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Orestie

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Spielzeit 2026/27

ORESTIE nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke


„Eine Geschichte, die ich schon mal durchlebt habe. Als Kind. Aber ich weiß nicht, wie sie endet –“ Orest


ORESTIE nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke Deutsch von Ulrike Syha Besetzung Klytämnestra Judith Rosmair Agamemnon Hannes Rittig Orest Jakob Schleert Elektra / Reporterin Paula Dieckmann Iphigenie / Kassandra / Athene Annika Gräslund Ärztin Gabriele Völsch Menelaus / Ägisth / Reporter Markus Voigt Kalchas Jan Bernhardt Cilissa / Furie Christiane Schoon

Inszenierung Torsten Fischer Bühne Herbert Schäfer Malerei & Kostüme Vasilis Triantafillopoulos Licht Christoph Weber Dramaturgie Nadja Hess, Herbert Schäfer Regieassistenz & Abendspielleitung Wolf-Dietrich Stückrad Inspizienz Kerstin Wollschläger Soufflage Nadim Hussain, Wolf-Dietrich Stückrad Premiere in Greifswald am 25.09.2026 Premiere in Stralsund am 16.10.2026 Aufführungsdauer: ca. 2,5 Stunden, inkl. einer Pause Aufführungsrechte: Rowohlt Theater, Hamburg Eine Koproduktion mit dem Kleist Forum Frankfurt (Oder) Premiere Frankfurt (Oder): 09.10.2026 Liebe Gäste, wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und/oder Bildaufnahmen unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Vielen Dank.

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Ausstattungsleiterin Eva Humburg Technischer Direktor Henning Beckmann Bühnentechnische Einrichtung Jens-Uwe Gut, Michael Maluche Toneinrichtung Nils Bargfleth, Samuel Zinnecker Leitung Bühnentechnik Robert Nicolaus, Michael Schmidt Leitung Beleuchtung Kirsten Heitmann Leitung Ton Daniel Kelm Leitung Requisite Alexander Baki-Jewitsch, Christian Porm Bühne & Werkstätten: Produktionsleiterin Eva Humburg Tischlerei Stefan Schaldach, Bernd Dahlmann, Kristin Loleit Schlosserei Michael Treichel, Ingolf Burmeister Malsaal Anja Miranowitsch, Fernando Casas Garcia, Sven Greiner Dekoration Janet Hellmuth Kostümwerkstätten Carola Bartsch (Leitung) Gewandmeisterinnen Annegret Päßler, Eva Craig Modisterei Elke Kricheldorf Assistenz Donja Gorji, Finja Stagge Maske Tali Rabea Breuer, Jill Dahm, Philipp Gielow, Antje Kwiatkowski, Kateryna Maliarchuk, Bea Ortlieb Ankleiderinnen Ute Schröder, Petra Hardt

„Das ist mein Leben – und ich will nicht über die Wahrheit sprechen, es gibt keine, es gibt nur Versionen von Versionen, verdrehte Variationen, und eine davon ist tatsächlich geschehen, eine davon stimmt tatsächlich“ Orest

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FAMILIE


EINE EINFÜHRUNG ZUR „ORESTIE“ „Eine Adaption ist für mich wie die Verwendung eines ausländischen Steckers: Man befindet sich in einem Land, in dem der eigene Föhn nicht funktioniert, wenn man ihn einfach einsteckt. Man muss den Adapter finden, der es dem Strom der Gegenwart ermöglicht, in das alte Gerät zu fließen und es zum Laufen zu bringen“ – so Robert Icke 2015 in einem Interview mit „The Guardian“.

rung seiner „Orestie“ am Schauspiel Stuttgart, erhielt er den Kurt-HübnerRegiepreis. Indem Robert Icke die „Orestie“ von Aischylos ins Hier und Jetzt überträgt, erzählt er in moderner Sprache die von Blutrache und Gegengewalt geprägte Geschichte einer Familientragödie mit heutigen Figuren. Dabei gelingt es ihm zugleich, nahe am Original zu bleiben und universelle Menschheitsthemen mit Fragestellungen von Heute zu verbinden: Wann beginnt ein Krieg? Wie zerstörerisch wirkt sich die Erfahrung von Gewalt auf Gesellschaften sowie den einzelnen Menschen aus? Wie lässt sich die Kette von Rache und Vergeltung durchbrechen? Wer besitzt die Deutungshoheit über Schuld? Was braucht es, um Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschlichkeit – die Grundpfeiler unserer Gesellschaft – ins Wanken zu bringen?

Robert Icke war 29 Jahre alt, als er seine Neubearbeitung der „Orestie“ von Aischylos am Almeida Theatre in London inszenierte und dafür als jüngster Preisträger in der Kategorie „Beste Regie“ mit dem bedeutenden Lawrence Olivier Award ausgezeichnet wurde. Aktuell ist er als Autor und Regisseur einer der renommiertesten und international gefragten Theatermacher seiner Generation, weil es ihm immer wieder gelingt, klassische, jahrhundertealte Theaterstoffe radikal in gesellschaftspolitische Debatten unserer Gegenwart zu übersetzen. Indem er seine psychologisch präzise gezeichneten Figuren in familiäre Abgründe stürzt oder in politische Machtstrukturen verstrickt, entstehen packende und emotional fesselnde Theaterabende. Für seine 2018 herausgekommene Inszenierung der Deutschsprachigen Erstauffüh-

Vor fast 2.500 Jahren hat die „Orestie“ ihre Uraufführung im antiken Athen erlebt. Sie gilt als eine der bedeutendsten antiken Tragödien und ist zugleich die einzige vollständig erhaltene Trilogie aus der Zeit der griechischen Antike. Athen galt damals als die stärkste und nahezu unbezwingbare Seemacht – und erlangte zu-

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gleich welthistorische Bedeutung, als sich die innenpolitischen Machtverhältnisse zu verschieben begannen: Im Jahr 462 v. Chr. wurde die ausschließlich vom Adel besetzte höchste politische und gerichtliche Institution – der Aeropag – entmachtet. Die Befugnisse gingen an demokratische Organe über und nun saßen athenische Bürger im Rat, in der Volksversammlung und in den Volksgerichten.

„Ich befasse mich mit Gewalt: Gewalt bestimmt mein gesamtes Leben. Man führt Länder mit Hilfe von Kriegen. Ich bin kein Pazifist.“ Agamemnon

In dieser Zeit schrieben die bedeutendsten Theaterautoren Athens für die berühmten Theaterwettkämpfe – die Großen Dionysien –, die einmal jährlich im Frühling stattfanden. Das Handlungsgerüst der Tragödien war durch die Mythen vorgegeben, also durch die über Generationen überlieferten Sagen und Geschichten, mit denen versucht wurde, den Ursprung von Riten, Institutionen und menschlichem Verhalten zu erklären. Dabei handeln Mythen häufig von existentiellen Krisensituationen Einzelner oder Gemeinschaften, so dass Gewalt, Hass und Mord zu den wiederkehren-

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den Themen gehören. Die mythologischen Geschichten und Figuren waren dem damaligen Publikum bekannt, so dass die Herausforderung für die Dichter darin bestand, den Stoff mit aktuellen Bezügen zu füllen und neu zu interpretieren. Dementsprechend lässt sich in den Werken der antiken Dramatiker vieles über die Themen ablesen, die die Gesellschaft Athens damals beschäftigte. In der „Orestie“ hat sich Aischylos mit dem Mythenkomplex der Atriden auseinandergesetzt und errang damit bei der Uraufführung den ersten Platz – in den Jahren 484 bis 456 v. Chr. ist er übrigens insgesamt 13-mal als Sieger aus den Theaterwettkämpfen hervorgegangen. In dieser Zeit wurde er zugleich Zeuge des politischen und kulturellen Aufstiegs von Athen sowie der endgültigen Entscheidung für die Demokratie im Jahr 462/61. Den Zusammenbruch des attischen Imperiums und den Niedergang der Demokratie hat Aischylos nicht mehr erlebt. Im Zentrum seiner Tragödien-Trilogie stehen der Heerführer Agamemnon, seine Frau Klytämnestra und ihre gemeinsamen Kinder Iphigenie, Elektra und Orest – eine Familie, die zum fluchbeladenen Herrschergeschlecht der Atriden gehört. Das zentrale Motiv des Fluchs ist die unerbittliche Blutrache, die sich von Generation zu

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Im zweiten Teil („Die Choephoren“) wird Orest, der Logik der Blutrache folgend, den Mord an seinem Vater rächen. Auf Anweisung des Gottes Apollon tötet er Klytämnestras Liebhaber Ägisth und seine eigene Mutter. Daraufhin wird er von den Erinnyen, den Rachegöttinnen, verfolgt und in den Wahnsinn getrieben.

Generation überträgt: Jede Vergeltungstat lässt ein neues Verbrechen entstehen, das wiederum von den eigenen Kindern gerächt werden muss.

„Es ist nicht Biologie, nicht Schicksal, sondern einfach – Gleichgewicht, das Gesetz des moralischen Verlangens, die unausweichliche Tat, die folgen muss wenn wenn wenn – er hat unsere Tochter getötet. Er hat unsere Tochter getötet, meine Tochter, die ich in meinem Körper getragen habe. Also hatte diese rechte Hand das Recht, zuzuschlagen – und das hat sie getan.“

Im dritten Teil („Die Eumeniden“) flieht Orest nach Athen und sucht Schutz bei der Göttin Athene, die eingreift, um den Fall friedlich zu lösen. Sie entscheidet, die endlose Abfolge von Rache und Blutschuld zu beenden und durch ein unabhängiges, rechtsstaatliches Gerichtsverfahren zu ersetzen. Die neuen Geschworenen (Athener Bürger) sollen über den Muttermörder richten. Als es bei der Abstimmung zum Stimmengleichstand kommt, gibt Athene die ausschlaggebende Stimme für Orests Freispruch. Um den Zorn der Rachegöttinnen zu besänftigen, verwandelt Athene sie in die „Eumeniden“ – die Wohlwollenden – und integriert sie in die neue Ordnung.

Klytämnestra

Im ersten Teil („Agamemnon“) kehrt der griechische König Agamemnon nach dem Trojanischen Krieg siegreich nach Hause zurück. Dieser Sieg ist allerdings untrennbar mit dem Tod seiner Tochter Iphigenie verbunden – zehn Jahre zuvor hatte eine Prophezeiung besagt, dass die Götter nur dann günstigen Fahrtwind für die griechische Flotte schicken, wenn Agamemnon sein eigenes Kind opfert. Für diesen Mord an der gemeinsamen Tochter wird seine Frau Klytämnestra Rache üben – und ermordet Agamemnon nach dessen Rückkehr.

Im Unterschied zu Aischylos erzählt Robert Icke seine „Orestie“ nicht linear, sondern über zahlreiche Rückblenden. Er hat dem traumatisierten Orest die Figur einer Ärztin an die Seite gestellt, die im Zuge der Gerichtsverhandlung gemeinsam mit

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ihm versucht, seine verdrängten Erinnerungen aufzurufen und zur Wahrheit vorzudringen. So werden aus der Perspektive von Orest Szenen aus seiner Vergangenheit lebendig – und damit wird auch die Vorgeschichte der „Orestie“, die Opferung Iphigenies, erzählt. Das Theatererlebnis der „Orestie“ im Jahr 458 v. Chr. muss für das Athener Publikum hochaktuell und aufwühlend zugleich gewesen sein, denn Aischylos hatte ihre eigene jüngste Geschichte auf die Bühne gebracht. 2.500 Jahre später ist es Robert Icke, der mit seiner Neubearbeitung das Publikum mit gegenwärtigen Themen konfrontiert.

„Keine richtige Ordnung, aber auch kein Chaos – keine Tyrannei, keine Anarchie, sondern irgendwas dazwischen. Es ist komplex, aber vielleicht ist es auch – gut. Beide Seiten zu sehen. Ein Gleichgewicht. Warum muss es immer nur das Eine sein?“ Ärztin

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EIN INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR TORSTEN FISCHER In deinen zahlreichen Regiearbeiten hast du dich bereits sehr oft mit antiken Stoffen auseinandergesetzt – aber die „Orestie“ war bisher nicht darunter. Was fasziniert dich an diesen um die 2.500 Jahre alten dramatischen Erzählungen?

Stücken dokumentiert. Die Werke der griechischen Antike sind Kaleidoskope sämtlicher menschlicher Charaktereigenschaften. Diese Stücke sind so perfekt, weil sie meist in überhöhter Weise eine Parabel zeigen, an der man eigentlich die ganze Welt messen kann. In den griechischen Tragödien hat alles Unmenschliche auch eine menschliche Seite und alles Böse liegt im Schicksal der Figuren begründet. Sie sind die perfekte Vorlage für die größtmögliche Fülle menschlicher Erscheinungsformen und Konflikte – und damit immer wieder eine große Herausforderung.

In meinem bisherigen Theaterleben habe ich tatsächlich 15 Mal Stoffe der Antike inszeniert – sowohl im Schauspiel als auch im Musiktheater. Mit einer Einladung zu einem Arbeitstreffen auf die Insel Tinos im Jahr 1998 trat Griechenland in mein Leben, denn von da an erhielt ich geradezu schicksalhaft diese Fülle von Antike-Angeboten. Die Grundlage des Theaters und die Grundlage der gesamten Demokratie ist in diesen

Von der Aischylos’schen „Orestie“ gibt es nicht nur zahlreiche Übersetzungen, sondern auch unterschied-

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lichste Bearbeitungen. Du hast dich ganz bewusst für die 2015 entstandene Neubearbeitung von Robert Icke entschieden. Warum? Die Entscheidung hat etwas mit der Angst des Publikums vor der griechischen Tragödie zu tun, mit der Angst, zu wenig Vorwissen zu haben, um bei einer Aufführung mitzukommen. Dazu kommt die Kompliziertheit der Sprache, die manche deutsche Übersetzungen sogar noch verstärken. Der Verdienst von Robert Icke ist es, die „Orestie“ in eine uns verständliche Sprache zu übersetzen und zugleich auch die Konflikte der Figuren in unsere Zeit zu übertragen und uns nahezubringen. Das heißt aber für mich nicht, dass ich mich inszenatorisch Netflix-Serien annähern werde – was Ickes Vorlage ja anbietet. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass man das Stück in der einfachen Archaik

der antiken Vorlage belassen muss. Icke selbst hat in der Uraufführung viel mit Video gearbeitet, aber ich persönlich sperre mich dagegen, sondern möchte meine Inszenierungen als ein Plädoyer für das Theater, das Live-Spiel, verstehen. Ich möchte nicht das Kino ins Theater bringen. Robert Icke erzählt seine „Orestie“ nicht im konventionellen Sinne linear, sondern er springt zwischen zwei Zeitebenen und hat das Gerichtsverfahren gegen den des Muttermordes angeklagten Orest als eine große Rückblende angelegt. Wie siehst du das? Ich empfinde das Leben nicht unbedingt linear von der Geburt bis zum Tod, sondern immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Es gibt die Traumwelten in der Nacht oder im Tagträumen, die eine absolute Parallelwelt


Gleich zu Beginn des Stücks wird der oberste Heerführer Agamemnon mit einem eigentlich unlösbaren moralischen Konflikt konfrontiert: Er soll sein eigenes Kind für das Allgemeinwohl opfern, d. h. töten – um dadurch für das eigene Land den Sieg im Krieg zu erlangen...

darstellen. Und es gibt die grenzenlose Erinnerungsfähigkeit des Gehirns, die weit in die Kindheit zurückreicht. Dazu gibt es das besondere Phänomen des Déjà-vu, wenn man das Gefühl hat, etwas schon mal erlebt zu haben. Tatsächlich ist es so, dass das Gehirn da einen Fehler macht, denn de facto hat man etwas schon mal erlebt, aber nur etwa eine Hundertstelsekunde vorher, doch das Gehirn ordnet es Jahre zuvor ein. Genauso benötigt unser Theaterstück im Prinzip nur diesen einen multi-temporären Moment. Es ist der Moment des Stückbeginns, in dem Orest auf seine Urteilsverkündung wartet und sich daran zu erinnern versucht, was zu seiner Anklage als Muttermörder geführt hat. Bei Icke gibt es eine Frau – ist es eine Ärztin? eine Gerichtspsychologin? – die ihn befragt und damit Erinnerungen auslöst, die purzelbaumartig zwischen den Zeiten hin- und herspringen. Im Prinzip bleibt er aber durchgehend in dem Moment, in dem er sein Urteil erwartet. Seine Erinnerungen umspannen einen Zeitraum von ungefähr 15 Jahren – also von kurz vor dem Beginn des Krieges bis zur Gerichtsverhandlung, die wir in der Inszenierung übrigens vom ersten Moment an zeigen, obwohl sie bei Icke erst im vierten Akt stattfindet. Dabei blicken wir die ganze Zeit durch die Augen von Orest. Es ist seine Perspektive.

Kein einziges Kind sollte in einem Krieg sterben oder für einen militärischen Sieg geopfert werden. Das Töten der eigenen Tochter für den Krieg ist völlig verwerflich. Aber aus der Perspektive von Agamemnon wird verständlich, dass man als Anführer einer Kriegsmacht so denken und handeln KANN. Als Privatperson ist er von diesem Denken weit entfernt, doch als Politiker ist er zu schwach, um sich der führenden Kriegslobby zu widersetzen. Auch aus Angst, seine Macht zu verlieren. Macht ist furchtbar, denn man kann nicht mächtig sein, ohne diese Macht auch zu missbrauchen – selbst wenn man es nicht will. Wir zeigen diese Mechanismen auf der Bühne, um beim Publikum Reibung, Nachdenken und Diskussionen anzuregen. Dabei schwingt natürlich auch die Frage mit, was es eigentlich heißt, ein Opfer zu bringen bzw. sich selbst zu opfern. Was denkst du?

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Das hat für mich viel mit der Figur der Iphigenie zu tun, die sich zum Beispiel bei Euripides und auch in der Gluck-Oper „Iphigenie auf Aulis“ freiwillig für den Opfertod entscheidet, um ein Ende der Windstille für die griechische Flotte zu erreichen. In der griechischen Mythologie stirbt Iphigenie letztlich nicht durch die Hand ihres Vaters, sondern wird im letzten Moment von der Göttin Artemis gerettet und auf die Halbinsel Tauris gebracht. Dies wird bei Robert Icke nicht erzählt, aber in der Inszenierung versuche ich, es atmosphärisch mit einzubringen und ihren Tod in einer gewissen Uneindeutigkeit zu halten – desto mehr Iphigenie dann in der Figur der Kassandra und der Göttin Athene zurückkehrt.

ter wird vom Vater geopfert. Sie war nie wirklich glücklich. Und als Frau an der Seite eines Kriegsherren vertritt sie eine zunehmend pazifistische Haltung. Ich sehe Klytämnestra als die letzte Vertreterin des Matriarchats, der es aber nicht mehr gelingt, sich ein Königreich aufzubauen. Denn zum einen versagt ihr durch sie zum König erhobener Liebhaber. Zum anderen kehrt ihr totgeglaubter Mann aus dem Krieg zurück, um seine alte Position wieder einzunehmen. Sie wird ihn töten, auch aus Rache für den Mord an der Tochter. Letztlich werden beide – Klytämnestra und Agamemnon – im Zuge ihrer staatspolitischen Aufgaben mit dem allerhöchsten Schicksal konfrontiert, um daran zu zerbrechen. Der Chor spielt bei Aischylos eine wichtige Rolle. Wie sieht es für dich in deiner Inszenierung aus?

Mit Agamemnons Entscheidung für das Wohl des Staates tötet er nicht nur seine Tochter, sondern zerstört auch seine Familie. Was macht das mit Klytämnestra?

Bei uns bildet das gesamte Ensemble gleichzeitig auch den Chor und ist dementsprechend als individuelle Figur und als Chor den ganzen Abend auf der Bühne. Die Schauspieler*innen treten aus dem Chor als Individuen heraus und gehen wieder darin auf. Damit ist die Öffentlichkeit auf der Bühne permanent präsent.

Klytämnestra ist eine von Anfang an ausgehöhlte Seele. Auch wenn Robert Icke ihre Vorgeschichte nicht erzählt, ist sie wissenswert, denn sie zeigt eine vergewaltigte und entführte Frau, deren erster Ehemann und ihr gemeinsames neugeborenes Kind von Agamemnon ermordet wurden. Nun ist sie Königin in einem fremden Land und mehrfache Mutter; ihre älteste Toch-

Zum Abschluss: Wie gestaltet sich bei dir der vierte Akt und damit auch der Ausblick des Stücks?

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Nachdem die Handlung mit der letzten Gewalttat, also Orests Muttermord, endet, gehen wir in einen großen Epilog, in dem es um die gemeinsame Suche nach der Utopie des Friedens, der Demokratie und der Gerechtigkeit geht. Athene ruft die Anwesenden auf, als Kollektiv zu handeln im Sinne eines guten Ende. Im Sinne der Katharsis ist sie auch diejenige, die den Freispruch Orests ermöglicht. Während bei Robert Icke der vierte Akt als besinnungslose Leere endet, wird bei Aischylos am Ende ein großes Fest gefeiert – ein Freudenfest anlässlich der Ablösung der Blutrache durch die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und ein friedliches Miteinander. Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns in unserer Inszenierung am Ende noch mal dem Original annähern. Aktuell leben wir in unsicheren bzw. verunsichernden Zeiten. Die längste in Westeuropa anhaltende Friedenszeit ist bedroht – oder ist der Krieg nicht schon längst da? Weltweit bringen sich Staatenverbände gegeneinander in Stellung. Und weltweit sind populistische Parolen zu hören, die die Gesellschaften spalten und die Demokratien aushöhlen. So auch aktuell in Deutschland, wo sich die Parteien und ihre Anhänger*innen zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen.

Wie eingangs gesagt: In den antiken Tragödien geht es immer um die ganz großen Fragen. Stellvertretend für Rechtssysteme, Staatenverbände und die Weltordnung agieren hier die einzelnen Figuren innerhalb ihrer moralischen und familiären Konflikte, die vor rund 2.500 Jahren auf den Bühnen im antiken Griechenland gespielt wurden und bis heute nichts von ihrer Kraft verloren haben.

Das Gespräch führte die Dramaturgin Nadja Hess

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CHOR Niemals brülle das unersättlichste aller Übel, der Bürgerkrieg, durch diese Stadt, das wünsche ich ihr, und hat der Staub einmal das schwarze Blut der Bürger getrunken, so fordere er nicht in rasender Rachsucht – Mord für Mord – Vergeltung in der Stadt. Freude für Freude sollen sie einander schenken. Gemeinschaftlich denken an das Wohl der Gesamtheit – auch im Hass eines Sinns! Viel menschliches Leid lässt sich so vermeiden.

Aischylos: Orestie (Die Eumeniden)

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Lebendig ist, wer wach bleibt sich den anderen schenkt das Bessere hingibt niemals rechnet. Lebendig ist, wer das Leben liebt seine Begräbnisse, seine Feste wer Märchen und Mythen auf den ödesten Bergen findet. Lebendig ist, wer das Licht erwartet in den Tagen des schwarzen Sturms wer die stilleren Lieder ohne Geschrei und Schüsse wählt sich zum Herbst hinwendet und nicht aufhört zu lieben. Luigi Nono 22


Impressum Herausgeber: Theater Vorpommern GmbH Stralsund – Greifswald – Putbus Spielzeit 2026/27 Geschäftsführung: André Kretzschmar Künstlerischer Leiter: Rolf C. Hemke

Redaktion: Nadja Hess Gestaltung: ÖA / Marie-Louise Bartels 1. Auflage: 500 Druck: Flyeralarm www.theater-vorpommern.de

Textnachweise: Der Text auf den Seiten 6 bis 11 ist ein Originalbeitrag für dieses Heft von Nadja Hess Icke, Robert – Interview mit Susannah Clap vom 23.08.2025 unter: https://www.theguardian.com/stage/2015/aug/23/ robert-icke-director-oresteia-1984-interview Icke, Robert: Orestie nach Aischylos in einer Neubearbeitung von Robert Icke. Deutsch von Ulrike Syha. Reinbek bei Hamburg; Nono, Luigi: „Lebendig ist...“ aus Nonos Oper „Intolleranza 1960“, unter: https://voller-worte.de/lebendig-ist/ Aischylos: Die Orestie, übersetzt von Peter Stein. Frankfurt am Main 1988. Bildnachweise: Die Fotos sind auf der Probe am 17.09.2026 und 21.09.202 entstanden und stammen von Peter van Heesen.

Das Theater Vorpommern wird getragen durch die Hansestadt Stralsund, die Universitäts- und Hansestadt Greifswald und den Landkreis Vorpommern-Rügen

Es wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und EU-Angelegenheiten des Landes Mecklenburg-Vorpommern.


„Das Kind ist der Preis.“

Theater Vorpommern Stralsund – Greifswald – Putbus www.theater-vorpommern.de


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