gefäss-Erkrankung vor, übernehmen die Herzchirurgen die Behandlung und legen einen sogenannten Bypass: Mit Gefässen, die sie zuvor dem Patienten entnehmen, schaffen sie Umgehungen für die verschlossenen Stellen.
verschlossen; für sie beginnt nach dem Eingriff die Phase der Erholung. Die ersten 24 Stunden verbringen sie auf der Intermediate-Care-Station, anschliessend wechseln sie in die am‑ bulante oder stationäre Rehabilitation. Die Erholung geht umso schneller, je früher die Behandlung einsetzen kann und je geringer der durch den Infarkt verursachte Schaden ist. Mussten die Patienten nach einem Herzstillstand wiederbelebt werden, ist ihre Chance, den Herzinfarkt zu überleben, deut‑ lich geringer. Denn meist hat die aus‑ bleibende Versorgung mit Sauerstoff nicht nur den Herzmuskel geschädigt, sondern auch das Gehirn. Nach einer erfolgreichen Behand‑ lung beginnt schon bald die Phase der Prävention eines erneuten Herzin‑ farkts. «Oft zeigen wir den Patien‑ ten die Bilder der verschlossenen Ge‑ fässe und erklären ihnen, dass es nun wichtig ist, an den Risikofaktoren zu arbeiten», sagt Christian Tem‑ plin. Rauchen erhöht die Gefahr eines Infarkts, auch eine fettreiche und stark zuckerhaltige Ernährung. «Übergewicht und Diabetes, Bluthoch‑ druck, ein erhöhter Cholesterinwert, mangelnde Bewegung und zu viel Stress wirken ebenfalls ungünstig»,
weiss Madeleine Beyer. Je mehr dieser Faktoren zusammenkommen, desto höher ist das Risiko. Männer sind ab Mitte 40 besonders gefährdet, Frauen verstärkt nach den Wechseljahren, weil dann die schützende Wirkung der Östrogene auf die Gefässe nachlässt. Blutdrucksenkende Medikamente und Cholesterinsenker aus der Gruppe der Statine oder, falls diese nicht ver‑ tragen werden, aus der Gruppe der neuen PCSK9-Inhibitoren können die Gefahr eines Infarkts zwar stark minimieren, aber nicht komplett aus‑ schalten. Kommt es zum Herzinfarkt, ge‑ schieht er meist überraschend. Dann gilt es, schnell zu reagieren und den Notruf zu wählen. Für Männer wie für Frauen hat Christian Templin eine ein‑ fache Faustregel, die bei der Schnelldia‑ gnose hilft: «Die Symptome sind sehr stark, sie sind vorher noch nie aufgetre‑ ten, und sie gehen nicht mehr weg.»
29
Im Einsatz im Irak und in Sierra Leone Schon zwei Mal war Tanja Karen mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz: 2012 im Irak und ein Jahr später in Sierra Leone. Beide Male hat sie sich um frühgeborene Kinder gekümmert. Text: Katrin Hürlimann Bilder: Tanja Karen, Christoph Stulz
Irak Hauptstadt: Bagdad Einwohner: 39,3 Millionen Sprachen: Arabisch und Kurdisch
Sierra Leone Hauptstadt: Freetown Einwohner: 7 Millionen Sprache: Englisch
Tanja Karen hat im Irak viele Schulungen gegeben – hier für das Pflegepersonal.
30
In Sierra Leone arbeitete Tanja Karen in einem Krankenhaus, das von MSF betrieben wird. Im Bild mit nationalen Mitarbeiterinnen und Müttern.
Tanja Karen, Oberärztin der Klinik für Neonatologie
ENGAGIERT
Immer wieder zieht es Mitarbeitende des USZ zu humanitären oder bezahlten Einsätzen in die ganze Welt. Ob für ein Hilfswerk, einen Rettungseinsatz oder einen speziellen Eingriff: Die Grün‑ de sind vielfältig.
Während ihres Einsatzes im Irak war Tanja Karen auf die Hilfe von Übersetzerinnen und Über‑ setzern angewiesen.
Nach meiner Ausbildung zur Fachärz‑ tin Neonatologie und einigen Jahren Berufserfahrung wollte ich eine Pause vom Alltag, in der ich aber mein Wis‑ sen mit anderen teilen kann. So bin ich auf Ärzte ohne Grenzen (Méde‑ cins sans frontières, MSF) gestossen. Für meinen ersten Einsatz hat MSF mir ein Projekt im Irak vorgeschlagen. Da habe ich mir schon Gedanken ge‑ macht, ob das sicher genug ist. Die Ziele des Projekts und die Gesprä‑ che mit Menschen vor Ort haben mich aber überzeugt. So habe ich dann in Nadschaf in einer grossen Geburtsklinik auf der Neonatologie gearbeitet. Fast alle Pflegenden dort sind Männer, nur auf der Geburtenabteilung arbeiten auch Frauen. Bei den Ärzten gibt es sowohl Frauen wie Männer. Die Pfle‑ genden sprechen arabisch, weshalb ich immer mit einer Übersetzerin un‑ terwegs war. Extrem herausfordernd war für mich, dass sehr viele Kinder sterben. Und der Umgang des medi‑ zinischen Personals vor Ort damit. Das hat wohl mit der dortigen Kultur und Religion zu tun: Sie haben das teilwei‑ se einfach so hingenommen. Die Si‑ cherheitsvorkehrungen waren hoch: Wir durften uns vor Ort nicht frei be‑ wegen. In die Klinik wurden wir im‑ mer gefahren, und draussen trug ich stets eine Abaya, diesen schwar‑ zen langen Mantel, und ein Kopftuch. ‑ Speziell war für mich auch die Zu sammenarbeit der Ärzte mit den Pflegenden. Jeder hat primär für sich gearbeitet. Ich habe deshalb be gonnen, Gespräche mit Ärztinnen und Pflegenden gemeinsam abzuhalten. Durch diese aktive Wertschätzung wurde die Zusammenarbeit besser.
Der Einsatz im Irak hat mir so gut ge‑ fallen, dass ich gleich einen zweiten Einsatz angehängt habe. Dieses Mal ging es nach Westafrika, nach Sier‑ ra Leone. In ein Land, in dem es keine ausgebildeten Ärzte gibt. Dort arbeitete ich in Bo in einem Krankenhaus für Kinder und Mütter, das von MSF betrieben wird. 400 na‑ tionale Angestellte behandeln dort 15’000 Kinder pro Jahr. Sierra Leone gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, entsprechend ist die Kin‑ dersterblichkeit sehr hoch. Die Haupt‑ probleme sind Malaria, Unterernäh‑ rung, Atemwegsinfekte und schwere Pneumonien. Ich war verantwortlich für die Stationen für Unterernährung und Neonatologie. Dort habe ich nach einiger Zeit zusammen mit dem Team «Kangaroo Mother Care» eingeführt: Das Neugeborene wird dabei nackt der Mutter auf die Brust gelegt. Nach kurzer Zeit konnten wir nachweisen, dass auf diese Weise weniger Kinder sterben und sie besser an Gewicht zu‑ nehmen. Das hat das Team motiviert, die Methode weiterhin anzuwenden. Bei den Einsätzen habe ich ge‑ lernt: Man kann mit sehr wenig sehr viel erreichen. Es braucht aber sei‑ ne Zeit. Anfangs stand ich je‑ weils da und dachte: Wo fange ich denn jetzt an? Und: Das schaffe ich nie. Das Wichtigste ist, sich auf die Kultur, die Umgebung und die Menschen vor Ort einzulassen. Und dann nach Dringlichkeit zu priorisie‑ ren und sich selber Ziele zu stecken. Irgendwann werde ich bestimmt wie‑ der einen Einsatz mit MSF machen! Mehr Informationen zu Ärzte ohne Grenzen gibt es unter www.msf.ch
31
Epilepsie: bekannte Unbekannte Sie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Jede zehnte Person erlebt einmal im Leben bewusst oder unbewusst eine epileptische Episode. Trotzdem kämpfen Betroffene mit Vorurteilen. Text: Cindy Mäder Bild: Adobe Stock
32
D
ie meisten denken beim Stichwort Epilepsie an den generalisierten Krampf‑ anfall mit Bewusstseinseintrübung, krampfartigen Bewegungen und Schaum vor dem Mund. Das löst Unsi‑ cherheit und Ängste aus. So sehr, dass Kinder mit Diagnose Epilepsie nicht mehr zu Kindergeburtstagen eingela‑ den werden, weiss Niklaus Krayenbühl, der auf Epilepsie spezialisierte Neurochirurg am USZ und im Kinderspital. Manche Familien ziehen sich deshalb zurück und isolieren sich zunehmend. «Es ist wichtig, dass wir über Epilepsie sprechen», betont Niklaus Krayen‑ bühl. «Diese Menschen werden immer noch stigmatisiert. Deshalb sind wir sehr froh, wenn Betroffene offen von ihrer Krankheit erzählen und anderen damit Mut machen.» Auch deshalb, weil heute viele Epilepsien gut therapierbar sind. Doch was geschieht eigentlich bei einem epileptischen Anfall?
Gewitter im Kopf Beim gesunden Menschen laufen pau‑ senlos eine Unmenge elektrischer und chemischer Signale zwischen den Mil‑
E R S T E H I L F E B E I E I N E M A N FA L L
1. Vor Verletzungen schützen: Nichts zwischen die Zähne schieben! Etwas Weiches unter den Kopf legen. Kleidung lockern. Gegenstände aus dem Weg räumen. Bewegung nicht blockieren. 2. Die Ambulanz nur rufen, wenn der Anfall länger als drei Minuten dauert oder die Person verletzt ist. 3. Nach dem Anfall: Die Person in stabile Seitenlage bringen und bei ihr bleiben.
liarden von Nervenzellen des Gehirns ab. Diese Signale sind genau aufeinan‑ der abgestimmt. Bei einem epilepti‑ schen Anfall entladen sich dagegen plötzlich viele Nervenzellen gleichzei‑ tig und sorgen damit für eine Art «Ge‑ witter im Kopf». Geschieht dies nur in einem bestimmten Areal, spricht man von einem fokalen Anfall. Die Ursache sind hier zumeist lokale Veränderun‑ gen im Gehirn. Beim generalisierten Anfall ist dagegen das gesamte Gehirn vom «Gewitter» betroffen. Von einer Epilepsie spricht man jedoch erst, wenn die Anfälle wiederholt auftreten.
Fokale Epilepsien werden oft übersehen Während schwere Formen von Epilep‑ sie unschwer zu erkennen sind, gilt dies nicht unbedingt für Epilepsien mit subtileren Anfällen. Vielfach wer‑ den solche Formen nicht entdeckt, zum Leidwesen der Betroffenen. «Nickt beispielsweise die Grossmutter während eines Gesprächs immer wie‑ der weg, wird das vielfach einfach dem Alter zugeschrieben», erläutert der Neurochirurg. Dabei ist es durchaus möglich, dass sie epileptische Episo‑ den erlebt als Folge eines Schlaganfalls. «Es gilt dann, hellhörig zu werden, wenn sich Ereignisse mit neurologi‑ scher Beeinträchtigung wiederholen. Das kann zum Beispiel ein von der Magengegend aufsteigendes unange‑ nehmes Gefühl sein. Oder ein kurzzeitiges, immer wieder plötzlich auf‑ tretendes Kribbeln im Arm oder ein wiederkehrendes kurzzeitiges Angst‑ gefühl» erklärt der Spezialist. In sol‑ chen oder ähnlichen Fällen empfiehlt er eine neurologische Abklärung, denn eine Epilepsie sollte man unbe‑ dingt therapieren.
indem Häufigkeit und Intensität der An‑ fälle reduziert werden. «Heute tendie‑ ren wir dazu, die Epilepsie so früh wie möglich operativ zu behandeln, wenn die medikamentöse Therapie nicht an‑ schlägt. Bei Kindern ist das besonders wichtig, weil sie durch die Epilepsie oft in ihrer Entwicklung behindert wer‑ den.» Das Ziel ist in diesem Fall also ein doppeltes: das Kind von der Krankheit heilen und ihm eine normale Entwick‑ lung ermöglichen.
Aufwändige Abklärung Vor einem chirurgischen Eingriff gilt es jedoch, sehr genau zu verstehen, wo im Gehirn die Anfälle entstehen und was genau passiert. Diese Abklärungen sind äusserst komplex und aufwändig. Sie umfassen neben gewohnten diagnosti‑ schen Verfahren wie MRI auch neu‑ ropsychologische Untersuchungen und Langzeit-Hirnstrommessungen unter Videoüberwachung, um Anfälle detail‑ liert aufzuzeichnen. Spezialisiert auf diese Voruntersuchungen ist in Zürich die Epiklinik in der Lengg, bei Kindern zudem auch das Kinderspital. Die neu‑ rochirurgischen Eingriffe finden am USZ, bei Kindern seit Neuestem auch im Kinderspital statt – unter der Lei‑ tung von Niklaus Krayenbühl. «Die Zu‑ sammenarbeit zwischen den drei Kli niken funktioniert hervorragend», be‑ tont er. «Wo auch immer eine Patientin zum ersten Mal hinkommt: Gemeinsam suchen wir nach der besten Therapie und begleiten die Patientinnen und Pa‑ tienten auf ihrem Weg, manchmal fast ein Leben lang.» FILMHINWEIS
Medikamente als Therapie der Wahl «Die erste Therapie ist in jedem Fall medikamentös», erklärt Niklaus Kray‑ enbühl. «Die Chance, dass der Patient dank Medikamenten anfallfrei wird, liegt immerhin bei 60 bis 70 Prozent». Gelingt dies nicht, kann die Chirurgie helfen, sei dies mit dem Ziel der vollstän‑ digen Heilung oder doch wenigstens einer Verbesserung der Lebensqualität,
Der Dok-Film «Um jeden Preis» zeigt sehr eindrücklich den Weg von Nicolas. Für ein anfallsfreies Leben entscheidet er sich für den neurochirur gischen Eingriff, auch wenn dieser bei ihm riskant ist. www.kliniklengg.ch/news/epi-film
33
«Plötzlich waren die Begleiterkrankungen erklärbar» Pathologen schauen ganz genau hin – nicht nur bei der Autopsie. Zsuzsanna Varga, Leitende Ärztin am USZ, über den Schnellschnitt und ihre Entdeckung zu COVID-19. Text: Martina Pletscher Bild: Christoph Stulz
deshalb immer noch einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung in der Medizin.
Reichen die modernen bildgebenden Verfahren dafür nicht aus?
Zsuzsanna Varga, Leitende Ärztin Pathologie Zsuzsanna Varga, ich treffe Sie nicht in einem gefliesten Seziersaal an, sondern im Büro. Der grösste Teil meiner Arbeit ist das Beurteilen von Gewebeproben von Patientinnen und Patienten im Labor oder hier in meinem Büro am Mikroskop. Autopsien gehören aber auch zu meinem Alltag. Dazu kommen noch Lehre und Forschung.
Braucht es Autopsien überhaupt noch? Die Autopsie oder Obduktion ist die letzte Möglichkeit, Krankheitsverläufe und Therapiefolgen zu überprüfen und unklare klinische Fragen oder die Todesursache zu klären. Sie leistet
34
Die Bildgebung hat uns fantastische Möglichkeiten gebracht, Erkrankungen abzuklären und Operationen zu planen. Sie ersetzt die Autopsie aber nicht. Bei der Autopsie wird nicht nur die Diagnose überprüft, sondern der Körper nach einem festgelegten Schema untersucht. Immer wieder ergeben sich daraus wichtige Informationen, etwa, dass die Krankheit beim Verstorbenen ungewöhnlich verlief, weil er unbekannte Begleiterkrankungen hatte. Oder wir entdecken bisher unauffällige Tumor- oder Erbkrankheiten. Die Angehörigen können dank so eines Befundes dann abklären lassen, ob sie ebenfalls daran leiden, und entsprechend vorsorgen.
Befunde aus pathologischen Untersuchungen fliessen aber auch unmittelbar in die Behandlung ein. Beim sogenannten Schnellschnitt untersuchen Pathologinnen und Pathologen Gewebe noch während der Operation und geben den Chirurgen innerhalb von Minuten Rückmeldung, ob ein Tumor restlos entfernt wurde oder eine Gewebeveränderung bösartig ist. Pathologinnen und Pathologen sind auch in allen
Tumorboards dabei, in denen die individuelle Behandlungsplanung der Patientinnen und Patienten besprochen wird. Die Befunde ihrer Untersuchungen sind eine unentbehrliche Grundlage für die Wahl der Therapie. Mit zusätzlichen molekularen Analysen hat die Pathologie zur personalisierten Therapie beispielsweise bei Krebserkrankungen massgeblich beigetragen.
Letztes Jahr haben Sie eine bahnbrechende Entdeckung zu COVID-19 gemacht, die weltweit Aufsehen erregte. Wie kam es dazu? Einer der modernsten und sichersten Autopsiesäle Europas steht im USZ. Wir konnten deshalb Autopsien bei Verstorbenen mit COVID-19 durchführen, als sie anderswo noch verboten waren. Mir sind dabei Gefässveränderungen aufgefallen, die ich nur von Abstossungsreaktionen bei Patienten mit transplantierten Organen kannte. Die Vermutung lag nahe, dass COVID-19 systemisch, also im ganzen Körper gefährliche Gefässveränderungen auslösen kann. Im unmittelbaren Austausch mit den Klinikern aus der Kardiologie, Infektiologie und von den Intensivstationen erhärtete sich diese These. Plötzlich waren damit die Begleiterkrankungen der Patienten erklärbar. Uns war damit ein grosser Schritt zum besseren Verständnis der Krankheit gelungen.
GASTBEITRAG
Die Tumor-Profiler-Studie: innovative personalisierte Krebsdiagnostik Eine grosse Gruppe von Forschenden aus Basel und Zürich hat sich zusammengeschlossen, um eine hochpräzise Untersuchung von Tumoren durchzuführen. Ziel ist es, Ärzt*innen dabei zu unterstützen, eine Behandlung zu wählen, die speziell auf den Krebs einer bestimmten Patientin oder eines Patienten zugeschnitten und somit besonders wirksam ist. 2018 starteten die Forschenden eine genehmigte klinische Studie mit 240 Patient*innen, die unter schwarzem Hautkrebs, Eierstockkrebs oder akuter myeloischer Leukämie leiden. Die Tumore werden mit einer Reihe hochmoderner Analysemethoden untersucht. Die Ergebnisse der Analysen werden verschlüsselt mit einer Gruppe von Wissenschaftler*innen und Mediziner*innen mit Fokus auf die klinisch relevanten Aspekte diskutiert. Der gesamte Prozess wird so schnell durchgeführt, dass die Ergebnisse rechtzeitig zur Behandlungsentscheidung für die jeweilige Patientin oder den Patienten zur Verfügung stehen. Am Ende der Studie wird der alle Patient*innen umfassende, verschlüsselte Datensatz verwendet, um Tumormerkmale zu identifizieren und Algorithmen zu entwickeln, die zu besser wirksamen Therapieentscheidungen für zukünftige Patient*innen beitragen sollen. Was Tumor Profiler von anderen Studien unterscheidet, ist, dass die Studie über den derzeitigen Einsatz molekularbiologischer Methoden in führenden Spitälern hinausgeht. Bei diesem Ansatz nutzen die Forschenden Spitzentechnologien und untersuchen, wie diese auf klinisch sinnvolle Weise kombiniert werden können, um Patient*innen zu helfen. Die Untersuchungen betrachten DNA, RNA und Proteine der Zellen eines Tumors und seiner direkten Umgebung. Daten auf Einzelzellebene bieten den Forschenden einen detaillierten Einblick in die Zellzusammensetzung und somit ein klareres Verständnis der
Biologie des Gewebes. Mithilfe von funktionellen Tests, bei denen Zellen des Tumors im Labor mit verschiedenen Medikamenten behandelt werden, wird untersucht, ob diese wirken. Zusätzlich werden Informationen aus der medizinischen Bildgebung und andere klinische Daten berücksichtigt. Die Details des Studiendesigns haben die Forschenden kürzlich in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Cancer Cell » veröffentlicht. Die Rekrutierung der Patient*innen endet im März dieses Jahres, und die Forschenden sind damit beschäftigt, die gesammelten Daten zu analysieren und die Studie abzuschliessen. Tumor Profiler konnte bereits zeigen, dass der routinemässige Einsatz modernster Untersuchungsmethoden in der Krebsdiagnostik möglich ist. Die klinischen Partner in dieser Studie – Mediziner*innen der Universitätsspitäler Basel und Zürich – erachten die Ergebnisse und deren Präsentation als äusserst nützlich, um ihr Verständnis der Tumore und damit potenziell die Behandlung ihrer Patient*innen zu verbessern. Langfristig strebt Tumor Profiler an, das gewonnene Wissen zu nutzen, um die Behandlungsmöglichkeiten für Krebspatient*innen zu erweitern. Die Forschenden hoffen, damit eine solide Grundlage für eine umfassende Krebsdiagnostik zu schaffen, die eines Tages in der ganzen Schweiz und auch darüber hinaus zur Verfügung stehen wird. Die Tumor-Profiler-Studie ist eine Zusammenarbeit der ETH Zürich, der Universitätsspitäler Basel und Zürich, der Universität Zürich und der Pharmafirma Roche. Ximena Bonilla, Postdoc, Biomedical Informatics Group, ETH Zürich, Koautorin der Tumor-Profiler-Studie Nora C. Toussaint, Senior Bioinformatics Scientist, NEXUS Personalized Health Technologies, ETH Zürich, Koautorin der Tumor-Profiler-Studie
35
Fünf Frauen für alle Notfälle 38 Notärztinnen und Notärzte arbeiten am USZ. 21 davon sind Frauen. Die Anästhesistinnen sind am USZ angestellt und arbeiten rotierend als Notärztinnen im Spital, für Schutz & Rettung Zürich und für die Rega. Wir haben fünf von ihnen bei der Arbeit begleitet. Text: Katrin Hürlimann Bilder: Nicolas Zonvi
Bei einem Massenanfall von verletzten oder erkrankten Personen wird eine leitende Notärztin aufgeboten. Anne Kaiser fährt hierbei selbst mit dem Blaulichtfahrzeug zum Ort des Geschehens.
Sind Personen lebensbedrohlich verletzt, wird zusätzlich zu den Rettungssanitätern eine Notärztin aufgeboten. Sie sorgt zusammen mit einem diplomierten Rettungssanitäter für die präklinische Behandlung der Patienten. Assistenzärztin Melanie Frank fährt mit dem Rettungswagen von Schutz & Rettung Zürich mit und versorgt die Patienten auf der Strasse, zu Hause, an der Unfallstelle oder im Rettungswagen – sodass der Betroffene anschliessend wenn nötig mit ihrer Begleitung ins Spital gebracht werden kann.
Notärzte begleiten und verlegen auch intensivpflichtige Patienten, die zum Beispiel künstlich beatmet werden müssen oder von kreislaufunterstützenden Medikamenten abhängig sind. Assistenzärztin Myrtha Kohler betreut eine Patientin auf dem Weg ans USZ.
36
Myrtha Kohler, Anne Kaiser, Celine Roggan, Jeannine Schneider und Melanie Frank (v. l. n. r.) sind alle ausgebildete Notärztinnen. Nebst der Ausbildung zur Anästhesistin verfügen sie über den Fähigkeitsausweis Notarzt der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin oder werden hierzu ausgebildet. Zusätzlich zum täglichen Einsatz in den Notfalldiensten stellt die Notfall-Equipe 24/7 den Reanimationsdienst für das ganze USZ sicher. Dieser kommt zum Einsatz, wenn sich eine Person auf dem Gelände des Spitals unwohl fühlt, sich verletzt oder reanimiert werden muss.
Im Spital angelangt, sind die Notärzte dafür verantwortlich, dass die Patienten den zuständigen medizinischen Fachpersonen übergeben werden. Assistenzärztin Jeannine Schneider informiert im Schockraum über den Gesundheitszustand des Patienten. Im Schockraum sorgen die Anästhesistinnen für die Stabilisierung der Atmung, der Herzkreislauffunktion und beurteilen den Bewusstseinszustand des Patienten.
Die notärztliche Versorgung ab der Rega-Basis Dübendorf geschieht vollumfänglich durch die Notärztinnen und Notärzte des USZ. Im Einsatz sind sie zuständig für die medizinische Erstversorgung der Patienten am Unfallort. Auch die Rettung von Patienten aus schwierigem Gelände mittels Rettungswinde gehört zum Tätigkeitsfeld. Assistenzärztin Celine Roggan bereitet sich im Rega-Helikopter auf den nächsten Einsatz vor.
37
Das medizinische Bilderrätsel Bild: Martin Oeggerli mit Universitätsspital Basel und Universität Basel
Erkennen Sie das Motiv auf dem Bild? Raten Sie mit beim medizinischen Bilderrätsel. Die Auflösung finden Sie unterhalb des Bildes, kopfüber geschrieben.
Impressum USZinside Das Magazin richtet sich an Mitarbeitende sowie Besucherinnen und Besucher des USZ. Herausgeberin Universitätsspital Zürich, Unternehmenskommunikation Redaktionsleitung Katrin Hürlimann Redaktion USZ Barbara Beccaro, Manuela Britschgi, Marcel Gutbrod, Claudio Jörg, Cindy Mäder, Martina Pletscher, Maja Rose, Ingrid Slavik Externe Autoren Ximena Bonilla, Helga Kessler, Nora C. Toussaint, Jolanda van de Graaf, Yvonne Vahlensieck Layout Partner & Partner Druck Vogt-Schild Druck AG Korrektorat Susanne Brülhart Bilder Adobe Stock, Atelier Brunecky (Gabriel Hill), Christ & Gantenbein, Thomas Egli, iStock, Tanja Karen, Martin Oeggerli mit Universitätsspital Basel und Universität Basel, Line Rime, Christoph Stulz, USZ, Tobias Willa, Nicolas Zonvi Auflage 12’800 Exemplare Erscheinungsweise Dreimal jährlich: März/Juli/November Kontakt uszinside@usz.ch
F O LG E N S I E U NS ! UniversitaetsspitalZuerich Unispital_USZ universitaetsspitalzuerich
Diese Blutpfropfen bilden sich nach einer Verletzung und sorgen dafür, dass die Blutung
Blutgerinnsel
stoppt. Verstopft ein Gerinnsel ein Gefäss, spricht man von einer Thrombose. Diese kann einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall verursachen.
Universitaetsspital Zuerich Universitätsspital Zürich
Drucksache myclimate.org/01-20-868598
38
Universitätsspital Zürich
CoronaSolidaritätsfonds USZ
Wir sagen Danke!
Herzlichen Dank unseren Gönnerinnen und Gönnern des CoronaSolidaritätsfonds USZ. Sie helfen mit, die Mitarbeitenden des USZ zu entlasten, die Behandlung zu verbessern und Forschung zu ermöglichen. usz-foundation.com
Nicht nur im Notfall: geballte Teamarbeit Jeder Notfall ist anders: Während manche Patienten direkt im Schockraum behandelt werden, weil sie lebensbedrohlich verletzt sind, reichen bei anderen Patienten ein Gespräch und das Verschreiben von Medikamenten. Wieder andere werden direkt stationär im Spital aufgenommen und behandelt. Der gemeinsame Nenner: Alle Patientinnen und Patienten des USZ werden von Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Berufsgruppen betreut und behandelt – damit sie das Spital so bald wie möglich gesund wieder verlassen können.
38’200
Patientinnen und Patienten wurden 2020 am USZ im Institut für Notfallmedizin behandelt. Die Jahre davor waren es bis zu 45’000 Personen.
> 12
Berufsgruppen arbeiten im Institut für Notfallmedizin: davon 120 Pflegende, 43 Notfallmediziner, 6 Mitarbeitende der Administration und viele mehr.
Expertin Notfallpflege Michèle Tremp, Assistenzarzt Mattia Giarrusso und Oberärztin Judith Engeler (v. l. n. r.) klären eine Patientin im Institut für Notfallmedizin ab.