20.9.2020
Das ie System: Garant für die Weitergabe kulturellen Wissens? Erstsemester Essay zum Lernmodul: „Grundlagen der Japanologie“ (SoSe) Dozentin: Dr. Chantal Weber
Thomas N. Schneider Mat. Nr. 7366328 Email: tschne29@smail.uni-koeln.de
UNIVERSITÄT ZU KÖLN, OSTASIATISCHES SEMINAR, ABT. JAPANOLOGIE
“I wonder how, I wonder why; Yesterday you told me 'bout the blue blue sky; 1 And all that I can see; Is just a yellow lemon tree.”
* Dieser Essay beschäftigt sich mit der Frage, ob das ie System ein Garant für die Weitergabe von kulturellem Wissen ist. Als Wissen wird ein für Personen oder Gruppen verfügbarer Bestand von Fakten, Theorien und Regeln verstanden, von deren Gültigkeit bzw. Wahrheit ausgegangen wird. Der altertümelnd anmutende Begriff Garant sollte nicht mit dem geläufigeren Wort Garantie verwechselt werden: Im Kontext der Frage ist eine Institution bzw. rechtliche Praxis gemeint, zur Rücksicherung des sozialen Erfolgs für und durch eine Gruppe. Eine Garantieleistung bedarf eines Rechtssubjekts und ist wie dessen Existenz in der Regel befristetet. Was ist mit kulturellem Wissen gemeint? Die Zusammensetzung von zwei Begriffen legt nahe, dass Wissen und Kultur nicht ein und dasselbe sind, dass der Sprecher Formen von Wissen unterscheidet. Titzmann nennt Wissen kulturell, wenn es sich nicht um das Wissen von Individuen, sondern von Gruppen handelt: „Kultur soll dabei jenes räumlich zeitliche System heißen, dessen Praktiken des Denkens und Redens in diesem Raum und zu dieser Zeit eine relative Konstanz ihrer fundamentalen Prämissen aufweisen. Was 2 die Literaturgeschichte eine Epoche nennt, wäre also eine Kultur in diesem Sinne.“
Es wäre zu prüfen, ob das ie sich als System bewährt hat, die zeitlichen Epochen einer im Territorium Japan räumlich fixierten Gruppe, einer Zivilisation, zu überdauern. Sozialwissenschaftler ringen mit dem Kulturbegriff, was bei Japanologen z.B. in der Debatte um die korrekte Übersetzung bzw. Bedeutung des Wortes bunka 文化 (Kultur) zum Ausdruck kommt. Waldenfels interpretiert die entsprechenden kanji 漢字 („Schriftzeichen des HanVolks“, chinesische Zeichen) in diesem Kontext als Intellektualität (bun 文) und dynamischen Prozess (ka 化). Mit Intellektualität meint er die geistige Gestaltungkraft, das denkerische Vermögen eines Menschen, sich Ausdruck zu verschaffen: „All das ist bestimmt von Regeln und Gesetzen und führt zu Schönheit in Kunst und Wissenschaft. […] 3 Ein gebildeter Mensch ist ein bunjin 文人. bungaku 文学 ist die Literatur.“
Die Disziplin der social studies zeigt, ausgehend vom Blick auf die zeitgenössische britische Gesellschaft, dass sich das Kulturstudium einer Volksgruppe bzw. Nation als problematisch darstellt: Gesellschaft wird durch Bruchlinien wie race, class, sex, gender usw. markiert, Kollektive können in verschiedenster Weise definiert werden, Deutungshoheit wird hegemonial umkämpft und findet sich im ständigen Wandel. Hoggart, Williams und Hall erweiterten die klassische Kulturdefinition von der Gleichsetzung mit der Hochkultur der sozialen Elite zum Studium der Lebensweisen und Traditionen einer gesamten Gesellschaft.
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Refrain-Extrakt eines populären Hits der Popgruppe „Fool’s Garden“: lemon tree. 1995. TITZMANN, Michael: „Kulturelles Wissen – Diskurs – Denksystem: Zu einigen Grundbegriffen der Literaturgeschichtsschreibung“. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur. Franz Steiner Verlag, Bd. 99, H. 1 (1989), S. 47. 3 WALDENFELS, Hans: „Kultur als Grundbegriff“. In: Wege zur Kultur. Gemeinsamkeiten – Differenzen – Interdisziplinäre Dimensionen, hrsg. v. YOUSEFI, Hamid Reza, et. al, Nordhausen 2008, S. 81. 2
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Trotz der Problematik wird Japan und seiner Kultur oft Exzeptionalismus zugeschrieben und seiner Gesellschaft starke Homogenität bescheinigt. Verschiedentlich begründet wird dies z.B. durch besondere insulare Lage, zwischenzeitliche, staatlich verordnete Isolation sakoku 鎖国 (Landesabschließung, 1640 - 1853) und erfolgreiche Umsetzung der Lehren fernöstlicher Philosophen, insbesondere des Konfuzius 孔夫子 (Lehrmeister Kǒng, 551 – 479 v.Chr.). In der Fragestellung kommt der Wille eines Kollektivs – hier des japanischen Volks – zum Ausdruck, differenzierendes und als wertvoll geschätztes Gedankengut und Brauchtum neben materiellen Artefakten zu erhalten. Dieses lebendige Kulturwissen soll durch gesellschaftliche Institutionalisierung dem zeitlichen Wandel trotzen. Die Dissemination über die eigene Gesellschaft hinaus ist von zweitrangiger Bedeutung. Sicherlich ist das ie System nicht die einzige Methode zur Weitergabe von kulturellem Wissen. Es wird aber als prägende japanische Kulturpraxis verstanden. Andererseits ist das Konzept der Stammfamilie, das Ähnlichkeiten zum ie aufweist, in Europa nicht völlig unbekannt, wie Ochiai hervorhebt. 4 Das Verständnis des japanischen Konzepts und seiner Herausforderungen in der Gegenwart ist für die eigene Kulturpraxis von Interesse. Im Zusammenhang mit der Frage der Robustheit des ie Systems wäre u.a. zu beleuchten: -
Was die Ursprünge des ie System im Altertum waren und wie es im Mittelalter von der führenden Klasse verstanden wurde Wie das ie System im Kaiserreich (1868 – 1945) als Volksinstitution definiert wurde Welche Bedeutung dem ie System nach der Niederlage des 2. Weltkriegs zukommt und wie es für die Gegenwart umdefiniert wurde
Anhand des Kommunikationsmodells von Shannon und Weaver sollen in einem zweiten Teil die Limitationen der im Westen traditionell bevorzugten schriftlichen Quellenforschung als Zugang zum Kulturverständnis einer Zivilisation bzw. Epoche der Vergangenheit, und - in der Umkehrung - zur Weitergabe von kulturellem Wissen aufgezeigt werden. Welche Möglichkeiten bieten neue Informationstechnologien und können diese das ie System zur Lehre und Praxis der japanischen Kunsttraditionen ersetzen? * Der japanische Begriff basiert auf dem Wort ie und dem Zeichen 家 für Haus, also ein als Wohnort genutztes Gebäude. ie hat zudem die Bedeutung von Haushalt, bzw. Familie, Sippe oder Clan. Nach Hall und Beardsley wird in genealogisch-sprachlicher Verwendung darunter die männliche Abstammungslinie (engl. patrilineage) verstanden: „The ie is a patrilieneage, a network of households related through their respective heads, comprising main houses, branch houses, and the branches of branch houses traced down through the generations.”5
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OCHIAI, Emiko: “Debates over the Ie and the Stem Family: Orientalism East and West”. In: Japan Review, International Research Centre for Japanese Studies, No. 12 (2000), S. 105. 5 HALL, John Witney, BEARDSLEY, Richard K.: Twelve Doors to Japan. New York et al.: McGraw-Hill Book Co 1965, S. 78.
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Das Konzept wird auf das Familien- und Sippensystem des Hof- und Schwertadels zurückgeführt. Im kojiki 古事記 (Aufzeichnung alter Geschehnisse) wurde Anfang des 8. Jahrhunderts die göttliche Abstammung des Kaisers und Identität seines Volkes behauptet. Dies legitimierte die territoriale Souveränität und grenzte vom Kultur- und Machtkreis des chinesischen Kaiserhofs ab. In den folgenden Jahrhunderten pflegten die aristokratischen Familien, die ie, gewissenhaft genealogische Aufzeichnungen, um Herrschaftsansprüche zu behaupten. Als verpflichtende Rechtspraxis für alle japanischen Staatsbürger wurde das System 1889 kodifiziert und institutionalisiert, doch die Gesetze mussten nach der Niederlage im Pazifikkrieg abgeschafft werden. Die zeitgleich entstandenen juristischen Hilfsmittel, die koseki 戸 籍 (Familienregister bzw. Stammbücher), werden heute in angepasster Form weitergeführt. Sie ersetzen Vorläufer wie die terauke 寺 受 け (Geburtenregister der buddhistischen Tempel), goningumi chô 五人 組帳 (Fünf-Haushalte Register) sowie den shûmon ninbetsu aratame chô 宗門人別改帳 (Glaubensprüfungsregister) für den Zensus des bakufu 幕府 (Shogunat). Die rechtliche Definition aus der Zeit des Kaiserreichs interessiert weniger für die konkrete Fragestellung als die institutionelle und kulturelle Praxis, die Eingang in das Selbstverständnis der Japaner als Volksgemeinschaft gefunden hat. Nakane erkannte ein wiederholendes strukturelles Muster, die tatte-shakai 立って社会 (vertikale Gesellschaft). Laut Verfassung (1946) liegt die Souveränität beim Volk, der tennô 天星 (himmlischer Herrscher) wird als Symbol des Staates nicht gewählt. Das Amt wird nach dem Thronfolgegesetz von 1889 in männlicher Linie an den ältesten direkten Nachfolger weitergeben. So bedurfte die Abdankung 2019 von Akihito 昭仁 (1933 - ) zugunsten seines Sohnes Naruhito 徳仁 (1960 - ) einer Sonderregelung. Das Gesetz aus der Meiji Zeit (1868 - 1912) wurde nicht geändert.6 Trotz Absage göttlicher Sendung durch Hirohito 裕仁 (1901 - 1989) zu Neujahr 1946 kommt dem tennô in den Ritualen des shintô 神道 („Weg der Götter“, Shintoismus) eine zentrale Rolle zu. Die Ahnenverehrung verleiht auch dem ie eine religiöse Dimension: verstorbene Familienmitglieder, aber auch die ungeborenen Nachfahren sind Teil einer Seelengemeinschaft. Es obliegt den lebenden Angehörigen, diese Seelen zu ehren, um Missgeschick und Unglück dem Haushalt fern zu halten. Der Hausaltar sowie das Ahnengrab müssen gepflegt, saisonale Rituale, wie o-bon お盆, eingehalten werden. Um die Wirkung des ie Systems in der Zeit des Feudalismus zu verstehen, sollen die hierarchische Struktur und der patriarchalische Charakter beschrieben werden: Der Haushalt eines ie wird vom ältesten Vater, dem Familienoberhaupt, geführt. Alle Mitglieder der Familie bzw. Sippe haben Folge zu leisten, von freier Berufs- und Partnerwahl kann keine Rede sein. Der Hausherr genießt absolute Entscheidungshoheit, verwaltet materielles Gut und Vermögen, weist Familienangehörigen Stellung und Aufgaben zu, bestimmt Nachfolge und Erbe. Er verantwortet und haftet für alles, was aus Interaktionen mit anderen ie hervorgeht.
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HARA, Takeshi: “Opinion: How to Abdicate a Throne? The Akihito Way”. In: The New York Times, 1.5.2019, abrufbar unter https://www.nytimes.com/2019/05/01/opinion/japan-emperor-akihito-abdication-naruhitothrone.html (letzter Zugriff am 11.9.2020)
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Normalerweise wird der erstgeborene Sohn von Geburt an für die Rolle als nächstes Familienoberhaupt erzogen. Bei Ausbleiben oder Ausscheiden eines eigenen Sohnes war es nicht unüblich, einen Sohn aus anderer Familie zu adoptieren. Zugleich war es üblich, dass Töchter durch Heirat aus der Familie und dem Haushalt ausschieden und dass jüngere Söhne ihre Zweigfamilie in einem vom Familienoberhaupt zugewiesenen Zweighaus aufbauten. Die primäre Aufgabe der Frauen war es, für den Nachwuchs und deren Erziehung zu sorgen und in allen Dingen ihren Männern beizustehen. Die Familienorganisation der anderen Stände (Bauern-, Handwerks- und Handelsstand) konnte dem Ideal-ie der Samurai nicht entsprechen. Nach diesem Diskurs zum traditionellen Verständnis des ie soll seine historische Bedeutung zur Weitergabe japanischer Kultur herausgearbeitet werden. Die finanzkräftige Oberschicht einer Gesellschaft ist tongebend, bestimmt, was als Hochkultur gelten darf, gefördert und somit erhalten wird. So ist es natürlich, dass das ie System der Aristokratie der damaligen Zeit zur Überlieferung ihrer feudalistischen Lebens- und Unterhaltungsformen genutzt wurde, z.B. kôdô 香道 (Duftweg), sadô 茶道 (Teeweg), die Kampfsportarten der bushi 武士 (Samurai) wie kendô 剣 道 (Schwertkunst) und kyûdô 弓 道 (Bogenschießkunst), shodô 書 道 (Schreibkunst), usw. Man bemerke, dass viele dieser Künste durch menschliche Interaktion und Bewegung geprägt sind. Sie sind zeitlich transient, schwer konservierbar und können nicht durch bloße Objektbetrachtung erfahren werden. Bis in die Gegenwart werden bestimmte kulturelle Praktiken, Ausdrucksformen und Stile in diesen Disziplinen eng mit einem gewissen ie assoziiert. Beispielhaft und exemplarisch sei auf die Schulen des sadô 茶道 verwiesen. Eine bestimmte Stilrichtung bzw. Schule geht auf einen Meister zurück und folgt der ie Struktur. Die namentliche Assoziation mit dem ie ist ein Privileg und stellt die persönliche Identifikation mit der Schule bzw. der Kunst her. Andere japanische Kulturformen erwuchsen in der Edo Zeit (1602 - 1868) aus den populärvolkstümelnden Unterhaltungen des aufstrebenden Bürgertums, z.B. sumô 相撲 (Ringkampf, auch mit dem shintô verbunden), kabuki 歌舞伎 (Volkstheater) und ukiyo-e 浮世絵 (etwa: „Bilder der fließenden Welt“, oder auch einfach: hanga 版 画 (Holzschnitte)). Sportler, Akteure und Artisten sind dem kommerziellen Wettbewerb und kurzlebigen Trends ausgesetzt. Im Gegensatz zur Hochkultur war es üblich, häufig den eigenen Namen zu wechseln. Allerdings verfügten die Individuen aus oft bescheidenen Verhältnissen meist über keine nennenswerten finanziellen Reserven und hatten keinen direkten Marktzugang. Daher arrangierten sie sich mit einem namhaften Stall, Veranstalter oder Verleger, einem ie. Außerdem findet sich die ie Struktur im Management und den Vernetzungen japanischer Unternehmen, die aus dem Handwerk und aus Handelshäusern hervorgegangen sind. Das Augenmerk des modernen und emanzipierten Betrachters fällt auf zwei problematische Eigenschaften des ie: der autoritäre Charakter im Allgemeinen und die Bevormundung der Frauen im Besonderen. Der letzte Aspekt schließt effektiv die Hälfte der kreativen und ökonomischen Kräfte einer Gesellschaft von aktiver Kulturschöpfung aus, während der erste die natürliche Kreativität junger Menschen über die lange Zeit der Lehre maßgeblich einschränkt, möglicherweise zu dem Extrem, dass angeborene Motivation und die Möglichkeit zu spontaner Kreativität verkümmert. Oder schießen diese Überlegungen an der 4
wahren Intention vorbei: der Erhalt von Ordnung und Macht? Denn nicht die Freiheit und die selbstbestimmte Verwirklichung des Individuums stehen in der konfuzianischen Lehre im Mittelpunkt, sondern seine Anpassung zum Gesamtwohl des gesellschaftlichen Kollektivs. Die Adaption des ie Systems für eine moderne Gesellschaft sollte deshalb überlegt werden: Das 1947 von der amerikanischen Besatzungsmacht diktierte Zivilrecht räumt Ehemann und frau gleiche Rechte ein, Heirat und Scheidung bedürfen nunmehr nur dem Einvernehmen der Ehepartner, das Erbe wird unter Nachfahren geteilt. In der Nachkriegszeit erlebte Japan einen gewaltigen Wirtschaftsaufschwung, der erst mit dem Platzen der Bubble-Economy am Ende der 1980’er Jahre ausgebremst wurde. Die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen gingen einher mit einem gesellschaftlichen Wandel. Ungebrochen ist der Trend der fortschreitenden Urbanisierung (2019: 92%), prägend für die Heisei Zeit (1989 - 2019) sind Alterung der Gesellschaft, Heirats- und Geburtenrückgang und eine (langsam) zunehmende Emanzipation der Frauen am Arbeitsplatz. In der Konsequenz ist die am häufigsten vorgefundene Familienform heutzutage die Nuklearfamilie – mit und vor allem ohne Kinder. Drei-Generationen Haushalte räumlich unter einem Dach finden sich - auch außerhalb der Städte – immer seltener. 2013 lebten 25% der Ehepaare im Haushalt eines Elternpaars (1920er: 56%), die matriarchalische Ko-Residenz hat zugenommen (Heiratskohorte 1920er: 1:5; 1960er: 1:3). Familienmitglieder in Separation genießen mehr Autonomie, was zu einem verstärkten Individualismus führt. Nakane plädierte 1972 dafür, die gesellschaftlich nützlichen Aspekte des ie beizubehalten: „It is generally believed that as a consequence of modernization, particularly the enforcement of the post-war Constitution, the ie institution no longer exists. This viewpoint looks at the ie from an ideological angle that links it, in particular with feudal moral concepts, and does not give sufficient 7 consideration to its fundamental structure as a social group.”
In Form von Zweckgemeinschaften können sich Individuen in einer Lokalität für eine effektive Verwaltung im Sinne der Gesellschaft zusammenfinden. Beispiele wären: die Hausgemeinschaft eines Mehrfamilienhauses, die ländliche Genossenschaft und die kommunale Verwaltung. Diese Erkenntnis sollte auf die traditionellen Schulen zum Erhalt von kulturellem Wissen übertragbar sein. Diese würden gestärkt hervorgehen, da es zu keinem Bruch mit der juristischen - und vor allem gelebten - Praxis der Gegenwart seiner Mitglieder kommt. Es wäre sicher ergiebig, sprengt aber den Rahmen des Essays, erfolgreiche Beispiele solcher Umsetzung zu analysieren. Anstelle dessen sei auf eine weitere Problematik hingewiesen: das ie ist, wie jedes System, an den Fortbestand der zugrundeliegenden Gesellschaftsordnung gebunden. In Japan spricht man nicht von einer Meiji Revolution, sondern von meiji ishin 明治維新 (Meiji Modernisierung bzw. Restauration). Als extremes Alternativbeispiel denke man an die gewaltsame Auslöschung einer Zivilisation, wie es in Mittel- und Südamerika Anfang des 16. Jahrhunderts geschah. Der Ermordung der gesellschaftlichen Eliten, Versklavung der Bevölkerung und einem Massensterben durch eingeschleppte Pandemien würde eine ausschließlich (!) auf dem ie System basierende Kulturüberlieferung kaum standhalten. Es sollte relativiert werden, 7
NAKANE, Chie: Human Relations in Japan. Japan Ministry of Foreign Affairs 1972, S. 10-12.
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dass die Konquistadoren in ihrem religiösen Eifer zugleich zahlreiche schriftliche Überlieferungen und materielle Kunstobjekte der anderen Zivilisationen zerstörten, um auch diese physischen Wissensträger möglichst für die Ewigkeit auszulöschen. * Gibt es alternative, bessere Methoden zur Sicherung kulturellen Wissens? Das von Shannon und Weaver für die Telekommunikation entwickelte Model der Übermittlung von Information zwischen einem Sender und einem Empfänger lässt sich auf die Vermittlung von Wissen generalisieren. Anders als beim ie befinden sich Sender und Empfänger nicht am gleichen Ort. Ziel ist dennoch die möglichst vollständige und fehlerfreie Übertragung von Information bzw. Wissen. Dafür braucht es u.a. robuster Kodierung und DeKodierung, Sender und Empfänger müssen entsprechende Schlüssel bzw. ein Lexikon zur Dechiffrierung der Transmission vorliegen. Das Modell sieht explizit die Möglichkeit diverser Transmissionsstörungen vor, um die Qualität verschiedener Systeme vergleichen zu können. Qualität ist von vielen Faktoren abhängig, aber für zuverlässige Kommunikation gilt es insbesondere, unkontrollierbare Umstände bzw. den Zufall zu minimieren. Nebenbei sei bemerkt, dass es bei menschlichen Interaktionen gerade der Zufall und die Missverständnisse sein können, die Potential für Kreativität und Innovation bieten, auch wenn es im Gegenzug zu einer großen Zahl suboptimaler Ergebnisse kommt. Ließe sich das soeben beschriebene Model einer temporal-synchronen Kommunikation, d.h. eines Wissenstransfers, wo Sender und Empfänger zu gleicher Zeit, wenn auch räumlich getrennt, präsent sind, für den temporal-asynchronen Transfer modifizieren? Dies bedarf einer Zwischenspeicherung der Information bzw. von Wissen. Eine Verifikation durch Umkehrung des Informationsflusses nicht nur des korrekten Empfangs, sondern des korrekten Verständnisses der Botschaft durch den Rezipienten würde erschwert bzw. ausgeschlossen, wenn der Sender zum Zeitpunkt des Empfangs nicht empfangsfähig wäre (z.B. verstorben). Das Problem ist der Geschichtsforschung wohlbekannt: man beruft sich maßgeblich auf schriftliche Quellen, die authentisch bzw. immediat gelten - im Gegensatz zu mündlich oder rituell von einer Generation zur nächsten, im handshake, wie im ie System, überliefertem Wissen. Allerdings beherrschte bis in die Neuzeit nur eine kleine, privilegierte Gesellschaftsgruppe das Schriftmedium. Eine ausschließlich auf überlieferte Quellen gestützte Wissensvermittlung leidet daher an gesamtgesellschaftlicher Diversität und Bandbreite. Deshalb ergänzt der Forscher die schriftliche Überlieferung durch physische Indizien, Ausgrabungen und Visualisierung von Ruinen, Gräbern und Artfakten. Denn als Wissenschaftler hat er das Interesse, sein Forschungsobjekt möglichst objektiv und umfassend zu verstehen. Dabei markiert er Ungewissheiten und Lücken in seinem Wissen. Das direkte Gespräch des Historikers (Empfängers) mit seiner Quelle (Sender) ist, wie beim asynchronen Kommunikationsmodel, nicht möglich. Doch der Empfänger ist sich bewusst, dass er die Information – die in den meisten Fällen nicht einmal an ihn gerichtet war - ohne die original vorhandenen nicht-verbalen Kontexte und Kodierungen missverstehen könnte: 6
Der Autor (Sender) kann bei Niederschrift schwerlich jeden denkbaren Kontext eines jeden Empfängers vorausaussehen. Um Zeichen, Worte und Bilder über Kulturen hinweg zu interpretieren, ist es auch nötig, auf ein der Menschheit gemeines, zeitloses Lebensverständnis und die eigene Sensibilität zurückzufallen. Allerdings deckt sich die Intention des Senders oft nicht mit der des Empfängers. Said behauptet, dass westliche Anthropologen institutionell nicht das wahre Verständnis der anderen Kultur, sondern die Überlegenheit der eigenen Kultur rechtfertigen und einen imperialen Anspruch festigen (da sie dazu gezwungen seien, auf „wissenschaftliche“ Quellen der eigenen Kulturtradition aufzubauen). Das ie System kann dem entgegnen: menschliche Repräsentanten einer Kultur stehen in ihrer Tradition, aber auch in der gegenwärtigen Zeit des Anthropologen. Sie sind für den lebendigen Diskurs verfügbar, müssen nicht aus zweiter Hand interpretiert werden, können sich der Falschdarstellung verwehren. Man mag hinzufügen, dass kulturelle Formen, wie die japanische Tee-Zeremonie, im Moment leben und erfahren werden müssen, sie zwangsläufig auf menschlicher Interaktion und Sinneswahrnehmung, in diesem Fall auch besonders Geschmack, angewiesen sind. Andererseits weisen traditionelle Kulturformen eine strenge Formalisierung auf: ihr Effekt soll jedes Mal perfekt wiederholbar sein. Nur so kann sichergestellt werden, dass das mündlich oder rituell überlieferte Wissen von einer Generation zur nächsten nicht degeneriert. Jedenfalls ist der Moment, in dem das kulturelle Wissen einem Publikum bzw. Kunden dargeboten wird, in der Regel separat von der Zeit, in dem das Wissen durch Repetition und Imitation akribisch einstudiert wird. Ist das ie System in Anbetracht moderner technischer Innovationen überholt? Die Digitalisierung öffnet neue Möglichkeiten zum Einfang, zur Zwischenspeicherung und zur Präsentation von Wissen. Dies kann aber nicht die korrekte Vermittlung von kulturellem Wissen, noch dessen Perfektionierung durch (zeit)intensive Auseinandersetzung garantieren. Zur Weitergabe bedarf es neben dem Wissenszugang einer Fazilitation, Animation und Moderation, kurz: einer Schule. Kulturelle Darbietungen können heute virtuell über multiple Kanäle in die Welt gesendet werden, jeder kann auf Knopfdruck konsumieren und kommentieren. Dieser Kulturpluralismus ist global, populistisch und kommerziell, das Kulturverständnis jedoch ist subjektiv: so erscheint das tiefgründige Ritual des einen dem Betrachter eines anderen Kulturkreises primitiv, gar albern. Es bedarf Hintergrundwissen, einer kulturellen Akklimatisation bzw. Schulung. Die institutionelle Anerkennung von Wissen als kulturell verleiht einem Meister vor allem Prestige und Ehre, es geht weniger um materielle Bereicherung. In Japan wird seit den 1950’er Jahren der Titel des ningen kokuhô 人 間 国 宝 (menschliches Nationaljuwel) verliehen: Die Deutungshoheit, was als kulturell vollkommen gelten darf, sowie die Entscheidung, wer kulturelles Wissen vermitteln soll, bleibt von hegemonialer Bedeutung. *
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Um zur ursprünglichen Fragestellung zurückzukehren: Ja, das ie System hat sich zur Weitergabe von kulturellem Wissen als robust und adaptiv erwiesen. Es hat sich in seiner Struktur bewährt und es gibt ausreichende Indizien, dass es in Japan institutionell verankert ist, als Garant gedient hat und weiterhin dienen kann. Westliche Geschichts- und Kulturforschung stützt sich stark auf das geschriebene Wort und Objekte, doch viele traditionelle Kulturformen haben flüchtige Aspekte, die schwer zu fixieren und begreifen sind. Die generelle Problematik eines asynchronen Wissenstransfers wurde anhand des Kommunikationsmodells von Shannon und Weaver erläutert: Neue Technologien eröffnen Möglichkeiten zum selbstbestimmten Abruf von kulturellem Wissen, können aber nicht den Kontext, die Struktur, die Menschlichkeit und den Moment reziproker Interaktion auf allen Sinneskanälen zwischen Lehrer und Schüler, Künstler und Publikum ersetzen. ***
Literaturverzeichnis 1. BHAPPU, Anita D.: “The Japanese Family: An Institutional Logic for Japanese Corporate Networks and Japanese Management”. In: The Academy of Management Review. Bd. 25, Nr. 2 (2000), S. 409 – 415. 2. DAVID, Roger, IKENO, Osamu: The Japanese Mind: Understanding Contemporary Japanese Culture. Boston et al.: Tuttle Publishing 2002, S. 120 – 122. 3. KAKUZO, Okakura: The Book of Tea. New York: Duffield and Company 1906. 4. KATO, Akihito: The Japanese Family System: Change, Continuity and Regionality over the 20th Century. Max-Planck-Institute for Demographic Research, Working Paper, Mar 2013. 5. KELLER, Douglas: “Cultural Studies and Social Theory: A Critical Intervention”. 2014, abrufbar unter: https://pages.gseis.ucla.edu/faculty/kellner/papers/CSST99.htm (letzter Zugriff am 11.9.2020). 6. LO, Ming-Chen M. u. BETTINGER, Christopher P.: “The Historical Emergence of a ‘Familial Society’ in Japan”. In: Theory and Society, Bd. 30, Nr. 2 (Apr 2001), S. 237 – 279. 7. NAKANE, Chie: Japanese society. Berkeley, CA: University of California Press 1970. 8. SAID, Edward: Orientalismus. Frankfurt a. M.: Fischer 2019, S. 9 – 39. 9. SHANNON Claude E. und WEAVER Warren: “A Mathematical Theory of Communication”. In: Bell System Technical Journal, Bd. 27 (Okt. 1948), S. 379-423, 623-656. 10. STEINER, Kurt: “Revision of the Civil Code of Japan: Provisions Affecting the Family”. In: The Far Eastern Quarterly. Bd 9, Nr. 2 (1950), S. 169 – 184.
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