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21. Jahrgang
3/06
PSYCHOSOZIALE
Umschau
Aktuelles aus Psychiatrie & Gemeinde
aus dem Inhalt Psychiatrie & Gemeinde Patientenbeteiligung und Selbstverwaltung Krisendienste müssen Versorgungsstandard werden Wie sozial bleibt unser Land? Psychiatrische Praxis & Therapie 20 Jahre Erfahrungen mit der häuslichen Pflege Personenbezogene Finanzierung aus einem regionalen Psychiatriebudget Kunst & Kultur Die Menschen tragen Herzen im Körper – Radierungen von Thomas Riesner Sozial- und Gesundheitspolitik Weitere Hartz-IV-Änderungen beschlossen Zur Änderung der Richtlinie für häusliche Pflege Arbeit & Rehabilitation Ist die Werkstatt für behinderte Menschen erfolgreich gescheitert? Angehörigenbewegung Depression und Angehörige – Eine Annäherung ist nötig Psychische Krisen in Migrantenfamilien Mitteilungen des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Wenn Psychiater über Zwang sprechen... sollten wir dabei sein Zum Mitmachen Kurz & knapp Teilerfolg in Niedersachsen gegen Privatisierung Gesellschaft für Ess-Störungen gegründet Neu: Schulverweigererambulanz Bücher und Medien Psychopharmakaratgeber Eltern-Kind-Behandlung Termine
EDITORIAL
Wenig beteiligt, viel gefordert, fremd bestimmt?
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er Patient muss im Mittelpunkt stehen – so war es in der Begründung zum Gesundheitsmodernisierungsgesetz zu lesen. Zu wenig beteiligt seien die Patienten und Patientinnen. Abhilfe und mehr Transparenz wurde versprochen. Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss war die Lösungsformel. Was das genau ist und wie weit es gediehen ist mit der Patientenbeteiligung, dazu hat Beate Lisowsky Patientenvertreter befragt und aufschlussreiche Antworten erhalten. Zu wenig beteiligt sein, dass ist vielen engagierten Psychiatrie-Erfahrenen ein vertrautes Gefühl. Mit ihrer Jahrestagung auf Bundesebene wollen sie mögliche Ursachen von Fremd- und Selbstausgrenzung Psychiatrie-Erfahrener aufarbeiten und Strategien zum Abbau von Vorurteilen und Benachteiligungen entwickeln. Viel gefordert werden die, die Arbeit suchen. So müssen sie nach der Verabschiedung des SGB II-Fortentwicklungsgesetz demnächst mit einem Besuch des Außendienstes rechnen, noch mehr als bisher
die Last des Beweises für ihre Notlage tragen und alles ihnen Angebotene annehmen, egal ob es Sinn macht für die Zukunft oder nicht. Viel zu kurz kommt die Förderung. Dabei hieß der Hartz-IV-Slogan doch eigentlich Fördern und Fordern, schon vergessen, liebe Koalition? Mehr dazu ist nachzulesen in dem Beitrag von Jörg Holke. Wie sozial unser Land im Zeitalter überschuldeter öffentlicher Haushalte noch bleibt, haben sich auch die Lebenshilfe und die Behindertenverbände der Wohlfahrtspflege gefragt und dazu eine gemeinsame Fachtagung veranstaltet. Zusammengefasst sind die Beiträge und Diskussionsergebnisse in dem Tagungsbericht von Norbert Schumacher. Vorsicht: Lesen erzeugt ungeduldiges Warten auf die Tagungsdokumentation. Gut dass es angesichts dieser schwierigen Fragestellungen konstruktive Antworten in der Sozialpsychiatrie gibt. So berichtet Ingmar Steinhart, wie aus einem regionalen Budget durch eine personenbezogene Finanzierung eine Psychiatrie ohne Schubladen werden kann. Dass In-
tegrierte Versorgung mehr als nur ein Schlagwort sein kann, belegt Christian Zechert anhand einer Bestandsaufnahme. Psychiatrische Krankenpflege ist sinnvoll und machbar, so lautet das Fazit in dem Beitrag Klaus Oberts. Wie zukünftig die Förderung und Selbstbestimmung von Menschen mit psychischen Erkrankungen mehr in den Mittelpunkt zu stellen ist, dazu formuliert Reiner Knapp aus Werkstatt-Perspektive selbstkritisch Orientierungslinien. In die gleiche Dringlichkeitsstufe bezüglich mehr Selbstbestimmung einzuordnen ist die Weiterentwicklung der Hilfen für ältere Menschen mit psychischen Erkrankungen. Mit ihrer Jahrestagung im November beabsichtigt die Aktion Psychisch Kranke hierzu fachliche Impulse und viel Raum für Diskussionen unter dem Motto »Unsere Zukunft gestalten« zu geben. Es bleibt also Hoffnung, dass die Vision »beteiligt, gefördert, selbstbestimmt« nicht ganz außer Reichweite gerät. Ihre Redaktion
I N H A LT
PSYCHOSOZIALE
Umschau
Psychiatrie & Gemeinde
Sozial- und Gesundheitspolitik
Patientenbeteiligung und Selbstverwaltung: dritte Bank oder Katzentisch? Beate Lisofsky 4
Fördern durch Fordern? Weitere Hartz-IV-Änderungen Jörg Holke
Integrierte Versorgung – mehr als ein Schlagwort?! Christian Zechert 6
Kurz & knapp 31
Neue Versorgungslücken bei der häuslichen psychiatrischen Pflege? Stellungnahme der BAG der Freien Wohlfahrtspflege 33
Krisendienste müssen Versorgungsstandard werden Wolf Crefeld 8 Arbeit & Rehabilitation Hintergründe psychiatrischer Zwangsunterbringungen Gudrun Schliebener 10 Wie sozial bleibt unser Land? Perspektiven der Behindertenhilfe Norbert Schumacher 12 Europäische Kommission setzt psychische Gesundheit auf die Tagesordnung Jörg Holke 16 Hilfe und Orientierung für psychisch erkrankte Studierende Anja Rieth, Maren Doose und Thorsten Flögel 18
Psychiatrische Praxis & Therapie Erprobt, anerkannt, aber schwer zu finanzieren 20 Jahre Erfahrungen mit der häuslichen psychiatrischen Pflege Klaus Obert 22 Psychiatrie ohne Schubladen Personenbezogene Finanzierung aus einem regionalen Psychiatriebudget Ingmar Steinhart 26
Ist die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) erfolgreich gescheitert? Rainer Knapp 35 Arbeitsrehabilitative Geiselnahme? WfbM sind besser als ihr Ruf Marc Fesca 37 Psychisch krank im Job. Was tun? Neue Broschüren der BAR
Bücher und Medien 39
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Angehörigenbewegung Depressive Erkrankungen und Familien-Selbsthilfe Eine Annäherung ist nötig Irene Norberger 40 Frischer Wind an der Alster Länderrat im Hamburg Beate Lisofsky 41 Hohe Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit Beate Lisofsky 41 Lotte Mucha erhielt das Bundesverdienstkreuz Paul Peghini 42 Trauer um Hans-Peter Seelhorst Alfred Speidel 42 Aus der Angehörigensprechstunde Psychische Krisen in Migrantenfamilien Dorle Durban 43 Telefon-Hotline für Angehörige 43
Kunst & Kultur Die Menschen tragen Herzen im Körper Radierungen von Thomas Riesner Birgit Hartung 30
Mitteilungen des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Wenn Psychiater über Zwang sprechen... sollten wir dabei sein Dorothea Buck 44 Das neue Vormünder- und Betreuervergütungsgesetz und seine Auswirkungen 46 Zum Mitmachen 47 Service-Nummern für Psychiatrie-Erfahrene 47
Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz 48 Teilerfolg in Niedersachsen gegen Privatisierung 48 Gesellschaft für Ess-Störungen gegründet 49 Neu: Schulverweigererambulanz 48 Existenzgründerpreis für Magdeburger Integrationsobjekt 49 Qualitätsregister für rechtliche Betreuer 49 Ziel: Zentrale Beschwerdestelle 50 Neuer Masterstudiengang Systemische Sozialarbeit 50 10 Jahre LVPE Rheinland-Pfalz 50
Selbstbewusst durch Wissen N. Greve, M. Osterfeld, B. Diekmann: Umgang mit Psychopharmaka Ursula Brand 51 Ermutigender Werkstattbericht D. Arens und E. Görgen: Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie Christiane Denke 51 Ein Klassiker Dorothea Sophie BuckZerchin: Auf der Spur des Morgensterns Christiane Wiedstruck 52 Als die Krise in Krankheit umschlug Kerstin Blasczyk: Ich war das goldene Kind Volker Schauerhammer 53 Impressum 53 Termine 54
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Patientenbeteiligung und Selbstverwaltung: dritte Bank oder Katzentisch? Von Beate Lisofsky
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ls mit der Gesundheitsreform 2004 erstmals die Möglichkeit zur Patientenbeteiligung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) geschaffen wurde (§ 140 ff SGB V), waren damit von Seiten der Selbsthilfe große Erwartungen verbunden. Immerhin beschließt diese Institution als »kleiner Gesetzgeber« nahezu alle relevanten Richtlinien in der medizinischen Versorgung. In der Vergangenheit waren die Entscheidungen des Bundesausschusses der Öffentlichkeit weitgehend entzogen und zunehmend wurde nicht nur von Seiten der Patienten Kritik an mangelnder Transparenz laut. So wurde die Neuregelung als ein Meilenstein in der Bewegung für mehr Selbstbestimmung behinderter und chronisch kranker Menschen gesehen. Organisation der Patientenbeteiligung Neben den klassischen Akteuren im Gesundheitswesen (Krankenkassen, Kassenärzten und Krankenhäusern) sitzen nun seit Beginn des Jahres 2004 auch Vertreter der Patientinnen und Patienten mit am Tisch des G-BA, allerdings ohne Stimmrecht. Sie haben lediglich ein Antrags- und Mitberatungsrecht. Gemäß der Geschäftsordnung trifft der Gemeinsame Bundesausschuss seine Entscheidungen als Plenum sowie in den besonderen Besetzungen: ❚ für ärztliche Angelegenheiten, ❚ für die vertragsärztliche Versorgung, ❚ für die vertragszahnärztliche Versorgung und ❚ für die Krankenhausbehandlung. In diese Kammern können bis zu neun Patientenvertreter entsandt werden. Jeder dieser Kammern sind inhaltlich-fachlich vorbereitende Unterausschüsse untergeordnet. Diese zurzeit 25 Unterausschüsse (Heil- und Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege, Arzneimittel, Psychotherapie, usw.) können bis auf den Unteraus4
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schuss Finanzen mit jeweils bis zu fünf einvernehmlich zu benennenden Patientenvertretern besetzt werden. Die Kammern des Gemeinsamen Bundesausschuss tagen in der Regel monatlich. Die Unterausschüsse tagen in unterschiedlicher Frequenz, zeitweise sogar wöchentlich, je nach Themenstellung. In der so genannten Patientenbeteiligungsverordnung ist festgelegt, welche Kriterien Organisationen erfüllen müssen, um als Interessenvertretung der gesetzlich Versicherten anerkannt zu werden. Benannt werden in der Verordnung: ❚ der Deutsche Behindertenrat (DBR), ❚ die Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP), ❚ die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. und ❚ der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Diese Verbände können für die Ausübung des Mitberatungsrechtes in den Gremien des G-BA einvernehmlich bis zu neun sachkundige Personen benennen, die Hälfte davon aus dem Kreis der selbst Be-
troffenen oder ihrer Angehörigen, also von den Organisationen der Selbsthilfe chronisch kranker und behinderter Menschen. Dies wird durch die BAG Selbsthilfe koordiniert. Eine der wesentlichen Aufgabe der Patientenvertretung ist es, bei den Entscheidungen des Bundesausschusses für mehr Transparenz und Nutzerorientierung zu sorgen, einschließlich der Berücksichtigung von Aspekten der Lebensqualität sowie der Beachtung alters-, geschlechts- und lebenslagenspezifischer Belange von Patientinnen und Patienten. Geld und Zeit das größte Problem für Ehrenamtliche Als größtes Problem hat sich wohl die Frage der Ressourcen erwiesen. Viele der benannten sachkundigen Personen nehmen das Mandat im Gemeinsamen Bundesausschuss ehrenamtlich in ihrer Freizeit wahr. Die einzelnen benannten Personen, aber auch die sie entsendenden Organisation erhalten zwar eine Reisekostenerstattung, aber keine zusätzlichen Mittel für die mit der Erfüllung ihres Mandates verbundenen inhaltlichen und organisatorischen Aufwendungen. Diese Aufgaben, für deren Bewältigung der Ärzte- und Kassenseite ganze Apparate zur Verfügung stehen, werden die Patientenvertreter in Zukunft nicht ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung meistern können, so die einvernehmliche Stellungnahme der Patientenverbände. Dies gilt natürlich auch für die Mitarbeit der Patientenvertreter im Bereich der Psychiatrie. Sowohl der Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen wie auch der Bundesverband der Angehörigen haben Vertreter für die Mitarbeit in den verschiedenen Gremien des G-BA benannt. Diese sind in ganz unterschiedlicher Art und Intensität in die Arbeit der Ausschüsse eingebunden. Obwohl es für eine umfassende Bewertung von Sinn oder Unsinn der Patientenbeteiligung in diesem Bereich sicher noch zu früh ist, soll eine kurze und nicht repräsentative Befragung der Beteiligten einen ersten Einblick gestatten. Dem Unterausschuss Psychotherapie gehört Angela Bleckmann, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker (BApK), als Patientenvertreterin an. Sie vermisst vor allem Transparenz: »Die Mitarbeit gestaltet sich insofern schwierig, als selbst für mich als Juris-
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tin teilweise schwer verständlich ist, welche juristischen Vorgaben einzuhalten und mit zu bedenken sind, um dem Auftrag gerecht zu werden. Ich glaube allerdings, dass das auch eine Besonderheit des Unterausschusses Psychotherapie ist. Ohne die anderen Vertreter auf der Patientenbank hätte ich oft gar nicht mitbekommen, was die Krankenkassen- und Ärztevertreter im Ausschuss mit ihren jeweiligen Einwänden und Argumenten eigentlich bezwecken. Ich will damit sagen, dass vieles dort verdeckt und subtil und nicht offenkundig geschieht. So ist es für jemanden, der überhaupt keinen Einblick in die bisherigen Abläufe hatte, nahezu unmöglich, zu merken, was da eigentlich so abläuft. Und auch wenn alle anderen sehr freundlich sind, merkt man doch, dass sie die Anwesenheit von Patientenvertretern nicht so ganz ernst nehmen.« Angela Bleckmann ist aber überzeugt, dass mit dem langsamen Durchschauen von Taktiken und Spielchen der beteiligten Protagonisten die Möglichkeit größer wird, als »Mitspieler« wahrgenommen zu werden. Für Anfängerprobleme hält sie auch die Schwierigkeiten, die richtigen Leute für die jeweiligen Themen zu finden, also die relevanten Gremien zu besetzen, und die mangelnde Kommunikation der Patientenvertreter untereinander. Eine strukturell notwendige Weiterentwicklung sieht sie in der Aufstockung der Anzahl der Patientenvertreter, in der Vergabe des Stimmrechts und in der Zahlung von Aufwandsentschädigungen. Pragmatische Pionierarbeit Vertreter von Angela Bleckmann ist Carsten Kolada. Er arbeitet in der dem Unterauschuss Psychotherapie angegliederten Themengruppe Gesprächspsychotherapie mit. Die Themengruppe trifft sich einmal im Monat für acht Stunden. Auch diese Gruppe ist mit Vertretern der Krankenkassen, der Ärzte und Psychotherapeuten, drei unabhängigen Sachverständigen sowie einem Patientenvertreter besetzt. Arbeitsgrundlage ist ein Antrag, Gesprächspsychotherapie als Richtlinienverfahren zuzulassen. Geprüft werden dazu internationale Studien, deren Auswertung dem Unterausschuss vorgelegt werden soll. »Die Arbeitshaltung ist von Sachlichkeit geprägt«, berichtet Carsten Kolada. »Da man sich auf allen Seiten der politischen Brisanz der Fragestellung be-
wusst ist, wird besonders auf Transparenz der konsensorientierten Entscheidungen gelegt. Mein Vorgänger als Patientenvertreter warf das Handtuch wegen Überforderung. Ich wurde nach kurzer Zeit als undogmatischer, sachlicher Gesprächs-
sammenarbeit mit Vertretern anderer Organisationen im Gesundheitsbereich zu Verbesserung der Qualität in dem Bereich unter Berücksichtigung der Sichtweise der Nutzer führen kann. Ich finde jedoch, dass die Arbeit der Patientenvertreter auf-
partner akzeptiert und rede quasi ›richtig‹ mit, obwohl ich natürlich kein Stimmrecht habe. Ganz schön, so ein bisschen was zu bewegen!« Jurand Daszkowski ist vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) als Patientenvertreter benannt worden und arbeitet in der Bundesgeschäftstelle Qualitätssicherung (BQS), Fachgruppe Pflege, mit. Die BQS ist eine Institution, die Aufträge des Unterausschusses externe Qualitätssicherung des G-BA praktisch durchführt. Das Thema der Sitzungen ist bislang die Einführung eines Generalindikators zur Dekubitusprophylaxe, wodurch bessere Qualitätsbewertung der Dekubitusprophylaxe in Krankenhäusern ermöglich werden soll. Für Jurand Daszkowski ist die Tätigkeit interessant und spannend, im gewissen Sinne ein Stück Pionierarbeit. Trotzdem hatte er sich anderes erhofft: »Ich bin aber etwas enttäuscht, dass wir uns nur mit dem Thema Dekubitus befassen, was ich auch wichtig und sinnvoll finde, aber für mich als Vertreter der Betroffenenorganisation aus dem psychiatrischen und psychosozialen Bereich hätten die vielen Probleme der psychiatrischen Pflege doch Priorität gehabt.« Von Seite der BQS sind fühlt er sich korrekt behandelt und auch gehört. Sein Fazit: »Ich empfinde meine Patientenvertretertätigkeit als sinnvolle Aufgabe, die durch Zu-
gewertet werden muss, vor allem durch die Einführung des Stimmrechts bei allen wichtigen Entscheidungen und erforderlich ist auch die Einführung einer angemessenen Aufwandsentschädigung für uns, weil unsere intensive Arbeit, die den Einsatz von viel Zeit und Kommunikationsmitteln wie Computer mit Internetanschluss erfordert, auf Dauer nicht nur mit Reisekostenerstattung abgegolten werden kann.« Für Reinhard Peukert gehört zur Aufwertung nicht nur eine Aufwandsentschädigung, sondern auch eine andere Haltung. Er arbeitet u.a. zusammen mit Ingrid Bräunlich im Unterausschuss Soziotherapie als Vertreter für den Angehörigenverband mit. Er bemängelt vor allem den Informationsfluss. »Auf der Ebene des Spruchkörpers (des Hauptausschusses) wurde inzwischen ein eigenes Antragsrecht der Patientenvertreter durchgesetzt – im Unterausschuss wurde dies aber vom Vertreter der Geschäftsstelle des G-BA nicht nur nicht kommuniziert, sondern Patientenanträge, die von der Kassen- und Ärztebank abgelehnt wurden, gingen auch nicht in das offizielle Protokoll an den Spruchkörper ein. Erst durch die Kommunikation der Patientenvertreter des Unterausschusses mit Patientenvertretern im Hauptausschuss wurde das eigene Antragsrecht bekannt«. PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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Freundliche Diskussionen – mehr nicht? Reinhard Peukert nimmt wahr, dass es von den Bänken der Kassen und Ärzte zwar interessierten Fragen kommen, die eigenen Positionen aber nicht in Frage gestellt werden. »Es ist erkennbar, dass die beiden anderen Bänke die Patientenvertreter gern zur Stärkung ihre Positionen nutzen (würden), daher sind die Gespräche sehr freundlich. Entschieden haben die Bänke aber auf der Basis von Positionen, die sie schon vorher gebildet hatten. Nur da, wo sich die Interessen in etwa deckten, kam es zu einer Annäherung der Ärztebank an Vorschläge der Patientenvertreter. Letztlich wurde keiner der von den Patientenvertretern allein eingebrachten Aspekte von einer der beiden anderen Bänke übernommen.« In der Sitzung des Hauptausschusses wird sich zeigen, ob in der Spruchkammer vergleichbar gehandelt wird, nämlich ob die dort vertretenen Ärzte und Kassen die Positionen ihrer Vertreter im Unterausschuss übernehmen. Reinhard Peukert denkt, dass die Patientenvertreter nur zum »Zünglein an der Waage« werden können, wenn Dissens zwischen Ärzteund Kassenbank besteht. »Der Hinweis einer Ärztevertreterin spricht für diese Annahme: Die Patientenvertreter sollten in einem solchen Fall, und zwar wenn die Patientenvertreter mit der Ärztebank in etwa einig gehen, gut präpariert in die Spruchkammer gehen, denn der Unparteiische würde den Patientenargumenten hohes Gewicht beimessen.« Trotz der geringen Einflussmöglichkeiten will auch Reinhard Peukert an der Patientenbeteiligung festhalten: »Nur so können die Argumente der Patienten (und ihrer Angehörigen) wenigstens in die Diskussion eingebracht werden. Welche Effekte das eigenständige Antragsrecht der Patientenvertreter haben wird, ist aktuell schwer einzuschätzen: Verbreitert sich lediglich die Diskussion thematisch oder drückt sich dies auch mal in Beschlüssen aus? Ich befürchte, es bleibt bei thematischer Verbreiterung der Diskussion, da sich – zumindest im Unterausschuss Soziotherapie – die Ärzte- und die Kassenbank in vielen Punkten in dem Sinne einig war, dass sie die Anregungen der Patientenvertreter gemeinsam abwiesen – was bei anderen Themen möglicherweise anders sein kann.« Fest steht: Die Ausgestaltung einer umfassend wirksamen Patientenvertretung ist ein Entwicklungsprozess, der sich noch über mehrere Jahre hinziehen wird. Der Anfang ist immerhin gemacht. ❚ ❚ ❚
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Integrierte Versorgung – mehr als ein Schlagwort?! Von Christian Zechert
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ie Grenzen zwischen ambulanter, stationärer und rehabilitativer Versorgung aufzubrechen und Behandlungskosten vor allem bei chronisch kranken Patienten zu sparen und gleichzeitig deren Versorgung zu verbessern, so lässt sich die Zielsetzung des seit Februar 2004 gültigen Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) umschreiben. Der Gesetzgeber hatte mit den §§ 140 a – d des GKVModernisierungsgesetzes Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte aufgefordert, innovative Modelle der integrierten Versorgung (IV) zu entwickeln, die sowohl neue Formen der Behandlung und Rehabilitation erlauben als auch helfen unnötige Kosten einzusparen. Dass dieses Gesetz auch für den Bereich der Psychiatrie eine Chance mit vielfältigen Möglichkeiten darstellt, wird erst langsam klar. Von zentraler Bedeutung für alle neuen Modelle sind die Krankenkassen. An ihnen kommt kein Modell der integrierten Versorgung vorbei, da die Finanzierung wie bisher bei der ambulanten und stationären Behandlung auch die Kassen leisten müssen. Neu und anders ist hingegen, dass ambulante, stationäre und Reha-Träger auf regionaler Ebene individuell so ge-
nannte »IV-Verträge« abschließen können. Solche Vereinbarungen zwischen lokalen Anbietern der Gesundheitsversorgung eröffnen gerade bei chronisch Kranken bzw. von Chronifizierung bedrohten Menschen Chancen, die Behandlungs- und Betreuungskontinuität im Bedarfsfall sicherzustellen. Welche Modelle gibt es? In den bisher zwei Jahren Laufzeit des Gesetzes haben sich vier dominierende Vertragstypen der Integrierten Versorgung entwickelt: Typ I: Umgewandelte Strukturverträge, abgeschlossen zumeist zwischen Krankenhaus, Tagesklinik und einer Praxis niedergelassener Ärzte. Das Ziel ist es, bisher stationär erbrachte Leistungen nunmehr ambulant bzw. »kurzstationär« zu erbringen. Typ II: Komplexpauschalen. Kosten der Akutbehandlung und der Rehabilitation werden zusammengefasst, die Leistungserbringer bestimmen den Ort und die Versorgungsstufe der Maßnahmen. Es wird dafür ein fester Preis vereinbart, unabhängig von tatsächlich entstehenden Kosten. Typ III: Casemanagement-Verträge. Hier werden Ärztegruppen zum Teil unter Ein-
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bindung von Krankenhäusern zusammengeschlossen, um durch die Steuerung von Patienten mit multiplen Krankheitsgeschehen eine bessere Koordination der Behandler zu erreichen. Typ IV: Budgetverantwortung. Die Krankenkasse garantiert die Bezahlung der Gesamtkosten einschließlich der Koordinations- oder Steuerungsleistungen. Die erwarteten Einsparungen durch ambulant und stationär übergreifende Behandlung stehen den Leistungserbringern als Bonus zur Verfügung. Der Anreiz ist nicht die Mehrleistung, sondern die Vermeidung unnötiger Leistungen. Für die Psychiatrie/Sucht und Psychosomatik liegen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) im April immerhin schon 25 dokumentierte Verträge vor (www.dgppn.de/aktuell /integr_versorgung_aktuell.htm ), davon gerade mal 13 im Kernbereich der Psychiatrie. Es dürften allerdings ein paar mehr sein, denn nicht alle bekannten Modelle sind dort genannt. Vorwiegend handelt es sich um Kooperationsverträge zwischen niedergelassenen Nervenärzten/Institutsambulanzen, (Universitäts-) Kliniken und Anbietern von Rehabilitationsmaßnahmen. Dass eben auch Betreutes Wohnen, Beratungsstellen, niedergelassene Psychologen und psychiatrische Hauskrankenpflege sowie Anbieter ambulanter Soziotherapie etc. in das Modell passen, macht gerade »Integrierte Versorgung« für die Gemeindepsychiatrie besonders spannend. Möglicherweise erfüllt sich hier der Traum vom Regionalen Budget als Modell der Budgetverantwortung wie es z.B. in Itzehoe versucht wird (Deister 2005, Deutsches Ärzteblatt, Heft 38). Ob dadurch tatsächlich mehr »Behandlungs- bzw. Rehabilitationsqualität« für die Patienten entsteht, oder das subjektive Gefühl der Behandler, die Goldenen Zügel in der Hand zu halten, diese Nachteile übersehen lässt, bleibt abzuwarten. Bedeutsam ist auf jeden Fall, dass hier – wenn auch vor dem Hintergrund von Kosteneinsparungen – gleichzeitig die Verknüpfung unterschiedlicher Maßnahmepakete in Vertragsform anerkannt wird. Ein solches Beispiel ist der Vertrag zwischen der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) und dem Sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrum von Dr. med. Sibylle Schreckling in Hürth. Dort wird die ambulante Behandlung in der therapeutischen Praxis mit dem Einsatz psychiatrischer Hauskrankenpflege und ambulanter Soziotherapie vernetzt. Betroffene werden überdies an Selbsthilfegruppen so-
wie berufsfördernde Maßnahmen vermittelt und ihre Angehörigen werden beraten, wenn sie dies möchten. Aber auch kreative, völlig neue Lösungen wie z.B. die Schaffung von Rückzugsräumen für Menschen mit schweren Erkrankungen, wie sie von der Gesellschaft für Ambulante Psychiatrische Dienste (Gapsy) in Bremen eingerichtet wurden – wir berichteten in der letzten Umschau –, sind auf einmal als ein von den Kassen anerkanntes und finanziertes Modell möglich. Die Interessen solcher Psychiatrie-Erfahrenen, die in Krisen ausdrücklich nicht in eine Klinik wollen (und müssen) und die Interessen der Krankenkassen, die Behandlungskosten einzusparen, verbünden sich auf unerwartete Weise. Die Krankenkassen finanzieren die Bremer Rückzugsräume, weil die Betreuung dort billiger ist als ein Klinikaufenthalt. Die Betroffenen nutzen die Rückzugsräume, um die stationäre Aufnahme zu vermeiden und sich in kritischen Phasen aus dem häuslichen Umfeld zurückziehen zu können. Dies scheint ein gelungenes Beispiel dafür zu sein, wie sich spezifische Klientenbedürfnisse und Einsparmaßnahmen – in diesem Fall zu Lasten des Unternehmens Krankenhaus – harmonisieren lassen. An diesem Modell ist auch bemerkenswert, dass sieben niedergelassene Fachärzte es aktiv unterstützen.
Modellen der Integrierten Versorgung zu verknüpfen, wie dies auch in den zwei genannten Beispielen zu erkennen ist. Hier sollte sich keine Einbahnstrasse entwickeln. Soziotherapie muss auch unabhängig von der Existenz integrierter Versorgungsmodelle« dringend flächendeckend eingeführt und, wie vorgesehen, in den Gemeindepsychiatrischen Verbund insgesamt integriert werden. Bei der Vorbereitung des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung sagte die Staatssekretärin der Bundesministerin für Gesundheit, Marion Caspers-Merk: »Integrierte Versorgung« heißt auch, die Stärkung und Förderung Medizinischer Versorgungszentren. »Gesundheitszentren‹ – das ist ein früherer Ansatz aus den neuen Ländern, den viele noch aus eigener Erfahrung als Polikliniken kennen. In den Gesundheitszentren finden die Menschen verschiedene Ärztinnen und Ärzte und Angehörige von Heilberufen unter einem Dach. Sie beraten gemeinsam komplexe Krankheitsbilder. Die Patienten haben kurze Wege und gute Qualität. Dieses erfolgreiche Modell soll jetzt für die ganze Bundesrepublik ermöglicht werden.«
Sonderfälle oder Musterbeispiele? Allerdings haben solche Spezialmodelle auch Nachteile: Sie sind lokal begrenzt und gelten wie bei Gapsy, Bremen, nur unter bestimmten, zum Teil komplizierten Voraussetzungen: in diesem Fall müssen bereits ambulante psychiatrische Pflege (APP) oder Soziotherapie geleistet werden und die Klienten müssen Mitglied in der AOK Bremen/Bremerhaven sein. Hinzu kommt der Nachweis eines deutlichen Schutzbedürfnisses der Betroffenen, eine Notwendigkeitsbescheinigung durch einen niedergelassen Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie der Ausschluss paralleler Dienstleistungen z.B. vom Sozialpsychiatrischen Dienst. Dennoch: Obwohl die Rückzugsräume auch ein Beispiel für eine komplizierte und verschachtelte lokale Sonderlösung mit vergleichsweise hohem bürokratischen Aufwand sind, stecken in ihnen alle Chancen eines Modells, dass sich bundesweit bei anderen Kassen und anderen Trägern kopieren lässt. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf eine Tendenz der Krankenkassen, die Einführung von Soziotherapie mit
Während in der Somatik sehr rasch z.B. eine Reihe von Brust- und Onkologischen Zentren entstanden, entwickelten sich Psychiatrische Zentren mit Behandlungsund Rehabiliationsauftrag nur zögerlich, sieht man von dem Sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrum Dr. Sibylle Schreckling in Hürth (siehe oben) einmal ab. Ob aus der »Integrierten Versorgung« zahlreiche Gemeindepsychiatrische Versorgungszentren mit eingebundenen Ambulanzen, niedergelassenen Psychiatern sowie Trägern von Reha-Leistungen entstehen, bleibt abzuwarten. Die Chancen, solche Modelle wie z.B. auch ein trägerübergreifendes »Hometreatment« zu entwickeln, sind zurzeit ausgesprochen gut. Vorausgesetzt, es wird die notwendige gestalterische Fantasie eingesetzt und gleichzeitig gespart. ❚ ❚ ❚ PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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Krisendienste müssen Versorgungsstandard werden München zeigt, dass psychiatrische Notfalldienste Klinikeinweisungen vermeiden helfen Von Wolf Crefeld
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er Mobile Psychiatrische Krisendienst München (MPKD) wird fortgesetzt. Der Bezirk Oberbayern, die Landeshauptstadt, die Kassenärztliche Vereinigung Bayern und die Träger der freien Wohlfahrtspflege wollen weiterhin diesem Modell für die schnelle Hilfe bei psychischen Krisen eine sichere Grundlage geben. »Bei psychischen Krisen«, erläutert Dr. Michael Welschehold, Vorsitzender des Sprecherrats des MPKD, »leistet der MPKD die fachlich kompetente ambulante Hilfe. Damit schließt er eine Lücke in der ambulanten Versorgung und verhindert unnötige Klinikeinweisungen.« Der mobile Krisendienst arbeitet eng mit Polizei, Rettungsdiensten, mit Klinikambulanzen und Hausärzten zusammen und ist täglich, auch an Wochenenden und Feiertagen, von 13 bis 21 Uhr unter einer zentralen Telefonnummer erreichbar. Es ist die gesundheitspolitische Bedeutung dieser Meldung, die ihr weit über die Grenzen Münchens hinaus Gewicht verleiht. Der MPKD ist gewiss nicht der einzige Krisendienst in Deutschland. Doch viele von ihnen sind nur für einen begrenzten Klientelkreis oder nur zu normalen Bürozeiten erreichbar oder müssen mit einer Ausstattung arbeiten, die ihnen statt wirksamer ambulanter Hilfe nur das Management einer Klinikeinweisung zu leisten erlaubt. Manche arbeiten nicht mobil, andere verfügen nicht über multiprofessionelle Teams und sind damit beschränkt auf die Sichtweisen eines einzelnen Berufs. Und während manche differenziert psychotherapeutische Verfahrensweisen praktizieren, muss bei anderen die naturwüchsige Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter für die Krisenintervention ausreichen.
Verzweifelte und traumatisierte Menschen Definiert man als Krisensituationen »seelische Ausnahmezustände, bei denen die Betroffenen inneren oder äußeren Belastungen so stark ausgesetzt sind, dass die üblichen Bewältigungsformen nicht mehr ausreichen und ihnen oder Dritten des8
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tödlichen oder chronischen Erkrankung als aussichtslos sehen. Andere verzweifeln wegen einer Beziehungskrise oder Trennung, und Angehörige psychisch Kranker oder Suchtkranker brechen zusammen, wenn sie den täglichen Belastungen in der Familie nicht mehr gewachsen sind. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen verfallen in destruktive Verhaltensweisen. Misshandelte Frauen und missbrauchte Kinder treffen in ihrer Not auf Polizisten, die für solche Erfahrungen nicht ausgebildet sind. Menschen mit Entwicklungskrisen in Zusammenhang mit Alter, Arbeitslosigkeit, Überschuldung oder Migrationserfahrungen werden suizidal. Wer bei krisenhaft sich zuspitzenden psychotischen Erlebnissen nicht weiter weiß, dem bleibt oft nur die Klinik. Ein gesundheitspolitischer Skandal
halb unmittelbare professionelle Hilfe innerhalb 24 Stunden notwendig erscheint«, so kommen Schätzungen für eine Millionenstadt wie München auf etwa 30–40 Krisensituationen täglich. Ein Teil von ihnen verbirgt sich hinter den Notrufen bei der Rettungsleitstelle einer Großstadt und begegnet der Feuerwehr bei ihren täglichen Einsätzen: Menschen, die nach einem Unfall oder einer Gewalttat sich in einem traumatischen Schockzustand befinden, hilflose suizidale Menschen, verwirrte alte und psychotische Menschen, verzweifelte Abhängigkeitskranke, die über die Telefonnummer 112 Hilfe suchen. Nur etwa 5 % der Einsätze, berichtete das Zweite Deutsche Fernsehen in einer Reportage über den Alltag einer Großstadtfeuerwehr, hat etwas mit Feuer zu tun. Viel häufiger begegnen die Einsatzkräfte Menschen in Krisensituationen, für die Rettungssanitäter und Notärzte ebenso wenig ausgebildet sind wie die Beamten der Schutzpolizei. Der Stuttgarter Arbeitskreis Leben schätzt, dass allein in Stuttgart täglich drei Suizidhandlungen unternommen werden. Bisher bleibt oft nur die Klinik Psychische Krisen betreffen zum Beispiel Menschen, die ihre Lage wegen ihrer
Man sollte die Dinge beim Namen nennen: Wie wenig außerhalb der psychiatrisch-psychotherapeutischen Sprechstunden als Hilfe bei psychischen Krisen zur Verfügung steht, ist gesundheitspolitisch ein Skandal. Jährlich sterben etwa 12.000 Menschen durch einen Suizid – doch ob angesichts dieses Notstandes infrastrukturell etwas unternommen wird, hängt von örtlichen Initiativen ab, die dann Jahr für Jahr um ihre Existenz kämpfen müssen. Zum Vergleich: Vor fünfzehn Jahren starben ebenso viele Menschen im Straßenverkehr wie durch Suizid. Dank intensiver verkehrspolitischer Bemühungen konnte diese Zahl inzwischen auf 5.400 reduziert werden – allein in den letzten fünf Jahren sank die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr um 30 %. Dass ähnliche Erfolge auch im Hinblick auf die konstant hohe Zahl an Suiziden möglich wären, zeigen Beispiele – so soll in Hamburg die Zahl der Suizidopfer in zwei Jahren um 28 % zurückgegangen sein. Auf hohem Niveau: Technische und internistisch-chirurgische Notfallhilfe Auch über den Straßenverkehr hinaus gilt: Sind bei Notfällen technische Hilfeleistungen (umstürzende Bäume, auslaufende Chemikalien, überflutete Häuser, verkeilte Fahrzeuge) notwendig, so steht eine gut ausgestattete und für die verschiedensten Probleme qualifiziert ausgebildete Feuerwehr jederzeit bereit und für Katastrophenfälle darüber hinaus das Technisches Hilfswerk. Ebenso verfügen die Leitstellen für Notfälle, die rasche chirurgische oder internistische Inter-
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ventionen erfordern, über ein in den letzten Jahren stetig weiter qualifiziertes Rettungswesen mit Rettungssanitätern und Notärzten. Doch wenn psychische Krisenhilfe geboten ist, sind Feuerwehrleute, Polizisten und Notärzte damit allein gelassen. Nicht einmal für diese Helfer selbst steht nach gefährlichen oder traumatisierend-belastenden Einsätzen kompetente Krisenhilfe zur Verfügung. Aus diesem Grund ließ sich der Pastor eines Dorfes, das nahe der Autobahn liegt, zum freiwillig tätigen Feuerwehrmann ausbilden, um seinen Kameraden nach belastenden Einsätzen auf der Autobahn Bewältigungshilfe mit den Mitteln des Seelsorgers geben zu können. Die Krankenkassen finanzieren Zwangseinweisungen, aber nicht Krisendienste Ein wesentlicher Grund für diese Misere ist, dass die ambulante Gesundheitsversorgung, wie sie das Sozialgesetzbuch V regelt, in die Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten gelegt ist. Das Gesetz geht von der Fiktion aus, die niedergelassenen Ärzte könnten ungeachtet ihrer wartenden Patienten aus ihrer Praxis zu einem akuten Krisenfall eilen. Dabei gehört für die meisten Ärzte Hilfe in psychosozialen Notfällen gar nicht zu ihrem Fachgebiet. Außerhalb der Sprechstundenzeiten verweisen die Kassenärztlichen Vereinigungen Hilfesuchende an die von ihnen eingerichteten notfallärztlichen Call Centers, doch in den meisten Städten steht für psychosoziale Notfälle nicht einmal ein Nervenärztlicher Notdienst zur Verfügung. Angesichts dieses fachlichen Versorgungsnotstandes ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der (vorsorglichen) Zwangseinweisungen nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz konstant hoch bleibt – in Nordrhein-Westfalen allein bei jährlich 20.000 Fällen. Polizei und Rettungsdienste begegnen den meisten Krisen Anders ist die Situation in München. Der Münchener Krisendienst ist aus einem Modellprojekt des Bundesgesundheitsministeriums entstanden, in dem die Versorgungssituation von Menschen in psychischen Krisen und Notfallsituationen untersucht wurde. Erfasst wurden damals rund um die Uhr alle Krisensituationen in einem Sektor Münchens, mit denen sich Rettungsleitstellen, Polizei,
psychiatrische Kliniken, kassenärztlicher Notdienst, Sozialpsychiatrischer Dienst, die Telefonseelsorge und psychosoziale Beratungsstellen konfrontiert sahen. Im Durchschnitt passierte dies in diesem Stadtsektor an jedem Tag neunmal. Soweit diese Krisenhilfe vor Ort zu leisten war, hatten in 84 % der Fälle nicht-psychiatrische Dienste wie Polizei und Rettungsdienst damit zu tun und nur bei 5 % der Psychiatrische Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).
Dringlichkeit der meisten Fälle kann das mobile Team bei 85 % (!) seiner Einsätze eine stationäre Behandlung vermeiden, während es bei etwa 9 % eine Einweisung nach dem bayerischen Unterbringungsgesetz veranlassen musste. Im Vordergrund stehen bei den meisten Einsätzen des mobilen Teams paranoide, depressive und suizidale Syndrome.
Täglich bis 21 Uhr für jeden erreichbar
Die Erfahrungen des Münchener Krisendienstes zeigen, dass fachkompetente, auch zu ungünstigen Zeiten leicht erreichbare Hilfe bei psychischen Krisensituationen nicht nur dem Bedarf der unmittelbar Betroffenen und deren Angehörigen, Freunde und Nachbarn ent-
Inzwischen ist der Münchener Krisendienst für die ganze Stadt zuständig. Finanziert wird er größtenteils durch den Bezirk Oberbayern als Träger der Sozialhilfe, daneben auch durch die Stadt und die Kassenärztliche Vereinigung. Zugang zu ihm finden Hilfesuchende über eine Telefonnummer, die sowohl allen infrage kommenden Institutionen und Diensten wie auch der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden ist. Man erreicht dort täglich von 13 bis 21 Uhr psychiatrisch erfahrene Sozialpädagogen, Psychologen und Fachpflegekräfte für Psychiatrie, die im ersten Telefonkontakt die Art des Hilfebedarfs und die Dringlichkeit der Hilfe klären. Als Ratgeber im Hintergrund steht ihnen ein Arzt der psychiatrischen Ambulanz des Münchener Psychiatrischen Krisenzentrums Atriumhaus zur Verfügung. In den meisten Fällen kann bereits eine Beratung am Telefon weiterhelfen. Bei einem Viertel der Anrufe erscheint die Situation so kritisch, dass eine Krisenintervention vor Ort notwendig ist. Dann wird das in Rufbereitschaft stehende mobile Team alarmiert, das aus fachlich besonders versierten Mitarbeitern verschiedener psychiatrischer bzw. psychosozialer Institutionen und Dienste in München zusammen gesetzt ist. Meist sind es zunächst Angehörige oder Bekannte, die sich an den Krisendienst wenden, in 10 % die Betroffenen selbst, in den anderen Fällen sind es Einrichtungen und Fachdienste, ein Sozialpsychiatrischer Dienst oder ein Rettungsdienst. Zunehmend wenden sich inzwischen auch niedergelassene Ärzte an den Krisendienst. Ort der Intervention ist in der Regel die Wohnung, während 15 % der Einsätze bei der Polizei, der städtischen Notunterkunft oder in anderen Einrichtungen und Diensten stattfinden. Fast alle Einsätze des mobilen Teams erfolgen ohne Mitwirkung eines Arztes, gelegentlich wird der Hausarzt oder der Psychiatrische Bereitschaftsdienst der KV hinzugezogen. Trotz der
Krisenhilfeteams als Bestandteil der etablierten Notdienste
spricht. Auch die Notfalldienste benötigen regelmäßig Rat und Unterstützung. Dem entspricht, dass sich zwischen ihnen und dem MPKD inzwischen eine verlässliche Kooperationsbeziehung entwickelt hat. Die Politik, die so ratlos der hohen Zahl von Zwangseinweisungen gegenüber steht, muss allmählich begreifen, dass Fachkompetenz für psychische Krisensituationen zu einem festen Bestandteil dieser Notfalldienste werden muss. ❚ ❚ ❚ Über das dem MPKD vorausgehende Modellprojekt ist zu lesen in Schleuning/Welschehold: Die Münchener Krisenstudie, Psychiatrische Notfallversorgung: Strukturen und ihre Nutzung. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2003. Beispielhaft auch die zwölf Krisenfälle und die jeweils notwendigen Interventionen, die drei Berliner Psychologinnen beschrieben haben: Kunz/Scheuermann/Schürmann: Krisenintervention. Ein fallorientiertes Arbeitsbuch für Praxis und Weiterbildung. Juventa, Weinheim 2004.
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Hintergründe psychiatrischer Zwangsunterbringungen Nordrhein-Westfalen will die Unterbringungshäufigkeiten senken Von Gudrun Schliebener
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ie Landesregierung NordrheinWestfalen hatte im Jahr 2000 ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt »Kommunale Gesundheitsberichterstattung über psychiatrische Unterbringungen und Möglichkeiten der Nutzung im Rahmen eines gemeindepsychiatrischen Qualitätsmanagements« (KGPsych) in Auftrag gegeben. Anknüpfend an Voruntersuchungen, die eine starke Zunahme und große regionale Unterschiede in der Häufigkeit der Unterbringungen ergeben hatten, sollten die Hintergründe in vier Modellregionen des Landes näher untersucht werden. Modellregionen waren in Westfalen die Stadt Münster und der Kreis Olpe und im Rheinland die Stadt Köln und der Kreis Viersen. Neben der Projektarbeit in den Modellregionen wurde zusätzlich eine Untersuchung auf Landesebene durchgeführt, in der für alle nordrheinwestfälischen Kreise und kreisfreien Städte bestimmte Kennziffern ermittelt und auf statistische Zusammenhänge mit der Häufigkeit der psychiatrischen Unterbringungen geprüft wurden.
Mehr Zwangseinweisungen in Städten als auf dem Land Im Landesdurchschnitt lag die Zahl der Zwangsunterbringungen in 2000 bei ca. 1,2 pro tausend Einwohner, in den Großstädten (Köln, Münster, Düsseldorf) über 2, in einigen Landkreisen (z.B. Olpe, Höxter, Herford) zwischen 0,35 und 0,4. Bei dem immer wieder bestätigtem Unterschied zwischen Stadt und Land bleibt zu untersuchen, welchen Einfluss Versorgungsdichte, Konzentration psychisch kranker Menschen in bestimmten Orten, Anzahl psychiatrischer Betten u.ä. auf die Unterbringungshäufigkeit haben. Wer ist betroffen? Den größten Anteil bei Unterbringungen nach PsychKG haben mit ca. 34 % Pa10 PSYCHOSOZIALE Umschau
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tienten mit schizophrenen, schizotypen, wahnhaften Störungen, der Anteil der organisch bedingen psychischen Störungen ist mit ca. 30 % vergleichbar groß wie der Anteil der Abhängigkeitserkrankungen.
troffenen lebten mit Angehörigen zusammen. Nach den Ergebnissen einer Studie von 1983 lag damals der Anteil der Betroffenen, die mit Angehörigen zusammenlebten, bei ca. 55 %. In den untersuchten Landkreisen liegt die Unterbringungshäufigkeit weit unter der der Städte. Hier liegt der Anteil der Betroffenen, die zusammen mit Angehörigen leben, zwischen 54 % und 60 %. Insgesamt stützt das Ergebnis die These, dass der Anstieg der Unterbringungen in städtischen Bereichen auch mit der Zunahme isolierter Lebensformen, Auseinanderbrechen familiärer Zusammenhalte und sozialer Vereinsamung der Betroffenen zu tun hat. Wenn man die Entwicklung der letzten 25 Jahre betrachtet, so fällt auf, dass regional auftretende Rückgänge der Unterbringungshäufigkeit immer in zeitlichem Zusammenhang stehen mit bestimmten örtlichen Diskussionen oder empirischen Untersuchungen zur psychiatrischen Unterbringungsproblematik. Dieses spricht dafür, dass eine öffentliche Thematisierung der Problematik auf institutioneller und regionaler Ebene ebenso wie das Engagement der Kontrollbehörden wirksam zu einer zurückhaltenderen Anwendung des Unterbringungsrechts beitragen kann. Zahlen über Fixierungen fehlen
Über 50 % der Patienten wurden, wenn man den Begründungen der Unterbringungszeugnisse folgt, allein wegen ihrer Selbstgefährdung untergebracht, 45 % der PatientInnen wegen zunehmender psychotischer Symptomatik, weitere 35 % wegen beeinträchtigter Steuerungsfähigkeit, beeinträchtigter Orientierungsfähigkeit bzw. wegen eines aktuellen Verwirrtheitszustandes. Die Aussagefähigkeit der Daten ist jedoch fragwürdig, da die Diagnosen nicht eindeutig definiert oder voneinander abgrenzbar sind, z.B. weigern sich manche Ärzte aus prinzipiellen Erwägungen, den Begriff der Psychose zu verwenden. Wenn man die soziale Situation der Betroffenen betrachtet, fällt auf, dass z.B. in Köln ca. 40 % der Betroffenen vor der Unterbringung allein lebten, ca. 37 % der Be-
Möglicherweise hat sich das Problem aber auch verschoben. So gibt es kaum Daten über informelle freiheitsbeschränkende Maßnahmen wie Fixierungen und Isolierungen. Diese werden dem Gericht nicht gemeldet und erscheinen in keiner Statistik, da sie als eher geringfügig eingeschätzt werden. Sie können jedoch Zwangseinweisungen und klinische Zurückhaltungen teilweise ersetzen und werden neben den psychiatrischen Kliniken auch in Allgemeinkrankenhäusern und Heimen eingesetzt. Möglichkeiten zur Verringerung der Unterbringungshäufigkeit Auf die Frage nach Möglichkeiten zur Verringerung der Unterbringungshäufigkeit können aus den Untersuchungen folgende Punkte hergeleitet werden: ❚ Verbesserung der psychiatrischen Basisversorgung, besonders des Beitrags von Hausärzten und Allgemeinkrankenhäusern; ❚ Verbesserung der psychiatrischen Notfallhilfe, unter anderem durch bessere
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Aus- und Fortbildung aller Personen, die in engem Kontakt zu den Betroffenen stehen; ❚ Weiterentwicklung der Angebote alltagsbegleitender Betreuung, Pflege und Unterstützung – insbesondere auch in Krisensituationen – durch komplementäre Dienste; ❚ Schaffung spezieller Dienste für bestimmte Problemgruppen (z.B. muttersprachliche Betreuung etc.). Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in den Modellregionen in unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Gremien ausführlich diskutiert. Es wurden alle Punkte gesammelt, bei denen weitgehend Übereinstimmung zu bestehen schien. Die Auswertung der Befragungsergebnisse und der Beiträge in den Arbeitsgruppen ergaben zusammengenommen eine beeindruckende Fülle von Ideen zur Verbesserung der Situation. Diese bezogen sich jedoch nicht nur auf das Unterbringungsgeschehen, sondern auch auf eine ganze Reihe weiterer Aspekte der Versorgungslandschaft. Bemerkenswert ist, dass es zwischen den relevanten Institutionen kaum inhaltliche Differenzen in der Einschätzung des Handlungsbedarfs gibt. Es bleibt abzuwarten, ob dies auch dann noch der Fall sein wird, wenn über Prioritäten zu entscheiden ist und die bisher nur allgemein formulierten Ziele konkretisiert werden müssen. Konsensfähige Zielvorstellungen aller Beteiligten in den Arbeitsgruppen aller Modellregionen waren: ❚ stärkere Beteiligung der niedergelassenen Ärzte an der außerklinischen Krisenhilfe und Unterbringungspraxis; ❚ Verbesserung der Kompetenz und fachlichen Unterstützung der Anlaufstellen für Menschen in akuten psychischen Krisen und Notfallsituationen; ❚ mehr Verständnis für die Angehörigen psychisch Kranker bei Ärzten und Psychotherapeuten, aber auch bei Rettungsdiensten und Vormundschaftsrichtern; ❚ bessere Unterstützung der Patienten und Patientinnen in der Klinik bei der Entlassungsvorbereitung und der Vermittlung der Nachsorge; ❚ Sicherstellung eines nahtlosen Übergangs nach der Klinikentlassung in angemessene weiterführende Betreuungsformen; ❚ Ausdehnung psychiatrischer Sprechstunden in nichtklinischen Einrichtungen; ❚ Intensivierung psychoedukativer Gruppenarbeit (unter Einbeziehung der Angehörigen) im komplementären Bereich;
❚ Wegfall der Belastung des Patienten mit den Kosten des Verfahrenspflegers; ❚ Wegfall der Ungleichbehandlung von nach PsychKG und BtR untergebrachten Personen; ❚ konsequente Umsetzung des personenzentrierten Ansatzes in der ambulanten und komplementären Hilfe für chronisch psychisch kranke Menschen; ❚ bessere Hilfen für chronisch mehrfach beeinträchtige Suchtkranke; ❚ generelle Intensivierung der Bemühungen im gerontopsychiatrischen Bereich; ❚ Einigung mit den Kassenärztlichen Vereinigungen hinsichtlich der Verantwortlichkeiten beim Ausstellen der Unterbringungszeugnisse; ❚ Verbesserung der Kompetenz nichtpsychiatrischer Ärzte, die an Kriseninterventionen und Unterbringungen beteiligt sind; ❚ Verringerung der formalen und inhaltlichen Qualitätsdefizite der ärztlichen Unterbringungszeugnisse; ❚ Verbesserung der konsiliarärztlichen Betreuungen von Allgemeinkrankenhäusern; ❚ mehr Kompetenz der Polizei und Mitarbeiter des Rettungswesens im Umgang mit psychisch kranken Menschen in Krisensituationen; ❚ einheitlichere und für alle Beteiligten leichter nachvollziehbare Rechtsprechung der Amtsgerichte; ❚ fachliche Qualifizierung und bessere personelle Ausstattung der kommunalen Betreuungsstellen; ❚ verlässliche Information der Sozialpsychiatrischen Dienste über die Entlassung untergebrachter Patienten; ❚ verlässliche Information der psychiatrischen Klinik durch die einweisenden Dienste. Fazit Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Anstieg der Unterbringungen nach PsychKG in Nordrhein-Westfalen gebrochen scheint. Allerdings bewegen sich die Zahlen immer noch auf hohem Niveau und es lässt sich noch nicht beurteilen, ob diese Entwicklung nachhaltig ist. Vor allen Dingen sind erfreulicherweise Langzeitunterbringungen selten geworden, dieser Fortschritt darf neben den anderen Zahlen nicht übersehen werden. Trotzdem muss aber gesagt werden, dass die psychiatrischen Unterbringungen immer noch ein gravierendes Problem darstellen und kein Grund zur Entwarnung besteht. Bei den hohen Unterbringungszahlen handelt es sich in erster Linie um eine Er-
scheinung in den größeren Städten und Ballungsgebieten, obwohl es dort in der Regel sehr viel mehr psychiatrische und psychosoziale Versorgungsangebote gibt als im ländlichen Raum. Die niedrigen Zahlen auf dem Land bedeuten allerdings nicht, dass es dort keine Probleme geben würde. Hier handelt es sich eher um strukturelle Mangelversorgung und unzulängliche Organisation der psychiatrischen Notfallhilfe. Es muss insbesondere in Regionen mit hoher sozialer Problemdichte und aus der Gruppe der Menschen mit komplexen sozialen Schwierigkeiten mit einer weiteren Zunahme fragwürdiger Unterbringungen gerechnet werden, wenn die – auch in Regionen mit relativ gut entwickelten Versorgungsstrukturen – in der Regel immer noch defizitäre Krisenprävention und Krisenhilfe für diese Personengruppen nicht entscheidend verbessert wird. Als großes Defizit wird nach wie vor in den meisten Regionen das Fehlen der aufsuchenden psychiatrischen Krisenhilfe erlebt, vor allen Dingen außerhalb der üblichen Dienstzeiten. Etwa die Hälfte aller Notfälle treten zu diesen Zeiten auf, meist in den Abendstunden. Ebenso ist das Fehlen einer Krisenhilfe für psychisch erkrankte Menschen, die nicht in professionelle und institutionelle Betreuungsangebote eingebunden sind, ein ungelöstes und zu wenig beachtetes Problem. Im Rahmen der individuellen Hilfe- und Behandlungsplanung sollte bei gefährdeten Personen rechtzeitig durch zum Beispiel Behandlungsvereinbarungen Vorsorge dafür getroffen werden, dass die Intervention bei einer Krise soweit wie möglich auf die individuellen Besonderheiten und Bedürfnisse abgestimmt werden kann. Dabei sollte auch der Wunsch nach Alternativen zur Behandlung in der psychiatrischen Klinik ernst genommen werden, zum Beispiel Krisenpensionen oder Ähnliches. Diese Möglichkeiten können nicht von einzelnen Diensten geschaffen werden, sondern werden nur einrichtungsund trägerübergreifend realisiert werden können. Eine Reduzierung der Unterbringungshäufigkeit kann nur dann als Fortschritt betrachtet werden, wenn sie durch eine wirkliche Verbesserung der Krisenhilfe und nicht nur durch eine Neudefinition der Zwangsmaßnahmen erreicht wird. ❚ ❚ ❚ Gudrun Schliebener ist Vorsitzende des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker in Nordrhein-Westfalen und Mitglied im Vorstand des BApK.
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Wie sozial bleibt unser Land? Perspektiven der Behindertenhilfe im Zeitalter überschuldeter öffentlicher Haushalte – ein Tagungsbericht von Norbert Schumacher
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er Wirtschafts- und Sozialstaat Deutschland befindet sich derzeit in einem rasanten Veränderungsprozess. Mit der Agenda 2010 ist ein erster Versuch gemacht worden, die Wirtschaft anzukurbeln und die sozialen Sicherungssysteme zu reformieren. Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD will alle Kräfte darauf konzentrieren, die öffentlichen Haushalte des Bundes, der Länder und Kommunen zu sanieren, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen zu verbessern und die Zahl arbeitsloser Menschen zu verringern. Angesichts dieser Zielvorgaben stellt sich für die Behindertenhilfe die Frage, wie sich in wirtschaftlich schwieriger Zeit das Recht behinderter Menschen auf Teilhabe und Selbstbestimmung sichern lässt.
Sozialpolitik am Scheideweg? Die Sozialpolitik steht an einem Scheideweg: Sollen die schrumpfenden Sozialetats vor allem für die Menschen eingesetzt werden, die zu produktiver Tätigkeit befähigt werden können oder wird die große Koalition an dem eingeleiteten Paradigmenwechsel festhalten, auch Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen? Die im so genannten »Kontaktgespräch« zusammengeschlossenen und an der Herausgabe des Rechtsdienstes der Lebenshilfe beteiligten fünf Fachverbände hatten vor diesem Hintergrund schon vor mehr als einem Jahr den Entschluss gefasst, am 15. und 16. Februar 2006 in der Katholischen Akademie, Berlin, eine Fachtagung zu den Perspektiven der Behindertenhilfe im Zeitalter liberaler Wirtschaftspolitik, globalisierter Finanzmärkte und überschuldeter öffentlicher Haushalte durchzuführen. Die von etwa 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besuchte Fachtagung hat einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, die Zusammenhänge zwischen Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik zu klären und den Interessenvertretern behinderter Menschen Argumente zu liefern, wie in einer Zeit, die durch zunehmende Verteilungskämpfe gekennzeichnet ist, das 12 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Recht behinderter Menschen auf Teilhabe gewährleistet werden kann. Behindertenbeauftragte sieht Politik in der Pflicht zum Handeln Nach der Eröffnung der Tagung durch Dr. Elisabeth Kludas, Vorsitzende der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V., unterstützte die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Karin Evers-Meyer, Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB), in ihrem Grußwort die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik der Fachtagung. Ihrer Überzeugung nach besteht im weit-
aus überwiegenden Teil der Bevölkerung nach wie vor der Wunsch, auch in Zukunft in einem sozial geprägten Land leben zu wollen. Man dürfe jedoch nicht ausblenden, dass sich der Sozialstaat in Schwierigkeiten befinde. Die Kassen von Bund, Ländern und Kommunen seien leer. Die Politik müsse jetzt handeln, ein »Weiter so wie bisher!« verbiete sich. Der Staat habe insbesondere dafür zu sorgen, die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nachhaltig im Sinne aller Bürger einzusetzen. Und er müsse auch die Wirtschaft unterstützen: Eine funktionierende Ökonomie sei Voraussetzung für die Finanzierung des Rechts auf Teilhabe. Aus fachlicher Sicht stellte Evers-Meyer die Notwendigkeit des Neu- bzw. Ausbaus von Wohnheimen in Frage. Angesichts des Grundsatzes »ambulant vor stationär« müsse in jedem Fall geprüft werden, ob die stationäre Betreuungsform das richtige Mittel sei.
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Neues Verständnis von Solidarität? Intensiv setzte sich Dr. Rudolf Speth, Diplom-Politologe und Privatdozent an der Freien Universität Berlin, mit der Frage auseinander, welchem Menschenbild der Sozialstaat neuer Prägung folgt. Die Gesellschaft befinde sich nach den goldenen 60er und 70er Jahren in einer Phase des sich verändernden Sozialstaats nach dem »klassischen Sozialstaat«. Die zentrale Frage, wie groß die Bereitschaft sei, anderen Menschen zu helfen, führe direkt zum Begriff der Solidarität. Dr. Speth prägte den Begriff der Wettbewerbssolidarität und gab zu bedenken, dass man Solidarität nicht über Wettbewerb erzeugen könne. Da Hilfe für diejenigen nötig sei, die sich nicht selbst helfen können, müsse jede Form von Wettbewerbssolidarität in eine Form gemeinsamer Verbundenheit eingebettet sein. Dies könne nur über gemeinsame Ziele geschehen, die eine Gesellschaft für sich definiere. Kritisch beleuchtete er den heute vorherrschenden Gedanken investiver Sozialpolitik (»Fördern und Fordern«). Der Sozialstaat neuen Typs beherzige das Prinzip des wechselseitigen Nutzens. Dies führe zu einer bevorzugten Förderung derjenigen, die hierdurch in die Lage versetzt werden, sich selbst helfen zu können. In einer Zeit von Verteilungskämpfen müsse jedoch auch über moralische Verantwortung gegenüber den Personen diskutiert werden, die auf die Hilfe und Unterstützung Dritter angewiesen sind. Speth forderte schließlich die Behindertenverbände auf, ihre Interessen stärker über die Medien zu artikulieren, denn politische Entscheidungen würden wesentlich über die Medien beeinflusst. Wie lässt sich ein Ausbluten des Sozialstaats Deutschland verhindern? Prof. Dr. Lorenz Jarass, Fachhochschule Wiesbaden, erläuterte in einem informativen Vortrag die maßgeblichen Gründe dafür, dass die Steuereinnahmen ständig zurückgehen, obwohl das Volkseinkommen kontinuierlich wächst. Ursächlich seien die sinkenden Löhne und Gehälter. Nach Abzug der Preissteigerung stagnierten sie auf dem Stand von 1998. Es liege auf der Hand, dass ein Sozialstaat, der auf auskömmliche Steuereinnahmen angewiesen sei, damit nicht wie bisher finanzierbar sei. Deutlich kritisierte Jarass die Tatsache, dass das deutsche Steuersystem den Export von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer subventioniere. Er forderte die neue Bundesregierung auf, diesen
Missstand umgehend zu beenden. Zudem sei eine grundlegende Reform der Unternehmensbesteuerung erforderlich. In Bezug auf die angekündigten Reformen der Kranken- und Pflegeversicherung forderte er die Verbände der Behindertenhilfe auf, diese Reform kritisch zu begleiten. Wahrscheinlich müssten Milliardenbeträge aus Steuermitteln in die gesetzliche Krankenversicherung investiert werden. Diese Gelder fehlten dann, um den Bund an den steigenden Kosten der Eingliederungshilfe zu beteiligen. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Wirtschaftspolitik, der Behindertenverbände und der Freien Wohlfahrtspflege bildete den Abschluss des ersten Tages. Die Teilnehmer erörterten das Spannungsverhältnis zwischen unternehmerischer Freiheit, Gemeinwohl und sozialer Gerechtigkeit. Viel Gesprächsstoff lieferte der einführende Vortrag von Prof. Hans-Olaf Henkel, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), zur wettbewerbsfähigen Gesellschaft. Ausgehend von seiner These, dass nur ein reiches, wirtschaftlich florierendes Land einen Lebensstandard behinderter Menschen »in Würde« sichern könne, hielt Henkel ein Plädoyer für die wettbewerbsfähige Gesellschaft. Er kritisierte das geltende politische Entscheidungssystem, das zur Unbeweglichkeit und damit zu einem Standortnachteil für Deutschland führen würde. (...)
Wettbewerb ist kein Allheilmittel Alle Podiumsteilnehmer stellten die These vom Wettbewerb als Allheilmittel in Frage. Christine Scheel von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen betonte die Bedeutung von Wettbewerb. Dieser müsse jedoch sozialen und ökologischen Regularien unterliegen. Wirtschaft und Ethik seien keine Gegensätze. Scheel verwies auf die erfreuliche Tatsache, dass die Kommunen im vergangenen Jahr erhebliche Mehreinnahmen bei den Gewerbesteuern hatten, was zu einer gewissen finanziellen Entlastung führe. Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hielt den uneingeschränkten Einzug des Wettbewerbs in die Gesellschaft für verfassungswidrig, da das Grundgesetz einen sozialen Bundesstaat vorgebe, der den Prinzipien einer sozialen Marktwirtschaft folgen müsse. Nach seiner Auffassung müsse sich jede demokratische Gesellschaft selbst auf soziale Grundlagen verständigen, da der Begriff des Gemeinwohls nicht objektiv vermittelbar sei. Eckhardt Rehberg, Wirtschaftspolitiker der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, betonte die Notwendigkeit, Sozialpolitik unter Bezugnahme auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Bundesrepublik Deutschland zu diskutieren. Knappheit an ethischer Orientierung Pfarrer Dr. Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche Deutschlands, bemängelte die gePSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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sellschaftliche Knappheit an ethischer Orientierung. Er wies darauf hin, dass es keinen anderen Weg gebe, als sich mit den Folgen der Globalisierung in unserer Gesellschaft intensiv auseinander zu setzen. Wenn man den Menschen gerecht werden wolle, müsse man sie unterschiedlich behandeln und ihre individuelle Situation berücksichtigen. Die entscheidende Frage sei deshalb, welche Rolle die ethische Verantwortung in den Bereichen von Wirtschafts- und Sozialpolitik (noch) spiele. Ein Sozialstaat muss Möglichkeiten zur Teilhabe bieten Am zweiten Tag bildeten sozialrechtliche Referate den Schwerpunkt. Die Beiträge zeigten auf, an welchen Stellen Reformschritte unverzichtbar sind und welche Möglichkeiten gesehen werden, Reformvorhaben zu verwirklichen. Dr. jur. habil. Felix Welti von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Universität Frankfurt/M. legte zunächst dar, dass die Form des sozialen Rechtsstaates für die Bundesrepublik Deutschland unabänderlicher Teil der Verfassung sei. Ein sozialer Staat müsse für die Gesellschaft da sein und nicht umgekehrt. Aber ein sozialer Staat habe auch einen Gestaltungsauftrag, er könne die Gesellschaft nicht nur gewähren lassen. Ein sozialer Rechtsstaat müsse Teilhaberechte ermöglichen. Ein unbedingtes Recht gebe es jedoch nur auf das Existenzminimum. (...) Für Welti ist nach wie vor die Abgrenzung der Pflege von Teilhabe- und Rehabilitationsleistungen nicht gelöst. Die Restriktionen der Pflegeversicherung erschwerten eine bedarfsgerechte und selbstbestimmte Leistungserbringung behinderter Menschen. Gesetzliche Krankenversicherung auf dem Weg in die Unsolidarität? Kritisch setzte sich Welti auch mit der gesetzlichen Krankenversicherung auseinander. Die Kostendämpfungsmaßnahmen durch Zuzahlungen und Leistungsausgrenzungen stellten insbesondere für wesentlich behinderte Menschen ein großes Problem dar. Sie verfügten oft nicht über die notwendigen Mittel, um die geforderte finanzielle Selbstbeteiligung an Medikamenten, Hilfs- und Heilmitteln oder Fahrtkosten zu übernehmen. Dadurch sei ihr gesundheitliches Existenzminimum in verfassungsrechtlich bedenklicher Weise gefährdet. Erschwerend komme hinzu, dass sich das Leistungspro14 PSYCHOSOZIALE Umschau
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gramm der gesetzlichen Krankenversicherung überwiegend am Normalfall der kurzfristig behebbaren Gesundheitsstörung orientiere. Die Berücksichtigung geistiger und seelischer Gesundheitsstörungen sowie sozialer Teilhabestörungen stoße hier an Grenzen. Perspektiven der Behindertenhilfe in der neuen Legislaturperiode Mit einem Referat zu den Perspektiven der Behindertenhilfe in der 16. Legislaturperiode führte Klaus Lachwitz, Justitiar und Leiter des Hauptstadtbüros der Bundesvereinigung Lebenshilfe, in die sozialpolitisch ausgerichtete Podiumsdiskussion des zweiten Veranstaltungstages ein. Die fünf Fachverbände für Menschen mit Behinderung diskutierten seit längerem die sozialen Probleme und widmeten sich insbesondere der Frage, wie sich die für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung bedeutsame Eingliederungshilfe für behinderte Menschen unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiter entwickeln könne. In einem Positionspapier der fünf Fachverbände »Erste Überlegungen zur zukünftigen Finanzierung der Eingliederungshilfe« sei schon 2004 die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht an der Zeit sei, dass der Bund für die Eingliederungshilfe auch finanzielle Verantwortung mit übernehme (vgl. RdLh 2/05, S. 53 ff.). Bundesregierung äußert sich nicht zu Vorschlägen der Behindertenverbände Allerdings ergäben sich aus dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung keinerlei Hinweise dafür, dass beabsichtigt sei, die Eingliederungshilfe aus der Sozialhilfe herauszulösen und in ein Bundesleistungsgesetz zu überführen. Auch werde an keiner Stelle die von den über-
örtlichen Trägern der Sozialhilfe, den kommunalen Spitzenverbänden und zahlreichen Behindertenverbänden erhobene Forderung nach Einführung eines Teilgabegeldes auf Bundesebene aufgegriffen. Lachwitz betone, dass die Verbände der Behindertenhilfe bereit seien, gemeinsam mit den öffentlichen Trägern über Strukturveränderungen der Eingliederungshilfe zu beraten und zu verhandeln. Er begrüßte die Ankündigung der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Karin Evers-Meyer, in einem ersten Schritt eine Bestandsaufnahme zu machen. Sodann müsse in einem zweiten Schritt ein Gesamtkonzept für die Eingliederungshilfe entwickelt werden. Auch die Koalitionsvereinbarung gehe von der Notwendigkeit aus, ein Gesamtkonzept für die Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger, behinderter, chronisch kranker und alter Menschen zu entwickeln. Konturen der Behindertenpolitik nach Bildung der Großen Koalition Die Teilnehmer der die Tagung beschließenden Podiumsdiskussion widmeten sich zunächst der Frage nach den Einflussmöglichkeiten der Politik. Für Markus Kurth von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat die Politik nach wie vor eine wichtige Gestaltungs- und Steuerungsfunktion. Auch Prof. Dr. Cremer, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, zweifelte nicht an der nach wie vor bestehenden politischen Steuerungsfähigkeit. Der faktische Einfluss der Politik sei erheblich. Eine wichtige Aufgabe bestehe in der Auflösung des vermeintlichen Widerspruchs von Ökonomie und Moral. Für die Behindertenhilfe beinhalte dies die Verpflichtung, den Einsatz der finanziellen Mittel sorgfältig auf ihre Wirkung hin zu überprüfen. Hubert Hüppe, behindertenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, befasste sich u. a. mit Einsparungsmöglichkeiten durch Bürokratieabbau: Es gehe in wichtigen sozialen Aufgabenfeldern insbesondere darum, die Prozesskontrolle durch eine Erfolgskontrolle abzulösen. Darüber hinaus führe an der Umsetzung des Grundsatzes »ambulant vor stationär« kein Weg vorbei. Hüppe sprach sich dafür aus, offen über alle Möglichkeiten der Sicherstellung der Finanzierung der Eingliederungshilfe zu diskutieren und nicht »mit Gewalt« an bestehenden Strukturen festzuhalten. Lösungen sollten jedoch langfristig und nicht kurzfristig angelegt sein. Erfahrungsgemäß verpufften
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kurzfristige Bemühungen in schnellster Zeit erfolglos. Leistungsgesetz darf kein Sparmodell sein Dr. Ilja Seifert, Mitglied der Fraktion Die Linke/PDS, warb intensiv dafür, ein Leistungsgesetz für Menschen mit Behinderung unter keinen Umständen als Sparmodell zu verkaufen. Es dürfe nicht verschwiegen werden, dass ein Leistungsgesetz ein kostenintensives Instrument sei, wenn die bestehenden Eingliederungshilfeleistungen ungekürzt in ein Leistungsgesetz überführt würden. Es sei eine wesentliche Aufgabe der Behindertenhilfe, die Sicherstellung der individuellen Bedarfe behinderter Menschen einzufordern. Demgegenüber sei die Behindertenhilfe nicht aufgerufen, Vorschläge zu unterbreiten, wo Kürzungen möglich seien. Markus Kurth von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen stellte fest, dass die bestehende Finanznot der Kommunen allein kein hinreichender Grund für die Schaffung eines Leistungsgesetzes für Menschen mit Behinderung sein könne. Er gehe davon aus, dass sich die Kommunen auch dann über die Höhe der Sozialhilfeausgaben beklagen würden, wenn
die Kosten teilweise durch den Bund übernommen würden. Außerdem sei zu berücksichtigen, dass eine gewisse finanzielle Entlastung durch die von allen Fachleuten prognostizierte weitere Ausgabensteigerung der Eingliederungshilfe und sonstiger Sozialhilfekosten infolge der rapiden Zunahme von alten Menschen mit Behinderung wohl nahezu vollständig aufgesogen würde.
Der behindertenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Jörg Rohde, forderte die Wiedereinberufung der Koalitionsarbeitsgruppe Behindertenpolitik. Im Übrigen sprach er sich für bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen in Deutschland aus, um Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. In einem Land mit florierender Wirtschaft werde es auch der Behindertenhilfe gut gehen.
»Es wird keine Kürzungen geben«
Fachverbände der Behindertenhilfe sind zur Zusammenarbeit mit der Politik bereit
Silvia Schmidt, behindertenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, vertrat den Standpunkt, dass seitens der Regierungskoalition Kürzungen bei der Behindertenhilfe nicht beabsichtigt seien. Möglichkeiten von Kosteneinsparungen ergäben sich aus der forcierten Umsetzung des Grundsatzes »ambulant vor stationär«. Darüber hinaus sprach sich Schmidt für den Ausbau vernetzter Strukturen und für mehr Transparenz im System aus. Im Zuge der Reformierung der Pflegeversicherung müssten die Pflegekassen zum gleichberechtigten Rehabilitationsträger werden. Selbstverständlich ende der Anspruch auf Teilhabeleistungen nicht mit dem Ausscheiden aus der Werkstatt.
Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Frau Maren Müller-Erichsen, erneuerte in ihrem Schlusswort das Angebot der Verbände an die Politiker zur konstruktiven Zusammenarbeit mit Blick auf die Sicherstellung der Finanzierung der Behindertenhilfe. Sie verband dies mit dem Wunsch, die mit dieser Tagung begonnene Diskussion in absehbarer Zeit fortzusetzen und zu vertiefen. ❚ ❚ ❚ Zuerst erschienen in Rechtsdienst der Lebenshilfe 1/06, die den Nachdruck freundlicherweise gestattet hat. Die fünf Fachverbände beabsichtigen, die Veranstaltung zu dokumentieren. Wo und wie wird im nächsten Rechtsdienst angekündigt.
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Europäische Kommission setzt psychische Gesundheit auf die Tagesordnung Von Jörg Holke
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it der Jahreswende traf in den Geschäftsstellen der Fachverbände ein Grünbuch der Europäischen Kommission ein. Die Fachverbände sollten nicht etwa ihr Umweltbewusstsein überdenken, sondern das Grünbuch hatte den Titel »Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union «. Inhalt ist eine Einschätzung der Generaldirektion »Gesundheit und Verbraucherschutz« der Europäischen Kommission (EU) zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung in den Mitgliedsstaaten und wie diese besser gefördert werden könnte. Um die Bedeutung dieses Grünbuches einschätzen zu können, sei kurz die Arbeitsweise der EU erläutert.
jektförderungen aber auch Gemeinschaftsinitiativen wie es z.B. im Zusammenhang mit dem Weißbuch bzw. Aktionsprogramm »Beschäftigung« die Gemeinschaftsinitiative »Equal« ist.
Inhalte des Grünbuchs
Allgemeines zu Grünbüchern Die von der Kommission veröffentlichten Grünbücher sollen auf Europäischer Ebene eine Debatte über grundlegende politische Ziele in Gang setzen. In den Konsultationen werden auch Aktionspläne konzipiert. Die durch ein Grünbuch eingeleiteten Konsultationen haben je nach Auswertung und Bewertung unterschiedliche Folgen. Wird dem Bericht eine hohe Bedeutung beigemessen, folgt in der Regel die Veröffentlichung eines Weißbuches, in dem konkrete Maßnahmen für ein gemeinschaftliches Vorgehen in einem bestimmten Bereich vorgeschlagen werden. Als Beispiele seien genannt: die Weißbücher zur Vollendung des Binnenmarktes, zu Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung. Wird ein Weißbuch vom Rat positiv aufgenommen, können aus diesem Aktionsprogramme für den betreffenden Bereich entstehen. Solche Aktionsprogramme enthalten dann einzelne Pro16 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Dieses Grünbuch ist jetzt der Ausgangspunkt zu Konsultationen auf europäischer Ebene. Zweck des Grünbuchs ist es, in den europäischen Institutionen – in den Regierungen, in den Gesundheitsberufen, bei Entscheidungsträgern in anderen Sektoren, in der Selbsthilfe, in den Fachverbänden einschließlich der Patientenorganisationen und der Forschungsgemeinschaft – eine Debatte in Gang zu bringen, die Aufschluss darüber geben soll, welchen Stellenwert die psychische Gesundheit für die EU hat, inwieweit Bedarf an einer Strategie auf EU-Ebene besteht und welche primären Ziele eine solche Strategie verfolgen könnte. Die EU-Kommission beabsichtigt, bis Ende 2006 die Ergebnisse der Konsultation sowie gegebenenfalls ihren Vorschlag für eine Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit in der EU zu veröffentlichen.
Wird einem Grünbuch keine so hohe Bedeutung beigemessen, können sich einzelne Aktionsprogramme anschließen, es kann aber auch bei einer schlichten Mitteilung bleiben. Historie und Zweck des Grünbuches zur psychischen Gesundheit Aus dem »Aktionsprogramm der Gemeinschaft im Bereich der öffentlichen Gesundheit« hat sich die Bedeutung der »Psychischen Gesundheit« herauskristallisiert und in Verbindung mit der WHOKonferenz »Psychische Gesundheit« in Helsinki (2005) zu der Erstellung des oben angeführten Grünbuches geführt.
Vorab ist anzumerken, dass das Grünbuch durchgängig eine aus bundesdeutscher Sicht problematische Definition der Zielgruppe benutzt. Es unterscheidet nur zwischen psychisch kranken und geistig behinderten Menschen. In Deutschland wird zwischen psychisch krank, chronisch psychisch krank, seelischer und geistiger Behinderung unterschieden. Es wäre sinnvoll, wenn diese Differenzierung bei zukünftigen EU-Aktivitäten berücksichtigt werden würde. Im ersten Teil definiert das Grünbuch die Bedeutung der psychischen Gesundheit für die EU und welche Auswirkungen psychische Erkrankungen haben. Vorrangig werden hier die volkswirtschaftlichen Kosten angeführt, die durch Behandlung, Frühverrentung, Krankheitstage etc. entstehen. Die Antwort der Politik muss die Entwicklung von Initiativen zur Förderung der seelischen Gesundheit sein. Die Rolle der EU soll dabei die Koordination und die Zusammenführung der Initiativen sein. Die Gestaltung und Organisation der Gesundheitspolitik bleibt – wie im EG-Vertrag vorgesehen – Aufgabe der Mitgliedsstaaten. Die EU-Strategie könnte laut Grünbuch folgende Schwerpunkte haben: ❚ generelle Förderung der psychischen
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Gesundheit und Prävention psychischer Gesundheit; ❚ Förderung der sozialen Integration psychisch kranker und geistig behinderter Menschen und Schutz ihrer Grundrechte und Menschenwürde; ❚ Verbesserung des Informations- und Wissensstandes über psychische Gesundheit. Das Grünbuch legt dazu weitere Aktivitäten und Schritte der EU-Kommission für 2006 fest: In einem breit angelegten Konsultationsprozess ist ein Dialog der Mitgliedstaaten auf Regierungsebene über psychische Gesundheit vorgesehen. Ziel ist es, Prioritäten und Komponenten eines Aktionsplans festzulegen und Empfehlungen zur Förderung der psychischen Gesundheit und zur Bekämpfung von Depression und suizidalen Verhalten auszusprechen. Daneben ist die Einrichtung einer EUPlattform für psychische Gesundheit geplant, die unter Einbeziehung einer Vielzahl von relevanten Akteuren folgende Aufgaben haben soll: ❚ wesentliche Aspekte der psychischen Gesundheit zu analysieren; ❚ evidenzbasierte Verfahren zu ermitteln; ❚ Empfehlungen für Aktionen zu erarbeiten; ❚ Best-Practise-Modelle für die Förderung der sozialen Integration psychisch kranker und geistig behinderter Menschen sowie zum Schutz deren Grundrechte und Menschenwürde zu ermitteln. Die Kommunikation zwischen Politik und Forschung soll über eine noch zu entwickelnde Schnittstelle laufen, die die Gemeinschafts- und nationalen Behörden, akademischen Einrichtungen und sonstigen Entscheidungsträger zusammenführt. Ihre Aufgabe könnte darin bestehen, Beratung zu leisten hinsichtlich der einschlägigen Indikatoren für psychische Gesundheit in der EU, der Überwachung der psychischen Gesundheit und den Prioritäten für die Forschung auf EU-Ebene. Wie jedes Grünbuch schließt auch das Grünbuch zur psychischen Gesundheit mit der Aufforderung an alle betroffenen Bürger, Parteien und Organisationen sowie Institutionen ab, zur Vorbereitung einer möglichen EU-Strategie und eines Aktionsplan beizutragen. Bedeutung für Sozialpsychiatrie in Deutschland Laut Auskunft des zuständigen Mitarbeiters der Generalabteilung der EU-Kommission, ist nach momentanem Stand nicht davon auszugehen, dass ein größerer Etat
für ein EU-Aktionsprogramm »Förderung der psychischen Gesundheit« zur Verfügung stehen wird. Die EU-Kommission sieht ihre Aufgabe vorrangig – wie auch im Grünbuch angeführt – in der Koordination. Auch wenn möglicherweise EU-Gelder in keinem größeren Ausmaß fließen und auch wenn man um die Grenzen der Befugnisse der EU im Bereich Gesundheitswesen weiß, ist die Grünbuch-Initiative positiv zu bewerten. Die Impulse, die von den bisherigen EU-Initiativen zur Verbesserung der Lebenssituation von Benachteiligtengruppen auf die jeweilige nationale Ebene ausgegangen sind, waren so bedeutsam, dass es sich lohnt, trotz aller Bürokratie die damit verbunden ist, sich für diese EU-Initiative einzusetzen. Beispielhaft sei hier die Gemeinschaftsinitiative »Equal« und der Europäische Sozialfond genannt, die bundesweit in einzelnen Regionen Projekte zur Förderung der Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung für Menschen mit psychischen Erkrankungen ermöglicht haben, von denen jetzt eine positive Strahlenwirkung auf andere Regionen ausgeht. Es ist somit zu hoffen, dass sich aus der Grünbuchinitiative weitergehende Initiativen der EU entwickeln, die die nationalen gesundheitspolitischen Aktivitäten ergänzen. Fachverbände wie die Aktion Psychisch Kranke, die Familienselbsthilfe etc. werden in ihren Stellungnahmen die Entwicklung in Deutschland mit dem Erreichten und noch nicht Erreichten aus der jeweiligen Verbandsicht der EU übermitteln und so die Erfahrungen aus Deutschland in den Konsultationsprozess einfließen lassen. Zudem bestehen noch Einflussmöglichkeiten über die Bundesund Länderministerien und Nichtregierungsorganisationen auf Europaebene. Man darf gespannt sein, was am Ende des Konsultationsprozesses Anfang 2007 das Ergebnis sein wird. ❚ ❚ ❚ Das Grünbuch ist im Internet zu finden unter www.ec.europa.eu/comm/health. Es kann aber auch bei der EU bestellt werden (European commission, DG Health and Consumer Protection, B-1049 BRUSSELS). Bei Redaktionsschluss lagen Stellungnahmen folgender Verbände vor: Aktion Psychisch Kranke e.V.: http://www.psychiatrie.de./apk BPE: http://www.bpe-online.de Caritas: http://www.caritas-europa.org/module/FileLib/ GrnbuchPsychGesundhKommentarDcv060502fin.pdf Deutscher Verein: http://www.deutscher-verein.de/ 05-empfehlungen/empfehlungen2006/mai/ copy8_of_20050903 DGSP: http://www.psychiatrie.de/dgsp Familienselbsthilfe: http://www.psychiatrie.de/bapk
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Hilfe und Orientierung für psychisch erkrankte Studierende Das Durchbrechen der Isolation ist so wichtig wie die Vermittlung von Lern- und Problemlösetechniken Von Anja Rieth, Maren Doose und Torsten Flögel
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as Projekt HOpeS – Hilfen und Orientierung für psychisch erkrankte Studierende – stellt seit Sommersemester 2000 an der Universität Hamburg begleitende Hilfen für Studierende zur Verfügung, die nach einem Klinikaufenthalt den (Wieder-) Einstieg in ein Studium anstreben. Angeregt zu diesem Angebot wurden die Hamburger von einer Münsteraner Gruppe um den Psychiater Thomas Reker, die bereits Anfang der 90er Jahre ein entsprechendes Rehabilitationsprogramm für diese sehr lange vernachlässigte Personengruppe entwickelte. Nachdem die 1998 begonnene konzeptionelle Arbeit an dem Projekt abgeschlossen worden war, wurde ab dem Sommersemester 2000 eine entsprechende Gruppe in Form eines semesterbegleitenden Kurses sowie auf Nachfrage auch Einzelberatung angeboten. Das Beratungsangebot richtet sich nicht nur an Studierende der Universität Hamburg, sondern auch an die anderer Hamburger Hochschulen. Anja Biermann (jetzt Anja Rieth) und Anne-Dorkas Giesen haben Bedarf, Anspruch, Arbeitsweise und bisherige Erfahrungen dieses neuen Projektes ausführlich beschrieben (z.B. in der Umschau 4/2001, S. 20 f). Sie haben des Weiteren deutlich gemacht, warum die Annahme, eine akademische Ausbildung überfordere psychiatrisches Klientel, in dieser Pauschalität nicht haltbar ist. Inzwischen kann HOpeS auf nunmehr fünf Jahre Praxis in der Arbeit mit psychisch erkrankten Studierenden zurückblicken und eine wissenschaftliche Evaluation der Arbeit präsentieren.
Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung Zwischen 2000 und 2004 fand die wissenschaftliche Begleitforschung von HOpeS statt. Den Studierenden, die sich an HOpeS wandten, wurden zu Beginn der Betreuung mehrere Fragebögen vorgelegt, u.a. auch um ihre Aussagen mit denen von nicht psychisch erkrankten Studierenden zu vergleichen. Dabei stellte sich heraus, dass das Arbeitsengagement und 18 PSYCHOSOZIALE Umschau
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die Motivation zwischen beiden Gruppen gleich stark ist: Den psychisch erkrankten Studierenden ist das Studium subjektiv genauso bedeutsam wie den nicht erkrankten Studierenden. Auch das Perfektionsstreben und die Verausgabungsbereitschaft sind zwischen beiden Gruppen gleich hoch. Der große Unterschied liegt aber darin, dass die psychisch erkrankten Studierenden weniger Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und erheblich weniger Wissen darüber haben, wie man Probleme und Schwierigkeiten bewältigt: Sie sind nach Misserfolgen viel eher entmutigt als ihre nicht erkrankten Kommilitonen; es fehlt ihnen an innerer Ruhe und Ausgeglichenheit, und sie schneiden auch, was ihre Fähigkeit zur Problembewältigung angeht, schlechter ab. Bezüglich ihres Studiums sind sie viel pessimistischer eingestellt und haben weniger Selbstvertrauen. Die Untersuchung basiert nicht nur auf der Auswertung von Fragebögen, sondern auch von qualitativen Interviews: Am Ende wurden 21 Studierende zu ihren Erfahrungen mit der Begleitung durch HOpeS befragt. In der Abschlussbefragung der Studierenden zeigt sich, dass sie durch die Unterstützung an Fähigkeiten und Wissen gewonnen haben, wie man mit Anforderungen umgehen kann: Ihre Problembewältigung ist offensiver geworden. Vermittlung von Lerntechniken und Problemlösestrategien zentral Die meisten der Gruppenteilnehmer heben hervor, dass die Vermittlung von Lerntechniken und des aktiven Lösens von Problemen für sie sehr hilfreich gewesen sei. Sie gewinnen (wieder) die Fähigkeit, sich und ihr Studium zu strukturieren. Dadurch, dass die Studierenden, die an der Gruppe teilnahmen, in der ersten Sitzung am Beginn des jeweiligen Semesters ihre Ziele auf Karteikarten festhalten, wird schnell die Verhältnismäßigkeit und Realisierbarkeit dieser Ziele deutlich, nicht zuletzt auch dadurch, dass sie das Erreichen dieser Ziele schriftlich in kleinen Schritten konkretisieren zu müssen. Dies
ist eben gerade die Fähigkeit, die ihnen im Vergleich zu ihren nicht erkrankten Kommilitonen fehlte. In der Gruppe sind wiederholt diese Themen im Fokus: ❚ Tages- bzw. Alltagsstrukturstruktur; ❚ Zeitmanagement; ❚ Umgang mit Stress; ❚ Entwicklung von Strategien zum Problemlösen; ❚ Umgang mit Leistungsstörungen; ❚ Umgang mit Arbeitsstörungen; ❚ Lern- und Lesetechniken; ❚ Erstellen eines Referates oder einer Hausarbeit; ❚ Übergang von der Lektüre wissenschaftlicher Texte zum eigenen Schreibprozess; ❚ Vortragen kurzer Arbeiten in der Gruppe mit Möglichkeiten zum Feedback in einem »geschützten Rahmen«; ❚ Präsentationstechniken; ❚ Umgang mit Prüfungsangst und sozialer Angst; ❚ Aufbau von Kontakten an der Universität, Bildung von Arbeitsgruppen. Einen großen Raum nehmen die Auseinandersetzung und der Umgang mit der Erkrankung ein. Fast alle Studierenden fühlen sich durch die Erkrankung in ihrer Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit stark eingeschränkt. Sie sind unsicher, wem sie wie viel von ihrer Erkrankung mitteilen sollen. Sie befürchten von Kommilitonen und Professoren deswegen benachteiligt oder nicht ernst genommen zu werden. In den Gruppen ist ein gezielter und geschützter Erfahrungsaustausch zu diesem Thema möglich. Dabei ist es wichtig, stets den »Einzelfall« zu betrachten und nicht zu generalisieren. Die Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischer Erkrankung muss als gesellschaftliche Realität hingenommen werden – auch wenn sie zu Unrecht existiert. Patentlösungen können hierfür nicht angeboten werden. Die AnleiterInnen sind aber bemüht, den Teilnehmern einen möglichst großen Handlungsspielraum zu eröffnen und flexible Strategien mit dieser Problematik an die Hand zu geben. Die Studierenden gewinnen durch die Betreuung mehr Selbstvertrauen und Optimismus hinsichtlich ihres Studiums: Sind die Werte zu Beginn der Unterstützung extrem gering, steigen diese in der Nachbefragung deutlich. Auch in der Befragung ihrer Zufriedenheit mit einzelnen studienrelevanten Lerntechniken kristallisiert sich im Vergleich zu den Angaben zu Beginn der Betreuung heraus, dass die Zufriedenheit in allen zentralen Fähigkeiten (vor allem freies Sprechen, Verfassen einer
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schriftlichen Hausarbeit, Vorbereiten eines Referats) erfreulich gestiegen ist. Selbstmanagement verbessern Bei der Auswertung der Fragebögen zeigt sich zum einen, dass die Belastung durch Symptomatik, gerade was depressive und psychotische Symptome betrifft, deutlich gesunken ist. Zum anderen sagen die Studierenden in den Einzelinterviews, dass sie nach wie vor mit Stimmungs- und Leistungsschwankungen rechnen müssen. Die meisten bewerten aber diese Schwankungen nicht mehr so negativ wie früher, sondern überlegen eher, wie sie sich entlasten und selber helfen können, z.B. indem sie sich mehr Ruhe und Rückzug gönnen oder aber indem sie mit anderen Menschen über ihre Belastungen sprechen. Durch die Begleitung durch HOpeS ist es ihnen gelungen, mit Schwankungen besser zurecht zu kommen und geduldiger mit sich zu sein.
gen der eigenen Leistungsansprüche am hilfreichsten ist. Diese Leistungsansprüche waren vor Aufnahme der Betreuung oft viel zu hoch und selbstüberfordernd. Andere entdecken aber auch, dass mehr in ihnen steckt, als sie selbst je von sich gedacht hätten. Die Studierenden erleben die Informationen zu Studien- und
Fortführung des Studiums nicht oberstes Ziel Das Ziel von HOpeS ist nicht ausschließlich darauf ausgerichtet, den Studierenden die Fortführung des Studiums zu ermöglichen. HOpeS versteht sich auch als Orientierungshilfe für diejenigen, die sich fragen, ob eine Fortführung des Studiums das Richtige ist. Hier hat sich gezeigt, dass für diejenigen, die die Universität verlassen, die Entscheidung zum Abbruch des Studiums sehr schwer, oft auch schmerzhaft ist: Ein Studium wird sehr hoch bewertet, und es bedeutet für die meisten eine Kränkung, »es nicht zu schaffen«. Drei Befragte haben ihre Entscheidung für sich allein getroffen, ohne die Gruppe daran zu beteiligen. Dies – sowohl die Entscheidung an sich als auch die Einsamkeit des Entschlusses – wird dennoch von ihnen nicht als Misserfolg verbucht, sondern letztendlich als folgerichtig und stimmig angesehen. Sie betonen, dass HOpeS die ausschlaggebende Entscheidungshilfe gegeben hat. Eigene Leistungsansprüche hinterfragen Die Studierenden wurden auch danach befragt, was für sie in der Unterstützung hilfreich gewesen ist. Die meisten heben hervor, dass das selbstkritische Hinterfra-
Lerntechniken als sehr erleichternd und gewinnbringend für sich, so z.B. das Einteilen von größeren Arbeiten in kleine Schritte oder das verstärkte Akzeptieren der eigenen Belastungsgrenzen. Der zweite sehr hilfreiche Aspekt ist der Austausch mit anderen psychiatrie-erfahrenen Studierenden und das Herauskommen aus der Isolation. Isolation aufbrechen Man muss sich an dieser Stelle noch einmal vergegenwärtigen, dass viele, bevor sie von HOpeS erfuhren, sehr mutlos und isoliert gewesen sind. In der Gruppe Zuspruch und Ermutigung zu erfahren, wird auch als wesentlich erlebt. Sich damit auseinander zu setzen, mit wem sie wann und wie über ihre psychische Erkrankung sprechen, ist ebenfalls für die Gruppenteilnehmer sehr hilfreich. Zum Abschluss dieser Ausführungen das Zitat eines Studierenden über die Begleitung durch HOpeS, der aufgrund einer schweren Leistungsstörung Hilfe suchte:
»... da sich die studienbezogenen Lernund Schreibstörungen im Laufe der Jahre 2002 und 2003 wieder verschärften (seit Ende 2000 habe ich in 4 Fällen versucht, durch Anfertigen von Hausarbeiten Scheine zu erwerben und bin regelmäßig gescheitert) nahm ich seit WS 2003/04 das Angebot der Uni HH wahr, an einer semesterbegleitenden regelmäßigen Gruppe von HOpeS teilzunehmen. ... als ich vor einem Jahr in die genannte Gruppe einstieg, hatte ich noch 4 Scheine zu bewältigen, um mich danach zur Prüfungsphase anmelden zu können ... im Laufe des WS 2003/04 und des SS 04 gelang es mir, drei der geplanten 4 Hausarbeiten zu bewältigen, und zwar mit jeweils sehr gutem Erfolg. Die Unterstützung durch HOpeS bestand einerseits darin, regelmäßig in einer gleich bleibenden Runde sich über Höhen und Tiefen im Verfolgen der jeweiligen Studienziele austauschen zu können, was mir das Gefühl verlieh, nicht allein zu sein mit meinen Störungen. Andererseits wurde mir auch in den Semesterferien Hilfe zuteil durch Einzelgespräche zu den Problemen im Bewältigen der Schreibarbeit an einer konkreten Hausarbeit ... dennoch kehrten während jedes der drei genannten Schreibprojekte massive Störungen zurück, wie ich sie während meines Studiums unzählige Male erlebt habe ... daher konnten die zum Scheinerwerb erforderlichen Leistungen jeweils nur mit einer zeitlichen Verzögerung von 1–3 Monaten erbracht werden ... Es konnte insgesamt eine Stärkung meines Selbstvertrauens in meine Studienkompetenz erreicht werden.« Übrigens hat HOpeS, gemeinsam mit dem Verein »Irre menschlich«, der im Sinne der Antistigmakampagne über psychische Erkrankungen öffentlich berichtet, eine Postkarte kreiert, auf der berühmte Zeitgenossen aufgeführt sind, die zweierlei gemeinsam haben: Sie waren wegweisend für unsere Kultur und psychisch erkrankt. Diese Postkarte kann (für 5 Cent/Stück) angefordert werden bei HOpeS, c/o Universität Hamburg, z. Hd. Maren Doose, Rothenbaumchaussee 21–23, 20148 Hamburg. ❚ ❚ ❚ Eine ausführliche Darstellung der HOpeS-Arbeit findet sich in: Torsten Flögel: Hochschulpsychiatrie. Evaluation des studienbegleitenden Dienstes »Hilfe und Orientierung für psychisch erkrankte Studierende« (HOpeS) an den Hamburger Hochschulen. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2005.
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Unsere Zukunft gestalten
Die Tagung der Aktion Psychisch Kranke (APK) am 14. und 15. November in Berlin steht unter dem Motto »Unsere Zukunft gestalten – Hilfen für alte Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Demenz«.
Im Mittelpunkt stehen dabei die zentralen Kernpunkte aus dem vom Bundesministerium für Gesundheit von Mai 2004 bis Oktober 2006 geförderten Projekt »Handlungsempfehlungen zur Organisation und Finanzierung von personenzentrierten Hilfen für psychisch kranke alte und demente Menschen«. Den Empfehlungskatalog erstellt die APK unter Leitung von Regina Schmidt-Zadel und Professor Dr. Heinrich Kunze zusammen mit anderen Fachverbänden und Experten aus dem Bereich Gerontopsychiatrie und Altenhilfe. Anstoß für das Projekt gab vor allem die bestehende problematische Versorgungssituation von alten Menschen mit akuten und chronischen psychischen Erkrankungen, insbesondere von Personen mit Demenz. Auf Grund der gesellschaftlichen und demographischen Veränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehenten wird sich bei unveränderten Rahmenbedingungen diese Situation stetig verschärfen. Inhaltlich geht es darum, Teilhabe am Leben in der Gesellschaft auch für psychisch kranke alte Menschen zu realisieren, denn auch alte psychisch kranke Menschen wünschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben bis zum Lebensende in ihrer vertrauten Umgebung. Auch im Alter dürfen sie darin nicht durch unzureichend verfügbare Hilfen behindert werden. Maßgebend soll der individuelle Wunsch des Betroffenen sein. Durch konzertierte Steuerung muss die Politik daher auf allen Ebenen nutzerorientierte Ziele vorgeben und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Es geht um eine Richtungsumkehr von träger- zu nutzerorientierten Hilfen. Hier steuern die Betroffenen und ihre Angehörigen oder Beauftragte bzw. gesetzliche Vertreter die Hilfen. Neben der Einbringung ihrer eigenen und familiären Ressourcen holen sie sich erforderlichenfalls die darüber hinaus notwendigen Hilfen, z.B. von Nachbarn, Bekannten, freiwilligen Helfern und professionellen Diensten hinzu. Da nicht alle Nutzer in unserem gegliederten System der sozialen Sicherung als kompetente Nutzer auftreten können, hat die Nutzerberatung unterstützt durch Assessment und CaseManagement zentrale Bedeutung. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist dabei, dass die regionalen Hilfen stärker miteinander durch individuelle Gesamthilfeplanung und Koordination der Hilfen vernetzt werden. Dabei sind alle Hilfen einzubeziehen, z.B. Grundpflege nach SGB XI, Behandlung nach SGB V, medizinische Rehabilitation nach SGB V und Hilfen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft nach SGB XII sowie weitere verfügbare oder aktivierbare Ressourcen. In diesem Zusammenhang kommt der Stärkung der Selbsthilfe durch professionelle Dienste eine besondere Bedeutung zu, insbesondere der Unterstützung pflegender Angehöriger.
Die zentralen Erkenntnisse des Projektes sollen mit politischen Vertretern, einer breiten Fachöffentlichkeit und Interessierten diskutiert werden. Zugesagt hat bereits vom Bundesministerium für Gesundheit die Ministerin Ulla Schmidt und die Patientenbeauftragte der Bundesregierung Helga Kühn-Mengel. Weitere hochkarätige Referenten und Referentinnen haben ihr Kommen angekündigt. So werden Verantwortliche aus Politik und Verwaltung, gerontopsychiatrische Fachkräfte und Vertreter von Stiftungen und der Selbsthilfe zu Wort kommen. Die näheren Einzelheiten entnehmen Sie bitte dem nachfolgend abgedruckten vorläufigen Tagungsprogramm (Stand 19.06.2006).
Dienstag, 14. November 2006 Tagesmoderation: Regina Schmidt-Zadel (Ratingen) 10.00 Begrüßung und Heranführung für politisches Handeln Regina Schmidt-Zadel 10.30 Reform im Pflege- und Gesundheitsbereich Bundesministerin Ulla Schmidt (Berlin) 10.45 Personenzentrierte Hilfe im Einzelfall Ulrich Krüger (Bonn) 11.15 Organisation der Hilfen auf Quartiersebene Dr. Niels Pörksen (Bielefeld) 11.45 Steuerung der Hilfen Prof. Dr. Heinrich Kunze (Bad Emstal) 12.15 Mittagspause 13.30 Individuelle Hilfen zur Teilhabe und Pflege Prof. Dr. Thomas Klie (Freiburg) 14.00 Sicht der Pflege im Hilfemix N.N. 14.30 Regionales gerontopsychiatrisches Versorgungssystem in Norwegen Prof. Dr. Knut Engedal (Oslo) 15.15 – 18.00 Impulsbeiträge und Diskussionen in 6 Parallelsymposien 16.15 – 16.45 Kaffeepause 1. Steuerung auf kommunaler Ebene Moderation Dr. Niels Pörksen, Gisela Krutwage (Bielefeld) Impulsbeiträge Wirkungsorientierte Steuerung: Frank Stein (Leverkusen) Kommunale Altenpolitik: Dr. Agnes Klein (Münster) Verbund in Berlin-Marzahn: Uwe Klein (Berlin) Netzwerk für geriatrische Rehabilitation in Wiesbaden: Johannes Weber (Wiesbaden) 2. Steuerung von Qualität über Gesetze und Richtlinien Moderation Ulrich Krüger, Prof. Dr. Peter Kruckenberg (Bremen) Statement Heimgesetz und Persönliches Budget: Dr. Richard Auernheimer (Mainz) Impulsbeiträge MDK & MDS: Dr. Peter Pick (Essen) Qualitätsentwicklung im SGB XI: Dr. Christian Berringer (Berlin)
Hilfen für alte Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Demenz
3. Steuerung von Hilfen über Finanzierung Moderation Prof. Dr. Heinrich Kunze, Dr. Dyrk Zedlik (Glauchau) Impulsbeiträge Behandlung & medizinische Rehabilitation: Karl-Dieter Voß (Essen) SGB XI: Harald Kesselheim (Bonn) Gesundheitspolitische Aspekte: Armin Lang (Saarbrücken) Integrierte Wege: Dr. Klaus Nißle (Kaufbeuren) 4. Best Practice im Quartier Moderation Birgit Weißleder (Bonn), Petra Weritz-Hanf (Berlin) Statement Aufbau quartiersbezogener Netze: Dr. Willi Rückert (Köln) Impulsbeiträge Leben in Gastfamilien: Richard Gerster (Ravensburg) Ambulante Wohngemeinschaften: Norbert Schmelter (Rendsburg) Alltagshilfen in Berlin-Lichtenberg: Gudrun Hirche (Berlin) 5. Hilfemix im Quartier: Neue Konzepte Moderation Regina Schmidt-Zadel, Ludger Jutkeit (Münster) Impulsbeiträge Förderung von bürgerschaftlichem Engagement: Dr. Peter Motsch (Würzburg) Vom Heim zum Altenhilfezentrum im Quartier: Ernst Georg Eberhardt (Kassel) Dorfgemeinschaft Eichstetten: Gerhard Kiechle (Eichstetten) Betriebliche Steuerung: Ludger Jutkeit 6. Medizinische Hilfen bei gerontopsychiatrischen Erkrankungen Moderation Prof. Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel (Ravensburg), Prof. Dr. Hans Gutzmann (Berlin) Impulsbeiträge Gerontopsychotherapeutische Versorgung – Eine »Selbstverständlichkeit«: Prof. Dr. Dr. Rolf-Dieter Hirsch (Bonn) Gerontopsychiatrische Kompetenz in der sektoralen Versorgung: Prof. Dr. Ralf Ihl (Köln) Gerontopsychiatrische Versorgung in Heimen: Prof. Dr. Hans Gutzmann Gerontopsychiatrische Kompetenz im Allgemeinkrankenhaus: Dr. Wilhelm Stuhlmann (Erkrath)
Die Teilnahmegebühr für die Tagung beträgt 90,– € (für einen Tag 50,– €) Anmeldung und Tagungsprogramm: Aktion Psychisch Kranke e.V., Brungsgasse 4–6, 53117 Bonn Tel.: 0228-676740, Fax: 0228-676742, E-Mail: apk-bonn@netcologne.de Online-Anmeldung: http://www.psychiatrie.de/apk und http://www.apk-ev.de
Mittwoch, 15. November 2006 Tagesmoderation: Prof. Dr. Heinrich Kunze 09.00 Interdisziplinäre Zusammenarbeit Prof. Dr. Andreas Kruse (Heidelberg) 09.30 Wenn das eigene Spiegelbild zum Feind wird Hedwig Braun (Hilden) 09.50 Menschen mit psychischen Erkrankungen wollen Qualität und Transparenz Helga Kühn-Mengel, MdB, Patientenbeauftragte (Berlin) 10.10 Stärkung und Unterstützung der Nutzer Heike von Lützau-Hohlbein (Berlin) 10.30 Kaffeepause 11.00 Hilfen zum Erhalt der Würde Pfarrer Dr. Jürgen Gohde (Berlin) 11.30 Diskurs: Stiftungen als Motor Moderation Prof. Dr. Reinhard Peukert (Wiesbaden) Teilnehmer Robert-Bosch-Stiftung: Dr. Almut Satrapa-Schill (Stuttgart) Landesstiftung Wohlfahrtspflege NRW: Wolfgang Heiliger (Düsseldorf) Bertelsmann-Stiftung: N.N. 12.30 Sozialpolitisches Konzept Ulf Fink, Senator a. D. (Berlin) 13.30 Altwerdende psychisch kranke und geistig behinderte Menschen Prof. Dr. Andreas Crome (Lengerich) 14.00 Mittagspause 15.00 Aktionsprogramm zur politischen Umsetzung Einführender Impuls: Dr. Martina Bunge, MdB (Berlin) Anschließend: Podiumsdiskussion Moderation Michael Jürgs (Hamburg) Teilnehmer Die Linke: Dr. Martina Bunge, MdB SPD: N.N. Bündnis 90/Die Grünen: Elisabeth Scharfenberg, MdB (Berlin) FDP: Konrad Schily, MdB (Berlin) CDU/CSU: N.N. 17.00 Aktivierende Öffentlichkeitsarbeit Michael Jürgs 17.30 Perspektiven für die Zukunft Regina Schmidt-Zadel
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Erprobt, anerkannt, aber schwer zu finanzieren 20 Jahre Erfahrungen mit der häuslichen Pflege für psychisch kranke Menschen Von Klaus Obert
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ie Ausweitung häuslicher psychiatrischer Pflege – eine alte Forderung der Sozialpsychiatrie. Die intensive Betreuung und Pflege psychisch kranker Menschen zuhause sollte ein fester Baustein innerhalb des Gesamten an Hilfen und Unterstützung, die psychisch kranke Menschen benötigen, um stationäre Behandlungen zu vermeiden und abzukürzen und den Verbleib in der Gemeinde sicherzustellen. Trotz dieser eindeutigen und klaren Aufgabe und Zielsetzung konnte ambulante psychiatrische Pflege bis heute nicht flächendeckend umgesetzt werden. Der Vergleich zwischen den Bundesländern weist große Unterschiede auf, die sich selbst innerhalb einzelner Regionen fortsetzen. So dringend häusliche psychiatrische Pflege als Bestandteil des Gemeindespsychiatrischen Verbundes erachtet und gefordert wird, umso schwieriger gestaltet sich ihre Umsetzung aufgrund der vorliegenden Finanzierungsmodalitäten. Selbst die neuen Richtlinien haben bisher keineswegs zur Einrichtung neuer Pflegedienste geführt. Im Gegenteil: Die Umsetzung scheint eher schwieriger zu werden, wie wir im Vergleich zu unseren Erfahrungen, die wir seit Beginn des Sonderpflegedienstes (1995) in Stuttgart und Reutlingen gemacht haben, zeigen können (vgl. auch die Stellungnahme der BAG der Freien Wohlfahrtspflege zur Änderung der Richtlinie für häusliche psychiatrische Krankenpflege, S. 33.f.).
Wer wird betreut? Die vom ambulanten psychiatrischen Pflegedienst betreuten psychisch kranken Menschen weisen eine besonders schwierige Lebenslage auf. Es handelt sich vorrangig um Menschen mit psychotischen Erkrankungen (ca. 80%), deren chronische Entwicklung einher geht mit vielfältigen sozialen und gesellschaftlichen Ausgrenzungsprozessen. Der »typische« vom psychiatrischen Pflegedienst betreute Mensch lässt sich wie folgt charakterisieren: Er lebt aufgrund der Wechselwirkung von psychischer Erkran22 PSYCHOSOZIALE Umschau
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kung und sozialer Ausgrenzung von Sozialhilfe oder einer kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente oder ist materiell abhängig von Angehörigen. Der Umgang mit dem wenigen Geld ist schwer, die Verbindung mit der psychischen Erkrankung macht das nicht leichter. Nicht selten kommt es zur Mittellosigkeit oder es liegen Schulden vor. Allein schon die materielle Lage stellt ein objektives Hindernis dar. Der in häuslicher Pflege betreute Mensch verfügt nur sehr begrenzt über gesellschaftlich übliche und »normale« Güter und kann auch nur in sehr eingeschränktem Rahmen an alltäglichen und kulturellen Ereignissen teilnehmen. Der Gang zum Schwimmbad wie der Kinobesuch müssen abgewogen werden gegen den Kauf einer neuen Jacke. Mal so Kaffee trinken gehen oder sich mit Freunden in einer Kneipe treffen ist nicht möglich, es sind immer bewusste Entscheidungen, die nur über den Verzicht auf anderes zu haben sind. Krankheitsund gesellschaftlich bedingter Rückzug korrespondieren mit Isolierung und Vereinsamung. Von Kontakten und Beziehungen zu Angehörigen oder Bekannten aus der Psychiatrieszene abgesehen, bestehen kaum noch Beziehungen zum »normalen Alltag«. Entstehung des Pflegedienstes in Stuttgart In der ambulanten Betreuung und Begleitung solcher Menschen geraten die Sozialpsychiatrischen Dienste (SpD) schnell an personelle Grenzen. Kriseninterventionen sowie die Vermeidung und Verkürzung von stationären Behandlungen in größerem Ausmaß erforderten die Ausweitung der personellen Ressourcen. So sind tägliche Interventionen zusätzlich zur SpD-Betreuung nicht zu verwirklichen ohne die Miteinbeziehung ambulanter pflegerischer Hilfen. Stuttgart entschied sich schon Mitte der 80er Jahre, nach Implementation des Modellprogramms zum Ausbau außerstationärer psychiatrischer Versorgung der Landesregierung, zusätzliche Honorarkräfte für diese Intensivbetreuung zu beschäftigten. Dazu wurden Krankenpflegekräfte, ehe-
malige Praktikanten oder auch Sozialarbeiterinnen stundenweise über Sozialhilfe (BSHG § 68/ 69) bezahlt. Zu diesem Zeitpunkt gab es den spezifischen Begriff ambulanter psychiatrischer Pflege noch nicht. Den Krankenkassen war der Begriff fremd, die Leistung existierte in ihrem Leistungskatalog nicht. Erst im Frühjahr 2005 wurden Richtlinien zur häuslichen psychiatrischen Pflege auf Bundesebene erlassen, die von allen Beteiligten anerkannt werden. Zwischen 1984 und 1988 entstand in allen acht SpDis in Stuttgart ein dichtes Netz an Intensivbetreuungen. Damit wurde zum ersten Mal überhaupt kontinuierliche ambulante Arbeit mit chronisch psychisch kranken Menschen realisiert. Die Stadt Stuttgart verhandelte zwischen 1988 und 1990 mit den Krankenkassen hinsichtlich der Umsetzung eines Konzeptes, das die Einrichtung eines psychiatrischen Pflegedienstes in enger Einbindung in die SpDis vorsah. In Folge der schwieriger gewordenen ökonomischen Rahmenbedingungen wurden diese Verhandlungen zwar wieder eingestellt, trotzdem konnten die Intensivbetreuungen in den SpDis fortgesetzt werden. Hintergrund war eine Initiative des Sozialministeriums in Baden-Württemberg zur Einrichtung eines ambulanten psychiatrischen Pflegedienstes, die diese noch vor Einführung der Pflegeversicherung bereits Anfang der 90er Jahre startete. Dieser Sonderpflegedienst sollte vorrangig Leistungen für psychisch kranke Menschen nach SGB V, §§ 37,1 und 37,2 beinhalten. Aufgrund der Vorerfahrungen wurden die zwei Regionen mit der Umsetzung des Projektes beauftragt: Reutlingen (als städtisch ländliches Gebiet) und Stuttgart-Bad Cannstatt als großstädtische Region Ziele und Rahmenbedingungen Zwischen Juli 1995 und Dezember 1997 wurde in Stuttgart-Bad Cannstatt und im Raum Reutlingen die Organisationsform und Finanzierung häuslicher psychiatrischer Krankenpflege durch zwei Sonderpflegedienste erprobt, mit dem Ziel, stationäre Behandlungen zu vermeiden bzw. zu verkürzen und die bestehenden ambulanten Hilfen, insbesondere die niedergelassenen Nervenärzte und Sozialpsychiatrischen Dienste zu unterstützen. Die Implementation in die bestehenden Versorgungsstrukturen erfolgte als eigenständiger Baustein mit eigener Pflegedienstleitung unter organisatorischer Trägerschaft der Sozial- und Diakoniestationen und in enger fachlicher und räumli-
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Finanzierung Die Finanzierungsform folgte den Modalitäten der Sozial- und Diakoniestationen, allerdings aufgrund des zeitintensiveren Hilfebedarfes zu etwas erhöhten Vergütungssätzen: Die Grund- und/oder Behandlungspflege wird nach § 37 (1) SGB V (Vermeidung oder Verkürzung stationärer Behandlungen) finanziert. Das sind zurzeit 23,91 Euro pro Einsatz. Diese Leistung wird von den Krankenkassen nicht mehr genehmigt ohne adäquate Begründung. Alternativ ist die Finanzierung möglich über die Behandlungspflege nach § 37 (2) SGB V (Sicherstellung der ärztlichen Behandlung). Hier gelten zurzeit 15,94 Euro pro Einsatz plus eine Fahrtkostenpauschale von 2,65 Euro. Hinzu kommt die Vergütung der hauswirtschaftlichen Versorgung nach § 37 (1) SGB V mit 17,42 Euro pro Tag. Leistungen nach der Pflegeversicherung (SGB XI) können nur in einem begrenzten Umfang abgerechnet werden, da die Kriterien für die Einstufung fast ausschließlich an der somatischen Pflege ausgerichtet sind. Aktueller Stand
cher Anbindung an die Sozialpsychiatrischen Dienste. Das Versorgungsgebiet des Sonderpflegedienstes umfasste ca. 150 000 Einwohner. Entsprechend dem Vertrag mit den Krankenkassen kamen nur examinierte Krankenpflegekräfte mit mindestens zweijähriger Praxiserfahrung in der Psychiatrie zum Einsatz; einige Mitarbeiter verfügten zudem über eine psychiatrische Zusatzausbildung. Leistungsrechtliche Grundlage bildeten – wie in der somatischen Krankenpflege – die Bestimmungen des § 37 SGB V. Inhalt und Umfang der Leistungen im jeweiligen Einzelfall richten sich nach der ärztlichen Verordnung. Die Verordnungsfähigkeit für die psychiatrischen Pflegeleistungen wurde seitens der Krankenkassen auf die niedergelassenen Nervenärzte begrenzt. Neben den üblichen grundpflegerischen Maßnahmen und der hauswirtschaftlichen Ver-
sorgung wurden als psychiatrische Behandlungspflege spezifische Leistungen vereinbart wie z.B.: ❚ Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau; ❚ Hilfe beim Erkennen und bei der Bewältigung beeinträchtigender Gefühle, Wahrnehmungen und Verhaltensweisen; ❚ Erarbeitung und Vermittlung krankheitsangemessener Sicht- und Verhaltensweisen; ❚ Krisenintervention; ❚ psychisches und geistiges Training vor allem kognitiver Funktionen. Diese Voraussetzungen sind fachlich unverändert gültig und erforderlich. So ist das damals mit den Krankenkassen ausgehandelte Verordnungsmuster für ambulante psychiatrische Pflege für die beiden Sonderpflegedienste in Stuttgart und Reutlingen weiterhin in Kraft.
Nach einer längeren Durststrecke zwischen 1998 und 1999 konnten sich zwei ambulante, regional arbeitende, psychiatrische Pflegedienste in Stuttgart etablieren und zu einem wichtigen Bestandteil der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung werden. Bis Ende 2001 konnte die Ausweitung auf die ganze Stadt abgeschlossen werden. Ca. zweidrittel des Stadtgebietes werden vom Sonderpflegedienst Bad Cannstatt (Caritasverband Stuttgart e.V.) abgedeckt. Das verbleibende Gebiet wird vom Pflegedienst der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart e.V. betreut. Die beiden ambulanten, psychiatrischen Pflegedienste verfügen insgesamt über 15,4 Stellen für psychiatrisches Krankenpflegepersonal. Diese Stellen verteilen sich auf aktuell 20 Mitarbeiter. Sie betreuen in enger Kooperation mit den Sozialpsychiatrischen Diensten und niedergelassenen Nervenärzten 166 Klienten (2004: 141) mit insgesamt 627 Einsätzen pro Woche (40 Einsätze pro 100 % Stelle). Die Kooperation mit den beiden örtlichen psychiatrischen Kliniken hat sich seit der Einrichtung der psychiatrischen Institutsambulanzen an beiden Kliniken vor fast drei Jahren sehr intensiviert. Die beiden Sonderpflegedienste haben sich in der sozialpsychiatrischen VersorPSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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gung Stuttgarts etabliert und sind aus der Versorgungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Parallel zu den Sonderpflegediensten in Stuttgart und Reutlingen wurden in weiteren Regionen Baden-Württembergs psychiatrische Pflegedienste eingerichtet. Vorrangig ging dort die Initiative von den Zentren für Psychiatrie (den ehemaligen Psychiatrischen Landeskrankenhäusern) aus. Auch wenn zwischenzeitlich ein Pflegedienst im Land aus wirtschaftlichen Gründen seine Arbeit wieder einstellen musste, gibt es nun insgesamt zehn psychiatrische Pflegedienste in Baden-Württemberg. Allen gemeinsam ist die Erfahrung, dass durch die Arbeit der psychiatrischen Pflegedienste in beträchtlichem Maß stationäre psychiatrische Einweisungen vermieden oder stationäre Behandlungen abgekürzt werden. Ausblick Nach Ablauf der Ausbauphase (2001) und der damit einhergehenden Beendigung der Bezuschussung durch das Land und die Stadt muss der Sonderpflegedienst sich mit den über die Krankenkassen erwirtschafteten Erlösen selbst finanzieren, ein mühseliges Unterfangen, das
Was macht die psychiatrische Pflege?
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ie Gemengelage, die sich bei den betreuten Menschen aus einer äußerst randständigen und fragilen psychosozialen Lebenslage in Verbindung mit einer längeren Psychiatriekarriere zusammensetzt, bestimmt den Hilfebedarf fest, auf den der psychiatrische Pflegedienst in enger Vernetzung mit den weiteren Bausteinen des Gemeindepsychiatrischen Zentrums antwortet. Damit soll der Verbleib im Gemeinwesen gesichert und die Lebensqualität gefördert werden:
Arbeitsweise Um diese Ziele zu erreichen, ist nicht selten tägliche Hilfe und Unterstützung bei der Körperpflege und im Haushalt erforderlich. Die Begleitung geht einher mit der Motivation »überhaupt etwas« zu unternehmen; z.B., wenn es darum geht, jeden Tag aufzustehen und das Bett zu verlassen, aus der Wohnung zu gehen trotz großer Ängste und Antriebsarmut verbunden mit dem Ziel, alleine, d.h. ohne die Pflegekraft wieder für den täglichen
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Bedarf einzukaufen oder zumindest einen kleinen Spaziergang in der näheren Umgebung zu wagen. In einem weitergehenden Schritt kann in Begleitung der Pflegekraft wieder die Tagesstätte des Gemeindepsychiatrischen Zentrums aufgesucht werden, um an deren Angeboten teilzunehmen oder auch nur, um sich dort aufzuhalten, vielleicht eine Tasse Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Diese alltagsorientierten und in die Lebenswelt der Betroffenen eingelassenen Hilfen sind gleichzeitig eng verbunden und abgestimmt mit den umfassenden Hilfen (Komplexleistung), die das Gemeindepsychiatrische Zentrum zur Verfügung stellt. Sie korrespondieren mit der Auseinandersetzung um die psychische Erkrankung mit dem Ziel, einen adäquateren Umgang mit der Behinderung im Alltag zu fördern Ein Beispiel: Herr L. Herr L. ist 50 Jahre alt. Er lebt allein, von Sozialhilfe, in einer kleinen Wohnung in einem sozialen Brennpunkt Stuttgarts. Angehörige hat er keine mehr. Herr L. erkrankte schon mit 11 Jahren und wurde
mit 16 Jahren zum ersten Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen. Im weiteren Verlauf seiner Erkrankung wurde er häufig und sehr lange in der Klinik stationär behandelt. Insgesamt verbrachte er 15 Jahre seines Lebens in psychiatrischen Kliniken. Herr L. lernte trotz der psychischen Erkrankung (schizophrene Psychose) Chemielaborant. Krankheitsbedingt arbeitete er jedoch nie in diesem Beruf. Der Pflegedienst lernte Herrn L. in der psychiatrischen Klinik kennen. Er stand kurz vor der Unterbringung in einer Langzeitstation in einem Zentrum für Psychiatrie (Landeskrankenhaus). Ein großer Teil seiner alltagspraktischen Fähigkeiten war verschüttet in Verbindung mit einer deutlich sichtbaren Antriebsminderung, weswegen eine ambulante Betreuung als problematisch erachtet wurde. Nach seiner Entlassung aus der Klinik verordnete der Facharzt häusliche psychiatrische Pflege einmal täglich, fünfmal in der Woche. Das vorrangige Ziel der Pflege bestand darin, seinen Gesundheitszustand zu stabilisieren und den Verbleib in der Gemeinde zu ermöglichen. Das Leistungsspektrum der häuslichen
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trotz intensivem Engagements seitens des Pflegedienstes nach wie vor zu Defiziten führt. Die Vergütungsverhandlungen mit den Krankenkassen endeten in den vergangenen Jahren tendenziell immer mit einer Nullrunde, d.h., dass die Budgets quasi gedeckelt sind. Allerdings konnte das Defizit der letzten Jahre durch Erhöhung der Einsatzzahlen, Optimierung der Routenplanung und der zu erwirtschaftenden Leistungen deutlich verringert werden mit dem Ergebnis, dass auf der Basis der jetzigen Zahlen (Anfang 2006) der Eigenanteil der Träger zwischen 15 und 20 % des Gesamtaufwandes beträgt. Der Sonderpflegedienst steht unverändert vor der Herausforderung, Wirtschaftlichkeit und Qualität »unter einen Hut zu bringen«. Diese Herausforderung trifft selbstverständlich auch auf die somatische Pflege zu. Die positive und konstruktive Bewältigung gestaltet sich jedoch bei der häuslichen psychiatrischen Pflege aufgrund des höheren Zeitaufwandes schwieriger. Die aus fachlichen Erfordernissen sich begründende Notwendigkeit ambulanter psychiatrischer Pflege führt jedoch zu einem unverändert hohen Engagement unter den Mitarbeitern und Trägern zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der Dienste.
Hoffnung und Zuversicht schienen zunächst auch von den bundesweiten Richtlinien zur häuslichen Krankenpflege nach § 27 SGB V gestärkt zu werden, die am 1.7.2005 in Kraft getreten sind. Versorgungspolitisch und rechtlich konnte endlich eine weitere Lücke in der Gleichstellung somatisch und psychisch kranker Menschen geschlossen werden. Doch die bisherigen Erfahrungen sind nicht sonderlich ermutigend. Bundesweit hat es, abgesehen von Berlin, kaum Aktivitäten gegeben. Es bleibt abzuwarten, ob diese Bemühungen angesichts des eher restriktiven Verhaltens der Krankenkassen in der Aushandlung der Vergütungssätze erfolgreich sein werden. Als besonders hinderlich erweist es sich, dass den bundesweit geltenden Richtlinien landesweite Regelungen und Aushandlungen von Vergütungssätzen entgegenstehen. Abschließend muss realistischerweise festgehalten werden, dass es vermessen wäre, eine klare Einschätzung abzugeben, wie sich ambulante psychiatrische Pflege künftig entwickeln wird. Zu unsicher und unklar, teilweise auch anachronistisch gestalten sich bislang die Rahmen- und Ausgangsbedingungen, als dass eine einigermaßen eindeutige Aussage möglich wäre. Klar ist
Pflege liegt darin, ihm Informationen zur psychischen Erkrankung zu vermitteln, um diese in sein tägliches Leben etwas integrieren zu können. Damit einher geht die Einteilung und Vergabe von Medikamenten und damit auch die Kontrolle ihrer Wirkung und der Nebenwirkungen. Gleichzeitig versuchen wir bei beeinträchtigenden Ängsten und Gefühlen entlastende Gespräche mit ihm zu führen. Außerdem benötigt Herr L. Hilfe bei der Körperpflege und intensive Unterstützung in der Bewältigung des Haushaltes, beim Einkauf, Kochen und bei der Reinigung der Wohnung. Seine beeinträchtigenden Gefühle und Wahnsymptome in Verbindung mit großen Ängsten bestehen nach wie vor darin, dass er sich vor Genbakterien und Schmutz fürchtet und ekelt. Er muss sich tagsüber unzählige Male die Hände waschen, um das Gefühl zu erleben, sauber zu sein. Er interpretiert dieses Verhaltens so, dass sein toter Vater »die Hände mit im Spiel hat«: Wenn ihm z. B. die Zigarettenschachtel aus der Hand auf den Boden fällt oder er Kaffee verschüttet, habe dies wieder sein Vater veranlasst, so Herr L. Im Verlauf der Betreuung haben sich hilfreiche Rituale und eine positive Routine eingestellt, die eindeutig zur Stabilisie-
rung des Gesundheitszustandes beitragen: Der übliche Ablauf eines Hausbesuchs sieht wie folgt aus: »Er öffnet, setzt sich aufs Bett und wartet bis ich eingetreten bin. Zuerst »muss« er zwei Zigaretten rauchen, um »auf Touren zu kommen«, wie er sagt. Dann plant er im Gespräch mit mir seinen Tag, z. B. gemeinsam Geschirr abspülen, dann die Wohnung reinigen, den Abfall entsorgen, einkaufen, Wäsche zur Reinigung bringen. Vielleicht schließt sich noch ein Arztbesuch an. Anschließend »erholt« er sich davon beim S-Bahnfahren. Nachdem wir gemeinsam seinen Tag geplant haben, nimmt er die Medikamente nach Aufforderung ein. Schließlich brüht er für uns beide noch einen Kaffee auf. Oft erzählt er während des Kaffeetrinkens von seinem toten Vater und der Beeinflussung durch ihn. Mittwoch ist sein Putztag: Ich kehre den Boden. Er wischt ihn nass auf. Anschließend »befreie ich die Küche vom Müll«. Er nimmt daraufhin die Medikamente ein. Einmal in der Woche holt er sein Geld bei der gesetzlichen Betreuerin. Am Wochenende besucht er Freunde aus seiner Zeit, in der er stationär in der psychiatrischen Klinik untergebracht war. Die Arbeit des ambulanten psychiatri-
nur, dass die ambulante psychiatrische Pflege nachweisbar stationäre Behandlungen verhindert und verkürzt, so dass alles getan werden sollte, um ihren Ausbau weiter voran zu treiben. ❚ ❚ ❚ Das Projekt der Sonderpflegedienste wurde von Anfang an durch das Institut für Sozialforschung, Praxisberatung und Organisationsentwicklung (ISPO) wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht in: Göpfert, Divivier: Ambulante Pflege für psychisch kranke Menschen. Saarbrücken und Stuttgart 1998. Dr. Klaus Obert ist Bereichsleiter für die Sozialpsychiatrischen Hilfen im Caritasverband Stuttgart e.V.
schen Pflegedienstes besteht in vielen kleinen Schritten. So leite ich ihn z. B. bei den hauswirtschaftlichen Arbeiten an, bei der Körperpflege, beim Zähneputzen, beim Nägel schneiden oder beim Haare waschen. Für jede Veränderung benötigt er sehr viel Zeit. Herr L. nimmt sich etwas vor. Bis zur Verwirklichung dieses Zieles dauert es oft zwei bis drei Monate oder noch länger. Zwischenzeitlich wundert er sich selbst, dass er schon über acht Monate ohne Psychiatrische Klinik auskommt. Sein nächstes Ziel besteht darin, einige Stunden am Tag in einer Werkstatt für Behinderte zu arbeiten. Dies bespricht und plant Herr L. mit der Mitarbeiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes. Psychisch ist er zwischenzeitlich verhältnismäßig stabil. Es bestehen allerdings noch die oben beschriebenen Beeinträchtigungen, Gedanken und Gefühle. Mit Hilfe der psychiatrischen Pflege, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, des Facharztes für Psychiatrie und seiner gesetzlichen Betreuerin kommt er jedoch einigermaßen zurecht. Auf die Frage, was er für sich erreicht hat, antwortet er: Eine eigene Wohnung, Arbeit, Freunde und ein Leben außerhalb der Psychiatrischen Klinik. ❚ ❚ ❚ K. Obert
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Psychiatrie ohne Schubladen Personenbezogene Finanzierung aus einem regionalen Psychiatriebudget Von Ingmar Steinhart
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sychiatrie ohne Schubladen, d.h. professionelles psychiatrisches Arbeiten ohne unterschiedliche Leistungsträger und institutionelle Zwänge ist ein alter sozialpsychiatrischer Traum. Trotz aller Versuche z.B. über das SGB IX oder die »Integrierte Versorgung« Komplexleistungen zu erzeugen, scheint dieser Traum eine Illusion zu bleiben, insbesondere da die Ökonomie immer mehr die Oberhand über inhaltliche Fragen zu gewinnen scheint. Fachlichkeit und Ökonomie zu verbinden wird oft als unauflösbare Aufgabe verstanden. Übersehen wird leider, dass in diesem Spannungsfeld auch eine Chance für einen Entwicklungsschub sozialpsychiatrischer Angebote steckt. Folgt man den aktuellen personenzentrierten und lebensfeldorientierten Konzepten, können individuelle passgenaue Hilfen Ressourcen im bestehenden System »heben«, die im psychiatrischen Versorgungssystem bzw. in den Institutionen »schlummern«. Ich möchte hier von einer langjährigen Entwicklung in der mit ca. 200.000 Einwohnern größten Gebietskörperschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern, der Hansestadt Rostock, berichten. Die Einsicht, dass die Übernahme von Verantwortung und Steuerung auf kommunaler Ebene, also dort wo die Bürgerinnen und Bürger Unterstützung und passgenaue Hilfen benötigen, ein viel versprechender Weg ist, Fachlichkeit und Kostendämpfung gemeinsam voranzubringen, ist in der Hansestadt über viele Jahre gewachsen. In der Folge der ersten Bundesmodellprojekte aus der Wendezeit wurde von den beiden größten regionalen Anbietern und den Kostenträgern, insbesondere dem Sozialamt, hart daran gearbeitet, ein konsequent auf ambulante und im Gemeinwesen verankerte Hilfen beruhendes psychiatrisches Versorgungsangebot aufzubauen. Die guten Kooperationserfahrungen führten schließlich dazu, dass Anbieter und Kostenträger für das Jahr 2005 vereinbarten, sich auf das gemeinsame »Wagnis« eines Regionalen Budgets der Eingliederungshilfe einzulassen. Gestützt wurde diese Entwicklung durch die uneingeschränkte Unterstützung der Geschäftsführungen beider Anbieter sowie die politische Rückendeckung aus der Hansestadt
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und dem Sozialministerium MecklenburgVorpommern. Im Folgenden werden einige Schritte dieses »Rostocker Weges« für den Bereich der Eingliederungshilfe beschrieben, die andernorts sicher anders gegangen werden müssen. Vorarbeiten In den vergangenen Jahren hat sich insbesondere zwischen dem Sozialamt der Hansestadt und der Leistungserbringerseite eine partnerschaftliche und ergebnisorientierte Zusammenarbeit entwickelt. Ausfluss dieser gegenseitigen Achtung
war auch, dass in den vergangenen Jahren 16 zusätzlich geplante psychiatrische Heimplätze auf Basis alternativer Konzepte im ambulanten Bereich gar nicht erst realisiert wurden. Zu diesem Kontext gehört auch, dass zu Beginn 2005 ein Psychosoziales Wohnheim in eine »Wohnanlage« umgewandelt wurde: In den ehemaligen »Wohnheimplätzen« wohnen jetzt Menschen mit Mietvertrag und gesonderten Unterstützungsverträgen für individuell zugeschnittene Hilfen. Alle diese Maßnahmen führten schließlich dazu, dass in der Hansestadt Rostock ein Verhältnis von ca. 80 zu 20 Prozent ambulanter zu stationären Angeboten für den Bereich des Wohnens erreicht wurde (im Landesdurchschnitt sind es 30:70) und dass die durchschnittlichen Fallkosten in Rostock unter dem Landesschnitt liegen. Ein weiterer Baustein in der Entwicklung der Hansestadt war, dass man relativ früh den Integrierten Behandlungs- und
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Rehabilitationsplan (IBRP) einführte, nicht ohne zuvor die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leistungserbringer und des Sozialamtes intensiv im Gebrauch dieses Instrumentes zu schulen. Die Hilfeplanung inklusive der Leistungsgewährung fand nicht mehr in abgeschlossenen Amtsstuben des Sozialamtes oder bei den Leistungserbringern statt, sondern nur noch unter Beteiligung der Hilfeempfänger in der Rostocker Hilfeplankonferenz. Die Hilfeplankonferenz wurde durch eine von Anbietern und Kostenträgern gemeinsam verabschiedete Satzung in transparente und verbindliche Strukturen übergeführt. Erleichtert wurden die Diskussionen um die Einführung der Hilfeplankonferenz dadurch, dass in der Hansestadt Rostock seit vielen Jahren nur zwei Anbieter im Bereich der Eingliederungshilfe für Menschen mit wesentlichen seelischen Behinderungen tätig sind. Die Wiedereingliederungsraten sind im Sinne einer positiven Loslösung von der Eingliederungshilfe gestiegen. Nach übereinstimmender Bewertung der Kostenträger und der Anbieter tragen die Hilfeplankonferenzen unter der Voraussetzung, dass sie die zur Zielerreichung notwendigen Maßnahmen kontinuierlich überprüfen, nicht nur dazu bei, dass Menschen in das Hilfesystem kommen und dort die passenden Hilfen erhalten, sondern auch, dass sie aus dem Hilfesystem positiv entlassen werden. Regionales Psychiatrie-Budget In Rostock existiert seit 1.1.2005 ein regionales Psychiatrie-Budget für den Bereich des SGB XII. Diese neue Finanzierungsform mit ihren »prospektiven personen-
bezogenen Maßnahmebudgets« ermöglicht eine individuelle Leistungserbringung auf Basis von Komplexleistungen unabhängig von Institutionen oder Immobilien, ein vereinfachtes Abrechnungsverfahren und ein primäres Controlling der Zielerreichung, aber auch des Maßnahmeverlaufes. Über 91 Prozent des Psychiatrie-Budgets der Hansestadt Rostock fließen zukünftig direkt in personenbezogene Leistungen. Die übrigen 9 Prozent des Budgets verteilen sich zu gleichen Teilen auf Investitionsmittel (Investitionsbetrag) und personenunabhängige Angebote wie z.B. eine Begegnungsstätte, einen Krisendienst, Nachtwachen für einen geschlossenen Heimbereich, ein psychosoziales Wohnheim und (Not-)Betten für Menschen mit hohem Störungspotenzial. Die Berechnungsgrundlage für das Gesamtbudget war im Konsens aller Beteiligten die Summe aller örtlichen und überörtlichen Aufwendungen aus dem SGB XII unter der Maßgabe, dass zum Zeitpunkt der Budgetbildung mit diesen Aufwendungen eine Bedarfsdeckung im Bereich der Psychiatrie erreicht ist. Als Referenzwert wurde der September 2004 gewählt, um die Eckdaten (z.B. Belegung, Entgelthöhen, Minuten-Budget) für das Budget 2005 zu ermitteln. Es bestand Konsens, dass bei steigendem Bedarf über die Notwendigkeit von Budgetsteigerungen gesprochen werden kann, wenn sich nach Ablauf des ersten Erprobungsjahres herausstellen sollte, dass alle Möglichkeiten zur Bedarfsdeckung innerhalb des Budgets nachweisbar ausgeschöpft worden sind. Insgesamt wurde aber die Unkündbarkeit des Budgets für 2005 vereinbart, sofern die effektiven prospektiven Leistungen (Gesamtminutenwerte) einen Korridor von +/– 2 Prozent nicht überschreiten. Zum Vergleich und zur Sicherstellung einer möglichen »Rückführung« in die alte Finanzierungssystematik wurde parallel die bisherige Systematik der »Tagesentgelte« fortgeführt und dokumentiert. Um den Leistungsanbietern die Ängste vor einer prospektiv einzelfallbezogenen Vergütung zu nehmen und ihnen eine Anpassung ihrer internen Strukturen an die neue Finanzierungsform zu ermöglichen, wurde das Gesamtbudget für 2005 in zwei Anbieterbudgets herunter gebrochen. Diese vertragliche Zusicherung eines festen Budgetanteils sowie für die beiden ersten Jahre einer monatlichen Ratenzahlung des jeweiligen Budgetanteiles sollte beiden Anbietern maximale Sicherheiten für die Startphase geben. Allerdings
besteht weiterhin das gemeinsame Ziel, mittelfristig nur noch ein regionales Gesamtbudget mit einheitlichen Preisen für vergleichbare Leistungen als Maßstab der Finanzierung zu sehen – eine Zeitschiene für die Ablösung der Anbieterbudgets ist jedoch noch nicht vereinbart. Trotz der unterschiedlichen Kosten- und Angebotsstrukturen wurde für beide Anbieter bereits für 2005 Folgendes vereinbart: ❚ eine einheitliche Vertragsgestaltung (Leistungs-, Prüfungsvereinbarung); ❚ eine Harmonisierung der Preise mit einheitlichem Minutenwert für beide Anbieter (Vergütungsvereinbarung); ❚ eine einheitliche Preisgestaltung mit 12 »Einheitspreisen» für die entsprechenden Gruppen vergleichbarer Hilfebedarfe. Hilfeplanung und Maßnahmeplanung Setzt man ein personenbezogenes Finanzierungssystem um, so fallen die klassischen Steuerungsfaktoren wie z. B. die Belegungszahlen einer Einrichtung weg. Es geht vielmehr um die Schätzung des zu erwartenden Aufwandes, der zur Erreichung eines überprüfbaren Hilfezieles erforderlich ist. Dieser Steuerungsprozess erfordert sicher insgesamt einen größeren qualitativen und quantitativen Aufwand, der sich aber am Ende rechnet. Kalkulationsgrundlage ist der für die einzelnen Funktionsbereiche (Grundversorgung, Selbstversorgung, Tagesgestaltung, Arbeit, Ausbildung) geschätzte wöchentliche durchschnittliche Aufwand zur Erreichung der Hilfeziele in Minuten. Aus den differenziert erhobenen Minutenwerten pro Leistungsbereich wird ein prospektiv geschätzter Gesamtminutenwert pro Woche aufsummiert. Dieser individuell ermittelte Gesamtminutenwert wird einer Hilfe-EmpfängerGruppe (HEG) mit vergleichbarem Hilfebedarf zugeordnet. In einem vorhergehenden Modellprojekt in den Projektregionen des Landkreises Güstrow und der Hansestadt Rostock wurden 12 HEG plus eine zusätzliche nach oben offene Gruppe für Einzelfälle mit extrem hohen Hilfebedarf ermittelt. Die Preisbildung erfolgte in einem komplizierten Umrechungsprozess, der die zum Umstellungszeitpunkt vorhandenen finanziellen Ressourcen mit den zum gleichen Zeitpunkt geschätzten prospektiven wöchentlichen Gesamtminutenwerten in Beziehung setzte – immer unter der Prämisse einer budgetneutralen Umstellung der Finanzierung. PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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»Weiche« Ergebnisse nach einem Jahr Für Anbieter, die durch das institutionelle Finanzierungssystem aus dem SGB XII geprägt sind, sind regionale Budgets mit der gegebenen Transparenz »gewöhnungsbedürftig«. Psychiatrische Hilfen in einer Region werden zu einer Gemeinschaftsaufgabe in einem fest gefügten Rahmen – alle Partner der Region, Anbieter wie Kostenträger, sitzen gemeinsam am Tisch. Der »Zwang« zur gegenseitigen Abstimmung, Information und gemeinsamen kreativen Lösungssuche steigt. Ebenso kommt das »Wie« der Hilfeerbringung, also die Qualität in den Focus der Diskussion. Prospektive Finanzierung der Zielerreichung muss erlernt werden: Sowohl für die Kostenträger wie für die Anbieter ist die Ausrichtung der Finanzierung auf die Pflichtversorgung und die Hilfeziele trotz aller Vorarbeiten ungewohntes Neuland. Die Belegung von Institutionen und Einrichtungen zählt nicht mehr als relevantes Merkmal, Erfolgskriterium ist das Erreichen der individuellen Behandlungsziele. Damit verändern sich auch die Leistungsdokumentation und das Abrechnungsverfahren – zunächst ein Schock für alle Beteiligten, der sie in der Suche nach neuen Wegen verbindet. Der Budgetdeckel als Hilfestellung bei der Finanzierungsumstellung: Die Erfahrungen aus den ersten Monaten zeigen: Wenn die Hilfen nicht mehr durch einen Tagessatz definiert und begrenzt werden, entstehen auf Mitarbeiterebene durchweg Wünsche nach höheren Betreuungsleistungen. So lagen bereits in den ersten Monaten die Minutenwerte bezogen auf einzelne Anbieter bis zu 12 % und insgesamt bis zu 10 % über dem vereinbarten Minutenbudget. Das auch das individuell Notwendige ein Maß und eine Grenze hat, konnte dann aber durch die Transparenz der Daten im Gesamthilfesystem und durch eine engere fachliche Begleitung der mittleren Leitungsebene vermittelt werden. Hätte man die Hilfeplanung dem »freien Spiel der Kräfte« überlassen, wäre das Budget mehr als gesprengt worden. Pflichtversorgung aus Budget stärkt Diskussion zum Einzelfall: Die vereinbarte Pflichtversorgung im Rahmen eines definierten Budgets verändert die »Wartelistenmentalität« hin zu einer individuell abgewogenen Hilfeplanung auch für sehr schwierige Hilfeempfänger. Der gemeinsame Blick im Einzelfall fördert kreative Lösungen und erleichtert auch die Entlassung aus dem psychiatrischen Hilfesystem. Gleichzeitig wird das Hin- und Her28 PSYCHOSOZIALE Umschau
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schieben zwischen den Anbietern bzw. deren Angeboten erschwert. Ungewöhnliches wird möglich: Die Suche nach »Effizienzrenditen« im System wird belohnt und ist attraktiv, da das Geld in der psychiatrischen Versorgung bleibt. Ungewöhnliche, manchmal auch preiswerte Problemlösungen werden honoriert, wenn sie erfolgreich sind. Dabei verändern sich die Vorstellungen von Qualitätssicherung; Zielerreichung und Kundenzufriedenheit rücken verstärkt in den Vordergrund. Wertediskussion ist Voraussetzung für optimale Budgetnutzung: Das regionale Psychiatrie-Budget eröffnet dem Anbieter ein kreatives Entwicklungspotenzial. Die institutionellen Fesseln können zugunsten individueller Hilfen überwunden werden. Die Angebote flexibilisieren und individualisieren sich, sie berücksichtigen stärker das Lebensfeld und kommen so den Wünschen der Nutzerinnen und Nutzer entgegen. Gleichzeitig wird auch deutlich, dass eine personenbezogene Finanzierungsstruktur keine Garantie für personenbezogenes Arbeiten ist, sie befördert es, aber wenn beim Anbieter die Prioritäten auf Erhaltung der eigenen Institutionen ausgerichtet bleiben, ändert sich zunächst nichts. Mittelfristig verändern sich alle Angebote: Die Art der neuen Finanzierung erschwert es aber, den institutionellen Blickwinkel beizubehalten. Nach dem ersten Jahr der personenbezogenen Finanzierung stellt sich nun bei einem weiteren Wohnheim für den Betreiber nicht nur die Frage, ob diese so finanzierte Wohnform für die Nutzerinnen und Nutzer sinnvoll ist, sondern auch, ob er seine Mittel nicht besser einsetzen kann. Mittlerweile ist zwischen Kostenträger und Wohnheimträger fest vereinbart, dass dieses Wohnheim ab 2007 dezentralisiert wird. So wird es im Bereich der Psychiatrie für die ganze Hansestadt Rostock mit rund 200.000 Einwohnern nur noch eine Intensivbetreuungseinheit mit 8 Plätzen in traditioneller Wohnheimform sowie weitere 24 Plätze als psychiatrisches Pflegewohnheim geben. Strukturfragen erhalten neue Qualität: Im Zusammenhang mit der Budgetbildung konnte ein Konsens darüber hergestellt werden, dass gut 90 Prozent der Finanzmittel an individuelle Maßnahmen gebunden werden ausgehend vom Hilfebedarf des Einzelfalles, definiert über den IBRP und die Hilfeplankonferenz. Die restlichen knapp 10 Prozent sollen für wichtige Elemente der Pflichtversorgung verwandt werden wie z.B. den Krisendienst und die Begegnungsstätte. Zukünftig wird
jährlich überprüft werden, welche Angebote als Infrastruktur im »Lebensfeld Rostock« vorgehalten werden müssen und welche Budgetanteile in die einzelfallbezogenen Maßnahmen fließen. »Harte« Ergebnisse Das wichtigste Ergebnis ist, dass alle Beteiligten, die Hansestadt Rostock, der Kommunale Sozialverband Mecklenburg-Vorpommern und beide Anbieter trotz zahlreicher Umsetzungsprobleme in der Praxis das regionale Budget fortschreiben wollen. Intensive Gespräche über die Beseitigung der Umsetzungsprobleme, insbesondere hinsichtlich der Einbettung des Projektes in die Systematik der §§ 75 bis 78 des SGB XII, begleiten den weiteren Fortgang des Projektes in 2006. Fallzahlsteigerung: Die Bezugsgröße für die Budgetfestlegung und den gesamten Umstellungsprozess war der September 2004. Zu diesem Zeitpunkt waren 358 Nutzerinnen im Gesamtsystem und bilden die Referenzgröße. 2005 wurden monatlich durchschnittlich 382,75 Personen mit dem gleichen Budget versorgt. Dies bedeutet eine Fallzahlsteigerung von 6,9 Prozent. Durchschnittliche Fallkosten: Die durchschnittlichen Fallkosten lagen im September 2004 bei 35,61 Euro und konnten in 2005 auf 33,28 Euro, also um 6,5 %, gesenkt werden. »Effizienzrenditen«: Ausgehend von der Annahme eines »verhinderten Systemausbaus« durch das regionale Budget, könnte man die »Effizienzrendite« wie folgt für das erste Jahr berechnen: Vergleicht man die durchschnittlichen Platzzahlen von 2005 mit dem Stand vom September 2004, so kommt man zur durchschnittlichen Fallzahlsteigerung von 24,75 Fällen, die man mit den alten Durchschnittskosten (2004) von 35,61 € pro Tag multipliziert. Wenn das System linear weiter ausgebaut worden wäre, hätte dies somit Kosten von 322.000 € verursacht. Geht man noch zusätzlich von einer um 50 % verbesserten Eingliederungsrate (siehe unten) aus, so könnten weitere 364.000 € eingespart werden, nicht einbezogen die Verlagerung von Leistungen zu vorrangigen Leistungsträgern. Mutige Analysten könnten so eine »Effizienz-Rendite« von bis zu 15 % bezogen auf das Jahresbudget ausrechnen. Einschränkend ist anzumerken, dass solche »Effizienzrenditen« primär in den ersten Jahren der Umstellung einer Finanzierung und der Anreizsysteme zu erwarten sind und keinesfalls jährlich fortgeschrieben werden können.
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Eingliederungsindex: Es existieren kaum Daten, die die Qualität erbrachter Leistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe beschreiben könnten. Als ein »hartes Datum« neben den reinen Kosten bzw. Fallzahlen verwenden wir den »Eingliederungsindex«: Wie viele Fälle sind in einem Jahr erfolgreich im Sinne eines »Lebens ohne Zahlungen der Eingliederungshilfe« aus dem System »entlassen« worden? Im Jahr 2005 hat sich das psychiatrische Hilfesystem der Hansestadt Rostock um insgesamt 496 Klienten (einschließlich Wiederaufnahmen ins System) gekümmert. Von diesen Fällen wurden insgesamt 112 aus dem System »entlassen«. Davon sind 6 verstorben, 50 haben das System mit einem Abbruch der Unterstützung oder einer Heimaufnahme an anderer Stelle, also mit einem eher negativ zu bewertendem Ergebnis, verlassen. Für die restlichen 56 Fälle muss aus Sicht des Eingliederungshilfesystems die Beendigung positiv bewertet werden. Dies entspricht einem Eingliederungsindex von 11,3 %.
Ausblick Insgesamt kann aus dem ersten Jahr der Schluss gezogen werden, dass die Umstellung hin zu personenbezogener Finanzierung von Maßnahmen der Eingliederungshilfe im Rahmen eines regionalen Budgets auf Basis einer hoch qualifizierten individuellen Hilfeplanung mit Hilfeplankonferenz von allen Beteiligten eine große Kraftanstrengung verlangt. Sie trägt zur Individualisierung und Flexibilisierung der Angebote bei, aber auch – und das ist fachlich das Wichtigste – zur Erreichung von individuellen Hilfezielen. Die Eingliederungsraten, das heißt die positive Loslösung von der Unterstützung durch Eingliederungshilfe liegen bei 11 %. Dass diese Umstellung bei aller Vorsicht in der Interpretation der zur Zeit bekannten Ergebnisse auch die durchschnittlichen Fallkosten deutlich reduziert und dass bezogen auf das Jahresbudget signifikante »Effizienzrenditen« im Finanzierungssystem erreicht werden können, freut besonders
die Kämmerei und die Verantwortlichen im Sozialamt. Besonders positiv ist auch die fortschreitende Qualifizierung des Hilfeplanverfahrens und der Hilfeplankonferenz hervorzuheben, in der mittlerweile verstärkt auch andere Kostenträger als ausschließlich die Sozialhilfe gesucht werden. Die Zahl von Vermittlungen in Soziotherapie ist steigend und ab 2006 wird die ARGE Rostock festes Mitglied der Hilfeplankonferenz. Es soll aber nicht verschweigen werden, dass die positiven Ergebnisse des Rostocker Entwicklungsprozesses Ausdruck von jahrelangen intensiven Verhandlungen, von Entwicklungs- und Lobbyarbeit vor Ort sind und dass sie auf der Freiwilligkeit der Zustimmung aller Beteiligten, insbesondere der Rostocker Anbieter und ihrem Engagement beruhen. Das zugrunde liegende Finanzierungsmodell wurde gemeinsam und im Konsens ausgehandelt. Für mögliche Konfliktfälle besteht zwar ein hoher Einigungsdruck, insbesondere wegen der transparenten Hilfeplanung sind die daraus abgeleiteten Maßnahmen und Kosten sowie deren Folgen für das Gesamtbudget stets präsent, aber es existiert noch kein Regelwerk zum Konfliktmanagement. Derzeit ist davon auszugehen, dass aufgrund der positiven Erfahrungen in Rostock landesweit voraussichtlich zwei weitere Hansestädte und drei Landkreise ihre Finanzierung umstellen werden. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der Traum von weniger Schubladen in der deutschen Psychiatrie durchaus Realität werden kann, wenn alle Beteiligten »mitziehen«. Durch verschiedene Budgetvarianten sowohl im Bereich des SGB V als auch des SGB XII und auf Basis individueller Gesamtpläne könnten zukünftig im Spannungsfeld von Fachlichkeit und Kostendämpfungsdruck passfähigere und individuellere Angebote für die Nutzerinnen und Nutzer entstehen. ❚ ❚ ❚
Ingmar Steinhart ist wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Sozialpsychiatrie an der Universität Greifswald und der Modellprojekte des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern, führt die Geschäfte des Stiftungsbereichs Bethel vor Ort in Dortmund und ist Mitglied im Vorstand der Aktion Psychisch Kranker (APK). Kontakt: institut@sozialpsychiatrie-mv.de Die Mecklenburger Schritte zur Kommunalen Steuerung sind wie die Berliner, Stuttgarter, Bielefelder und andere Wege zur Übernahme regionaler Verantwortung nachzulesen in: Armbruster, Schulte-Kemna, Widmaier-Berthold: Kommunale Steuerung und Vernetzung im Gemeindepsychiatrischen Verbund. Psychiatrie-Verlag Bonn 2006.
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Die Menschen tragen Herzen im Körper Zu den Radierungen von Thomas Riesner Von Birgit Hartung
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ässt man die Radierungen von Thomas Riesner auf sich wirken, so entfalten sie zu Beginn eine große Schwere, sind bedrückend, man fühlt sich verloren. Wie eine Technik der Radierung es vormacht, ätzen sich die Elemente – Linien, Pfeile, zerstochene Augen – in das Weiße. Auch wenn die Technik den Ausdruck der Bilder hervorragend vermittelt, hat Thomas Riesner sie eher zufällig in der Werkstatt des Vereins Durchblick in Leipzig erlernt, wo er seit Anfang der 1990er Mitglied in einer Künstlergruppe ist. Dort entstanden die in der Ausgabe dieser Umschau gezeigten Arbeiten 2002. Geboren 1971 in Leipzig machte Thomas Riesner schon sehr früh die Erfahrung eines Krankenhausaufenthaltes. Nach einer Gehirnhautentzündung, die ihn für mehrere Wochen in ein Koma fallen ließ, verbrachte er als Dreijähriger und später auch mit zehn Jahren noch einmal einige Zeit in der Kinderpsychiatrie. Erinnerungen an diese Zeit zeugen von der Einsam-
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keit des Kindes in der damals heruntergekommenen Umgebung in der Riemannstraße. Die Mitpatienten wechseln häufig, keiner muss so lange bleiben. Heute als Erwachsener kann Thomas Riesner sagen, man habe ihm in der Klinik geholfen, besonders im Hinblick auf Verständnis für die eigene Erkrankung und Mitbetroffenen gegenüber. Die Radierungen, die häufig eine Operation abbilden, zeigen die Spuren und die Ängste, die der Betrieb eines Krankenhauses am Menschen hinterlassen können. In diese Bilder sind auch die Eindrücke von psychiatrie-erfahrenen Freunden verarbeitet worden. Vielleicht zeigt die Radierung »Infusion« (oben) am deutlichsten die Gewalterfahrung des Eindringens der Medizin: wenn der Körper geöffnet wird durch Infusionskanülen, wenn die Medikamente die Lebensadern fluten. Vielleicht kann eine solche Situation nur noch durch eine gehörnte Figur an der Seite kommentiert werden. Leid, Krieg und Gefängnis sind Themen, denen sich der Künstler in seinen Arbeiten stellt. Sie werden individuell behandelt. Die Radierungen zeugen von einer großen Bedrängung, der der Einzelne in diesen Situationen ausgesetzt ist. Vielfach ist die menschliche Figur kaum noch zu erkennen bei all dem, wohinter sie zu verschwinden droht: Linien, manche scheinen den Körper zuzunähen; Kreuze, die das erfahrene Leid symbolisieren; ein Mundschutz, der den Menschen hinter seiner Funktion versteckt; Symbole wie die herabstürzenden Vögel, die »Schwarze Sonne«.
Thomas Riesner leidet heute an einer Angsterkrankung, die es ihm u.a. schwer macht, sich länger mit anderen Menschen zu unterhalten, überhaupt Kontakt aufzunehmen. Seine Kunst steht im Zusammenhang mit seiner Erkrankung und er weiß, dass man mit einer psychischen Erkrankung heutzutage immer noch in einer Tabu-Zone lebt. Trotz dieser doppelten Behinderung öffnet sich der Künstler durch seine Arbeiten anderen Menschen und sucht sie durch seine Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen auf, die unter Titeln wie »Visionen«, »Driften«, »Orkus«, »Angst« und »Utopia« seit 1992 im Inund Ausland zu sehen waren. Eine Ausstellung, in der die Radierungen »live« zu sehen sein werden, ist für die nächste Zeit angedacht. Die Bilder von Thomas Riesner konfrontieren den Betrachter mit schwierigen Themen. Sie fordern Betroffenheit ein. Aber die menschlichen Gefühle bleiben im Mittelpunkt. Die Bedrohung wird kein Selbstzweck des künstlerischen Ausdrucks, es entsteht kein Horror. Versinnbildlicht in einem häufig in den Bildern zu findenden Detail, halten die Radierungen eine Balance. Das Herz bekommt einen Platz und in »Leid 2« (links) tritt neben den Gedanken an »LEIT« auch der an »FREUT«, der Mensch hat die Arme und Hände ausgebreitet wie ein Baum und steht in der Mitte eines Kreises. Nach dem Anschauen der Radierungen ist einem das Herz vielleicht schwer, aber man merkt sehr deutlich, dass sowohl der Künstler als auch der Betrachter eins in sich trägt. ❚ ❚ ❚
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Fördern durch Fordern? Weitere Hartz-IV-Änderungen beschlossen Von Jörg Holke
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Monate nach dem Zusammenlegen der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe im Rahmen der Hartz-Reform wird aller Vorrausicht nach zum 01.08.2006 bereits das zweite Änderungsgesetz zum SGB II in Kraft treten. Mit der ersten Änderung im April waren die Umzugsregelungen für diejenigen, die unter 25 sowie erwerbsfähig und hilfebedürftig sind, verschärft worden. Diese brauchen seitdem bei einem Umzug eine Zustimmung des zuständigen kommunalen Trägers (§ 22 Abs. 2a SGB II). Ohne diese Zustimmung werden keine Kosten für Unterkunft und Heizung übernommen. Die Regelung gilt für den erstmaligen Auszug aus dem Elternhaus genauso wie für sich anschließende Umzüge. Zudem, und das darf als positiv bewertet werden, wurden die Regelsätze Ost auf Westniveau angehoben. Mit dem Bundestagsbeschluss vom 01.06.2006 sind jetzt weitere 50 Änderungspunkte auf den Weg gebracht worden. Bei der Durchsicht lässt sich ähnlich schnell wie bei der ersten Änderung erkennen, dass nicht nur bei der praktischen Umsetzung nachgebessert wird, sondern dass der Aspekt der Kosteneindämmung eine nicht nur untergeordnete Rolle spielt. Meldungen, dass die Kosten für das Arbeitslosengeld II in die Höhe schnellen, gehören seit der Jahreswende schon fast zur Routine der Pressemeldungen des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Missbrauchsvermutungen Vorwand für Einsparungen? Folgt man den Verlautbarungen aus der Politik und einigen Passagen der Begründung des Gesetzes, kann der Eindruck entstehen, dass die Ursache des Kostenanstiegs allein im Leistungsmissbrauch von Sozialbetrügern zu finden ist. Wohl eher zutreffend ist hier die Analyse des Deutschen Städtetages, dass es für die Kostenexplosion viele Gründe gibt und der Missbrauch nur eine der Ursachen ist. So ist davon auszugehen, dass bei den Kostenberechnungen die Zahl der möglichen Berechtigten zu niedrig angesetzt wurde. Zudem wurden die Leistungskürzungen für ehemalige Arbeitslosenhilfeempfänger überschätzt und die berech-
tigten, wenn auch nur geringfügigen Leistungsausweitungen für Sozialhilfeempfänger, die es entgegen anders lautender Stimmen auch gab, unterschätzt. Doch wie soll der Spagat der Verbesserung des Leistungsrechts auf der einen Seite und der Kosteneindämmung auf der anderen Seite erreicht werden? Laut des zuständigen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) soll das neue Änderungsgesetz Folgendes erreichen: ❚ eine Verbesserung der Eingliederung und Optimierung des Leistungsrechts durch das neu eingeführte Sofortangebot bei Neuanträgen – so soll Hilfebedürftigkeit nach Möglichkeit erst gar nicht entstehen; ❚ eine Überprüfung der Arbeitsfähigkeit von Personen, die Leistungen nach dem SGB II beantragen und zuvor weder Leistungen nach dem SGB II noch nach dem SGB III bezogen haben; ❚ Verbesserungen in der Leistungsgewährung und Verwaltungspraxis durch rechtliche Klarstellungen und Ergänzungen; ❚ Vermeidung von Leistungsmissbrauch. Die Leistungsverbesserungen Dass jedem, der einen Neuantrag auf Arbeitslosengeld II stellt, sofort eine Arbeit oder eine Eingliederungsmaßnahme angeboten werden soll, ist zunächst mal zu begrüßen. Allerdings ist aus der Soll-Formulierung ersichtlich, dass es sich nicht um einen Rechtsanspruch handelt. Zudem ist zu bezweifeln, dass die Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsagenturen und der Kommunen (Arge) bzw. die Kommunen selbst »auf die Schnelle« qualitativ gute und der Eingliederung dienende Maßnahmen realisieren können. Schon jetzt lässt sich vielerorts feststellen, dass die Vermittlungsangebote oft nicht bedarfsdeckend und ohne qualitative Begleitung konzipiert sind. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt einen Platz zu finden sind dann gering und die Fortsetzung der Arbeitslosigkeit wahrscheinlich. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn zuallererst die vorhandenen Maßnahmen optimiert würden. Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber letztendlich für alle Arbeitssuchende, erhöhen passgenaue und auf die individuellen Möglichkeiten
ausgerichtete Angebote die Eingliederungschancen. Bessere Eingliederungschancen wiederum verkürzen die Verweildauer im sozialen Sicherungssystem und sparen so effektiv Kosten. Zu befürchten ist, dass im Vordergrund der Sofortangebote vielerorts allein die »Überprüfung der Arbeitsbereitschaft« durch Standard-Trainingsmaßnahmen stehen wird.
Berücksichtigt man die Erfahrungsberichte über Probleme in der alltäglichen Praxis – unter anderem nachzulesen in den Berichten der Ombudsleute (Beschwerdestellen) und Verlautbarungen der Selbsthilfeverbände, sind rechtliche Klarstellungen und Ergänzungen des SGB II dringend notwendig. Insofern sind es konkrete Verbesserungen, dass nun geregelt ist, dass ❚ Babyerstausstattungen zukünftig eindeutig den einmaligen Leistungen zugeordnet werden; ❚ zur sozialen Absicherung von Härtefällen bei Leistungen der Ausbildungsförderung Zuschüsse gewährt werden, wenn die Kosten für Unterkunft und Heizung nicht ausreichend abgedeckt sind; ❚ Mietschuldenübernahme für Personen, die nicht hilfebedürftig im Sinne des SGB II sind, über das SGB XII möglich wird; ❚ alle Arbeitgeberleistungen im SGB III auch für Leistungsbezieher des SGB II gelten; ❚ die Übernahme der Zuständigkeit für Teilnahmekosten bei besonderen Maßnahmen von Leistungsbeziehern mit (psychischen) Behinderungen nach dem SGB II zukünftig gewährleistet ist; PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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❚ die Weiterfinanzierung einer Eingliederungsmaßnahme bei Wegfall der Hilfebedürftigkeit auch dann gewährleistet ist, wenn noch nicht Zweidrittel der Maßnahme erreicht ist; ❚ Mehrbedarfe für Menschen mit Schwerbehindertenausweis gewährt werden; ❚ Mehrbedarf im SGB II bei der Teilnahme an Maßnahmen zur Teilhabe am Arbeitsleben der Höhe im SGB XII angepasst wird. Verschärfungen des Leistungsrechts: Mehr Kontrolle und Sanktionen Als zum Teil drastische Verschärfung des Leistungsrechts zur Verhinderung des »Leistungsmissbrauchs« und Ausweitung der Kontrolle sind folgende Änderungen einzuordnen: ❚ Künftig soll Beziehern von Arbeitslosengeld II (Alg II) bei der ersten wiederholten Pflichtverletzung (Weigerung, Eingliederungsvereinbarung abzuschließen, Ablehnen einer angebotenen Maßnahme bzw. Arbeitsstelle, Abbruch einer Maßnahme) der Regelsatz um 60% gekürzt werden. Bei jeder weiteren Pflichtverletzung wird die Leistungen komplett gestrichen. Dies bezieht sich dann nicht nur auf die Regelleistung, sondern auch auf die Zahlungen für Unterkunft und Heizung. Eine wiederholte Pflichtverletzung liegt nicht vor, wenn der Beginn des vorangegangenen Sanktionszeitraumes länger als ein Jahr zurückliegt. Die Arge bzw. die Kommune kann in der Folge von Streichungen ergänzende Sachleistung oder geldwerte Leistungen erbringen und soll so handeln, wenn der Hilfebedürftige mit minderjährigen Kindern in einer Bedarfsgemeinschaft lebt. Drastischere Verschärfungen sind kaum denkbar. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen besteht hier die große Gefahr, dass, wenn möglicherweise die Erkrankung der Grund für die »Pflichtverletzung« war und dies der Arge bzw. der Kommune nicht bekannt ist bzw. rechtzeitig zur Kenntnis gebracht wird, hier diese einschneidenden Sanktionen in fataler Weise greifen. Sie können krankheitsfördernd wirken und in der Folge zu einem Abschieben in die SGB XII-Zuständigkeit (Sozialhilfe/Grundsicherung) führen, wodurch sich Fördermöglichkeiten drastisch reduzieren. ❚ Eheähnliche und »gleichgeschlechtliche lebenspartnerschaftsähnliche« Gemeinschaften werden als Bedarfsgemeinschaften betrachtet, wenn sie länger als ein 32 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Jahr zusammenleben, mit einem gemeinsamen Kind leben, Kinder oder Angehörige im Haushalt versorgen oder befugt sind, über Einkommen oder Vermögen des anderen zu verfügen, sofern sie nicht das Gegenteil beweisen können; als Beweis sollte hier, laut dem Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar, eine eidesstattliche Erklärung ausreichen. ❚ »Angemessene« Unterkunftskosten orientieren sich an den Kosten der »alten« Wohnung, wenn der Umzug »nicht notwendig« ist. ❚ Datenabgleiche zwischen den Ämtern werden erleichtert. ❚ Die Schaffung der gesetzlichen Grundlagen zur institutionellen Verankerung von kontrollierenden Außendiensten bei den Leistungsträgern ist vorgesehen.
Außendienste haben in der Vergangenheit immer kontroverse Diskussionen ausgelöst. Bei einer gesetzlichen Verankerung im SGB II wird dies nicht anders sein. Nach Art. 13 Abs. 1 des Grundgesetzes ist die Wohnung eines jeden Bürgers unverletzlich. Deshalb stellte der Bundesdatenschutzbeauftragte im Anhörungsverfahren klar, »dass es für die Außendienstmitarbeiter kein Betretensrecht gibt«. Gleichzeitig sind in der Sozialgesetzgebung Mitwirkungspflichten bei der Ermittlung des Sachverhalts der Bedürftigkeit festgeschrieben. Eine Erhebung von Sozialdaten durch einen gesetzlich legitimierten Außendienst ist nur dann in Betracht zu ziehen, wenn es dem Leistungsträger ansonsten nicht möglich ist, den Anspruch zu ermitteln. Hausbesuche sind somit nur möglich, wenn sie konkret erfor-
derlich, geeignet und verhältnismäßig sind. Eine Ankündigung sollte die Regel sein. Die weiteren Änderungen betreffen Zuständigkeitsklärungen und Verbesserungen der Verwaltungspraxis, die zum Teil den Betroffenen nur indirekt zu gute kommen, aber für die weitere Umsetzung der Hartz-IV-Reform bedeutsam sind. So ist die Klarstellung, dass die Kommunen, die sich selbst um die Bezieher von Arbeitslosengeld II kümmern, auch Rehabilitationsträger sind, hilfreich für die Praxis, wenn es um die schnelle Umsetzung von Rehabilitationsbedarfen geht. Manch eine Kommune hatte sich in der Vergangenheit nicht in der Pflicht gesehen. Durch die im neuen Änderungsgesetz verankerte Rechts- und Fachaufsicht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales über die Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsagenturen und der Kommunen ist nun auch endgültig klar, dass der Bund die Steuerungskompetenzen bei der Arbeitsvermittlung behält. Wie bei den Arbeitslosengeld-I-Empfängern zu verfahren ist, die aufstockend SGB II Leistungen erhalten, ist nun auch beantwortet: Pflichtleistungen wie Überbrückungsgeld und Arbeitsvermittlung, Förderung der Weiterbildung etc. werden nach dem SGB III gewährt, Ermessensleistungen nach dem SGB II. Somit wären hier z.B. auch Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (so genannten 1-Euro-Jobs) möglich. Fest steht jetzt auch, sofern nur durch Arbeitslosengeld II der Lebensunterhalt bestritten wird, ist die Ausbildungsund Arbeitsstellenvermittlung zukünftig auch Pflichtleistung für die Arbeitsgemeinschaften der Arbeitsagenturen und der Kommunen. Den Krankenkassen wird ab dem 01.08. die Möglichkeit eröffnet, die Einigungsstelle anzurufen, wenn begründete Zweifel an der Erwerbsfähigkeit vorliegen. Es ist zu hoffen, dass von den Krankenkassen auch die Möglichkeit von Rehabilitationsmaßnahmen in Betracht gezogen wird. Kaum Verbesserungen des Förderbereiches Bis auf die oben angeführte Einbeziehung der Arbeitgeberleistungen im SGB II, die auch im SGB III gelten, sucht man im Gesetzentwurf jedoch vergeblich Verbesserungen des Förderbereiches, wie sie unter anderem auch die Aktion Psychisch Kranke angemahnt hat. So bleibt z.B. der Widerspruch bestehen, dass Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (1-Euro-Jobs) zur
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Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt führen sollen und gleichzeitig aber immer die Kriterien »zusätzlich und im öffentlichen Interesse liegend« erfüllen müssen. Diese Kriterien lassen jedoch einen Übergang in ein Regelarbeitsverhältnis am selben Arbeitsplatz nicht zu. Zudem ist die zeitliche Begrenzung von Fördermöglichkeiten, die sich aus dem SGB III ergeben, weiter ein Hindernis, langfristige Minderleistungsausgleiche bzw. Lohnkostenzuschüsse zu ermöglichen. Konstruktive Vorschläge sind gefragt Abschließend sei angemerkt, dass im parlamentarischen Verfahren den Befürwortern einer »Harten Linie« von unerwarteter Seite Unterstützung zukam. Sowohl der Präsident der Diakonie, der Vorsitzende und der Bundesgeschäftführer der AWO wie auch der Generalsekretär des Deutschen Rotes Kreuzes haben gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden gefordert, passive Leistungen noch weiter zu kürzen, um mehr aktive Förderung zu ermöglichen. Wie Vertreter dieser Wohlfahrtsverbände, die noch bei Einführung von Hartz IV Sozialabbau befürchteten, jetzt »mehr Förderung« mit Leistungskürzungen bei den Hilfen zum Lebensunterhalt verknüpfen können, bleibt allerdings ihr Geheimnis und nicht nachvollziebar. Die zur Begründung angeführten Zahlen sind zudem wenig aussagekräftig. Zur »Ehrenrettung« der Wohlfahrtspflege sei auf die Presserklärungen des paritätischen Wohlfahrtsverbandes und des Caritasverbandes hingewiesen, die sich von diesen Forderungen deutlich distanzieren. Der Paritätische weist im Gegenteil auf die zu niedrigen Regelsätze hin. Die These, dass die Förderung zu verbessern ist, wird inzwischen auch vom Bundesrechnungshof gestützt, der die Arbeitsgemeinschaften und Optionskommunen geprüft und gefunden hat, dass zu wenig bzw. zu spät Vermittlung stattfindet. Es bleibt das Fazit, dass es Ziel sein muss, eine effiziente und effektive Optimierung der Arbeitsabläufe bei den Arbeitsgemeinschaften bzw. Optionskommunen und eine verbesserte Umsetzung der gesetzlich verankerten Fördermöglichkeiten zu erreichen und nicht weitere Leistungskürzungen in Betracht zu ziehen. Damit wäre auch den Menschen gedient, die mit der Notlage »Arbeitslosigkeit« umgehen müssen und zu denen immer auch und oft zuerst Menschen mit psychischen Erkrankungen gehören. ❚ ❚ ❚
Neue Versorgungslücken bei der häuslichen psychiatrischen Pflege? Stellungnahme der BAG der Freien Wohlfahrtspflege
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ange Jahre war die Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland auf stationäre Behandlung beschränkt. Die ambulante psychiatrische Pflege wurde erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen von unterschiedlichen Modellprojekten aufgebaut. Allerdings wurden weder flächendeckende Angebote etabliert, noch besaßen diese eine geregelte Finanzierung. Vor diesem Hintergrund wird die vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgenommene Richtlinienänderung für häusliche psychiatrische Krankenpflege ausdrücklich begrüßt. Auch wenn seit In-Kraft-Treten der Richtlinienänderung erst einige Monate vergangen sind, bestehen seitens der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege aber schon jetzt erhebliche Zweifel und Bedenken hinsichtlich der praktischen Umsetzung der Richtlinienänderung. Nach unserer Auffassung sind bei der ambulanten Versorgung psychisch kranker Menschen – auch nach der Richtlinienänderung – Versorgungslücken evident bzw. entstehen in der Praxis sogar neue Versorgungslücken. Dies möchten wir im Folgenden darstellen:
Versorgungssituation Grundsätzlich haben die Versicherten nach der Genehmigung der Richtlinien durch das Bundesministerium für Gesundheit einen Rechtsanspruch auf Leistungen der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege gegenüber ihrer Krankenkasse. Allerdings liegt die Anwendung der Richtlinie in der Zuständigkeit der Selbstverwaltung. Üblicherweise schließen die Krankenkassen dabei Verträge mit geeigneten Leistungserbringern auf Landesebene, in denen die Einzelheiten der Versorgung mit häuslicher psychiatrischer Krankenpflege, die Preise usw. geregelt werden. Nach derzeitigem Stand sind aber in keinem Bundesland landesweite Rahmenverträge mit Leistungserbringern geschlossen worden. Das bedeu-
tet wiederum, dass die Versicherten zwar einen Rechtsanspruch auf häusliche psychiatrische Krankenpflege haben, dieser aber aufgrund fehlender Verträge mit Leistungserbringern nicht umgesetzt werden kann. Darüber hinaus wurde uns seitens der Kassenärztlichen Vereinigung berichtet, dass die Ärzte bundesweit Probleme bei der Ausstellung von Verordnungen für häusliche psychiatrische Krankenpflege haben, weil die Leistungserbringung aufgrund der vertragslosen Situation in den Bundesländern nicht gewährleistet ist. In einigen wenigen Bundesländern gibt es vereinzelte Vereinbarungen zwischen Krankenkassen und spezialisierten ambulanten Pflegediensten. Diese beruhen i. d. R. auf vorangegangene Modellversuche (bspw. in Bremen und Niedersachsen). Vor diesem Hintergrund werden seitens der Leistungserbringer »Notlösungen« praktiziert, um den Rechtsanspruch der Versicherten zu wahren. So versuchen die Leistungserbringerverbände in Berlin, betroffene Patienten zu unterstützen und Fachärzte zu motivieren, Verordnungen für häusliche psychiatrische Krankenpflege auszustellen. Diese werden dann mit Genehmigung der Krankenkassen auf der Basis mündlicher Vereinbarungen erbracht. Als Gründe für das Scheitern landesweiter Rahmenvereinbarungen zwischen den Krankenkassen und den Leistungserbringerverbänden auf Landesebene werden auf der einen Seite die nicht erfüllbaren Forderungen der Krankenkassen hinsichtlich der vom Pflegedienst vorzuhaltenden Anzahl von Pflegefachkräften sowie deren Qualifikation und auf der anderen Seite eine für diese Forderungen nicht entsprechende Vergütung genannt. Im Einzelnen haben die Krankenkassen an die Pflegedienste i. d. R. in jedem Bundesland die folgenden Forderungen gestellt: ❚ Der ambulante psychiatrische Dienst muss eine eigenständige Organisationseinheit bilden. ❚ Diese muss zwischen fünf und sieben Vollzeitkräfte beschäftigen. ❚ Alle Vollzeitkräfte müssen PflegefachPSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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kräfte mit einer Fachweiterbildung Psychiatrie sein. ❚ Die Höhe der Vergütung soll sich im Verhältnis an der für Leistungen somatisch Kranker orientieren. Diese von den Kostenträgern geforderten Qualitätsanforderungen an Pflegedienste stellen selbst für bereits seit Jahren tätige ambulante psychiatrische Fachpflegedienste (bspw. aus Nordrhein-Westfalen) kaum zu bewältigende Hürden dar. Für Pflegedienste der Regelversorgung, die psychiatrische häusliche Krankenpflege erbringen könnten, sind diese Hürden unüberwindbar. Auch die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege halten es für absolut notwendig, dass zur Versorgung dieses Klientels nur Pflegefachkräfte einzusetzen sind. Allerdings kann sich nach unserer Auffassung die Forderung nach einer Fachweiterbildung Psychiatrie allenfalls auf Leitungskräfte beziehen. Für alle weiteren Pflegefachkräfte halten wir psychiatrische Fortbildungen bzw. Berufserfahrung für angemessen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Arbeitsmarkt auf absehbare Zeit keine ausreichende Anzahl an Pflegefachkräften mit einer Fachweiterbildung Psychiatrie zur Verfügung stellen kann. Unabhängig davon sind die Personalvorhaltungskosten für bis zu sieben Pflegefachkräfte speziell für die häusliche psychiatrische Krankenpflege grundsätzlich nicht zu realisieren, insbesondere im Hinblick auf die von den Krankenkassen gemachten Vergütungsangebote. Für uns stellt sich die Situation so dar, dass seitens der Spitzenverbände der Krankenkassen versucht wird, die Anforderungen an die Leistungserbringer so hoch zu setzen, dass letztlich keine Vereinbarungen zur häuslichen psychiatrischen Krankenpflege zustande kommen. Wir halten diese Praktik der Krankenkassen für nicht hinnehmbar. Die ambulante psychiatrische Fachpflege ist darauf ausgerichtet, kostenintensive stationäre Aufenthalte zu vermeiden, und es den Betroffenen zu ermöglichen, in ihrem gewohnten Umfeld zu verbleiben. Wir fürchten, dass der Leistungsanspruch der Versicherten durch die Vorgehensweise der Krankenkassen nicht umgesetzt werden kann und die häusliche psychiatrische Krankenpflege damit ein ähnliches Schicksal wie die vor einigen Jahren eingeführte ambulante Soziotherapie erleiden wird. Diese Befürchtung wird neben den bisherigen praktischen Erfahrungen auch durch die Arbeitshilfe zur Begutachtung häuslicher psychiatrischer Krankenpflege 34 PSYCHOSOZIALE Umschau
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durch den MDK gestützt. So ist hiernach bspw. bei Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz gem. § 45a SGB XI die Plausibilität der Verordnung (Behandlungsfähigkeit, manifeste Umsetzung des Therapieziels) besonders kritisch zu hinterfragen und die zeitgleiche Leistungserbringung von Psychotherapie und häuslicher psychiatrischer Krankenpflege in der Regel ausgeschlossen. Im Folgenden gehen wir noch auf einige spezifische Problemlagen der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege ein, die zusätzlich die Versorgungssituation belasten:
Krankheitsverlauf haben, halten wir zur Prüfung der Pflegeakzeptanz und des Beziehungsaufbaus einen Zeitkorridor von 28 Tagen für fachlich notwendig. Des Weiteren ist eine Einschränkung auf höchstens zwei Einsätze täglich eine Leistungseinschränkung, die eine intensive Begleitung im Rahmen einer Krisenintervention unmöglich macht. Hier muss nach unserer Auffassung der jeweilige Einzelfall im Vordergrund stehen.
Beschränkung der Leistungsdauer auf vier Monate
Die Beschränkung der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege auf bestimmte Diagnosegruppen ist fachlich nicht nachvollziehbar und widerspricht abermals dem Grundsatz der Gleichbehandlung. Faktisch ausgegrenzt werden bspw. alle Personen mit chronischen psychischen Erkrankungen. Außerdem ist häusliche psychiatrische Krankenpflege nicht verordnungsfähig bei Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (ICD-10, F 60-69), Borderline sowie bei schweren Belastungsund Konversionsstörungen wie bspw. Posttraumatische Belastungsstörung oder dissoziative Störungen (F 43 und F 44). Diese Krankheitsbilder treten verstärkt bei jüngeren Erwachsenen auf. Durch die Einschränkung der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege auf in der Richtlinie genannte Diagnosen erhalten diese – in der Vergangenheit nicht unerhebliche – Patientengruppen schon heute keine adäquate Versorgung in ihrer Häuslichkeit. Dies trifft insgesamt auch für den Bereich der Sucht- und Abhängigkeitsstörungen in Kombination mit psychiatrischen Erkrankungen zu. Hier befürchten wir, dass es zukünftig zu einem Leistungsausschluss für Patienten mit Doppeldiagnosen im Suchtbereich kommen könnte. (..) Die oben aufgezählten Sachverhalte haben uns dazu veranlasst, diesen Bericht zu verfassen. Diesbezüglich bitten wir das BMGS, seinen Einfluss auf die Spitzenverbände der Krankenkassen geltend zu machen, damit psychisch kranke Menschen gemäß dem Grundsatz ambulant vor stationär ihren Anspruch auf psychiatrische häusliche Krankenpflege einlösen können. ❚ ❚ ❚
Die zeitliche Begrenzung der Leistung häusliche psychiatrische Krankenpflege auf bis zu vier Monate wird den Besonderheiten psychisch chronischer Erkrankungen nicht gerecht. Je nach Schwere und Verlaufsform der jeweiligen psychiatrischen Erkrankung muss auch eine zeitlich längere bzw. nicht befristete Behandlung möglich sein. In diesem Zusammenhang möchten wir darüber hinaus darauf hinweisen, dass zahlreiche Krankenkassen – speziell in NordrheinWestfalen – den Umstand der Begrenzung der Verordnungsdauer auf vier Monate nutzen, um – ohne weitere Begründung – die Verordnung von häuslicher psychiatrischer Krankenpflege abzulehnen. Insgesamt führt diese Regelung zu einer Ungleichbehandlung der Versicherten. Psychisch kranke Menschen werden hinsichtlich ihres Leistungsanspruches deutlich schlechter gestellt als somatisch erkrankte Menschen. Darüber hinaus steht diese Regelung dem Ziel der vorrangigen Gewährung von ambulanten Hilfen in der Praxis entgegen. Obwohl nach unserer Erfahrung die durchschnittlichen Kosten von ambulanter psychiatrischer Pflege deutlich unter denen der stationären Versorgung liegen, wird diese Regelung zu vermehrten stationären Einweisungen führen. Für gleichfalls problematisch halten wir den für eine Erstverordnung festgelegten Zeitraum von 14 Tagen, um zu prüfen, ob Pflegeakzeptanz und Beziehungsaufbau zu erreichen sind. Gerade bei psychisch kranken Menschen kann die Anwesenheit von zu Beginn der Kontaktaufnahme fremden Pflegefachkräften zu negativen Beeinträchtigungen und Störungen der gewohnten Alltagsabläufe führen. Da bei dieser Personengruppe Kontinuität und Vertrautheit einen entscheidenden Einfluss auf den
Einschränkung der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege auf bestimmte Diagnosegruppen
Die vollständige Stellungnahme finden Sie im Internet unter: http://www.devap.de/fileadmin/user_upload/bilder/ sonstiges/Stellungnahme_h_usl_psych_Krankenpflege_ 160506.pdf
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Ist die Werkstatt für behinderte Menschen erfolgreich gescheitert? Von Rainer Knapp
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ine der großen sozialpolitischen Leistungen der Bundesrepublik Deutschland ist es, nach den Verbrechen, die an behinderten Menschen im so ge-
nannten »Dritten Reich« begangen wurden, diesen nicht nur eine existenzsichernde Versorgung zu gewährleisten, sondern zunehmend auch Teilhabemög-
lichkeiten in gesellschaftlichen Bezügen zu eröffnen. 250.000 Menschen mit Behinderung, die nicht, noch nicht oder noch nicht wieder im allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, in über 700 Werkstätten die Teilhabemöglichkeit an Arbeit zu eröffnen, ist eine Leistung, auf die Politik und alle Beteiligten zu Recht stolz sein können. Dass die Werkstatt auch heute noch für viele die bessere Alternative zu anderen Möglichkeiten der Lebensgestaltung darstellt, zeigen die Zugangszahlen, die nicht nur konstant hoch bleiben, sondern in den letzten Jahren noch deutlich zugenommen haben. Ein wichtiger Grundsatz des Werkstättensystems war und ist das Prinzip der einheitlichen Werkstatt. Dieses Prinzip wird allerdings von einigen Werkstattträgern missverstanden. Es geht darum, Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf und geringer produktiver Leistungsfähigkeit nicht auszugrenzen, wie es derzeit von den Arbeitsagenturen und einigen Leistungsträgern versucht wird. Es geht aber nicht darum, die Werkstatt als die einzige und allein richtige Möglichkeit der Teilhabe für alle Menschen mit Behinderung zu definieren und damit Alternativen nicht zuzulassen. Trotz der erkennbar hohen Zufriedenheit der behinderten Menschen mit den Werkstattleistungen – Ausnahmen bestätigen hier die Regel – nimmt die Kritik an den Werkstätten massiv zu. Werkstätten sind zu teuer Das mag ja sein. Allerdings fehlt uns jede Grundlage dies zu beurteilen. Wenn mit »zu teuer« das Gesamtsystem der Werkstätten, wie es rechtlich definiert ist, angesichts der chronisch knappen Haushalte der öffentlichen Hand gemeint ist, dann muss das offen diskutiert werden. Und die Politik muss sagen, dass sie sich dieses qualifizierte System nicht mehr leisten will. Wenn mit »zu teuer« gemeint ist, die Werkstätten könnten die gleichen Ergebnisse mit weniger Aufwand erzielen, so halte ich diesen Vorwurf nicht für ganz unberechtigt. Im wirtschaftlichen Bereich sind wir es ja gewohnt und im Rahmen vernünftigen Wirtschaftens und der Qualitätsmanagementsysteme auch dazu verpflichtet, laufend an der Verbesserung der Arbeitsprozesse und des optimalen Ressourceneinsatzes zu arbeiten. Solche Möglichkeiten sehe ich durchaus auch im Bereich der Begleitung, Unterstützung und Förderung behinderter Menschen in den Werkstätten. Allerdings setzt ein solcher Ansatz der Effizienzverbesserung voraus, PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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dass zwischen den Beteiligten geklärt ist, welches konkrete und überprüfbare Ergebnis denn erreicht werden soll. Die Diskussion darüber wird aber seitens der Politik und der Leistungsträger nicht geführt, wohl in der Befürchtung, es könnten Mehrkosten entstehen oder es müsste offen dargelegt werden, dass bestimmte Leistungen für behinderte Menschen in den Werkstätten als überflüssig angesehen werden. Die allgemeinen Vorgaben des § 136 SGB IX reichen jedenfalls als Bewertungsmaßstab nicht aus. Die Diskussion wird aber auch von den Werkstätten und ihren Verbänden vermieden. Hier scheint man zu befürchten, möglicherweise festzustellen zu müssen, dass durch geeignete Maßnahmen die geforderten Leistungen tatsächlich kostengünstiger erbracht werden können und dann würde man mit geringeren Leistungsentgelten auskommen müssen. Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Die Werkstätten sind Einbahnstraßen und verhindern die Ausgliederung in den allgemeinen Arbeitmarkt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Sozialhilfeträger hat allerdings 2005 auch deutlich gemacht, »dass für den größten Teil der Beschäftigten in der Werkstatt wegen Art oder Schwere der Behinderung und trotz aller Fördermöglichkeiten der Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt dauerhaft nicht möglich sein wird.« Gleichwohl muss man konstatieren, dass etliche Werkstätten gar keinen Versuch machen, auch Alternativen zu entwickeln und Übergänge aus der Werkstatt zu ermöglichen. Entweder aus der Überzeugung, dass sie die einzige und bestmögliche Teilhabemöglichkeit darstellen oder auch aus der Sorge, wie denn bei Vermittlung von Leistungsträgern die Produktion aufrecht erhalten werden kann. Beachtenswert in diesem Zusammenhang erscheint mir, dass die eigentlichen Beweggründe, die ja durchaus ihre Berechtigung haben, von beiden Seiten nicht klar benannt werden. Das verhindert letztlich eine Klärung der gegenseitigen Erwartungen. Werkstätten verhindern Integration Zunehmend haben wir in den letzten Jahren auch die Kritik gehört, Werkstätten seien integrationsverhindernd. Diese Kritik kommt auch von Beschäftigten und ihren Angehörigen. Sie ist in etlichen Einzelfällen durchaus berechtigt und nachvollziehbar. Überwiegend jedoch stammt sie von Verbandsvertretern, die den Begriff Integration gleichsetzen mit einem Arbeitsverhältnis im allgemeinen Arbeitsmarkt. 36 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Hier teile ich die Position von Professor Martin Hahn, der anstelle von Integration von Solidarität spricht und persönliche und gesellschaftliche Solidarität definiert als das Ergebnis der Wahrnehmung anderer Menschen in ihrer Bedürfnislage. Integration würde dann bedeuten, behinderten Menschen zu ermöglichen, dort am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wo sie die gesellschaftliche und persönliche Solidarität erfahren. Dies kann nicht generell und ideologisch definiert werden, sondern muss im Einzelfall mit den Betroffenen geklärt und realisiert werden. Das entspricht den Forderungen des § 1 SGB und § 9 SGB IX. Tatsächlich wissen die Werkstattbeschäftigten und ihre Angehörigen die Werkstatt als Teilhabemöglichkeit durchaus zu schätzen. Gleichzeitig nimmt die teilweise berechtigte Kritik zu. Dieses Dilemma kann nur gelöst werden, wenn alle Beteiligten in eine konstruktive und ergebnisoffene Diskussion darüber eintreten, was denn die erwarteten Ergebnisse der Werkstattarbeit sein sollen und was auch nicht. Dies setzt allerdings voraus, dass die berechtigten Interessen und Argumente der Beteiligten gegenseitig klargestellt, ernst genommen und ausgehandelt werden. Schuldzuweisungen und Tabus wie »Darüber verhandeln wir nicht«, helfen nicht weiter. Dies zeigt die jahrelange und letztlich ergebnislose Auseinandersetzung um eine Kostenzuordnungsverordnung, die letztlich daran gescheitert ist, dass nicht über Ziele und Ergebnisse diskutiert wurde, sondern über Strukturdaten. Und da hat jeder aus seiner Sicht Recht. Eine Lösung ist so nicht zu erreichen. Suche nach Lösungen statt Suche nach Schuldigen Es liegt auf der Hand, dass aufgrund der dauerhaft angespannten Haushaltssituation der Öffentlichen Hand und der nach wie vor steigenden Anzahl der Anspruchsberechtigten mit weniger Geld für mehr Personen auszukommen ist. Ich behaupte allerdings, dass insgesamt genügend Geld im System vorhanden ist, diese Mittel jedoch passgenauer und effizienter eingesetzt werden müssen. Genauso wenig wie berechtigte und gesetzlich verankerte Ansprüche behinderter Menschen nur aufgrund der Kassenlage in Frage gestellt werden dürfen, ist es zulässig, die Diskussion darüber zu verweigern, ob nicht diese Ansprüche auch anders und möglicherweise kostengünstiger erfüllt werden können. Manche Verbandsvertreter sehen bei einer Diskussion
über Kostensenkungsmöglichkeiten gleich die Qualität ihrer Arbeit und ihre Zukunftssicherung gefährdet. Einen Lösungsansatz sehe ich in der Idee, nicht unbedingt in dem Instrument, des Persönlichen Budgets. Wenn es uns gelingt, auf den Einzelfall bezogen den passgenauen Hilfebedarf zu definieren und so kostengünstig wie möglich umzusetzen, werden wir feststellen, dass die Erwartungen der behinderten Menschen nicht unbedingt identisch sind mit dem, was Verbände und Fachpersonal in den Einrichtungen der Behindertenhilfe für erforderlich halten. Davon bin ich überzeugt. Die Instrumente für solche personenbezogenen und individuellen Hilfen müssen entwickelt werden. Das setzt allerdings auch voraus, dass die Werkstätten über den notwendigen Handlungsspielraum verfügen und entwicklungs- und gestaltungshemmende Rechtsvorschriften und Strukturvorgaben seitens der Leistungsträger zurückgenommen werden. Dazu gehört aber auch, dass die Werkstätten mehr Eigenverantwortung übernehmen und alle Möglichkeiten ausschöpfen, die ohne Leistungseinschränkung bei den behinderten Menschen zu Kostenreduzierungen führen können. Das können wirtschaftlich sinnvolle Kooperationen sein, z.B. beim gemeinsamen Materialeinkauf, bei der EDV, bei der Verbesserung der Prozesseffizienz oder bei der Entwicklung ergänzender oder alternativer Angebote. Eines sollte bei der ganzen Diskussion um Leistungsentgelte und finanzielle Förderung nicht aus dem Blick geraten: Wir sind nicht angetreten, um möglichst viel Personal zu beschäftigen, um über möglichst umfängliche Gebäude zu verfügen oder um möglichst hohe Erträge zu erwirtschaften. Wir brauchen Personal, Gebäude und wirtschaftliche Erträge in dem Umfang der notwendig ist, um unseren eigentlichen Auftrag zu erfüllen, nämlich behinderten Menschen die Teilhabe an Arbeit entsprechend ihren Vorstellungen so gut wie möglich und auch so kostengünstig wie möglich zu erfüllen. Dies sind wir den Beschäftigten in unseren Werkstätten schuldig und auch der Gesellschaft, die letztlich diese Leistungen zu finanzieren hat. Nur so wird es uns gelingen, das bewährte Werkstättensystem so weiterzuentwickeln, dass es zukunftsfähig und erfolgreich bleibt. ❚ ❚ ❚ Rainer Knapp, Geschäftsführer der GWW, Gemeinnützige Werkstätten und Wohnstätten GmbH Sindelfingen, ist stellvertretender Vorsitzender der BAG WfbM.
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Arbeitsrehabilitative Geiselnahme? Werkstätten für behinderte Menschen sind besser als ihr Ruf Von Marc Fesca
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eit Klaus Dörner in der Debatte um die Heimversorgung alle Heimleiter der Geiselnahme bezichtigt hat, beschleicht mich ein gewisses Unbehagen: Als Sozialarbeiter in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) für seelisch behinderte Menschen bin ich doch schließlich in ein ebenso anrüchiges Gewerbe verwickelt: Im Gegensatz zu den Heimen aber reichen den WfbM die Entgelte nicht aus – sie lassen ihre Geiseln überdies noch für sich arbeiten, um den Profit zu mehren! Doch hierüber findet keine vergleichbare Diskussion statt, und von den Mitarbeitern der Werkstatt bin ich allerdings noch nicht der Freiheitsberaubung bezichtigt worden, überwiegend äußern sich diese sogar zufrieden. Aber möglicherweise handelt es sich dabei ja um eine Variante des Stockholm-Syndroms oder eine kollektive Selbsttäuschung, bei der sich Mitarbeiter und Professionelle vorgaukeln, die Werkstatt sei ein Reparaturbetrieb für die kaputte Erwerbsfähigkeit. Zum weiteren Erkenntnisgewinn schlage ich deshalb den von der psychiatrie-erfahrenen Sibylle Prins vorgeschlagenen »Schnelltest für Professionelle« vor: Würde ich selbst nach einer psychischen Erkrankung in die WfbM gehen?
geht: Behinderung und Erwerbsunfähigkeit, die beide Dauerhaftigkeit einschließen. Neben dem Ergebnis dieser persönlichen Auseinandersetzung beeinflusst die Entscheidung für oder gegen eine Tätigkeit in der Werkstatt vor allem das dortige Angebot. Was das betrifft, weiß ich immerhin, dass WfbM nicht gleich WfbM sein muss – ein Wissen, dass ich den meisten Bewerbern voraus hätte. Grundsätzlich steht den Menschen mit psychischer Beeinträchtigung frei, in welcher WfbM sie tätig werden, solange die Voraussetzungen für WfbM grundsätzlich
Selbsttest Angenommen, die Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wäre nicht möglich, käme ich, falls ich in irgendeiner Form einer Arbeit nachgehen wollte, um den Besuch einer WfbM kaum herum. Immerhin sind die Werkstätten Hauptarbeitgeber für Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als nicht erwerbsfähig gelten. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Trotz oder wegen meiner umfassenderen Kenntnis von WfbM fiele mir eine Entscheidung für oder gegen eine Werkstattaufnahme ausgesprochen schwer. Möglicherweise, weil es hier nicht allein um die Entscheidung für oder gegen eine Rehabilitationsmaßnahme, sondern auch um die Auseinandersetzung mit gleich zwei negativ besetzten Etikettierungen
gegeben sind. Faktisch haben die wenigsten Werkstattbeschäftigten eine Wahlmöglichkeit, sofern sie nicht zu diesem Zweck umziehen. Ausschlaggebend wäre also das Angebot der für mich erreichbaren WfbM sowie auch, welche Umgangskultur in diesen WfbM vorherrscht. So kann es sein, dass ich in der betreffenden WfbM vor allem hinsichtlich meiner Einschränkungen wahrgenommen werde. Möglicherweise wendet die WfbM auch enorme personelle und zeitliche Ressourcen auf, um diese Einschränkungen zunächst mit beeindruckenden Test- und Diagnoseverfahren festzustellen und im anschließenden
Verlauf ebenso aufwendig durch Trainingsund Schulungsprogramme oder modellhafte Projekte zu bearbeiten und eine optimale Platzierung am Arbeitsplatz zu erreichen. Vielleicht werde ich aber auch in erster Linie als Mitarbeiter wahrgenommen und der Umgang mit den Werkstattbeschäftigten unterscheidet sich nur geringfügig vom Umgang der Professionellen untereinander. Das mag an einer Orientierung an Interessen und Stärken deutlich werden oder am Maß verfügbarer Spielräume, übertragener Verantwortung oder dem Grad der eingeräumten Mitbestimmung. Vielfalt von Angeboten und Bedürfnissen Das Arbeitsangebot selbst der WfbM kann sehr vielfältig sein und sowohl anspruchsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeiten als auch einfache und gleichartige Arbeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern umfassen, es können aber eventuell auch nur einfache serielle Tätigkeiten angeboten werden. In manchen Werkstätten kann der Verdienst sehr hoch (in Einzelfällen bis zu 1000 €) sein, in anderen erhalten die Mitarbeiter kaum mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn (93 €, jeweils zuzüglich Sozialversicherungsbeiträgen). Manche Werkstätten bieten eine Vielzahl von Freizeitund Bildungsangeboten oder sie können unproblematisch auch Teilzeitstellen anbieten, andere beschränken sich weitestgehend auf Arbeit und diese nur in Ausnahmefällen in Teilzeit. Bei aller Vielseitigkeit der WfbM wird man kaum eine finden, die alle Möglichkeiten vereint, schließen sich doch manche gegenseitig aus. Das Spannungsfeld zwischen von außen heran getragenen Erwartungen und Rechtsvorschriften sowie den individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen stellt die WfbM, und hier ganz besonders die Gruppenleiter, vor widersprüchliche Aufgaben, bei denen das partielle Versagen kaum zu vermeiden ist und das permanente Ausbalancieren des eigenen Handelns in diesem Anforderungsgeflecht durchaus motivationsgefährdend wirken kann. So erwarten die sozialpsychiatrisch Denkenden flexible und an die Bedürfnisse der Mitarbeiter angepasste Arbeitsplätze, mit allen Variationsmöglichkeiten der Teilzeitarbeit, Arbeit auch für die »Schwierigsten«, ein individuell zugePSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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schnittenes Maß an Entscheidungsspielräumen und Verantwortung. Die Arbeit sollte weder monoton tayloristisch noch postmodern chaotisch sein und natürlich soll sie angemessen bezahlt sein. Weiter soll die WfbM auch berufliche und persönlichkeitsfördernde Bildung und die Anbahnung der Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bieten. Nach Maßgabe der Rehabilitationsträger sollten alle Mitarbeiter möglichst in vollem Umfang,
mindestens aber 15 Stunden in der Woche arbeiten und dazu ohne Berücksichtigung von Interessen in Teilzeit- und Vollzeitgruppen aufgeteilt werden. Die Bemühungen, den Mitarbeitern einen möglichst hohen Lohn zahlen zu können, und die Tätigkeit der WfbM als Wirtschaftsbetrieb wiederum erfordern die Abstimmung mit Kundenwünschen und auftragsbezogenen Vorgaben. Je größer dabei die Diversifizierung der angebotenen Arbeitsfelder und aufgaben und somit der Produkte und Dienstleistungen, desto mehr und unterschiedlichere Kunden sind zufrieden zu stellen und zu pflegen. Bei alledem gilt es, die unterschiedlichen Bedürfnisse, Ziele und Fähigkeiten der Mitarbeiter zu berücksichtigen und im Rahmen einer angemessenen Beziehungsgestaltung mit diesen auszuhandeln, wie der jeweils individuelle Mix aus Arbeit und Bildung, Belastung und Entlastung, Veränderung und Beständigkeit, Selbständigkeit und Abhängigkeit, körperlicher und geistiger Tätigkeit etc. aussehen soll. 38 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Teilhabe und Verlässlichkeit wichtiger als Vermittlung in den Arbeitsmarkt Besonders hinsichtlich des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wird den Werkstätten, aber auch den dort beschäftigten Menschen ein ausgeprägtes Beharrungsvermögen unterstellt. Wenn gefordert wird, behinderten Menschen einen »erhöhten Anreiz für den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu geben«, dann muss das für das Gros der Psychiatrie-Erfahrenen in den Werkstätten wie Hohn klingen, sowohl für die, die nicht mehr wollen als auch für die, die nichts sehnlicher wollen. Dass den WfbM die Teilaufgabe der Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt seit Jahrzehnten nur in sehr geringem Maß gelingt, ist einerseits in der Arbeitsmarktlage und den Anforderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt begründet, andererseits auch darin, dass in den WfbM häufig Menschen aufgenommen werden, die nach erfolgloser vorangegangener beruflicher Rehabilitation oder mehrfachem Scheitern auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt als voll erwerbsgemindert beurteilt worden sind, die Übergänge erfolgen also eher in anderer Richtung. Welche Perspektiven kann es für die Werkstätten als Teil der sozialpsychiatrischen Versorgung geben und in welcher Funktion sollten sie genutzt werden? Weitestgehend gilt als sicher, dass die lebenslange Vollzeiterwerbstätigkeit für alle nicht erreichbar ist. Vielmehr sind Brücken zwischen Erwerbstätigkeit und anderen Tätigkeitsformen zu schaffen. Denn gerade an solchen Nahtstellen ist das Risiko der sozialen Ausschließung besonders groß. Für die Übergänge von Erwerbsunfähigkeit zur Beschäftigung aber auch umgekehrt, die im Falle von psychischer Erkrankung von Bedeutung sind, stellen WfbM aber auch Integrationsbetriebe geeignete Brücken dar. Werkstätten sind dabei (noch!) flächendeckend und relativ wohnortnah vorhanden und bieten die größte Verlässlichkeit und Kontinuität im Bereich Arbeit: Selbst bei einem wirtschaftlichen Scheitern einer WfbM würden die Mitarbeiter ihren Anspruch auf einen Werkstattplatz behalten und allenfalls bei einem anderen Träger einlösen müssen. Sie sind daher in dieser Funktion nutzbar für die Menschen nach psychischen Krisen, bei denen Ungewiss-
heit und Veränderung in besonderem Maße destabilisierend und ängstigend wirken, wie auch für diejenigen, die nach gescheiterten Versuchen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt festgestellt haben, dass die WfbM ihrer Leistungsfähigkeit am besten entspricht. In diesem Zusammenhang wäre die weitere Individualisierung von Arbeitsbedingungen erstrebenswert, die teilweise noch durch die rechtliche Rahmung, aber auch durch die organisatorischen Erfordernisse der WfbM, erschwert wird: Teilzeit in Form von Arbeitszeitkonten, Gleitzeit, Wochenendarbeit oder Arbeit in späten Abendstunden, Heimarbeit, etc. Angesichts von verschiedensten Entwicklungen, die den Fortbestand von Werkstätten in der bisherigen Form in Frage stellen, werden in den WfbM bereits jetzt Alternativen angedacht und teilweise bereits umgesetzt: Die Verlagerung der Arbeit zurück in Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes, ob als Praktika, Außenarbeitsplätze, ambulantes Arbeitstraining, virtuelle Werkstatt (vgl. Psychosoziale Umschau 1/2006) oder ambulant betreutes Arbeiten etc. Die Öffnung von WfbM für andere Personengruppen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geringe Chancen haben, das Angebot von Teilleistungen wie beispielsweise Qualifizierungs- und Assessmentangebote, besonders als Leistungen eines Persönlichen Budgets, Erweiterung des Angebots um Zuverdienstplätze und Integrationsprojekte sowie ambulante Beratungs- und Rehabilitationsangebote in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Bei allen Ansätzen kann es Überschneidungen mit anderen Anbietern geben und die Ausgestaltung wird stark von regionalen Gegebenheiten abhängen. Hinsichtlich der Übergänge in Erwerbstätigkeit sollten Übergänge in geringfügige Beschäftigungsverhältnisse einen deutlich höheren Stellenwert erhalten, da hier keine Steigerung der quantitativen Erwerbsfähigkeit nötig wäre, sondern die Stabilisierung auf angepasstem Niveau. Fazit Insgesamt ist eine Weiterentwicklung der WfbM für seelisch behinderte Menschen hin zu einem oder mehreren Einrichtungs- oder Leistungstypen (teilstationär und ambulant) wünschenswert, um auch der größeren Verschiedenartigkeit ihrer Mitarbeiter gerecht werden zu können. Auch im Hinblick auf die deutlicher werdenden Bemühungen der Rehabilitationsträger, die ansteigende Zahl der seelisch behinderten Werkstattbeschäftigten
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zu begrenzen, könnte eine solche Differenzierung sinnvoll sein, um ausreichend Möglichkeiten zur Teilhabe an Arbeit zu sichern. Das erfordert aber auch, dass sich alle Psychiatrie-Erfahrenen und -Tätigen konstruktiv mit »ihrer« WfbM in der Gemeinde auseinandersetzen und als notwendigen und vorerst unersetzbaren Bestandteil der Versorgung annehmen. ❚ ❚ ❚ Marc Fesca ist Sozialarbeiter in einer Werkstatt für seelisch behinderte Menschen.
Psychisch krank im Job. Was tun?
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eder zwölfte Arbeitsausfalltag in Deutschland ist mittlerweile mit einer psychiatrischen Diagnose verbunden. Dies belegt der jüngste Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen (BKK). Die stetige Zunahme der Erkrankungen und der damit verbundenen Fehltage stellt aber nicht nur die betroffenen Beschäftigten sondern auch ihre Kolleginnen und Kollegen und ebenso die Unternehmen vor völlig neue Herausforderungen. Die Praxishilfe »Psychisch krank im Job. Was tun?« bietet jetzt Betroffenen wie Führungskräften gleichermaßen Orientierung und kompetente Hilfe«, so K.-Dieter Voß, Vorstand beim BKK Bundesverband. Sie ist von der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK e.V.) mit Unterstützung des BKK Bundesverbandes entwickelt worden. Betroffene Mitarbeiter, aber auch deren Kollegen und Personalverantwortliche erfahren hier Wissenswertes zu relevanten psychischen Erkrankungen und erhalten Unterstützung für den Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern. »Die Familien psychisch erkrankter Menschen erfahren oft ganz unmittelbar, wie hilfreich ein informiertes und zugewandtes berufliches Umfeld für die Gesundung sein kann, wie verhängnisvoll sich aber auf der anderen Seite auch Stigmatisierung und Unkenntnis auswirken können«, berichtet Eva Straub, Vorsitzende des BApK. Die Selbsthilfe hat hierzu das »H-I-L-F-EKonzept« entwickelt, welches in der Praxishilfe eingehend erläutert wird. Auf dessen Grundlage werden in Unternehmen Schulungen für betriebliche Helfer und Führungskräfte angeboten. Als »Erste-Hilfe« kann es dazu beitragen, den Verantwortlichen Sicherheit im Umgang mit der sensiblen Thematik zu geben und im kon-
kreten Fall Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Krisensituationen zu helfen. Rechtzeitiges Eingreifen hilft größeren Krisen vorzubeugen. Fehlzeiten können verringert werden und das Know-how der betroffenen Mitarbeiter bleibt im Betrieb. Darüber hinaus schafft die Praxishilfe einen Anlass, um in den Betrieben offener mit psychischen Problemen und Störungen umzugehen; denn nur Mitarbeitern, die sich trauen, frühzeitig psychische Krisen anzusprechen, kann rechtzeitig und langfristig geholfen werden. Betroffene Einzelpersonen oder auch interessierte Verantwortliche aus Unternehmen können die Praxishilfe »Psychisch krank im Job. Was tun?« kostenlos anfordern bei: Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, bapk@psychiatrie.de oder BKK Bundesverband, praevention@bkk-bv.de
samen Rechts und einheitlicher Praxis bei Rehabilitation und Leistungen zur Teilhabe sind die Stichworte hierzu. Gleichzeitig legt die Bundesarbeitgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) eine Zusammenstellung aller bisher erarbeiteten gemeinsamen Empfehlungen vor. Die Rehabilitationsträger haben unter Beteiligung der Verbände behinderter Menschen einschließlich der Verbände der Freien Wohlfahrtspflege und der Interessenvertretungen behinderter Frauen sowie der Spitzenverbände der Leistungserbringer bislang 11 Gemeinsame Empfehlungen vereinbart. Sie sind als eine Hilfe für die tägliche Arbeit aller Akteure im Bereich der Rehabilitation und Teilhabe gedacht und sollen auch der Information behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen dienen. Beide Broschüren sind zum Selbstkostenpreis von 0,70 bzw. 0,55 zzgl. Mehrwertsteuer und Versandkosten zu beziehen und steht auch als kostenfreier Download zur Verfügung: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Walter-Kolb-Straße 9–11, 60594 Frankfurt am Main, Tel.: (069) 60 50 18 – 0, Fax: (069) 60 50 18 – 29, E-Mail: info@bar-frankfurt.de, Internet: www.bar-frankfurt.de ❚ ❚ ❚
Mächtig Gewaltig Sozial – vom Umgang der (sozialen) Psychiatrie mit Grenzen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) e.V.
Neue Broschüren der BAR
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er Wegweiser »Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen« ist aufgrund der veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen zum 12. Mal überarbeitet worden. Besonderes Anliegen der neuen Auflage ist es, allen Beratungsfachkräften in der Rehabilitation und Teilhabe kurz und präzise eine Orientierungshilfe zu geben. Stärkung von Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen statt Fürsorge, Transparenz in einem System unterschiedlicher Zuständigkeiten der einzelnen Rehabilitationsträger, Schaffung gemein-
23. bis 25.11.2006 Tagungsort: Universität Potsdam
Programm und Anmeldung: DGSP-Geschäftsstelle Zeltinger Str. 9, 50969 Köln Tel.: 02 21/51 10 02, Fax: 02 21/52 99 03 E-Mail: dgsp@netcologne.de http://www.psychiatrie.de/dgsp/
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ANGEHÖRIGENBEWEGUNG
Depressive Erkrankungen und Familien-Selbsthilfe Eine Annäherung ist nötig Von Irene Norberger
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Prozent der Menschen, die sich in Deutschland das Leben nehmen, leiden an einer psychischen Erkrankung, 40 bis 60 Prozent davon an einer Depression. Während die Behandlung der Depression im stationären Bereich heute oft gut gelingt, scheint die Suizidprävention und Früherkennung ein Problem der nicht stattfindenden Versorgung und des fehlenden Wissens über die Erkrankung und der damit einhergehenden Vorurteile zu sein.
Dabei steigt die Anzahl der diagnostizierten Depressionen in allen Industrieländern. Auch in Deutschland spricht man von alarmierenden Entwicklungen. In vielen Regionen sind inzwischen lokale »Bündnisse gegen Depression« mit unterschiedlichen Schwerpunkten entstanden. Verschieden sind auch die Akteure, wobei bei allen derartigen Bündnissen die Seite der Betroffenen und der Familien nicht stark vertreten ist. Dabei liegt es eigentlich nahe, eine Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den Bündnissen und den Selbsthilfeverbänden der Angehörigen vor Ort zu initiieren. Ausdruck dieser Überlegungen waren denn auch gemeinsame Tagungen – zufällig am selben Datum, dem 13. Mai 40 PSYCHOSOZIALE Umschau
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2006 – in Berlin und in Stadtroda, die den Beginn einer sinnvollen und effektiven Kooperation im Bereich Depression und Selbsthilfe markieren könnten. Die folgenden Überlegungen legte Irene Norberger auf ihrem Vortrag zur Veranstaltung in Thüringen dar. Depressionen sind schwer zu erkennen In der Regel befinden sich die Angehörigen eines depressiv kranken Menschen in einer schwierigen Situation. Sie haben keine Erfahrung mit dieser Erkrankung und verwechseln die Depression mit einer Verlust- oder Trauerreaktion. Auf diese Weise wird die Erkennung und auch Behandlung hinausgezögert. Besonders kompliziert wird diese Situation dann, wenn der – nicht als solcher erkannte – depressiv Kranke auf die liebevolle Zuwendung seiner Angehörigen nicht reagiert. Die Angehörigen sind irritiert, weil sie das Verhalten des Depressiven als Missachtung ihrer Bemühungen interpretieren. So entsteht oft eine Verärgerung, die den Depressiven zwangsläufig noch tiefer in den Rückzug treibt. Kommt es dann zu einer Klinikeinweisung, wird leider dem Angehörigen nicht gleichzeitig geholfen. Besonders verhängnisvoll erscheint mir, wenn etwa von einer Mutter beim Erstgespräch in der Klinik erwartet wird: »Sie müssen ihr Kind loslassen können«. Loslassen – wohin? In die noch schlimmere Vereinsamung? Viele Ängste und Unsicherheiten der Angehörigen resultieren aus einer fehlenden Information der Angehörigen durch die professionellen Helfer. Die ärztliche Schweigepflicht wird dabei von Angehörigen und Therapeuten gleichermaßen als Hindernis empfunden. Aber wer hindert Ärzte daran, Angehörige wenigstens anzuhören? Es gibt aber auch andere Unsicherheiten und Überforderungen. Suizidabsichten und Suizidversuche stellen eine schwere Belastung für Angehörige dar. Angehörige berichten immer wieder, dass sie ständig Angst haben, dass er
oder sie Hand an sich selbst legt. Sie tun alles, um das Schlimmste zu verhüten, immer in dem Bewusstsein, dass es sich nur schwer verhüten lässt und oft gerade dann geschieht, wenn es dem Kranken besser zu gehen scheint. Hinzu kommt noch Unverständnis der Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen, die Krankheit als Faulheit interpretieren und alles mögliche in der Familiengeschichte als Krankheitsursache ausmachen: »Kein Wunder bei der Familie, die Tochter musste ja auch immer Klavier üben«, »Er musste ja auch das Abitur machen!« Auch im Mittelpunkt der Familien selbst steht viel zu oft die Frage: Was habe ich falsch gemacht, was haben wir falsch gemacht? Was brauchen Angehörige depressiv Erkrankter? Gerade hier in dieser Frage brauchen Angehörige Zuspruch von professionellen Helfern. Angehörige wünschen sich ein Informationsgespräch mit dem Therapeuten um zumindest in groben Zügen zu wissen, was überhaupt bei der Behandlung geschieht. Sie müssen dann nicht ohnmächtig abwarten, sondern können aktiv etwas zur Therapie beitragen. Ohne Wissen ist auch die Annahme oder das Verständnis für den Erkrankten nicht möglich, z.B. ist der Patient böse oder krank, »bad or mad«. Verstehen müssen Angehörige auch, wie und warum Medikamente wirken. Angehörige können ein Feindbild gegenüber Medikamenten aufbauen, weil sie nicht über die Wirkung und mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt wurden. Ganz wichtig für Angehörige ist die emotionale Entlastung. Dabei können Angehörigengruppen helfen. Zuerst einmal dürfen Angehörige sich dort einfach verstanden fühlen, auch gerade dann, wenn ihre Verhaltensweisen in schwierigen Situationen hinterfragt und besprochen werden. Im Gespräch miteinander können sie zurückfinden zu einer Gelassenheit, die ihnen hilft, eine vertrauensvolle Distanz zum Kranken aufzubauen. Wesentlicher Inhalt der Angehörigengruppen war und ist die Information über mögliche Hintergründe der Erkrankung und der erforderlichen Behandlungsmaßnahmen. Schuldentlastung spielt dabei eine große Rolle. Auch der Umgang mit Krisen-, Suizid- und Rückfallkennzeichen bedarf eines speziellen Trainings.
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Gut informierte und entlastete Angehörige können sehr wohl dazu beitragen, ein Rückfallrisiko zu reduzieren. Psychoedukation auch im Bereich Depression für Angehörige sollte deshalb zum Qualitätsstandard jeder Klinik gehören. Die Rolle der Angehörigen verstehen wir nicht als Co-Therapeuten, aber durch das Mit-Betroffensein sind wir gewissermaßen Balancehalter zwischen Therapeuten und dem Kranken. Depression in der gesellschaftlichen Wahrnehmung Depressiv Erkrankte, insbesondere chronisch Depressive, sind auf Dauer unbequem und schwer auszuhalten in einer Gesellschaft, in der es nur noch gesunde, schöne, schlanke Menschen geben soll. Das bedeutet: Der Patient darf nicht klagen, es darf ihm nicht schlecht gehen, er darf nicht weinen, verzweifelt, hoffnungslos sein. Er muss sich zusammenreißen. So lange depressive Menschen überhaupt noch Arbeit haben, stoßen sie oft auf das Unverständnis der Kollegen, wenn sie nicht mithalten können. Oft werden sie durch Mobbing noch in die totale Verzweiflung und Einsamkeit getrieben. Schauen wir uns einige Ämter an, so werden Depressive wegen ihrer Blockiertheit, Unkonzentriertheit oder ihrer Ängste dort oft als faul, nicht kooperativ angesehen, was dann auch so in die Akten eingeht. Solche Aussagen kenne ich auch von professionellen Helfern. Auch in der Kirchgemeinde werden depressive Gemeindemitglieder nicht immer aufgefangen, vor allem dann, wenn der Verlauf ein chronischer ist, wenn die gewünschte Besserung zu lange dauert. Dabei wäre es hier von großer Bedeutung: dabei sein, dabei bleiben, ohne Forderungen. Die Aktivitäten von Angehörigen entstehen ganz sicher aus Überbehütung, sondern aus der Erfahrung, dass Depressive Ablehnung und unsensible Verwaltungsangestellte nur schwer verkraften können und sie in ihrem scheinbaren »Nichtkönnen« bestärkt werden. Es gibt eine unübersehbare Flut von Informationen im Internet, Fernsehen und Broschüren über Depressionen. Warum gibt es trotzdem so viele Suizidversuche und Suizide? Vielleicht müssen wir alle wieder lernen hinzuhören, hinzusehen und die depressiv Erkrankten neu verstehen lernen. ❚ ❚ ❚ Irene Norberger ist Vorsitzende des Landesverbandes Thüringen ApK
Frischer Wind an der Alster Länderrat im Hamburg Von Beate Lisofsky
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ooperation der Angehörigenselbsthilfe mit dem professionellen Versorgungssystem – das war das Thema des Länderrates der Landesverbände im Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK), der vom 19.-21. Mai 2006 in Hamburg stattfand. Gastgeber für die Veranstaltung, zu der auch diesmal wieder Vertreter fast aller Bundesländer und vom Vorstand des BApK angereist waren, war der Hamburger Landesverband, der mit hanseatischer Gelassenheit und nordischer Noblesse hervorragend für die Vorbereitung und Durchführung des Treffens gesorgt hat. Im Einführungsvortrag zeigte Thomas Bock den beeindruckenden Hamburger Weg des praktischen Trialogs und gab Einblicke in die Arbeit des Vereins »Irre menschlich Hamburg e.V.« Hier fand besonders die erfolgreiche Arbeit für Schüler großes Interesse, da ähnliche Vorhaben in vielen anderen Landesverbänden ebenfalls durchgeführt werden bzw. geplant sind. A. Urban vom Hamburger Landesverband machte deutlich, wie intensiv und konkret die Mitarbeit der Angehörigen bei »Irre menschlich« aussieht. Eine Kreation fand dabei besonderes Interesse: ein überlebensgroßes »Psychopoly-Spiel«. Vom Ehepaar Urban in liebe- und mühevoller Kleinarbeit in Anlehnung an das altbekannte Monopoly gefertigt, bietet das Spiel aufschlussreiche Einblicke in den psychiatrischen Alltag der Hansestadt und ist auf jeder Veranstaltung ein echter Publikumsmagnet. Obwohl die Teilnehmer auch an diesem Maiwochenende nicht vom typischen Hamburger Wetter verschont waren, erwies sich das Feuerwerk anlässlich des japanischen Kirschblütenfestes an der Alster als wirkliches Highlight. So perfekt illuminiert war bis jetzt kein Länderrat! Schwerpunktthemen des zweiten Veranstaltungstages waren die Berichte aus einzelnen Bundesländern. Mut machende Beispiele der Einbeziehung der Angehörigen wurden u.a. aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Berlin vorgestellt. So konnte z.B. M. Schumacher vom Berliner Landesverband eine wirklich innovative Einrichtung in der Bundeshauptstadt, eine Krisenpension, vorstellen, wo Angehörige
ganz intensiv in der Planung und auch der täglichen Arbeit »mitmischen«. Arbeit in den Beschwerdestellen in NordrheinWestfalen und die Mitwirkung der Angehörigenselbsthilfe in der Behandlungseinheit Schizophrenie der Asklepios-Klinik Nord in Hamburg waren weitere interessante Beispiele. Als Gastredner stellte Dr. W. Busse ein Projekt der Hamburger Selbsthilfe-Kontaktstellen vor. »Das Qualitätssiegel Selbsthilfefreundliches Krankenhaus« fand bei den anwesenden Selbsthilfevertretern reges Interesse, gibt es doch auch aus den Reihen des Verbandes Überlegungen, Kriterien zur Zertifizierung und Qualitätssicherung für Selbsthilfe- und Angehörigen arbeit für psychiatrische Einrichtungen zu entwickeln. Nachdem der Sonnabend stilvoll bei intensiven Gesprächen im Segelklub an der Außenalster zu Ende ging, war der Sonntagvormittag der Mitgliederversammlung des Bundesverbands vorbehalten. Hier konnte die Bundesvorsitzende Eva Straub in ihrem Rechenschaftsbericht eine durchaus beeindruckende Bilanz der Arbeit des vergangenen Jahres vorlegen. (Der Geschäftsbericht des BApK ist im Internet unter www.bapk.de einsehbar und kann in der Geschäftsstelle des Verbandes in Bonn angefordert werden.) Nach der Diskussion des Berichtes und dem Bericht der Kassenprüfer erteilten die Mitglieder einstimmig dem Vorstand die Entlastung. Der nächste Länderrat findet in der Zeit vom 8. bis zum 10. September 2006 in Rostock statt und wird vom Landesverband Mecklenburg-Vorpommern ausgerichtet. ❚ ❚ ❚
Hohe Anerkennung für ehrenamtliche Arbeit im Angehörigenverband
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m 13. März 2006 erhielt Eva Straub, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker e.V., das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland in München verliehen. Nach dem akuten Ausbruch der Erkrankung ihres Sohnes 1988 fand Eva Straub schnell einen ersten Kontakt mit der Ingolstädter Angehörigen-Selbsthilfegruppe. 1990 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern bei der Gründung des bayerischen Landesverbandes und 1991 organiPSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006
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chende psychiatrische Versorgung unserer Kranken, und für einen, die Würde beachtenden Umgang mit ihnen. Und: immer dabei sein, wenn wichtige Tagungen, Symposien, Konferenzen, Kongresse stattfanden. Das hat, so glaube ich, viel zum Bekanntheitsgrad des Landesverbandes beigetragen«, so Eva Straub. Den Preis widmete sie symbolisch ihrem erkrankten Sohn, durch den sie selbst viel gelernt habe, aber auch den vielen Mitstreitern in der gemeinsamen Arbeit. »Angehörige sind wichtige Partner bei der Versorgung ihrer Kranken und werden zunehmend auch als solche wahrgenommen, sie werden Experten in eigener Sache, wenn sie sich zusammentun mit Gleichbetroffenen. Jeder auf seiner Ebene kann sich nützlich machen«, so lautet das Credo der Preisträgerin. ❚ ❚ ❚ (li)
Eva Straub erhält das Verdienstkreuz am Bande
sierte sie das erste Landestreffen der bayerischen Angehörigen in Ingolstadt. Seit 1992 und bis heute ist Eva Straub dort Vorstandsmitglied im Verein »INSEL Förderverein für psychisch Kranke e.V.« und seit 1996 ebenso Vorstandsmitglied im Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V., dessen Geschicke sie sehr erfolgreich von 1998 bis 2004 als 1. Vorsitzende leitete. Seit 2005 ist sie nunmehr Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker e.V. »Eines meiner großen Anliegen war immer, die Angehörigen-Selbsthilfe bekannt zu machen, Vorurteile abzubauen und Angehörige zu ermutigen, desgleichen zu tun. Deshalb habe ich mich vor allem bei meiner Arbeit im Landesverband dafür eingesetzt, dass wir mit einem Logo, dem Internetauftritt, Mailzugang, Präsentationsmappen usw. ein einheitliches und nicht zu übersehendes Erscheinungsbild bekamen. Im Februar 2000 erschien die erste Print-Ausgabe von ›unbeirrbar‹, die ich auf meinem PC in Handarbeit ›gezimmert‹ habe. Heute ist unsere Zeitung ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unserer Arbeit für unsere Mitglieder und für die Öffentlichkeit und liegt mir nach wie vor sehr am Herzen. Daneben gab es halt die übliche Landesverbandsarbeit mit Angehörigen-Betreuungen, Beratungen usw. Wichtig war immer das Engagement für eine bedarfsgerechte und ausrei42 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Lotte Mucha erhielt das Bundesverdienstkreuz
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ereits am 20. Februar 2006 wurde Lotte Mucha im Namen des Bundespräsidenten vom Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Dr. Wolfgang Schuster, das Bundesverdienstkreuz am Band für ihre langjährige ehrenamtliche Angehörigenarbeit in Baden-Württemberg verliehen. In einer schlichten Feier im Rathaus der Stadt Stuttgart würdigte Herr Dr. Schuster die uneigennützige Arbeit von Lotte Mucha und wies eindrucksvoll auf den nunmehr 35-jährigen Einsatz der Jubilarin hin. Lotte Mucha ist über die Grenzen von Baden-Württemberg hinaus vielen
Angehörigen bekannt. Ihr Lebensweg in der »Psychiatrie« lässt sich mit wenigen Worten wie folgt umreißen: Von 1970 bis 1980 war sie verantwortlich im Vorstand der Aktionsgemeinschaft Stuttgart der Angehörigen psychisch Kranker. Schon ab 1983 war Frau Mucha eine der treibenden Kräfte, die 1986 zur Gründung des Landesverbandes Baden-Württemberg der Angehörigen führte. Hier war sie bis 2001 im Vorstand, von 1992 bis 2001 noch zusätzlich im Vorstand des Bundesverbandes der Angehörigen. Danach war sie noch als Beirat im Vorstand des Landesverbandes tätig. Sie scheidet nunmehr aus diesem Amt aus. Doch wer Lotte Mucha kennt, der kann sich nicht vorstellen, dass sie sich ganz von der Angehörigenarbeit verabschieden wird. Frau Mucha war auch die Mitbegründerin des »Lindauer Kreises«, einem informellen Zusammenschluss der Angehörigenverbände von Bayern, Baden-Württemberg, Vorarlberg, Tirol sowie einiger deutsch-schweizerischer Kantone. Alle Funktionen aufzuführen, die Frau Mucha innehatte, ist an dieser Stelle gar nicht möglich. Ihr Leben ist der Angehörigenarbeit gewidmet ist. Sie ist eine Freundin offener Worte und von zupackendem Wesen. Wer sie um Hilfe bittet, der erhält sie. ❚ ❚ ❚ Paul Peghini, Sessenheim
Trauer um HansPeter Seelhorst
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m 30. April 2006 ist Hans-Peter Seelhorst gestorben. Mit ihm verliert nicht nur die Arbeitsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker Niedersachsen ein engagiertes Lotte Mucha Mitglied, sondern auch die Angehörigenbewegung in Deutschland. Schon in den 90er Jahren lernte ich Herrn Seelhorst als einen allzeit hilfsbereiten, kompetenten Vertreter der Angehörigen-Selbsthilfe kennen. Bei der Neugestaltung der Satzung des Bundesverbandes sagte er mir sofort zu, im Satzungsauschuss mitzuwirken. Bei der Ausarbeitung des neuen Textes und in den Beratungen der Satzungskommission hatte er einen entscheidenden Anteil. Seine fundierten Kenntnisse auf den Gebieten des Rechts- und Vereinswesens kamen uns bei den Beratungen sehr zustatten. Seine sachlichen und aus-
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gleichenden Ausführungen in diesem Gremium und in der entscheidenden Mitgliederversammlung im Jahr 2000 in Jena führten dazu, dass die neue Satzung einstimmig angenommen wurde. Auch in den weiteren Mitgliederversammlungen des Bundesverbandes war er stets zur Stelle, wenn es galt, die Vorstandswahlen zu leiten oder die Kasse zu prüfen. Bei solchen Gelegenheiten und später bei der Gründung der Familienstiftung Psychiatrie stand mir Herr Seelhorst wie ein treuer Freund zur Seite. Wir alle werden seine Erfahrung und sein engagiertes Eintreten für die Sache der Angehörigen im Bundesverband sehr vermissen. ❚ ❚ ❚ Alfred Speidel, Lahnstein
Aus der Angehörigensprechstunde Psychische Krisen in Migrantenfamilien Von Dorle Durban
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isher hatten wir in der Angehörigensprechstunde eigentlich eher selten Kontakt zu Migranten. Das ändert sich in der letzten Zeit: Sei es, dass die Öffentlichkeit über die Hintergründe informiert werden will, die zu dem »Ehrenmord« in Berlin geführt haben, oder sei es, dass sich – vielleicht durch den Generationswandel bedingt – ausländische Mitbewohner für das deutsche psychosoziale Hilfesystem öffnen, wie die folgende E-Mail einer jungen türkischen Frau belegt, die mich im März 2006 erreichte: Sehr geehrte Damen und Herren, wir leben in eher progressiv ausgerichteten türkischen Familienverhältnissen, d.h. weder meine Mutter noch meine Geschwister oder ich waren jemals dem Zwang, ein Kopftuch zu tragen, ausgesetzt, außerdem genossen wir ausnahmslos die Vorzüge einer höheren Schulausbildung (...). Mein Vater ist mitfühlend, extrovertiert, intelligent, tier- und kinderfreundlich (...), cholerisch, sehr in türkischen Traditionen verwurzelt (paradoxerweise alkoholabhängig), neigt dazu, sich in frauenfeindlichen Schimpfwörtern auszudrücken, (...). Frauen der Familie dürfen sich nicht unbeobachtet gemeinsam mit einem männlichen Wesen – eingeschlossen mein Bruder – in einem Raum aufhalten. (...) Mein Vater sieht Gewalt als höchst geeignetes Mittel in der Erziehung. Ferner erfuhren
wir von unserer Mutter, dass er sie wohl zu Sex nötigte (...). Der Familienalltag in meiner Kindheit, aus heutiger Sicht betrachtet, war zwar behütet, aber von Gewaltausbrüchen vor allem zwischen den Elternteilen begleitet. (...) In seiner Fantasie verherrlicht er den so genannten »Ehrenmord« und rechtfertigt diesen auch in Diskussionen als einzigen Ausweg bei Fehltritten. Meine Mutter bemühte sich lange Zeit, uns Kinder von »ihren Problemen« mit dem Vater fernzuhalten, was wahrscheinlich zur Folge hat, das sie heute unter Depressionen leidet, die medikamentös behandelt werden. (...) Zum Zustand jetzt: Seit geraumer Zeit leidet mein Vater unter der Wahnvorstellung, meine Mutter hätte vor ihrer Hochzeit (als sie noch allein in Deutschland war) als Prostituierte gearbeitet (...).Mein Vater nimmt sich heraus, meine Mutter beim Einkaufen heimlich zu verfolgen, ihre Briefe zu öffnen, ihr den Telefonhörer aus der Hand zu reißen, um sie sozusagen auf frischer Tat beim tête à tête zu erwischen. (...) Wir versuchen seit Jahren unseren Vater dazu zu bringen, einen türkisch sprechenden Psychotherapeuten, Psychologen, Psychiater oder Neurologen aufzusuchen... ohne Erfolg. Das Ganze wird zur Zerreißprobe und die gesamte Familie fürchtet sich vor dem Tag X, an dem sich seine Wut entlädt. Ich verbleibe in der Hoffnung, dass Sie meiner Familie und mir weiterhelfen können (...) In meiner Antwort konnte ich nur den deutschen Standpunkt vertreten, für den der Ehrenkodex türkischer Männer fremd bleibt. Dennoch, denke ich, müssen die Anschuldigungen und Wahnvorstellungen eine psychiatrische Einordnung finden, sie sind in meinen Augen krank. Als eine erste Hilfe konnte ich auf den Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes hinweisen, der eingreifen wird, sollte der Vater sich oder anderen Gewalt antun. Ich erhielt daraufhin folgende AntwortE-Mail: Herzlichen Dank für Ihre Antwort. Das ist genau der springende Punkt, klar dass in türkisch-traditionellen Kreisen der Ehrenkodex zum traurigen Alltag gehört. Vielleicht wäre dieser Gesichtspunkt, so schlimm es sich anhört, noch zu rechtfertigen, das erklärt jedoch nicht seine Wahnvorstellungen bzw. macht diese umso schlimmer, da er sich meint, dadurch zu rechtfertigen, falls es jemals zur Eskalation kommt. Dennoch selbst für extrem konservative Kreise sind die gewaltver-
herrlichenden Fantasien, Eifersucht etc. meines Vaters eine absolute Ausnahmeerscheinung. (...) Verzeihen Sie, dass ich so ins Reden komme, aber seit 23 Jahren ist es das erste Mal, dass ich mit jemanden, der außerhalb des Familienkreises steht, so detailliert über unsere Familienprobleme reden kann. Der Antwortbrief der jungen Frau zeigt deutlich, dass Angehörigen durch Zuhören und darüber sprechen können viel von der Last genommen werden kann. Dabei ist es vielleicht gar nicht so wichtig, wer ihnen zuhört, eine Türkin, ein Deutscher, eine Russin. Wichtig ist aber, dass ihre Familien erfahren, dass es Selbsthilfegruppen, die Landesverbände und den Bundesverband der Angehörigen gibt. Hier gibt es in der letzten Zeit verstärkt Bemühungen, auf diese Problematik einzugehen. Zum Beispiel versucht der Angehörigenverband in Berlin, wo das Thema ganz besonders »auf den Nägeln brennt«, sich als Ansprechpartner für Menschen mit Migrationshintergrund zu profilieren und auch Gruppen für Angehörige aus diesem Personenkreis anzubieten. Unterstützt werden sie dabei vom Berliner Bündnis gegen Depression, das sich ganz explizit mit den psychischen Problemen von Migranten befasst. ❚ ❚ ❚ Eine erste und ganz praktische Hilfe kann auch die Übersetzung des Angehörigenratgebers (zurzeit türkisch und russisch) »Psychisch krank. Und jetzt?« durch den Bundesverband sein. Sie kann als PDF heruntergeladen werden unter der Adresse www.bapk.de. Der BApK ist bemüht, sobald als möglich die Materialien auch als Druckversion zur Verfügung zustellen.
✆ Telefon-Hotline für Angehörige
Als Familien-Selbsthilfe Psychiatrie bietet der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. telefonische Selbsthilfeberatung zu folgenden Zeiten an: Montag, Dienstag und Donnerstag von 15.00 bis 19.00 Uhr unter der Telefonnummer 0180 / 5 95 09 51 (12 ct/min). Beratung von Menschen mit psychischen Problemen ist unter der Telefonnummer 0228 / 63 26 46 mittwochs und freitags in der Zeit von 10.00 bis 17.00 Uhr möglich. Jederzeit ist das Beratungsangebot über E-Mail unter der Adresse beratung.bapk@psychiatrie.de erreichbar.
Auch Anfragen per Brief (Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Am Michaelshof 4b, 53117 Bonn ) sind jederzeit möglich.
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MITTEILUNGEN DES BUNDESVERBANDES PSYCHIATRIE-ERFAHRENER
Mitteilungen des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Wenn Psychiater über Zwang sprechen... sollten wir dabei sein Von Dorothea Buck Vom 6.–8. Juni 2007 wird in Dresden der Weltverband der Psychiater (WPA, World Psychiatric Association) mit dem Thema »Zwang« tagen. Hier haben durch Zwangsmedikation und Fesselungen (Fixierungen) traumatisierte und durch langfristig überhöhte Neuroleptika-Gaben seelisch und körperlich geschädigte Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen die Chance, in den Diskussionen gehört zu werden. Wir sollten sie nutzen. Ich habe 70 Jahre Zwang in gesprächslosen Psychiatrien erlebt und miterlebt und werde diese Erfahrungen auf der Tagung auch in einer Videobotschaft einbringen. Seit 1934 gab es Zwangssterilisationen, seit 1937 Schocks, 1939–45 »Euthanasie«, seit 1953 Zwangsmedikation, seit 1960 (?) Hand-, Fuß-, Bauchfesseln! Wann endlich Hilfe durch Gespräche? Ich war gerade 19 geworden, als ich gleich nach Ostern 1936 in die damals hoch angesehene v. Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel bei Bielefeld eingeliefert wurde. Theologischer Anstaltsleiter war der namhafte Pastor Fritz v. Bodelschwingh, Sohn des Bethel-Gründers. Schon als Kinder hatten uns die im »Boten von Bethel« geschilderten Geschicke epileptischer Kinder bewegt. Nun aber erlebte ich ein ganz anderes, weit unfreundlicheres Bethel. Das zutiefst Verwirrende war für mich auf der geschlossenen Station eines Betheler »Hauses für Nerven- und Gemütsleiden«, dass niemand mit uns sprach. Eine so völlige Gesprächslosigkeit hatte ich noch nie erlebt. Der Chefarzt – einer der letzten Schüler von Emil Kraepelin – und seine 44 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Assistenzärzte gaben uns jeden Morgen bei ihrer Visite die Hand und sagten »Guten Morgen«. Mehr nicht. Kein Aufnahmegespräch, keine Erklärung, warum wir hier eingesperrt waren. Auch die langfristigen Mitpatientinnen dieses von der Außenwelt völlig abgeschotteten und für jeden Besuch unzugänglichen Krankensaales wurden vermutlich bis zu ihrem Tode niemals von den Ärzten und den beiden Hauspfarrern eines Gespräches gewürdigt. Diese beiden Pfarrer zitierten nur Bibelworte an unseren Betten, in denen wir lange untätig nur verwahrt wurden, ohne ein persönliches Wort mit uns zu sprechen. Auch der sprachliche Kontakt der Schwestern beschränkte sich auf ihre Anweisungen an uns. Und miteinander sollten wir auch nicht sprechen. Wir verständigten uns auf der gemeinsamen Symbolebene. Schon zwei Jahre vor dem NS-Regime ab 1933 hatten sich Pastor Fritz v. Bodelschwingh und acht weitere theologische Leiter und sieben leitende Ärzte der Ev. Anstalten der Inneren Mission (heute Diakonie) auf ihrer »Fachkonferenz für Eugenik« im Mai 1931 in Treysa bei Kassel für ein Sterilisationsgesetz ausgesprochen. Daneben wurde die Begrenzung wohlfahrtspflegerischer Leistungen auf bloße »menschenwürdige Versorgung und Bewahrung« für alle, »die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit«
nicht wieder erlangen würden, beschlossen. Mit der »Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale« begründeten sie ihren Beschluss und das geforderte Sterilisationsgesetz mit der »Nächstenliebe« (Protokoll der Fachkonferenz). Aus dieser zweifelhaften »Nächstenliebe« wurde auch ich in Bethel nach fünf Monaten mit der Zwangssterilisation als »notwendigem kleinen Eingriff« regelrecht überrumpelt, ohne ein einziges Gespräch weder vorher noch nachher. Was gemacht worden war, erklärte mir eine Mitpatientin. Rehabilitierung von psychiatrie-erfahrenen NS-Opfern fehlt bis heute Bis heute ist dieses in die Geschicke von 350 – 400 000 zwangssterilisierter Menschen so zerstörend eingreifende Gesetz nicht aufgehoben, sondern nur »außer Kraft gesetzt« worden. Wir durften keine nicht-sterilisierten Partner heiraten, keine weiterführenden und höheren Schulen besuchen, in keinen sozialen Berufen tätig sein, ganz zu schweigen von der lebenslangen Abstempelung als »Minderwertige«. Als der Wiedergutmachungsausschuss des Deutschen Bundestages 1965 eine Wiedergutmachung auch für uns Zwangssterilisierte erwog und den
späteren Nachfolger und Neffen von Pastor Fritz v. Bodelschwingh, Pastor Friedrich v. Bodelschwingh, als Experten hinzuzog, lehnte der eine Wiedergutmachung ab. Erst 20 Jahre später, als die meisten zwangssterilisierten Menschen, denen Ausbildungsmöglichkeiten und Heiraten versagt geblieben waren, verarmt und vereinsamt als »Minderwertige« gestorben waren, überzeugte Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner ab Januar 1984 mit seinen Briefen den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler, die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien, die ev. und kath. Kirchenleitungen, die Wohlfahrtsverbände und viele andere von der Notwendigkeit einer Rehabilitierung von uns Zwangssterilisierten, der die psychiatrischen Tötungsanstalten überlebenden Menschen und der als »lebensunwert« von Ärzten ermordeten »mindestens 275 000 EuthanasieOpfer«. Nur so könne eine PsychiatrieReform in der BRD möglich werden. Prof. Dörner erreichte unsere Anhörung vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987 und ab 1990 eine monatliche Beihilfe von 100 DM, die seit 2006 auf 120 Euro angestiegen ist. Nach meiner ersten Anstalt Bethel 1936 hatte ich in vier weiteren Psychiatrien bis 1959 eine fast ebenso gesprächslose Psychiatrie erlebt, die erst zu den Ausrottungsmaßnahmen gegen uns hatte führen können – denn Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht als Menschen kennen. Darum forderte ich in einem bei der Anhörung verteilten Papier eine auf unseren Erfahrungen gründende Psychiatrie, die nur dann eine Erfahrungswissenschaft sein kann. Die bei der Anhörung anwesende Behinderten-Beauftragte des Bundesgesundheitsministeriums, Frau Vogel, schlug mir vor, meine Vorstellungen von einer verständigeren und menschlicheren Psychiatrie für das BGM aufzuschreiben. Zum ersten Mal wollte jemand von der ProfiSeite wissen, wie wir die Psychose erlebten und verstehen, welchen Sinn sie für uns haben kann und welche Hilfen notwendig wären. Fast ein Jahr lang arbeitete ich an meinem Antrag auf einen trialogisch besetzten »Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie«, den ich am 8. Juni 1988 auf 22 Seiten an die Bundesgesundheitsministerin, Frau Rita Süssmuth, schickte. Herr Prof. Dörner befürwortete ihn. Aus der Ablehnung meines Antrages und dem Rat, »einen Arbeitskreis der vorgeschlagenen Art vor Ort einzurichten«,
Denn man sieht nur die im Lichte... BPE Jahrestagung vom 06. bis 08.10.2006 in Kassel In diesem Rahmen sollen die möglichen Ursachen von Fremd- und Selbstausgrenzung sowie von Benachteiligungen Psychiatrie-Erfahrener aufgearbeitet werden. Davon ausgehend sollen Strategien zum Abbau von Vorurteilen und Benachteiligungen und zum Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins entwickelt werden. Programm Freitag, 06.10.2006 Bis 17.00 Uhr Anreise 18.00 Uhr Abendessen Tagesmoderation: Elke Bücher 19.30 Uhr Begrüßung und Berichte aus Projekten und örtlichen Gruppen 21.00 Uhr Dr. Susanne Czuba-Konrad liest aus Ihrem Buch »Camillas Schatten« Anschließend: »Durch Tanz das Schattendasein beenden«, Discjockey: Peter Weinmann Samstag, 07.10.2006 7.00–9.00 Uhr Frühstück Tagesmoderation: Ruth Fricke 9.00 Uhr Begrüßung und Grußworte 9.30 Uhr Wieder Vertrauen gewinnen 10.00 Uhr Diskussion 10.30 Uhr Vorstellung der Arbeitsgruppen 11.00 Uhr Kaffeepause 11.30–13.00 Uhr Arbeitsgruppen 13.00 Uhr Mittagessen 14.30–16.00 Uhr Arbeitsgruppen 16.00 Uhr Kaffeepause 17.00 Uhr Mitgliederversammlung des BPE 18.30 Uhr Abendessen 19.30 Uhr Fortsetzung der Mitgliederversammlung Sonntag, 08.10.2006 7.00–9.00 Uhr Frühstück Tagesmoderation: Dagmar Barteld-Paczkowski 9.00 Uhr Ausgrenzung von PsychiatrieErfahrenen in der Arbeitswelt 9.30 Uhr Diskussion 10.00 Uhr Kaffeepause 10.30 Uhr Berichte aus den Arbeitsgruppen 12.00 Uhr Ausblick und Schlusswort 12.30 Uhr Mittagessen, danach Ende der Tagung
Arbeitsgruppen AG 1 Die im Dunklen sehen einander nicht? Die eigene Erfahrung – Schatz oder Brett vor dem Kopf? Peter Lehmann AG 2 Teilhabe statt Ausgrenzung – Ressourcenförderung durch Musiktherapie statt Defizitorientierung (mit praktischen Übungen) Prof. Hartmut Kapteina AG 3 Psychiatrie-Erfahrene machen Radio Doris Steenken AG 4 Leben in der Kommune: Raus aus dem Wohnheim! Raus aus der WFB! Klaus Laupichler AG 5 Die Schreibwerkstatt – Texte schreiben und hilfreich nach innen und außen tragen Gangolf Peitz AG 6 Kann das Persönliche Budget Ressourcen fördern? Franz-Josef Wagner AG 7 Gewaltfreie Kommunikation als Basis der Mediation (mit praktischen Übungen) Magdalena Bathen AG 8 Soziodymamische Spiele (mit praktischen Übungen) Christine Pürschel AG 9 Mensch, Umwelt, Wahrnehmung – mentales Training für alle Lebenslagen Ursula Müller AG 10 Nicht was dir geschieht ist das Wesentliche, sondern, wie du damit umgehst Elfriede Maurer Information und Anmeldeunterlagen: BPE e.V., c/o Dachverband Gemeindepsychiatrie Am Michaelshof 4b, 53177 Bonn Tel. (0228) 63 26 46, Fax 65 80 63 Die Teilnehmerzahl ist begrenzt auf 140 Personen, Anmeldeschluss ist der 6. August 2006.
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ging ein Jahr später unser Hamburger Psychose-Seminar, der Trialog, hervor. Aber die von mir erhoffte Teilnahme von Psychiatern, an die ich bei meinem Vorschlag für die Einrichtung des Arbeitskreises vor allem gedacht hatte, damit sie mit uns ins Gespräch kommen, blieb in den inzwischen über 140 Psychoseseminaren in Deutschland, der Schweiz und in Österreich bis heute die Ausnahme. Nicht nur die 12 Jahre von 1933–45 mit unseren Zwangssterilisationen und den Patientenmorden ab 1939, sondern auch die folgenden Jahrzehnte der weiterpraktizierenden und lehrenden, an den Ausrottungsmaßnahmen beteiligten Psychiater verhinderten eine durch Gespräche hilfreiche deutsche Psychiatrie. Noch heute vertreten die dominierenden biologistischen Psychiater die Auffassung ihrer Vorgänger seit Emil Kraepelin (1856–1926), die zu den Ausrottungsmaßnahmen geführt hatten: »Psychosen stellen einen ganz und gar sinnlosen und zufälligen Vorgang dar. Der Hirnstoffwechsel entgleist, ohne einen Bezug zum Erleben. Die Symptome zu hinterfragen, ist sinnlos und schädlich.« Wie sollen mit diesem Konzept ein Psychoseverständnis und eine Hilfe möglich sein? Da sind auch die Politiker gefordert, nach so vielen Jahrzehnten der verweigerten Hilfe wenigstens den heutigen Psychiatriepatienten beizustehen. An sie sollten wir uns auch wenden und eine qualifiziertere psychiatrische Ausbildung fordern. Alternativen sind vorhanden, Gespräche möglich Denn es gibt die Hilfe, die Fälle von »Zwang und Gewalt« verhindern, ja auch in manchen Psychiatrien: In Loren Moshers Soteria-Konzept und in den Ansätzen der »Bedürfnisangepassten Behandlung«, wie sie seit 30 Jahren von Yrjö Alanen in Finnland und von Johann Cullberg in Schweden praktiziert werden. Dort werden Neuroleptika nur niedrig dosiert oder gar nicht eingesetzt. Professor Alanens Ziel war eine »besonders individuelle, familienorientierte und psychotherapeutisch ausgerichtete Behandlung, die nicht teurer sein sollte als andere Behandlungsweisen und besser und humaner hilft« für die »sehr heterogene Gruppe der 46 PSYCHOSOZIALE Umschau
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von der geringen Achtung der Profis den PatientInnen gegenüber. Sie dokumentieren: Das, was du erlebst, ist das Anhören oder gar Bedenken und Beantworten nicht wert. Diese Art vorgelebter »geistiger Gesundheit« kann nur abstoßend wirken. Umso mehr freuen wir uns über alle lehrenden und praktizierenden Psychiater, die sich von Psychiatrie-Erfahrenen beraten lassen. Wenn uns also Psychiater einladen, ist das eine Chance, die wir ergreifen sollten. Je mehr von uns sich an dem Weltkongress beteiligen, je mehr ihn besuchen, desto größer ist die Chance, dass wir gehört werden, dass man sich mit uns berät oder sich sogar von uns beraten lässt. ❚
schizophren Erkrankten« (Eppendorfer, 6/2005). »Die ›Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde‹ (DGPPN) räumt dagegen gerade mal 10 von 140 Seiten in ihrem Entwurf für Schizophrenie-Behandlungsleitlinien dem Thema Psychotherapie ein. (...) Als einziges Verfahren werde wegen besserer Forschungslage kognitive Verhaltenstherapie bevorzugt, aber auch dies ausdrücklich nur bei Versagen medikamentöser Therapie‹, so Martin Urban als Sprecher der Fachgruppe Klinischer Psychologen im BDP.« (ebd.) Ein hervorragendes Beispiel natürlicher und ortsnaher Hilfe scheint mir auch die seit dem 31.8.2005 eröffnete Berliner Krisen-Pension zu sein. Hier steht ein Helferteam aus Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen, BürgerhelferInnen und 2 ÄrztInnen zum Gespräch und zum gemeinsamen Tun ständig bereit. In der letzten PSU 2/2006 berichtete Reinhard Wojke über dieses von sechs Berliner Vereinen gegründete Projekt. Die Betroffenen kommen rechtzeitig aus eigener Initiative, weil sie als geachtete Gäste hier nichts zu befürchten haben. Der umfassende Erfahrungsschatz ehemaliger Psychiatriepatienten und der Angehörigen im Umgang mit der Psychose, Depression oder anderen Abweichungen von der Norm, bestimmt das gemeinsame Leben. Der Landesverband Berliner Angehörigen fordert bereits, dass jeder Berliner Bezirk eine Krisenpension haben sollte. Die in den Psychiatrien fehlenden oder ganz unzureichenden Gespräche zeugen ja auch
Das neue Vormünder- und Betreuervergütungsgesetz und seine Auswirkungen in meinem Fall Seit dem 01.07.2005 gilt das neue Vormünder- und Betreuungsgesetz. Ein wesentlicher Unterschied zum bisherigen Gesetz ist die Regelung der Vergütung der Betreuer. Bisher erfolgte die Vergütung nach dem tatsächlich geleisteten Aufwand der Betreuer. Jetzt ist nach §§ 3, 4 und 5 VBVG eine pauschale Abrechnung möglich. So kann in meinem Fall mein Betreuer mir pro Monat 4,5 Std. mit einem Stundensatz von 33,50 Euro in Rechnung stellen. Das ist, wie dargestellt, eine Vereinfachung der Abrechnung, aber bei mir liegt ein Sonderfall vor, den das Gesetz leider nicht regelt. Und zwar erfahre ich laut Gerichtsbeschluss vom 01.06.2002 eine Gesundheitsfürsorge, für die ein Betreuungsaufwand von nur etwa 2 Std. pro Jahr sich als völlig ausreichend erwiesen hat und zwischen meinem Betreuer und mir so abgesprochen war. Im Zeitraum vom 01.07. bis 30.09.2005 erfolgte deshalb durch meinen Betreuer überhaupt gar keine Betreuung, d. h. ich hatte in diesem Zeitraum weder persönlichen Kontakt mit ihm, noch brauchte er sich anderweitig um mich kümmern. Trotzdem hat mein Betreuer für diesen Zeitraum einen Vergütungsantrag über das hiesige Gericht in Höhe von 452,25 Euro an mich gestellt, den dieses Gericht für
Kontakt: fritz.sonntag@web.de
Zum Mitmachen BPE-Kulturnetzwerk Im Herbst 2005 ist der erste Aufruf zur Bildung eines BPE-Kulturnetzwerkes erschienen. Inzwischen sind hier in den Rubriken: Malerei, Zeichnen, Fotografie, Collagen, plastisches Gestalten, Kunstge-
werbe, Digitale Kunst, Dichtung, Prosa, Musik, Theater, Kabarett und Tanz ca. 60 Einzelpersonen und Gruppen registriert. Eine Übersicht der Kulturschaffenden wurde unseren Landesorganisationen zur Verfügung gestellt, so dass diese bei der Planung von Veranstaltungen direkt Kontakt aufnehmen können. Aber aus der Kreativität der Netzwerkmitglieder lässt sich noch vielmehr machen. Deshalb ist in der Zeit vom 31.08.06 bis zum 02.09. 06 ein erstes Netzwerktreffen im MARTa (Museum für Architektur, Design und Kunst) in Herford geplant. Interessenten wenden sich bitte an: Ruth Fricke, Mozartstr. 20 b, 32049 Herford. Tel. + Fax: (05221) 8 64 10, E-Mail: Ruth.Fricke@t-online.de. ❚ Netzwerk psychiatrie-erfahrener Profis Seit dem Herbst 2005 gibt es ein Netzwerk psychiatrie-erfahrener Profis im BPE. Hier diskutieren Professionelle aus dem Bereich der Psychiatrie und Medizin darüber, wie sie ihre Doppelrolle nutzbringend in die BPE-Arbeit einbringen können, aber auch über ihre besondere Rolle am Arbeitsplatz. Eventuell kann sich im Laufe der Zeit aus diesem Netzwerk auch ein wissenschaftlicher Beirat für den BPE entwickeln. Interessenten wenden sich bitte an: Margret Osterfeld, Kreuzstr. 28, 44139 Dortmund, Tel.: (0231) 4 76 30 97, E-Mail: ms.osterfeld@dokom.net. ❚ Arbeitskreis Forensik Hier arbeiten zur Zeit Fritz Schuster und Norbert Südland überwiegend in der Einzelfallbetreuung. Unterstützung wäre dringend erforderlich. Wünschenswert wäre es, wenn es in jedem Bundesland wenigstens einen Ansprechpartner für den Bereich Forensik geben würde, denn die Maßregevollzugsgesetze sind Landesgesetze. Außerdem würde die räumliche Nähe eine direkte Kontaktaufnahme mit den Betroffenen erleichtern. Interessenten wenden sich bitte an: BPE e.V., Wittener Str. 87, 44789 Bochum, Tel.: (0234) 68 70 55 52, Fax: 6 40 51 03, E-Mail: Kontakt-info@bpe-online.de. ❚ BPE-Förderverein Im Herbst 2005 wurde der BPE-Förderverein gegründet, um die finanzielle Ausstattung des BPE e. V. zu verbessern. Aufgabe des Fördervereins ist es, durch Mitgliedsbeiträge, Spendensammlungen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen Finanz-
mittel zu beschaffen, um dem BPE oder seinen Landesorganisationen die Aufbringung der Eigenanteile an beantragten Projekten zu erleichtern. Derartige Projekte könnten z.B. sein: ❚ eine Beratungsstelle »Persönliches Budget« von Betroffenen für Betroffene; ❚ ein Rechtshilfefonds, der Betroffene bei Musterklagen finanziell unterstützt; ❚ eine Vermittlungs- und Vertriebsagentur für das BPE-Kulturnetzwerk. Weiterhin ist es das Ziel des Vereins, das Grundkapital für die Einrichtung einer Selbsthilfestiftung anzusammeln. Der Förderverein ist inzwischen als gemeinnützig anerkannt und ins Vereinsregister eingetragen. Wer Mitglied werden möchte, etwas spenden möchte oder den Verein testamentarisch als Erben einsetzen möchte, wende sich bitte an: Dr. Reinhild Böhme, Äskulapweg 10, 44801 Bochum, E-Mail: boebo@gmx.net. ❚
Service-Nummern für Psychiatrie-Erfahrene Telefonischer Erstkontakt Gibt Auskunft über den BPE, über Selbsthilfegruppen vor Ort, leitet Anfragen weiter und versendet Infomaterialien: Tel. (0234) 68 70 55 52, Fax: 6 40 51 03, E-Mail: kontakt-info@bpe-online.de.
✆ Psychopharmaka- und Psychotherapie-Beratung Matthias Seibt berät Montag bis Donnerstag von 11.00–17.00 Uhr unter Tel. (0234) 6 40 51 02. Weitere Informationen: Psychopharmaka-Beratung des BPE, Wittener Str. 87, 44 789 Bochum, E-Mail: Matthias.Seibt@psychiatrieerfahrene-nrw.de, Internet: www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de.
Sozialhilfe-, Rechts- und Computerberatung Der BPE bietet seinen Mitgliedern (und nur diesen!) eine kostenlose Sozialhilfeberatung und Computerberatung an. Die Telefonnummern stehen im Mitgliederrundbrief des BPE. Adresse des BPE Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE), Wittener Str. 87, 44 789 Bochum, E-Mail: kontakt-info@bpe-online.de oder vorstand@bpe-online.de oder beratung@bpe-online.de, Internet: www.bpe-online.de. Die Wittener Str. 87 liegt 8 Fußminuten vom Hinterausgang des Bochumer Hbf entfernt. ÖPNV Linien 310, 345 und 368 bis Haltestelle Verwaltungsakademie.
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rechtswirksam erklärt hat. Ich bin gegen diesen Beschluss in sofortige Beschwerde gegangen, die aber von der nächst höheren Instanz zurückgewiesen worden ist. Meines Erachtens kann das Vormünder- und Betreuervergütungsgesetz nur Anwendung finden, wenn ich betreut worden wäre. Ebenso ist der gestellte Vergütungsantrag nach § 275, Abs. 2 BGB ungesetzlich. Dort steht, »dass der Schuldner die Leistung verweigern kann, soweit diese einen Aufwand erfordert, der unter Beachtung des Inhalts des Schuldverhältnisses und der Gebote von Treu und Glauben in einem groben Missverhältnis zu dem Leistungsinteresse des Gläubigers steht«. Und dieser Tatbestand ist in meinem Fall gegeben. Ungeachtet dessen hat mein Betreuer einen weiteren Vergütungsantrag für die Zeit vom 01.10. bis 29.12. 2005 in Höhe von 442,20 Euro gestellt, was für mich unverständlich ist, weil ich ihm mit Schreiben vom 03.11.2005 mitgeteilt habe, dass ich einen Antrag auf sofortige Beendigung meiner Betreuung an das hiesige Gericht gestellt habe, so dass auch in diesem Zeitraum keine Betreuerleistungen (bis auf ca. 20 min. während der Beratung des Gerichts zwecks Beendigung meiner Betreuung am 21.12.2005) von meinem Betreuer erbracht worden sind. Ich hoffe nun, dass die nächst höhere Instanz mir Recht zukommen lässt und den Vergütungsantrag als unrechtmäßig deklariert. Für jeden weiteren Hinweis und Anregungen der Leser in dieser Angelegenheit wäre ich sehr dankbar, z.B. dahingehend, wie ich »Kontakt« aufnehmen kann zu der Kommission, die das Vormünder- und Betreuervergütungsgesetz erarbeitet hat. Darüber hinaus möchte ich fragen, ob vielleicht ein ähnlicher Fall irgendjemandem bekannt ist? ❚ W. PS: Ergänzend möchte ich noch bemerken, dass mit Gerichtsbeschluss vom 29. 12.2005 meine Betreuung auf meinen Antrag vom 02.11.2005 beendet worden ist.
KURZ & KNAPP
Kurz & Knapp Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz Nach zähem Ringen und langwierigen Verhandlungen hat die Bundesregierung nun das geplante Antidiskriminierungsgesetz unter dem Namen Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verabschiedet. Die Bundesregierung einigte sich auf ein Gesetz, das über die europäischen Regelungen hinausgeht, indem es außer den Merkmalen Rasse, ethnische Herkunft und Geschlecht auch die Merkmale Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität unter Diskriminierungsschutz stellt. Damit ist nun gewährleistet, dass in den Bereichen Massengeschäfte, Privatversicherungen, Beschäftigung und Beruf niemand mehr aufgrund der genannten Merkmale benachteiligt werden darf. Wird jemand in beruflicher Hinsicht diskriminiert, kann er den ihm entstandenen materiellen und immateriellen Schaden ersetzt bekommen, wenn sich in einem Gerichtsverfahren die Diskriminierung beweisen lässt. Bei Diskriminierungen im zivilrechtlichen Bereich (Massengeschäfte und Privatversicherungen) hat der Geschädigte ebenfalls Anspruch auf Ersatz des entstandenen Schadens. Um den Nachweis einer erlittenen Diskriminierung zu vereinfachen, ist eine Beweiserleichterung vorgesehen: Kann der Klagende glaubhaft machen, wegen eines im Gesetz genannten Merkmals benachteiligt worden zu sein, erfolgt eine Beweislastumkehr. Die Gegenseite muss nun beweisen, dass die unterschiedliche Behandlung erlaubt war. Um Verstöße gegen das AGG zu ahnden, wird beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju48 PSYCHOSOZIALE Umschau
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gend eine Antidiskriminierungsstelle eingerichtet. Sie hat die Aufgabe, Benachteiligte bei der Durchsetzung ihrer Rechte durch Information, Beratung, Vermittlung und Mediation zu unterstützen. Darüber hinaus führt sie wissenschaftliche Untersuchungen durch, legt dem Bundestag regelmäßig Berichte vor und erarbeitet Empfehlungen zur Beseitigung und Vermeidung von Diskriminierungen. Das Gesetz muss nun noch im Parlament beraten werden, bevor es nach einer Anhörung zum 1. August 2006 in Kraft treten soll. ❚ Angela Bleckmann, Bonn
Teilerfolg in Niedersachsen gegen Privatisierung In der PSU 4/2005 und 2/2006 berichteten wir über die Planungen der niedersächsischen Landesregierung, ihre Landeskrankenhäuser mit über 4.000 Betten sowie den Maßregelvollzug mit 900 Betten zu privatisieren. Ca. 350 Mio. soll der Verkauf in die Landeskasse bringen. Verkaufsmanager von PriceWaterhouseCoopers (PWC) besichtigten inzwischen die Kliniken und prüften deren Verkaufsfähigkeit. Offensichtlich waren die Konzeptionen der Maßregelvollzugskliniken so überzeugend, dass die Verkaufsmanager feststellten, bei einem Verkauf würde man therapeutisch und wirtschaftlich in Teufels Küche geraten. Vom Verkauf ausgeschlossen sind die Kliniken in Moringen bei Göttingen und in Brauel (Kreis Rotenburg/Wümme), die ausschließlich psychisch kranke straffällige Patienten im Maßregelvollzug behandeln. Außerdem blieben der Standort Bad Rehburg des
LKH Wunstorf sowie das »Feste Haus« am Standort Göttingen in der Trägerschaft des Landes. Das Land Niedersachsen hält jedoch daran fest, noch acht seiner psychiatrischen Landeskrankenhäuser zu verkaufen. Anfang Mai wurde das europaweite Bieterverfahren eröffnet, das bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll, so Sozialministerin Mechthild RossLuttmann (CDU). Ver.di-Landesleiter Wolfgang Denia kündigte eine Urabstimmung und einen unbefristeten Streik der 6.500 Beschäftigten an, falls das Land sich weigern sollte, umgehend Tarifverhandlungen zur Bestandssicherung aufzunehmen. ❚ (chriz)
Gesellschaft für Ess-Störungen gegründet Im Mai 2006 hat sich am Rande des 15. wissenschaftlichen Symposiums für Psychotherapie der Westfälischen Klinik Dortmund die »Deutsche Gesellschaft für Essstörungen« (DGESS) gegründet. Ziel der wissenschaftlichen Gesellschaft soll vor allem der Transfer von der Forschung in die Praxis sein. »Damit haben wir erstmalig eine bundesweite, wissenschaftlich fundierte und repräsentative Vereinigung zum Thema Essstörungen«, sagte die stellvertretende Vorsitzende Professor Martina de Zwaan von der Universität Erlangen. Fast jede 100. Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland erkranke an Anorexie, hieß es bei der Gründungsversammlung in Dortmund. Bei der Bulimie seien es sogar zwischen zwei und vier Prozent. »In Risikogruppen wie Ballettschülerinnen oder Models, die unter einem hohen Schlankheitsdruck stehen, sind beide Essstörungen deutlich häufiger zu finden«, hat Martina de Zwaan festgestellt. Von Ess-Sucht seien ein bis vier Prozent der Jugendlichen in Deutschland betroffen.
Ein anderes großes Ziel der Gesellschaft ist die Förderung von Selbsthilfe-Initiativen. Erstmals sollen hierfür Forschungs- und Therapiekompetenzen vernetzt werden. Laut Martina de Zwaan hat die Essstörungsthematik »als wissenschaftliche und therapeutische Fachdisziplin noch einiges aufzuholen«. Die DGESS möchte nach eigenen Angaben auch Ansprechpartner für Institutionen und Politik sein. Darüber hinaus möchte die Gesellschaft die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Gesellschaften pflegen. Sitz der Gesellschaft ist Erlangen. Kontakt: Tel. (09131) 85 34 899, E-Mail martina. dezwaan@psych.imed.uni-erlangen.de ❚ Quelle: netdoctor.de und aerztezeitung online
Neu: Schulverweigererambulanz An den Rheinischen Kliniken Essen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) wurde ein neuartiges integriertes Behandlungsprogramm für Schulverweigerer vorgestellt, getragen von den beiden Essener Kliniken für Kinder und Jugendpsychiatrie sowie allen niedergelassenen Essener Kinder- und Jugendpsychiatern. Unter der Leitung von Professor Johannes Hebebrand, dem Chef der Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Rheinischen Kliniken, soll das Programm den jungen Menschen helfen, bei denen eine psychische Störung (mit-) ursächlich für die Schulverweigerung ist. Bei immerhin 50 Prozent der Schulverweigerer liegt mindestens eine solche Störung vor. Mögliche Gründe für eine Schulverweigerung gibt es viele: Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Depressionen, Drogenmissbrauch, Störung des Sozialverhaltens oder auch psychische Belastungen in der Schule.
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Professor Hebebrand geht davon aus, dass etwa acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen von Schulverweigerung betroffen sind. »Bedenkt man diese Dimension und die möglichen Folgen, kann gar nicht genug für die jungen Menschen getan werden. Mögliche Folgen einer Schulverweigerung können sein: Klassenwiederholungen, fehlender Schulabschluss, chronische psychische Störungen und nicht zuletzt Abgleiten in Dissozialität und Delinquenz.« Geplant ist, alle Kinder und Jugendlichen, die den Schulbesuch verweigern und in der Ambulanz vorstellig werden, innerhalb von ein bis vier Wochen zu untersuchen. Besteht eine psychische Störung, werden therapeutische Maßnahmen spätestens innerhalb von zwei Wochen eingeleitet. Interessierte Jugendliche, Eltern und Lehrer wenden sich an die Rheinischen Kliniken Essen, Schulverweigererambulanz, Virchowstr. 174, 45147 Essen, Telefon: 02 01 - 72 27 45 0. ❚ Aus der Pressemitteilung des LVR
Existenzgründerpreis für Magdeburger Integrationsobjekt Mit ihrem Integrationsobjekt, der Gaststätte »Brasserie am Schelli« stießen die Verantwortlichen des Magdeburger Vereins »Der Weg« e. V. kühn in einen Geschäftsbereich vor, in dem ein harter Wind weht. Der Gastronomie im Osten Deutschlands geht es insgesamt nicht gut, die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt bildet da keine Ausnahme. Es gibt einige, an zentralen innerstädtischen Punkten liegende Lokale, die vom Tagesgeschäft gut leben, etliche
über die Jahre hinaus stabil laufende Szenekneipen und Gaststätten in den Stadtteilen, die mit der Durchführung von Familienfeiern aller Art teilwei-
se erstaunlich gut über die Runden kommen. Viele, einst mit Vorschusslorbeeren gestartete Prestigeobjekte dümpeln dagegen vor sich hin oder haben schon aufgegeben. Als im vergangenen Jahr die »Brasserie am Schelli« gestartet wurde, kamen unterschiedliche Faktoren ins Spiel, die als gewinnversprechend erachtet wurden. Der erste lautete: Die Bereicherung des gastronomischen Angebotes für das Wohngebiet. Diese Zielstellung ist zweifellos erreicht worden. Das mit Hilfe der »Aktion Mensch« und des Integrationsamtes Sachsen-Anhalt ins Leben gerufene Integrationsprojekt für behinderte und nicht behinderte Menschen ist aus dem Wohngebiet des Schellheimer Platzes nicht mehr wegzudenken. An manchen Wochentagen kam es schon vor, dass am frühen Abend keine zwei Plätze mehr zu haben waren. Nun geht es bei dem Projekt insgesamt nicht nur um ökonomische Kennziffern, sondern um die Zusammenarbeit von Menschen mit sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen. Die behinderten Mitarbeiter, auch psychisch kranke, zeigten sich in der täglichen Arbeit durchaus belastbar. Dies bestärkt den »Weg« in seiner Zielstellung, das Selbstwertgefühl der behinderten Mitarbeiter zu stärken und sie für den ersten Arbeits-
markt fit zu machen, wozu die Brasserie im Übrigen bereits gehört. Ein zweiter Faktor ist, dass sich die Brasserie zu einem zentralen Treffpunkt für Vereine und Selbsthilfegruppen aus dem Behindertenbereich entwickeln könnte. Immerhin feierte man kürzlich das einjährige Jubiläum mit gutem Essen und einem niveauvollen kulturellen Programm. Wenn sich der positive Trend der letzten Monate stabilisiert, und wenn es gelingt, die Anzahl der umsatzträchtigen Familienfeiern zu steigern, könnte dem ehrgeizigen Vorhaben des Vereins »Der Weg« e.V., dessen Leitung eine besondere Hartnäckigkeit bei der Durchsetzung seiner Zielstellungen nachgesagt wird, Erfolg beschieden sein. Dafür spricht, dass die via creare gGmbH als Betreibergesellschaft Ende April 2006 mit dem ersten Existenzgründerpreis der Stadt Magdeburg ausgezeichnet wurde. Damit würdigte die Jury das in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt einzigartige Konzept des Restaurants, in dem mehr als die Hälfte der Mitarbeiter schwerbehindert sind. Den mit 3.000 Euro dotierten Preis überreichte Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper an die Geschäftsführung. ❚ Rainer Schulze, Magdeburg
an die ersten Berufsbetreuer und Betreuungsvereine verliehen. In den Grußworten des parlamentarischen Staatssekretärs Alfred Hartenbach und der brandenburgischen Justizministerin Beate Blechinger wurde deutlich, dass das Interesse an einer Qualitätsentwicklung in der Betreuungsarbeit groß ist. Bis zum Herbst will der BdB Betreuungsbehörden, Amtsgerichte und andere am Betreuungsprozess beteiligte Institutionen weiter informieren. Das Register soll Gerichten und Behörden Hilfe bei der Suche nach Berufsbetreuern bieten, die ihre fachliche Qualifikation und Praxisorganisation nachgewiesen haben. Auf der gleichen Tagung wurde eine Berufsordnung für die 5.500 Mitglieder des BdB beschlossen. Weitere Informationen zum Qualitätsregister: http: // www.bdb-qualitaetsregister.de bzw. zum Verband: http://www.bdb-ev.de. ❚ Wolf Crefeld, Rheurdt
Qualitätsregister für rechtliche Betreuer Mit einer überwältigenden Zustimmung von fast 95 Prozent wurde von den Mitgliedern des Bundesverbandes der Berufsbetreuer (BdB) auf ihrer Tagung im April 2006 die Einführung eines Qualitätsregisters beschlossen. In diesem Herbst wird nach über drei Jahren Diskussion und Entwicklung das Qualitätssiegel PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006 49
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Ziel: Zentrale Beschwerdestelle Am 7. und 8. April 2006 fand in Fulda der erste Workshop des Projektes »Förderstelle unabhängiger Beschwerdestellen« der DGSP unter dem Motto »Wehrt euch – beschwert euch« statt. Teilnehmer waren überwiegend psychiatrieerfahrene aber auch andere Vertreter unterschiedlicher Beschwerdemöglichkeiten in der Psychiatrie und Interessierte. In vier Vorträgen wurde das Thema Beschwerde auf unterschiedliche Weise betrachtet und lebhaft diskutiert. Die anschließenden Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Themen »Definition des Begriffs Beschwerde«, »gemeinsame Standards von unabhängigen Beschwerdestellen«, »Förderung für ehrenamtliche Mitarbeiter von Beschwerdemöglichkeiten«, »betriebliches Beschwerdemanagement« und »Vernetzung«. Ergebnis war die Forderung
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nach einer ständigen zentralen Anlaufstelle für Beschwerdemöglichkeiten in der Psychiatrie, die Informationen zu Aufbau und Finanzierung von unabhängigen Beschwerdestellen sowie Beratung zu Beschwerden geben kann. Diese Stelle könnte auch als Kontrollinstanz für unabhängige Beschwerdestellen dienen. Außerdem wurden möglichst kostengünstige Fortbildungen für Mitarbeiter von Beschwerdemöglichkeiten gewünscht, die Gesprächstechniken, Kenntnisse über Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten oder auch Informationen über Aufbau und Form von unabhängigen Beschwerdestellen vermitteln. Daneben wünschten sich die Teilnehmer schriftliche Informationen zum Aufbau von unabhängigen Beschwerdestellen, zu Finanzierungsmöglichkeiten, Rechtshinweisen mit Fallbeispielen und ein möglichst umfassendes Werk mit Adressen aller Beschwerdemöglichkeiten.
Über eine eigene Homepage www.beschwerde-psychiatrie. de können bereits die Adressen der bekannten unabhängigen Beschwerdestellen abgerufen werden. Hier wird zukünftig auch ein Austauschforum zu Beschwerden und Beschwerdemöglichkeiten in der Psychiatrie installiert, an dem jeder teilhaben kann. ❚ Gudrun Uebele, Köln, Leiterin des Projektes Kontakt: gudrun.uebele@dgsp-ev.de
Neuer Masterstudiengang Systemische Sozialarbeit Am Fachbereich »Soziale Arbeit – Medien – Kultur« der Hochschule Merseburg wird ab dem Wintersemester 2006/07 der neue Masterstudiengang »Systemische Sozialarbeit« angeboten. Er richtet sich an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Praxis, die systemische Kompetenzen erwerben wollen. Theorien, Methoden und Grundhaltungen systemischer Ansätze stehen im Mittelpunkt. Er vermittelt umfassende Kenntnisse sowohl für die Arbeit mit den Klienten wie auch mit den Kollegen. Zudem steht der Erwerb von Leitungskompetenzen sowie von Weitervermittlungsfähigkeiten im Vordergrund des neuen Studiengangs. Er findet berufsbegleitend statt – als ein Aufbaustudium für jeweils ca. 25 SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen mit Praxiserfahrung. Über zwei Jahre hinweg werden sie in insgesamt 24 Präsenzblöcken an 80 Tagen sowie an weiteren 20 Studientagen lernen und das Gelernte kontinuierlich in ihrer Alltagspraxis umsetzen. Als Abschluss erwerben Sie den »Master of Arts«. Der Studiengang wird am Fachbereich »Soziale Arbeit – Medien – Kultur« entwickelt und greift unter anderem auf die Erfahrungen mit einem berufsbegleitenden Studiengang zurück. Er entsteht in Kooperation mit einem systemisch-
wissenschaftlichen Beirat und der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie. Die Teilnahmegebühr beträgt 6.800 Euro. Die Entwicklung des Studiengangs wurde durch das Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt im Rahmen des Hochschul- und Wissenschaftsprogramms gefördert. Der Studiengang wurde im September 2005 durch die von den jeweiligen Fachbereichstagen bzw. Dekankonferenzen getragene Akkreditierungsagentur für Studiengänge im Bereich Heilpädagogik, Pflege, Gesundheit und Soziale Arbeit e.V. (AHPGS) akkreditiert. Mehr Informationen im Internet unter www.systemische-sozialarbeit.de. Kontakt: masterstudiengang@systemische-sozialarbeit.de ❚ (aus der Presseinfo)
10 Jahre LVPE RheinlandPfalz Am 13.05.06 feierte der Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen (LVPE) RheinlandPfalz e.V. sein 10-jähriges Bestehen. Aus dem anfangs schwerfälligen Verband ist ein aktiver, politisch arbeitender Verein entstanden mit vielen öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten. Das sieht man schon allein daran, dass sich seit 1996 die Zahl der Selbsthilfegruppen verfünfzehnfacht und die Mitgliederzahl fast verneunfacht hat. Alle Arbeiten des LVPE Rheinland-Pfalz e.V. werden ehrenamtlich durchgeführt, u.a. von Frührentnern. Im Durchschnitt hatte der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. jährlich 2–3 Projekte durchgeführt. Für 2006 wurde das Filmfestival »ausnahme|zustand« für Rheinland-Pfalz eingekauft und die Fachtagung »Wege der Genesung! Zurück in die Gesellschaft« organisiert. Die Problematik der Doppeldiagnosen steht für die Zukunft auf der Agenda des Verbandes. ❚ Franz-Josef Wagner, Trier
BÜCHER & MEDIEN
Bücher & Medien
Selbstbewusst durch Wissen Nils Greve, Margret Osterfeld, Barbara Diekmann Umgang mit Psychopharmaka Ein Patienten-Ratgeber. ISBN 3-88414-405-7 190 Seiten, 12,90 Euro Dieses handliche Büchlein bietet auf knapp 200 Seiten nicht nur Fachwissen für Patienten und Angehörige, sondern auch Hinweise für den Umgang mit den Fachärzten auf gleicher Augenhöhe. In allen Kapitel vermitteln die Autoren, selbst Mediziner, neben ihren Erfahrungen aus der Praxis immer auch dieses Ziel: den selbstbewussten Umgang mit Medikamenten und Ärzten suchen. Damit dieses Ziel erreicht wird, müssen Patienten und Angehörige wissen, wie Psychopharmaka funktionieren und wann sie sinnvoll sein können, selbst wenn sie nicht im hergebrachten Sinne heilen. Folgerichtig liest man zuerst etwas über Diagnosen, gefolgt von dem sehr interessanten Kapitel: Zielsymptome. Für mich ein Kernstück dieses Ratgebers, weil der Patient aufgefordert wird, an hand seiner Aufzeichnungen, die weitere medikamentöse Behandlung mit zu entscheiden. Ohne dass konkret Zielsymptome ge-
meinsam erarbeitet werden, die dann auch kontrollierbar sind, sollte kein Patient die Praxis verlassen. Damit dem Patienten eine »wohlinformierte Zustimmung« erleichtert wird, werden Hinweise gegeben, wie der Arztbesuch vorbereitet werden kann. Ein kompletter Überblick über medizinische Behandlungsverfahren wird ab Seite 23 geboten. Außer historischen Daten erfährt man alles über Psychopharmaka, nicht nur über Antidepressiva oder Neuroleptika, sondern auch über Phasenprophylaktika, Tranquilizer, Hypnotika und endlich auch Informationen für Schwangere und stillende Mütter. Die Wirkungsweise aller Gruppen wird sehr verständlich dargestellt, nichts bleibt nebulös. Will man sich über ein bestimmtes Medikament informieren, findet man alle Handelsnamen im Stichwortverzeichnis. Nicht ganz einverstanden bin ich mit dem Hinweis auf Seite 153, dass Angehörigenverbände und Betroffene sich von gut aufbereiteten Informationen der Pharmaindustrie beeindrucken lassen. Da sind wir nicht die einzigen. Das gilt auch für die Ärzte und andere psychiatrische Profis. Aber warum traut man uns nicht zu, die Informationen kritisch zu hinterfragen? Nun, mit diesem Büchlein in der Hand, wird das in jedem Fall leichter. Aus meiner Angehörigensicht kann ich diesen Ratgeber, in dem alles angesprochen wird, was uns interessiert, was uns immer etwas unklar war und worüber wir oft nicht nachgedacht haben, nur empfehlen. ❚ Ursula Brand, Konstanz
Ermutigender Werkstattbericht Doris Arens und Ellen Görgen Eltern-Kind-Behandlung in der Psychiatrie Ein Konzept für die stationäre Pflege Psychiatrie-Verlag, Bonn 2006 ISBN 3-88414-399-9 160 Seiten, 19,90 Euro Im deutschen Sprachraum ist es noch sehr ungewöhnlich, dass Krankenschwestern über ihre Arbeit schreiben. Auch das Thema des vorliegenden Bandes ist (leider) noch ungewohnt. So stellt dieses Buch in doppeltem Sinn etwas gänzlich Neues dar, und, um das gleich vorweg zu sagen: Es ist gut gelungen. Die Autorinnen, Krankenschwestern der psychiatrischen Klinik Alteburger Straße in Köln, schreiben über die von ihnen mitentwickelte ElternBaby-Behandlung. Dieser Bericht umfasst weit mehr als nur ein Pflegekonzept: Es werden die sporadischen Anfänge der Eltern-Baby-Behandlung in dieser Klinik, die ersten Erfahrungen mit regelhaften Aufnahmen von Müttern und Babys auf einer allgemeinpsychiatrischen Station und die schrittweise Entwicklung eines multimodalen Behandlungskonzeptes beschrieben, das nicht nur den Bedürfnissen der Mütter gerecht wird, sondern auch die Mutter-KindBeziehung, die Entwicklung des Kindes, den Vater und die weitere Familie sowie das soziale Umfeld einbezieht. Das Buch hat den Charakter eines Werkstattberichts zweier erfahrener Praktikerinnen, es ist anschaulich geschrieben und wird durch viele Fallbeispiele und teils wörtlich wiedergegebene Dialoge belebt. Es macht immer wieder bewusst, dass die (personellen, finanziellen, räumlichen) Ressourcen der Klinik Alteburger Straße ebenso begrenzt sind wie die anderer psychiatrischer Kliniken auch, dass hier aber trotzdem
ein hervorragendes Behandlungskonzept entstanden ist. Nach einer einleitenden, gut verständlichen Darstellung der wichtigsten theoretischen Grundlagen ihrer Arbeit beschreiben die Autorinnen das Behandlungssetting der Station und seine für den spezifischen Bedarf von Familien mit Babys entwickelten Erweiterungen (eine TeilzeitTagesmutter, die Eltern-KindBehandlung durch ein nahe gelegenes Frühförderzentrum und die Kooperation mit anderen beteiligten Professionellen wie Hebamme, Kinderarzt, Jugendamt. Systemische Familientherapie wird eingesetzt, um der Komplexität der Behandlungsfälle und ihrer Dynamik gerecht zu werden. Eltern-Säuglings-Beratung ergänzt die Behandlung und wird auch für die Nachsorge eingesetzt. In abschließenden Interviews schildern ehemalige Patientinnen die Dramatik der postpartalen Krise und ihrer Suche nach einer Behandlung, in der sie schließlich Sicherheit, Verständnis und Unterstützung erfuhren.
Das Buch steckt voller lebendiger klinischer Erfahrung und wertvoller Informationen. Darüber hinaus vermittelt es implizit die drei in meinen Augen wichtigsten Grundsätze (nicht nur) der Eltern-Säuglings-Behandlung: ❚ Die durch die postpartale Krise zutiefst verunsicherten Mütter und Väter brauchen am dringendsten eine verstehende, positiv verstärkende, PSYCHOSOZIALE Umschau 3/2006 51
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Sozialpsychiatrische Zusatzausbildung (SPZA) im Bausteinsystem Neuer Kurs ab November 2006!
Die DGSP führt seit Juni 2005 die langjährig erprobte Sozialpsychiatrische Zusatzausbildung (SPZA) erstmals auch überregional und im Bausteinsystem durch. Eine flexible Gestaltung des Lernprozesses ist dadurch möglich. Ein zweiter Kurs startet im November 2006. In einem Mix aus Präsenzunterricht (Blockunterricht), (internetgestützten) Lehrbriefen, Hospitation, Literaturstudium und Teilnahme an ausgewählten sozialpsychiatrischen Kurzfortbildungen der DGSP wird fundiertes sozialpsychiatrisches Wissen in enger Begleitung durch die Kursleitung vermittelt. Inhalte der SPZA sind: – Grundlagen sozialpsychiatrischer Arbeit – Entstehung, Erscheinungsbild und Verlauf psychiatrischer Störungen – lebensweltbezogene Formen der Hilfe – berufliche Rollen, Teamarbeit und Organisationsentwicklung – gemeindepsychiatrischer Verbund und rechtliche Rahmenbedingungen – Geschichte der Psychiatrie Die Erfahrungen der Teilnehmenden und die Erfordernisse aus deren Arbeitsalltag bieten die Basis der Wissensvermittlung. Dauer: Dieser Kurs der SPZA gliedert sich in einen Grund- und Basiskurs mit einem Umfang von 280 Stunden in 18 Monaten und eine Aufbauphase mit 430 Stunden in ebenfalls 18 Monaten. Ort: Veranstaltungsort ist Frankfurt a.M. Kosten: Die Kosten der Zusatzausbildung belaufen sich für den Grund- und Basiskurs auf 2.400,– € (DGSP-Mitglieder) bzw. auf 2.450,– € (Nichtmitglieder) und für die Aufbauphase auf 2.720,– € (DGSP-Mitglieder) bzw. auf 2.970,– € (Nichtmitglieder). Zielgruppe: Die SPZA richtet sich berufsübergreifend an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des psychosozialen Arbeitsfeldes. Kursleitung: Hilde Schädle-Deininger (Fachkrankenschwester Psychiatrie, Diplom-Pflegewirtin, Lehrerin für Pflegeberufe, Fortbildnerin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a.M.). Es werden weitere Fachreferenten/ Fachreferentinnen hinzugezogen. Weitere Informationen: DGSP-Geschäftsstelle, Zeltinger Str. 9, 50969 Köln Tel.: (02 21) 51 10 02, Fax: (02 21) 52 99 03, E-Mail: dgsp@netcologne.de
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nicht kritisierende, nicht konkurrierende Haltung ihrer Behandler, die ihnen Mut macht, sich den Herausforderungen des Elternseins mit ihren eigenen Kräften zu stellen. ❚ Überlegter Einsatz und kluge Entwicklung der eigenen Potentiale ebenso wie gute Kooperation mit Anderen eröffnen neue Möglichkeiten der Behandlung über die bisherigen institutionellen Grenzen hinaus. ❚ Einfühlendes Engagement ist noch immer die wesentliche Grundlage guter psychiatrischer Behandlung. Deshalb ist, wie Prof. Matakas in seinem Vorwort schreibt, »niemand besser in der Lage, über die Behandlungsgrundsätze dieser Frauen zu schreiben, als die Krankenschwestern«. Ich wünsche diesem Buch viele Leser, und den Lesern wünsche ich, dass sie sich ermutigen lassen, Ähnliches zu wagen. Die Bedarfszahlen aus England (9,6 stationäre Behandlungsplätze für Mutter und Kind in der Psychiatrie auf 1 Million Einwohner) zeigen, wie viel noch für uns zu tun ist. ❚ Christiane Deneke, Hamburg
Ein Klassiker Dorothea Sophie Buck-Zerchin Auf der Spur des Morgensterns Psychose als Selbstfindung Anne Fischer Verlag, Paranus Verlag 2005, 3-926200-65-0, 3-926049-47-2, auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin: 3-926200-66-9, jeweils 18 Euro Die Autobiographie hat seit ihrem Erscheinen 1990 eine enorme Resonanz in der psychiatrisch interessierten Öffentlichkeit gefunden. Daher ist das Buch im Herbst 2005 mit einer Ergänzung: »Wie es weiterging« und einem 16seitigen Fototeil mit Arbeiten aus ihrer Zeit als Bildhauerin neu aufgelegt worden. Dorothea Buck war eine der ersten Betroffenen, die ihre
Psychose-Erfahrungen schilderte. Prägend war die psychiatrische Bewertung als »minderwertige Geisteskranke« gleich bei ihrem ersten Krankenhausaufenthalt in der Anstalt Bethel bei Bielefeld 1936. Als gerade 19-jährige wurde sie zwangssterilisiert und mit Ehe- und Berufsverboten belegt. Sie schildert mit äußerster Intensität, auf welchem ideologischen Boden der 1939 einsetzende Massenmord an den psychisch Kranken möglich war. Psychiatrische Patienten wurden als Menschen umfassend entwertet, ihnen wurde nicht einmal die Möglichkeit gegeben, sich über ihren Zustand zu äußern. Diese totale menschliche Missachtung wurde in der christlichen Heil- und Pflegeanstalt Bethel mit Bibelworten übertüncht. Tatsächlich wurden die Patienten nur verwahrt. Sie waren von jeglicher Betätigungsmöglichkeit und jeder sprachlichen Mitteilung mit Ärzten, Pflegepersonal und Anstaltspfarrern ausgeschlossen. Den Patienten blieb allein das Gespräch untereinander. Die Autorin hat für diese »Behandlung« das psychiatrische Dogma der damaligen Zeit verantwortlich gemacht. Die Psychiatrie ging davon aus, dass Psychosen erblich bedingt und allein auf eine Erkrankung des Gehirns zurückzuführen seien. Mitteilungen über Psychoseinhalte wurden als sinnlose Begleiterscheinungen einer als nicht einfühlbar zu verstehenden körperlichen Krankheit angesehen, die nach damaliger Auffassung nicht geheilt werden konnte, sondern ausschließlich bekämpft werden musste. Verständnis und Verstehen für die inneren seelischen Vorgänge erschienen undenkbar. Dorothea Buck hat ihre Psychosen dagegen als sinnerfüllt und bedeutsam für ihr persönliches Erleben empfunden. Mit dieser Haltung stand sie gänzlich isoliert da. Auch ihre Eltern schlossen sich der
offiziellen Sichtweise an und wichen einem Gespräch über ihre Psychoseerfahrungen aus. Psychotherapeuten, die vielleicht Verständnis und Hilfe hätten vermitteln können, gab es in der damaligen Zeit nicht. Die Autorin war bei der Bewältigung ihrer Erfahrungen ganz auf sich allein gestellt. Zum Psychose-Verständnis half ihr das Erleben einer Mitpatientin in ihrem vierten von fünf Schüben 1946, die in der Nacht aus ihrem Traum heraus mit einer Psychose aufwachte und dabei eine fremde französisch klingende Sprache sprach. Sie hatte nie französisch gelernt, stammte aber aus einer Hugenottenfamilie. Zum ersten Mal kam Dorothea Buck der Gedanke, dass es ein Unbewusstes geben müsse, in dem Rhythmus und Klang der Sprache ihrer Vorfahren aufbewahrt waren. Da ihre französisch klingende Sprache gleichzeitig mit ihrer Psychose aus ihrem Nachttraum aufgebrochen war, lag es nahe, dieses Unbewusste als gemeinsame Quelle von Traum und Psychose anzunehmen. Von da an vermutete sie, dass auch ihre eigene Psychose als Aufbruch des normalerweise Unbewussten zu verstehen sei, um vorausgegangene Lebenskrisen zu lösen, die sie mit unseren bewussten Kräften nicht lösen konnte. Diese Sichtweise half ihr, die massive menschliche Entwertung, die ihr die herrschende Psychiatrie zugefügt hatte,
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dauerhaft zu überwinden. Sie ist seit 47 Jahren geheilt. Dorothea Buck hat für die Selbsthilfebewegung der Psychiatrie-Betroffen in den letzten Jahrzehnten viel geleistet. So hat sie zur Aufklärung über die Euthanasiemorde entscheidend beigetragen. Weiterhin hat sie den Trialog, d.h. das Gespräch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Professionellen in den Psychoseseminaren überregional initiiert. Sie ist außerdem Mitbegründerin und bis heute Ehrenvorsitzende des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener. Auch heute noch im Alter von fast 90 Jahren setzt sie sich aktiv für die Rechte der Betroffenen ein und engagiert sich in der Selbsthilfebewegung. Uns bleibt der Wunsch, sie noch lange so tätig erleben zu dürfen. ❚ Christiane Wiedstruck, Hamburg
Als die Krise in Krankheit umschlug Kerstin Blasczyk Ich war das goldene Kind Dorise-Verlag 2005 ISBN 3-937973-11-7 293 Seiten, 12,90 Euro Seit Jahren kann Kerstin Blasczyk, eine Frau über dreißig, nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten, dabei schien ihre Zukunft gesichert. Die kleine Kerstin war ein freundliches Kind, später eine gute Schülerin, sportlich aktiv, immer mittendrin. Sie legte ihr Abitur ab, lernte Bankkauffrau, verliebte sich, heiratete, ein Haus wurde gekauft und ausgebaut. Keine Probleme, dachten alle. In Kerstin Blasczyk sah es anders aus. Aber was ihr geschah, wusste sie nicht. Sie fühlte sich überfordert. Ihr wurde angetragen, eine Bankfiliale zu übernehmen. Sie willigte ein, obwohl sie sich die Leitung nicht zutraute. Der Leistungsdruck steigerte sich unerträglich. Zu Hause fühlte sie sich unverstanden.
Ihr Mann hatte mit dem Ausbau des Hauses zu tun. Die Kredite belasteten ihn. Da war wenig Raum für Gefühle. Kerstin Blasczyk fühlte sich allein, ungeliebt und unverstanden. Das geht vielen Menschen so. Man übersteht solche Krise oder beginnt etwas Neues. Da muss man durch. Diese Meinungen beschreiben Haltungen, die Kerstin verinnerlicht hatte. Und doch oder auch deshalb kam für Kerstin Blasczyk alles anders. Darüber hat sie geschrieben. Vielleicht in der Hoffnung, herauszufinden, wann und warum ihre Unzufriedenheit, ihr Unglücklichsein in den Wahnsinn führte. Von der Krankheit Schizophrenie wusste sie nichts, als sie nach ihrem lange ersehnten Urlaub im Süden ihren Mann nicht mehr ertrug. Sie konnte nicht in ihren Alltag zurück. Ehekrise, dachten die anderen. Die Mutter kam und kümmerte sich. Auch sie ahnte nichts von der Krankheit, die Kerstin Blasczyk schon fest im Griff hatte. Die ersten Anzeichen wurden nicht als Symptome wahrgenommen. Und so bemerkt auch der Leser nicht, wie und wann die Krise in Krankheit umschlägt. Kerstin Blasczyk traute den Stimmen anfangs nicht, aber ergab sich ihnen, denn sie erlösten sie aus der Einsamkeit. Irgendwann wurde die Stimme zu Sam, dem Freund, der immer da war, der immer zuhörte, der wusste, wonach sie sich sehnte, bevor sie es aussprach. Für andere blieb er unsichtbar. Seine Stimme, die immer wieder irritierte und mit ihr Verstecken spielte. Er bewies ihr, dass er sie liebte und war erbitterter Gegner ihres Mannes. Kerstin, die kinderlos bleiben wird, erlebte Schwangerschaft und Muttergefühle. Erfahrungen, für die sie der Krankheit dankbar ist. Dass sie diese überstand, gleicht einem Wunder. Kerstin Blasczyk durchlebte eine Odyssee, der sie nur durch Zufälle entkam. Im Kampf mit den Mächten
der Welt: den Eltern, dem Mann, den Ärzten, den Medikamenten, den Schatten, den Verfolgern, der Sekte, den Hunden und Heuchlern. Vieles bleibt unerklärbar. Ergreifend ist diese Geschichte, die Kerstin Blasczyk zunächst aufgeschrieben hat, ohne an eine Veröffentlichung zu denken. Unglaublich klar und stimmig erzählt die Autorin, was sie in ihrer Psychose erlebte. Da wird nichts beschönigt. Herausgerissen aus dem eintönigen Alltag erlebt sie eine phantastische Welt und nimmt ihre Bedürfnisse wahr. Andere Menschen sind ihr gleichgültig geworden. Sie ist ungerecht und herzlos der Familie gegenüber, die sich um sie sorgt, die sie sucht, die verstehen will und hilflos ist. Thematisiert wird auch die Schuldfrage. Sie ordnet sich ein in die Frage, warum die Krankheit ausbrach, warum darüber nicht gesprochen wurde. Auch die Ärzte schwiegen. Das versteht Kerstin Blasczyk bis heute nicht: Sie hätten es mir doch erklären können, hätten es wenigstens versuchen sollen. Sie war eine Patientin, die keine Ahnung hatte, was mit ihr geschah. Aggressiv und ungebremst setzte sie um, was Sam ihr befahl. Tabletten verweigerte sie. Als sie die Medikamente gegen ihren Willen gespritzt bekam, lernte sie sich anzupassen. Dennoch hat sie immer wieder nach Fluchtmöglichkeiten gesucht und sie genutzt. Lange Zeit brauchte Kerstin Blasczyk, um ihre Krankheit zu erkennen, sie zu akzeptieren und sich zu ihr zu bekennen. Allmählich lernte sie wieder zu vertrauen. Ihre Geschichte lässt sich auf eindringliche und unspektakuläre Weise verstehen und nachvollziehen. Das Buch befreit die Autorin, ihre Angehörigen und ihre Leser, weil es andere Sichten auf das eigene Leben und seine Gefährdungen ermöglicht. ❚ Volker Schauerhammer, Salzgitter
Impressum Herausgeber: Aktion Psychisch Kranke, Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V. und Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.) Redaktion: Jörg Holke (jh), Bonn; Karin Koch (kk), Bonn (v.i.S.d.P); Beate Lisofsky (li), Berlin; Christian Zechert (chriz), Bielefeld Die Beiträge der Gastautoren sind keine Meinungsäußerung der Redaktion. Redaktionsanschrift: Psychosoziale Umschau, Thomas-Mann-Str. 49a, 53111 Bonn, Tel. (0228) 7 25 34-14, E-Mail: umschau@psychiatrie.de Manuskripteinsendungen: Die Redaktion freut sich über Manuskripte und Informationen, am liebsten als unformatierte Textdateien, die nicht mehr als 15 000 Zeichen umfassen. Gleichzeitig behält sich die Redaktion das Recht der Bearbeitung, insbesondere der Kürzung, vor. Grafiken oder Bilder sollten getrennt abgespeichert und ein Ausdruck per Post geschickt werden. Redaktionsschluss der nächsten Ausgabe ist der 15.08.2006. Verlag & Vertrieb: Psychiatrie-Verlag gGmbH, Thomas-Mann-Str. 49a, 53111 Bonn, Tel. (0228) 7 25 34-14, Fax -20, E-Mail: umschau@psychiatrie.de. Anzeigenverwaltung im Verlag durch Cornelia Brodmann, E-Mail: cbrodmann@psychiatrie.de Anzeigenschluss der nächsten Ausgabe ist der 1.9.2006. Bezugsbedindungen: Die Psychosoziale Umschau erscheint vierteljährlich, jeweils zu Anfang des Quartals. Ein Einzelheft umfasst ca. 50 Seiten und kostet 8 €, das Jahresabonnement kostet 25 €, im Ausland 30 €. Sozialhilfeempfänger und Studenten zahlen bei Vorlage einer entsprechenden Bescheinigung 15 €. Das Abonnement gilt jeweils bis zum Ende des Jahres und verlängert sich automatisch, wenn es nicht bis zum 30.09. des laufenden Jahres schriftlich gekündigt wird. Layout: Hans Schlimbach AGD, Köln Druck: Ostfriesische Beschützende Werkstätten, Emden ISSN 0930-4177 Postvertriebskennzahl 7044
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TERMINE
Termine
Brücken bauen lernen Ehrenamtlich Handeln für psychisch kranke Menschen 21.–23.7. in Blaubeuren Information und Anmeldung: LV Gemeindepsychiatrie Baden-Württemberg e.V., Schönblickstr. 12, 72221 Haiterbach, Tel.: (07456) 9 32 70, Fax: 93 27 20, E-Mail: info@ gemeindepsychiatrie-bw.de Prävention in der Psychiatrie 8. Dortmund-Hemeraner Fachtagung für Psychiatrie und Psychotherapie 18.8. Information und Anmeldung: Medi-Science, Poppelsdorfer Str. 4, 44139 Dortmund, Tel.: (0170) 3 43 64 11, E-Mail: cbrall@medi-science.de. Gemeindepsychiatrie: Viele Angebote – braucht jeder alles? 6.9.2006 in Aachen Information und Anmeldung: Aachener Verein, Herr Brendt, Albert-Maas-Str. 2–4, 52078 Aachen, Tel.: (0241) 5 90 75, Fax: 57 50 51, E-Mail: aachenerverein. zfpkranker@t-online.de Kongress IT-Trends Medizin/Health Telematics 6. bis 8.9. in Essen Information und Anmeldung: ZTG Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH Tel.: (0234) 33 38 56 01, Fax: 33 38 56 03 E-Mail: s.sill@ztg-nrw.de, Internet: www.ztg-nrw.de
54 PSYCHOSOZIALE Umschau
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Patient oder Kunde – Therapeut oder Leistungserbringer Weimarer Psychotherapiewoche 16.–20.9.2006 Information und Anmeldung: Organisationsbüro der WPW, Schuhgasse 12, 99084 Erfurt, Tel.: (0361) 6 42 22 74, Fax: 6 42 24 49, E-Mail: afp-erfurt@t-online.de, Internet: afp-erfurt.de Traum und Ressourcen 63. Psychotherapie-Seminar Freudenstadt 17.–22.9.2006 Information und Anmeldung: Psychotherapie-Seminar Freudenstadt e.V., Karl-von-Hahn-Str. 120, 72250 Freudenstadt, Tel.: (07441) 54-2399, Fax: -2504, Internet: www.pt-seminarfreudenstadt.de Wege der Genesung! Wieder in die Gesellschaft 10. Fachtagung des LVPE Rheinland-Pfalz 22.9. in Ludwigsburg Anmeldung und Information: Franz Josef Wagner, Tel.: (0651) 1 70 79 67, E-Mail: f.j.wagner@gmx.net Sieben Tage hat die Woche – alltäglich aufregende Systeme 6. Wiss. Jahrestagung der Dt. Gesell. für Systemische Therapie und Familientherapie 27.–30.9. in Leipzig Information und Anmeldung: Institut für Familientherapie und Systemische Beratung e.V., Tel.: (03437) 76 28 71, Fax: 70 28 76, fam.thera@t-online.de, Internet: www.fam-thera.de
Der Wert des Wohnens 2. Hessisches Fachforum der LAG Wohnen 28.9.2006 in Bad Nauheim Information und Anmeldung: LAG Wohnen Geschäftsstelle, c/o Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V., Telefon: (06051) 92 18-8 51, E-Mail: bestelmeyer@ lagwohnen.de Die Psychiatrie und die Kultur des Sozialen Deregulation verhindert Integration XVII. Deutsch-Polnisches Symposium 28.9.–1.10. in Ravensburg Information und Anmeldung: Deutsch-Polnische Gesellschaft für Seelische Gesundheit e.V., Rheinische Kliniken, Bahnstraße 6, 47551 Bedburg-Hau, Tel.: (02821) 81-3601, Fax: -3698, E-Mail: Christa.Knueck@lvr.de Nach Freud – Medizinische Anthropologie und Psychoanalyse Jahrestagung der Viktor-vonWeizsäcker-Gesellschaft 5.–7.10. in Dresden Anmeldung: Kerstin Heyde, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU Dresden, Fetscherstr. 74, 01307 Dresden, Tel.: (0351) 4 91 50, E-Mail: kerstin.heyde@ uniklinikum-dresden.de Wanderer zwischen den Welten Integration, Duldung, Abschiebung? 5. Fachtagung Migration und Psychiatrie 18.10. in Düren Information: Thomas Hax-Schoppenhorst, Tel.: 0177-5051780 Anmeldung: Sekretariat Dr. Knauer, Ärztlicher Direktor, Rhein. Kliniken Düren, Frau Sigrid Brüll, Tel.: (02421) 40 22 44, Fax: 40 22 43, E-Mail: sigrid.bruell@lvr.de
Community Living – Leben in der Gemeinde Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie – voneinander lernen 18.–20.10 in Hamburg Information und Anmeldung: Simone Wegner, Kay Nernheim, Theodorus Maas, Tel.: (040) 5077-3414, Fax: -4122, E-Mail: community-living@ alsterdorf.de, Internet: www.communityliving.de Wissen schafft Pflege Pflege schafft Wissen Psychiatrische Pflege als Praxis und Wissenschaft 3. Dreiländerkongress Pflege in der Psychiatrie 19.–20.10.2006 in Wien Information: Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe. Otto Wagner Spital, Wien, Österreich, dort Harald Stefan. E-Mail: harald.stefan@ wienkav.at Eating Disorders 2006 Internationale Wissenschaftliche Tagung 19.–21.10. in Alpbach, Tirol/Österreich Organisation & Anmeldung: Netzwerk Essstörungen, Fritz-Pregl-Straße 5, A-6020 Innsbruck, Österreich, Tel.: (0043-512)-57 60 26, Fax: +43-512-58 36 54, E-Mail: info@netzwerkessstoerungen.at, Internet: www.netzwerkessstoerungen.at Es geht auch anders! Innovative Projekte verändern die Gemeindepsychiatrie – Personenzentrierte Hilfen in der Praxis 26.–27.10. in Bad Nauheim Information und Anmeldung: LWV Hessen, Anemone Gabler-Schröter, Tel.: (0561) 10 04 - 26 94
Medienbestellschein An die gemeinsame Geschäftsstelle des BApK und des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie e.V. Am Michaelshof 4b 53177 Bonn Fax: 02 28 / 65 80 63
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Verbandsinformationen Die Stückzahl ist auf fünf Sätze begrenzt! Für Veranstaltungen senden wir Ihnen auf Anfrage gerne eine größere Menge Exemplare zu.
Plakate
❚ Dachverband Gemeindepsychiatrie e.V.
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❚ Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.
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Diese Informationen finden Sie auch im Internet unter: http://www.psychiatrie.de
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❚ Plakatserie zur ehrenamtlichen Hilfe (6572) 1 »Claudia W. kann wieder arbeiten« 2 »Martin S. hat seine Angst überwunden« 3 »Clemens J. ist nicht mehr einsam« 4 »Friedhelm M. kocht den besten Kaffee« 5 »Silke G. hat eine Freundin gefunden« Komplett
3,00 € 3,00 € 3,00 € 3,00 € 3,00 € 13,00 €
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3,00 € .................
6 »Und das Kind?« (6592)
Broschüren ❚ »Psychisch krank – und jetzt?«, Erstinformation für Familien mit psychisch kranken Menschen (81081)
2,50 € .................
❚ »Medikamente bei psychischen Erkrankungen« Antworten auf die häufigsten Fragen, die Angehörige psychisch Kranker zu Psychopharmaka stellen (81082)
Den Betrag für die Schutzgebühren/Porto- und Versandkosten ❒ überweise ich nach Erhalt der Rechnung.
2,00 € .................
❚ »Wenn Deine Mutter oder Dein Vater in psychiatrische Behandlung muß… Mit wem kannst Du dann eigentlich reden?«, Information für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren (inkl. zwei Begleitblätter für Eltern und BetreuerInnen) (6522) 2,00 € ................. ❚ »Wenn Deine Mutter oder Dein Vater psychische Probleme hat …«, Information für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren (6522) 2,00 € .................
Bitte vergessen Sie nicht Ihre Anschrift: Name: Straße: Ort:
Unterschrift:
Datum
❚ »Wenn eine Mutter oder ein Vater psychische Probleme hat … Wie geht es dann den Kindern?« Information für betroffene Eltern (6522) 2,00 € ................. ❚ Satz (6522)
4,00 € ................. Ich bestelle die PSYCHOSOZIALE UMSCHAU beim: Psychiatrie-Verlag, Th.-Mann-Str. 49a, 53111 Bonn, Fax: 0228/7253420
❚ »Haste mal ’ne Mark«, Zwischen Platte und Psychiatrie, Materialien und Arbeitshilfen (6552)
2,00 € .................
❚ »Was nichts kostet – ist unbezahlbar!« Bürgerhilfe in der Psychiatrie – Europäische Perspektiven (6582) 2,00 € ................. ❚ »Der Chef bin ich« – Vom Versorgungsempfänger zum Auftraggeber. Zur Diskussion um Heime und Nutzungsrechte (6512) 3,– €
3,00 € .................
❚ »Es ist normal verschieden zu sein!« – Verständnis und und Behandlung von Psychosen
1,00 € .................
❚ Patientenrechte von psychisch erkrankten Menschen
0,50 € .................
■■■ Ausgabe ■■■ für 8 € pro Einzelheft. Oder besser gleich ■■■ Jahresabo(s) für 25 €; im Ausland 30 €
bei vier Ausgaben. Geringerverdienende zahlen 15 €, wenn sie Ausbildung, Studium, Zivildienst oder Sozialhilfe nachweisen. Name: Straße: Ort:
❚ Psychisch krank im Job. Was tun?
Unterschrift: (kostenlos) .................
Stand: Juli 2006 Preisänderungen vorbehalten!
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