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Blaupause – Magazin von Studierenden des FB15 – Ausgabe 1

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Blaupause S. 10 Alumni

OAEU – Neug­ründung in Zürich

ab S. 16 Baustelle

bb

S. 38 Schaufenster

Alltagsrassimus Ist das + Lass über Architektur oder Klasse sprechen! kann das weg?

Mai 2023 Ausgabe 1 Digitale Ausgabe

S. 48 Musik

Top Hits aus der Kuhle

Magazin von Studierenden des FB15


Nr.1

Editorial

Was soll das? Das hier soll ein Magazin sein – oder auch werden, da laut Definition ein Wesensmerkmal von Zeitschriften eben das regelmäßige Erscheinen ist. Du hältst hier die erste Auflage in den Händen. Viele Universitäten und Fachbereiche haben eigene Zeitschriften. Warum nicht auch der FB15 der TU Darmstadt? Im Magazin-Seminar haben wir uns, wie es sich vermuten lässt, viele Magazine angeschaut. Ziel war es, als Gruppe ein eigenes Magazin herauszubringen – Inhalt und Form freigestellt. Was wir daraus gemacht haben, seht ihr auf den folgenden Seiten. Im Magazin „Blaupause“ bekommt alles einen Platz, was uns Studierende interessiert. Es wird davon leben, dass jedes Semester neue Studierende im Seminar an das vorherige Magazin anknüpfen und den neuen Inhalt bestimmen werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Magazin stark weiterentwickeln wird, ist also groß. Deswegen ist die „Blaupause“ als ein Prozess zu verstehen. So entsteht ein offenes und experimen­telles Blatt, welches von uns Studierenden für alle Interessierten ist. Es soll ein Blick in den Fachbereich gewähren, zum Nachdenken anregen, neue Perspektiven eröffnen und Spaß beim Lesen bereiten.

REDAKTION & GRAFIK Alexandra Kapelle, Baria Mahmood, Clarissa Olbrich, Diana Dönges, Egzona Kryeziu, Hanna Thiel, Junis Al-Masri, Jasmin Tietianiec, Maxim Puscas, Melda Tümer, Sibel Gazi, Sonja Azizaj, Sophia Weber, Xing Gao, Youssef El Kasrawy DRUCK Druckzentrum Lichtwiese, Nina Kaußen Herausgegeben im Rahmen des Magazin-Seminars des Fachgebietes Bildnerisches Gestalten bei Marie Lautsch Mai 2023

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Nr.1

Im Magazin-Seminar sind wir als Team wöchentlich zusammengekommen und haben offen unsere erarbeiteten Texte und Ideen angehört und besprochen. Ohne Hierarchien oder einer Chefredaktion bekam jeder eine Stimme. Dadurch war es besonders spannend, wie sich Themenschwerpunkte im Laufe der Zeit herausgefiltert haben. Viele Themen besitzen eine gewisse Schwere, der wir in anderen Artikeln wieder mit Leichtigkeit etwas entgegen stellen. Das Magazin zielt darauf ab, hausinterne Themen des Fachbereiches Architektur der TU Darmstadt mit anderen Inhalten zu kombinieren, die mal mehr und mal weniger direkt etwas mit Architektur zu tun haben. Dieser Input lässt sich grob in zwei Oberthemen einteilen, zu denen es jeweils mehrere Artikel von verschiedenen Studierenden gibt. Zum einen geht es in der Kategorie Baustelle um das Thema Herkunft, um persönliche Erfahrungen mit Rassismus und über das Verhältnis von Architektur und Klasse. Zusätzlich gibt es einen allgemeineren Beitrag zum Thema Migration und Ausbeutung auf deutschen Baustellen. Der zweite thematische Schwerpunkt befasst sich mit Störungen in der Architektur. Es geht hierbei einerseits um konkrete Alltagssituationen, in denen Architektur einen Störfaktor darstellt, sowie um die Zerstörung des ländlichen Raumes durch die Architektur und wie sich das Verhältnis von Stadt zu Land verändert. Natürlich geht es aber in dem Blatt des FB15 auch um das Haus selbst. In Texten und Bildbeiträgen wird die Graffiti-Kunst des Gebäudes und die Modifikation durch Studierende gezeigt. Ist es Kunst oder Vandalismus? Neben dem Blick ins Haus werfen wir auch den Blick aus diesem heraus. Wie wohnen eigentlich Architekturstudierende und was machen Alumnis, die gerade ein Büro in Zürich gründen? Wir hoffen, dass für jeden etwas interessantes dabei ist. Viel Spaß beim Lesen!

Inhalt

4

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T53 – Wie Architekturstudierende wohnen

10

OAEU – Neug­ ründung in Zürich

14

Galerie

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Das war doch nur nett gemeint.

17

Ja, aber woher kommst du wirklich?

18

Lass über Klasse sprechen!

26

Immer die anderen – Wie Ausbeutung in Deutschland ignoriert wird

28

Schwierig.


Nr.1

Inhalt

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EG 2. Toiletten­ kabine von rechts

32

Modifikation – Kunst oder Vandalismus?

34

Anonyme Signaturen

36

Harald Naegeli und die Kunst im FB15

38

Ist das Architektur oder kann das weg?

40

Vom Landflüchtigen zum Stadtflüchtigen: Welcher wollen Sie sein?

42

Wie Architektur das Land zerstört.

5

44

„Sorry für die Verspätung Frau Neurologin, die Architektur stand im Weg.“

46

Brutalismus – Die Muse der dystopischen Filmkulisse

48

Top Hits Kuhle


T53

Woanders

6

Zu Besuch bei Amelie, Marie und Torben im Martinsviertel. Hier trifft ganz viel Kreati­ vität und Persönlichkeit auf den Charm eines Altbaus. Herausgekommen ist eine WG, in die man am liebsten selbst einziehen möchte (*genau das hat Marie bei ihrem ersten Besuch auch gesagt und durfte tatsächlich schon zwei Monate später einziehen). Wir treffen uns im November – machen eine Tour durch die Wohnung- beantworten die Interviewfragen, Seite für Seite, im Sudoku Heft – essen Chilli-Cheese-Nuggets und probieren Omas erste Weihnachtsplätzchen – bevor es für die WG gemeinsam weiter zum Weihnachtsmarkt geht. Also schnell die Jacke neben die Garderobe legen (*einzige Baustelle aktuell) und los geht’s!

Jeder von uns kennt Frank Lloyd Wrights Fallingwater Wohnhaus oder le Corbusiers Unité d’habitation. Kein Wunder, ist das Wohnhaus doch die Visitenkarte des Architektur-Schaffenden und der Ort, an dem alle Ansichten und Konzepte ihren reinsten Ausdruck finden. Le Corbusier selbst lebte in einem kleinen Pariser Apartment. Wie wohnen zukünftige ArchitektInnen? Dieser Frage geht die folgende Reihe auf den Grund und gibt Einblicke in Darmstädter WGs. Wir bedanken uns herzlich bei allen, die uns zu sich eingeladen haben. Habt auch ihr Interesse, sprecht uns gerne an!

Wie Architektur

Studierende wohnen


Reportage von Sophia Weber

Woanders

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party animal – charly black . save your tears – the weekend

Was kostet Amore? (oben l.) Nichts; neue Lieblingsstücke werden für wenig Geld selbst geschaffen. Den Untersteller für den Schallplattenspieler baute Amelie erst kürzlich mit ihrem Vater. Die Maße sind ideal zur Lagerung des Vinyls. Die Innenseite ist naturbelassen und die Außenseite wurde passend zur doppelten Tür weiß lasiert und fügt sich perfekt ein. Daneben steht ein Projekt, das im Sommer mit der befreundeten Nachbarin entstanden ist: der Nachttisch, der aus einer rosa Getränkekiste und passend zugeschnittenem Holzdeckel entstanden ist – schön und praktisch. Von Grund auf (oben r.) Die Wände ihres Zimmers hat Amelie neu grundiert und in einem zarten Altrosa gestrichen. Damit bilden sie jetzt die ideale Leinwand für die persönliche Galerie voller Fotos, Prints und Postkarten. Besonders die clevere Aufhängung ermöglicht hier ein Extra an Flexibilität. Das Arrangement der Bilder passt Amelie regel­ mäßig an; Regeln gibt es dabei keine, das Gefühl entscheidet. Einfach mal machen. (*nach diesem Motto lebt sie; die Tischplatte beispielsweise wird regelmäßig ausgetauscht und immer aus drei möglichen im Keller drei Stockwerke hochgetragen.) Individuell angepasst (unten l.) Das ursprüngliche IKEA Schranksystem wurde durch Regale ergänzt und nach persönlichen Wünschen angepasst. Die Tiefe ergibt sich aus dem Maß der Kleider­ bügel, macht dadurch die Nutzung des hinteren Regalteils aber schwierig. Persönliche Details (unten r.) Nicht nur die Pflanzen sorgen für zusätzliche Wohnlichkeit; auch die vielen kleinen persönlichen Details laden zum Entdecken ein. So zum Beispiel die winzigen Personen in den Pflanzen – als Geburtstagsdeko von der besten Freundin zum Grün dazu geschenkt, erinnern sie jetzt jeden Tag an schöne, lustige Momente zusammen.


Woanders

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@ noeliaterronlaya . charlottekuhrt . thelocalproject

Ein Streifzug durch das Zimmer, in dem am meisten Liebe steckt (*sehen alle drei Mitbewohnenden so) Aufhängen mit FoldbackKlammern (s. 5 oben r.) Von Foto bis Ticket wird alles an Klammern befestigt, die man dann am Nagel einhängen kann. Das einheitliche Vorgehen ermöglicht schnelles und flexibles Arrangieren und garantiert dass alle Stücke unversehrt bleiben. Getränkekiste als Nachttisch (s.5 oben l.) Mit der Evian Getränkekiste (beliebig) als Basis, wurden im Baumarkt Holzzuschnitte für den Deckel organisiert: eine Platte (20 × 30 cm) + 2 Kanthölzer (11 cm lang, 3 cm breit). Die Kanthölzer mussten dann nur noch mit dem Holzleim des Vertrauens um den Abstand der Wanddicke versetzt angeklebt werden - fertig! Ideal als Hocker und für draußen.

Als Amelie die Wohnung vor zwei Jahren mit einer Freundin auf WGgesucht findet, ist es ein Glücksgriff – so auch ihr Zimmer; obwohl es keinen direkten Zugang zu den Balkonen hat, auch 3 m² kleiner als Torbens Zimmer ist. Mit viel Geschick und einem guten Gespür holt Amelie alles aus den 14 m² heraus und nutzt sie als Verwirk­ lichungsfläche für vielfältigste Gestaltungsund Einrichtungsideen.


Woanders Woanders

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⌂upcycling funde - ebay kleinanzeigen . möbelstadt sommerlad . . upcycling funde – ebay kleinanzeigen . möbelstadt sommerlad

einfach.schwarz.elegant. einfach.schwarz.elegant. Man Man muss muss durch durch Maries Maries Zimmer Zimmer um um einen einen der der beiden beiden Balkone Balkone zu zu betreten. betreten. Man Man möchte möchte in in Maries Maries Zimmer, Zimmer, sobald sobald man man einen ersten Blick in den Raum werfen konnte. Die Beschreibung der einen ersten Blick in den Raum werfen konnte. Die Beschreibung der Mitbewohnenden Der Mix ErinneMitbewohnenden trifft trifftkomplett komplettzu. zu. Der aus Mixpersönlichen aus persönlichen Erinnerungsstücken und gestaltenden harmoniert einzigartig. rungsstücken und gestaltenden ObjektenObjekten harmoniert einzigartig. Der Trick DerdasTrick ist gedeckte das stimmige, gedeckte die ist stimmige, Farbkonzept, das dieFarbkonzept, verschiedenendas Elemenverschiedenen Elemente vereint. So steht der zusammengeklebte te vereint. So steht der zusammengeklebte Globus auf dem Kallax neGlobus auf Trockenblumen dem Kallax neben eigenen Trockenblumen und einer ben eigenen und einer verwunschenen Porzellanschale, verwunschenen Porzellanschale, unterhalb der Beschützer-Monsterunterhalb der Beschützer-Monster-Zeichnung des kleinen Bruders. Zeichnung des kleinen Bruders.

Frankfurter Bad (mitte l.) Frankfurter Bad (mitte l.) Die Sanitäreinrichtung der WG Die Sanitäreinrichtung der WG verweist in doppelter Hinsicht auf verweist in doppelter Hinsicht auf den vergessener Zeiten. Die denGlanz Glanz vergessener Zeiten. Dusche mit Bad regioDie Dusche mit wird Badwie wirdin wie in nalen Bädern des frühen 20. 20. Jh. regionalen Bädern des frühen typisch über die Küche Jh. typisch über dieerschlosKüche erschlossen. Das Privileg sen. Das Privileg damaliger Großdamaliger Großbürger bietet noch auch bürger bietet auch heute heute die noch durch Toilette die separate durch separate einen ToiletteDort einen Vorteil. Dortabgelässt Vorteil. lässt eine halb eine halb abgerissene Tapete rissene Tapete noch den Ausblick noch den Ausblick auf ein auf ein Alpenpanorama zu. Alpenpanorama zu. Das Abendmahl (unten l.) Das Abendmahl (unten l.) Neben zusätzlichen WohnNeben demdem zusätzlichen zimmer bildetbildet die die Küche Wohnzimmer Küche das das gemeinschaftliche gemeinschaftliche Herzstück Herzstück der der Wohnung. flaschengrüne Wand Wohnung.Die Die flaschengrüne Wand mitPrint einem Print lenkt DaVincis mit einem DaVincis den lenkt den Fokus auf diese sich. ErnstDurch Fokus auf sich. Durch diese in haftigkeit in Ernsthaftigkeit Kombination mit dem Kombination Miteinander mit der dem entspannten Drei entspannten Miteinander der Drei wird wird eine eine gemütliche gemütliche Atmosphäre Atmosphäre geschaffen. geschaffen.

Deko-Team (oben l.) Deko-Team l.) Der geräumige Flur(oben lädt zum Um­ Der geräumige Flur aus lädt einem zum gestalten ein. So wurde Umgestalten ein. So wurde aus ungenutzten Türrahmen mithilfe einem ungenutzten Türrahmen eingelegter Bretter ein Bretter praktisches mithilfe eingelegter ein Schuhregal. der DeckeAnhängt praktisches An Schuhregal. der noch letzte DIY der Deckedas hängt noch dasProjekt letzte DIY Projekt der Truppe; Fledermäuse Truppe; Fledermäuse und Watte­ und Wattewolken wolken (*Das Wohnzimmer (*Das bietet Wohnzimmer bietet den idealen den idealen Platz für Mischpult und Platz für Mischpult und tanzende tanzende Menge). Der Advents­ Menge). Der Adventskalender ist kalender schon aufgehangen. schon ist aufgehangen. Im Im Handumdrehen wird Handumdrehen wirddie Kom­ die mode noch mitnoch einer Lichterkette in Kommode mit einer Szene gesetzt; hier sind Ästhetike­ Lichterkette in Szene gesetzt; hier sind ÄsthetikerInnen am Werk. rInnen am Werk. Aber Vorsicht, an Aber Vorsicht, der der Parkordnung lässt sichan so schnell Parkordnung lässt sich sowird schnell nichts mehr ändern, sonst ab­ nichts mehrgrüßt ändern, sonst wird geschleppt, der Nachbar, auf abgeschleppt, grüßt der Nachbar, einer NotizNotiz am Spiegel. auf einer am Spiegel. Wie wohnen ArchitekturWie wohnen Architekture n LL ee hh rr e n dd ee Zur Realisierung der FolgeZur Realisierung der Ausgabe bitten bitten wir Archi­ Folge-Ausgabe wir tektur - Lehrende herzlich Architektur Lehrende herzlich um Einblicke in um Einblicke in Ihr geIhr gelebtes/bewohntes lebtes/bewohntes Beispiel. Beispiel.


OAEU Neugründung in Zürich

Alumni

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Interview von Diana Dönges Das junge züricher Büro „OAEU“ wurde 2021 von Laura Stock und Johannes Walterbusch gegründet und entwickelt sich seitdem erfolgreich weiter. Auf eigenen Beinen zu stehen erfordert viel Mut und bringt einige Herausforderungen mit sich, vor denen die Zwei keinen Halt machen. Wie Laura und Johannes, ehemalige Studenten des FB 15 den Weg in die Selbstständigkeit gemeistert haben, schauen wir uns hier genauer an!

www.instagram.com/ oaeu_architects Stadthotel Triemli, Spekulativer Ideenwettbewer, Zürich, 2022


„Architektur betrifft uns alle.“

Alumni

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„Die Professor:innen und wissenschatlichen Mitarbeiter:innen von damals waren prägende und inspirierende Lehrende“ Was begeistert dich am meisten an dem Themenfeld der Architektur? Laura: Das Generalistische. Johannes: Architektur betrifft uns alle. Das Gebaute um uns herum beeinflusst die Geschichten des Alltäglichen. Ob mit einem sehr kleinen oder sehr großen architektonischem Eingriff verändert man unser aller Lebensraum. Dieser Verantwortung mit viel Empathie zu begegnen und eigenständige Antworten zu finden, treibt uns an. Welche Erinnerungen hast du an das Architekturstudium an der TU Darmstadt, kannst du es anhand von 3 Worten beschreiben? Laura: Elli Mosayebi, Anna Jessen und Katharina Immekus Johannes: Soderstrasse, Lichtwiese, Ruhe Kannst du dich an einen witzigen Moment im Studium erinnern? Laura: Die Bergfeste. Johannes: Sicher die Schiffsfahrt von Helsinki nach St. Petersburg. Inwiefern hat das Studium zu Deiner persönlichen Entwicklung beigetragen? Wir hatten das Glück, zu einer sehr guten Zeit in Darmstadt zu studieren, als die Entwurfslehrstühle mit tollen Persönlichkeiten besetzt waren. Am Ende entscheidet dies über eine gute Lehre. Die Professor:innen und wissenscha[lichen Mitarbeiter:innen von damals waren prägende und inspirierende Lehrende, die uns Einblick in Ihre eigenständige Haltung gegeben haben, von der wir bis heute profiteren.

Was ist dein Lieblingsort im Architekturgebäude? Laura: Das Foyer mit der Kuhle Johannes: Ich sag jetzt mal die Galerie Parkhaus. Was ist dein Lieblings-koffeingetränk in Abgabephasen? Laura: Cola mit Eis und Zitrone. Johannes: Gibt’s es noch den Club-Mate-Automat im 3.Ost.? - Dann das. Was tun, wenn auch der Kaffee nicht mehr hilft? Laura: Schlafen. Johannes: Schlafen. Dein Lieblingssaal zu Unizeiten? Laura: 4. West. Bester Raum :) Johannes: 3. West. Klar.


„an dem ein oder anderen Ort Leuten mit unserer Architektur eine Freunde zu machen“

Alumni

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Ihr seid Gründer des Architekturbüros „OAEU“– Wie ist der Name entstanden? Gibt es eine Herleitung dazu? Wir mögen Bürotitel, die nicht zu stark personenfixiert sind. OAEU erinnert eher an ein Modelabel. Wie seid Ihr auf Zürich als Standort gekommen? Nach dem Studium haben wir bei EMI bzw. LoeligerStrub in zwei wichtigen Züricher Büros arbeiten dürfen. In der Schweiz ist es deutlich einfacher als junges Architekturbüro Fuß zu fassen. Die Wettbewerbskultur ist in keiner Weise zu vergleichen mit dem eingestaubten deutschen System. Deswegen war es naheliegend, mit der Selbstständigkeit hierzubleiben, auch wenn uns Deutschland ab und an fehlt. Seit wann hattet Ihr die Idee der Selbstständigkeit? Hattet Ihr diesen Traum bereits im Studium oder ist die Idee erst später entstanden? Das Ziel war von Beginn des Studium klar. Die Freiheiten eigene Ideen formulieren zu können machen für uns diese Arbeit erstrebenswert. Was ist in euren Augen die größte Herausforderung bei dem Weg in die Selbstständigkeit? Positiv bleiben. Was möchtet Ihr mit der Gründung des Büros erreichen? Wenn es uns gelingt, an dem ein oder anderen Ort Leuten mit unserer Architektur eine Freunde zu machen, wäre alles erreicht. Gibt es Themen, die euch in Euren Projekten besonders am Herzen liegen? Natürlich liegt es uns am Herzen, mit unserer Architektur einen Beitrag zum klimapositiven Bauen zu machen. Wir glauben, dass es für unsere Generation nicht mehr so stark um das „Neubauen“ geht. Der politische Slogan „bauen, bauen, bauen“ ist irreführend. Vielmehr müssen wir einen Umgang mit dem bereits Gebauten finden. Abriss darf immer weniger zur Option werden. Wir müssen die Architektur entschleunigen. Hier liegen die spannenden Themen der Zukunft. Am Ende geht es um das liebevolle und bewusste Gestalten, Überschreiben und Umwidmen des Vorhandenen.


Alumni „Am Ende bleibt die Kernkompetenz für uns Architekt:innen neben der Programmierung die Gestaltung von Ausdruck und Antlitz eines Hauses.“

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Hättet Ihr euch bestimmte Lehrinhalte im Studium gewünscht, die im Berufsbild des Architekten von wesentlicher Bedeutung sind? Wir hatten eine sehr gute Ausbildung. Wir glauben, heute dürfen die wichtigen Entwurfslehrstühle das Thema der Nachhaltigkeit nicht den technischen Fachgebieten überlassen. Konzeptionelle Aufgabenstellungen, die den Bestand in den Vordergrund stellen und innovative Lösungen auf hohem gestalterischen Niveau fordern, sollten gefragt sein. Am Ende bleibt die Kernkompetenz für uns Architekt:innen neben der Programmierung die Gestaltung von Ausdruck und Antlitz eines Hauses. Wie stellst Du dir dein Leben in 10 Jahren vor? Laura: Professorin an der TU Darmstadt. Johannes: Ähnlich wie heute Würdest du im Nachhinein nochmal das gleiche Studium wählen? Laura: Auf jeden Fall. Johannes: Vielleicht.

Projektwettbewerb im selektiven Verfahren, Umnutzung Büro zu Wohnen, Zürich, 2022


Galerie

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Galerie

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Das war doch nur nett gemeint.

Baustelle

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von Sibel Gazi

„Wir leben in Deutschland. Hier wird deutsch gesprochen!“ „Seien wir mal ehrlich, du wirst nie so gut deutsch sprechen wie eine Deutsche.“ „Sie sind ein gelungenes Beispiel der Integration.“ - „Sie sprechen aber gut deutsch!“ - „Warum nicht?“ - „Ach, das war doch nur nett gemeint.“ Willkommen im Alltagsrassismus. Einer von vielen Aussagen, die Menschen mit Migrationsgeschichte nicht nur zutiefst verletzten, sondern auch versuchen diese zu verharmlosen. In Deutschland geboren, zur Schule gegangen, studiert und trotzdem gehöre ich nicht dazu? Solch eine Diskriminierung prägt die Betroffenen so sehr, dass sie ein Leben lang das Gefühl haben sie seien nicht gut genug für die Gesellschaft. Die Angst einen grammatikalischen Fehler zu machen oder den falschen Artikel zu verwenden, obwohl man doch selbst weiß, wie gut man die Sprache beherrscht, lässt einen nicht los. Jeder macht solche Fehler im Alltag. Doch die Person mit einem ausländischen Namen darf es nicht.

Auch wenn sie es darf, darf sie es nicht. Denn die Angst einen Fehler zu machen, verfolgt einen immer wieder. Oftmals kommen solche „Komplimente“ von Menschen mit denen man im Bus oder im Zug einen Smalltalk hält. Also völlig unbekannte Personen versuchen mir Zuspruch zu geben, dass ich in Deutschland angekommen bin und das nur, weil ich gut deutsch spreche. Diese Aussagen haben mir keinerlei Zuspruch gegeben, sie haben mich eher verunsichert und ausgeschlossen.

Warum muss ich überhaupt ankommen, wenn ich schon immer hier war? Im Architekturstudium angekommen, habe ich eine neue Welt kennengelernt. Bereits in den ersten Vorlesungen höre ich die ersten Artikelfehler der Professor*innen. Mir fällt es sofort auf, es stört mich sogar ein bisschen.

Hier werden die Gebäude oder Pläne „krass“ und „sexy“ genannt. Ausdrücke, die meine Lehrer aus der Schulzeit korrigiert hätten, da sie nicht dem akademischen Sprachgebrauch entsprechen. In der Kuhle wird türkische Musik gespielt. Keiner beschwert sich. Paar Semester später merke ich, wie ich meine eigenen sprachlichen Fehler nach Lust und Laune korrigiere. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis danach, weil auch keiner das Bedürfnis hat mich zu korrigieren und ich selbst weniger auf die sprachlichen Fehler achte. Ich darf jetzt meine Gefühle und meine Kultur zum Ausdruck bringen. Ich darf endlich Sein.

Warum werde ich aber hier akzeptiert? Liegt es wirklich am Architekturstudium? Oder habe ich all die Jahre geglaubt ich müsse gut deutsch sprechen,

um akzeptiert zu werden? Nachdem ich mich einige Jahre mit dem Thema befasst habe, merkte ich, dass nicht nur das falsche Umfeld einen ausgeschlossen fühlen lässt, sondern auch man selbst, denn ich habe auch daran geglaubt gut deutsch sprechen zu müssen, um ein Teil von diesem Land zu sein. Das richtige Umfeld im Architekturstudium hat mir aber wieder gezeigt, dass ich schon ein Teil bin. Die Fähigkeiten, die Kreativität und die Gedanken sind viel wichtiger als die fehlerfrei gesprochene Sprache. Sprache trennt nicht. Sie bindet. Aber nur für diejenigen, die sie verstehen wollen. Wer die Fehler in der Sprache als ein Hindernis zur Kommunikation und als ein Maß an Zugehörigkeit zu einem Land sieht, der hat das Prinzip von Sprache nicht verstanden. Verstehen können mich nur Menschen, die ein offenes Herz haben.


Baustelle

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von Melda Tümer

JA ABER Diese beschriebene Form von Alltagsrassismus wird auch als „Othering“ bezeichnet. Der Begriff (aus dem Englischen 'other' übersetzt als „anders“) beschreibt den Gebrauch von der Distanzierung sowie Differenzierung zu anderen Gruppen, um seine eigene „Normalität“ zu be­stätigen. Es wird konsequent eine Trennung geschaffen zwischen dem „WIR“ und „DEN ANDEREN“. Dabei wird eine Hierarchie aufgebaut, indem das Eigene als „übergeordnet“, „positiv“ und „richtig“ aufgewertet wird. Gleichzeitig wird die andere Person abgewertet, da sie als fremd abgestempelt wird. Bei dem Prozess handelt es sich daher um nichts anderes als sich selbst und sein soziales Image als den normalen Standard hervorzuheben. Für die Angesprochenen sind solche

angenehmen Klima weiter­ zubilden. Um das zu vermeiden, könnte man zum Beispiel in der Lehre am besten darauf achten, die Herkunft, das äußerliche Erscheinungsbild oder die sexuelle Orientierung der Studierenden nicht in besonderer Weise heraus­

WOHER

KOMMST DU Aussagen oder Fragen jedoch kritisch, da sie sich so der Gruppe nicht zuge­hörig sehen und andauernd das Gefühl haben sich beweisen zu müssen. In den meisten Fällen werden ihnen dabei eine „exotische“ Herkunft, ausgefallene Fähigkeiten oder generelle Andersartigkeit zugeordnet und in den Mittelpunkt gerückt. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob diese Attribute positiv oder negativ bewertet werden. Das kann für die Betroffenen psychische und körperliche Folgen haben. Wie im vorherigen Text beschrieben, erschwert es zum Beispiel in Bild­ ungseinrichtungen den betroffenen Studierenden sich auf das Lernen zu konzentrieren und sich in einem

zustellen. Wenn es um die Frage geht „Woher kommst du?“ sollte man vielleicht vorher selbst reflektieren und überlegen welche innere Haltung dabei mitschwingt. Besser ist es darauf zu warten, dass sich die Frage im Laufe des Gesprächs erübrigt. Schöner ist es zu Beginn über beispielsweise etwas Unverfängliches zu sprechen und somit die andere Person nicht ungewollt auszugrenzen und zu verletzen.

WIRKLICH ??!!?

„Jede*r dritte Heran­ wachsende mit Zuwanderungsge­ schichte kennt das Gefühl, als ‚fremd“ ‚ausländisch‘ oder ‚anders‘ wahr­ genommen zu werden.“ Diese Statistik ist entnommen aus einer vorgestellten Studie des Internationalen Zentral­ instituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Hier­ für wurden 1.461 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren nach ihren Erfah­ rungen mit Alltagsrassismen befragt. Für ein tieferes Ver­ ständnis wurden zudem 22 Fallstudien mit Kindern zwischen 8 und 12 Jahren durchgeführt. Die Ergebnis­ se zeigen: Hier besteht drin­ gend Handlungsbedarf. Quelle: https://izi.br.de/deutsch/ publikation/Buch_ Rassismus.pdf

weiterführende Literatur: >„Der weisse Fleck – Eine Anleitung zu anti­ rassistischen Denken“ von Mohamed Amjahid >„exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette


Lass über Klasse sprechen! Essay von Sonja Azizaj

Baustelle

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Baustelle

Ich muss mich immer an diesen einen Satz erinnern, der uns zur Einführungsveranstaltung für die Neuankömmlinge am Fachbereich für Architektur – vielleicht zur Hälfte mit Scherz, und noch mit einem verborgenen Grad an Wahrheit suggerierte: „Ihr studiert jetzt Architektur, vergesst eure Freunde, vergesst eure Hobbies!“. In der Nähe vom Eingang zu unserem Gebäude, auf einer der Betonsäulen, wo drauf getagged „Life’s too short to study Archi“ steht, würde ich in den nächsten Semestern vorbeikommen. Ich würde es jedes Mal, bevor ich das Gebäude betrat, verinnerlichen, ohne zu verstehen, dass ich es jedes Mal verschluckte und kaute, bis es verschwand. So würde ich den ersten Satz als liebe Empfehlung wahrnehmen, um ihn später zu hinterfragen und den zweiten als Seufzer eine gewisse Faulheit empfinden, um zu verstehen, dass jeder von uns mehr als einmal die Hustle-Culture dieses Studiums satt hatte. Paola de Martin schreibt in ihrem Buch „Give us a Break!“: „Ich stieß auf innere und äußere Widerstände, bei mir selbst, im Milieu meiner sozialen Herkunft und in der Szene.“1 Solche Kollisionen spürte ich auch in mir, wenn es um Architektur ging. Sie sprachen aus der Dissonanz der beiden Sätze, die mich am Anfang meines Architekturstudiums begleiteten, in Kohärenzen meines Auswanderin_Studentin_Arbeiterin-Seins und zuletzt in der Unvollständigkeit meiner Sprache, die nicht alle diese Spannungen ausspucken kann. Paola De Martin’s Forschungsgegenstand, wie sie weiter beschreibt, „entspringt diesen gegensätzlichen Erfahrungen der Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zum Designfeld aufgrund ihrer sozialen Herkunft aus einem bildungsfernen Arbeitermilieu – und der kollektiven Verschwiegenheit, die das Sprechen über diese Erfahrungen mit einem Bann belegt.”2 Ihre Sprache bringt das Sprachlose in mir raus, den Wunsch, in kleinerem Maß über Architektur und Klasse zu schreiben. Dieser Essay gilt also als Versuch, das Unformulierbare näher zu bringen und die Baustelle dieses Themas für weiteren Diskurs zu öffnen. Wenn ich in meine frühere Erinnerungen zurückfalle, sehe ich wie Räume mich nicht nur fasziniert haben,

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sondern als Kind meiner Klasse, sich als Symbol von Be­ sitz, Macht oder Sozialen Aufstiegs konstruierten. Später würden hinter Konturen dieser Räume die Figuren von Stararchitekt*innen auftauchen, geschätzt für ihre Virtu­ osität, die ich später auch hier noch näher betrachten werde. Wie weit weg liegen aber diese illusorischen Gestalten der Architekturpraxis oder StararchitektenMythen, an die man zu glauben scheint, bevor man Teil dieser Praxis wird? Welche Narrative werden uns über das „Architekt*in werden“ erzählt? Anita Aigner referiert zu dem Substantiv „Archi­ tekt“, mit dem sie nicht nur einen Beruf bezeichnet, son­ dern auch ein distinktives soziales Sein: „Die Gruppe der ArchitekInnen verdankt ihr Recht auf Existenz, d.h. auf Differenz, einer kollektiv und historisch erarbeiteten Anbzw. Zueignung von Prestige und sozialem Status, der anderen Berufsgruppen im Bauwesen schlichtweg ver­ weigert ist.“3 Oder anders auch: „Architektur sei elitär, über die Einordnung als künstlerisches Fach von der Rea­ lität entrückt und der allgemeinen Kritik enthoben.”4 Als Kind bekam ich zuerst Einblicke in der Welt des Bauwesens. Die die mir das ermöglichten waren Bau­ arbeiter*innnen und der Glanz, der als Endprodukt ver­ packt wurde, gehörte anderen. Architekt*innen begann ich in meinem Kopf zu verehren, ich wollte auch eine werden. Wir alle kennen Figuren (meistens leider eher Architekten statt Architekt*innen), die sich wie einzel­ ne Held*innen manifestieren: mal als ein umstrittenes Genie mit Eulenbrille, mal wie ein Meister des Mi­ nimalismus oder als die erste Frau, die sich zwi­ schen anderen Star-Architekten ausgezeich­ net hat. Oder wie Andreas Rumpfhuber in seinem Buch „Architektur immaterieller Arbeit“ beschreibt: [1] De Martin, Paola: Give us a Break!, 2022, S. 17. [2] Ebd. [3] Aigner, Anita: Architektur als

Feld, 2007, S. 3. [4] Dangschat, Jens.: Die Architektur der Gesellschaft, 2015, S. 311.


[5] Rumpfhuber, Andreas: Architektur Immaterieller Arbeit, 2013, S. 144. [6] Vgl. ebd., S. 22. [7] Ebd., S. 147. [8] Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels, 1996,

Spektakels,1996,S.16. [9] H. Harriet, R. Hyde, R. Marcaccio, eds.: Architects after architecture: alternative pathways for practice, 2020, S.9.

„hybrides Arbeitssubjekt, kosmopolitischer Unternehmer und Kreativsubjekt in einem“5, wie er den Architekt, Künstler, Architekturtheoretiker Hans Hollein bezeichnet. Wir alle haben vielleicht davon geträumt wie Le Corbusier, Zumthor, Frank Lloyd Wright, Hans Hollein, Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Bjarke Ingels und viele andere zu sein, die das Prädikat „Stararchitekt*in“ tragen. Sind das Namen, die die ganze Architekturpraxis repräsentieren, oder nur Erfolgsgeschichten, nach denen wir uns sehnen? Ohne dem romantischen Mythos des Künstler-/Architektengenies zu verfallen, sondern über eine Architektur die sich im gesellschaftlichen und politischen Prozess engagiert, kann man eine Praxis sichtbar machen, die eng an solchen Diskursen liegt.6 Die Virtuosität des Architektengenies scheint dagegen eine Tätigkeit zu sein, die schon ähnlich dem Künstler zugesprochen wurde, die aber, wie Rumpfhuber betont „eine (ist,) die ihre Erfüllung und ihren Zweck in sich selbst findet und die zur Massenarbeit wird, so wie das Spektakel zum Verständnisinstrument wird.“ 7

„Das Spektakel ist das Kapital,

das einen solchen Akkumulationsgrad erreicht, daß es zum Bild wird.“

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Dieses Bild, das uns angeboten wird, das reproduziert wird, in dem wir uns verstärken und es weiter tragen, das Bild „how architects are supposed to work, where, and for whom”9. Ist es ein Privileg, Architektur zu studieren? Sind tatsächlich die, die aus dieser Praxis aussteigen, schwach? Oder ist die Architekturpraxis Teil eines Systems, das selektiv die Schwächeren nicht mitnimmt, sobald sie nicht zu „Stärksten“ werden? De Martin ergänzt das Bild mit einem Schlagwortdieser Epoche: „Immaterial Labor“. Der Begriff des marxistischen Ökonomen Maurizio Lazzarato beschreibt nicht nur die steigende Produktion von Statussymbolen, aber auch kritisch die kapitalistische Reproduktion von Ungleichheit als veränderte Produktionsweise.10 Die gleichen Muster wie bei der Reproduktion der Ungleichheit zeigen sich auch bei der Erzeugung von

Baustelle

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Räumen der Produktion, wie sie Architekturbüros sind. In den 1970er Jahren beschrieb der französischer Soziologe Pierre Bourdieu, wie der soziale Gebrauch kulturelle Güter – als auch Gebäude, Wohnungen, etc. – Lebenstil und Klassenangehörigkeit anzeigt.11 Somit wende ich mich zunächst an Bourdieus „Habitus“ und „Feld“ Begriffen, um die Beziehungen zwischen Klasse und Architektur etwas klarer zu betrachten. Bourdieus Habitus definiert, wie die unbewusste soziologische Herkunft sich nach außen manifestiert, um Ähnlichkeiten der Lebensstile innerhalb von Klassenfraktionen und Milieus auf gemeinsame innere Schablonen zu beziehen.12 Somit ist es aber auch diese klassenspezifische Seinsform und klassenabhängiges Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschema die sich auf die Studienund Berufswahl, sowie auch schulischen Erfolg auswirkt.13 Hinzu kommt das ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische Kapital, dass verschiedene Gruppen auf


[10] Vgl. De Martin, 2022, S. 21. [11] Vgl. Aigner, 2007, S. 15. [12] Vgl. De Martin, 2022, S. 36. [13] Vgl. Aigner, 2007, S. 20. [14] Ebd., S.18.

[15] Ebd. [16] Ebd., S. 19. [17] APRDELESP: Notes on the White Plastic Chair: The Movie, 2019, Mexico. MUBI. https://rb.gy/ rpicnz

ihren sozialen Feldern unterscheidet. Diese Felder (Wirtschaft, Religion, Politik, Medizin, Recht, Literatur, Musik, Sport etc) strukturieren einen “sozialen Raum”, in dem sie nach Bourdieu nicht nur horizontal oder vertikal nebeneinander stehen, aber, ähnlich wie ein einem Mobile von Alexander Calder, in einem dreidimensionalen Raum miteinander verknüpft sind.14 Die Lageveränderung eines Feldes wirkt sich also auch auf alle anderen Felder aus. 15 Geschmack und Klasse schwimmen eng beieinander. Im Bezug auf eine Strukturbeziehung zwischen Produzent*innen und Klasse, wie Aigner das beschreibt, existiert da eine Affinität und wechselseitige Legitimierung zwischen Architekt*innen und kultivierte Klasse: „The architect profits most by designing buildings of taste for people of taste, and displays his or her own cultivation by selecting a cultivated client as much as the client displays cultivation by selecting a cultivated architect“.16 Die Frage lautet: Wenn eine Architekt*in es moralisch verwerflich findet, Architektur für die kultivierte Klasse zu schaffen, wird es nicht schwer? Ist man dann noch Architekt*in? Ich erinnere mich, in den ersten Semestern Student*innen zugehört zu haben, deren Eltern auch Architekten sind: „Haben deine Eltern auch den Stuhl gehabt?“ „Ja, genau, ich bin damit aufgewachsen!“ Im Foto: Ein Kind sitzt auf einem kleinen Monobloc-Stuhl. Der Stuhl ist weiss und das Kind schaut etwas desinteressiert in die Kamera. “Wherever you are, it’s at home”17 ist das Statement von kontextfreien weißen Monobloc Stuhl. Laut Ingo Niermann, können die weißen Plastikstühle überall als „the real evil of globalisation/das wahre Übel der Globalisierung“18 gefunden werden, egal ob in Südosteuropa, Asien oder Lateinamerika. In meiner Kindheit und in diesen Essay soll er eine ObjektMetapher der Arbeiterklasse sein. Vielleicht soll ich hier auch ergänzen, dass der Stuhl nicht als Symbol dient, um mit dem Fingern auf andere zu zeigen, und noch weniger um mich selbst mit einer Opfer- oder Denunzianten-Rolle

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[18] Suzdaltsev, Jules: White Plastic Chairs Are Taking Over the World, in VICE, 2015. [19] Ernaux, Annie: Der Platz, 2020, S.61.

[20] Vgl. De Martin, 2022, S. 30. [21] Ebd. S. 31. [22][23] Vgl. Aigner, 2017, S. 20-21. [24] Bojanić, Petar: How to Design Housing for the Poor?.

zu verkleiden. Der Monobloc-Stuhl soll als Verstärkung dienen in eine you-can’t-sit-with-us-Gesellschaft, in der wir gewohnt sind unsere soziale Herkunft auszuradieren. Wie sieht ein sozialer Aufstieg aus? Oder wie fühlt sich ein sozialer Aufstieg an, auch wenn man ihn nicht sieht? Mir wird es erst klar wenn ich „Der Platz“ von Annie Ernaux lese, in dem sie die Position beschreibt, die jemand in der Gesellschaft bekommt:

„Ich habe mich dem Willen der Welt, in

der ich lebe, gefügt, einer Welt, die einen die Herkunft aus einfachen Verhältnissen vergessen machen will, als wäre sie ein Ausdruck schlechten Geschmacks.“

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Ernaux betrachtet es aus der Perspektive einer Aufsteigerin, die ihrem Milieu und Privilegien bewusst sind, die sich von ihrer sozialen Herkunft distanziert hat, sie trotzdem nicht abwertet. Was passiert mit einer Aufsteigerin nach diesem krassen Sprung? Hängt da immer noch ein Mobile von Calder als Ganzes im Raum des Sozialen, oder liegen etwa die Teile nicht mehr zusammen? De Martin nutzt die Analogie eines inneren Kompasses und Habitus, der im Fall des Aufstiegs brüchig wird, da Sozialaufstieger*innen aus der Bahn des Gewohnten ausscheren und die „natürliche“ Prägung verlieren.20 Auch wenn das nicht der Fall ist, wenn wir zum Beispiel mit eine Akt der Performanz des Aufstiegs zu tun haben, von Aufsteiger*innen die sagen: „Ich habe es geschafft, dann solltet ihr es auch schaffen”, werden bestimmte Regeln der Arbeitskultur, wo kein Platz „for the vulnerable” entsteht, gespielt. Es ist schwierig, in einer Welt, die sich ständig ändert, an den wir Geschichten von Erfolg konsumieren, solche

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Prozesse des Habitus-Bruchs zu untersuchen, festzuhalten oder zu hinterfragen. De Martin spricht von einer Macht des „common sense“, die sich selbst als verstärkende Enthistorisierung entfaltet, je länger sie andauert, und kommt zu den Schluss: “Wenn diese Erfahrungen keine Sprache haben, sind Strukturen und Prozesse, welche die Welt hierarchisieren, nicht mehr erkennbar.”21 Mit Aigner kann man annehmen, dass Architekturstudierende mit privilegierter sozialer Herkunft den Habitus der Berufselite umstandsloser assimilieren als Studierende aus bildungsfernen Schichten.22 Das könnte heißen, dass der Habitus der Berufselite nicht notwendig ein Medium der Gruppenintegration darstellt, sondern auch ein Medium der sozialen Abgrenzung sein kann – weshalb die letzten, auch wenn sie das Feld nicht verlassen, zu untergeordneten Positionen tendieren.23 Wir schwimmen im Rahmen des Mögliches und trauen uns nicht an Unmögliches; gewöhnt an Muster, die wir kennen; somit schließen wir uns aus Situationen aus, in der wir denken, wir können nicht erfolgreich sein. Als Kind von Eltern, die früher in anderen Konstellationen, in einem anderen Land, Migrant*innen waren und verwandt mit Menschen, die früher in Baustellen gearbeitet haben – oder immer arbeiten, frage ich mich: Wie kann man sich in eine höhere Position trauen, wenn man eher die andere Seite kennt? Wie kann man sich nicht entfremdet fühlen zwischen Architekturarbeiter*innen, die sich gegenüber „irgendwelche Bauarbeiter, die zu dumm sind um die Arbeit richtig zu machen“ positionieren? Es sind solche moralische Schlachtfelder, in denen man wieder sprachlos und sozial isoliert zurückgelassen bleibt. Hinsichtlich der Darstellung der Arbeiterklasse erscheint aus meinen Erinnerungen ein Bild langsam, fast wie der Abzug eines Negativs: Vater und andere Bauarbeiter, die in der Mittagspause zusammen im Rohbau Kaffee kochen und eine Wassermelone essen. Auf der Rückseite der Name einer Insel in Griechenland, irgendwann in den 90ern. Der Zusammenbruch des kommunistischen Albaniens und das kapitalistisch-demokratische Freiheitsversprechen zog ihn wie so viele andere als Arbeitskraft in den Westen.


In: Ardeth. A magazine on the power of the project, 3, S. 204-216, 2018, S. 206. [25] Vgl., De Martin, 2022, S. 78. [26] Y. Xie, A. Yaqoob, W. Mansell,

S. Tai: A qualitative investigation of stress related to studying architecture at degree level in the UK. In: Arts and Humanities in Higher Education, 2019.

Ich muss an das Wort Solidarität oder eine Art des Zusammenseins denken, und ich versuche nicht in irgendwelche Baustellen-Romantik zu verfallen und auch nicht zu eine heldenhafte Figur der Bauarbeiter, wie man sie aus realsozialistischen Propaganda kennt, zu malen. Es beschäftigt mich, herauszufinden, wie der soziale Raum der Arbeiterklasse aussieht. Wo gehören sie hin? Petar Bojanic schreibt: “Reading various texts in various languages regarding poverty and the poor, it is becoming clearer to me that war and violence above all create and consistently maintain a ‘poor group’ that is supposed to somewhere, somehow, build something. Or else they constitute a group that ought to be pushed out to the periphery of a city, placed outside a city or a group that becomes either dispersed or is compressed into a ghetto or a “city of refuge”.“24 Warum beschäftigt mich, das Ganze? De Martin beantwortet mir die Frage in dem, sie schreibt, dass die einfachen Kämpfe der Arbeiter, zutiefst auch die einfachen Kämpfe der Arbeiterkinder auf der alltäglichsten Ebene, mit dem alltäglichsten Material sind.25 Und wenn es ihre die Stricknadeln und Garn sind, tauchen in meine Gedanken die roten Backsteine und der Zement auf.

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Vielleicht könnte es eine Lösung sein, das Architekturstudium unter die Lupe zu nehmen, um eine Kontinuität zwischen Studium und Berufsleben zu erreichen. Dabei tauchen schon viele kleine Brüche oder Risse an der Fassade des Werdegangs der Architekt*innen auf. In kleinem Maßstab sieht man alles, was man im Architekturstudium an Sachen mitgehört oder gesehen hat: Manche erzählen von einem Professor, der bei einer Korrektur gesagt habe, man soll gar nicht erst Architektur studieren, wenn man kein Geld habe. Andere von einer Gruppe Studierende, die sich „Elite“ genannt haben. Wieder andere, wie ein Modell als “sehr hässlich und billig” bezeichnet wird. Mal wird gefragt, wieso man so lange studiert – hat man etwas zu oft während des Studiums gefeiert? Lohnarbeit oder Freizeit ist vielen anscheinend kein Begriff. „Wenn man es nicht ohne Nachtschichten schafft, ist man wahrscheinlich einfach nicht so organisiert“. Nachtschichten werden glorifiziert, solange das Endprodukt, das Projekt fertig auf dem Tisch vor der Abgabe steht. Das sind die kleinsten Sachen, die Spitze eines Eisbergs, die trotzdem als Ausdruck der Genese einer Arbeitskultur, die sich selbst weiter produziert stehen. Eine “Culture of working hard”26: Man wird nicht


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hineingeboren, sondern wächst damit auf. In einer Welt, die aus Arbeit besteht, wird das “nicht-arbeiten” nicht akzeptiert. Auf welche Kosten werden hierarchische Strukturen beibehalten? Aus welchen Gründen sprechen keine Stimmen dagegen? Wartet man etwa auf einen Moment des kollektiven Burnouts? “Shame.Intimidation.Fear.Self-hate.Alienation.Gas-

lighting.Exhaustion.Stress.Stress.Stress.Exhaustion. Intimidation.Guilt.Loneliness.Homesickness.Depres27 sion.Anxiety. Burnout.Repeat.Repeat.Repeat.“36

So lesen sich die Symptome des „Immigrant Burn28 out“37 auf den Weg von Nicht-EU-Bürger*innen zur Aufenthaltserlaubnis. Welche Hürden, stapeln sich auf dem Weg vor migrantischen Student*innen, die sich gleichzeitig mit dem Studium, der neuen Sprache, dem Ausländerbüro, der neuen Unterlagen, die man für den Aufenthalt braucht, den Nebenjob um den Aufenthalt überhaupt bezahlen zu können, mit dem alltäglichen Rassismus, Sexismus, Klassismus auseinandersetzen müssen? Klassenzugehörigkeit lässt sich nicht ohne Aspekte wie Migrationshintergrund oder Interkulturalität diskutieren. Aigner hinterfragt im Rahmen einer Berufsfeldanalyse, die der feinen Unterschiede und soziale Ungleichheiten bewusst ist, inwieweit sich zu Faktoren wie Migrationshintergrund, Ethnie und Geschlecht die ungleichen Verteilung von kulturellem Kapital und klassenspezifische Formen des Verhaltens und Sprechens, mit einem ungleichem Studienerfolg und ungleicher Verteilung der 29 Berufschancen niederschlagen.38 Was passiert, wenn man, wie Peggy Deamer es tut, Architekturschaffende als prekäre Arbeiter*innen versteht, die Räume der Freiheit entwerfen?

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“architecture cannot produce spaces of freedom – public spaces, healthy spaces, accessible spaces, affordable spaces, sensually liberating spaces – for the society architects presume to serve if they are produced in unfree circumstances such as unpaid labour, gender inequality, generational hegemony, unsustainable work hours, non-existent work–life balance, lack of 30 collegiality or discipline-crippling competition.“39 In anderen Worten, man kann von einer „Verleugnung 31 der Arbeit“40 sprechen. So nennt es der Architekturtheoretiker Douglas Spencer, wenn er über Arbeit im Neo­ 32 liberalismus, die verleugnet und versteckt wird, spricht.41 Industrialisierung, Institutionalisierung, Individualisierung und (Neo-)Kolonisierung haben die heutigen Lebens­ formen so geprägt, dass man heute kaum trennen könne zwischen produktiver Arbeit und allen anderen Lebens33 praktiken.42 Wir arbeiten ständig, auch wenn wir denken, dass wir es nicht tun. Trotzdem kann man gute Beispiele der Plattformen, Gewerkschaftarbeit und Gruppen, die einen Wende in der Architekturpraxis fordern nennen, von „The Architecture Lobby“ in Amerika, „Architectural Workers“ in England bis zu „Netherlands Angry Architects“. In Deutschland bringen sich Gruppen wie die ifa_diaspora-Gruppe in der TU Berlin oder Räume und Plattformen der Diskussion wie z.B „Kontextur“ an. Über soziale Klasse und wie sie sich auf das Architektur-Studium, Lehre und Beruf, auswirkt, 34 wird digital auf der Platform @knx diskutiert.43 Es scheint, es gäbe einen großen Bedarf an Austausch, an Worten, an Geständnissen, an Solidarität. Das ganze Thema erscheint mir selbst wie eine echte Baustelle, auf der wir alle arbeiten sollten. Dieses Semester, bin ich nach langer Zeit wieder an der Stelle vorbeilaufen, wo „Life’s too short to study architecture“ steht und musste mich über den veränderten


[27][28] Henderson, Jess: ON IMMIGRANT BURNOUT: PART ONE. In: Arts of the Working Class, 2021. Online unter: https://artsoftheworkingclass.org/ text/on-immigrantburnout-part-one

[29] Vgl. Aigner, 2017, S. 20. [30] Deamer, P.:(Un) Free Work: Architecture, Labour and Self-Determination. In: Architectural Design, 88(3), S. 16 – 23, 2018, S. 19.

Satz wundern: Life is too short! to Study Archi! Vielleicht ist das Leben tatsächlich zu kurz und dafür sollte man auch Architektur studieren? Vielleicht sollte man es eben auch studieren, damit sich die Praxis ändern kann? So einfach ist es aber auch nicht. Peggy Deamers Buch und die Kraft, die sie in Gewerkschaften sieht, wurde etwa kritisiert: Gewerkschaften können mit ihrer Macht um Arbeiter*innen zusammen vereinen und Netzwerke der Solidarität schaffen. Wollen wir aber über Architektur hinaus, die gebaute Umwelt verändern, müssen wir intersektional die Kämpfe, die auf dem Grund des Wohnens, des Umweltschutzes, der Gentrifizierung und vielen anderen Themen, die Architektur berührt, liegen, führen.35 Velleicht kann das Architekturstudium über die Jahre diverser werden, aber könnten wir damit auch das System, in dem diese Praxis wurzelt ändern?

BILDER Seite [16 - 21] Sonja Azizaj Seite [22] [23] Quelle: Instagramseite @netherlandsangryarchitects

[31][32] Vgl. Spencer, D.,Trapp, H. and Thum, R.: Die Architektur des Neoliberalismus verleugnet die Arbeit. In: Arch+: Journal for Architecture and Urbanism 231, 2018, S. 174-179 [33] Vgl. Pourabbasi, A. and Abbasi, G.: Laboring for Home: Working to Stay, Working to Move. Januar 2022, E-Flux. Online unter: https:// rb.gy/xm1ssu

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[34] Architecture & Social Class. Community Discussion (German/English) Online unter: https://kontextur. info/project/architectureclass [35] Wagner, Kate: In Architecture and Labor, Peggy Deamer recognizes architects are workers. In The Architect‘s Newspaper, Januar 2021. Online unter: https://www.archpaper.com/2021/01/ architecture-and-labor-review/


IMMER DIE ANDEREN

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Wie Ausbeutung in Deutschland ignoriert wird

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von Clarissa Olbrich Mit dem Beginn der Fußball-WM im Winter 2022 ist die Kritik der Ausbeutung von Arbeitsmigranten/-migrantinnen auf Baustellen in Katar medial stark in den Fokus gerückt worden. Bei dem Bau der Fußballstadien kam es zu Todes­ fällen und Missbrauch von Gastarbeitern/-arbeiterinnen und zu verspäteter oder verweigerter Lohnauszahlung. In diesem Zusammenhang wird selten erwähnt, dass es auch in Deutschland auf vereinzelten Baustellen zu Ausbeutung von Arbeitsmigranten/-migrantinnen kommt. Welchen Bezug hat Deutschland zu Arbeitern/Arbeiterinnen aus dem Ausland? Was führt dazu, dass es auf deutschen Baustellen zur Ausbeutung kommt? Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren gelangten Arbeitsmigranten/-migrantinnen, als sogenannte „Gastarbeiter“ durch das Anwerbeabkommen nach Deutschland. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 arbeiteten 14 Millionen Arbeitsmigranten/-migrantinnen in Deutschland, von denen 3 Millionen weiterhin in Deutschland lebten.1 Bis heute verlassen viele ihre Heimatländer, um in Deutschland zu arbeiten. Für Deutschland sind Wanderarbeiter/-innen und Arbeitsmigranten/-migrantinnen systemrelevant, wobei sie dafür nur selten die entsprechende Anerkennung erhalten. In den Herkunftsländern der Zugewanderten ist es gewöhnlich, dass Bekannte und Verwandte temporär oder für längere Zeit in andere Länder zum Arbeiten emigrieren. Anreize hierfür sind bessere Bezahlungen, auch wenn die Bezahlungen unter dem deutschen Mindestlohn liegen. Dennoch sind die Umstände und Bezahlung nicht für alle Zugewanderten auf deutschen Baustellen akzeptabel. Meist kommen die von Ausbeutung betroffenen zugewanderten Beschäftigten aus Süd- und Osteuropa. Diese wurden zum Teil von informellen Arbeitsvermittlungen in den Heimatländern angeworben. Hierbei wurden die Arbeitsbedingungen des Jobs unzureichend beschrieben. In Deutschland angekommen, erwarten die Betroffenen menschenunwürdige Arbeits- und Wohnbedingungen. Ein Problem sind nicht vorhandene Verträge und Schwarzarbeit. In vielen Fällen erhalten die Beschäftigten unregelmäßige Löhne, Unterbezahlung oder keine Bezahlung. Zu- dem müssen sich die Arbeiter/-innen meist kleine,

Internationale Migration wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt über die Staatsgrenze hinweg räumlich verlegt.4 Gastarbeiter/-in „Bezeichnung für Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die in den 1950er und 1960er Jahren gezielt nach Deutschland angeworben wurden.”1


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über­teuerte Unterkünfte mit großen Personengruppen teilen. Beschwerden vonseiten der Arbeiter/-innen führen meist zur Kündigung.2 Verglichen mit anderen Branchen, sind Arbeitsmigranten/ -migrantinnen in der Baubranche am meisten von schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen betroffen. Hierfür gibt es verschiedene Faktoren, welche die Lage begünstigen. Zum einen können einige Baustellen schwer von Dritten überwacht werden, da die Grundstücke zu abgeschieden liegen, schwer zugänglich oder zu weitläufig sind. Somit wird selten von Außen kontrolliert, wie die Arbeitsbedingungen vor Ort sind. Ein weiteres Problem ist der saisonale Bedarf an Arbeits­ kräften, der nicht von lokalen Arbeitern/Arbeiterinnen gedeckt werden kann. Wodurch in den wärmeren Monaten temporär Wanderarbeiter/-innen benötigt werden. Hinzu kommt, dass es sich teilweise um arbeitsinten­ sive Arbeiten mit geringer Qualifikation handelt. Arbeitskräfte sind daher einfach austauschbar. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgeber/-in und Arbeiter/-in droht diesen meist die Kündigung.2 Außerdem führt häufig ein System von Lieferketten, Unterauftragsnehmern/-nehmerinnen und Subunter­ nehmen zur Ausbeutung von Arbeitsmigranten/-migrantinnen. Dieses ist so aufgebaut, dass der/die Auftrag­ geber/-in eine/n Generalunternehmer/-in bezahlt, dieser/ diese beschäftigt eine/n Subunternehmer/-in, der/die wiederum eine/n ausländischen Subunternehmer/-in beauftragt. Die Komplexität des Systems führt dazu, dass Arbeitsstandards schwerer überwacht werden können. Dieses System tritt häufig bei Wohnungsbauprojekten mit unrealistisch niedrigen Kostenkalkulationen von Baukonzernen auf. 3 Obwohl in Deutschland und Katar die Situation der Arbeitsmigranten/-migrantinnen nicht die gleiche ist, gibt es trotzdem einige Parallelen. Wenn wir das nächste Mal die Situation in Katar kritisieren und eine Verbesserung der Arbeitsbedingung fordern, sollten wir uns dann nicht ebenfalls für fairere Arbeitsbedingungen und gegen Ausbeutung auf deutschen Baustellen einsetzten?

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[1] vgl. Bundeszentrale für politische Bildung. Gastarbeiter.Onlinepub­ likation abruf-bar unter https://www.bpb.de/kurzknapp/lexika/glossarmigration-integration/270369/gastarbeiter/ [2] vgl. Deutscher Gewerkschaftsbund. Branche Baugewerbebe. Online­ publikation abrufbar unter https://www.fairemobilitaet.de/baugewerbe [3] vgl. Gürkov, Claudia+ Esmann, Irene + Kubitza Michael. BR24 [2015]. Onlinepublikation abrufbar unter https://www. br.de/nachricht/inhalt/ lohnbetrug-baustellen100.html [4] vgl. Bundesministerium des Inneren [Hrsg.]. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Migra-tionsbericht. Berlin. 2011. S.11


Schwierig. Seit Beginn meines Archtitekturstudiums habe ich alles daran geliebt. Das Freisein als Studierende. Ein Studium, das meine Stärken fördert. Ich hatte das Richtige für mich gefunden. Bis es nicht mehr so war. Warum?

Wieso ist da nun diese

Leere? Diese Taubheit Leere Taubheit?

Ich hatte endlich meinen Bachelor geschafft und erinnere mich an die Freude, endlich einen Abschluss in der Tasche zu haben und meinen Master beginnen zu können. Wo ist diese Freude geblieben? Wieso ist da nun diese

Leere? Leere

Ich fange immer wieder Module an und melde mich immer wieder ab. Die Motivation fehlt. Die Freude fehlt. Warum fühle ich nichts mehr? Ich merke, dass sich diese Leere auch in den übrigen Bereichen meines Lebens ausbreitet. Ich kann sie nicht aufhalten. Ich stehe nur da und schaue zu. Ich bin anwesend, aber ich existiere nur. Ich verabrede mich mit Freunden und Familie und sage ab.

keine Energie

keinen Sinn. Sinn

Ich habe mehr, keinen Antrieb. Es hat alles Inzwischen antworte ich nicht einmal mehr auf Nachrichten. Ich schaffe es nicht. Zusätzlich sagt mir mein Kopf, dass ich sowieso nichts kann, nichts konnte und nie etwas können werde. Warum also überhaupt noch etwas versuchen?

Bürde

Ich bin eine für alle Menschen um mich herum. Diese Gedanken und die Sorge um alles, was liegen bleibt, lassen mich nicht schlafen. Ich liege seit Tagen auf der Couch, bis es an der Wohnungstür klingelt. Eine Freundin war in der Nähe und hat sich gewundert, warum ich mich nicht melde. Sie bringt mich auf den Gedanken. Ich könnte eine

Depression haben.


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Ein

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Lichtblick für mich.

Erstgespräch zu vereinbaren und weitere acht bis zum Therapieplatz Therapieplatz.

Es dauert dennoch zehn Monate, bis ich es schaffe ein

Ich lerne das Wichtigste:

Depression lügt. Ich bin mehr als das, was Gedanken mir sagen. Es bleibt nicht immer so schlimm. Ich kann es schaffen. Therapie

Mithilfe der und verständnisvollen Menschen um mich schaffe ich es aus dem Bett. Ich schaffe es aus der Wohnung. Ich schaffe es zur Uni. Ich erwarte, dass es wieder wie früher wird und erlebe Rückschläge. Ich will nicht wahrhaben, dass es nicht mehr so einfach wie damals sein wird. Ich beginne von vorn. Ich schaffe es zur Uni und melde mich zu zwei statt zu fünf Modulen an und bestehe sie sehr gut. Das ist bestimmt ein Fehler, denke ich und versuche so schnell es geht, diesen Gedanken zu verwerfen. Depression lügt, sage ich mir immer wieder und versuche mich über meine Leistung zu freuen. Ich glaube mir noch nicht ganz. Ich versuche es aber. Ich bemerke langsam Fortschritte und denke nur von einem Tag auf den nächsten. Erfreue mich an jeden Tag, an dem ich es zur Uni schaffe. Ich will

Sensibilität für psychische Belastungen.

Niemand weiß, womit andere zu kämpfen haben.

Hilfe* ist wichtig.

* Terminvereinbarung Studierendenwerk DA:Psychotherapeutische Beratungsstelle


EG 2.Toilettenkabine von rechts

FB 15

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Fotodokumentation von J. Al-Masri Ob diese Zeichnungen in Zukunft auch als erhaltenswerte Kunstwerke geschützt und erhalten werden?

Wer ist wohl die Person hinter der Gestaltung dieser WC-Kabine? Eine kleine Signatur am Bildrand gibt uns einen Hinweis darauf. Erreicht sie auch einmal die Anerkennung der Kunstwelt?


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MODIFIKATION

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Kunst oder Vandalismus?

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von Youssef El Kasrawy Graffiti auf einem Campus kann viele Vorteile bieten. Zunächst einmal kann es dazu beitragen, die Umgebung kreativer und lebendiger zu gestalten. Graffiti-Kunstwerke können auf Wänden und Gebäuden angebracht werden, um die tristen, leeren Flächen in eine farbenfrohe und inspirierende Kulisse zu verwandeln. Diese Kunstwerke können auch als künstlerische Ausdrucksform dienen und Studierende, Dozenten und Besucher dazu ermutigen, die Umgebung auf eine neue Art und Weise wahrzunehmen. Graffiti kann auch als Medium zur Darstellung von politischen und sozialen Botschaften dienen. Dies kann dazu beitragen, wichtige Themen auf dem Campus zu thematisieren und Diskussionen darüber anzuregen. Studierende können sich durch Graffiti-Kunstwerke mit den Themen auseinandersetzen und sich aktiv an der Diskussion beteiligen. Es kann auch eine Möglichkeit sein, die Vielfalt und die verschiedenen Perspektiven der Studierenden zu feiern und zu würdigen.

oder Kultur? Darüber hinaus können Graffiti-Projekte Studierenden die Möglichkeit geben, ihre kreativen Fähigkeiten zu entwickeln und zu verbessern. Die Teilnahme an solchen Projekten kann Studierenden helfen, ihre künstlerischen Fähigkeiten zu erweitern und sich mit anderen kreativen zu vernetzen.


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ANONYME SIGNATUREN

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gesammelt von Youssef El Kasrawy Das Tagging ist ein zentrales Element des Graffiti und bezieht sich auf das Schreiben des Namens oder des Pseudonyms des Künstlers in einem einfachen, oft schnörkellosen Stil. Tags werden oft schnell und mit einer Spraydose aufgetragen und sind in der Regel einfach und leicht zu erkennen. Tags sind eine Möglichkeit für Graffiti-Künstler, ihre Präsenz und Identität in der Öffentlichkeit zu markieren und ihre Arbeit zu dokumentieren. Ein Tag kann auch als Herausforderung an andere Künstler gesehen werden, die auf denselben Flächen aktiv sind, um ihre eigenen Tags zu platzieren. Für viele Graffiti-Künstler ist das Tagging ein wichtiger Teil ihrer Kunst, da es eine einfache, aber effektive Möglichkeit bietet, ihre Identität und ihre künstlerische Vision in der Öffentlichkeit zu etablieren.

1. LA RANHA 2. BONES 3. YG

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Harald Naegeli und die Kunst im FB15 Kommentar von J. Al-Masri Harald Naegeli, Pionier der Graffiti-Kunst und «Sprayer von Zürich», ist heute 83 Jahre alt. Seine Spray-Aktionen in den 1980er Jahren machten ihn als «Sprayer von Zürich» bekannt. Mit seinen schwarzen Strichmännchen wandte er sich gegen die Betonisierung der Städte. Schweizer Bürger und ihre Justiz verfolgten ihn hartnäckig. „Ich wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der Vorwurf war Sachbeschädigung. Ich habe aber keine Mauer zerstört oder unbrauchbar gemacht.“ Naegeli entzog sich dem Schweizer Gefängnis eine Weile durch Flucht. Er kam nach Deutschland, fand Kontakt zu Kunst-Star Joseph Beuys und wurde als Künstler gewürdigt. Doch dann folgte 1983 an der deutsch-dänischen Grenze, wegen des internationalen Haftbefehls, seine Festnahme. Beuys und Ex-Kanzler Willy Brandt protestierten vergeblich gegen seine Inhaftierung. Nach seiner Haftentlassung zog es ihn nach Düsseldorf.

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FB15

Zwei seiner Strichmännchenzeichnungen sind auch in unserem Gebäude nicht zu übersehen und werden ebenso als Kunstobjekte gewürdgt. Sie überstanden bereits Reinigungsarbeiten in der Innenkuhle, bei denen die Wände von sämtlichem anderen Graffiti gereinigt wurden. Man kann diese Spuren der Reinigung noch heute erkennen, wenn man ganz nah an die Linien herantritt. An manchen Stellen erahnt man noch wo fremde Graffiti versehentlich auf Naegelis „Kunstwerke“ gezeichnet wurden. Man sieht also diese Spuren auf dem „erhaltenswerten Kunstwerk“ noch, aber die Wand, die einst von vielerlei solcher Kunstobjekte geschmückt war, ist heute grau. Ich stelle mir also die Frage, ob an unserem Fachbereich nicht jede Kunst gleichwertig ist. Ob es Kunst gibt, dessen Erhaltung mehr Wert ist als andere - und inwiefern sich die Erhaltenden und auch Betrachtenden Naegelis Strichmännchen mit der Aussage dieser ursprünglichen Protestaktion beschäftigten. Naegeli protestierte aktiv gegen den damaligen Brutalismus und ein Paradebeispiel aus dieser Bewegung ist der Kampus Lichtwiese. Wo wäre es effektiver gewesen Kritik zu äußern, als am Fachbereich für Architektur? Er wählte für sein Werk einen für jedermann sichtbaren Ort in dem Gebäude, welches auf eine gewisse Wichtigkeit seiner Aussage hindeutet. Was hat er uns damit für eine Aufgabe hinterlassen und wie werden wir im Hinblick auf die bevorstehenden umfassenden Sanierungsarbeiten am FB15 damit umgehen?

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Man kann diese Spuren der Reinigung noch heute erkennen, wenn man ganz nah an die Linien herantritt. An manchen Stellen erahnt man noch wo fremde Graffiti versehentlich auf Naegelis Kunstwerke gezeichnet wurden


ist das Was tun wir? architektur oder kann das weg ? Konzept und Layout von Baria Mahmood und Jasmin Tietianiec

51,0 MT

28,6 MT

47,3 MT

229,4 MT 57,7 MT

Quelle: umweltbundesamt.de

…mit Abfall?

Abfallaufkommen 2020 Abfallbehandlung Bauabfälle Produktion, Gewerbe Bodenschätze Siedlungsabfälle

Ein immer größer werdendes Problem sind unsere verschmutzen Ozeane. Dieser verheerenden Entwicklung versuchen verschiedene Organisationen entgegenzuwirken. Dafür werden Methoden zum Abfallabbau erforscht und auch bereits eingesetzt. Architektur hat zudem das höchste Abfallaufkommen, bspw. machten im Jahr 2020 die Bau- und Abbruchabfälle über 55% des Gesamtabfalls aus. Wenn wir nun auf uns Architekturstudierende schauen, stellen wir fest, dass wir in unserem Studium mit unseren Modellen auch einiges an Abfall produzieren. Im Oktober 2022 nahm das Fachgebiet EGT dies zum Anreiz, um in einem Stehgreifentwurf herauszufinden, welche Architektur Studierende mit Plastikmüll entwickeln können. Dafür entwarfen drei Studierende Ideen für Gebäudehüllen aus gesammelten Plastikabfällen. 1. Plastikbehältnissfassade: Die Dauerhaftigkeit und Wasserdichtigkeit von Plastik eignet sich hervorragend zur Umnutzung, weshalb in diesem Entwurf alte Dosen und Flaschen zusammengefügt und modular an der Fassade befestigt wur1. den. Diese Vorrichtungen eignen sich bestens zur bezahlbaren Fassadenbegrünung. 2. Architektur eingepackt: Luftpolsterkissen dienen vor allem als Verpackungsmaterial. Hier hingegen wurde mit ihnen eine Fassade zur energetischen Aufwertung verkleidet. Sie dienen u. a. der Wärme2. und Schalldämmung sowie der Luftdichtheit. 3. Autoreifenfassade: Wenn Autoreifen nicht mehr zur sicheren Fahrt gebraucht werden können, müssen neue Ideen für die ausrangierten Reifen her. Sie sind witte3. rungsbeständig, besitzen mit Sand befüllt eine hohe Belastbarkeit und eignen sich exzellent zur Dämmung. Diese vielversprechenden Eigenschaften wurden in diesem Entwurf genutzt, um eine nachhaltige Fassade zu entwickeln.


Text von Baria Mahmood

Schaufenster

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122 Abgaben 3 Abgaben

Um Architektur ohne Abfall geht es in dem sich wiederholenden Weihnachtsstehgreif des Fachgebiets PG, welcher sich jährlich großer Teihnehmendenanzahl erfreut. Die Aufgabe im Dezember 2022 bestand darin, sich allein oder in Zweierteams ein Fachwerkhaus auszusuchen und es aus selbst gebackenem Lebkuchen nachzubilden. Zusammen mit einem DIN A2 Bauplan, einem Karton, in dem das Häuschen unbeschädigt transportiert werden konnte, einer Zutaten- bzw. Rezeptliste und, wer mochte, einem Weihnachtsgruß, hatten die Studierenden zwei Wochen Bearbeitungszeit. Wie sind die Studierenden an diese Aufgabe herangegangen? Dazu äußerte sich eine Studentin: „Ich habe mir ein Bild von einem interessanten Fachwerkhaus aus dem Internet gesucht, es anschließend gezeichnet, ausgedruckt und ausgeschnitten, sodass ich eine Vorlage hatte. Danach habe ich ca. vier Tage lang das Haus gebaut. Dabei habe ich viel gelernt: z.B. Dinge genauer zu analysieren und dann eigenständig aufzubauen. Außerdem habe ich das Fachwerk besser kennengelernt, indem ich es selbst zerlegt und dann per Hand aufgebaut habe.” Über 120 Lebkuchenhäuser wurden am 14. Dezember 2022 abgegeben und anschließend im Darmstädter Restaurant Tibits ausgestellt, wo sich Restaurantbesucher:innen und weitere Interessierte an der Kuchenarchitektur erfreuen und sie gegen eine Spende erwerben konnten. Die gesammelten Spenden dienten einem wohltätigen Zweck, denn sie wurden dem Malteser Kinderhospizdienst überreicht. Auch die übrigen Häuser wurden verwertet: Sie gingen an Foodsharing Organisationen in Darmstadt und versüßten dann, wo der Taler etwas knapp war, die Weihnachtszeit.

Abfallentwurf Kuchenentwurf

...mit Kuchen?

Teilnehmendenanzahl 3 vs. 122 Abgaben. Wo liegen unsere Interessen?


Vom Landflüchtigen zum Stadtflüchtigen: Welcher wollen Sie sein?

Störung

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von Xing Gao Wir wissen nicht, seit wann die Stadt einen Ausdruck des modernen, bequemen und offenen Lebens ist. So war es lange Zeit üblich, dass Menschen, die in ländlichen Gebieten geboren waren, „das Land verlassen und in die große Stadt gehen“. In ihren Augen bietet die Stadt mehr Arbeitsplätze, bessere Bildungsmöglichkeiten, mehr Freizeitangebote und ein reicheres Leben. Je näher sie der Stadt sind, desto näher können sie ihren Träumen nachkommen. Im Gegensatz zu den Städten wird das Land mit einem gegenteiligen Etikett versehen: rückständig, unbequem und konservativ. Doch als sich die Stadt rasant entwickelte und ihre Nachteile immer offensichtlicher wurden, wurde das Land ein Ort, an dem die Menschen ihre Fantasien ausleben konnten – ein Ort, an dem sie ihre Träume von einem utopischen und klassisch-idyllischen Leben verwirklichen konnten. Während also viele Landbewohner sich immer noch auf die Großstadt freuen, haben einige Stadtbewohner, die des schnellen Lebens überdrüssig sind, begonnen, die Stadt zu verlassen. Der Begriff „City Quitter“ wurde von der Trendforscherin Karen Rosebranz geprägt, um diese Menschen zu beschreiben, die aus der Stadt aufs Land gezogen sind.1 Nach Angaben des Frankfurter Rathauses zogen im Jahr 2020 50.075 Menschen zu, aber auch 54.386 Menschen zogen aus Frankfurt weg, das heißt, auf 1.000 Einwohner kommen mehr als 71 Wegzüge. Klar ist, dass die Zahl der Abwanderer die Zahl der Zuzügler übersteigt.2 Allerdings lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob alle 54.000 Menschen die Großstädte verlassen haben, weil sie auf dem Land leben wollten. Sicher ist, dass immer mehr Menschen den Wegzug aus der Stadt in ihre Zukunftspläne einbeziehen werden. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar zu den Wohnpräferenzen der Deutschen und Europäer ergab, dass mehr als die Hälfte der deutschen Stadtbevölkerung,

nämlich 53 % der Stadtbewohner, in den nächsten ein bis zwei Jahren einen Umzug aufs Land ins Auge fassen. Ähnliche Ergebnisse finden sich in anderen europäischen Ländern, wo fast die Hälfte der Stadtbewohner eindeutig den Wunsch hat, aufs Land zu ziehen.3 Und ein solcher Trend hat sich nicht erst in diesen Jahren entwickelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erarbeitete der amerikanische Aktivist Bolton Hall das Konzept der „Back-to-the-Land-Movement“ und in den folgenden Jahren gab es in verschiedenen Ländern solche landwirtschaftlichen Bewegungen, die eine Rückkehr aufs Land forderten. Heutzutage wird diese Idee aus verschiedenen Gründen wieder aufgegriffen. Ein Teil davon ist ein Protest gegen den erstickenden Zustand des Lebens, wo dichte Siedlungen in die Privatsphäre der Menschen eindringen und jede Bewegung der Nachbarn sichtbar wir, sobald die Vorhänge geöffnet werden; wo belebte weitläufige Straßen zwar die Fortbewegung erleichtern, gleichzeitig aber ständigen Lärm und Hektik mit sich bringen; und wo der Druck von Arbeit und Schule dazu führen kann, dass sich die Menschen in der Stadt verlieren und in Schichten von Unfreiheit gefangen werden. Doch was bringen diese Menschen, die in großer Zahl die Stadt verlassen, mit auf das Land, nach dem sie sich sehnen? Die Rückkehr aufs Land ist eine Möglichkeit, ihre Träume zu verwirklichen. Sie sind aus der Enge der Stadt ausgebrochen und haben im Landleben ein neues Gleichgewicht gefunden; sie sind zur Landwirtschaft zurück­ gekehrt, bewirtschaften das Land, leben als Selbstver­ sorger in einem Obstgarten; sie haben ein Traumhaus gebaut, das viel größer ist als eine Stadtwohnung, mit mehreren geräumigen Schlafzimmern, einem Ess- und Wohnzimmer mit bester Aussicht und sogar einem eigenen


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Swimmingpool. Und all dies dient nur dazu, ihre eigenen egoistischen Wünsche zu befriedigen. In Wirklichkeit bringt dies Schäden an Natur und Umwelt mit sich. Die neuen Häuser, die auf dem Land gebaut werden, verhindern die Wasseraufnahme der Böden, was die Zirkulation und Kühlung der Luft beeinträchtigt. Gleichzeitig wird der umliegende Boden durch den fehlenden Wasser- und Luftaustausch zunehmend unfruchtbar und ungeeignet für den Anbau. Vor allem aber beeinträchtigen die neuen Straßen und Häuser den Lebensraum von Nutztieren und in gewissem Maße auch die Verbreitung von Pflanzensamen.45 Es stellt sich also die Frage, ob die Abwanderung der Stadtbevölkerung wirklich gut für die ländlichen Gebiete ist? Oder verursachen sie durch die Entfesselung ihres Egos irreversible Schäden an landwirtschaftlichen Flächen? So...

Was können wir als Architektur­ studierende gegen das Problem der „Stadtflucht“ und „Landflucht“ tun? Können wir eine neue und wirklich nützliche Architektur auf dem Lande schaffen? Und inwiefern muss sie von der städtischen Architektur unterschieden werden?

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[1] Vgl Rosenkranz Karen: City quitters : creative pioneers pursuing post-urban, Amsterdem 2018, S. 5 [2] Bevölkerung Frankfurt. Online­ publikation, abrufbar unter https:// frankfurt.de/service-und-rathaus/ zahlen-daten-fakten/ themen/bevoelkerung [3] Umfrage: Mehrheit der Stadtbe­ völkerung will aufs Land ziehen. Onlinepublikation, abrufbar unter https:// kommunal.de/umfragestadtbevoelkerung [4] ZU VIEL PLATZ IM GRÜNEN: Umweltsünde Einfamilienhaus. Onlinepublikation, abrufbar unter https://www. stern.de/wirtschaft/ immobilien/einfamilienhaus-bauenflaeche-boden-gruen6844186.html


Wie Architektur das Land zerstört.

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von Hanna Thiel Warum beschäftigen wir uns kaum mit Architektur im ländlichen Raum? In der aktuellen Forschungsliteratur dominieren städtebau­ liche Themen erheblich und das, obwohl über 90% der Fläche Deutschlands ländlich geprägt ist.1 Mit Blick auf die Urbanisierung der Gesellschaft und den Entwicklungen der Landflucht im 21. Jahrhundert kann jedoch ein starker Bedeutungsverlust des ländlichen Raumes erkannt werden. Gleichzeitig gibt es etwas, was den Menschen an der ländlichen Idylle reizt, doch das scheint mehr die Natur anstelle der Architektur zu sein. Die Architektur hat heutzutage in vielen Teilen den Bezug zur Ländlichkeit verloren. Außerdem werden durch das Bauen Naturräume zwangsläufig zerstört, weswegen die Architektur eine Bedrohung für die Umwelt darstellen kann. Wo passt die Architektur überhaupt noch in das idyllische Bild einer malerischen Landschaft? Das ursprüngliche, traditionelle Bild eines Dorfes lässt sich gedanklich noch integrieren, doch was die aktuellen Tendenzen der Architektur auf dem Land angeht, stehen diese kaum im Bezug

zur Ländlichkeit. Seit 1960 hat sich die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland verdoppelt. Rund 51% der Gesamtfläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt, auf rund 30% dieser Fläche wächst Wald. Landwirtschaftlich genutzte Fläche und Wälder gehen stark verloren,2 dabei können unversiegelte Flächen Hochwasser verhindern, Wasser speichern, kühlen und Kohlenstoff einlagern. Organischer Boden ist das effektivste und wertvollste Instrument, um die Dynamik der Klimakrise zu entschärfen.3 Besonders schrumpfende ländliche Regionen versuchen jedoch durch das Ausweisen von günstigem Bauland neue Bewohnerinnen und Bewohner sowie Unternehmen anzulocken. Daraus folgen die Flächennutzungskonflikte.2 Wir leben in einem Land mit 16 Millionen Einfamilien­ häusern und 83 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern.3 Freistehende Ein­ familienhäuser mit Garten in scheinbar nicht endenden und austauschbaren Neubaugebieten. Der vollkommen verlorene Kontext endet in nicht ertragbarer Individualität, die alle Charakteristika von Landschaft

16 Mio

Einfamilienhäuser

83 Mio

Einwohner*innen

Donut

Krapfen


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und Dorf verloren hat. Diese Fehlentwicklung hat wenig mit einem sensiblen und bodenschonenden Umgang im ländlichen Raum zu tun. Es müssen Orte geschaffen werden, wo ernsthaft mit der Landschaft verbunden gelebt wird. Die Folgen der Peripherisierung hinterlassen Spuren in der Architektur. In Dörfern können neue Formen der Wüstung erkannt werden, denn die Quote der leer stehenden Häuser liegt in manchen Orten bei 50%.4 Gleichzeitig wirkt sich der vorhandene Neubau negativ auf die dörflichen Strukturen aus. Die Kompaktheit und das baulich definierte Gemeinwesen ist seit der Nachkriegszeit durch die neuen Baugebiete für Einfamilienhäuser häufig massiv herausgefordert und vielerorts beschädigt. Die Folge hieraus ist Leerstand der Ortsmitte, der sogenannten Donut-Effekt. Das Ziel sollte sein, diesen Effekt umzukehren und eine lebendige Ortsmitte zu schaffen.5 Hauptaufgabe der Architektur auf dem Land ist es also, einen Umgang mit der leer stehenden Bausubstanz zu schaffen und die neue Architektur wieder

in einen Bezug zur Ländlichkeit zu bringen, der vielerorts verloren wurde. Durch einen gelungenen Umgang kann Architektur zur Vitalisierung ländlicher Räume beitragen. Je länger man sich mit Architektur im ländlichen Raum beschäftigt, desto mehr macht sich das Gefühl breit, dass Architekten und Architektinnen in eine Art Ohnmacht verfallen sind. Es fällt in Anbetracht der aktuell entstehenden Architektur in den Neubaugebieten der Dörfer schwer daran zu glauben, dass es überhaupt noch sinnhafte Architektur auf dem Land geben kann. Der Appell wird klar: Es sollte sich mehr mit der Architektur auf dem Land befasst werden, denn wenn wir dies nicht tun, zerstören wir immer weiter das, was uns am liebsten sein sollte - die Natur.

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(1) vgl. Küpper, Patrick (2016): Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume. Thünen Working Paper 68. Onlinepubli­ kation, abrufbar unter www.thuenen.de. (2) vgl. BMEL Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Hrsg. (2022): Ländliche Regionen im Fokus. Fakten und Hintergründe. Onlinepublikation, abrufbar unter www.bmel.de/publikationen. (3) vgl. Kirfel, Florian & Gründer, Anika (2022): Boden für Architektur. In: Becker, Annette & Lampe, Stefanie & Negussie, Lessano & Cachola Schmal, Peter (2022): Schön hier. Architektur auf dem Land. 1. Ausgabe. Berlin: Hatje Cantz, S. 112-115. (4) vgl. Renker, Clemenes (2018): Das neue Dorf Gestalten, um zu über­ leben. Vier Handlungsfelder zum Erhalt dörflicher Gemeinden. 1. Ausgabe. Wiesbaden: Springer Gabler. (5) vgl. Nagel, Reiner (2022): Warum Baukultur auf dem Land immer wichtiger wird. In: Becker, Annette & Lampe, Stefanie & Negussie, Lessano & Cachola Schmal, Peter (2022): Schön hier. Architektur auf dem Land. 1. Ausgabe. Berlin: Hatje Cantz, S. 96-99.

Neubaugebi

Ist das nicht meine Wiese?

et


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„Sorry für die Verspätung Frau Neurologin, die Architektur stand im Weg.“

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Architektur im Rettungswahnsinn – Wieso Architektur funktionieren muss.

von Egzona Kryeziu Es ist 16:13 Uhr und die Handys klingeln. Die integrierte Leitstelle ruft an. 20 offene Krankenfahrten. Der Rettungsdienst benötigt zusätzliche Hilfe. Das Ehrenamt erklärt sich bereit nach Helferinnen und Helfern zu suchen. Sarah, Lehramt­ studentin und Rettungssanitäterin, und Jamal, Jurastudent und Rettungssanitäter, sind eben nach sechs Stunden Uni zu Hause angekommen. Beide machen sich direkt auf den Weg zur Rettungswache. Umgezogen, Krankenwagen, Material und Geräte kontrolliert und in den Status, einsatzbereit, gedrückt. Nach zwei Minuten piept der Melder. Patientin, Einweisung in die Psychiatrie, Allgemeinzustand stabil. Da keine anderen Krankenwagen frei sind, fahren sie in die 30 minütig entfernte Stadt. Dort angekommen beginnt die Suche nach dem Eingang. Natürlich haben wir Treppen. Wie so oft, sind die Treppen nicht mal einen Meter breit, zudem noch gewinkelt. Angekommen bei der Patientin, stellt sich heraus, dass sie aus neurologischen Gründen nicht auf den Beinen stehen und entsprechend nicht zum Krankenwagen laufen kann. Jamal und Sarah gehen zurück ans Auto und holen den Raupenstuhl heraus. Dieser wird

verwendet, um Patientinnen und Patienten die Treppen hinunter zu transportieren. Der Raupentstuhl kann wie eine Raupe die Treppen hoch und runtergezogen werden. Beim Versuch den Stuhl, über den geraden Bereich der Treppe, zur Patientin zu ziehen, rutscht dieser ab, da die Treppenober­ fläche nicht dafür geeignet ist. Aufgeklebte Teppiche. Mit großer Vorsicht starten beide einen zweiten Versuch. Doch die Treppe ist zu eng, deren Ecken in den oberen Geschossen zu stark gewinkelt, sodass der Stuhl nur ohne Raupe verwendet werden darf. Zudem ist der Gang selbst, zu schmal und dazu noch zugestellt. Der Stuhl funktioniert nicht. Die Patientin wartet. Sarah und Jamal gehen zurück und besprechen sich. Die Zeit läuft. Der Druck steigt. Die Lösung. Das gute alte Tragetuch. Die Patientin wird auf das Tragetuch, auf den Boden, gelegt. Rechts und links, Sarah und Jamal, an den Füßen der Ehemann. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, Kontrolle für Kontrolle, Winkel für Winkel. Außer Atem, mit Rückenschmerzen und komplett verschwitzt gelangen alle zum Ausgang. Und, die nächsten Treppen sind schon da. Auch diese wurden überwunden. Die Patientin klagt

über Übelkeit, Schwindel und Angst. Wieso? Nun ja, die Treppen waren zu steil, zu eng, zu gewinkelt und die Wohnung im vierten Obergeschoss. Der Transport, der in der Regel 15 Minuten dauert, dauerte nun über 40 Minuten. In der Psychiatrie angekommen, warten schon alle auf die Patientin.

Wieso Architektur funktionieren muss? Nun ja, funktio­nieren ist toll... Ästhetik ist besser? Geht nicht beides? Die Barrierefreiheit sollte doch Teil der Ästhetik sein und nicht als ein Plus gelten oder?

„Letztendlich, sorry für die Verspätung Frau Neurologin, die Architektur stand im Weg.“ Danach, das Auto wieder einsatzbereit gemacht, kurz etwas getrunken und der Melder piept. Patient mit starkem Nasenbluten, hoher Blutverlust und Sturz. Keine weiteren Einsatzfahrzeuge in der Nähe, außer Jamal und Sarah. Angekommen. Patient im zweiten Stockwerk. Die Treppe? Sehr eng. Erneut, alles von vorne. Diesmal, kritischer Patient. Mehr Druck. Viel Blut. Wenig Zeit.

Haben Wir Lösungen für Altbauten? Wie setzen Wir die Barrierefreiheit um? Wollen Wir das? Stört Uns das?

„Letztendlich, sorry für die Verspätung Herr Neurologe, die Architektur stand im Weg.“

Zu viele Kosten? Wer zahlt das? Bürokratie? Keinen Kopf hierfür? Oder, betrifft Mich einfach nicht?

* Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten.


BRUTALISMUS Die Muse der dystopischen Filmkulisse

Film

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von Melda Tümer Es war schon immer bekannt, dass Architektur eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Filmkulissen spielt. Besonders in Sci-Fiction Filmen, in denen eine dystopische und futuristische Atmosphäre geschaffen wird, ist vorallem die brutalistische Architektur auffällig präsent. Massive monolithische Formen vervollstän­digen die Filmkulissen. Doch warum wird genau der Brutalismus für diese Gestaltung ausgewählt und was verstehen wir überhaupt unter diesem Begriff? „Brutalismus“ ist der Name eines Architekturstils des 20. Jahrhunderts, bei dem überwiegend das Baumaterial Beton benutzt wird. Die Bezeichnung leitet sich vom französischen „Béton brut“ ab, was übersetzt „rauer Beton“ bedeutet. Die Einführung des Stils ging mit der Nachkriegszeit einher, in der ein großer Druck herrschte möglichst schnell Gebäude zu bauen. Hierfür war der Beton bestens geeignet. Mittlerweile ist der Stil jedoch häufig negativ konnotiert. Viele Kritiker empfinden ihn als zu „lieblos“, „grau“ oder „brutal“. An vielen Hochhäusern und auch monumentalen Gebäuden lässt sich der Brutalismus wiederfinden, wodurch der Eindruck der Autorität und Härte besonders spürbar wird. Während der Stil heute gespaltene Meinungen bei Architekt*innen auslöst, sehen ihn dagegen viele Regisseure von dystopischen Filmen als ein perfektes Mittel für die Gestaltung ihrer Filmkulissen. Wer schonmal „A Clockwork Orange“ (1971) von Stanley Kubrick oder „Blade Runner 2049“ (2017) von Denis Villeneuve gesehen hat, wird bemerkt haben, dass diese Gebäude­typen hier keine Nebenrollen sind, sondern sogar die Handlung selbst. Der Beton, welcher meistens hinter der Fassade verborgen bleibt, spielt den wahren Protagonist der Geschichte. Durch die strengen Formen und robuste Materialität werden Orte geschaffen, die ein Gefühl der Monotonität und Melancholie wiedergeben. Oft schwingt bei der Handlung auch Kritik an die Postmoderne und Kapitalismus mit. Er wird schon zum Teil symbolisch für die dargestellte soziale Realität und inneren Konflikte der Figuren, die durch die ermüdende „neue moderne Welt“ ausgelöst werden.

A Clockwork Orange, Stanley Kubrick; 1984, Michael Radford; Blade Runner 2049, Dennis Villeneuve


Film

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MUST SEEN MOVIES BY ARCHITECTS · MUST SEEN MOVIES BY ARCHITECTS

Alex Garland

Andrew Niccol

Ex machina (2014)

Gattaca (1997)

FSK 12 · Sci-Fi/Thriller · 1 h 48 min

FSK 12 · Sci-Fi/Romanze · 2 h 1 min

Neben dem Thema der künstlichen Intelligenz in „Ex machina“, spielt hier die Architektur für die Filmkulisse eine bedeutende Rolle. Durch die Wechselwirkung der idyllischen Umgebung und der rauen Materialität der Innengestaltung mit dem Beton herrscht im ganzen Film eine spannende Dualität zwischen Natur und Wissenschaft. Mark Digby, Produktionsdesigner, lies sich für diese Gestaltung von vielen Büchern Andos inspirieren.

Der Minimalismus und Perfektionismus dieses ästhetischen Films umfasst einige modernistische atmosphärische Schauplätze wie zum Beispiel das vom Architekten Frank Lloyd Wright entworfene Marin County Civic Center, den Brutalismus des California State Polytechnic sowie den atmosphärischen Sepulveda Dam.

Wes Anderson

Bong Joon-ho

FSK 12 · Komödie/Drama · 1 h 40 min

FSK 16 · Thriller/Drama · 2 h 12 min

Die Hauptrolle spielt das rosafarbene Hotel, das mit Hilfe von Pappe, CGI und einem 3m hohen Modell erschaffen wurde. Wer eintauchen möchte in eine verträumte Szenerie, beschmückt mit Formen und Ornamenten sowohl im Jugendstil als auch des Art Nouveaus, ist bei dem Film gut aufgehoben. Man kann wohl sagen, dass die Architektur des Gebäudes ein unvergleichbarer Augenschmaus für Architekt*innen ist.

Das Haus im Film ist die Hauptfigur. Es wurde vom Regisseur Bong Joon-ho entworfen und vom Produktionsdesigner Lee Ha Jun zum Leben erweckt. Viele Einflüsse und Inspirationen von berühmten Architekten wie von Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon bis hin zu Richard Neutras Kaufmann-Haus lassen sich wiederfinden.

The Grand Budapest Hotel (2014) Parasite (2019)

MUST SEEN MOVIES BY ARCHITECTS · MUST SEEN MOVIES BY ARCHITECTS


TOP HITS

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kuhle

Karim Elghor 1 White Rabbit – Jefferson Airplane 2 Breathe – Fabulous 3 Change – NF 4 When I Grow up – NF 5 Dark Red – Steve Lacy 6 Party and Bullshit – The Notorious B.I.G 7 If I had a Heart – Karin Dreijer 8 DRIFTING – NF 9 We need Love – Dorothy 10 Fire – Barns Courtney

Emel Özdemir

1 Tadow – Masego 2 La Vie + – Ichon 3 What Once was – Her‘s 4 MEU PARAÍSO – Julia Mestre, Lux & Tróia 5 Maria Tambièn– Khruangbin 6 Maniac– Michael Sembello 7 Give Me The Night – George Benson 8 Little Lies – Fleetwood Mac 9 Mango – Kamauu (feat. Adeline & Masego) 10 Gotta Go Home – Boney M.

Selcuk Sercan Karkaoglu 1 My Humps Black Eyed Peas 2 If you had my love Jennifer Lopez 3 Get Ur Freak On Missy Elliott 4 Bye Bye Bye *NSync 5 Hung Up Madonna 6 Just Dance Lady Gaga 7 Where Have You Been Rihanna 8 Take me back to London Ed Sheehan 9 Gimme More Britney Spears 10 Blinding Lights The Weeknd

Aleyna Kübra Yavuz 1 Romeo – Hande Yener 2 Sikidim – Tarkan 3 Ask – Sakizi Hepsi 4 We could be the same – Manga 5 Ben Bazen – Simge 6 Dönence Baris – Manco 7 Hadi Bakalım – Sezen Aksu 8 Aya Benzer – Mustafa Sandal 9 Ask – Sertab Erener 10 Aya – Murda Ft. Ezhel

Mariam El Housseiny

1 Heaven Knows I’m Miserable Now – The Smiths 2 A BOY IS A GUN* – Tyler, The Creator 3 Going To California – Led Zeppelin 4 Solo – Frank Ocean 5 Hello It’s Me – Tedd Rundgren (feat. Edgar White) 6 King Kunta – Kendrick Lamar 7 Doing Alright – Queen 8 No. 1 Party Anthem – Arctic Monkeys 9 Everybody Wants To Rule The World – Tears For Fears


Ece Akcay 1 Bul beni – Ezhel 2 Atlantis – Güneş 3 Glow – Madcon 4 Changes – 2Pac 5 Shomolele – Praiz, Dapo

6 Booba Sale mood – Bramsito 7 No No No – Tayc, Jason Derulo, Julio Masidi 8 Ne reviens pas – Gradur 9 Nou Camp – Elh Kemer 10 Hunnid – Pronto

Luca Marie Pfirrmann 1 Honey Trap – Hozho 2 Gamma – NTO 3 Rabbit Hole – layton giordani 4 Creation – Felix Kröcher 5 Hero Dance – Grand V 6 Transmission – elkje klein 7 Losing Game – gheist 8 Beyond Control – NTO, KASST Remix 9 Serenity – Popof, NTO Remix 10 Carrousel – NTO Ihr s c h ö n s te s Hobby

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Mariam El Housseiny

Meryem Kökkaya 1 7 Days .......................Craig David 2 Thong Song .......................Sisqo 3 Feel Good Inc. ....................Gorillaz 4 I want it that way ..Backstreet Boys 5 I need a Girl ...........................Diddy 6 No Scrubs ................................TLC 7 Genie in a Bottle Christina Aguilera 8 It wasn‘t me .........................Shaggy 9 Butterfly .......................Crazy Town 10 What goes around... Comes around ...................Justin Timberlake

redaktion team 1 Chanel Perfume – Derik Fein 2 Modern Love – David Bowie 3 Her – Majid Jordan 4 Get it Together – Drake, Black Coffee, Jorja Smith

bbb

1 Heaven Knows I’m Miserable Now – The Smiths 2 A BOY IS A GUN* – Tyler, The Creator 3 Going To California – Led Zeppelin 4 Solo – Frank Ocean 5 Hello It’s Me – Tedd Rundgren (feat. Edgar White) 6 King Kunta – Kendrick Lamar 7 Doing Alright – Queen 8 No. 1 Party Anthem – Arctic Monkeys 9 Everybody Wants To Rule The World – Tears For Fears


Tales of the Altersea– Lap-See Lam 11/3 - 28/05. 2023 @Portikus Frankfurt Stadt-Blicke. Eine subjektive Frankfurt-Kartographie 22/10.22 - 10/03. 2023 @Historisches Museum Ffm. And this is us 2023/ Junge Kunst aus Frankfurt 30/03 - 11/06. @Frankfurter Kunstverein FRAGMENT - Arthur Zalewski 30/01- 08/05. 2023 @Galerie Parkhaus (FB15+)

Ausstellungtipps aus der Redaktion:

Litfaßsäule

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