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UNI NOVA 138 (2021/02): Mehr!

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UNI NOVA

Das Wissenschaftsmagazin der Universität Basel — N°138 / November 2021

Mehr!

Gespräch

Die Vermessung der Psyche. 8

Standpunkte

Müssen wir Gesetzen immer gehorchen? 36

Album

Rückkehr der Natur.

Essay 38

Wofür steht der Islam? 56


Adrenalinkick?

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Editorial

Die Kurve zeigt nach oben. Angelika Jacobs, Redaktion UNI NOVA

Noëmi Kern, Redaktion UNI NOVA

Erst war es beunruhigend, dann wurde es schnell beängstigend. Der steile Anstieg der Infektionszahlen zu Beginn der Pandemie überrumpelte die Politik und die Bevölkerung. Exponentielles Wachstum ist schwer vorstellbar, sogar für manche MathematikStudierende, sagt Helmut Harbrecht im Interview, das Sie im Dossier dieser Ausgabe finden. Im Kontrast zu den Fallzahlen schien vieles andere zu schrumpfen, unser Bewegungsradius, die Wirtschaftsleistung, nach einiger Zeit auch der Zusammenhalt der Gesellschaft. Wir widmen diese Ausgabe den verschiedenen Aspekten von Wachstum, das teilweise erst durch sein Ausbleiben auffällig wird. Was lässt Gemeinschaften zusammenwachsen? Was, wenn wir uns vom Konzept der ewig wachsenden Wirtschaft verabschieden würden? Wir präsentieren Forschungsprojekte zur Frage, wie wir mit der knappen Ressource Land umgehen sollten, um die ständig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, wie wir mit der Flut unserer eigenen digitalen Daten umgehen und was Nährstoffe und Wachstum verbindet. Nicht zuletzt haben Homeoffice und eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten bei manchen Menschen auch zu einer Gewichtszunahme beigetragen. Deshalb haben wir der Leiterin der Adipositas-Sprechstunde des Universitätsspitals und Forscherin an der Universität Basel einige Schlüsselfragen gestellt. Daneben zeigen wir Ihnen in einer Serie von Infografiken, was während der oder durch die Pandemie gewachsen ist, und zeichnen damit Spuren der Pandemie nach – jenseits von Fallzahlen und neuen Virusvarianten. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Lektüre, mit Wissenszuwachs und vielen Aha-Momenten. Angelika Jacobs und Noëmi Kern Redaktion UNI NOVA

UNI NOVA

138 / 2021

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Inhalt

+ 6,3%

+ 4,6%

Schwellen- und Entwicklungsländer

Eurozone

Übersicht nach Ländergruppen Veränderung des Bruttoinlandprodukts in Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

2019

2020

2021 (Outlook April)

Übersicht Schweiz und ausgewählte Länder Europas

2021 (Update Juli)

Welt

2019

2021 (Outlook April)

2020

Schweiz*

2,8

– 3,0

– 3,2 6,0 6,0 Industrieländer

1,6

Deutschland

Frankreich

– 4,6

Übersicht ausgewählte Länder weltweit

2021 (Update Juli)

Schwellen- und Entwicklungsländer

Italien

1,8

– 8,0

Grossbritannien 1,3

Brasilien 5,3 7,0

– 6,5 Schweden* –2,8

4,6

Die Psychiatrie braucht exaktere Methoden. Psychiaterin Annette Brühl im Gespräch, Seite 8

9,5

12,5

0,2 3,1 4,0

– 7,0

1,4 – 9,8

4,4

– 7,3

3,5

6,3 Eurozone

4,0

Südafrika

1,4

– 6,6

4,0

Indien 4,1 4,9

Österreich 6,7

8,4 8,1

2,4

– 3,0

5,8 5,8 0,3

6,0

2,3

Neuseeland*

3,7 – 2,1

3,4 7,0

China 3,6 3,6

– 8,9

2021 (Update Juli)

2,2

– 3,5

5,1 5,6

2021 (Outlook April)

2020

3,5 0,6

– 4,8

2019

USA

1,1

– 4,1

1,4 3,6

5,3

1,3 3,0

* Keine Werte für Juli 2021 vorhanden.

Was im Zuge der Pandemie gewachsen ist, Seite 12

Dossier

Mehr!

6 Kaleidoskop 8 Gespräch

Die Psyche ist für die Medizin schwierig zu fassen. Mit Bluttests und Hirnscans könnte die ­Psychiatrie allerdings neue Wege ­beschreiten, ist Annette Brühl ­überzeugt.

14 Ein Modell, um die Welt zu

ernähren. Wie soll man den Boden am besten nutzen, um den Hunger einer ­wachsenden Weltbevölkerung zu stillen?

24 Künstliche Intelligenz räumt auf.

Technische Lösungen helfen, den Überblick über die Flut an Fotos und Videos zu behalten. Doch sie haben auch Nachteile. 26 Besser sparen.

17 Gemeinsam stark.

UNI NOVA Das Wissenschaftsmagazin der Universität Basel — N°138 / November 2021

20 Schluss mit dem ewigen

Wachstum?! Unser Wirtschaftssystem muss nach­ haltiger werden. Je drei Argumente für und gegen eine Postwachstums­ ökonomie.

Mehr!

Gespräch

Die Vermessung der Psyche. 8

Standpunkte

Müssen wir Gesetzen immer gehorchen? 36

Album

Rückkehr der Natur.

Essay 38

Wofür steht der Islam? 56

Titelbild Gemeinschaften, Datenberge, Zellen – ein Blick auf die Facetten des Wachstums.

4

ich mit Gleichgesinnten zusam­ S menzutun, liegt in der Natur des ­Menschen. Heterogenität ist für das Zusammenwachsen einer Gemein­ schaft kein Hindernis. Im Gegenteil.

23 «Selbst Mathematiker

verschätzen sich.» Über die mathematischen Grund­ lagen des exponentiellen Wachs­ tums – und warum man es sich nur schwer vorstellen kann.

UNI NOVA  138 / 2021

Wer Geld anlegt, will sein Vermögen vergrössern – etwa im Hinblick aufs Alter. Was es dabei zu beachten gilt. 28 Das Tausendsassa-Protein. Vor 30 Jahren machte Michael N. Hall mit seinem Team eine grosse Entdeckung. Erfolg und Anerken­ nung liessen aber auf sich warten. 32 Gewichtige Fragen.

Katharina Timper berät und behan­ delt stark übergewichtige Menschen in der Adipositas-Sprechstunde. Dabei muss sie manche Irrtümer richtigstellen.


Inhalt

Impressum UNI NOVA, Das Wissenschaftsmagazin der Universität Basel. Herausgegeben von der Universität Basel, ­Kommunikation & Marketing (Leitung: Matthias Geering). UNI NOVA erscheint zweimal im Jahr, die nächste Ausgabe im Mai 2022. Das Heft kann kostenlos abonniert werden; Bestellungen per E-Mail an uni-nova@unibas.ch. Exemplare liegen an mehreren Orten innerhalb der ­Universität Basel und an weiteren Institutionen in der Region Basel auf. KONZEPT: Matthias Geering, Reto Caluori, Urs Hafner REDAKTION: Angelika Jacobs, Noëmi Kern, Reto Caluori; Mitarbeit: Niklas Bienbeck, Cornelia Niggli ADRESSE: Universität Basel, Kommunikation & Marketing, Postfach, 4001 Basel

Tel.  +41 61 207 30 17 E-Mail: uni-nova@unibas.ch GESTALTUNGSKONZEPT: New Identity Ltd., Basel GESTALTUNG: STUDIO NEO, Basel ÜBERSETZUNGEN: Sheila Regan und Team,

UNIWORKS (uni-works.org)

BILDER: Cover: Tim Drivas Photography/Getty

Wo einst Ackerland war, kehrt nun die Natur zurück, Seite 40

34 Mein Arbeitsplatz

52 Forschung

Umweltforschende wollen den Was­ serkreislauf der Erde besser verste­ hen. Dazu untersuchen sie, wie sich Schwebeteilchen in der Luft verhalten.

Eingewandert, weiblich, arm. Eine Basler Historikerin erforscht, wie sich die bezahlte Hausarbeit im 20. Jahrhundert entwickelte.

Images; S.   4: Oliver Hochstrasser; Marina Bräm; S.   5: Christian Flierl; S.   6/7: Historisches Museum Basel (HMB), Peter Portner; HMB, ­Maurice Babey; HMB, Natascha Jansen; S.   49: Halfpoint/iStock; S.   50: Keystone SDA / Robert Walser-Stiftung Bern; S.   52: Hans Bertolf, ­Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-272 1; S.   60/61: Jonas Landolt, ­i natura.ch; Niklas ­Bienbeck; ­Valentin Jeck; S.   62: Rahel Schneider; S.   63: AlumniBasel; S.   6 4: VIAC; Daniel Peter; S.   65: Fabienne Gribi; S.   6 7: Eugene/Unsplash; KOBU Agency/Unsplash; T ­ homas Jensen/Unsplash; Nationaal Archief/ ­Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 nl. ILLUSTRATION: Studio Nippoldt, Berlin KORREKTORAT: Birgit Althaler, Basel (deutsche

Ausgabe), Lesley Paganetti, Basel (englische Ausgabe)

DRUCK: Birkhäuser+GBC AG, Reinach BL INSERATE: Universität Basel, Marketing &

Event, E-Mail: alessandra.rigillo@unibas.ch

AUFLAGE DIESER AUSGABE:

36 Standpunkte

55 Bücher

13 000 Exemplare deutsch 2200 Exemplare englisch

Müssen wir Gesetzen immer gehorchen? Die Einschätzung einer Juristin und eines Philosophen.

Neuerscheinungen von Forschenden der Universität Basel.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin.

38 Album

Rückkehr der Natur. Ein Renaturierungsprojekt in der Petite Camargue soll das ehemalige Ackerland zu einem sich selbst erhaltenden Wald- und Wiesengebiet entwickeln. 48 Forschung

Trainieren fürs Herz. Sport und Bewegung können den Blutdruck senken. Eine Basler ­Untersuchung zeigt, welche Übun­ gen besonders effektiv sind.

56 Essay

ISSN 1661-3147 (gedruckte Ausgabe deutsch) ISSN 1661-3155 (Online-Ausgabe deutsch) ISSN 1664-5669 (gedruckte Ausgabe englisch) ISSN 1664-5677 (Online-Ausgabe englisch) ONLINE:

Wofür steht der Islam? Diese Frage taucht aufgrund wieder­ holter Gewalttaten immer wieder auf. Der Versuch einer Antwort.

unibas.ch/uninova facebook.com/unibasel instagram.com/unibasel twitter.com/unibasel

58 Porträt

Der Gradlinige. Für eine Professur ist Scott McNeil nach Basel gezogen – mitten in der Pandemie. Für den US-Amerika­ ner nicht der erste Neuanfang. 60 Nachrichten 62 Alumni

50 Forschung

66 Mein Buch

Robert, was steht denn da? Basler Forschende machen das Gesamtwerk des Schweizer Autors Robert Walser in einer textkriti­ schen Ausgabe zugänglich.

Dystopien haben es der Literatur­ wissenschaftlerin Anna Karško ­besonders angetan.

UNI NOVA  138 / 2021

UNI NOVA gibt es auch in Englisch. Und im Internet: issuu.com/unibasel unibas.ch/uninova

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Kaleidoskop

Antike Trinkspiele

Jedem Getränk das richtige Gefäss. Sehr gute Weine muss man sich leisten können. Wer dies auch tut, unterstreicht sei­ nen Status. Und wer andere zum G ­ enuss des edlen Weins einlädt, kann ein Netzwerk aufbauen und pflegen. Um die Geselligkeit des Weinkonsums noch zu unterstreichen, nutzten vor allem Männer im vormodernen Basel Rituale des Zutrinkens sowie Trinkspiele in Zunftstuben und Wirtshäusern. In diesem Rahmen konnte man sich Aufträge beschaffen und Männlichkeit demonstrieren. Im 16. und 17. Jahrhundert trank man dabei nicht nur aus gewöhnlichen Bechern oder Gläsern. Die verwendeten Gefässe waren ziemlich ausgeklügelt und prunkvoll und hatten alle möglichen Formen. Das ­unterstreicht ihren repräsentativen Charak­ ter. Repräsentation war neben dem Gefühl der Zusammengehörigkeit eine wichtige Funktion von Trinkspielen. Dergleichen erfährt man im Blog «Mate­ rialized History». Er wurde anlässlich des 65. Geburtstags von Professorin Susanna Burghartz lanciert, als digitale Festschrift. Diese Form wie auch der Inhalt der knapp 70 Beiträge verschiedener Historikerinnen und Historiker mit Bezug zum Departement ­Geschichte der Universität Basel stehen in Zusammenhang mit den Forschungs­ interessen der Basler Professorin.  bit.ly/uni-nova-histories

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Kaleidoskop

1

2

3

1 Schreitender Rebmann als Trinkgefäss, wohl aus Zürich, um 1620.

4

2 Trinkspiel sogenannter Werthemannscher Hirsch, Augsburg 1610 –1615. 3 Trinkspiel des heiligen Georgs im Kampf mit dem Drachen, Basel um 1600. 4 Trinkspiel respektive Trinkgefäss der Basler Schuhmacherzunft aus dem Jahr 1661.

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Gespräch

Die Vermessung der Psyche. Die Seele ist für die Medizin schwieriger zu fassen als ein auffälliger Hautfleck oder ein gebrochenes Bein. Mit Bluttests und Hirnscans könnte die Psychiatrie neue Wege beschreiten, ist Annette Brühl überzeugt.

Interview: Urs Hafner  Foto: Oliver Hochstrasser

Frau Brühl, Sie sind Professorin für affektive Störungen, also für «Gefühls­ störungen». Sind heftige Gefühle nicht immer störend? ANNETTE BRÜHL: Nein, Gefühle sind aus meiner Sicht sozusagen das Gewürz des Lebens. Sie sind wichtig, weil sie uns sa­ gen, was wir mögen und was nicht. Sie helfen uns dabei, uns besser kennenzuler­ nen. Aber ein Gericht kann zu viel Chili oder Salz enthalten, und dann wird es ungeniessbar. UNI NOVA: Wann wird ein Gefühl unge­ niessbar? BRÜHL: Nehmen wir ein Beispiel: Jemand verliert einen Angehörigen. Wenn die trauernde Person eine Woche lang nicht mehr aus dem Bett kommt, ist das akzep­ tabel, wenn sie einen Monat liegen bleibt vor lauter Verzweiflung, wird es auffällig und schränkt das Leben ein. Die Zeit ist aber nur ein Faktor. Hinzu kommen die Intensität der Trauer und die durch sie hervorgerufene Beeinträchtigung des ei­ genen Lebens und der Umwelt. Wenn die Person sich gar nicht mehr vom Ereignis UNI NOVA:

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lösen kann und keine Balance mehr fin­ det, ist sie womöglich in eine Depression geraten. UNI NOVA: Das Sich-Lösen gelingt auch in weniger traurigem Kontext nicht immer, nehmen wir etwa die Anfang Sommer erfolgte Aufhebung der Corona-Masken­ pflicht im Freien. Trotzdem liefen weiter­ hin viele Menschen mit einer Maske ­herum. Stehen sie am Anfang einer Ge­ fühlsstörung? BRÜHL: Eher nicht. Erstens war das Tragen einer Gesichtsmaske etwa in Japan und Südkorea im Fall einer Infektionskrank­ heit schon vor der Pandemie gang und gäbe, zweitens ist das Tragen so lange unproblematisch, wie die Person damit niemanden stört und selbst nicht darun­ ter leidet. Schwieriger wird es, wenn die Person einen Wasch- und Hygienezwang entwickelt, von dem sie gerne befreit wäre. UNI NOVA: Und wenn jemand Genuss aus dem Leiden zieht? BRÜHL: Sie meinen Masochismus? Nun, wenn die Person in der Summe eine posi­

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tive Bilanz aufweist für ihr Leben mit Zwang, dann stimmt das so für sie – aber was ist mit dem Umfeld? Ich hatte eine Klientin, die von ihrem Mann verlangte, dass er sich jedes Mal von Kopf bis Fuss desinfizierte und die Kleidung wechselte, bevor er die Wohnung betrat. UNI NOVA: Der Hobbypsychologe sagt: Sie wollte ihren Mann loswerden … BRÜHL: Nein, sie hatte einfach panische Corona-Angst. Sie hat sich jeden Tag stun­ denlang die Hände gewaschen. Der Hund musste sein Geschäft auf dem Balkon ver­ richten, auch das Kind durfte das Haus nicht mehr verlassen. Die Umgebung litt zusehends unter ihrem Zwang. UNI NOVA: Was haben Sie gemacht? BRÜHL: Die Symptomatik war zum Glück noch frisch und nicht chronifiziert. Ich habe der Patientin klare Informationen zur Pandemie, eine realistische Einschät­ zung des Gefahrenpotenzials sowie struk­ turierende Instruktionen gegeben, also dass sie die Konfrontation mit dem, was sie stresst, nicht vermeiden solle. Das ist der springende Punkt.


Gespräch

«Man darf nicht vergessen: Corona hat viele Menschen verängstigt, aber auch vielen Entlastung gebracht.» Annette Brühl

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Gespräch Sie haben die Frau also geheilt? Sie ging wieder aus dem Haus mit Kind und Hund. Sie merkte, dass keine Katastrophe passiert, wenn sie sich ihren Ängsten stellt. UNI NOVA: Die Patientin hat sich vorbildlich und vernünftig verhalten. Was machen Sie, wenn der Kranke nicht auf Sie hört? BRÜHL: Die Heilung erfolgte hier nicht nur mit Vernunft: Ich verschrieb der Frau zu­ nächst ein Psychopharmakon, weil sie aufgrund des Stresses nicht mehr schla­ fen konnte. Der Stimmungsaufheller be­ günstigte die erfolgreiche psychothera­ peutische Behandlung. Aber auch für schwere Fälle gilt das Prinzip: Der Patient muss herausfinden, welche Ängste und Verhaltensweisen ihm im Weg stehen, und die Motivation finden, ein Leben zu führen, das mit seinen Zielen und Werten im Einklang steht. Hätte ich die Frau zu einem späteren Zeitpunkt behandelt, hätte sich vielleicht inzwischen der quasi desinfizierte Mann von ihr getrennt, das isolierte Kind hätte Schulschwierigkeiten bekommen, und sie wäre verzweifelt. Aber die Heilung wäre nicht grundsätz­ lich anders verlaufen. UNI NOVA: Oft hört man, die Pandemie habe viele Menschen psychisch krank ge­ macht. Wie haben Sie das erlebt? BRÜHL: Weder in Basel noch in Zürich, wo ich vorher arbeitete, ist bis jetzt eine Zu­ nahme von diagnostizierten Erkrankun­ gen zu verzeichnen. Wenn ich eine an Corona verstorbene Person betrauere, bin ich ja noch nicht krank, sondern erst dann, wenn ich nicht mehr aus der Trauer herausfinde und diese mich lähmt. Das können wir aber erst mit zeitlicher Verzö­ gerung feststellen, wir werden also wahr­ scheinlich bald mehr Patientinnen und Patienten haben. Und man darf nicht vergessen: Corona hat viele Menschen verängstigt, aber auch vielen Entlastung gebracht, etwa von Konflikten am Arbeits­ platz. Den Belasteten stehen die Erleich­ terten gegenüber. UNI NOVA: Die Corona Stress Study hat in der Bevölkerung jedoch vermehrt depres­ sive Symptome festgestellt. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zu Ihrer Erfah­ rung? BRÜHL: Depressive Symptome sind noch lange keine Erkrankungen. Wenn ich es UNI NOVA: BRÜHL:

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Annette Brühl ist seit 2020 Professorin für Affektive Störungen an der Univer­ sität Basel. Zugleich ist sie ­Chefärztin des Zentrums für Affek­ tive, Stress- und Schlafstörungen und des Zentrums für Alters­ psychiatrie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. 1977 in ­Koblenz geboren, studierte Brühl in Mainz Medizin und ­promovierte in Pharmakologie. Nach ihrer Habi­li­tation an der ­Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Zürich forschte sie im ­bri­tischen Cambridge zu Verhal­ tens- und Neurowissenschaften und war stell­vertretende ­Chef­ärztin an der PUK Zürich.

im Lockdown vermisst habe, mit Freun­ den auszugehen, macht mich das traurig, aber ich habe noch keine Depression. Die Trauer ist eine Reaktion, die der Situation angemessen ist. Wenn ich an anderen Dingen Freude finde, mich mit Hobbies beschäftige und nach der Lockerung der Massnahmen und dem Nachlassen der Bedrohung wieder auflebe, dann war ich zwar belastet, bin aber nicht depressiv. Patienten mit Depressionen sind traurig, freud- und antriebslos, obwohl ihre Um­ gebung eigentlich positiv ist. UNI NOVA: Im Klassifikationssystem psy­ chischer Störungen, im DSM, kommen seit Jahren mit jeder Aktualisierung neue Krankheiten hinzu. Werden die Men­ schen immer irrer oder schaut die Medi­ zin einfach genauer hin? BRÜHL: Letzteres! Wir stehen heute in der Psychiatrie an dem Punkt, wo die innere Medizin in den 1970er-Jahren stand. Wir werden immer präziser. Die Psychiatrie ist ja eine relativ junge Wissenschaft, nur etwas älter als hundert Jahre. Um 1900 verfügte sie nur über drei Diagnosen, nämlich Depression, Manie und Neurose. Daneben ging sie vor allem deskriptiv vor, indem sie die Symptome und Ver­ läufe von Krankheiten beschrieb, ohne die Ursachen zu kennen. Da sind wir heute viel weiter. UNI NOVA: Das klingt optimistisch. Der Blick in die Geschichte zeigt aber, dass psychische Krankheiten kommen und

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gehen. Die Hysterie ist verschwunden, noch in den 1980er-Jahren galt Homo­ sexualität als Störung, heute leiden Kinder an Dysphorie, an der Geschlechts­iden­ti­ tätsstörung. Schafft sich jede Gesellschaft ihre eigenen Krankheiten? BRÜHL: Die Psychiatrie ist mehr als andere medizinische Fächer in gesellschaftliche und moralische Fragen verstrickt. Für die Hautärztin bleibt der Fleck auf der Haut ein Fleck, was es aber mit der Angst auf sich hat, unter der jemand leidet, ist schwieriger zu fassen. Gerade darum ist die Biologie für uns so wichtig. Mit ihr stossen wir in eine neue Dimension vor. Ich glaube, dass wir bald schon genau de­ finierten Krankheitsgruppen die passen­ den Medikamente zuordnen können, so wie die Onkologie bei Brustkrebs auf­ grund genetischer Diagnosen passende Therapien durchführt. UNI NOVA: Was meinen Sie mit Biologie? BRÜHL: Die Analyse der Daten des Hirns und des Blutes der Patientinnen und Pa­ tienten. Mit der Biologie machen wir ­unser Fach objektiver, weil wir die Sub­ jektivität des Kranken um eine Dimen­ sion erweitern. Aber wir stehen erst am Anfang. Da wir noch über keine präzisen Laborwerte und Hirnbilder verfügen wie die innere Medizin, sind wir noch immer vor allem auf die Aussagen der untersuch­ ten Person angewiesen. UNI NOVA: Die Psychiatrie dachte immer wieder, sie finde die Ursachen psychi­ scher Krankheiten im Körper. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Erbbio­ logie dominant, gemäss der sich Schwach­ sinn von einer Generation zur nächsten fortpflanze, die These wurde aber aufgege­ ben. Dreht sich die Psychiatrie im Kreis? BRÜHL: Wir sind in der genetischen For­ schung viel weiter als damals! Wir wissen nun, dass es kein einzelnes Gen für De­ pression oder Schizophrenie gibt. Die Vererbung psychischer Krankheiten fin­ det statt, aber sie verläuft viel komplexer. Es gibt in der Psychiatrie keine Krankhei­ ten, die auf einem einzigen vererbten Gen beruhen, sondern nur solche, bei denen viele kleine genetische Faktoren zusammenspielen. Dank genetischer Ana­ lysen wissen wir heute, dass bipolare Er­ krankungen, also wenn jemand manischdepressiv ist, genetisch der Schizophrenie


Gespräch näher stehen als der unipolaren Depres­ sion. Dieses Wissen hat zu erfolgreiche­ ren Medikationen geführt. Wenn wir noch mehr Daten haben, können wir die Medi­ kamente noch genauer verschreiben. UNI NOVA: Sehen Sie bei der medikamen­ tenbasierten Psychiatrie auch Nachteile, dass etwa die Patientinnen und Patienten nur mehr gedämpft durchs Leben gehen und keine Gefühle mehr empfinden? BRÜHL: Wenn einer nur mehr gedämpft durchs Leben geht, dann ist die Behand­ lung schlecht. Sie beinhaltet immer auch psychotherapeutische Elemente. Je nach Erkrankung stehen Medikamente oder Psychotherapie im Vordergrund, aber die Behandlung ist nie nur medikamentös. Generell sollte sie dazu führen, dass die Patientin sowohl positive als auch nega­ tive Gefühle in einem für sie guten Mass empfindet, sie möglichst wenig leidet und gut am Leben teilhat. UNI NOVA: Sie haben jeden Tag mit Men­ schen zu tun, die sich auf der Grenze zwi­ schen dem bewegen, was als normal und

als nicht normal gilt. Hat dies Ihren Blick auf das Leben geprägt? BRÜHL: Da müssten Sie meine Freunde fragen. Ich bin nicht der grüblerische Typ, der den Kontakt zur Realität verliert, und ich bin damit gesegnet, nach Feier­ abend die Bürotür hinter mir schliessen und die Themen im Büro lassen zu kön­ nen. Im Lauf der Jahre habe ich ein grös­ seres Verständnis für die Vielfalt an Le­ bensgestaltungen gewonnen. Ich staune immer wieder, wie Menschen es schaffen, trotz ihrer Erkrankung gut zu leben. Ich schaue mir allerdings kaum mehr Filme an, in denen die Psychiatrie eine Haupt­ rolle spielt, etwa «Black Swan» oder «Einer flog über das Kuckucksnest». Erkrankun­ gen werden meist so verzerrt dargestellt, dass ich mich nur aufregen und meine Begleitung nerven würde. UNI NOVA: Die Filme artikulieren ein Unbe­ hagen gegenüber der Psychiatrie. Woher könnte dieses kommen? BRÜHL: Es ist nicht zu bestreiten, dass die Psychiatrie sich in der Vergangenheit in

den Dienst moralisch fragwürdiger Ent­ scheidungen gestellt und unerwünschte Personen ausgegrenzt hat. Das ist heute anders, ich erlebe die Psychiatrie als re­ flektiert und ethisch bewusst. Dazu kommt, dass psychische Erkrankungen für die Öffentlichkeit mit Unbehagen und Stigma besetzt sind, weil sie die Person direkt betreffen und schwierig zu verste­ hen sind – im Gegenteil zu einem gebro­ chenen Bein oder einem Tumor, der auf dem Röntgenbild zu sehen ist. Schliess­ lich ist das Wissen der Bevölkerung darü­ ber, was in der Psychiatrie passiert, viel geringer als beispielsweise bei der Chirur­ gie. Die Psychiatrie braucht mehr Sicht­ barkeit, und die Öffentlichkeit braucht mehr realistische Information.

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Dossier

195× Desinfektionsmittel im Jahr 2020

270×

Konserven und Fertiggerichte

2019

Mehr! Der Mensch kennt vor allem eine Richtung: vorwärts. Alles soll besser, grösser und mehr werden. Ein Blick auf die Facetten des Wachstums.

1,6 ×

Mehr Selbstversorger Anstieg der täglich durchschnitt­ lichen Youtube­ Views mit dem Begriff «Hühnerzucht» um 160 %. Gemessener Zeitpunkt in der ersten Welle 2020 gegenüber dem Vorjahr.

Mehr Eier Anstieg der Inlandproduktion im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 6,3 %.

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UNI NOVA

138 / 2021


Dossier

Die Spuren der Pandemie 75×

Infektionszahlen, Spitaleintritte, Todesfälle und Impfquoten standen und stehen während der Pandemie im Fokus. In dieser Serie aus Infografiken klammern wir diese Statistiken bewusst aus und werfen einen Blick auf anderes, das durch die Pandemie oder während derselben gewachsen ist.

Haarschere und Effilierschere

Recherche: Angelika Jacobs, Noëmi Kern Infografik: Marina Bräm

37× Mundschutz

29,9

60 % 26,5 Mrd.

34 ×

15 % Teigwaren

2017

Mehr Produkte und Nahrungsmittel Anstieg der durchschnittlich täglichen Verkäufe in der ersten Welle von 2020 im Vergleich zum Vorjahr.

Mehr kontaktlos Anteil der kontaktlosen an allen Zahlungen.

30×

2020

Mehr Umsatz Anstieg stationärer Detailhandel zum neuen Rekordwert. (in Mrd. CHF)

Die Corona­Pandemie hat uns eiskalt erwischt: Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr wie davor, und wir mussten uns in unterschiedlichen Lebens­ bereichen neu einrichten. Wir deckten uns mit dem ein, was uns am nötigsten schien, und überlegten, Selbstversor­ ger zu werden. Den Umgang mit Bargeld vermieden viele, wenn möglich.

25× Handseife

Campingkocher

Quelle: Digitec Galaxus AG; Youtube Culture & Trends; BLW; SNB

6,5×

2019

Hamsterkäufe und Hühnerzucht

WC-Papier

7×

2020

Kaffee

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Dossier

Ein Modell, um die Welt zu ernähren. Die Weltbevölkerung wächst und mit ihr auch der Hunger nach Nahrungsmitteln. Um diesen auch in Zukunft stillen zu können, modellieren Ruth Delzeit und ihr Team, wie man den Boden dafür am besten nutzen soll.

Text: Catherine Weyer

I

n Hemmiken fährt ein Bauer mit dem Traktor über sein Feld. Er macht sich Gedanken über seinen Weizen: Wird er künftig genug Geld erhalten, damit sich seine Arbeit lohnt? Will in fünf Jahren überhaupt noch jemand seinen Weizen kaufen? Und was wird auf seinem Acker noch wachsen, wenn die Temperaturen immer weiter steigen und die Sommer entweder unglaublich trocken sind oder die Felder von Starkregen überschwemmt werden? Antworten auf diese Fragen sucht Ruth Delzeit. Die Professorin für Global and Regional Land Use Change model­ liert zusammen mit ihrem Team am De­ partement Umweltwissenschaften, wie wir in Zukunft die Natur nutzen werden. Wobei es nicht so sehr darum geht, wie wir das Land bebauen wollen, sondern darum, wie wir es bebauen müssen. «Mit­ telfristig können wir es uns nicht leisten, den Umweltschutz auf die lange Bank zu schieben. Sonst haben wir bald keine fruchtbaren Böden mehr für die Nah­ rungsmittelproduktion», warnt Delzeit. Abhängig von globalen Playern Die Landwirtschaft bekommt das Wachs­ tum zu spüren, und zwar von allen Sei­ ten: das Wachstum der Bevölkerung, das Wachstum des Wohlstandes, aber auch das Wachstum der Kritik, wie wir unseren

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Boden beackern – und welche Auswirkun­ gen das auf die Natur hat. Dabei ist auch dieses Wachstum von vielen Faktoren abhängig: Der Bauer in Hemmiken lebt und arbeitet wohl in ei­ nem kleinen Dorf, bezahlt seine Steuern in der Gemeinde und kann mit seinem Stimmrecht in der Schweizer Demokratie mitreden – seine Zukunft ist aber auch geprägt von globalen Playern. Gerade das macht die Arbeit von Delzeit und ihrem Team so komplex. «Im Moment arbeiten sich drei Doktoranden in das Modell ein – darum beneide ich sie nicht», sagt sie und lacht herzlich. Kleine Änderung, grosse Auswirkung Es handelt sich dabei um ein mikroöko­ nomisches Modell zur Berechnung des allgemeinen Gleichgewichtes. Dabei be­ rücksichtigen Delzeit und ihr Team alle Industriezweige. Sie berechnen, was pas­ siert, wenn sich etwas an der momenta­ nen Lage verändert. «Mit dem Modell kann man unterschiedliche Szenarien berechnen, indem man zum Beispiel eine Steuer auf den Fleischkonsum in Indus­ trieländern einführt», erklärt Delzeit. «Weil die Fleischprodukte somit für Kon­ sumenten teurer werden, verteilen sie ihr Einkommen auf andere Produkte. Diese werden wegen der höheren Nachfrage auch etwas teurer, der Handel ändert

UNI NOVA  138 / 2021

sich. Es wird zum Beispiel weniger Tier­ futter in Industrieländer importiert, da­ für aber vielleicht mehr Gemüse. So erge­ ben sich neue Marktgleichgewichte und man kann dann die Situation mit und ohne Steuer vergleichen.» Um Aussagen über die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion tätigen zu können, müssen die Forschenden viel be­ rücksichtigen: Wie viele Leute werden künftig auf der Erde leben? Wollen sie eher Fleisch oder eher Hülsenfrüchte es­ sen? Wie wird sich der globale Lebensmit­ telhandel entwickeln? Wird es auf lokaler Ebene ein Umdenken in der Bewirtschaf­ tung der Felder geben? Und welche Ent­ scheidungen wird die Politik auf nationa­ ler und internationaler Ebene bis dann getroffen haben? Forschung liefert Entscheidungshilfen Fragt man Delzeit nach einer Prognose für die Agrarpolitik im Jahr 2050, winkt sie ab. «Prognosen kann man für die nächsten drei bis vier Monate tätigen, länger nicht.» Das ist aber auch nicht ihr Ziel: «Wir schaffen Entscheidungshilfen», stellt sie klar. Die konkreten Pflöcke müs­ sen andere einschlagen – mit ihren soge­ nannten Wenn-dann-Analysen schaffen Delzeit und ihre Team Grundlagen zur Orientierung. Und das ist auch ihr Ziel: «Ich finde es richtig, dass man in der For­


Dossier

schung wenig interpretiert. Und wenn, dann muss es klar gekennzeichnet sein.» Delzeit hat vor beinahe zwanzig Jah­ ren begonnen, sich mit den Themen Landnutzung und Nutzungskonflikte zu beschäftigen. Als studentische Hilfskraft forschte sie damals zu Biogas. «Da gab es anfangs einen grossen Hype, über die ne­ gativen Effekte hat man sich keine Ge­ danken gemacht», erzählt sie. Dann kam die Wirtschaftskrise 2008, gepaart mit klimatischen Veränderungen und Börsen, an denen auf Lebensmittelpreise gewettet wurde. Und plötzlich gab es in Südame­ rika keinen Mais mehr zu kaufen, die arme Bevölkerung musste hungern, In­ dustrieländer verarbeiteten den Mais lie­ ber zu Kraftstoff. «Es war sicher eine Ver­ kettung mehrerer negativer Umstände damals. Das hat aber gezeigt, welche emotionale und auch moralische Auf­ ladung das Thema Biokraftstoffe hat», so Delzeit. Intensiver anbauen, wo es Sinn macht Um Situationen wie diese zu verhindern, rechnen Delzeit und ihr Team Szenarien durch. Sollen mehr Flächen landwirt­ schaftlich bebaut oder die bestehenden Flächen intensiver bewirtschaftet wer­ den? Welchen Einfluss hat das auf die Lebensmittelpreise? Und was passiert mit der Biodiversität? Eine von Delzeits Erkenntnissen: In­ tensivere Landwirtschaft ist für die Bio­ diversität schonender, als wenn mehr Flächen bebaut werden. Aber auch hier muss man differenzieren: «In Industrie­ ländern ist eine intensivere Landwirt­ schaft nicht mehr möglich», stellt sie klar. «Wir haben ja bereits heute Probleme mit Nitrat im Grundwasser.» In anderen Ge­ bieten, zum Beispiel in der Subsahara, sehe die Situation aber ganz anders aus: «Hier könnte man mit gezielten Düngun­ gen eine enorme Produktionssteigerung schaffen, ohne dass mehr Fläche verbraucht wird.» Gleichzeitig blieben andere Gebiete landwirtschaftlich ungenutzt, zugunsten der lokalen Biodiversität.

Sollte die Schweiz also aufhören, gewisse Lebensmittel zu produzieren, wenn diese in anderen Ländern effizienter angebaut werden können? «Das ist nicht realis­ tisch», sagt Delzeit. «Staaten wollen Aut­ arkie, sie wollen sich nicht komplett ab­ hängig machen von anderen Staaten. Was sonst passieren kann, hat die CoronaPandemie eindrücklich gezeigt, wenn plötzlich dringend benötigte Güter am Zoll zurückgehalten werden.» Also auch hier: Eine einfache Lösung gibt es nicht. Ertragreich oder robust? Genau damit setzt sich Delzeit seit zwei Jahrzehnten auseinander: Wo setzt man an, um die Ernährungssicherheit über Jahrzehnte hinaus zu garantieren? Baut man effiziente Pflanzensorten in riesigen Monokulturen an oder soll man eher auf alte Sorten zurückgreifen, die robuster sind, aber weniger ertragreich? «Indien baut beispielsweise wieder alte Reissorten an, die besser mit Überschwemmungen zurechtkommen», erzählt Delzeit. «Das ist eine sinnvolle Anpassung an den Klima­ wandel.» Aber auch hier gelte: Es gibt nicht einen richtigen Weg, um die ganze Weltbevölkerung zu ernähren und gleich­ zeitig die Biodiversität zu schützen. Die Professorin betont aber auch, dass die Nahrungsmittelproduktion nicht der einzige Hebel ist, um eine Verände­ rung zu bewirken: «Wir müssen über die Kalorien­effizienz nachdenken: Welcher Aufwand ist nötig, um 1000 Kilokalorien aufzunehmen – mit Fleisch oder mit ei­ weisshaltigen Pflanzen?» Die Tendenz in Schwellenländern, mehr Fleisch und Milchprodukte zu konsumieren, werde die weltweite Agrarpolitik vor neue Her­ ausforderungen stellen. Auch dies ist ein Rädchen in Delzeits grossem Modell. Überhöhte Ansprüche «Gleichzeitig haben wir ein riesiges Po­ tenzial bei der Lebensmittelverschwen­ dung», sagt die Umweltwissenschaftle­ rin. Allein in der Schweiz werden jährlich 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel weg­

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geworfen, die geniessbar wären. «Wir haben einen enorm hohen Anspruch an die Lebensmittel und werfen deshalb Dinge weg, die gesundheitlich völlig un­ bedenklich sind», kritisiert sie. Ein Luxus, den man sich eigentlich nicht leisten kann – und unter dem vor allem die Na­ tur leidet. Auch hier gäbe es politische Hebel, die man tätigen könnte, ist Delzeit überzeugt. «Wenn die Lebensmittel teurer wären, würde man sie nicht in diesem Ausmass verschwenden.» Weil die Land­ wirtschaft aber subventioniert wird, spie­ gelt das Preisschild im Laden nicht die effektiven Kosten wider – und die Hem­ mungen der Konsumentinnen und Kon­ sumenten sinken, das Lebensmittel weg­ zuwerfen. Delzeit ist im Februar dem Ruf an die Universität Basel gefolgt, nachdem sie in Kiel das Research Center «Umwelt und natürliche Ressourcen» am Institut für Weltwirtschaft leitete. Hier will sie ihren Forschungsschwerpunkt ausbauen: mit Projekten zur nachhaltigen Wassernut­ zung, regionalen Fallstudien und einem Blick auf die Subventionierungspolitik. «Heute werden sowohl Biokraftstoffe als auch fossile Energieträger vom Staat un­ terstützt. Es wird spannend sein, zu mo­ dellieren, wie sich politische Entschei­ dungen auf die weitere Nutzung der Kraftstoffe auswirken werden», sagt sie. Auch hier wird es sicher keine einfache Lösung geben. Aber damit rechnet Ruth Delzeit gar nicht erst.

Ruth Delzeit ist seit Februar 2021 Professorin für Global and Regional Land Use Change an der ­Universität Basel.

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Dossier Mehr Home-Office-Artikel Durchschnittliche tägliche Verkäufe im März und April 2020 im Vergleich zur gleichen Periode 2019.

2020

10×

Webcams

2019

Bürostühle

4× 2019

4× Headsets 2019

2,8× Bildschirme 2019

2× 2019

Wir bleiben zu Hause

Mehr zu Hause

Das Leben fand in den eigenen vier Wänden statt. Das Daheim war neu auch Büro und Schulzimmer. Flexibilität war gefragt: Das Bügel­ brett taugt auch als Stehpult. Und Online­Shopping war immer­ hin noch möglich. Wir kochten auch mehr. Das schlug sich im Strom­ verbrauch der Privathaushalte nieder, zum Beispiel in der Region Basel.

– 40,6 %

Nachfrage Personenverkehr

–12,2 %

Generalabonnemente

Mehr privater Energieverbrauch + 2,3 %

Privat­ und Kleinstgewerbe*

– 6,7 %

Gewerbe und Industrie

* In den vergangenen Jahren: Rückgang von 1,5 bis 2 % aufgrund von Effizienzmassnahmen.

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Quelle: Digitec Galaxus AG; SBB; Industrielle Werke Basel

Drucker


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Gemeinsam stark. Sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun, liegt in der Natur des Menschen. Was dabei entstehen kann, zeigt das Beispiel Gundeldinger Feld in Basel. Für ein solches Zusammenwachsen sind heterogene Gesellschaften keine Bedrohung, sondern eine Chance. Text: Noëmi Kern

T

ooor! Die Leute jubeln, es entsteht ein kollek­ tiver Freudentaumel im Fussballstadion. Die Liebe zum Fussball und «ihrem» Verein macht die Menschen im Stadion zu Verbündeten, zu einer Gemeinschaft. Und das, obwohl – oder gerade weil – sie sich kaum kennen. Nach dem Spiel werden sie wieder auseinandergehen – und sich vielleicht nie wieder sehen. Oto Potluka kennt solche Gemeinschaftsphäno­ mene. Der Staatswissenschaftler forscht am Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel dazu, wie Gemeinschaften entstehen, was sie stärkt und was sie schwächt. Gerade beim Sport zeige sich die Dynamik der Gemeinschaftsbildung gut: «Er ist der kleinste gemeinsame Nenner der Menschen im Stadion. Aus dem Jubel kann mehr entstehen, muss aber nicht», sagt er. Aber nicht nur Erfolgserlebnisse sorgen für Ge­ meinschaft. Im Gegenteil, negative Erfahrungen sind sogar ein stärkerer Treiber: «Krisen wie die Corona­ Pandemie fördern den Zusammenhalt», sagt er. «Dann sind die Menschen bereit, anderen zu helfen.» Man führe sich vor Augen, dass man selber in einer schwie­ rigen Situation auch froh wäre um Unterstützung. Schliesslich ist der Mensch ein soziales Wesen. Wir wollen uns mit Gleichgesinnten zusammen­ schliessen, ein gemeinsames Ziel verfolgen. Deshalb entstehen Gemeinschaften – formell organisierte wie Vereine oder lose Gruppierungen wie eine Jassrunde. Was zählt, ist der Einsatz: «Das Wichtigste ist, dass

die Leute aktiv sind. Nur so kann etwas entstehen», sagt Potluka. Gemeinschaftliches Handeln kann einiges bewir­ ken. Das zeigt das Beispiel Gundeldinger Feld – ein privates Stadtentwicklungsprojekt im Basler «Gundeli»­ Quartier. Oto Potluka hat in einer Fallstudie dazu untersucht, wie soziale Innovation in der Stadtent­ wicklung erfolgreich sein kann. Ein gemeinsames Ziel eint Ausgangspunkt des Projekts war der Wegzug eines Maschinenbauunternehmens vor 20 Jahren. «Die Un­ sicherheit, wie es mit dem Areal weitergeht und wie dies das Zusammenleben im Quartier beeinflusst, bereitete den Anwohnern Sorge», erzählt Potluka. Um eine Lösung zu finden, die zum Quartier passt, mach­ ten sich fünf Privatpersonen gemeinsam Gedanken zur Zukunft des Areals. Es sollte ein Raum werden, in dem sich die Quartierbevölkerung begegnet. Anstatt ihre Ideen einfach umzusetzen, befrag­ ten die Initianten weitere Leute zu ihren Wünschen und Bedürfnissen. So kamen auch deren Befürchtun­ gen und Ängste auf den Tisch. «Das ist nur möglich, wenn man miteinander kommuniziert», sagt Oto Potluka. Er ist überzeugt: Kommunikation und ge­ genseitiges Vertrauen sind entscheidend, damit funktionierende Gemeinschaften entstehen. Auf dem Gundeldinger Feld konnten sich ver­ schiedene Interessengruppen einbringen. Das sorgte allerdings auch für Konflikte: Je mehr Leute, desto

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Oto Potluka forscht am Center for Philantropy Studies. Er befasst sich mit Wirkungs­ analysen und interessiert sich da­ bei insbesondere für regionale Entwicklungen und die Rolle der Zivilgesellschaft.

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Dossier unterschiedlicher die Ziele. Es war aber auch eine Chance: «Die Ressourcen wachsen mit der Anzahl der Involvierten. Und ein gemeinsames Ziel eint», so Pot­ luka. Durch die Möglichkeit, mitzugestalten, sei die Akzeptanz in der Bevölkerung besser, als wenn ir­ gendein Investor auf dem Areal seine Ideen im Al­ leingang verwirklicht hätte, vermutet er. Ohne Geld ging es dennoch nicht. Die Initianten aktivierten ihre eigenen Netzwerke, um Firmen als Mieterinnen und Investoren zu finden. Heute gibt es auf dem Gundeldinger Feld unter anderem Kinder­ krippe neben Gastronomie, Brauerei neben Kletter­ halle, Tonstudio neben Büroräumlichkeiten. Das ist gelebte Heterogenität par excellence, die längst nicht nur Quartierbewohner anzieht. Das Fazit aus Oto Potlukas Fallstudie: «Die Er­ folgsfaktoren sind für mich Dialog, Machtteilung, Netzwerk und die Finanzierung.» Das erfolgreiche Gundeldinger Feld lädt zur Nachahmung ein. Aber: «Man kann ein Modell nicht einfach an einem ande­ ren Ort implementieren. Jeder Ort hat seine eigenen Gegebenheiten, denen man Rechnung tragen muss.» Heterogenität als Chance Das Gundeldinger Feld ist ein Beispiel für eine «Bot­ tom up»­Lösung: Das Projekt wurde von A bis Z auf privater Ebene «von unten» durchgeführt, der Staat musste nicht «top down» eingreifen. Für Oto Potluka ist «bottom up» eine gute Vorgehensweise in einer wachsenden, heterogenen Gesellschaft. Solche Initia­ tiven entstehen vor Ort und berücksichtigen die Be­ dürfnisse der ansässigen Bevölkerung. In der Wissen­ schaft spricht man auch von Place Based Management. Das föderalistische System der Schweiz begüns­ tige das und die direkte Demokratie unterstütze den Dialog. «Nehmen wir die Berner Gemeinde Moutier: Die Menschen durften an der Urne darüber entschei­ den, dass sie künftig dem Kanton Jura angehören wollen», sagt Oto Potluka. Ohnehin stellt der Tsche­ che fest: «In der Schweiz nimmt man sich Zeit, um einen Konsens zu finden.»

«Wer Kontakte knüpfen und sich engagieren will, tut das, egal, wo auf der Welt er lebt.» Oto Potluka

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Das ist nicht immer einfach: Die Bevölkerung wächst und durch die Migration treffen Menschen mit unter­ schiedlichen Hintergründen aufeinander. «Dann ist die Kommunikation untereinander besonders wich­ tig, um sich zu finden und gemeinsam zu Lösungen zu kommen», sagt der Wissenschaftler. Er ist über­ zeugt: «Gelingt dies, ist die Heterogenität eine Chance für die Gemeinschaft.» Gemeinschaften bestehen weltweit Sofern sich denn Menschen, die in der Fremde leben, überhaupt einbringen. Den Vorwurf, dass Expats in ihrer eigenen Blase leben, hört man immer wieder. «Wer Kontakte knüpfen und sich engagieren will, tut das, egal, wo auf der Welt er lebt», sagt Potluka aus eigener Erfahrung. Er selber ist seit drei Jahren akti­ ves Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Binnin­ gen. «Meiner Meinung nach ist eine Gemeinschaft aber nicht zwangsläufig ortsgebunden, sie kann auch im virtuellen Raum bestehen.» Die Digitalisierung habe es einfacher gemacht, sich rund um den Globus mit Gleichgesinnten auszutauschen. Die Pandemie hat das nochmals unterstrichen. Dadurch entstehen neue Formen von Gemeinschaften. Jene, die nur übers Internet existieren, unter­ scheiden sich dabei von solchen, in denen sich die Leute untereinander persönlich kennen. «Wenn man an einem Ort lebt und die Menschen regelmässig trifft, wirkt die sogenannte innere Kohäsion stärker», weiss Potluka. Je ausgeprägter sie ist, desto höher die Hürde, die Gemeinschaft zu verlassen. «Die Leute im ‹Gundeli› konnten nicht von heute auf morgen weg­ ziehen, als sich die Verhältnisse auf dem Gundeldin­ ger Feld änderten. Aber weil sie sich einbringen konnten, wurde das Projekt zu ihrem eigenen. Das stärkt ihre Verbindung zu diesem Ort.» Funktionierende Gemeinschaften kommen allen zugute. Die Forschung zeigt, dass eine Gesellschaft, in der sich die Menschen zusammenschliessen, sta­ biler ist. Indem sie ihre Interessen mit anderen tei­ len, fühlen sie sich zugehörig. Man spricht dabei von sozialem Kapital: «Wo es viele Gemeinschaften gibt, sind die sozialen Netzwerke dichter. Man kennt sich besser, diskutiert Themen und findet dadurch schnel­ ler Lösungen», erläutert Potluka. Das ist gut für den sozialen Frieden. Kann das Gefühl der Zugehörigkeit nicht auch dazu führen, dass sich Gemeinschaften gegenseitig bekriegen? Der Wissenschaftler verneint und schlägt nochmals die Brücke zum Fussball. «Fans unter­ schiedlicher Clubs eines Landes sind zwar in der Meisterschaft Rivalen, aber sie können nicht ohne einander. Und auf internationaler Ebene feuern alle dasselbe Team an. Was dann zählt, ist die gemein­ same Freude am Fussball.»


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Mehr Online-Verkäufe Anteil der online verkauften Produktsegmente am Gesamtverkauf (stationär und online).

+ 23,3 %

Mehr Pakete Zuwachs der Paket­ versände im Jahr 2020 gegenüber Vorjahr.

(2 02 0)

36 %

(2 0 19)

Heimelektronik

+ 27,2 %

48 %

Fashion/Shoes 13,1 10,3 Mrd. 29

0%

%

2

2019 2020

Toys 15 %

Mehr Umsatz Ausgaben im Online­Handel in Mrd. Schweizer Franken.

27 %

16 % 9%

7%

Quelle: GfK Switzerland AG | Onlinehandelsmarkt Schweiz 2020 Die Schweizerische Post AG; Forbes

12 %

15

26 %

Sport

%

Home + 85 %

211 114 Mrd.

Was macht man, wenn viele Geschäfte im Lockdown geschlossen bleiben? Man bestellt die Ware online. Entsprechend viele Pakete wurden versendet, Pöstler und Pöstlerinnen mussten mehr arbeiten. Die Kauflust im Internet freute die Betreiber von Webshops. Das Ver­ mögen von Amazon­Gründer Jeff Bezos legte kräftig zu.

Do-It-Yourself/ Garden

Jan. Juli Mehr Vermögen Entwicklung von Amazon­Gründer Jeff Bezos’ Vermögen im Jahr 2020. (Mrd. USD)

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Einkaufen per Mausklick

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Schluss mit dem ewigen Wachstum?! Umweltökonom Frank Krysiak und Umweltethiker Andreas Brenner sind sich einig: Unser Wirtschaftssystem muss nachhaltiger werden. Soll man dafür das Wachstumsparadigma über Bord werfen? Je drei Argumente für und gegen eine Postwachstumsökonomie.

Text: Samuel Schlaefli

1. Ohne Verzicht keine Nachhaltigkeit «Die Rede von grünem Wachstum und Kreislaufwirtschaft ist bislang vor allem Politmarketing. Sie versucht die Wähler­ schaft zu überzeugen, sich schuldfrei an den Ressourcen bedienen zu dürfen. Doch selbst Recycling braucht Ressourcen in Form von Energie. Nicholas GeorgescuRoegen, einer der Begründer der Umwelt­ ökonomie, hat sich schon in den 1970erJahren mit den biophysikalischen Grenzen unseres Wirtschaftsmodells befasst. Er ist einer der Vordenker des Begriffs ‹Degrowth› und realisierte, dass unendliches Wachs­ tum in einem endlichen System unmög­

Andreas Brenner ist Titularprofessor für Philo­ sophie an der Universität Basel und Professor an der FHNW in Basel. Er forscht zu umwelt- und wirtschafts­ ethischen Fragen.

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lich ist. Trotzdem fungiert grenzenloses Wachstum bis heute als eine Art kollek­ tive Lebenslüge der Industriewirtschaft. In Wahrheit kann es aber nur in eine Richtung gehen: Wir müssen runter mit dem Konsum! Und mit ‹wir› ist die wohl­ habende Bevölkerung reicher Industrie­ nationen gemeint. Das oft genannte Argu­ ment, dass der Konsum der Reichen dazu beitragen soll, dass die Armen aufholen können, überzeugt mich nicht. Warum sollte es rund einer Milliarde Menschen, die in bitterer Armut leben, besser gehen, wenn wir mehr konsumieren? Umgekehrt zwingen die reichen Staaten die armen dazu, ihre Wirtschaft zu reinen Ressour­ cenlieferanten aufzubauen. Die armen Länder verbleiben in der Abhängigkeit und müssen zugleich die Zerstörung ihrer Natur hinnehmen.» 2. Wachstum ohne Gewinn «In den industrialisierten Staaten trägt Wirtschaftswachstum längst nicht mehr zu einer höheren Lebensqualität bei. Im Gegenteil, indem das Tempo ständig hoch­ geschraubt wird – und da spielt die Digi­ talisierung eine wichtige Rolle –, fehlt zunehmend die Musse, nachzudenken und das Leben zu geniessen. Das Marke­ ting schafft einen inhärenten Antrieb, immer mehr besitzen zu wollen und unsere

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Persönlichkeiten durch Konsum aufzula­ den. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel zeigt in seinem Werk, dass mittler­ weile fast sämtliche Bereiche der Gesell­ schaft ökonomisiert wurden, darunter das Schul- und das Gesundheitssystem. Selbst die Beschädigung der Natur wird heute im Rahmen eines CO2-Emissions­ handels kommerzialisiert.» 3. Gemeinwohl anstelle von Utilitarismus «Die dem Kapitalismus zugrunde liegende Philosophie des Utilitarismus zielt einsei­ tig auf die materielle Vermehrung. Das Wachstumsparadigma hat in den Hinter­ grund gedrängt, worauf es im Leben wirk­ lich ankommt, nämlich Sinn statt Quanti­ tät. So war ja bereits Aristoteles überzeugt, dass Freundschaft das Leben ausmacht und Menschen politische Wesen sind, die sich in Gemeinschaften engagieren wol­ len. Viele Menschen streben nach positi­ ven Beziehungen zu anderen und zur Na­ tur. Ein auf ökonomischen Gewinn ausgerichtetes Wirtschaftssystem macht einem die Realisierung eines solchen Le­ bens nicht gerade leicht. Aber es gibt eine Alternative: eine Weltwirtschaft, die das Gemeinwohl höher wertet als die materi­ elle Bereicherung auf Kosten anderer Menschen oder der Natur.»


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Frank Krysiak ist Professor für Um­ weltökonomie an der Uni­ versität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wirkungen von ­Umweltpolitik und die ökonomische Theorie der Nachhaltigkeit.

1. Qualitatives Wachstum ist die Lösung «Postwachstum ist vor allem eine ‹First world›-Idee. Wenn Sie nach Sambia oder Äthiopien gehen, werden Sie wenig Men­ schen finden, die ein solches befürwor­ ten. Rein objektiv betrachtet gibt es noch viele Regionen in der Welt, wo die Wirt­ schaft quantitativ wachsen muss. Wo Hunger herrscht, braucht es mehr Lebens­ mittel. Wir müssen aber unbedingt zwi­ schen quantitativem und qualitativem Wachstum unterscheiden. Letzteres ist allein durch die Innovationsfreudigkeit des Menschen limitiert, mit denselben natürlichen Ressourcen mehr menschli­ ches Wohlergehen zu schaffen. Etwa bio­ logisch produziertes Fleisch, für das ich mehr bezahle als für Fleisch aus Massen­ tierhaltung. Wenn ich meinen Fleisch­ konsum halbiere, aber Fleisch kaufe, das dreimal so teuer ist, entsteht am Ende weiterhin Wachstum; das BIP steigt. Oder bei Handys: Man kann jedes Jahr ein billi­ ges kaufen oder alle fünf Jahre ein teures, stabiles, das auch noch reparaturfähig ist. Letzteres wäre für die meisten ein Mehr­ wert und würde die Umwelt deutlich we­ niger belasten. Hinzu kommt: Wir kön­ nen heute mit erneuerbaren Energien unsere Klimaziele erreichen, selbst wenn der Energieverbrauch steigt. Diese Ent­ kopplung von Ressourceneinsatz und wirtschaftlichem Wachstum müssen wir anerkennen.»

Mobilitätsbereich: Im Kanton Basel-Stadt zum Beispiel besitzen rund 50 Prozent der Haushalte kein Auto mehr und leben gut damit. Wichtig wäre vor allem, dass man den Menschen Möglichkeiten eröffnet, um mit solchen alternativen Lebenskon­ zepten zu experimentieren. Unsere For­ schung zeigt: Ohne Druck und politische Propaganda, einfach nur durch Möglich­ keiten, fast kostenfrei mit Alternativen zu experimentieren, ist erstaunlich viel zu holen. Zusätzlich braucht es aber auch politische Massnahmen und Anreize.» 3. Eigennutz bleibt ein wichtiger Treiber für grünes Wachstum «Die Idee einer Gemeinwohlökonomie ist nicht neu und wurde bereits in ehemali­ gen Ostblockländern propagiert. Das hat nicht funktioniert. Eigennutz ist für viele eine äusserst starke Motivation. Die An­ triebskraft, für sich selbst etwas zu schaf­ fen, sollte man nicht unterschätzen. Es ist deshalb erfolgversprechender, wenn wir diesen Eigennutz in gesellschaftlich nütz­ liche Bahnen lenken, anstatt zu versu­ chen, davon grundlegend wegzukom­ men. Auch für grünes Wachstum stecken dort enorme Kräfte.»

2. Experimentierfreude anstatt Zwang zum Verzicht «Suffizienz kann ein produktiver Begriff sein, wenn er sinnvoll verwendet wird und Freiwilligkeit beinhaltet. Nicht aber, wenn damit eine erzwungene Askese gemeint ist und der Versuch, den Menschen deut­ lich zu machen, dass sie ihren Anspruch an Lebensqualität reduzieren müssen. Ich verstehe darunter vielmehr die Einsicht, dass man auf unterschiedliche Weise glücklich werden kann. Wir sehen das im

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Dossier

2020

5× 2019

4,6×

«Home Workout» Mehr Suchanfragen Anstieg der durchschnittlichen täglichen Views von Youtube­ Videos mit den genannten Begriffen (erste Welle versus Januar bis Mitte März 2020).

2019

+37,2 %

«Sauerteigbrot»

2× 2019

Mehr Wandfarbe Anstieg der täglichen Verkäufe in der ers­ ten Welle im Vergleich zum Vorjahr.

«Bubble-Tea-Rezept»

2× 2019

«How to» und «handstand»

1,2× «Pommes frites Rezept»

Fitnesscenter: Zu! Restaurant: Zu! Museum: Zu! Wir haben versucht, uns zu Hause fit zu halten und uns Pommes frites und Bubble Tea mit­ hilfe von Youtube selber zu machen. Endlich fanden wir Zeit zum Backen. Und die Wände konnten einen neuen Anstrich vertragen. Wenn schon zu Hause, dann wenigsten in einem schönen!

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+38,1 %

Mehr Bewegung Zuwachs an Velo­ und E­Bike­Verkäufen. (2020 gegenüber 2019)

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6×

Mehr Hefewürfel Verkaufsanstieg in der 3. Märzwoche 2020.

Quelle: Youtube Culture & Trends; Digitec Galaxus AG; Velosuisse; foodaktuell

Neue Freizeit


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«Selbst Mathematiker verschätzen sich.» Text: Tim Schröder

Viele Länder wurden vom schnellen Anstieg der Covid-19-Fallzahlen überrumpelt. Mathematiker Helmut Harbrecht über die mathematischen Grundlagen des exponentiellen Wachstums – und warum man es sich nur schwer vorstellen kann. Während der Corona­Pandemie tauchte immer wieder der Begriff des ex­ ponentiellen Wachstums auf. Unter Wachstum kann sich jeder etwas vorstel­ len. Mit dem Begriff «exponentiell» ist es schon etwas schwieriger … HELMUT HARBRECHT: Beim exponentiellen Wachstum geht es schlicht darum, dass etwas in einer festen Zeiteinheit um ei­ nen bestimmten Faktor zunimmt. Bei Corona geht es um die Zunahme der Zahl Infizierter innerhalb einiger Tage. Weil man mit dem exponentiellen Wachstum im Alltag nur selten konfrontiert ist, hat man meist keine wirkliche Vorstellung davon, wie unglaublich schnell dieses Wachstum sein kann. UNI NOVA: Hätten Sie ein Beispiel, mit dem es anschaulicher wird? HARBRECHT: Das klassische Beispiel ist eine indische Sage, nach der ein weiser Mann vor vielen hundert Jahren das Schachspiel erfand. König Sher Khan war so begeis­ tert, dass er den Weisen zu sich rufen liess und ihn fragte, was er sich als Beloh­ nung wünsche. Der antwortete, dass der König einfach auf jedem Feld des Schach­ bretts die Zahl von Reiskörnern verdop­ peln solle – beginnend mit einem Reis­ korn auf dem ersten Feld. Der König lachte über die scheinbare Einfalt des Weisen. Doch sein Schatzmeister wurde unruhig, weil ihm klar wurde, was das bedeutet: Auf das zweite Feld kamen zwei Körner, auf das dritte vier, auf das vierte acht und so weiter. Wenn man auf dem 25. Feld ankommt, sind es bereits mehr UNI NOVA:

als 1,6 Milliarden Reiskörner. Und zum Schluss sind es weit mehr Reiskörner, als auf der Erde vorhanden sind. Die benö­ tigte Anzahl Reiskörner ist grösser als 1019, was einer Eins mit 19 Nullen ent­ spricht. UNI NOVA: Und wie verhält es sich mit dem exponentiellen Wachstum bei Corona? HARBRECHT: Da ist es etwas komplizierter. Fachleute gehen davon aus, dass eine Ge­ neration vier Tage dauert. Ein infizierter Mensch steckt ungefähr 3,5 andere an, sofern die Bevölkerung noch nicht im­ mun ist. Nach vier Tagen sind es 3,5 Perso­ nen, die dann wiederum innerhalb von vier Tagen je 3,5 weitere anstecken: Also 3,5 mal 3,5, was 12,25 ergibt. Diese stecken wieder je 3,5 Personen an. 12,25 mal 3,5 sind fast 43 Neuinfizierte nach 12 Tagen. Und dann geht es weiter wie beim Schach­ spiel. Erstaunlich ist, dass sogar ich als Mathematiker mich beim exponentiellen Wachstum verschätze. Irgendwann sind die Zahlensprünge so gross, dass man bei der Grössenordnung komplett daneben­

Helmut Harbrecht ist seit 2011 Professor für computergestützte Mathematik an der Uni­ versität Basel.

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liegt, wenn man nur einen einzigen Schritt vergisst. Das Gehirn des Menschen ist da­ für einfach nicht geschaffen. UNI NOVA: Also können Nicht­Mathemati­ ker beruhigt sein, wenn sie sich so schwer damit tun? HARBRECHT: Es ist tatsächlich so, dass auch viele Studentinnen und Studenten mit der mathematischen Beschreibung des expo­ nentiellen Wachstums – der sogenannten e­Funktion – ihre Probleme haben. Hinzu kommt die Umkehrung der e­Funktion, der Logarithmus, der noch abstrakter ist. Für mich ist es immer sehr interessant zu erfahren, welches Wissen die Schüler mit­ bringen, bevor sie an die Universität kom­ men. Deshalb bin ich Beisitzer bei den mündlichen Maturprüfungen an der Kan­ tonsschule Olten. Da erfahre ich unmittel­ bar, was die Schülerinnen und Schüler können. Besonders froh bin ich darüber, dass das Können der Schüler trotz des Corona­Lockdowns vergleichbar ist mit dem vor der Pandemie. Was man zum Thema exponentielles Wachstum auf je­ den Fall mitnehmen kann, ist, dass eine Sache mathematisch sehr schnell sehr gross wird. UNI NOVA: Wo nützt einem diese Erkennt­ nis im Alltag, jenseits der Pandemie? HARBRECHT: Da könnte man beispielsweise die Zinseszinsrechnung nennen. Hier nimmt das Geld ebenfalls in einer fixen Zeiteinheit um einen festen Faktor zu, zum Beispiel um einen Zins von – wir sind mal optimistisch – zwei Prozent pro Jahr. Wenn Sie 100 Franken anlegen, ha­ ben Sie nach einem Jahr 102, nach dem zweiten 104,04 und nach dem dritten Jahr 106,13 Franken. Nach 35 Jahren hat sich die Geldeinlage verdoppelt. Natürlich ist es letztlich dann doch noch etwas kompli­ zierter, wenn man etwa die Inflation, Ge­ bühren und weitere Faktoren mit ein­ rechnet.

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Künstliche Intelligenz räumt auf. Die Zahl der Fotos und Videos, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens ansammelt, wächst ins Unermessliche. Um den Überblick zu behalten, müssen wir uns auf technische Lösungen verlassen. Dies birgt auch Nachteile.

Text: Yvonne Vahlensieck

F

ast acht Billionen (8 000 000 000 000) Fotos hat die Menschheit schon jetzt auf Smartphones, Computern und in der Cloud gespeichert – und jedes Jahr kommen mindestens weitere 1,5 Billionen dazu, schätzt die amerikanische Marktforschungs­ firma «Rise Above Research». Doch die meisten dieser Erinnerungen wird vermutlich nie wieder jemand anschauen. Denn Hand aufs Herz: Wer hat heutzu­ tage noch die Zeit, das ganze Material zu sichten und fein säuberlich zu sortieren? Zum Glück lässt sich diese lästige Aufgabe dele­ gieren, beispielweise an Apps, die Motive und Gesich­ ter erkennen, Fotoalben zusammenstellen oder die Bilder nach Kategorien geordnet ablegen. «Auf solche Dienste werden wir in Zukunft mehr und mehr an­ gewiesen sein», sagt Heiko Schuldt, Professor für

«Man nennt es zwar gerne künstliche Intelligenz, aber es steckt nicht viel Intelligentes dahinter.» Ivan Dokmanić

Computer Science am Departement Mathematik und Informatik der Universität Basel. Er beschäftigt sich mit der technischen Seite solcher Hilfsmittel: Wie kann man diese riesigen Datenmengen so speichern, dass man schnell darauf zugreifen kann? Und wie kann man effektiv und zielgerichtet in grossen Sammlungen suchen? Seine Forschungsgruppe hat in den letzten Jah­ ren ein neuartiges System entwickelt, das weit mehr kann, als Fotosammlungen zu verwalten. Die Multi­ media-Suchmaschine «vitrivr» durchforstet auch an­ dere Medientypen wie Videos und Audioaufzeich­ nungen. Dabei können die Nutzenden nicht nur mit Schlagworten arbeiten. «Man kann auch mit Skizzen, Tönen, Bewegungsabfolgen und vielem mehr in allen möglichen Medien suchen», so Schuldt. Mit «vitrivr» gewann das Basler Team in diesem Jahr einen Wett­ bewerb, bei dem es darum ging, möglichst schnell bestimmte Filmsequenzen in tausend Stunden Video­ material zu finden. Damit das System die Suchanfragen so schnell – idealerweise in Sekundenbruchteilen – durchführen kann, werden die Merkmale der Fotos und Videos wie etwa Farben, Formen und enthaltene Objekte offline extrahiert und in Form von riesigen Zahlen­ kombinationen in einer Datenbank abgespeichert. Bei der Online-Suche verwandelt der Computer die Suchanfrage ebenfalls in Zahlenmuster und sucht in der Datenbank nach Ähnlichkeiten. Viel Menschliches geht verloren «Der Computer sieht also nicht einen Sonnenunter­ gang, sondern nur einen Haufen Zahlen», sagt Ivan

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Dokmanić, Professor für Data Analytics am Departe­ ment Mathematik und Informatik. Er ist Experte für maschinelles Lernen – eine Methode, bei der ein Computer mithilfe von grossen Datensätzen darauf trainiert wird, ein Problem zu lösen. Da sich der Computer dadurch gewissermassen selbst die pas­ senden Algorithmen zusammenstellt, ist maschinel­ les Lernen ein wichtiger Schritt in Richtung künst­ liche Intelligenz (KI). Dokmanić erforscht den Einsatz von Maschinellem Lernen im Bildbereich, etwa um Bilder von höherer Qualität aus Computertomogra­ fien mit geringerer Strahlenbelastung zu rekonstru­ ieren. Nach ähnlichen Prinzipien funktionieren die Applikationen, die beim Finden und Sortieren von Fotos helfen: Sie haben ein Training mit Millionen von Fotos durchlaufen, die zuvor von Menschen mit Schlagworten versehen worden sind. Diesen Einsatz des maschinellen Lernens sieht Dokmanić allerdings eher kritisch: «Computer ler­ nen anders als Menschen. Man nennt es zwar gerne künstliche Intelligenz, aber es steckt nicht viel In­ telligentes dahinter.» Die automatisierten Systeme liefern zwar Resultate, die auf den ersten Blick Sinn ergeben. Trotzdem gehen viele Feinheiten verloren, vielleicht ohne dass wir es merken: Womöglich identifiziert die App ein unscharfes Foto als schlecht und zeigt es nicht an – dabei sind darauf die ersten Schritte unserer Tochter zu sehen. Oder anders­ herum: Das Programm weiss nicht, dass auf dem Strandfoto die Ex-Freundin zu sehen ist und das Bild deshalb nicht in die Kategorie der schönsten Ferien­ erinnerungen gehört. Und es gibt ein weiteres Pro­ blem: Sowohl Dokmanić als auch Schuldt weisen darauf hin, dass es Risiken birgt, wenn wir unsere persönlichen Daten unbesehen den verschiedens­ ten Foto-Apps und Cloud-Anbietern anvertrauen. «Diese Programme bieten zwar schöne Mehrwerte, aber der Preis, den man dafür bezahlt, kann sehr hoch sein. Eine gesunde Skepsis ist angesagt», so Schuldt. Mehr Transparenz ist nötig Ein besseres Verständnis für die Arbeitsweise solcher Programme findet auch der Psychologe Florian Brühl­ mann wichtig. «Moderne Algorithmen, die bei maschi­ nellem Lernen eingesetzt werden, sind eigentlich eine Blackbox, bei denen die Nutzenden nicht nachvollzie­ hen können, wie Entscheidungen getroffen werden», sagt der Leiter des Forschungsschwerpunkts MenschMaschine-Interaktion der Universität Basel. Deswegen gibt es auch schon Forderungen, dass solche Algorith­

«  Diese Programme bieten zwar schöne Mehr­ werte, aber der Preis, den man dafür bezahlt, kann sehr hoch sein.» Heiko Schuldt

men bestimmte ethische Kriterien wie Zuverlässig­ keit, Fairness und Transparenz erfüllen sollen. Vor allem der letzte Punkt interessiert Brühl­ mann und seinen Mitarbeiter Nicolas Scharowski: «Wir suchen nach Methoden, um das Verhalten und die Entscheidungen von künstlicher Intelligenz für Menschen nachvollziehbar zu machen. Dies ist umso schwieriger, je komplexer die Systeme werden. Selbst Programmierer wissen dann nicht mehr, was genau in der Blackbox abläuft.» Neuere Forschung zeigt aber, dass es möglicherweise nicht nötig ist, alles bis ins kleinste Detail zu verstehen – hilfreich kann es beispielsweise schon sein, die relevantesten Ent­ scheidungskriterien zu kennen oder den Nutzenden einen Hinweis zu geben, was sie bei der Anfrage än­ dern könnten, um ein anderes Ergebnis zu erhalten. Wie und ob solche Erklärungen in Alltagssprache tatsächlich für mehr Transparenz und Vertrauen in Algorithmen sorgen, möchte Brühlmann in den nächsten Jahren in mehreren Studien evaluieren. Wie gehen eigentlich die Experten selbst mit ihrer privaten Datenflut um? «Vielleicht sollte man es wa­ gen, die Realität unmittelbar zu geniessen, anstatt endlos Bilder zu knipsen», sagt Ivan Dokmanić, fügt aber hinzu, dass das auch ihm sehr schwerfällt − an­ gesichts der Tatsache, dass Smartphones süchtig machen. Florian Brühlmann versucht, die Fotos zeit­ nah zu sichten und sich gleich die Favoriten zu mar­ kieren, die er später nochmals anschauen will. Heiko Schuldt hingegen speichert seine Bilder meist unge­ sehen (aber nicht in der Cloud!) ab. Wenn er etwas wiederfinden will, kann er ja auf das von ihm selbst mitentwickelte Suchprogramm zurückgreifen.

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Dossier

Besser sparen. Text: Martin Bornhauser

Wer Geld anlegt, will sein Vermögen vergrössern – etwa im Hinblick aufs Alter. Aktien versprechen höhere Erträge als ein Sparvorsorgekonto. Bei Säule-3a-Fonds sollte man aber auf Gebühren und Transparenz achten. Ist man jung, hat man meist andere Prio­ ritäten, als sich mit der Pensionierung zu beschäftigen. Schliesslich ist diese noch weit weg. Doch es lohnt sich, wenn man sich frühzeitig mit seiner privaten Vor­ sorge befasst – gerade weil es sich um ei­ nen langen Zeitraum handelt, während dem man das Geld für sich arbeiten las­ sen kann. Zusätzlich gilt: «Es macht einen grossen Unterschied, ob ich mein Kapital für ca. 36 Jahre auf einem Sparkonto mit 0,5 Prozent Zins liegen lasse oder ob ich mit einem Aktienfonds im Durchschnitt jährlich 6 Prozent verdiene», sagt Jacque­ line Henn, wissenschaftliche Mitarbeite­ rin an der Professur für Finanzmarktthe­ orie der Universität Basel. «Im ersten Fall werden aus 10 000 Franken nach 36 Jah­ ren ca. 12 000 Franken; im zweiten Fall über 80 000 Franken.» Der Grund liegt im Zinseszinseffekt; dank ihm wächst das Vermögen exponentiell (vgl. Seite 23). Die sogenannte «Rule of 72» berech­ net, nach welcher Zeit sich das Vermögen verdoppelt. Dazu wird die Zahl 72 durch die jährliche Rendite geteilt; bei einem Zinssatz von 6 Prozent dauert es zwölf Jahre, bis sich das Kapital verdoppelt hat. Stetiges Wachstum der Kurse vorausge­ setzt, was allerdings nicht der Realität entspricht: An den Aktienmärkten kommt es regelmässig zu Rückschlägen. Dies dürfte auch der Grund sein, wieso viele Menschen zögern, in Aktien zu in­ vestieren: «Menschen gewichten Verluste deutlich höher als Gewinne», sagt Henn dazu. So profitierten sie nicht von den

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durchschnittlich höheren Renditen der Aktien. In der Schweiz besteht mit der Säule 3a für Erwerbstätige mit AHV­pflichtigem Einkommen die Möglichkeit, jährlich ei­ nen Betrag in die private Vorsorge einzu­ zahlen. 2021 sind es maximal 6883 Fran­ ken, die steuerabzugsfähig sind. Dies gilt für Personen, die einer Pensionskasse angehören. Selbständige ohne 2. Säule können pro Jahr bis zu 20 Prozent des Nettoeinkommens oder maximal 34 416 Franken in die Säule 3a investieren. We­ der Maximalbeiträge noch Steuerabzüge gibt es in der freien Vorsorge, der Säule 3b, wo das Kapital jederzeit verfügbar ist und die allen offensteht. Henn rät zu mehreren Säule­3a­Konti. «Das ist vorteilhaft, da beim Bezug der Gel­ der Steuern anfallen, die unabhängig vom Einkommen sind und progressiv anstei­ gen», sagt die Finanzexpertin, die an der Universität Basel einen Weiterbildungs­ kurs in «Personal Finance» anbietet. Das Vorsorgevermögen dürfe frühestens fünf Jahre vor der Pensionierung bezogen wer­ den. Habe man beispielsweise fünf Vorsor­ gekonti, könne man jedes Jahr eines auflö­ sen und so Steuern sparen, erläutert Henn. Vorsorgekonto oder Vorsorgefonds Grundsätzlich besteht in der Säule 3a die Wahl zwischen einem Vorsorgekonto mit zurzeit etwa 0,1 Prozent Zins oder einem Vorsorgefonds. Zudem bieten Versiche­ rungen Vorsorgelösungen an, die die Risi­ ken Tod und Invalidität versichern. Investiert man in einen Fonds, gilt es, den Anlagehorizont zu berücksichtigen. «Je jünger man ist, desto mehr profitiert man vom Zinseszinseffekt und desto mehr Risiken kann man tragen. Beispiels­ weise kann man bei einem langen Zeit­ horizont nach einem Aktiencrash den

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nächsten Aufschwung abwarten», sagt Henn. Ab 50 Jahren solle man hingegen beginnen, die Aktienpositionen langsam zu reduzieren und so das Risiko zu ver­ mindern. Gebühren vermindern die Rendite Zu beachten sind bei Fonds jedoch die Gebühren und die oft fehlende Transpa­ renz: Viele Säule­3a­Fonds investieren in Aktien sowie in andere Wertschriften, weisen aber nur die Aktienquote aus und allenfalls die grössten Positionen. Zudem sind solch aktive Vorsorgefonds, die häu­ figer Aktien und andere Wertpapiere kau­ fen und verkaufen, oft teuer: Sie verrech­ nen jährlich laufende Kosten von bis zu 1,5 Prozent, unabhängig von der Perfor­ mance. Dazu können noch weitere Belas­ tungen wie eine Ausgabe­ und Rücknah­ mekommission kommen, was die Rendite weiter schmälert. Es ist daher zielführender, passiv in­ vestierende Vorsorgefonds auszuwählen, die Aktienindizes nachbilden und meist billiger sind. Dann partizipiert man an der Performance des Aktienmarkts und ist nicht abhängig vom Anlageerfolg eines Portfoliomanagers. Und auch die Transpa­ renz über die eingegangenen Investments ist dann vorhanden.

Jacqueline Henn Overbeck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der Abteilung Finanzmarkttheorie der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.


Dossier

18,4 %

Jahr 2020

11,7 %

Mehr depressive Anzeichen Umfrage mit mehr als 10 000 Teilnehmenden aus der gesamten Schweiz. Zunahme der Angaben schwerer depressiver Symptome innerhalb des Jahres 2020.

+13 min Nov.

9,1 % Mai 3,4 %

April

Mehr Unterstützung

Feb. 2,2 ×

Mehr Schlaf Trotz durchschnittlicher Zunahme der Schlafdauer um 13 Minuten verringerte sich die gefühlte Schlafqualität von über 400 Studienteilnehmenden einer Umfrage.

2020

2019

Youtube Zunahme täglich hochgeladener Videos zu «Selfcare» in der ersten Welle.

2,0 ×

2020 2019

Caritas Bis Ende 2020 wurden über 10 000 Beratungen durchgeführt.

1,5 ×

2020

Quelle: Universität Basel; infodrog.ch; Youtube Culture & Trends; Caritas; benevol­jobs.ch

2019

SafeZone Zunahme der aktiven Online­ Beratungen bei Suchtverhalten.

Die Psyche unter Druck Auch auf unser Wohlbefinden wirkte sich die Situation aus. Wir schliefen zwar mehr, aber nicht mehr so gut wie vor der Pandemie. Die Psyche litt zunehmend und niederschwellige Beratungsangebote waren gefragt. Wir merkten aber auch, dass wir uns um andere kümmern müs­ sen, die Unterstützung brauchen.

+ 28 %

2020 | 7106 Freiwillige 2019 | 5559 Freiwillige Mehr Unterstützung Anstieg der Freiwilligenarbeit beim Schweizer Netzwerk «Benevol».

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Das TausendsassaProtein. Vor 30 Jahren machte Michael N. Hall mit seinem Team eine grosse Entdeckung. Mit weitreichenden Folgen. Erst nach vielen Rückschlägen kamen Erfolg und Anerkennung.

Text: Angelika Jacobs

D Michael N. Hall kam 1987 als Assis­ tenzprofessor ans Biozentrum der Universität Basel, wo er seit 1992 als Professor für ­Biochemie lehrt und forscht.

as hier», Michael N. Hall tippt auf das Blatt Papier vor ihm, auf dem er gezeichnet hat, «ist Leben.» Es zeigt einen Kreis, aus dem zwei und dann vier Kreise werden. «Wir sind das Produkt einer ungebrochenen Linie von Zellteilungen seit dem ersten Einzeller.» Die Zeichnung zeige aber ei­ gentlich zwei überlagerte Prozesse, nur wurde einer davon lange nicht beachtet: das Zellwachstum. Zell­ teilung ohne Wachstum würde zu immer kleineren Zellen führen und daher nicht funktionieren. An diesem Augustnachmittag in seinem Büro im neuen Biozentrum sitzt ein bedächtiger Mann, dem sein Ruhm nicht zu Kopf gestiegen ist. Vor 30 Jahren entdeckte Hall mit seinem Team das Bindeglied zwi­ schen Nährstoffzufuhr und Zellwachstum. Wie sehr er kämpfen musste, um die Forschungsgemeinschaft von seiner Entdeckung zu überzeugen, ist heute schwer zu glauben. Sie legte eine wichtige Basis für die Behandlung von Krebs, Diabetes, Depressionen und womöglich Alzheimer. Rätselhafte Wirkstoffe Am Anfang stand eine Gruppe neuer Wirkstoffe, die in den 1980er-Jahren Organtransplantationen zum Durchbruch verhalfen. Sie hemmten die Vermeh­ rung von Immunzellen und verhinderten so, dass der Körper das Spenderorgan abstösst. Wie diese neuen Immunsuppressiva wirkten, war jedoch unklar. Hall kam 1987 ans Biozentrum, doch anfangs ging es mit seiner Forschung nur schleppend voran. Er brauchte bald ein neues Projekt für seinen Mitar­ beiter Joe Heitman. Da weckten die neuen Immun­

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suppressiva dessen Interesse. Hall organisierte also die Wirkstoffe, darunter Rapamycin. Um die Wirk­ weise zu entschlüsseln, setzten die Forscher auf Hefe­zellen – ein damals radikaler Ansatz. «Viele hiel­ ten uns für verrückt, menschliche Medikamente an Hefe zu verabreichen», erinnert sich Hall. Heute ist dieses Vorgehen gang und gäbe, denn Hefe ist ein­ fach zu handhaben und die meisten Zellmechanis­ men sind in Hefe und Mensch ähnlich genug, um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Schon die ers­ ten Experimente gaben Hall und Heitman Recht: Genau wie die Immunzellen, konnten sich die Hefe­ zellen mit Rapamycin nicht mehr teilen. Heitman suchte den «Schalter» in der Zelle, durch den Rapamycin die Zellvermehrung stoppt. Um Weihnachten 1990, kurz vor seiner Rückkehr in die USA, arbeitete Heitman noch fieberhaft an letz­ ten Versuchen und wurde fündig. Fast schon auf dem Weg zum Flughafen konnte er mit Sicherheit zwei Gene identifizieren, die für die Wirkung von Rapa­ mycin notwendig sind. Die Forscher nannten die Gene TOR1 und TOR2, wobei TOR für «Target of Rapa­ mycin» steht. Im August 1991 erschienen die Ergeb­ nisse in «Science». Bald darauf beschrieben andere Forschungsgruppen die Säugetiervariante von TOR, mTOR. Nach Heitmans Weggang verfolgte Halls Team die Fährte weiter. Anfangs lief es nicht gut. Die TORGene stellten sich als (für Hefe) ungewöhnlich gross heraus. Das machte sie schwer zu fassen. Schliesslich gelang es den Forschenden, die mühsam zusammen­ getragenen Ergebnisse zusammenzufügen: Die Auf­


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gabe von TOR schien es zu sein, die Zellteilung zu regulieren, und Rapamycin blockierte diese Funk­ tion. Das war jedoch ein Irrtum. Ein Geistesblitz in Wien Mit dieser falschen Hypothese funktionierten die nachfolgenden Experimente nicht. Michael Hall spricht von einer schwierigen Zeit. Der Durchbruch kam erst durch eine Einladung nach Wien im Jahr 1993. Der Zellzyklus-Experte Kim Nasmyth bat Hall, seine Ergebnisse an einem Seminar vorzustellen. Nasmyth war skeptisch, wusste Hall, dass TOR den Zellzyklus reguliert. «Ich war auf Attacken gefasst.» Aber die Konfrontation förderte einen wichtigen As­ pekt zutage: Zellen, in denen die bekannten Regula­ toren der Zellteilung ausgeschaltet werden, teilen sich nicht, werden aber grösser. Nicht so die Zellen mit gehemmtem TOR, die sich ebenfalls nicht teil­ ten, dabei aber gleich gross blieben. Das brachte Hall auf eine Idee: Was, wenn TOR nicht die Teilung, sondern das Wachstum der Zellen regulierte? «Das war, als hätte jemand plötzlich das Licht eingeschaltet.» Zurück in Basel, setzte sein Team die entsprechenden Experimente an. Mit der Zeit entschlüsselten Hall und sein Team, dass die beiden TOR-Proteine quasi Sensoren für Nährstoffe sind und über zwei Signalwege das Zellwachstum steuern. Sind Nährstoffe vorhanden, kurbelt TOR Prozesse an, die Zellbausteine produzieren. Parallel dazu hemmt TOR Abbauprozesse. Zellen müssen ein kritisches Volumen erreichen, um sich teilen zu können. Ohne das entsprechende Signal von TOR blieben die Hefe­ zellen jedoch immer gleich gross und teilten sich somit auch nicht mehr. Für Hall war klar, dass sie eine fantastische Entdeckung gemacht hatten: Wachs­ tum war kein passiv regulierter Prozess, wie bisher angenommen. Es wurde aktiv kontrolliert, und er und sein Team hatten den zentralen Regulator entdeckt. Die Fachwelt sah das zunächst nicht so. Sieben­ mal lehnten Fachjournale das Manuskript ab, bevor

«Das war, als hätte jemand plötzlich das Licht eingeschaltet.» Michael N. Hall

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es 1996 endlich im damals jungen Fachblatt «Molecu­ lar Biology of the Cell» akzeptiert wurde. Heute gilt das Paper als Meilenstein in der Zellbiologie. Hall hat inzwischen bedeutende Forschungspreise erhalten und zählt zu den Anwärtern für einen Nobelpreis. Aber aus seinen Erzählungen wird schnell klar, dass es kein Siegeszug war. Er habe Bücher geschrieben und sei von Konferenz zu Konferenz getourt, um im­ mer wieder zu erklären, dass Zellwachstum etwas anderes als Zellteilung meint. Im Labor blieben pha­ senweise die Ergebnisse aus, Mitarbeitende bangten um ihre Karriere, manche stiegen aus. «Für eine Weile waren wir Seefahrer auf einem Meer der Frus­ trationen und sind nur ab und zu auf Inseln der Ent­ deckung gestossen», meint der stoische 68-Jährige. Mittel gegen das Altern? TOR hat sich indes als wahrer Tausendsassa entpuppt. Blockiert man diesen Nährstoffsensor, gaukelt man Zellen vor, dass sie hungern. Deshalb stellen sie das Wachstum ein. In Krebszellen ist TOR oft überaktiv, deshalb sind TOR-Hemmstoffe wie Rapamycin wich­ tig für Krebstherapien. Auch mit der Lebensspanne könnte TOR zusammenhängen: Bereits 1935 entdeck­ ten Forscher, dass eine geringe Kalorienzufuhr die Lebenserwartung von Versuchstieren verlängert. In den 2000er-Jahren wurde klar, dass TOR-Hemmstoffe diesen Kalorienmangel simulieren und deshalb die Lebensspanne von Versuchstieren verlängern. «Schaut man sich die Verkaufszahlen von Rapamycin an, ist völlig klar, dass sich Leute selbst behandeln, in der Hoffnung, weniger schnell zu altern», so Hall. Eine klinische Studie mit Menschen hält er jedoch für unsinnig. «Altern ist keine Krankheit, die man heilen muss.» Das nächste grosse Feld medizinischer Anwen­ dungen sieht Hall jedoch im Gehirn. Etwa bei Alzhei­ mer, bei dem sich Proteinklumpen im Gehirn abla­ gern und die Nerven schädigen. TOR dort zu hemmen, würde womöglich den Abbau dieser schädlichen Proteinklumpen ankurbeln und den Verlauf der Krankheit bremsen. Bei Depressionen scheint TOR am Erfolg des schnell wirksamen Antidepressivums Ketamin mitzuwirken. Es aktiviert nämlich TOR und unterstützt dadurch den Aufbau von Nervenvernet­ zungen im Gehirn, die bei schwer Depressiven zu dünn ausfallen. «TOR bricht sich immer wieder Bahn in neue Gebiete», resümiert Hall. Er verdanke ihm ein fort­ während spannendes Forscherleben. Über den Nobel­ preis redet er indes nicht gerne. Es störe ihn nicht, wenn er ihn nie bekommen sollte – solange nicht dereinst auf seinem Grabstein stehe: «Hier ruht der Mann, der nie den Nobelpreis bekam.»

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Dossier

+ 5,6 %

+ 6,3 %

Industriestaaten

+ 4,6 %

Schwellen- und Entwicklungsländer

Eurozone

Übersicht nach Ländergruppen Veränderung des Bruttoinlandprodukts in Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

2019

Die Wirtschaft erholt sich Aufgrund der Corona-Krise erlebten viele Staaten eine Rezession von historischem Ausmass. 2021 brachte wieder Aufschwung. Allerdings warnte der Internationale Währungs­ fonds (IWF) im Juli, dass unter ­anderem der verzögerte Zugang zu Impfstoffen in Entwicklungs- und Schwellenländern die Erholung der dortigen Wirtschaft bremse. Die ­Ungleichheit nehme zu.

2020

2021 (Outlook April)

2021 (Update Juli)

Welt

2,8 – 3,2 6,0 6,0

Industrieländer

1,6 – 4,6 5,1 5,6

Schwellen- und Entwicklungsländer

3,7 – 2,1 6,7 6,3

Eurozone

1,3 – 6,5 4,4

Quelle: Internationaler Währungsfonds; World Economic Outlook

4,6

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Zwei Lager Im Juli 2021 aktualisierte der IWF seine Wirtschaftsprognosen vom April. Für 2021 geht der Fonds nach wie vor von einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 6 Prozent aus, allerdings spaltet sich die Erholung der Weltwirtschaft in zwei Lager: Für die Industrienationen hob der IWF seine Prognose um 0,5 Prozentpunkte auf 5,6 Prozent. Für die Schwellen- und Entwick­

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lungsländer senkte er seine Prognose um 0,4 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent. Als Grund für die Anpassungen nannte der IWF insbesondere Unterschiede im Zugang zu Impfstoffen und die damit verbundene schnellere oder langsamere Rückkehr zur Normalität. Trotz allem holen die Schwellenund Entwicklungsländer allmählich auf: Ihre Wachstumsraten übertreffen die der ­Industriestaaten.


Dossier

Übersicht Schweiz und ausgewählte Länder Europas

2019

2021 (Outlook April)

2020

Schweiz* – 3,0

Deutschland

Frankreich

Italien

Übersicht ausgewählte Länder weltweit

2021 (Update Juli)

2,2

– 3,5

3,4 7,0

China

1,8

Neuseeland*

Österreich

– 7,3

Brasilien

1,4 5,3 7,0

– 9,8 Schweden* –2,8

9,5

12,5

0,2 3,1 4,0

– 7,0

3,5

Grossbritannien

4,0

Südafrika

1,4

– 6,6

4,0

Indien 4,1 4,9

8,4 8,1

2,4

– 3,0

5,8 5,8 0,3

6,0

2,3

3,6 3,6

– 8,9

2021 (Update Juli)

3,5

– 8,0

Rückkehr zur Normalität Ein gut ausgestattetes Gesund­ heitssystem, gezielte Mass­ nahmen und rasche staatliche Hilfen federten den Einbruch der Schweizer Wirtschaft 2020 ab. Ebenfalls glimpflich kam Schwedens Wirtschaft davon. Das Land setzte zu Beginn der Pandemie auf Freiwilligkeit statt Verbote und ging damit

2021 (Outlook April)

2020

USA

1,1

0,6

– 4,8

2019

– 4,1

1,4 3,6

5,3

1,3 3,0

den sogenannten Sonderweg. Den Preis zahlte vor allem die ältere Bevölkerung. Dank beschleunigter Impfkampagnen werden weitere Lockdowns auch in anderen Ländern un­ wahrscheinlicher – die Wirt­ schaft in Europa kommt 2021 und 2022 stärker wieder in Fahrt, als der IWF es noch im April vorhersagte.

* Keine Werte für Juli 2021 vorhanden.

Entwicklungen weltweit Bleibendes Risiko durch Virus­ varianten. Starke Konjunktur­ programme und die rasch stei­ gende Impfquote verhelfen Industrienationen, allen voran den USA, zu guten Aussichten. Auf der anderen Seite zeigt sich in Indien, wie das Wüten einer neuen Virusvariante die Erholung ausbremsen kann: Der IWF stufte seine Prognose

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für Indien im Jahr 2021 von 12,5 Prozent auf 9,5 Prozent deutlich herunter. Zudem warnt der IWF, dass auch die Erho­ lung der Wirtschaft in Industrie­ nationen keine ausgemachte Sache ist, solange sich das Virus in Ländern mit niedriger Impf­ quote weiterhin leicht verbreiten kann und dabei neue, gefähr­ lichere Varianten entstehen können.

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Dossier

Gewichtige Fragen. Immer mehr Menschen sind stark übergewichtig. Die Forscherin und Medizinerin Katharina Timper hilft: Sie berät und behandelt Betroffene in der Adipositas-Sprechstunde. Dabei muss sie manche Irrtümer richtigstellen. Text: Santina Russo

N

och vor knapp 50 Jahren hatten weltweit nur etwas mehr als drei Prozent der Menschen Adipositas, also starkes Übergewicht, defi­ niert als Body Mass Index (BMI) über 30 kg/m2. Heute sind es bereits 13 Prozent. In der Schweiz hat sich der Anteil von Menschen mit Adipositas innert 25 Jahren mehr als verdoppelt – rund jede zehnte Person ist mittlerweile betroffen. Das starke Übergewicht ist ein Hochrisikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankun­ gen, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Krebs und sogar Demenz. Aber wie entsteht Adiposi­ tas und wie lässt sie sich behandeln? Fünf Fragen und Antworten. Ist Adipositas ein Lebensstil oder eine Krankheit? Adipositas ist eine Krankheit, bei der erbliche und erworbene Faktoren eine Rolle spielen. Sie entsteht unter anderem durch fehlerhafte Prozesse im Ge­ hirn – genauer gesagt im Hypothalamus, einer der

«  Wir behandeln die Patientinnen und Patienten nicht, um sie äusserlich zu verändern. Es geht einzig darum, Risikofaktoren zu minimieren und Folge­erkrankungen zu verhindern.» Katharina Timper

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wichtigsten Schaltstellen für die Regulation des Energiegleichgewichts und der Nahrungsaufnahme. Dort verarbeiten spezialisierte Nervenzellen Signale aus dem Körper und senden diese an nachgeschal­ tete Nervenzellen in anderen Gehirnregionen. So regulieren sie in fein abgestimmten Prozessen den Zuckerstoffwechsel oder das Sättigungsgefühl. Da an diesen Vorgängen unzählige Zellen, Rezeptoren und Botenstoffe beteiligt sind, gibt es auch unendlich viele Möglichkeiten für Fehler. Wenn sich etwa ge­ wisse Nervenverbindungen nicht richtig ausbilden oder bestimmte Rezeptoren defekt sind, führt das zu Adipositas. Solche Fehler können entweder einen genetischen, also angeborenen Ursprung haben oder einen erworbenen, also durch die Umwelt und die Lebensumstände verursachten. Dabei ist wichtig, dass sich auch genetische Ausprägungen durch Um­ welteinflüsse verändern können. Wie stark bestimmen die Prozesse im Gehirn unser Essverhalten? Sehr stark. Das zeigen Versuche mit Mäusen anschaulich. Bestimmte Nervenzellen im Mäusegehirn lassen sich genetisch so verändern, dass man sie mit Laserlicht aktivieren kann. Wenn dann der Laser eingeschaltet wird, frisst die Maus. Wenn er ausgeschaltet wird, hört sie auf. Wenn er wieder an ist, frisst sie. Diesem Befehl aus dem Ge­ hirn kann sich der Organismus nicht entziehen. Ähn­ lich ist es bei uns Menschen: Wann und was wir es­ sen «wollen», wird von diesen Prozessen im Gehirn gesteuert, auf die wir nur sehr bedingt Einfluss ha­ ben. Auch darum sind Vorurteile gegenüber adipösen Menschen, insbesondere von Gesundheitsfachperso­ nen, nicht zielführend und sogar extrem schädlich. Denn die Stigmatisierung von Patienten mit Adiposi­ tas ist nicht nur Folge, sondern auch eine wichtige


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Ursache der Gewichtszunahme. Die wiederholte Ab­ wertung von aussen mündet in Selbstabwertung, was wiederum emotionales Essverhalten fördert und dazu führen kann, dass sich Betroffene sozial isolie­ ren. Darum ist es wichtig, dass wir umdenken und die biologischen Grundlagen dieser Erkrankung an­ erkennen.

Katharina Timper ist seit September 2021 Professorin und Forschungs­ gruppenleiterin am Departement ­Biomedizin sowie ­leitende Ärztin des Departements für Endokrinologie. Neben ihrer ­Forschung zu neuen Therapieansätzen berät sie als Leiterin der AdipositasSprechstunde des Universitäts­spitals Basel Be­troffene.

Wie stark ist Adipositas genetisch bedingt? Ver­ erbte Faktoren spielen sicher eine grosse Rolle. Wir kennen einige wenige Gene, die, wenn sie bestimmte Mutationen enthalten, zu einer Adipositas führen. Daneben gibt es unzählige weitere genetische Ein­ flüsse, die noch völlig unbekannt oder erst ansatz­ weise beschrieben sind. Auch sogenannte epigeneti­ sche Faktoren sind entscheidend. Auf diese Weise bestimmt etwa die Ernährung von Müttern während der Schwangerschaft und Stillzeit das spätere Essver­ halten des Kindes wesentlich mit. Wie lässt sich Adipositas behandeln? Wir unter­ stützen die Patientinnen und Patienten dabei, ihren Lebensstil zu ändern, sodass ein Gewichtsverlust möglich wird. Teil der Therapie ist immer eine Er­ nährungsberatung und ein individueller Trainings­ plan. Bei depressiven Patienten oder solchen mit emotionalem Essverhalten kann ein Coaching durch unsere Kollegen in der Psychosomatik sinnvoll sein. Bei Betroffenen, die angeben, ohnehin schon sehr wenig zu essen, hilft häufig eine Messung des Ener­ gie-Grundumsatzes. Denn viele Adipositas-Patienten und -Patientinnen haben einen extrem tiefen Grund­ umsatz von kaum über 1000 Kilokalorien pro Tag. Durch die Messung wird offensichtlich, warum das Abnehmen für sie so schwierig ist. Dieser Grundum­ satz lässt sich zwar nicht ändern, aber man kann mit körperlicher Aktivität zusätzliche Kalorien verbrau­ chen. Dazu bieten wir eine Palette verschiedener Bewegungsarten an, von Walken über Schwimmen bis zu Trampolinspringen und Klettern. Es hilft, dass die Betroffenen in Gruppen mit anderen AdipositasPatienten trainieren können und nicht im Fitnessstu­ dio neben schlanken, trainierten Leuten. Wichtig bei alledem ist: Wir behandeln die Patientinnen und Patienten nicht, um sie äusserlich zu verändern. Es geht einzig darum, Risikofaktoren zu minimieren und Folgeerkrankungen zu verhindern.

unterstützen. Wir verschreiben häufig ein Medika­ ment namens Saxenda®, das einem körpereigenen Hormon nachempfunden ist und das Sättigungs­gefühl erhöht. Nützlich ist es vor allem für Patienten, die fast andauernd ein Hungergefühl verspüren oder mit emotionalem Essverhalten oder Binge-Eating kämp­ fen, also exzessivem, übermässigem Essen. Viele kön­ nen damit zum ersten Mal entspannt abnehmen, ohne dass ihre Gedanken stets um das nächste Essen kreisen. Chirurgische Massnahmen sind vor allem bei Patienten sinnvoll, die schon viele Begleiterkran­ kungen haben, etwa Bluthochdruck, Schlafapnoe, Typ-2-Diabetes. Wichtig ist, sie zuvor gut auf die Ope­ ration und ihr Leben danach vorzubereiten und sie auch nach dem Eingriff engmaschig zu begleiten.

Zucker fürs Gehirn Kürzlich hat Katharina Timper gezeigt, dass nicht nur Nervenzellen, son­ dern auch eine andere Art von Gehirn­ zellen, die Astrozyten, eine Rolle bei der S ­ teuerung des Energiehaushalts spielen. Auch diese Zellen besitzen nämlich einen Rezeptor für das körper­ eigene Hormon GLP1, das als Vor­ lage für das Adipositas-Medikament Saxenda diente. In Versuchen mit ­Mäusen konnte Timper nachweisen, dass ein Ausschalten dieses GLP1-Rezeptors in den Astrozyten zu einer Verände­ rung des zellulären Stoffwechsels führte. Dies hatte einen positiven Einfluss auf den gesamten Organismus: Die ­Mäuse konnten nicht nur Zucker besser verwerten, sondern zeigten in Tests auch eine bessere Lernfähigkeit als Kontrollmäuse. «Damit haben wir eine Schnittstelle gefunden zwischen dem Zuckerstoffwechsel und der ­Gehirn­leistung», sagt Timper. Diesen Zusammenhang will die Forscherin mit ihrem Forschungsteam am Departe­ ment Biomedizin der Universität B ­ asel künftig genauer untersuchen.

Wann sind Medikamente oder chirurgische Massnahmen wie ein Magenbypass sinnvoll? Diese Massnahmen können die Änderung des Lebensstils

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Mein Arbeitsplatz

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4 1

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Mein Arbeitsplatz

Wolken, Regen, Schwebeteilchen.

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Manche Schwebeteilchen in der Luft beeinflussen Wolken und Niederschlag und spielen damit eine wichtige Rolle für Wetter und Klima. Allerdings ist unklar, ob die Teilchen, die die Bildung von Eiskristallen in Wolken und damit Niederschlag fördern, wiederum durch den Regen in die Luft gelangen und es somit einen Kreislauf dieser Partikel gibt. Dieser Frage gehen Umwelt­ forschende der Universität Basel auf den Grund. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, den Wasserkreislauf der Erde besser zu verstehen. Zudem können sie helfen, Wolken in Modellen besser zu repräsentieren und so die Vorhersage von Wetter und Klima zu verbessern.

Claudia Mignani ist Doktorandin am Departement Umweltwissen­ schaften. Annika Einbock ist im Bachelor­ studiengang Geowissen­ schaften.

Foto: Basile Bornand

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1 Claudia Mignani und Annika Einbock führen ihre Messungen auf dem Gelände der Messstation in Binningen bei Basel durch, die unter anderem Teil des Natio­ nalen Beobachtungsnetzes für Luft­ fremd­s toffe und des Messnetzes von ­MeteoSchweiz ist. 2 Für ihre Messungen wählen sie einen Zeitpunkt, wenn eine Kaltfront über die Messstation in Binningen hinwegzieht. 3 Mithilfe von zwei mobilen Instrumen­ ten sammeln sie Luftpartikelproben und erfassen im Zeitverlauf die Konzentration verschiedener Typen von Schwebeteil­ chen in der Luft vor und während einer regnerischen Phase. 4 Eines der mobilen Instrumente saugt Luft an und sammelt die enthaltene Parti­ kel in Wasser. Die Proben werden dann in sterile Gefässe umgefüllt und anschlies­ send im Labor auf Partikel analysiert, die die Eisbildung in Wolken fördern. 5 Die langen Messreihen an der Station, beispielsweise die Gesamtpartikelanzahl in der Luft, helfen den Forscherinnen, ihre ereignisbezogenen Messungen bes­ ser einzuordnen.

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Standpunkte

Müssen wir Gesetzen immer gehorchen? Wer gegen geltendes Recht verstösst, muss mit Konsequenzen rechnen. Welche Gründe gibt es, sich trotzdem nicht an Gesetze zu halten?

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m September 2020 demonstrierten Aktivistinnen und Aktivisten die nicht nur zufällig zu richtigen Entscheidungen führen und auf dem Berner Bundesplatz. Sie forderten vom Parlament, die die natürlichen Forderungen von Respekt, Fairness und schnell weitgehende Massnahmen gegen den Klimawandel zu Samaritertum einhalten. ergreifen. Da Kundgebungen auf dem Bundesplatz während der Nun kann es geschehen, dass in einer Demokratie Gesetze Session verboten sind, war die Demonstration bewusster politisch gelten, die Respekt, Fairness oder Samaritertum massiv verlet­ motivierter Ungehorsam gegen das Gesetz. Als ich die Aktion zen. Die Gesetze zur «Rassentrennung» in den USA oder das den Schweizerinnen bis 1971 vorenthaltende besuchte, sagte ein Herr zu mir, dass sich Stimmrecht sind Beispiele. Auch der die Aktivistinnen und Aktivisten mit dieser Raubbau an den natürlichen Ressourcen Aktion viele Sympathien verscherzten. lassen Respekt, Fairness oder Samariter­ Ich entgegnete, dass sie meine Sympathien tum vermissen, nämlich zukünftigen Ge­ hätten. Der Herr meinte empört: «Wir nerationen gegenüber. Der Ausschluss haben die beste Regierung der Welt!» Sein eines beachtlichen Teils der Schweizer Argument war offenbar, dass in einer star­ Wohnbevölkerung von demokratischer ken rechtsstaatlichen Demokratie wie der Mitbestimmung oder die fehlende Reprä­ Schweiz ziviler Ungehorsam keinen Platz sentation von Tieren in der Gesetzgebung hat. Stimmt das? sind weitere Beispiele. Überlegen wir, was gute Gründe sein Wenn Respekt, Fairness und Samari­ könnten, Gesetzen zu gehorchen. Ich tertum gute Gründe sind, Gesetzen zu fürchte, für die meisten Leute sind Erzie­ gehorchen, ist deren massive Verletzung hung, Konformismus und Sanktionen die ein ebenso guter Grund, ihnen nicht zu einzigen Gründe. Doch gibt es gute mora­ gehorchen, gerade in einer Demokratie. lische Gründe für den Gesetzesgehorsam. Eine Möglichkeit ist der zivile Ungehor­ Gesetzen soll man gehorchen, weil sie Markus Wild sam. Er ist ein Mittel der politischen alle als Freie und Gleiche respektieren. ist Professor für Philosophie. In seiner Forschung befasst er sich Kommunikation, dramatisiert schwere Weiter soll man ihnen aus Fairnessgrün­ mit der Philosophie des Geistes – Missstände und fordert im Namen von den gehorchen: Gesetze garantieren, dass unter anderem mit Intentionalität grundlegenden Werten schnelle, effek­ Lasten und Gewinne in einer Gesellschaft und Bewusstsein – sowie mit tive Änderungen. Er möchte mitteilen, gleichmässig verteilt sind. Und schliess­ Tier­philosophie und Tierethik. dass es ernst ist, die Zeit drängt, dass man lich ermöglichen sie es, den Schwachen bereit ist, die eigenen Interessen hintan­ unter die Arme zu greifen. Gesetze haben zustellen zugunsten einer übergeordne­ also Anspruch auf Gehorsam, wenn sie die natürlichen Pflichten von Respekt, Fairness und Samariter­ ten Sache. Das war und ist der Sinn des Klima-Ungehorsams wie bei der oben beschriebenen Demonstration. tum jedes Einzelnen auf die Ebene einer Gemeinschaft heben. Gesetzesgehorsam ist umso mehr angezeigt, wenn die Ge­ Auch Formen des Corona-Ungehorsams können Berechti­ meinschaft an der Einrichtung dieser Gesetze beteiligt ist gung haben, wenn sie im Namen von Respekt, Fairness und (durch Wahlen oder Abstimmungen). Und ich möchte ergänzen: Samaritertum und auf dem besten Stand unseres Wissens be­ Wenn dieser Vorgang auf dem besten Stand unseres Wissens gründet sind. Allerdings schneiden die Corona-Proteste unter diesem Gesichtspunkt im Vergleich zu den Klimaprotesten ver­ begründet ist. Eine Demokratie hat dann Anspruch auf Gesetzesgehorsam, mutlich weitgehend miserabel ab.  wenn ihre Entscheidungsprozesse auf Informationen beruhen,

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Standpunkte

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n einer Gesellschaft zu leben, in der alle nur jene Rechtsnor­ lungsfreiheit. Sie vermitteln jedem Individuum das Recht, eine men befolgen, die sie selber für gerecht halten oder die ihnen Meinung zu äussern – auch wenn die Äusserung erwiesen falsch im Einzelfall nützlich erscheinen, wäre wenig praktikabel. Es oder gesellschaftlich weitgehend wertlos sein mag. Weiter steht gibt also schon aus praktischen Überlegungen gute Gründe, wa­ es jeder Person frei, sich zu diesem Zweck mit anderen Men­ rum sich Rechtsbetroffene an rechtmässig – also in den dafür schen zusammenzuschliessen und bestehenden Unmut öffent­ vorgesehenen Verfahren – zustande gekommene Rechtsnormen lich kundzutun. Proteste von Menschen gegen Rechtsnormen, welche sie für ungerecht halten, sind halten sollten. deshalb von der Rechtsordnung nicht nur Auch wäre es mit zentralen Grundsät­ geduldet, sondern sie sind integraler Be­ zen unserer Verfassung wie etwa der Ge­ standteil derselben. Entsprechend ist es waltenteilung oder der Rechtsgleichheit rechtlich besonders problematisch, wenn nicht vereinbar, wenn Behörden nur die­ die Einschränkung von Meinungen oder jenigen rechtlichen Normen durchsetzen Versammlungen gefordert wird, weil die würden, die sie im Einzelfall für sinnvoll geäusserten Ideen für falsch oder wider­ oder gerecht befinden. Eine derartige sinnig befunden werden. Rechtsordnung könnte das Anliegen, dass Die Grundrechte setzen dem Gesetz­ sie vorsehbar sein soll, nicht erfüllen. geber und Rechtsanwender auch inhaltli­ Das heisst allerdings nicht, dass die che Grenzen. Sie sorgen so dafür, dass Rechtsordnung von den Rechtsbetroffe­ Behörden die Rechtspositionen des Ein­ nen eine bedingungslose Akzeptanz ein­ zelnen nicht übermässig einschränken. fordert. Ganz im Gegenteil: Gesetze, Ver­ Wo die oben genannten demokratischen ordnungen und gar die Verfassung dürfen und rechtsstaatlichen Strukturen nicht und sollen geändert werden. Eine Demo­ ausreichen, weisen die Grundrechte folg­ kratie zählt darauf, dass jede und jeder Raphaela Cueni lich staatliches Handeln in die notwendi­ die Rechtsordnung als die eigene akzep­ ist Postdoktorandin und Lehrbeauftragte für Öffentliches Recht. Im Rahmen gen Schranken. tieren kann. ihres Habilitationsprojekts arbeitet sie Die geltende Verfassungsordnung ist Um dieses Ideal der Selbstgesetzge­ zu Fragen der Transparenz von staatlichem also so ausgestaltet, dass sie ungerechtes bung zu verwirklichen, sind unterschied­ Handeln und befasst sich mit aktuellen Recht, das einen Widerstand rechtferti­ liche Mechanismen vorgesehen. Dazu Fragestellungen im Bereich der Kom­gen würde, so gut als möglich verhindert. zählen in der Schweiz Instrumente der mu­nikationsgrundrechte. Und zuletzt: Die Normen, die im Kontext demokratischen Mitwirkung wie etwa der Corona-Pandemie als ungerecht mo­ Volksinitiativen, aber auch die repräsen­ tative Demokratie oder föderalistische Strukturen. Die Rechts­ niert wurden, unterscheiden sich in der Dimension ihrer Unge­ ordnung sieht zudem Möglichkeiten vor, gerichtlich gegen be­ rechtigkeit fundamental von Konstellationen, in denen von ei­ stimmte Gesetze und Verordnungen vorzugehen oder sie im nem Gebot der Nichtanwendung krass ungerechten Rechts Zusammenhang einer konkreten Anwendung durch ein Gericht auszugehen wäre.  etwa daraufhin überprüfen zu lassen, ob sie mit der Verfassung vereinbar sind. Eine besondere Bedeutung kommt im kritischen Umgang mit bestehendem Recht auch den in der Verfassung garantierten Grundrechten zu, etwa der Meinungsfreiheit und der Versamm­

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Rückkehr der Natur. Texte: Cornelia Niggli Fotos: Christian Flierl

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Rund zehn Kilometer von Basel rheinabwärts liegt die Rheininsel im Naturschutzgebiet der Petite Camargue im Elsass. Ein durch die Universität Basel begleitetes Renaturie­ rungsprojekt soll das ehemalige Acker­ land zu einem sich selbst erhaltenden Wald­ und Wiesengebiet entwickeln. Auenlandschaften wie jene auf der Rheininsel sind selten in Mitteleuropa. Ohne Flut, Feuer oder grosse Pflanzenfresser müsste das Gebiet regelmässig gemäht werden, damit es nicht allmählich zum Wald wird. Denn dann würden Pflanzen­ und Tiergemeinschaften verschwinden, die auf offene Auenlandschaften spezialisiert sind. Im Rahmen eines Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Valentin Amrhein hielten deshalb 2018 Konik­Pferde und schottische Hochlandrinder auf der Insel Einzug. Seine Doktorandin Lilla Lovász unter­ sucht, wie sich das Weiden der Pferde und Hochlandrinder auf die Flora und die Fauna der Auenlandschaft und speziell den Bestand der Vögel auswirkt. Über mehrere Jahre hinweg beobachtet sie, wie sich das 32 Hektar grosse Gebiet dadurch ver­ ändert.

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Die Pferde und Hochlandrinder tragen Peilsender, damit Lovász verfolgen kann, welche Flächen die Tiere zur jeweiligen Jahres­ zeit wie stark nutzen. Zusätzlich erfasst Lovász in regelmässi­ gen Abständen den Vogelbestand. Anhand der gesammelten Daten untersucht die Zoologin den Zusammenhang zwischen dem Vorkommen der Vögel und dem Aufenthalt der Pferde und Rinder an bestimmten Orten auf der Insel. Im Austausch mit Valentin Amrhein wertet sie die Resultate laufend aus. (rechts)

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Album Zwischen Juni und August doku­ mentiert Lovász mit ihren Kol­le­ ginnen und Kollegen zudem die Pflanzenwelt der Insel, um die Veränderungen der Vege­tation durch den Renaturierungsprozess und den Einfluss der grossen Pflanzenfresser zu untersuchen.

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Album Damit sie die zu untersuchen­ den Stellen wiederfindet, hat Lovász Marksteine eingegra­ ben. Um die Daten vergleichen zu können, muss sie jeweils die exakt gleiche Stelle analy­ sieren. Da GPS­Daten von Messung zu Messung gering­ fügig variieren, sind sie da­ für zu ungenau. Die orange Farbe hilft, die über das Jahr häufig verwucherten Steine leichter wieder zu finden. Ins­ gesamt 80 solcher Steine liegen über die Insel verteilt. (links) Die Holzquadrate dienen als Rahmen, um die Vegetation auf einer festgelegten Fläche zu erfassen. Die Forscherin doku­ mentiert unter anderem die häufigsten Pflanzenarten und misst die durchschnittliche Wuchshöhe und die Dichte der Pflanzen. Dadurch hofft sie, den Einfluss der Pflanzenfresser auf die Vegetation bestimmen zu können.

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In den vier Jahren, seit Lilla Lovász auf der Rheininsel forscht, konnte sie bereits eine grosse Veränderung der Artengemein­ schaft feststellen. Vögel wie der Star oder die Feldlerche – deren Bestände in Europa aufgrund intensiver Landwirtschaft rück­ läufig sind – sind auf die Insel zurückgekehrt und können sich bislang halten. Lovász geht da­ von aus, dass dies in Zusammen­ hang mit der Ansiedlung der Konik­Pferde und Hochlandrinder steht. Diese wirbeln beim Grasen Insekten auf, die den Vögeln da­ durch zu leichter Beute werden.

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Lilla Lovász vom Departement Umweltwissen­ schaften untersucht an der Forschungs­ station Petite Camar­ gue Alsa­cienne die Auswirkung von Beweidung auf ­Vögel und Pflanzen der Auenlandschaft.

Valentin Amrhein ist Leiter der For­ schungsstation ­Petite Camargue Alsacienne und ­T itularprofessor für Zoologie an der Universität Basel.

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Trainieren fürs Herz. Bekannt ist, dass Sport und Bewegung den Blutdruck senken können. Welche Übungen dabei besonders effektiv sind, haben Basler Forschende im Rahmen einer Europäischen Initiative untersucht.

Text: Andreas Grote

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in zu hoher Blutdruck gehört noch immer zu den modernen Zivilisationskrankheiten. Ob­ wohl die Ursachen weitläufig bekannt sind: ein ungesunder Lebensstil mit Übergewicht, falscher Ernährung, zu wenig Bewegung, viel Stress oder Rau­ chen lassen den Blutdruck über die Jahre steigen. Oft unbemerkt. Obendrauf kommt dann möglicherweise noch eine genetische Veranlagung. Auf Dauer scha­ det das vor allem den Blutgefässen des Herz-Kreis­ lauf-Systems. So führt denn auch die Statistik mitt­ lerweile etwa jeden vierten Herzinfarkt auf einen zu hohen Blutdruck zurück. Experten schätzen gar, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre rund 60 Prozent der Bevölkerung weltweit an Bluthochdruck leiden werden. Zwar lässt sich Bluthochdruck medikamentös sen­ ken, doch das hat nicht selten unerwünschte Neben­ wirkungen zur Folge. Schon länger belegen Studien, dass auch regelmässige Bewegung einen positiven Einfluss auf den Blutdruck hat. Diese Untersuchungen orientieren sich aber an der Diagnose Bluthochdruck ganz allgemein und berücksichtigen nicht die Höhe des Blutdrucks, mit der die Patientin oder der Patient in die Therapie startet. Viel hilft viel Sportmediziner Henner Hanssen sucht mit seinen Kolleginnen und Kollegen am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel da­ her neue Wege, um mit körperlichen Übungen mög­ lichst effektiv den Blutdruck zu senken. Dafür haben sie erstmals zusammen mit Fachleuten der Europäi­ schen Gesellschaft für Präventive Kardiologie aus vor-

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handenen Metastudien analysiert, welche Trainings­ form bei welchem Blutdruck den grössten Effekt bringt. Das ermöglicht den Betroffenen ein für ihren Blutdruck individuelles Training. «Diese systemati­ sche Übersicht zur Studienlage ist die erste Untersu­ chung dieser Art weltweit», sagt Studienleiter Hen­ ner Hanssen. Grundsätzlich empfohlen wird für alle Trainings­ varianten moderat intensives Training von mindes­ tens 15 Minuten pro Tag, besser fünfmal 30 Minuten in der Woche. Moderat intensiv bedeutet, beim Trai­ ning leicht ins Schwitzen zu kommen, sich dabei noch gut unterhalten zu können oder bis 70 Pro­zent des maximalen Pulses zu kommen. So reduzierte in den Studien bei hohem Blut­ druck (≥ 140 mmHg systolisch und ≥ 90 mmHg dias­ tolisch) ein klassisches Ausdauertraining, also Wal­ king, zügiges Gehen, Velofahren oder Schwimmen, den Blutdruck im Schnitt um 7,4 mmHg systolisch oder 4,5 mmHg diastolisch. «Das ist aber nur ein Mit­ telwert, manche schaffen auch eine Reduktion deut­ lich über 10 mmHg», so Hanssen. Ausserdem zeigte sich in den Studien eine Abhängigkeit von Dosis und Wirkung: Je mehr jemand moderat intensiv trainiert, umso stärker fällt die Reduktion aus. Bei hoch-normalem Blutdruck (130–140 mmHg systolisch, 85–90 mmHg diastolisch) dagegen sorgt dynamisches Krafttraining für die beste Reduktion. Dynamisch bedeutet hierbei, dass das Training gegen einen Widerstand absolviert wird und sich der Mus­ kel dabei kontrahiert. Dies kann zum Beispiel Ge­ wichtheben sein, aber es reicht auch das eigene Körper­gewicht als Gegenpart, wie zum Beispiel beim


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Treppensteigen, bei Kniebeugen oder Liegestützen. Das brachte in den Studien eine Reduktion um 4 mmHg systolisch oder 3,4 mmHg diastolisch. Das Training muss Alltag werden Bei Personen, die noch einen normalen Blutdruck ha­ ben, aber durch starkes Übergewicht oder familiäre Vorbelastung ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck mitbringen, scheint isometrisches Krafttraining opti­ mal. Hierbei handelt es sich um Halteübungen wie beispielsweise Plank, Seitstütz oder auch – wenn die allgemeine körperliche Beweglichkeit eingeschränkt ist – ein Handkrafttrainer. Bei diesen Übungen wird der Muskel zwar belastet, spannt sich jedoch nur an und zieht sich nicht zusammen. Dies brachte in den Studien eine Senkung um 7,2 mmHg systolisch bezie­ hungsweise 2,6 mmHg diastolisch. «Im Prinzip bringen diese Übungen fast allen Patienten einen Vorteil», sagt Hanssen. Allerdings lässt sich eine stabile Reduktion des Blutdrucks frü­ hestens nach etwa vier bis acht Wochen nachweisen. Für das Ergebnis ist zudem entscheidend, wie gut der Patient mitmacht. Fährt er seine Anstrengungen zu­ rück, steigt auch der Blutdruck wieder, analog zu nicht eingenommenen Bluthochdruckmedikamen­ ten. «Das regelmässige Training muss also zum neuen Lebensstil werden, lebenslang», so Hanssen. Henner Hanssen und sein Mitarbeiter Lukas Streese arbeiten bereits am nächsten Schritt, der HyperVASC-Studie. Sie soll herausfinden, wie sich ein hoch-intensives Intervall-Training (HIIT) im Vergleich zum moderat-intensiven Training auf Blutdruck und Blutgefässe auswirkt. «Möglicherweise erkennen wir hier ein Potenzial, um den Blutdruck noch stärker zu senken.» Ärztliche Begleitung ist sinnvoll Nebenwirkungen seien vom Training im Gegensatz zur medikamentösen Therapie nicht zu erwarten. Allerdings: «Wenn man es allenfalls übermotiviert angeht und die Trainingsintensität zu früh steigert, dann leiden irgendwann Knochen, Gelenke und Seh­ nen», so Hanssen. Damit Patientinnen und Patienten es richtig anpacken und auch konsequent dranblei­ ben, wäre es wünschenswert, wenn die Ärztin oder der Arzt die Bewegung auf Rezept verschreiben könnte. «Doch dazu fehlt es in der Schweiz an Bewe­ gungstherapeuten.» Institute, die das anbieten, wie etwa das Departement Sport, Bewegung und Gesund­ heit der Universität Basel selbst, könne man derzeit an einer Hand abzählen. Derweil sollte man sich vor einer Bewegungstherapie in Eigenregie ärztlich un­ tersuchen und den Blutdruck bestimmen lassen.

Eine vierteljährliche Besprechung von allfälligen Schwierigkeiten bei der Trainingsumsetzung mit einer Ärztin oder einem Arzt ist ebenfalls empfehlenswert. Warum nun manche Trainingsformen effektiver den Blutdruck senken als andere, ist noch unbe­ kannt. Es gibt jedoch Hypothesen. «Generell ist es so, dass der Körper auf akute sportliche Belastung und Anstrengung mit einer Steigerung des Blutdrucks reagiert», sagt Hanssen. Durch das Training erhält der Körper dann im Ruhezustand einen Anreiz, den Blutdruck im Tagesverlauf niedriger zu halten. Hans­ sen rät daher, auch im Alltag Treppen zu steigen statt Lift zu fahren, den Bus zu nehmen statt das Auto und eine Station früher auszusteigen und zur Arbeit zu laufen. «Das senkt nicht nur den Blutdruck, sondern verbessert auch die Gesundheit der Gefässe.» Und natürlich ist ein niedrigerer Blutdruck nicht der ein­ zige Gewinn der regelmässigen Bewegung. «Training hat erwiesenermassen auch einen positiven Einfluss auf die allgemeine Fitness, die Fett- und Blutzucker­ werte und besitzt auch soziale Aspekte», gibt Henner Hanssen zu bedenken.

Je nach Blutdruckhöhe sind verschiedene Trainings­ arten besser geeignet, den Blutdruck zu senken.

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Robert, was steht denn da? Lesen wir ein Buch, fragen wir uns kaum, wie der Text zustande gekommen ist und ob er noch der Originalfassung entspricht. Im Rahmen textkritischer Ausgaben machen sich Editoren darüber Gedanken. Derzeit widmen sich Basler Forschende dem Gesamtwerk des Schweizer Autors Robert Walser. Text: Noëmi Kern

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st es ein Komma, ein Punkt oder doch Fliegen­ dreck? Derartige Entscheidungen zu treffen, ge­ hört zum Alltag, wenn man textkritisch arbeitet. Es kann bedeuten, dass man stundenlang über einer Textstelle in schwer lesbarer Handschrift brütet, um herauszufinden, was da steht. Da sind Akribie und Durchhaltewille gefragt. «Aber es lohnt sich. Es ist spannend, so tief in einen Text einzutauchen», sagt Matthias Sprünglin. Der Germanist hat darin jahrelange Erfahrung als Mitarbeiter an der Kritischen Robert-Walser-Aus­ gabe (KWA), die sich in der Entstehung befindet – seit 2007! Das vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützte Projekt der Universitäten Basel und

Titelblatt des Manuskripts zur Sammlung «Seeland» von ­Robert Walser.

Zürich widmet sich dem literarischen Schaffen des Schweizer Schriftstellers Robert Walser (1878 –1956). Ein Begriff ist er vielen am ehesten wegen seiner ­Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von Gunten». Sie machen allerdings nur einen sehr kleinen Teil seines Werks aus. Es reicht von Prosa über Lyrik bis zu kurzen szenischen Darstel­ lungen, sogenannte Dramoletten. «Zu Lebzeiten kannten ihn die Leute vor allem auch als Autor von Beiträgen in verschiedenen Zeitschriften – von Berlin über Zürich und Wien bis Prag. Kurzprosa war seine Paradedisziplin», weiss Sprünglin. Er war in den Feuilletons im gesamten deutschsprachigen Raum vertreten. Die KWA vereint, was von Robert Walsers Schrif­ ten noch vorhanden ist, darunter einiges, das bisher nie in einem Konvolut veröffentlicht wurde. Neue Wege geht man dabei in der Zusammenstellung von Walsers Texten, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind: Die einzelnen Artikel sind sortiert nach Zeitung respektive Zeitschrift – und darin wie­ derum nach Veröffentlichungsdatum. Matthias Sprünglin erklärt: «Dadurch kann man nachvollzie­ hen, wie und wann Walser zu einer Zeitschrift kam und wie sich die Beziehung zu ihr entwickelte.» Ins­ besondere die Weltkriege beeinflussten das europa­ weite publizistische Netzwerk Walsers massgeblich und zerstörten es letztendlich. Philologische Grundlagenarbeit Bis Ende September ist die Hälfte der Edition erschie­ nen, die rund 50 Bände umfassen wird. Das Projekt soll 2032 abgeschlossen sein. Die bisher massgebliche Ausgabe von Robert Walser stammt von Jochen Greven. Sie modernisiert die Rechtschreibung auf den Stand von 1970 und weist nicht nach, wo sie den Text berichtigt oder auf andere Textzeugen wie Manuskripte oder andere

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Forschung Auflagen zurückgreift. Weil er diese sogenannten Emendationen nicht deklarierte, sind Grevens Ein­ griffe für die Leser nicht nachvollziehbar und es bleibt unklar, wie der gegebene Text zustande kommt. Den­ noch: «Greven hat gute und wichtige Arbeit geleistet. Unsere Ausgabe gäbe es ohne die seinigen nicht.» Die wichtige Vorarbeit im Bereich der Mikrogramme leis­ teten Werner Morlang und Bernd Echte: Sie entziffer­ ten in ihrer Ausgabe «Aus dem Bleistiftgebiet» erst­ mals einen grösseren Teil der Mikrogramme. Ziel der KWA-Herausgeber ist es, einen authenti­ schen Text zu rekonstruieren und Rechenschaft dar­ über abzulegen, worauf er basiert und wie er herge­ stellt wurde – aufgrund des vorhandenen Materials. Biografisches interessiert die Editoren nur, soweit es für die Werkentstehung und -überlieferung von Be­ deutung ist. Neben der Textsicherung geht es darum, Robert Walsers Schreibprozess nachvollziehbar zu machen. Matthias Sprünglins Begeisterung und Faszination ist spürbar, wenn er sagt: «Die sogenannten Mikro­ gramme sind ein regelrechtes Entwurfsuniversum.» Walser notierte sie mit Bleistift auf verschiedene Papiere. «Die Schrift ist bisweilen so abstrakt, dass man nicht mehr von Buchstaben reden kann. Viel­ mehr sind es Silben, Schrift- und Wortbilder, die auch für geübte Leser nicht immer eindeutig zu ent­ ziffern sind.» Anhand der Transkriptionen kann aber auch ein Laie nachvollziehen, was auf den Blättern steht. Die Mikrogramme schrieb Walser zu fertigen Texten ab, ein zweistufiges Verfahren der Textge­ nese. Diesen Blick in Walsers Schreibwerkstatt macht die KWA zugänglich. Eine weitere Dimension der Mikrogramme ergibt sich aus den unterschiedli­ chen Textträgern. Walser schrieb sie zum Beispiel auf einen zerschnittenen Kalender oder einen HonorarBeleg des «Berliner Tagblatts». Diese Blattzusammen­ hänge sind in der KWA erstmals rekonstruiert. «Da­ durch ergeben sich interessante Beziehungen zwischen den Texten», so Sprünglin.

etwa die Möglichkeiten zur Datenspeicherung. «Als wir mit der KWA angefangen haben, brannten wir die Daten auf eine DVD. Das würde man heute nicht mehr machen», erinnert sich der Forscher. Es ist also nicht so einfach, für die Archivierung Formate zu wählen, die sich langfristig bewähren. «Was die Zu­ kunft bringt, wissen wir nicht. Aber wir machen, was wir können», beteuert er. Beim Druck ist die Langlebigkeit einfacher: Die Bücher der KWA werden auf säurefreies Archiv­ papier gedruckt. Man wird sie auch in 300 bis 400 Jahren noch lesen können. «Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass so schnell niemand mehr eine Gesamt­ ausgabe von Robert Walser in dieser Gründlichkeit machen wird und dass wir die Grundlagen legen müssen für viele Jahre», sagt Matthias Sprünglin. Das sei eine grosse Verantwortung.

Vorteile der Digitalisierung Für die Darstellung solcher und anderer textkriti­ scher Erkenntnisse bietet die Digitalisierung Vor­ teile. So lassen sich beispielsweise die digitalisierten Mikrogramme vergrössern und in eine Beziehung zur Umschrift setzen. Zudem entwickeln sich die digitalen Darstellungsformen laufend weiter. «Der zweite grosse Vorteil ist die Volltextsuche, die eine andere Herangehensweise an das Gesamtwerk er­ laubt», so Matthias Sprünglin, der nicht nur Germa­ nist, sondern auch Informatiker ist. Die rasche Weiterentwicklung von digitalen For­ maten hat aber auch ihre Tücken. Es verändern sich

Edition ist etwas Grundlegendes Verantwortung übernehmen sei ohnehin wichtig beim Edieren: Wählt man zum Beispiel bei Robert Walsers «Gedichten» den Erstdruck von 1909 oder den leicht veränderten Druck von 1919 als Textgrundlage, entscheidet man, welche Fassung man für authen­ tischer hält. Das beeinflusst die zukünftige Rezeption der Gedichte nachhaltig, ohne dass man letztendlich beweisen kann, dass man die richtige Grundlage ge­ wählt hat. «Der Leser muss sich am Ende auf den Herausgeber verlassen können.» Dieses Bewusstsein will Matthias Sprünglin weitergeben. Im laufenden Herbstsemester hält er erstmals ein Seminar zum Edieren von Robert Walser. «Es geht mir dabei einer­ seits darum, dass wir nicht nur im stillen Kämmer­ lein über den Texten brüten, sondern unser Schaffen nach aussen tragen, mit anderen darüber sprechen und uns immer wieder kritisch mit dem eigenen Tun auseinandersetzen.» Andererseits findet er, dass sich alle, die Litera­ turwissenschaft betreiben wollen, mit der Thematik der Textkritik auseinandersetzen sollten. Ein Text sei schliesslich nicht einfach da. «Er hat eine Überliefe­ rungsgeschichte, für die man sich nicht nicht inter­ essieren kann, wenn man sich für den Text selber interessiert», findet er. Textkritik reflektiere diesen Prozess und mache ihn besser nachvollziehbar. Sie sei damit eine wichtige Basis für literaturwissen­ schaftliches Arbeiten. Matthias Sprünglin will dazu motivieren, genau hinzuschauen und kritisch mit Texten umzugehen. Und ein bisschen hofft er auch, dass er die Freude und Faszination am textkritischen Arbeiten vermit­ teln und für Nachwuchs-Editoren sorgen kann. Da­ mit auch künftig Menschen stundenlang über einem Text brüten und genau wissen wollen, wie er entstan­ den ist.

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Eingewandert, weiblich, arm.

Das Dienstmädchen im weissen Häubchen hat ausgedient. Doch sind noch immer Menschen in fremden Haushalten beschäftigt – meist Frauen mit kleinem Lohn. Wie sich die bezahlte Hausarbeit im 20. Jahrhundert entwickelte, erforscht eine Basler Historikerin. Text: Christoph Dieffenbacher

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utzen, waschen, kochen, einheizen, Kisten schleppen, Kinder hüten und Kranke betreuen: Harte und anstrengende Arbeit und lange Tage mit wenig Ruhezeit prägten einst das Leben der Hausangestellten. Von morgens bis abends hatten sie sich zu Diensten zu hal­ ten, unter strenger Kontrolle und oft der Willkür der Herrschaft ausgesetzt. Neben den Haushalten des Bürgertums war Hilfs­ personal auch in Gewerbehaushalten oder auf Bauernhöfen beschäftigt. Spätestens um 1900 wurde bezahlte Hausarbeit vor allem zu einer Sache der Frauen. Allein in Basel gab es zeitweise Tausende von Wäscherinnen, Glätterin­ nen, Köchinnen, Zugeh- und Kinderfrauen, Helferinnen und Pflegerinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie aber kaum mehr öffentlich sichtbar: Dank neuer Ge­ räte wie Waschmaschine und Staubsauger wurde das Dienstmädchen scheinbar über­ flüssig. Gleichzeitig arbeiteten immer mehr Frauen ausser Haus.

Von Hausmädchen zu «Care Givers» Erst seit den 1980er-Jahren nahm die Ge­ sellschaft Migrantinnen als Dienstperso­ nal wieder deutlicher wahr. Zudem berich­ teten Medien und sozialwissenschaftliche Arbeiten vermehrt von «Care Givers» aus Osteuropa: Migrantinnen, die alte und kranke Menschen pflegen und bei ihnen oft auch wohnen. Doch der Eindruck, dass die bezahlte Hausarbeit in der Zwischen­ zeit ganz verschwunden sei, bestätige sich nicht, sagt die Basler Historikerin Jennifer Burri: «Die Jobs in den Haushalten setzten sich nach 1945 ohne Unterbrüche fort, machten aber auch einige Veränderungen durch.» So habe sich das Berufsbild differen­ ziert und eine Professionalisierung erfah­ ren. Jahrelang wurde versucht, mehr Schweizerinnen für die Haushaltslehre zu begeistern. Ein grosser Teil der Hausarbei­ terinnen kam jedoch weiterhin aus dem Ausland, entweder als Aufenthalterinnen mit Jahresbewilligung oder täglich als Grenzgängerinnen. Neu war in den 1960erund 1970er-Jahren die Beschäftigung von jungen Frauen als «Au-Pairs». Für ihre Dissertation wertet die For­ scherin zurzeit im Staatsarchiv Basel-Stadt 160 Dossiers der damaligen Fremdenpolizei

zwischen 1930 und 1980 aus. Damals kam knapp ein Drittel der Haushaltshilfen aus dem Ausland, die ersten aus dem benach­ barten Südbaden und dem Elsass. Nach 1945 nahm die Migration von Frauen aus Italien und Spanien, später aus Ex-Jugosla­ wien und der Türkei zu. Ihre Arbeitsbewil­ ligungen gingen jeweils über die Bürotische der kantonalen Fremdenpolizei, die auch vermerkte, wenn es etwa in Sachen Löhne und Arbeitsbedingungen Probleme gab. Am Freitag war Waschtag Diese Akten liefern denn auch wertvolles Material für die Historikerin, die hier kon­ krete Einblicke in den Arbeitsalltag des Dienstpersonals findet. Sie sei bei ihren Recherchen auf äusserst vielfältige For­ men von Hausarbeit gestossen – von der Festangestellten bis zur Zugehfrau, die nur gelegentlich aushalf. Arbeitgeber waren dabei nicht nur Familien aus dem vermö­ genden Bürgertum, sondern immer mehr auch aus mittelständischen Handwerksund Kleinbetrieben. Ein Detail am Rande: «Fast überall war der Freitag der Tag, an dem eine Frau von auswärts in die Häuser kam und die Wäsche machte.» Zu den Hilfen in den Haushalten ge­ hörten auch Au-Pairs aus dem In- und Ausland sowie «Praktikantinnen» in ei­ nem Haushaltslehrjahr. Zu tun hatten zwar alle genug, aber es gab auch Alterna­ tiven: Oft wechselten die Hausangestell­ ten von den Privathaushalten in Spitäler und Pflegeeinrichtungen, Hotels und Grossküchen, die bessere Löhne und re­ gelmässigere Arbeitszeiten versprachen. Nach wie vor blieb ihre Arbeit weitge­ hend unsichtbar. Detektivarbeit im Archiv Da die fremdenpolizeilichen Dossiers nicht nach Inhalt oder nach Namen, sondern jeweils nach Datum abgelegt sind, gestal­ tet sich Burris Arbeit ziemlich aufwendig, wie sie erzählt: «Ich muss im Archiv eine Kartonschachtel nach der anderen öff­ nen, bis ich auf Informationen über Haus­ personal stosse.» Dann stellt sie die Per­ sonendaten und Lebensläufe zusammen. Forschungsfragen ergeben sich: Woher kamen die Hausangestellten, wo arbeite­ ten sie, wie viel verdienten sie und wie lange blieben sie an ihren Stellen?

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Seit dem Ersten Weltkrieg bestand in ganz Europa dauernd ein hoher Bedarf an Hauspersonal. Schon früh war auch von einer «Überfremdung des Hausdienstes» die Rede. Einer von Burris Befunden ist die sehr hohe Fluktuation: Im Durch­ schnitt waren die Hausangestellten in Basel nur anderthalb Jahre an derselben Stelle beschäftigt. «Der ‹Hausdienst› galt mit der Zeit nicht mehr als modern», so die Historikerin. Zeitgenössische Quellen führen die häufigen Wechsel auch auf die allzu gros­se, oft unangenehme Nähe zur Herrschaft und auf die mangelnde Privatsphäre zu­ rück. Ein Stellenwechsel bot sich für die Haus­angestellten manchmal als die ein­ zige Möglichkeit an, sich zu wehren und die eigene Situation zu verbessern. Versteckte Arbeitsbiografien Mit ihrer Forschung möchte Burri der noch wenig bekannten Welt der weibli­ chen Hausangestellten zu mehr Sichtbar­ keit verhelfen, ihre versteckten Arbeits­ biografien ausleuchten. «Heute können zwar viele von uns noch Geschichten und Anekdoten aus ihrer eigenen Familie er­ zählen», sagt Burri, «etwa von einer Gross­ mutter oder einer Grosstante, die in jun­ gen Jahren als Köchin oder Kindermädchen nach Basel kam.» Aber es ist eine wenig untersuchte Berufsgruppe: Die bisherige Migrationsforschung etwa habe sich vor allem auf die männlichen Gastarbeiter konzentriert. Wie sieht die heutige Lage des Haus­ personals aus? Noch immer lasse sich ihre Arbeit mit den Eigenschaften «prekär, mo­ bil und weiblich» umschreiben, sagt Burri, die auch Gender Studies studierte und über die Geschichte der Prostitution in Basel geforscht hat. Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten gehörten heute noch im­ mer zu den Arbeitskräften mit den kleins­ ten Löhnen. Ihre rechtliche Absicherung sei zwar besser, aber immer noch nicht so gut wie jene anderer Angestellter. Denn im Gegensatz zu anderen Ländern wird in der Schweiz ein Haushalt rechtlich nicht als Arbeitsplatz anerkannt.

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Zeitalter der Digitalisierung

Die drohende Klima­ und Um­ weltkatastrophe ist das Resultat von sozialen Verhältnissen, die historisch gewachsen sind – und die überwunden werden können, so die These. Die Streifzüge durch die emanzipa­ torischen Kämpfe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts schär­ fen in diesem Buch die Sinne und ziehen Verbindungslinien, aus denen Neues erwachsen kann. Milo Probst ist Historiker an der Universität Basel und folgt in seinem Buch den Spuren früher Umweltaktivisten: auf der einen Seite ein anarchisti­ scher Aktivist und Schriftsteller, der Anfang des 20. Jahrhun­ derts in Buenos Aires für einen breiten Solidaritätsbegriff ein­ trat und dabei die Natur mitein­ bezog; auf der anderen Seite ein britischer Sozialist, der in den 1890er­Jahren Arbeiterinnen und Arbeiter zum Kampf gegen die Luftverschmutzung animie­ ren wollte. Ihre Geschichten verdeutlichen, dass so etwas wie eine universelle Menschheit nur durch gemeinsame Kämpfe, einen Prozess des sich mit­ einander Solidarisierens sowie einen Bruch mit einem System möglich ist, das Menschen sys­ tematisch entmenschlicht. An diesen Kontext knüpft das Kon­ zept «Umweltschutz der 99 %» an. Es sucht nach einem neuen Wir und bezieht dabei (fast) alle ein.

Sappho gilt als die erste Dichte­ rin der westlichen Welt und war zu Lebzeiten in politische Ränkespiele involviert. Sie gehörte dem Clan der Kleonak­ tiden an und hatte darin eine wichtige Rolle: Mädchen aus der ganzen Region um sich zu ver­ sammeln und auszubilden, um sie auf ihre Rolle als Ehefrauen vorzubereiten. Ihre Lieder dien­ ten dieser Ausbildung im um­ fassenden Sinn. Leider sind nur wenige ganz oder weitgehend erhalten, während die meisten nur fragmentarisch überliefert sind. Anton Bierl ist Professor für Gräzistik an der Universität Basel und hat einen erfrischend neuen Zugang zu Sappho ge­ schaffen. Er hat alle Liedfrag­ mente zusammengeführt und zeigt, worum es im verlorenen Kontext jeweils gegangen sein mag. So erhellen seine ausführli­ chen Anmerkungen und sein Nachwort, was man über Sap­ pho, ihre Familie, ihre Lebens­ welt auf der griechischen Insel Lesbos um das Jahr 600 v. Chr., ihre Rolle in ihrem Clan und die Beziehung zu den Mädchen in ihrem Kreis weiss.

Wie lassen sich fünf Jahrhun­ derte Frauengeschichte erzäh­ len? Die Historikerin Caroline Arni beginnt mit ihrer Gross­ mutter. Darauf folgen elf poeti­ sche Porträts bekannter und weniger bekannter weiblicher Persönlichkeiten von der Refor­ mation bis ins 20. Jahrhundert. So individuell und singulär die Lebensgeschichten der hier porträtierten Frauen sein mögen, zusammen geben sie Einsicht in die Weltgeschichte. Nicht alle dargestellten Frauen erfuhren dasselbe Unrecht, kämpften für die gleichen Ideale, jede hatte ihre eigenen Träume. Immer aber handeln ihre Lebensläufe vom grossen Ganzen: von Arbeit, Kunst und Demokratie, von Revolution, Liebe und Ideen. Caroline Arni ist Professorin für Allgemeine Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts an der Universität Basel. Illus­ triert wird ihr Buch von der Künstlerin Karoline Schreiber, die sich den Frauen mit ihren Zeichnungen nähert. Die Skiz­ zenhaftigkeit ihrer Bilder lässt erahnen, dass die Spuren, die ein Leben in den Archiven und Geschichtsbüchern hinterlässt, unterschiedlich deutlich sind – besonders jene von Frauen.

Der Schweizer Industriesektor hat durch seine zunehmende Spezialisierung auf High­Tech und auf wertschöpfungsinten­ sive Tätigkeiten wie Material­ beschaffung, Produktion und Fertigung zum hohen Wohl­ stand des Landes beigetragen. Bei neuen Megatrends, wie intelligenten Industrieprodukten und dem Internet der Dinge, scheint die Schweiz jedoch nicht zur internationalen Spit­ zengruppe zu gehören. Hier könnten neue digitale Technolo­ gien zu einer «Disruption» die­ ser Schweizer Erfolgsgeschichte führen. Dr. Christian Rutzer und Prof. Dr. Rolf Weder forschen an der Wirtschaftswissenschaftli­ chen Fakultät der Universität Basel zu Internationalem Han­ del und Europäischer Integra­ tion. Sie zeigen mit ihrem Buch auf, was es aus unternehmens­ strategischer Sicht zu berück­ sichtigen gilt, damit (kleine und mittlere) Industrieunternehmen auch in der neuen, digitalen Welt erfolgreich sein können. Zudem machen sie wirtschafts­ politische Vorschläge, um den Industriestandort Schweiz fit für das Zeitalter der Digitalisie­ rung zu machen.

Anton Bierl Sappho: Lieder Reclam Verlag, Stuttgart 2021 448 Seiten, EUR 14.80

Caroline Arni Lauter Frauen Echtzeit Verlag, Basel 2021 192 Seiten, CHF 32

Milo Probst Für einen Umweltschutz der 99 %. Eine historische Spurensuche. Nautilus Flugschrift, Hamburg 2021 200 Seiten, EUR 16

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Christian Rutzer, Rolf Weder De­Industrialisierung der Schweiz? Springer Gabler Verlag, Wiesbaden 2021 322 Seiten, CHF 39

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Essay

Wofür steht der Islam? Dies fragen sich viele Nichtmuslime angesichts der immer wieder bedenklichen Entwicklungen in der islamischen Welt. Der Versuch einer Antwort.

Text: Maurus Reinkowski

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D

er Islam tritt immer dann besonders ins Be­ wusstsein von Nichtmuslimen, wenn Extre­ misten Schlagzeilen machen. Man denke nur an das vorübergehende Erstarken des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien in der Mitte der 2010er-Jahre. Oder an den raschen Fall des während zwei Jahrzehnten mit Milliardengeldern aufgebauten afghanischen Militärs im Sommer 2021 angesichts des Ansturms der Taliban, der «(Religions-) Schüler». Mit dem Islam verbindet sich auch 9/11, das sich im September zum zwanzigsten Mal jährte. Einige Hinweise sind angebracht: So waren die meisten Opfer des IS, einer letztlich vor allem nihi­ listischen Organisation, Musliminnen und Muslime im Irak und in Syrien selbst. Die so raschen Erfolge der Taliban verdanken sich einer verfehlten westli­ chen Aufbaupolitik in Afghanistan seit dem Jahr 2001. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 schwo­ ren die USA zwar Rache, aber ihre Politiker, darunter der damalige Präsident George W. Bush, wiesen zu­ gleich darauf hin, dass islamistisch gesinnte Terroris­ ten keineswegs mit dem Islam und den Musliminnen und Muslimen gleichzusetzen seien. Diese einordnenden Hinweise bedürfen aber selbst wieder der Einordnung: Dass der «Islamische Staat» schon gänzlich Geschichte ist, dürfen wir ­bezweifeln. Dass die Taliban in Afghanistan Dschiha­ disten aus aller Welt neues Heimatrecht gewähren werden, ist durchaus möglich. Dass mehrere Atten­

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täter des 9/11 jahrelang unbehelligt zusammen in Hamburg gewohnt hatten, wurde als Aufforderung dazu verstanden, die mit der Überwachung militan­ ter Islamisten betrauten Sicherheitsbehörden in ganz Europa um ein Vielfaches zu verstärken – und nebenbei ein aufmerksames Auge auf eine grosse Zahl von muslimischen Aktivitäten und Institutio­ nen allgemein zu werfen. Denn beriefen sich nicht die Attentäter des 9/11 auf ihre Religion und waren fest davon überzeugt, dass sie als Belohnung für ihre Tat ins Paradies eingehen würden? Wofür steht also der Islam? Die eine und einzige klare Antwort findet sich nicht in den vielen Büchern, die in den letzten Jahrzehnten über den Islam und seine politischen Ausdeutungen geschrieben worden sind. Die eine und klare Antwort findet sich auch nicht im Koran. Der Koran ist, wie das Alte Testament, eine grosse Fundgrube, in der sich mühelos zahlrei­ che Beschwörungen einer friedlichen und einer krie­ gerischen Gesinnung finden lassen. Der Islam steht demnach für vieles. Er steht neben Judentum und Christentum für eine der drei «abra­ hamitischen» Religionen, die alle drei – in ihrer jewei­ ligen, ihnen eigenen Sicht – auf Abraham als Urvater verweisen. Der Islam steht für einen mittlerweile über eineinhalb Jahrtausende gewachsenen, höchst reichen und äusserst vielseitigen Traditionsvorrat einer religiösen Kultur, die weite Gebiete Asiens, Afri­ kas und Europas geprägt hat und prägt. Der Islam


Essay

steht aber auch für die einzige politische Ressource, die die islamische Welt im Zeitalter der modernen Ideologien selbständig aus sich selbst heraus entwi­ ckelt hat – den Islamismus, also jene in den letzten fünfzig Jahren in der islamischen Öffentlichkeit so dominant gewordene Auffassung, dass politisches Handeln sich den Gesetzen der Religion des Islam unterzuordnen habe. Angesichts so vieler fehlge­ schlagener westlicher ideologischer Lehnprodukte wie Liberalismus, Marxismus oder Kapitalismus ver­ stehen viele Muslime den Islamismus als eine un­ schlagbar mächtige Identitätsressource – und er ist es ja in der Tat auch. Für die westliche Gesellschaft steht wiederum der Islam auch für demografische Ängste. Samuel Huntingtons These vom Clash of Civilizations hatte unter anderem deswegen eine solche starke Wir­ kung, weil er sie mit Hinweisen auf die demografi­ sche Entwicklung verband: Während der Anteil der im Westen lebenden Menschen an der Weltbevölke­ rung von fast 45 Prozent im Jahre 1900 auf ein Zehn­ tel im Jahr 2025 fallen wird, steigt die Bevölkerung der islamischen Welt im selben Zeitraum von weni­ ger als fünf Prozent auf ein Fünftel. Diese Zahlen lassen sich leicht in einen Bezug zu den Entwicklun­ gen im eigenen Land setzen: Lag der Anteil von Mus­ limen an der Bevölkerung der Schweiz im Jahr 1970 erst bei einem Viertel Prozent, so war er bereits um das Jahr 2000 auf 4,26 Prozent gestiegen, ein Anstieg also um mehr als das Fünfzehnfache. Auf eine gewisse Weise muss man also sowohl gegenüber den Panikmachern als auch gegenüber den Weichspülern Einspruch erheben. Der allergrösste Teil der Probleme, die die europäischen Gesellschaf­ ten mit dem Islam haben, sind Probleme, wie sie alle Migration aufnehmenden Gesellschaften immer wie­ der erlebt haben. Zugleich aber lässt sich nicht leug­ nen, dass die islamische Welt eine Phase einer beson­ ders gewalttätigen Selbstfindung durchläuft, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt der Be­ sorgnis, der selten zu Bewusstsein kommt. Bei unse­ rer Frage «Wofür steht der Islam» haben wir eigent­ lich ein «für uns» zu ergänzen. Die Frage nach der Bedeutung des Islam bringt nämlich in westlichen Gesellschaften eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Überlegen- und Unterlegenheitskomplexen her­ vor. Oft höre ich das Argument, die Muslime müssten erst noch ihr eigenes Zeitalter der «Aufklärung» erle­ ben – als ob die Welt von heute die Zeit hätte, den Film des 17. und 18. Jahrhunderts noch einmal in aller Ruhe abzuspielen. Neben diese Behauptung einer verstandesmässigen Überlegenheit tritt untergrün­

Maurus Reinkowski Professor für Islam­ wissenschaft, leitet seit 2010 den Fachbereich Nahoststudien an der Universität ­Basel. In den Jahren 2012 bis 2015 war er Vorsteher des Departements Gesellschaftswis­ senschaften.

dig ein Gefühl der Verunsicherung: Wenn wir näm­ lich als Nichtmuslime unser Unverständnis über den Islam zeigen, äussern wir letztlich auch ein Befrem­ den über uns selbst. Die in Europa vorherrschend gewordene Ferne zur Religion ist uns vertraut, aber im Verhältnis zur lebendigen Frömmigkeit (zumin­ dest wirkt sie auf die meisten als eine solche) der Musliminnen und Muslime erscheint uns das sonst so selbstverständlich und gerne getragene Kleid un­ serer Alltagssäkularität auf einmal mausgrau. Die Frage danach und die Debatte darüber, wofür der Islam steht, wird weitergehen, aber bevor wir immer wieder vergeblich versuchen wollen, den «wahren» Kern «des Islam» ausfindig zu machen, wäre es vielleicht keine schlechte Aufgabe, sich über sich selbst und sein eigenes Verhältnis zur Religion Gedanken zu machen. Eine islamkompensatorische neue Gläubigkeit soll hier nicht beworben werden, aber ein kurzes Innehalten und Nachdenken über sich selbst, Gott, die Welt und dann gerne auch über den Islam mag eine Aufgabe für die ruhige Zeit «zwi­ schen den Jahren» sein.

« Die Frage nach der Bedeutung des Islam bringt in westlichen Gesellschaften eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Überlegen- und Unter­ legenheitskomplexen hervor.» Maurus Reinkowski

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Porträt

Der Gradlinige. Text: Irène Dietschi  Foto: Andreas Zimmermann

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egen Ende unseres Treffens fischt Scott McNeil sein Handy aus der Tasche und hält es mir hin. «Das bin ich vor drei Jahren», sagt er, «ein ziem­ licher Adrenalin-Junkie». Das Bild auf dem Display zeigt einen Motorradfahrer in Aktion, Vollmontur von Kopf bis Fuss, die schwere Maschine so tief in die Kurve ge­ neigt, dass die Ferse des Mannes haar­ scharf über den Asphalt schrammt. McNeil lacht. «Das habe ich inzwischen aufge­ geben», sagt er. Zum einen hätten sich ­einige seiner Freunde bei den Motorrad­ rennen bös verletzt. Zum anderen werde er in ein paar Jahren 60. «Ich habe ein Enkelkind, ich habe Verantwortung – ich muss das Leben ruhiger nehmen.» Scott McNeil sitzt in seinem Büro und macht den Eindruck der Ruhe selbst. Grossgewachsen und athletisch, erklärt der 57-Jährige in bedächtigem Mid-WestAmerikanisch, weshalb er den Job in ­Basel unbedingt haben wollte: weil diese Pro­fessur ihm beträchtliche Forschungs­ freiheit gewähre; weil er in dieser Posi­ tion Grundlagendaten erarbeiten und so in einem «zukunftsweisenden Medizin­ bereich» etwas aufbauen könne; und weil es ihn und seine Frau einfach unheimlich gereizt habe, in der Schweiz zu leben. Vor einem Jahr ist Scott McNeil von der Universität Basel auf die erste von zwei Stiftungsprofessuren für Nanophar­ mazie berufen worden. Diese werden von der Vifor Pharma Gruppe finanziert – eine problematische Konstellation? Der For­ scher schüttelt den Kopf. «Ich bin froh, dass Sie das fragen», sagt er. Vifor könne ihm in seine Forschung nicht reinreden. Dafür habe die Universität mit dem Er­ richten einer «Firewall» gesorgt. McNeil bewegt sich seit fast 20 Jah­ren auf dem Feld der Nanomedizin, in den USA leitete er zuletzt ein Team von über

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30 Forscherinnen und Forschern. «Nano­ medizin ist zu einem grossen Teil Medika­ mente-Transport», erklärt er, «das heisst, biologische Kleinstpartikel, Nanopartikel genannt, werden dafür genutzt, um be­ stimmte Wirkstoffe gezielt in den Körper zu schleusen.» Doch die Nanomedizin kann viel mehr als «nur» Transportieren: Durch das Verpacken eines Wirkstoffmo­ leküls in einen Nanopartikel lässt sich die Pharmakokinetik verbessern. Das bedeu­ tet, «dass ein Medikament seine Wirkung länger und gezielter entfaltet», so McNeil. «Gleichzeitig lassen sich unerwünschte Nebenwirkungen reduzieren.» Scott McNeil erläutert dies anhand ei­ ner Krankheit, die ihn besonders interes­ siert: der lysosomalen Speicherkrankhei­ ten (LSK). LSK umfassen eine Gruppe von etwa 45 erblich bedingten Stoffwechsel­ störungen, denen ein bestimmtes Enzym fehlt. Dadurch werden in den Zellen nicht mehr benötigte Stoffwechselsubstanzen wie Makromoleküle, Lipide oder Nuklein­ säuren nicht abgebaut. Diese häufen sich an – und schädigen mit der Zeit Organe, Gewebe und auch das Hirn. Als Standard­ therapie erhalten Betroffene das fehlende Enzym per Infusion zugeführt. Das kann funktionieren – oder auch nicht. «Unser Körper ist sehr gut darin, fremde Substan­ zen zu erkennen», so McNeil, «und in vie­ len Fällen identifiziert er das zugeführte Enzym als ‹fremd›, das heisst, es entwi­ ckeln sich Antikörper.» Geschieht dies, «erinnern» sich die Immunzellen an das Enzym und neutralisieren es. «50 bis 90 Prozent der Patientinnen und Patienten entwickeln Antikörper gegen dieses Medi­ kament, das sie eigentlich retten sollte.» Die Therapie ist somit für einen Grossteil der Betroffenen wirkungslos. Sie sterben. McNeils Ansatz ist nun, das Enzym mit einer Art Tarnmantel zu versehen,

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der aus einem Nanolipid namens Poly­ ethylen-Glycol besteht. «Die Immunzel­ len, die in den Blutgefässen zirkulieren, können zwar hervorragend Proteine und Enzyme identifizieren, doch bei Lipiden gelingt ihnen dies viel weniger gut. Man kann sich das so vorstellen wie eine nasse Nudel, die hin- und herschlägt: das Immun­ system kriegt sie nicht zu fassen», so der Forscher. Über die Eigenschaften der Nano­ lipidhülle können die Forschenden steu­ ern, in welchem Gewebe des Körpers sich die Partikel ansammeln und mit den Mem­ branen der dortigen Zellen verschmelzen. Dabei entlassen sie die Enzyme ins Zellin­ nere, also dorthin, wo sie aktiv werden sollen. McNeil hat in Basel grosse Pläne – für LSK und für Krebstherapien, an denen er bereits die letzten 15 Jahre geforscht hat. Doch der US-Amerikaner hat nach dem Umzug in die Schweiz «from scratch», also ganz von null angefangen. Das Labor im Pharmazentrum gibt es erst seit Anfang August 2021 offiziell, seine Forschungs­ gruppe besteht zu diesem Zeitpunkt aus gerade zwei Personen: einem Postdokto­ randen und ihm selbst. «Ja, unsere An­ fänge hier waren etwas abenteuerlich», sagt McNeil und erzählt schmunzelnd, wie er und seine Frau im Juli 2020 in der Schweiz angekommen seien: ohne Bleibe, die Möbel gestrandet in Bremer­haven, ohne Deutschkenntnisse, mitten in der Pandemie. Nach drei Monaten fanden sie in Aarau ein Haus zur Miete. Dort gefalle es ihnen sehr gut, und die Pendelzeit von knapp 40 Minuten nach Basel sei völlig in Ordnung. Von null anzufangen und sich hoch­ zuarbeiten ist Scott McNeil gewohnt. Er stammt aus einer Arbeiterfamilie im USBundesstaat Oregon. «Als Jugendlicher habe ich mich oft geprügelt», erzählt er.


Porträt Scott McNeil ist seit dem 1. Juni 2020 Professor für Nanopharmaceutical and Regulatory Sciences an der Universität Basel. Zuvor leitete er das «Nanotechnology Characterization Laboratory» in Frederick, Maryland (USA), eine gemeinsame Institution des National Cancer Institute und der US-Arzneimittelbehörde FDA. McNeil ist verheiratet und Vater von sechs Kindern zwischen 20 und 28 Jahren sowie Grossvater eines Enkelkindes.

Scott McNeil hat im Sommer 2020 die erste von zwei Stiftungsprofessuren für Nanopharmazie übernommen. Der Umzug in die Schweiz inmitten der Pandemie war abenteuerlich, doch der US-Amerikaner hat Übung in Neuanfängen.

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Er habe damals viele Fehler gemacht – und daraus gelernt. Mit 20 liess er sich fürs Militär rekrutieren, als «Private», dem niedrigsten Dienstgrad der US-­Armee. So sei er zu einem Uni-Stipendium gekom­ men. McNeil studierte in Oregon Chemie und promovierte in Zellbiologie und Ana­ tomie, anschliessend forschte er drei Jahre als Postdoc auf Hawaii. Parallel dazu machte er militärisch Karriere. Aus «Pri­ vate McNeil» wurde bald «Officer McNeil», 20 Jahre insgesamt diente er in der US-Ar­ mee. 1991 wurde er in den Golfkrieg ent­ sandt. Als Offizier hat er sich durch unweg­ same, fremde Terrains geschlagen, liess sich fürs Training – «und zum Spass!» – un­ zählige Male mit dem Fallschirm am Rü­ cken aus Flugzeugen fallen und sammelte Erfahrungen im Nahkampf. «Das Militär, die Führungsaufgabe: Es formt den Cha­ rakter», sagt er. «Meine Soldaten wussten, dass sie sich zu 100 Prozent auf mich ver­ lassen konnten.» Fast 20 Jahre ist das her. Doch das Gradlinige, Beharrliche (auf Englisch: tena­ city) habe er aus seiner Armeezeit beibe­ halten und ins akademische Umfeld über­ tragen. Auch in die neue Aufgabe in Basel. «Mein Hauptziel ist, meine Expertise in der Nanomedizin der nächsten Genera­ tion verfügbar zu machen», sagt er. «Ich will s­ icherstellen, dass die Grundlagen­ forschung Fahrt aufnimmt und vermehrt in die Klinik gelangt.» Für Scott McNeil ist die Nanomedizin das nächste grosse Ding. Es sei Zeit, sagt er, dass sie bei den Patien­ ten ankomme.

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Nachrichten

Ausstellung

Botanik

Was wächst wo? Die Region Basel hat botanisch viel zu bie­ ten. Mit dem Projekt «Flora beider Basel» möchte die Universität Basel gemeinsam mit Naturschutzorganisationen eine aktu­ elle Übersicht über die lokale Pflanzen­ welt gewinnen. Das Engagement von Frei­ willigen ist dabei wichtig: «Wissenschaft und Naturschutz verfügen nicht über aus­ reichend Ressourcen, um verschiedenste Arten aufzusuchen und zu bestimmen», erklärt Ramon Müller, Geschäftsführer Flora beider Basel und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel. Die Untersuchung der Pflanzenwelt hat in Basel eine lange Tradition: Bereits 1622 erstellte der Basler Botaniker Caspar Bauhin eine der ersten Lokalfloren. Bis vor wenigen Jahrzehnten war die Verbrei­ tung der Basler Flora noch gut dokumen­ tiert, die letzte umfassende Kartierung fand in den 90er-Jahren statt. Seitdem sind Pflanzenarten verschwunden und neue eingewandert. «Mit dem Projekt wollen wir herausfinden, welche Pflan­ zen aktuell an welchen Standorten und in welcher Populationsgrösse vorhanden sind», so Müller. Nur wenn bekannt ist, welche Arten wo vorkommen, kann man sie gezielt schützen.

Für die Teilnahme an diesem Citizen-Science-Projekt sind zwar Grundkenntnisse notwendig, man muss aber nicht Botanikerin oder Botaniker sein.

Auf der Suche nach Fritz Platten.

Das Leben von Fritz Platten als Zeitstrahl.

Ein legendärer Schweizer Kommunist für die einen, ein verblen­ deter Anhänger Lenins und Stalins für die anderen. Fritz Platten (1883–1942) ist eine der umstrittensten politischen Figuren der Schweizer Geschichte im 20. Jahrhundert. Als Organisator des ‹plombierten› Zuges, mit dem Lenin im Frühjahr 1917 vom Exil in Zürich ins revolutionäre Russland zurückkehrte, ging er in die Geschichte ein. Sein Sohn Fritz Nicolaus Platten sammelte Material zur Biografie seines Vaters und vermachte es in seinem Nachlass der Universitätsbibliothek Basel. Geschichtsstudierende haben sich im Rahmen von zwei Seminaren mit verschiedenen Aspekten in Fritz Plattens Leben befasst und eine Ausstellung konzipiert, die in der Universitäts­ bibliothek Basel zu sehen ist. Sie verfassten dafür Texte, die sie selber einlasen für die Hörstationen, und drehten einen Film, der in der Ausstellung zu sehen ist. Bei der Umsetzung erhielten sie professionelle Unterstützung. Das Projekt ist unterstützt von der Förderlinie Agora des Schweizerischen Nationalfonds. Die Ausstellung ist noch bis zum 14. Januar 2022 im Ausstel­ lungsraum der Universitätsbibliothek Basel zu sehen. Der Ein­ tritt ist frei.

bit.ly/uni-nova-flora

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Infrastruktur

Umzug in moderne Gebäude. Die Universität Basel hat in den letzten Jahren an verschiedenen Standorten gebaut. Nun können For­ schung und Lehre unter besten Bedingungen in den neuen Gebäuden stattfinden. Der Neubau des Biozentrums wurde bereits im September offiziell eröff net – acht Jahre nach Baube­ ginn, pünktlich zum Start des Herbstsemesters und passend zum 50­Jahr­Jubiläum des Biozentrums. Die individuell konzipierten Labore ermöglichen For­ schung zu grundlegenden Fragen der Biologie. Am 1. November folgte die Einweihung des Neu­ baus des Departements für Sport, Bewegung und Gesundheit neben der St. Jakobshalle. Dieser vereint alle Einheiten des Departements unter einem Dach. Die Mitarbeitenden können die neuen Räumlichkei­ ten bereits jetzt in Betrieb nehmen. Der Studienbe­ trieb wird im Frühjahrsemester 2022 aufgenommen. Und schliesslich bezieht das Schweizerische Tro­ pen­ und Public Health­Institut die neuen Räumlichkei­ ten im BaselLink­Areal in Allschwil. Das neue Gebäude «Belo Horizonte» beherbergt moderne Arbeits­ und Laborplätze. Der Umzug soll bis im März 2022 abge­ schlossen sein. Das Reisemedizinische Zentrum findet sich auch künftig in der Villa «Zur Föhre» an der Socin­ strasse.

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Gespräch

Die Vermessung der Psyche. 8

Standpunkte

Müssen wir Gesetzen immer gehorchen? 36

Album

Rückkehr der Natur.

Essay 38

Wofür steht der Islam? 56

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Das Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit konnte im Herbst den Neubau neben der St. Jakobshalle beziehen.

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Alumni Alumni im Beruf: Rahel Schneider

Ein Auge für Risiken und Potenzial. Interview: Bettina Volz

Ist ein neues Medikament wirklich ­sicher? Die Epidemiologin Rahel Schneider identifiziert und quantifiziert bei Novartis in Basel die Risiken von Arzneimitteln. Daneben engagiert sie sich als ehemalige Stipen­diatin bei der Schweizerischen Studienstiftung, um junge Bewerberinnen und Bewerber zu prüfen. Frau Schneider, wie sieht Ihr beruf­ licher Alltag aus? Momentan unterstütze ich zwei in der Entwicklung befindliche Arzneimittel. Eine meiner Hauptaufgaben besteht da­ rin, sicherzustellen, dass potenzielle Risi­ ken, die in der klinischen Entwicklung nicht erkennbar waren, nach der Zulas­ sung durch die Arzneimittelbehörden adäquat überwacht werden. Das können beispielsweise sehr seltene negative Lang­ zeiteffekte sein, die erst Jahre nach der

Medikamenteneinnahme auftreten. Damit die Arzneimittelsicherheit gewährleistet werden kann, arbeite ich mit Menschen aus aller Welt und allen Fachrichtungen zusammen. Dieses internationale Umfeld, verbunden mit dem riesigen vorhande­ nen Know-how, fasziniert und begeistert mich immer wieder aufs Neue. Was können Sie von Ihrem Pharmaziestudium und Ihrem Doktorat in Epidemiologie an der Universität Basel einbringen? Ich kann vieles davon in meine Arbeit einbringen, etwa Kenntnisse im Arbeiten mit grossen Datenbanken, eigenständiges Planen und Durchführen von pharmakoepidemiologischen Studien, Verfassen und Veröffentlichen von wissenschaftlichen Texten sowie die Vermittlung von For­ schungsergebnissen an Experten und Laien. Darüber hinaus habe ich während

meiner Zeit als Doktorandin gelernt, dass soziale Kompetenzen ebenso wichtig sind wie fachliches Wissen. All dies hat mir den Einstieg in die Industrie erleichtert. Aber auch nach dem Studium sehe und lerne ich jeden Tag Neues, das macht mei­ nen Job so unglaublich spannend. Welche Rolle spielte die Schweizerische Studienstiftung für Ihren Werdegang? Das Highlight meiner Zeit in der Studien­ stiftung war – neben den vielen tollen Menschen, die ich kennengelernt habe – eine Studienreise nach New York, bei der wir am «National Model United Nations», der grössten Simulationskonferenz der Vereinten Nationen, teilnehmen durften. Auch heute noch bin ich neugierig und offen für Ideen, neue Projekte und Begeg­ nungen mit anderen Menschen. Durch den Alumni-Verein der Schweizerischen Studienstiftung wird dieses spannende Netzwerk weitergelebt. Weil die Stiftung viel zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen hat, bin ich inzwischen frei­ willig als Assessorin tätig. Dabei darf ich Bewerberinnen und Bewerber auf ihre Eignung für eine Aufnahme in die Studi­ enstiftung prüfen. Ich finde es ungemein bereichernd, mich mit solch engagierten jungen Menschen auszutauschen.

Die Schweizerische Studienstiftung feiert 2021 ihr 30-jähriges Jubiläum, weshalb AlumniBasel an dieser Stelle eine Basler Alumna und ehemalige Studienstift­ lerin vorstellt. Die Studienstiftung bietet interdisziplinäre Bildungsangebote, ­finanzielle Unterstützung sowie vielfältige Ver­netzungsmöglichkeiten, damit junge Menschen die besten Voraussetzungen erhalten, neue Ideen zu entwickeln und ­ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

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Alumni

In eigener Sache

Neues Alumni-Portal wird Ende 2021 aufgeschaltet. Text: Bettina Volz, Geschäftsführerin von AlumniBasel

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eute dient die Alumni-Datenbank der Verwal­ tung der aktiven Mitglieder und umfasst ak­ tuell insgesamt über 6000 Mitglieder. Geplant ist im Rahmen der Alumni-Strategie 2021 bis 2025 die Alumni-Aktivitäten bedeutend auszuweiten. Dazu soll die Erneuerung der Datenbank in Form eines Alumni-Portals beitragen. Seit August 2021 können die Geschäftsstelle von AlumniBasel und Vertreterinnen und Vertreter ein­ zelner Fakultäts- und Fachalumni das neue AlumniPortal testen. Bei dessen Entwicklung stand insbe­ sondere die verbesserte Nutzerfreundlichkeit im Fokus. Neu können die dezentralen Fachalumni (Unterorganisationen) im Rahmen eines stufenbasier­ ten Rollen- und Berechtigungskonzepts ohne Umweg über die Geschäftsstelle Mails versenden und Events verwalten. Für die einzelnen Mitglieder soll das Alumni-Portal neue Netzwerkfunktionen anbieten und wesentlich intuitiver in der Anwendung sein. Für die Geschäftsstelle werden neue Funktionalitä­ ten beispielsweise im Bereich der Beitragszahlungen und Spendenkampagnen oder der statistischen Aus­ wertungen die Abläufe vereinfachen.

Finanziert werden die Alumni-Datenbank und das Alumni-Portal aus den Mitgliederbeiträgen von Alumni­Basel und den in ihr zusammengeschlosse­ nen Fach- und Fakultätsalumni. Die Universität betei­ ligt sich mit einer Defizitgarantie von 100 000 Fran­ ken über die nächsten fünf Jahre. Der Vorstand von AlumniBasel ist daran, ein Spon­ sorinnen- und Sponsoren-Netzwerk zu formieren, das die in den nächsten fünf Jahren notwendigen zusätzlichen Mittel zur Unterstützung dieses Pro­ jekts bereitstellen kann. Der Flyer für Sponsorinnen und Sponsoren ist auf der Website von AlumniBasel abrufbar. Für weitere Informationen kontaktieren Sie die Geschäftsstelle von AlumniBasel via E-Mail an alumni@unibas.ch.

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Alumni

Annual Giving

Verdopplung der Spenden. Die «annual giving»­Kampagne 2020 hat für den Stipendienfonds rund 61 000 Fran­ ken eingebracht und bedeutet gegenüber dem Vorjahr eine Verdoppelung. Seitens der Stipendienkommission wurden die Vergabeprozesse für Stipendien in den letzten 15 Monaten unbürokratisch umge­ setzt; so konnte zusätzlich 50 Studieren­ den in Notsituationen geholfen werden. lm August 2021 wurden wieder zwei Stu­ dierende mit einem Anerkennungsstipen­ dium des Stipendienfonds ausgezeichnet. Die Preisträgerin und der Preisträger ste­ hen beispielhaft für alle Stipendiaten und Stipendiatinnen, die gute Leistungen un­ ter besonders anspruchsvollen Rahmen­ bedingungen erbringen.

Alumni startup FINTECH

Digital vorsorgen.

Mitglieder

Ergebnisse der Umfrage 2020. An der Mitgliederumfrage haben sich 320 von 5000 angeschriebenen Alumni und Alumnae beteiligt. Aus der Befragung geht hervor, dass die neuen Fachalumni­Grup­ pen der beste Ansatz für die Gewinnung von neuen Mitgliedern sind. Die Bindung erfolgt also primär über das eigene Fach. Die an alle Departemente verteilten Alumni­ Sets für die Abschlussfeiern werden somit beibehalten als ein wirksames Mittel, um auf AlumniBasel aufmerksam zu machen. Weiter hat sich gezeigt, dass die Teilneh­ menden die Events und insbesondere die Vermittlung von Erkenntnissen zum Le­ ben und der Forschung an der Universität als wichtigstes Angebot betrachten. Als eher unwichtig stuften die Teilnehmen­ den hingegen Vergünstigungen für Mit­ glieder ein.

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Alumnus und Unter­ nehmensgründer Daniel Peter.

Alumnus Daniel Peter hat an der Universität Basel Wirtschaftswissenschaften studiert. Im Jahre 2017 lanciert er mit seinem Startup VIAC die erste digitale Vorsorgelösung für die Säule 3a. «Die Idee entstand aus dem eigenen Bedürfnis nach einer einfachen, verständlichen und vor allem effizienten Vorsorge­ lösung», so Peter. Die private Vorsorge werde in der Zukunft unabdingbar und müsse ohne Hürden für die Masse zugänglich sein. Knapp vier Jahre später werden mittels VIAC bereits rund 1,5 Mrd. Schweizer Franken Vorsorgevermögen von über 53 000 Kunden verwaltet. Durch die Automatisierung und den Ver­ zicht auf aktive Fondsmanager kann VIAC die Gebüh­ ren tief halten. viac.ch

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Alumni Brief aus New York

Netzwerk als Starthilfe. Fabienne Gribi studierte an der Universität Basel Jurisprudenz und schloss 2010 mit dem Master ab. Nach einem juris­ tischen Volontariat bei Roche und bei Vischer Anwäl­ ten in Basel folgte im Jahr 2012 die Anwaltsprüfung. Daraufhin arbeitete sie bei der Anwalts­ kanzlei Bär und Karrer in Zürich. 2015 siedelte ­Fabienne nach New York um, wo sie heute als Unter­ nehmensberaterin im Bereich Nach­ haltigkeit und Inno­ vation tätig ist.

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ach meinem Studium der Jurisprudenz und der Anwaltsprüfung konnte ich gleich bei der renommierten Zürcher Anwaltskanzlei Bär und Karrer einsteigen. Obwohl es mir dort aus­ serordentlich gut gefallen hat, zog es mich Ende 2015 aus privaten Gründen (mein Mann ist New Yorker) nach Übersee. Ein Neuanfang mit Hindernissen, denn der Einstieg in den Arbeitsalltag in den USA war nicht sofort möglich: Zunächst musste ich über ein Jahr auf die Ausstellung der Green Card und da­ mit meine Arbeitsbewilligung warten. Als ich sie endlich erhielt, arbeitete ich zur Überbrückung auf dem Schweizer Generalkonsulat in New York. Gleich­ zeitig baute ich ein berufliches Netzwerk hier in New York auf, denn die Stellensuche und der Bewerbungs­ prozess laufen in den USA völlig anders als bei uns in der Schweiz. Während man in der Schweiz mit ei­ nem guten Bewerbungsdossier mit grosser Wahr­ scheinlichkeit in den Auswahlprozess gelangt, steht und fällt in den USA alles mit den Empfehlungen durch ein persönliches Netzwerk. Dabei kommt den Alumni-Netzwerken der Unis, die man besucht hat, eine grosse Bedeutung zu. Für mich als Schweizerin mit der auf Zurückhaltung getrimmten Schweizer Mentalität war es anfangs gewöhnungs­bedürftig, mich hochzuloben. Aber ohne selbstbezogene Super­ lative kommt man in New York nirgends hin! Beim Aktivieren des Netzwerks für die Jobsuche geht es darum, seine beruflichen Interessen und Fähigkeiten sowie die gewünschte Tätigkeit und Branche sehr gut

«an den Mann» zu bringen, um durch persönliche Weiterempfehlungen an die Entscheidungsträger oder jemanden auf Führungsebene der anvisierten Firma zu gelangen. Eine Empfehlung eines Mitglieds der Unternehmensführung erhöht die Chancen er­ heblich. Nach einigen Anläufen hat das zum Glück recht gut und schnell geklappt und so habe ich bei der Beratungsfirma PA Consulting angefangen. PA Consulting bietet ein breites Spektrum an unterneh­ merischer, technologischer und innovationsbezoge­ ner Beratung und hat neben dem Büro in New York seinen Sitz in London. Die Firma hat diverse Schwerpunkte, in denen verschiedene Teams als Berater tätig sind; zum Bei­ spiel für Merger & Acquisitions, Analytics, IT Deve­ lopment, aber auch Nachhaltigkeit etc. In letzterem Bereich bin ich aktuell als Beraterin tätig. Hier kom­ men auf die Unternehmen in den USA aufgrund des hohen Nachholbedarfs und Entwicklungen auf Ge­ setzesebene grosse Herausforderungen zu. In Europa haben sich die Unternehmen bereits seit Längerem mit der Thematik befasst. In den Vereinigten Staaten steht im Bereich Nachhaltigkeit das Umdenken noch bevor. Die Arbeit macht mir unglaublich Spass, denn ich kann dadurch mein Interesse an Fragen der Un­ ternehmensführung und -entwicklung mit meinem persönlichen Anliegen, mich für Nachhaltigkeit ein­ zusetzen, verbinden. Hier mein Knowhow einzubrin­ gen und zu Lösungen beizutragen, ist sehr inspirie­ rend und erfüllend.

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Mein Buch Anna Karško ist Literaturwissen­ schaftlerin und arbeitet als wissen­ schaft­liche Assis­ tentin am Deutschen Seminar der Uni­ versität ­Basel. In ihrer Dissertation befasst sie sich mit deutschafrikanischen interund transkulturellen ­Begegnungen in ­Literatur der Gegen­ wart. Wenn sie nicht gerade schreibt, reist sie gerne, vor ­allem in afrikanische Länder. Foto: Andreas Zimmermann

Anna Karško

Die Dystopie als Gesellschaftsspiegel. «Die wahre Kunst des Gedanken­ experiments liegt für mich in dem, was wir uns als Zukunft nicht wünschen.»

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Ich liebe Dystopien. Es gibt nichts Schöneres, als ge­ borgen auf dem Sofa zu sitzen und Texte zu lesen, die von einer alternativen Gegenwart oder Zukunft er­ zählen. Je unheimlicher die Geschichte, desto mehr vertiefe ich mich darin, angetrieben von der Frage: Was wäre, wenn …? Die wahre Kunst des Gedanken­ experiments liegt für mich in dem, was wir uns als Zukunft nicht wünschen. Ein solches beängstigend naheliegendes Szena­ rio kreiert Zoë Beck in ihrem Zukunftsthriller «Para­ dise City» (2020). Das Buch handelt von einem Deutschland in 100 Jahren, das eine durch Klimaka­ tastrophen und Pandemien geschrumpfte Bevölke­ rung beheimatet. Sie wohnt in der Megacity Frank­ furt, wo es keinen Privatverkehr mehr gibt und alle vollkommen gesund sind. Hier lebt auch Liina und Liina ist neugierig. Neugierig auf die Welt hinter dem herrschenden Algorithmus, welche trotz staatlicher Kontrolle an gewissen Bruchstellen durchscheint – etwa in Form der sogenannten «Parallelen». Diese Menschen mit einer Beeinträchtigung oder chroni­ schen Krankheit wurden von der Regierung an den Stadtrand gedrängt und leben dort ohne Infrastruk­ tur. Liina ist auch neugierig auf die eigenartigen ­Todesfälle, welche sich in ihrer Umgebung zu häufen

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scheinen. Schlussendlich verstrickt sie sich in einen Kampf mit dem technischen System. Zoë Beck be­ weist die Fähigkeit, im Heute bereits Angedeutetes fertig zu denken. Für mich ein Gütesiegel für Zu­ kunftsthriller. Diese Fähigkeit, gepaart mit Witz und Ironie, zeigt auch Christian Kracht in seinem Roman «Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten» (2008). Er stellt sich jedoch eine alternative Ge­ schichtsschreibung vor: Lenin fährt 1917 nicht nach Russland, sondern revolutioniert die Schweiz zu ei­ ner sowjetischen Republik. Das Land befindet sich seit 100 Jahren im Krieg und hat beinahe den gesam­ ten afrikanischen Kontinent kolonisiert, das Militär hat sich weitgehend ins Réduit verzogen. Ein Staat, gemacht im Krieg und für den Krieg. Auch in diesem Roman findet man das berühmte Körnchen Wahr­ heit und es stellen sich Fragen wie: Hätte die Schweiz Afrika mitkolonisiert, hätte sich die Chance gebo­ ten? Wie hätte sich die Weltgeschichte verändert, hätte Lenin den plombierten Eisenbahnwagen nicht bestiegen? Becks und Krachts Gedankenexperimente zeigen uns eine alternative Vergangenheit und Zu­ kunft und halten unserer Gesellschaft dabei einen kritischen Spiegel vor.


Agenda unibas.ch/aktuell

Ausgewählte Veranstaltungen. November – Dezember 2021

8. November, 14.15 –15.45 Uhr

18. November, 19.00 – 21.00 Uhr

1. Dezember, 13.30 –13.45 Uhr

10. Dezember, 16.00 –17.30 Uhr

Die Krim und die Ukraine

Uni Talk

Das «Internet Archive» – eine Sammlung von Webseiten und mehr

Der Geist, der in die Beine fährt

Trotz medialer Aufmerksamkeit ist die Ukraine für viele Menschen eine «terra incognita». Die Initia­ tive «Ukrainian Research in ­Switzerland (URIS)» will mit der Ringvorlesung zum besseren ­Verständnis der historischen und aktuellen Entwicklungen in der Ukraine beitragen. Online-Ringvorlesung via Zoom

Wer garantiert ein qualitativ ein­ wandfreies Trinkwasser? Welchen Einfluss hat die Klimaerwärmung auf das Grundwasser? Am UniTalk sprechen Prof. em. Dr. Peter Huggenberger, Dep. Umwelt­ wissenschaften der Universität Basel, und Maja Graf, Ständerätin ­Kanton Basel-Landschaft und ­Biobäuerin. Gewerbe- und Kulturhaus ­Obere Fabrik, Gerbergässlein 1, 4450 Sissach

Bibliotheken und Archive bewah­ ren gedrucktes und digitales ­Kulturerbe. Wer aber kümmert sich um das Internet? Seit bald 25 Jahren speichert das «Internet Archive» weltweit Webseiten, die über die «Way Back Machine» ­abrufbar sind. Ein Einblick vor Ort in San Francisco. Coffee Lecture (Online-Veranstaltung)

17. November, 9.00 –18.30 Uhr

Uni am Markt

24. November, 18.00 –19.30 Uhr

Am Stand stellen Forschende Pro­ jekte vor, die einen thematischen Bezug zum Kanton Basel-Land­ schaft haben.

Faszination Kommunismus. Schweizer Frauen in Stalins Sowjetunion, 1929–1953

Sissach

17. November, 13.30 – 20.00 Uhr

Comics übersetzen – wie geht das? In Comics sind Wort und Bild sehr nahe beieinander, aber nur das eine muss in eine andere Sprache übersetzt werden: Welche Prob­ leme stellen sich dabei? Und wel­ che Freiheiten lässt das delikate Zusammenspiel von Wort und Bild zu? Über diese und andere Fragen unterhalten sich Marco Kunz und Martin Zingg mit dem auf Comics spezialisierten Übersetzer Ulrich Pröfrock. UB Hauptbibliothek, Vortragssaal (1. Stock)

Was zog die Schweizer Frauen Lili Schmidt, Paula Schmid und Ella Maillart in die Sowjetunion unter Stalin und wie prägte dies ihre Biografie? Unterschied sich ihr Blick auf die UdSSR von jenem ihrer männlichen Zeitgenossen? Diese Fragen diskutieren Fenja Läser (Historikerin), Rhea Rieben (Historikerin) und Beatrice Schmid (Literaturwissenschaftle­ rin und Autorin) mit Blick auf die Biografien von Ella Maillart (1903 –1997), Paula Schmid (1902 –1973) und Lili Schmidt (1900 –1986). Moderation: Prof. F. Benjamin Schenk (Historiker) UB Hauptbibliothek, Vortragssaal (1. Stock)

3. Dezember, 16.15 –17.15

Forschen und darüber reden Prof. Dr. Rolf Weder im Gespräch mit Prof. Dr. Frank Krysiak über Umweltpolitik, Nachhaltigkeit, Kli­ ma- und Energiepolitik und tech­ nischen Fortschritt. Das Publikum hat die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Die Veranstaltung wird hybrid ­angeboten.

5. Dezember, 14 Uhr

Führung durch die Sonderausstellung «tierisch!» Die Ausstellung «tierisch! Vom Tier zum Wirkstoff» untersucht die (Wirk)Kraft und Verwendung von Tieren als Arzneirohstoff, Symbol und Artefakt in der Pharmazie­ geschichte bis in die heutige Zeit. Pharmaziemuseum, Totengässlein 3, 4051 Basel

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Der «Steppenwolf» in einer Lesung mit Musik. Hermann Hesses Basel-Roman wird dort zu Gehör gebracht, wo grosse Teile vor knapp 100 Jahren niedergeschrieben wurden. Der Schauspieler Woody Mues und der Jazz-Cellist Stephan Braun brin­ gen den Sound der späten 1920erJahre und das grosse Lebens­ experiment des Steppenwolfs in einem Dialog von Lektüre und Musik swingend zur Geltung. UB Hauptbibliothek, Vortragssaal (1. Stock)

13. Dezember, 14.15 –15.45 Uhr

Tschernobyl – Eine transnationale Katastrophe Die Initiative «Ukrainian Research in Switzerland (URIS)» will zum besseren Verständnis der histori­ schen und aktuellen Entwicklun­ gen in der Ukraine beitragen. Denn trotz medialer Aufmerksam­ keit ist das zweitgrösste Land ­Europas für viele Menschen nach wie vor eine «terra incognita». Online-Ringvorlesung via Zoom

Bitte beachten Sie die gelten­ den Richtlinien der einzelnen Veranstaltungen (Anmeldung, beschränkte Teilnehmerzahl, Covid-19-­Zertifikatspflicht etc.). Informationen unter: unibas.ch/veranstaltungen

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Camille Pissarro, Femme au fichu vert, 1893 Musée d’Orsay, Paris © Foto: RMN-Grand Palais, Franck Raux


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