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2019 Koreana Autumn(German)

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HERBST 2019

KOREANISCHE KULTUR UND KUNST

SPEZIAL

Vom Idol zum Künstler; Authentizität ihrer musikalischen Botschaft; ARMY: das erste Fandom seiner Art; Der Zeitgeist und die transmediale Kunstrevolution; Ein Sprung in Richtung globale Standards

ISSN 1975-0617

JAHRGANG 14, NR. 3

Die Odyssey von sieben jungen Künstlern


IMPRESSIONEN

Gotgam

Furchterregender als Tiger Kim Hwa-young Literaturkritiker, Mitglied der National Academy of Arts


M

© Yonhap News Agency

ein Lieblingssnack ist Gotgam (getrocknete Kaki). Das mag wohl daran liegen, dass ihr süßer Geschmack Erinnerungen an meine Kindheit auf dem Land heraufbeschwört. Auch heute noch denke ich sofort an Gotgam, wenn mich abends leicht der Hunger zwickt. Der Kakibaum (Diospyros kaki) stammt ursprünglich aus Ostasien. Um das Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, gab es viele Kakibäume. Wenn ihre hellbeigen, in voller Pracht erstrahlten Blüten im Juni abfielen, fädelten wir Ketten daraus. Im Herbst wickelten wir in ihre glatten Blätter die leckeren, aus den Körnern der ersten Ernte hergestellten Reiskuchen. Aber das beste Geschenk, das uns die Kakibäume machten, waren ihre herrlichen Früchte. Reife, süß-zarte Kakis (Hongsi) sind natürlich auch lecker, lassen sich aber nicht mit den getrockneten Gotgam vergleichen. An einem sonnigen Herbsttag waren alle Erwachsenen des Hauses auf einem hölzernen Sitzpodest versammelt und entfernten fein säuberlich die dünne Schale der herben Früchte. Es war wie ein Fest. Die geschälten Kakis wurden dann auf einer Matte, die auf einer Ablage im Innenhof ausgebreitet wurde, aufgereiht und getrocknet. Wenn sich die Oberseite durch den Flüssigkeitsverlust schwärzlich verfärbt hatte, wurden die Kakis umgedreht. Das zarte Fruchtfleisch der angemessen getrockneten Früchte machte einem schon den Mund wässrig. Nach dem Trocknen wurden sie in Tongefäßen aufbewahrt, um später daraus Gotgamssam (getrocknete Kaki mit Walnuss-Füllung) oder Sujeonggwa (erfrischender Punsch aus Zimt

und Ingwer mit getrockneten Kaki-Stückchen) zuzubereiten. Meist wurden Gotgam jedoch als Opfergabe für die Ahnenverehrungszeremonien aufbewahrt oder in langen Winternächten als Mitternachtssnack gegessen. Damals, als Süßigkeiten noch etwas Wertvolles waren, wurde ich hin- und hergerissen zwischen der Verlockung, eine oder zwei der auf der Matte trocknenden Kakis zu stibitzen, und der Angst, dass die leeren Stellen mich verraten könnten. Dank des technischen Fortschritts werden die Kakifrüchte heutzutage maschinell geschält und an Trockengestellen wie z.B. Drahtspalieren in Massen getrocknet. Aus den über 60 Tage Wind und Sonne ausgesetzten Früchten werden süß schmeckende Produkte mit hohem Kaugenuss, deren lieblich-braun verfärbtes Fruchtfleisch mit weißem Zuckerpuder überzogen ist. Übrigens gibt es eine amüsante Gotgam-Volksgeschichte, die jeder Koreaner in seiner Kindheit erzählt bekommt: Es war einmal ein Tiger, der, als er in tiefschwarzer Nacht im Hinterhof eines Gehöfts hin- und herlief, hörte, wie eine Mutter im Haus ihr weinendes Kind tröstete: „Psst! Hör auf, zu weinen. Der Tiger ist da!“ Aber das Kind weinte weiter. Da sagte die Mutter: „Schau mal hier, eine Gotgam!“ Als das Kind daraufhin schlagartig aufhörte, zu weinen, dachte der Tiger, dass eine Gotgam noch viel furchterregender als er selbst sein müsse, und lief vor Angst davon. Leider leben heute in den Bergen im Süden der koreanischen Halbinsel keine Tiger mehr, aber Gotgam gibt es immer noch. Gott sei gedankt dafür!


Von der Redaktion

Reportage über einen „Schönen Sturm“ Wer sich eine BTS-Performance anschaut, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, einem Ritual beizuwohnen. In ihrem Streben, die perfekte Show aufs Parkett zu legen, scheinen die Boys über die Grenzen des Menschenmöglichen hinauszuwachsen. Kein Wunder: Es ist allgemein bekannt, dass die Band-Mitglieder während ihrer Trainee-Zeit bis zu zwölf Stunden täglich ihre Auftritte einstudierten, was alle Vermutungen, dass sie auf der Bühne vielleicht nur ihre Lippen bewegen, widerlegte. Die sieben Jungs, aus denen mittlerweile sieben gut aussehende junge Männer geworden sind, haben die Welt im Sturm erobert. BTS ist DIE K-Pop-Sensation aller Zeiten, auch wenn die ARMYs, wie sich die Fans in aller Welt selbst titulieren, alleine schon bei dem Gedanken daran, ihre Idole in diese Schublade stecken zu wollen, revoltieren. Die Berichterstattung über das BTS-Phänomen stellte in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung für Koreana dar. Zunächst einmal stehen die internationalen Superstars derzeit nicht für persönliche Interviews zur Verfügung – ein maßgeblicher Hemmschuh für jedes gewissenhaft arbeitende Medienunternehmen. Eine Alternative war, Kenner der Musikbranche um Beiträge für die Spezial-Reihe „Die Odyssee von sieben jungen Künstlern“ zu bitten. Wir laden unsere Leser dazu ein, mit uns die Odyssee dieser sieben ganz normalen Jungs aus Korea, die die Spitzen der globalen Musikindustrie gestürmt haben, zu erkunden. „Mir scheint, das sich der Spieß umgedreht hat, denn jetzt besuche ich, die aus dem Land der Beatles kommt, die Heimat von BTS“, sagte Colette Balmain, Professorin an der Kingston University in London, die im August in Seoul am Forum „BTS: Beyond and Behind“ teilnahm. Frau Balmain, die selbst ein Fan ist, organisiert zurzeit eine internationale interdisziplinäre Konferenz über BTS, die vom 4.-5. Januar 2020 an der Kingston University stattfinden soll. Ahn In-kyoung Chefredakteurin der deutschen Ausgabe

VERLEGER Lee Sihyung REDAKTIONSDIREKTOR Kim Seong-in CHEFREDAKTEURIN Ahn In-kyoung REDAKTIONSBEIRAT Han Kyung-koo Benjamin Joinau Jung Duk-hyun Kim Hwa-young Kim Young-na Koh Mi-seok Charles La Shure Song Hye-jin Song Young-man Yoon Se-young COPY EDITOR Anneliese Stern-Ko KREATIVDIREKTOR Kim Sam LEKTORAT Ji Geun-hwa, Ham So-yeon KUNSTDIREKTORIN KIm Ji-yeon DESIGNER Kim Eun-hye, Kim Nam-hyung, Yeob Lan-kyeong LAYOUT & DESIGN

Kim’s Communication Associates

44 Yanghwa-ro 7-gil, Mapo-gu Seoul 04035, Korea www.gegd.co.kr Tel: 82-2-335-4741 Fax: 82-2-335-4743 ÜBERSETZUNG

Ahn In-kyoung Anneliese Stern-Ko Do Young-in Lie Yukyung Eom Yuseong

Preis pro Heft in Korea 6.000 Won Außerhalb Koreas US$9 Detailinformationen zu den Subskriptionspreisen finden Sie auf Seite 84. THE KOREA FOUNDATION BERLINER BÜRO c/o Botschaft der Republik Korea Stülerstraße 8-10, 10787 Berlin, Germany Tel: +49-(0)30-260-65-458 / Fax: +49-(0)30-260-65-52 E-mail: koreana@kf.or.kr

KOREANISCHE KULTUR UND KUNST Herbst 2019 GEDRUCKT HERBST 2019 Samsung Moonwha Printing Co. 10 Achasan-ro 11-gil, Seongdong-gu, Seoul 04796, Korea Tel: 82-2-468-0361/5

Published quarterly by THE KOREA FOUNDATION 55 Sinjung-ro, Seogwipo-si, Jeju-do 63565, Korea https://www.koreana.or.kr

Fotocollage mit den Konterfeis der sieben Mitglieder der K-Pop-Sensation BTS Kim Ji-yeon & Kim Nam-hyung

© The Korea Foundation 2019 Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf ohne vorherige Genehmigung der Korea Foundation in irgendeiner Form reproduziert werden. Die Meinungen der Autoren decken sich nicht notwendigerweise mit denen der Redaktionsmitglieder oder der Korea Foundation. Koreana ist als Vierteljahresmagazin beim Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus registriert (Reg. Nr. No. Ba-1033, August 8, 1987) und erscheint neben Deutsch auch auf Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Indonesisch, Japanisch, Russisch und Spanisch.


SPEZIAL

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern 04

SPEZIAL 1

18

SPEZIAL 3

Vom Idol zum Künstler

ARMY: das erste Fandom seiner Art

Suh Byung-kee

Lee Jee-heng

12

SPEZIAL 2

26

30

SPEZIAL 5

Ein Sprung in Richtung globale Standards Jung Duk-hyun

SPEZIAL 4

Authentizität ihrer musikalischen Botschaft

Der Zeitgeist und die transmediale Kunstrevolution

Kim Youngdae

Lee Ji-young

36

50 UNTERWEGS

66

Fünf Inseln im Westmeer

Koreanische Poesie

FOKUS

Bong Joon-ho: Ein Genre für sich Ju Sung-chul

Lee Chang-guy

40

58

INTERVIEW

Hanok für das 21. Jh. Lim Jin-young

GESCHICHTEN AUS ZWEI KOREAS

Samen des Wachstums säen Kim Hak-soon

BLICK AUS DER FERNE

Martin Leiner

68

REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

Variation von Realiät und Fantastischem Choi Jae-bong

46

VERLIEBT IN KOREA

Spurwechsel: Vom Hochgeschwindigkeitszug zur Patisserie Choi Sung-jin

62

EN GANZ NORMALER TAG

40 Jahre mit alten Büchern Kim Heung-sook

Paho – Gebrochen Kim Do-yeon


SPEZIAL 1

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern

VOM IDOL ZUM KÜNSTLER Die sieben Mitglieder der koreanischen Boygroup BTS haben sich zu Zugpferden des Umsatzes der internationalen Musikindustrie entwickelt. Auch kulturell ist ihr Einfluss so enorm, dass man von einem globalen Syndrom sprechen kann. Wo hat dieses nach wie vor verblüffende Phänomen seinen Anfang genommen? Suh Byung-kee Leitender Reporter für Popkultur, Wirtschaftszeitung The Herald Business

4 KOREANA Herbst 2019


Die BTS-Welttournee Love Yourself: Speak Yourself startete am 4. Mai 2019 im Rose Bowl Stadion in Los Angeles und endete als Riesenerfolg am 14. Juli im Ecopa Stadion in Shizuoka, Japan. Die ausverkaufte Tournee führte durch acht Städte und zog 860.000 Fans an. Das Foto wurde Anfang Juni auf der BTS-Facebookseite für die 2019 BTS FESTA gepostet, um den sechsten Jahrestag des Debüts der Band zu feiern. © Big Hit Entertainment

KOREANISCHE KULTUR UND KUNST 5


A

uf dem Weg zum Erwachsenwerden findet jede junge Generation einen bestimmten Sänger oder eine Gruppe, die ihr eine Stimme verleiht. Am besten geeignet für eine weltweite Anhängerschaft dürften dabei wohl Mainstream-Künstler sein, die, von großen Musikproduzenten unter die Fittiche genommen, auf Englisch, der globalen Lingua Franca, singen. Diese gängige Annahme wurde jedoch von BTS widerlegt: Die Gruppe wurde von einem mittelgroßen Entertainment-Unternehmen großgezogen, singt in einer Sprache, die weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung versteht, und fügt sich noch nicht einmal ihrem Genre, dem K-Pop.

Emotionale Berührungspunkte jenseits aller Grenzen

Obwohl die BTS-Songs auf den Problemen und Sorgen des Heranwachsens in Korea basieren, berührt ihr Kern emotionale Saiten jenseits von Nationalität oder Kultur. Darin besteht die enorme Leistung der sieben Boys mit den Künstlernamen RM, SUGA, Jin, j-hope, V, Jimin und Jung Kook. Auf Basis ihrer persönlichen Erfahrungen äußern sie sich zu Selbstzweifeln, elterlichem Druck, durchkreuzten Träumen und ihren Misserfolgen im institutionellen System. Ihre Gedanken und Gefühle geben den Fans die Gewissheit, nicht alleine zu sein. Passend dazu ist „BTS“ ein Kürzel für „Bangtan Sonyeondan“ (unverwundbare Pfadfinder), was „Widerstandsfähigkeit und Schutz“ assoziiert. „Der Erfolg von Drake, BTS und Ariana Grande verhalf der Musikindustrie zu ihren größten Einnahmen seit einem Jahrzehnt. Der Musikmarkt hat mittlerweile ein Volumen von 19 Mrd. US-Dollar, was in etwa dem Niveau von 2006 entspricht“, so der Internationale Verband der Phonographischen Industrie (IFPI), Repräsentant der globalen Musikindustrie. Am 2. April 2019 schrieb die BBC in einem Artikel, der den vom IFPI veröffentlichten Global Music Report 2019 analysierte: „Die Explosion der Streaming-Abonnements trug wesentlich zur Rettung der Branche bei, die sich seit einem Jahrzehnt im freien Fall befand.“ BTS sorgt mit ihrer Ausstrahlungskraft über die Musikbranche hinaus auch kulturell für Furore. Kaum ist ein neuer Song erschienen, wird der Text sofort von der globalen Fangemeinde ARMY (Adorable Representative M.C. for Youth) übersetzt und in seiner Bedeutung analysiert. Die Videos auf BANGTANTV, dem täglichen Kommunikationskanal zwischen BTS und ARMY, werden ebenfalls in verschiedene Sprachen übertragen, womit alle sprachlichen und physischen Barrieren aufgehoben werden. In den Online-Fancafés liegt derzeit die „BTS-Wiki(pedia)“

6 KOREANA Herbst 2019

im Trend, ein „K-Pop-Vokabelverzeichnis“ von romanisierten koreanischen Wörtern und englischen Begriffen wie „jinjja“ (echt!), „daebak“ (Wahnsinn!), „chingu“ (Freund/Freundin). Dank dieses Nachschlagwerks verstehen die Fans auch Ausdrücke wie „baepsae“ (Braunkopf-Papageischnabel: kleiner Vogel, der für „Schwaches, Bedeutungsloses“ steht), sowie „heuksujeo“ („schmutziger Löffel“: aus ärmlichen Verhältnissen stammend). Die K-Pop-Industrie hat seit den frühen 1990er Jahren viele populäre Gruppen hervorgebracht, aber keine vom Format der Bangtan Boys, die drei Jahre in Folge mit dem „Top Social Artist“ bei den Billboard Music Awards ausgezeichnet wurden. BTS ist nach den Beatles die erste Gruppe, die innerhalb eines Jahres drei Nr. 1-Alben in den Billboard 200-Charts platzieren konnte. Das Magazin Time hat das Septett in seine Weltlisten der Führungskräfte der nächsten Generation und der einflussreichsten Personen im Internet aufgenommen. In Korea sind die BTS-Mitglieder die jüngsten Träger des „Ordens für kulturelle Verdienste“, einer vom Präsidenten vergebenen Auszeichnung für Beiträge zur Verbreitung der koreanischen Kultur und Sprache. Die Gruppe generiert nach Angaben des Hyundai Research Institute jährlich 3,6 Mrd. US-Dollar für die koreanische Wirtschaft. Mit Map of the Soul: Persona hat BTS das bislang meistverkaufte Album herausgebracht und die Boys sind die meistverkauften Künstler der Geschichte.

Die Gießform brechen

Bang Si-hyuk, CEO des BTS-Labels Big Hit Entertainment, schlug 2012 mit einer neuen Girlgroup namens GLAM fehl. Auf der Suche nach Möglichkeiten, wieder auf die Füße zu kommen, beschloss er, statt sich wie bis dahin üblich, nur auf Training und Management von Künstlern zu konzentrieren, ein neues System zu schaffen, das Idolen eine langfristige Präsenz im Rampenlicht verschaffen könnte. Mit Blick auf die Erfolge von zwei Gruppen – Big Bang von YG Entertainment und EXO unter SM Entertainment – analysierte Bang die Konsumlandschaft des Musikmarktes und kam zu dem Schluss, dass nicht Idole, sondern Künstler die Antwort sind. Er hielt es für wichtiger, seinen Entertainern durch Entwicklung eigener Songs eine distinktive Aura zu verleihen, als ihnen nur zu einigen trendigen Hits zu verhelfen. Vor dem BTS-Debüt waren zwar schon einige koreanische Idolgruppen im Ausland erfolgreich, sie wurden jedoch oft als „Fabrikprodukte“ kritisiert, die nach Jahren intensiven Trainings auf den Markt gebracht wurden – eine Ansicht, die


1

1, 2. Szenen aus dem Musikvideo zu Blood Sweat & Tears, dem Titelsong von WINGS, des 2016 herausgebrachten zweiten Albums von BTS. Das Motiv des Lieds stammt aus Herman Hesses Roman Demian: Die Geschichte einer Jugend - von Emil Sinclair.

2 © Big Hit Entertainment

in ausländischen Medienberichten über die Schwächen und Probleme von K-Pop häufig vertreten wurde. Als Jonghyun, der Main-Vocalist der Boyband SHINee, im Dezember 2017 Selbstmord beging, schrieb die Zeitschrift Variety, das US-Branchenblatt der Unterhaltungsindustrie: „Die koreanische Unterhaltungsindustrie fördert ein Arbeitsumfeld, das an Die Tribute von Panem - The Hunger Games erinnert.“ In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass BTS einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der negativen Aspek-

te der koreanischen Idol-Industrie, auf die die Auslandspresse stets hinwies, geleistet hat. Mit ihrem neuen Geschäftsmodell „vom Idol zum Künstler“ erfüllten Bang Si-hyuk und Big Hit Entertainment die Anforderungen des Marktes. Bekannt als „Hitman“ für sein Talent, Hits zu komponieren, blieb Bangs Rolle nicht unbemerkt. 2017 erhielt er bei den Korea Content Awards eine vom Präsidenten verliehene Auszeichnung und 2018 bezeichnete Variety Bang als „Internationalen Leader im Musikbereich“. Zudem lud ie

KOREANISCHE KULTUR UND KUNST 7


amerikanische Recording Academy Bang und BTS in Anerkennung des Status der Gruppe dazu ein, zusammen mit anderen ausgewählten Vertretern der Musikindustrie als Juroren der Grammy Awards 2020 zu fungieren.

Eigene Geschichten erzählen

Bereits zu Beginn ihrer Trainingszeit fragte Bang die BTS-Mitglieder immer wieder: „Welche Gedanken gehen euch derzeit so durch den Kopf?“, „Gibt es nichts, was ihr sagen möchtet?“ Auf diese Weise ermutigte er sie, in ihr Innerstes zu schauen und ihre eigenen Geschichten zu finden. Bang betrachtete Hip-Hop als idealstes Medium für das BTS-Narrativ, da dieses Genre den Sänger dazu auffordert, Texte auf Basis eigener Erfahrungen zu schreiben. Entsprechend effektiv kann der Interpret einen überzeugenden Bühnencharakter mit einer eigenen Botschaft verkörpern. RM und SUGA hatten diesbezüglich bereits Know-how in der Underground-Hiphop-Szene gesammelt, bevor sie zu BTS stießen. Auch der Zeitpunkt war günstig, denn das Jahr 2013, in dem BTS debütierte, brachte einen Wendepunkt für Hip-Hop. Rapper wie Kayne West und Kendrick Lamar waren auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Daher sind die starken Hip-Hop-Anlehnungen in der BTS-Musik nicht nur auf die gemeinsamen persönlichen Vorlieben der Boys zurückzuführen, sondern auch auf die für den großen Durchbruch eingesetzten Marketingstrategien. In der Vergangenheit bevorzugten K-Pop-Fans Idole, die gut singen und tanzen können. Durch langjähriges hartes Training erlangte Fähigkeiten im Singen und Tanzen werden

zwar nach wie vor verlangt, aber zur Perfektionierung von Bühnenauftritten kam eine weitere Kompetenz hinzu: die intellektuelle Fähigkeit, das Geschehen in unserer Gesellschaft interpretieren zu können. Natürlich müssen Idole nicht mit Antworten auf die Fragen unserer Zeit aufwarten können, sie sollten aber zumindest zu Meinungsäußerungen in der Lage sein. Sind sie das nicht, würden sie in einer Zeit, in der es um die Weltanschauungen der Idole geht, nur Statisten statt Protagonisten der eigenen Musik sein. Bereits vor ihrem Debüt 2013 übte sich BTS darin, selbstsicher ihre eigene Sicht der Dinge darzulegen. Es ist beeindruckend, zu sehen, wie sie bei Interviews ihre Gedanken zur Musik freiheraus und fließend artikulieren. Vielleicht liegt das an den endlosen Diskussionen untereinander, an Buchlektüre und Selbstreflexionen. Zu den Themen, mit denen sich BTS immer wieder beschäftigte, gehören die Schmerzen der heranwachsenden Jugendlichen, psychische Gesundheit, Mängel der Institutionen und junge Erwachsene, die ihre Hoffnungen verlieren. Mit einem Wort: Die BTS-Songs sind von einem sozialen Bewusstsein durchdrungen, dem es gelungen ist, Grenzen und Kulturunterschiede zu transzendieren. Überall auf der Welt sagen die Fans, dass die Songs ihnen Trost und Motivation spenden. „Ich denke, das Publikum von heute ist sehr intelligent und anspruchsvoll. Es erkennt sofort, was echt ist und was nicht“, sagt RM (Rap Monster), das erste BTS-Mitglied und Leader der Gruppe. „Wir bleiben unserem Hauptjob treu, bemühen uns aber gleichzeitig, unser wahres Inneres über die sozialen Medien besser zu vermitteln.“

„Kleiner Vater“ der Jungs Pdogg

esten Album Map of the Soul: Persona – durch

Vorbereitungsphase, in der es viele Probleme

© Big Hit Entertainment

die Hände des Chefproduzenten von Big Hit

zu lösen galt, ihn fast verfrüht ins Grab ge-

Entertainment.

bracht hätte, denn: „Es gibt einfach keinen

2007, kurz nach der Gründung von Big Hit

Berg, den ich nicht versucht hätte, zu erklim-

Entertainment, lernte Pdogg CEO Bang Si-

men.“

hyuk kennen. Mit dem Beschluss, BTS als

2018 war Pdogg der koreanische Produzent

Die BTS-Mitglieder nennen ihn Jageun abeoji,

Hip-Hop-Idolgruppe heranzuziehen, musste

mit den höchsten Urheberrechtseinnahmen

wörtlich „Kleiner Vater“. Diese für den jünge-

er sich über sein Spezialgebiet des westli-

und im Februar 2019 wurde er auf der 56.

ren Bruder des Vaters verwendete Anrede

chen Hip-Hop hinaus auch noch mit anderen

Generalversammlung der Koreanischen Ge-

Chefproduzent

weist schon darauf hin, wie entscheidend

Genres befassen, die BTS-Performance „fein-

sellschaft für Musikurheberrechte mit zwei

Pdogg für das Wachstum der Gruppe war.

schleifen“ und den Boys helfen, ihre persön-

Hauptpreisen für die höchsten Lizenzgebühr-

Tatsächlich ging die gesamte Musik – von

lichen Erfahrungen kompositionell umzuset-

einnahmen als Komponist und Texter in der

ihrer Debütsingle 2 Cool 4 Skool bis zum neu-

zen. Er sagte einmal, dass die anstrengende

Kategorie „Popmusik“ ausgezeichnet.

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© Big Hit Entertainment

Eine Szene aus dem Musikvideo zu Fake Love, dem Titelsong des dritten BTS-Albums LOVE YOURSELF: Tear. Das Lied wurde wegen seiner für das Genre atypischen melancholischen und beunruhigenden Note als „emotionaler Hip-Hop“ beschrieben.

Von Mimik und Gestik bis zu Tanzeinlagen © Lee Seung-hee

Son Sung-deuk

Tänze werden von Fans auf der ganzen Welt

in einem Interview.

Performanceregisseur

nachgeahmt.

Son, der bereits in seinen mittleren Teenager-

Am Anfang hatte jedes BTS-Mitglied eine

jahren ernsthaft mit dem Tanzen begann,

recht fest abgesteckte Rolle, sodass sich die

blickt heute auf über 20 Jahre Tanzerfah-

Choreografie hauptsächlich auf j-hope und

rung zurück. Als Freiberufler leitete er die

Jimin konzentrierte. Mit den großen Fort-

Tanzinszenierungen einiger koreanischer

Die Tanz-Choreografie von BTS ist extrem am-

schritten der übrigen fünf Jungs im Tanzen

Top-Idolgruppen der späten 1990er bis frü-

bitiös und schwierig. Performanceregisseur

verlagerte sich der Fokus dann aber auf das

hen 2000er Jahre, darunter Sechs Kies, Fin.

Son Sung-deuk konzipiert nicht nur sämtliche

harmonische Zusammenspiel der Band als

K.L und Shinhwa. Seit dem Start von Big Hit Entertainment ist er für die Performances

Tanzeinlagen der Boyband, sondern auch alle

solcher. „Anfangs war es etwas seltsam, Hip-

anderen Bewegungen inklusive Gestik und

Hop durch Performance-Elemente zu ergän-

von 2AM (in Zusammenarbeit mit JYP), GLAM

Mimik der einzelnen Mitglieder. Sein Einfluss

zen. Am schwierigsten war, das Ganze nicht

und BTS verantwortlich.

ist enorm, denn die von ihm choreografierten

befremdend wirken zu lassen“, gestand Son

KOREANISCHE KULTUR UND KUNST 9


Das Modell, nach dem Big Hit Entertainment BTS managt, verlangt eine Art von Kreativität, die herkömmlichen koreanischen Boy Bands fehlt. Die BTS-Mitglieder müssen in der Lage sein, nicht nur die Musik, sondern alles in ihrem Umfeld auf ihre eigene Art und Weise zu interpretieren, wofür sie die Wechselbeziehungen und Kontexte in diesem Umfeld verstehen müssen. Alle BTS-Mitglieder, allen voran RM und SUGA, besitzen diese Fähigkeit. Der Erfolg kam nicht über Nacht. BTS war weder eine richtige Idolgruppe noch eine Rapgruppe, weshalb sie die Fans

der beiden Genres nicht so schnell überzeugen konnte. Da sie von einer kleinen Entertainmentagentur und nicht von Giganten wie SM, YG und JYP gemanagt wird, sorgte ihr Debüt zudem nicht für Schlagzeilen. Im Ausland wiederum sah sich BTS mit denselben Stereotypen konfrontiert, mit denen bislang alle koreanischen Boybands zu kämpfen hatten: fehlende Tiefe und fehlende Message; fehlende Sprachkenntnisse, da sie nicht auf Englisch singen können. Auch sollten sich Idole nicht zu sozialen und politischen Themen äußern oder offen über ihre Gefühle und Erfahrungen im Leben sprechen.

BTS bei der Dankesrede anlässlich der Auszeichnung mit dem (für ziviles Engagement vergebenen) Top Social Artist Award der 2018 Billboard Music Awards, verliehen am 20. Mai 2018 in der MGM Grand Garden Arena in Las Vegas. BTS wurde ab 2017 drei Jahre in Folge mit diesem Preis ausgezeichnet. 2019 kam noch der Billboard Top Duo/Group Award hinzu.

© Getty Images, Fotos: Kevin Winter

Sieben Mode-Ikonen kreieren © Lee Seung-hee

Kim Sung-hyun

Seit seinem Einstieg bei Big Hit Entertainment

benserie The Most Beautiful Moment in Life

Kreativdirektor für visuelle Gestaltung

hat Kim nicht nur alle Kostüme der Boys

zahlreiche Filme angesehen habe, um den

entworfen, sondern auch jede, für Fans und

„schönsten Moment im Leben“ visuell klar

Publikum sichtbare visuelle Komponente de-

und eindrücklich vermitteln zu können. Zu

signt, sei es Albumcover, Videocontents oder

den Filmen gehörten neben Die Träumer,

Bühnenkulissen. Er leitet zwei Teams aus

Jim Carroll – In den Straßen von New York,

Das Leben von BTS spielt sich zwischen

Modestylisten, Visual Designern, Videokunst-

Trainspotting – Neue Helden, Der Club der

Übungsraum, Aufnahmestudio und Unter-

spezialisten und Editorial-Designern. Da die

toten Dichter, Verliebt und ausgeflippt auch

kunft ab. Für diese „Musterschüler“, die nur

Arbeit der Teams eng mit den Konzepten und

die Werke des US-Regisseurs Larry Clark, die

Musik und Tanz kennen, experimentierte der

Botschaften der Gruppe verbunden ist, ist ihr

sich hauptsächlich mit Devianz im Jugendalter

Modedesigner Kim Sung-hyun mit unzähligen

Einfluss entsprechend groß.

befassen. Er liebe Rockmusik nicht weniger

Outfits, um ihnen ein schickes Hip-Hop-Flair zu

In einem Interview sagte Kim, dass er sich

als Hip-Hop und finde manchmal visuelle In-

verleihen und sie zu Modeikonen zu stilisieren.

zum Erforschen des Konzepts für die Al-

spirationen in anderen Musikgenres.

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Selbst jetzt, wo BTS als Top-Boyband der Welt ihresgleichen sucht, gibt es immer noch die eine oder andere negative Einschätzung. Kritiker tun die BTS-Musik ab und behaupten, die Gruppe sei hauptsächlich das Produkt einer riesigen globalen Fangemeinde, die sich über die sozialen Medien untereinander abstimmt.

Ikonen der Generation Z

„Die Netizens lehnen Inhalte, die stark nach Reklame riechen, instinktiv ab. Also müssen die Contents interessant und unterhaltend sein. Es ist ja eine Show. Da braucht man nichts Tiefgründiges. Einer schlägt vor: ‚Wie wär’s damit?‘ – das reicht dann auch schon. Auf die Literatur übertragen wäre das z.B. ein Roman im Stil von Haruki Murakami. Es ist wichtig, vor der ‚Einschaltung der Erkenntnis‘ Gefühle zu vermitteln“, sagte mir Bang Si-hyuk vor Jahren. Er beschrieb die Content-Produktion als „eine angenehme Publikumstäuschung“. Wie beim Einsetzen von Puzzleteilen oder Auffinden eines Wimmelbild-Motivs interpretieren die ARMYs die Bedeutung der BTS-Songtexte, suchen die in den Musikvideos versteckten Symbole und Metaphern und vergleichen ihre Antworten. Das an sich ist bereits eine Art „digitale Spielkultur“, bei der jeder mitmachen kann. Nicht vergessen werden sollte zudem, dass die Bandmitglieder die Charakteristika der Generation Z aufweisen. Diese zwischen 1995 und 2005 geborene Generation der Digital Natives ist mit den sozialen Medien aufgewachsen. Sie träumen davon, Kreatoren, Profi-Gamer, Programmierer und Startup-Gründer zu werden, und leben ihr Leben nach ihrer

eigenen Façon, nicht nach den Wünschen der Eltern. Ohne Zögern gehen sie ihren Interessen nach und äußern ihre Ansichten und Überzeugungen, statt nur stumm dazustehen. Und anstatt zuzuschauen, wie andere etwas kreieren, schaffen sie lieber eigene Kreationen. Mit einem Wort: Es ist eine Generation, die Dinge in Angriff nimmt. Diese Merkmale der Generation Z treffen in vielerlei Hinsicht auch auf BTS zu. So bringen die Mitglieder ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken in ihre Songs ein und teilen sie in den sozialen Medien, was für die Generation Z, die ihr eigenes Leben gestalten will, nur angemessen ist. Die BTS-Mitglieder sind jetzt Anfang bis Mitte 20. RM sagte einmal: „Wir haben darüber gesprochen, was wir selbst am besten können und kennen. In unseren Teenagerjahren war es die Schule, in unseren Zwanzigern dann die Jugendzeit. Unsere Geschichten aus diesen Phasen haben sich quasi angehäuft, bis Love Yourself und Persona herauskamen.“ Die ARMYs dürfen neugierig sein, was BTS in Zukunft noch alles präsentieren wird. Die Boyband wechselte bereits von Hip-Hop zu anderen Genres. 2017 gab BTS bekannt, dass das Namenskürzel auch für „Beyond the Scene“ stehe, was andeutet, dass sie sich bereits auf das Überwinden der nächsten Hürden freuen. Nach der Eroberung der Weltbühne ist diese nächste Hürde nicht mehr von dieser Welt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Die Playlist der US-amerikanischen Aeronatikund Raumfahrtbehörde für ihre Reise zum Mond im Jahr 2024 enthält drei BTS-Songs: Moonchild, Mikrokosmos und 134340.

Musikvideos voller surrealer Ästhetik

© 8seconds

Lumpens

Lumpens (Choi Yong-seok) führte bei fast

Der Medienkünstler Lumpens wird auch als

Videoregisseur und künstlerischer Leiter

allen der beliebtesten Musikvideos von BTS

„zweiter Nam June Paik“ (Vater der Video-

Regie, darunter Blood, Sweat & Tears, Fire,

kunst) bezeichnet. Er bezieht seine Ideen aus

Spring Day, DNA, Fake Love und IDOL.

Filmen und Romanen. Dem Trailer Persona

In den BTS-Musikvideos finden sich mehr-

zum Album Map of the Soul: Persona verlieh

schichtige ästhetische Arrangements. Sie

er mithilfe modernster Filmtechniken einen

BTS kommuniziert mit den ARMYs häufig

enthalten surreal anmutende Symbole und

Science-Fiction-Touch, um aus BTS-Leader RM

über die sozialen Netzwerke. Ihre Musik exis-

Metaphern oder auch einfache Suchbildele-

eine gigantische digitale humanoide „Perso-

tiert nicht losgelöst, sondern erzielt erst in

mente. Die unzähligen Vorrichtungen, Einstel-

na“ zu machen.

Kombination mit Videos ihren erstaunlichen

lungen und versteckten Symbole bieten den

Ausstrahlungseffekt. Einige der Musikvideos

Fans ausreichend Spielraum für verschiedene

der Band wurden sogar mehrere hundert Mil-

Interpretationen und laden zum regen Aus-

lionen Mal abgerufen.

tausch untereinander ein.

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© Big Hit Entertainment

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SPEZIAL 2

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern

AUTHENTIZITÄT IHRER MUSIKALISCHEN BOTSCHAFT Chart-Rankings, Einfluss auf die Musikindustrie, Formen des Musikkonsums im Zeitalter der Neuen Medien, Globalisierung des K-Pop – das sind einige Faktoren, die in Diskussionen über BTS oft erwähnt werden. Der Erfolg der Boygroup und ihrer Implikationen mit Blick auf die Musikgeschichte sollten jedoch vor allem im Rahmen der Anziehungskraft ihrer Musik an sich betrachtet werden. Kim Youngdae Musikkritiker

W

as BTS von den unzähligen Idolgruppen der heutigen Zeit abhebt, ist v.a. die Ehrlichkeit, die die Boygroup durch ihre im Hip-Hop verwurzelte Musik zum Ausdruck bringt. Es ist BTS erfolgreich gelungen, die traditionell widersprüchlichen Elemente Hip-Hop und Idol-Identität zu verbinden und dadurch im Vergleich zu anderen K-Pop-Gruppen etwas völlig Originäres zu schaffen. Um die Zeit ihres Debüts im Jahr 2013 begann die Hip-Hop-Musik, die seit Mitte der 2000er Jahre in Korea an Beliebtheit gewonnen hatte, tief in die gesamte K-Pop-Welt einzudringen. Insbesondere die Boygroup Big Bang adaptierte Image und Haltung des Hip-Hop und die Idolgruppen brachten erfolgreiche Hiphop-Stars wie G-Dragon und Jay Park hervor. Auch der Hype um die 2012 auf dem Musik- und Unterhaltungssender Mnet gestarteten Rap-Wettbewerbs Show Me the Money trug dazu bei, Hip-Hop, der für immer Indie-Pop zu bleiben schien, in den Mainstream zu bringen. Der Aufstieg des Hip-Hop verlieh der Idol-Musik, die die koreanische Popmusik anführt, eine neue

Art von Fantasie. Eine Idol-Band, die dem Hip-Hop verschrieben ist, oder eine Hip-Hop-Gruppe in Idol-Outfits – das war die sorgfältig entworfene neue Formel und viele neue Bands wurden nach dem gleichen Muster organisiert. Doch keine von ihnen machte sich die Essenz des Hip-Hop erfolgreicher und effektiver zu eigen als BTS.

Kern des Hip-Hop

Bang Si-hyuk, CEO des BTS-Labels Big Hit Entertainment, wollte eine Idolgruppe mit einer Hip-Hop-Identität schaffen, die mehr als nur Rap kann. RM und SUGA, die führenden BTS-Mitglieder, wurden v.a. aufgrund ihres Könnens im Rappen und Produzieren ausgewählt. CEO Bang bot ihnen ein freies kreatives Umfeld, in dem HipHop als Medium für ihre eigenen, ehrlichen Geschichten und nicht nur als „Accessoire“ dienen konnte. Ergebnis war die Geburt einer Idolgruppe mit außergewöhnlich harschen, aufrichtigen und gesunden Botschaften. Im Gegensatz zu anderen Hip-Hop-Idolen der Zeit verwendete BTS Arrangement und Stil des Old School-Hip-Hop aus den 1980er und 1990er Jahren. Dies zeigt sich besonders deutlich in ihren früheren, als School Trilogy bekannten Produktionen und erscheint erneut in den Songs Intro: Persona und Dionysus aus dem Album Map of the Soul: Persona (April 2019), was noch einmal unterstreicht, dass ihre musikalischen Wurzeln im Hip-Hop liegen.

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花樣年華

Konzeptfoto für The Most Beautiful Moment in Life, Pt. 2, das zweite Album der Youth-Serie, und das vierte, 2015 herausgegebene Minialbum. Das Foto wurde herausgebracht unter dem Titel Je Ne Regrette Rien (Ich bereue nichts) – Ausdruck für die jugendliche Energie, die sich nicht mit der Realität zufriedengibt.

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Hintergrund der literarischen Sensibilität und Gesellschaftskritik, die in den BTS-Texten zum Ausdruck kommt, ist also ihr Interesse an der Old School-Musik. Es gelang BTS nicht nur, die neuesten Trap-Beats, sondern auch den Jahrzehnte alten Musikstil erfolgreich zum Besten zu geben, ein Erfolg, hinter dem die Produzenten von Big Hit Entertainment stehen, darunter Pdogg und Supreme Boi, die so viel über das Genre wissen wie sonst niemand in der koreanischen Musikszene. Trotz einiger zweifelnder Seitenblicke blieb BTS dem Hip-Hop treu und erforschte ernsthaft dessen Möglichkeiten. Die grundlegenden Elemente des Genres sind „Authentizität“ und „Repräsentativität“. Die Musikrichtung wertschätzt und überprüft manchmal ziemlich hart, ob Rapper echte Geschichten erzählen und ihre Klasse bzw. Herkunft aufrichtig offenbaren. In dieser Hinsicht bleibt die Musik von BTS dem Wesen des Hip-Hop treu. Anstatt andere zu imitieren, konzentrierte sich BTS darauf, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die BTS-Jungs, die nicht mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen sind, sangen sich ihren Schmerz und ihre Wut als gesellschaftliche Außenseiter von der Seele. Außerdem unternahmen sie einen erfrischend kreativen Versuch, ihre regionale Identität mit Rap in den Dialekten ihrer Heimatregionen zu behaupten. Diese Ehrlichkeit sprach die Öffentlichkeit an und gewann ihre Unterstützung. Ihre Authentizität und Leidenschaft für den Hip-Hop bewies die Gruppe dadurch, dass sie trotz gelegentlicher Kritik seitens der Hip-Hop-Community und der Idol-Fans ihre musikalischen Grenzen ständig erweiterte, ohne ihre Rapper-Identität aufzugeben. Die Lead-Rapper RM, SUGA und j-hope stellten ihre Talente als Rapper und Produzenten unter Beweis, indem sie neben den regulären Alben der Gruppe noch jeweils ihre eigenen Mixtapes produzierten. Durch diese nicht auf kommerziellen Erfolg zielenden Soloprojekte – sie standen als kostenfreie Downloads zur Verfügung – konnten die drei Bandmitglieder ihre ehrlichen Gedanken als Künstler ausdrücken.

Fortlaufendes Narrativ

Die Liedtexte werden oft als entscheidender Faktor für die Anziehungskraft der BTS-Musik erwähnt, aber das allein dürfte als Erklärung kaum ausreichen. Die BTS-Jungs sind die einzigen K-Pop-Künstler, die das Narrativ zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Karriere gemacht haben. Die heutige Idol-Musik hat festgelegte Konzepte und Weltanschauungen sowie Charaktere, die an Computer-Rollenspiele erinnern, zu unverzichtbaren Werbeelementen gemacht. Aber die von BTS vertretenen Konzepte und Weltanschauungen gehen über die der herkömmlichen Idolmusik, die sich oft auf fiktive und abstrakte Ideen beschränken, hinaus. Die gewöhnlichen, realistischen und lebensechten Persönlichkeitsmerkmale, die die einzelnen BTS-Mitglieder entwickelt haben, sind frei von Gekünsteltem und Affektiertem. Zudem schafft BTS ein fortlaufendes Narrativ © Big Hit Entertainment

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2

3 © Big Hit Entertainment

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in Form von Konzeptalben-Reihen mit kohärenten und in sich geschlossenen Themen. Die School Trilogy aus 2 Cool 4 Skool (2013), O! RUL8,2? (2013) und Skool Luv Affair (2014) thematisiert aus Schülerperspektive Träume, Glück, Frustration und Zorn junger Menschen. Anfang der 1990er Jahre hatten sich zwar schon die Gruppen Seo Taiji and Boys und H.O.T. in ihren Songs mit dem Schulleben befasst, aber die von BTS vermittelte Botschaft ist noch konkreter und persönlicher. Mit fortschreitender Karriere und fortschreitendem Alter der Mitglieder entwickelten sich auch ihre Geschichten auf natürlicher Weise. In der Youth Series mit The Most Beautiful Moment in Life, Part 1 (2015) und The Most Beautiful Moment in Life, Part 2 (2015) sowie im zweiten Studioalbum Wings (2016) erweiterte die Gruppe ihr Spektrum über das Schulleben hinaus und präsentierte einige literarische Themen wie Schönheit und Leiden, Reife und Versuchungen aus der Erfahrungswelt der Jugend von heute. Themen und visuelle Motive, die aus englischsprachigen Entwicklungsromanen oder japanischen Mangas für Jungen stammen, fanden breite Verwendung in Liedtexten, Melodien und Musikvideos, was zur Befestigung einer originären Weltanschauung und Ästhetik der Band führte. In diesem Prozess offenbaren die Mitglieder ihre Schwächen als Individuum völlig ungeschminkt und unverpackt, womit sie von dem traditionellen K-Pop-Ansatz, der makellose Perfektheit als Idol-Tugend propagiert, abweichen. Während die BTS-Jungs mit der Zeit sowohl als

1. Früherer Look der BTS-Mitglieder, zu sehen auf der Hülle ihrer am 12. Juni 2013 veröffentlichten DebütSingle 2 COOL 4 SKOOL. 2. Die Hülle des ersten, im Hip-Hop-Sound der Old School gehaltenen Minialbums O!RUL8,2 (Oh, Are You Late Too?) weist mit ihrer in knalligem Rot gehaltenen Beschriftung ein starkes Konzept auf. 3. Die aus dem dritten und vierten Minialbum bestehende Serie The Most Beautiful Moment in Life ist den besten, von Schönheit und Glück bestimmten Momenten im Leben gewidmet. Sie spiegelt den Wandel der Mitglieder von Jugendlichen zu jungen Männern wider. 4. Das 2017 herausgegebene Re-Package-Album You Never Walk Alone porträtiert Jugendfreundschaften und inneres Wachstum in hellen Tönen.

Musiker als auch als Individuen an Reife gewannen, entwickelten sich ihre Geschichten zu philosophischen Diskursen über die Qualen und Ängste von verletzten Jugendlichen, was in der Reihe Love Yourself (2017–2018) zum Ausdruck kommt. Das aus Erich Fromms Die Kunst des Liebens entlehnte Thema der Selbstliebe wurde verwendet, um das Narrativ aus den vorherigen Alben fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Statt das Konzept der Liebe auf die Banalität von Beziehungsgeschichten zu reduzieren, verwandelten sie es in eine heilende Botschaft für die Jugendlichen von heute: „Liebe dich selbst.“ Als sie die Verlockungen der Liebe und den Schmerz eines gebrochenen Herzens erlebten, begannen sie, über sich selbst nachzudenken, und warfen in ihrem jüngsten Album Map of the Soul: Persona die grundlegende Frage auf: „Wer bin ich?“ Ihre Geschichten wirken deshalb so echt und aufrichtig, weil die von den einzelnen Mitgliedern selbst verfassten Texte mit dem jeweiligen Charakter als Individuum übereinstimmen. BTS ist kein Produkt, das von Produzenten mit künstlichen, nach trendigen Konzepten improvisierten Bildern hergestellt wird. Die Persönlichkeit jedes einzelnen Mitglieds spiegelt sich in dem Charakter wider, den er in der Gruppe annimmt, und ihr Wachstum sowie ihr Wandel im Denken kommen offen in ihrer Musik zum Ausdruck. Auf dieser Grundlage wächst ihr authentisches Narrativ, eine der größten Stärken ihrer Musik.

Lyrik mit universeller Anziehungskraft

Das Narrativ von BTS ist deshalb so überzeugend, weil ihre Musik wunderbar mit ihrer Botschaft harmoniert. Die Reihenfolge, in der die Songs in den Alben angeordnet sind, ist logisch und die Details der einzelnen Genres und Arrangements stehen in engem Zusammenhang mit den Geschichten, die die Texte vermitteln sollen. Anstatt Botschaft oder Sound zu überbetonen, verbindet BTS beides nahtlos, um ihre Geschichten zu kreieren. Ihre Musik ist trendy und retro zugleich, wobei ein subtiles Gleichgewicht zwischen Altem und Neuem, Westlichem und Koreanischem bewahrt wird, um eine einzigartige Lyrik von universeller Anziehungskraft zu kreieren. BTS experimentiert mit verschiedenen Genres wie Old School-Hip-Hop, elektronischer Tanzmusik, Pop, R&B und sogar traditioneller koreanischer Musik und afrikanischen Klängen, aber die Band reiht die einzelnen Genres nie einfach aneinander, sondern macht sie zu einem wirksamen Mittel, um ihr künstlerisches Selbstbewusstsein auszudrücken und ihre Botschaften effektiv zu übermitteln. Die Melodien der BTS-Songs haben etwas Trauriges und Schmerzerfülltes, selbst den aufregendsten Rhythmen haftet ein Hauch Wehmut an. Diese Originarität rührt nicht nur an die Empfindsamkeit von Teens und Twens, sondern auch an die von Fans mittleren Alters, die sich nach ihrer Jugendzeit sehnen, und überschreitet nationale und kulturelle Grenzen auf der ganzen Welt.

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SPEZIAL 3

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern

DAS ERSTE FANDOM SEINER ART Hinter dem Erfolg von BTS steht ein mächtiges globales Fandom namens ARMY (Adorable Representative M.C. for Youth). Das Fandom als solches ist ein soziokulturelles Phänomen, das in puncto Organisation, Engagement und Selbstwertgefühl seinesgleichen sucht. Was die ARMY auszeichnet, ist die Art und Weise, wie die Fans Narrativ und Botschaft von BTS verinnerlichen. Lee Jee-heng Chung-Ang University; Mitglied des Unterausschusses für Filmbewertung der Koreanischen Medienbewertungsbehörde

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Bei der Eröffnungsveranstaltung für das Good Morning America Summer Concert des US-Senders ABC, das am 15. Mai 2019 im New Yorker Central Park stattfand, sangen rund 5.000 Fans bei Boy With Luv und Fire mit. Tausende von ARMYs trotzten dem schlechten Wetter und kampierten über Nacht im Park, um das Konzert zu sehen. © Getty Images, Fotos: Bauzen

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A

m 21. Mai wurde der obere Teil des Empire State Building in New York zu Ehren des Besuchs von BTS und ihres Fandoms ARMY in blendendes Lila getaucht. Die LED-Lichtshow war ein seltener Anblick, der sich normalerweise nur an Nationalfeiertagen oder bei Großveranstaltungen wie Olympischen Spielen bietet. Dem US-Beispiel folgend, waren Städtewahrzeichen wie das Wembley-Stadion in London, das Stade de France in Paris und das Nagai Stadion in Osaka anlässlich der BTS-Welttournee Love Yourself: Speak Yourself ebenfalls in Lila, die Symbolfarbe der Boygroup, getaucht. Das geschah als Anerkennung und Ehrenbezeugung gegenüber dieser „kulturellen Ikone“ unseres Zeitalters und auch als Anerkennung von ARMY als BürgerInnen der jeweiligen Städte.

Beeindruckender Einfluss

2017 schaffte BTS den Durchbruch in der globalen Musikszene. In dem Jahr sorgte die Boyband für eine Sensation durch Preisauszeichnungen und Auftritte bei zwei der drei größten Musikpreisverleihungen in den USA: den Billboard Music Awards und den American Music Awards. 2019 wurde die K-Pop-Gruppe für die Grammy Awards nominiert und übergab einen der Preise. Wenn die Medien in aller Welt 2017 noch fragten „Wer um alles in der Welt ist BTS?“ und sich 2018 wunderten „Warum ist BTS so beliebt?“, so prognostizieren sie 2019, dass „ihre Popularität anhalten werde.“ Es gibt einen guten Grund für die Annahme, dass die Beliebtheit von BTS weder ein vorübergehendes Phänomen noch ein reiner Online-Hype ist: Die Band besitzt nämlich die starke Unterstützung einer riesigen Fangemeinde, die bereitwillig alles, was mit ihrem Idol zu tun hat, konsumiert – seien es Alben, Konzerte, Filme, Handyspiele, Bücher oder Fanartikel – und dabei astronomische Umsätze generiert. Die Beliebtheit von BTS, die viele einst als reinen Hype in den sozialen Medien abtaten, wird durch Zahlen und Fakten bewiesen: weltweit zweitmeist verkauftes Album 2018; alle Tickets der Welttournee-Konzerte innerhalb weniger Stunden ausverkauft, was für Korea einen wirtschaftlichen Effekt im Wert von mehreren Milliarden Dollar jährlich bedeutet. Der Einfluss der ARMY auf die Musikindustrie ist so erheblich, dass niemand ihn mehr schulterzuckend abtun kann. Darüber hinaus stellt sich das Fandom schützend vor BTS und ist bereit, bei der kleinsten „Misshandlung“ ihrer Idole zum Gegenschlag auszuholen – mit Erfolg! Im Juni 2019 geriet z.B. die auf Channel 9 ausgestrahlte australische TV-Show 20 to One wegen ihres Beitrags in der Rubrik „Greatest Global Crazes“ unter Beschuss. Die Moderatoren stellten BTS nämlich als „die größte Band, von der Sie niemals gehört haben“ vor und kommentierten ihre Eroberung der US-Charts als „umso beeindruckender, da unter den Bandmitgliedern nur ein einziger Englisch spricht“. Ein Gast verglich ihre explosive Popularität mit einer Atombombe und witzelte: „Als ich hörte, dass etwas Koreanisches in Amerika explodiert sei, bekam ich es zunächst mit der Angst zu tun. Also, ich denke mal, es hätte noch schlimmer kommen können... aber nicht besonders viel

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1. Seoullo 7017, eins der Wahrzeichen von Seoul, war anlässlich des Treffens der BTS-Fans am 22. Juni 2019 in Lila, der BTSKennfarbe, angestrahlt. 2, 3, 4. Überall auf der Welt wurden berühmte Wahrzeichen als Willkommensgruß für BTS und ARMY in Lila getaucht. Die ARMYs strömten aus nah und fern für Konzerte und Fantreffen zusammen. Von oben: Empire State Building, New York; Tower Bridge, London; Eiffelturm, Paris.


© Big Hit Entertainment

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© Kpoptify

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© Priska Won And All About Korea

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© Agence de presse Yonhap

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1. Ein Fan schwenkt aufgeregt ein Plakat vor dem Stade de France, wo BTS am 7. Juni 2019 im Rahmen ihrer Welttournee Love Yourself: Speak Yourself auftrat. 2. Aus dem Ausland angereiste Fans beim Selfie-Schießen vor der Olympic Gymnastics Arena, einer Mehrzweckhalle im Olympic Park im Seouler Südviertel Gangnam, wo am 23. Juni 2019 das Fantreffen „BTS 5th Muster: Magic Shop“ abgehalten wurde. 3. Fans posieren für ein Foto auf einem Parkplatz neben Citi Field, New York, wo sie bereits knapp eine Woche vor dem BTS-Konzert ihre Zelte aufzuschlagen begannen. Das letzte Konzert, das BTS am 6. Oktober 2018 im Rahmen ihrer Welttournee Love Yourself gab, soll in wenigen Minuten ausverkauft gewesen sein. 4. Das BTS Online-Fan-Café „Bangtan Imodan“ (Bangtan Tantchen-Brigade), das aus weiblichen Fans von in den 30ern bis in die 50er besteht, unterstützt Pinwheel Supporters, eine karitative Organisation unter dem Dach der Independent Support Group for Children. Wie die BTS-Mitglieder, die soziale Verantwortung Ernst nehmen, engagieren sich auch ihre Fans für verschiedene wohltätige Zwecke.

„Sie sind die Quelle von Motivation und Kraft, die mir in meinem Leben gefehlt hat; sie bringen mich dazu, träumen zu wollen, ein erfüllteres Leben zu führen und mich verändern zu wollen.“ 22 KOREANA Herbst 2019

© Newsbank

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schlimmer.“ Ein anderer meinte, dass mindestens einer der sieben Boys schwul sein müsse, und spaßte hinterher: „Das ist nur reine Mathematik, quasi eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung.“ Sie zogen die Ansprache des Bandleaders RM auf der UN-Vollversammlung zum Start der Kampagne „Generation Unlimited“ mit dem Kommentar, dass es dabei wohl um „Haarprodukte“ gehen müsse durch den Kakao. Empörte Fans aus der ganzen Welt warfen den Moderatoren eine mit xenophobischen und rassistischen Untertönen gespickte, ablehnende Haltung gegenüber BTS vor. Die ARMY analysierte die diskriminierenden Aussagen aus der Sendung, um sie Journalisten zu melden, setzte die Sponsoren des Senders unter Druck, ihre Werbeaufträge einzustellen, und reichte Beschwerden bei der Australischen Fernmeldeund Medien-Behörde ein. Die Show-Verantwortlichen lenkten schließlich ein und entschuldigten sich in den sozialen Medien: „Wir entschuldigen uns für etwaige Disrespektierlichkeit und Anstößigkeit.“ Die ARMY feiert die Erfolge ihrer Idole wie ihre eigenen, teilt ihre Enttäuschungen und widersetzt sich zuweilen auch den Medien, der öffentlichen Meinung sowie politischen Kräften im In- und Ausland. Es wäre daher nicht übertrieben zu sagen, dass die ARMY das Herzstück des „BTS-Phänomens“ ist.

Zusammen wachsen

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© Newsbank

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© Bangtan Imodan

Die ARMY ist eine Fangemeinde mit außerordentlicher Solidarität. Dies liegt hauptsächlich daran, dass sich die Fans mit dem durchgängigen BTS-Narrativ des Wachsens identifizieren können. Das in ihrer Musik und ihrem Tanz enthaltene Narrativ erzählt die Geschichte des Erwachsenwerdens von unsicheren Jungs, die sich nicht von aufkommenden Selbstzweifeln zerdrücken lassen, sondern daran weiter wachsen. Ihr Streben, den eigenen künstlerischen Horizont zu erweitern, die starke Bindung unter den Mitgliedern und die gegenseitige Rücksichtnahme berühren über die Grenzen zwischen Generationen und Nationen hinaus die Fans in aller Welt. Die BTS-Anhänger lassen sich nicht nur von der Musik inspirieren, sondern identifizieren sich stark mit der Geschichte des Wachstums ihrer Idole. „BTS macht mir klar, dass ich mein Leben nicht halbherzig leben sollte“, sagen viele Fans. „Sie sind die Quelle von Motivation und Kraft, die mir in meinem Leben gefehlt hat; sie bringen mich dazu, träumen zu wollen, ein erfüllteres Leben zu führen und mich verändern zu wollen.“ Dieser Wunsch nach Veränderung erstreckt sich über die persönliche Ebene hinaus bis hin zu dem Wunsch nach gesellschaftlichem Wandel. Die Fans sagen nachdrücklich: „Das Glück des Einzelnen basiert auf positiven Veränderungen in unserer Gesellschaft, zu der wir ja alle gehören. Lasst uns also unseren Teil dazu beitragen, einen inhaltsreichen Wandel zu bewirken.“ Die ARMY-Mitglieder haben sich durch ihre Kampagnen für zahlreiche philanthropische Aktivitäten sowie ihre Meinungsäußerungen zu politischen Agenden von reinen Popmusik-Konsumenten zu einer positiven, nach gesellschaftlichen Veränderungen strebenden Kraft entwickelt.

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Angel Gonzalez

Kim Su-bin

18 Jahre, USA

21 Jahre, Südkorea

Q: Wie haben Sie BTS kennengelernt?

Q: Auf welche Weise hat BTS Sie beeinflusst?

A: Es war an dem Tag, an dem BTS bei den Bill-

A: Als Oberschülerin habe ich Nietzsche gelesen

board Music Awards 2017 auftrat. Auf Twitter bin

und davon geträumt, eine „philosophisch fun-

ich auf einen Beitrag über die BTS-Fangemeinde

dierte Schriftstellerin“ zu werden. Aber niemand

gestoßen, die einen Rekord von über 300 Mio. Vo-

unterstützte mich. Verloren und entmutigt, wie ich

tings für ihre Idole aufgestellt hatte. Das hat mich

damals war, stieß ich auf den Song Tomorrow. Ob-

erstaunt, weshalb ich mir die Preisverleihung im

wohl ich nicht mal den Namen des Sängers kannte,

Fernsehen angesehen habe. Danach bin ich auf

fühlte ich mich getröstet. Dann habe ich weitere

YouTube gegangen, um mir das Musikvideo zum

BTS-Songs gehört und wurde berührt von ihren

Song Blood, Sweat & Tears anzuschauen und das

stetigen Bestrebungen und ihrer Leidenschaft. Da

Album Wings anzuhören. Ich war, gelinde gesagt,

das Leben kein Einakter ist, warten sicherlich noch

total fasziniert, der Rest ist bekannt.

mehr Probleme und Sorgen auf mich. Aber ich bin

Q: Was genau hat Sie zu einem leidenschaftli-

fest entschlossen, den Weg meiner Träume zu ge-

chen BTS-Fan gemacht?

hen und mit BTS und ihrer Musik als motivierender

A: Vor BTS hatte ich nichts mit Boybands am Hut.

Kraft Wunden und Narben anzunehmen.

Aber BTS war so völlig anders. Die Mitlieder sind

Q: Was unterscheidet BTS von anderen Boy-

nicht nur sehr begabt, sondern auch aufrichtig und

bands?

bescheiden. Sie haben mich dazu gebracht, Dinge

A: Die BTS-Mitglieder sind für mich keine Stars,

zu tun, die ich bis dahin noch nie getan hatte. Seit

die nur auf der Bühne glänzen, sondern Menschen

ich zum Fandom gehöre, habe ich an Massen-Vo-

wie du und ich, die in derselben Welt wie wir leben.

tings, Streaming-Projekten und Alben-Verkaufsak-

Wenn ich über ihre Songtexte nachdenke, habe ich

tionen teilgenommen und teile täglich Neuigkeiten

das Gefühl, dass jeder der Boys auf dem Weg zur

über die Band. Ich möchte BTS noch mehr Auftrieb

Verwirklichung seiner Träume sich den Barrieren

geben und dafür sorgen, dass die Boys weiterhin

der Realität stellt, und dass sie versuchen, durch

erfolgreich sind und all ihre Träume verwirklichen.

ihre Musik Menschen, die wie ich verletzt wurden,

Q: Was ist das Besondere am ARMY-Fandom?

eine helfende Hand auszustrecken.

A: Die ARMY ist das fleißigste, netteste, engagier-

F: Wie unterscheidet sich ARMY von anderen

teste, beharrlichste und optimistischste Fandom,

Fandoms?

das ich je gesehen habe. Wenn sie sich ein Ziel ge-

A: Die Beziehung zwischen BTS und ihrem Fandom

setzt haben, wollen sie es auf jeden Fall erreichen.

ARMY hat etwas Intim-Menschlicheres als normale

Außenstehende fragen oft: „Warum BTS? Andere

Star-Fan-Beziehungen. Unsere Welten mögen völlig

Gruppen arbeiten doch genauso hart.“ Ihnen ist

unterschiedlich sein, aber ihre von Herzen kommen-

nicht bewusst, dass BTS gerade wegen der beson-

de Musik ist für jeden einzelnen von uns enormer

deren Verbindung, die die ARMYs zu ihren Idolen

Trost und Stütze. Die ARMY ist eine Gruppe von

haben, so groß geworden sind!

Menschen, die dieses Gefühl miteinander teilen.


F: Wie haben Sie BTS entdeckt?

F: Wie sind Sie zum BTS-Fan geworden?

A: Ich habe in meinem Unterricht [an der Kingston

A: 2014 habe ich mir mal das BTS-Musikvideo Danger

University in London] K-Pop-Videos eingesetzt, auch

angesehen, weil in den sozialen Medien viel darüber

wenn ich sie mir privat nie wirklich angesehen habe.

gesprochen wurde. Dann habe ich eine ganze Nacht

Ich erinnere mich, dass ich mir im Oktober 2016

damit verbracht, mir all ihre Musikvideos anzuschau-

das kurz davor veröffentlichte Musikvideo zu Blood,

en und Übersetzungen der Texte zu lesen. Ich war

Sweat & Tears angesehen habe. Als jemand, der

völlig überwältigt! Die BTS-Jungs verdienen wirklich

sich auf ostasiatische Popkultur und insbesondere

alle Unterstützung und Liebe der Welt. Sie haben

auf die Genres Gothic und Horror spezialisiert hat,

nämlich nicht nur Talent, sondern legen Herz und

zogen mich die visuelle und akustische Ästhetik von

Seele in alles, was sie machen. Sie interagieren auch

BTS und die vielfältigen intermedialen Bezüge zum

sehr eng mit ihren Fans, was mir sehr gefällt.

europäischen Gothic-Genre an.

F: Gibt es einen bestimmten Song oder Text von

F: Was ist das auffälligste Merkmal von BTS als

BTS, der Sie inspiriert hat?

Künstler?

A: In für mich schweren Zeiten habe ich mir immer

A: Ihr Kunstsinn. Er zeigt sich sowohl in ihrer um-

und immer wieder Tomorrow angehört. Ich mochte

fangreichen Diskografie als auch in der Art und Wei-

die Zeile „Denn die Morgendämmerung kurz vor

se, wie sie ihre Musik weiterentwickeln, ohne dabei

Sonnenaufgang ist die dunkelste“. Dazu kommt

die Essenz ihres „Koreanischseins“ zu verlieren. Ihre

noch: SUGA hat mich dazu gebracht, nach vielen Jah-

Popularität fußt nicht auf „OBWOHL sie Koreaner

ren wieder mit dem Klavierspielen anzufangen, als

sind“, sondern eher auf „WEIL sie Koreaner sind“.

er sagte, das Klavier sei seine erste Liebe gewesen.

F: BTS hat viele Fans unter Intellektuellen wie

F: Was macht die ARMY so besonders?

Maria Nicodemo 19 Jahre, Deutschland

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Professoren und Wissenschaftlern. Warum?

A: Genau wie die Mitglieder von BTS selbst haben

A: Ihre Musik und die damit verbundenen transme-

auch die ARMYs sehr enge Beziehungen untereinan-

dialen Inhalte heben die Unterscheidung zwischen

der. Wir können in jeder nur denkbaren Situation auf

„Hochkultur“ und „Massenkultur“ auf und ermuti-

die Unterstützung der anderen zählen und organisie-

gen die Fans, aktive Teilnehmer und Contents-Ge-

ren gemeinsame Projekte. Hat einer der BTS-Jungs

stalter zu werden. Gleichzeitig finden sich in ihren

Geburtstag, spenden wir für einen guten Zweck und

Arbeiten direkte Bezüge zu Malerei, Fotografie,

beteiligen uns am Streaming für Neuerscheinungen,

Literatur, Philosophie und Psychologie. Ich habe

manchmal sogar auch für alte Alben. Vor allem aber

erlebt, dass Fans die sehr schwierigen Theorien der

sind die ARMYs nicht nur Teenager-Fangirls, sondern

französischen Philosophen Deleuze und Guattari

kommen aus unterschiedlichen Altersgruppen und

nur deshalb lasen, weil sie einmal von BTS erwähnt

besitzen unterschiedliche Geschlechtsidentitäten und

worden waren. In letzter Zeit beschäftigen sich

Nationalitäten. Hinter der Bezeichnung „ARMY“ steckt

die ARMYs mit Carl Jung, um sich auf die nächsten

etwas Großartiges.

beiden Alben in der Reihe Map of the Soul vorzube-

F: Was war für Sie als ARMY-Mitglied ein besonde-

reiten. Da wir in einer sich schnell globalisierenden

res Erlebnis?

Welt leben, würde ich sagen, dass

A: Nach einem Konzert war ich so überwältigt, dass

BTS die Verkörperung par excellen-

mir die Tränen übers Gesicht liefen. Da nahm mich

ce dieser Welt ist.

ein Wildfremder in den Arm und meinte tröstend, dass alles wieder in Ordnung käme. Es machte mich

Colette Balmain 57 Jahre, Großbritannien

glücklich, dass man als ARMY immer jemanden an seiner Seite hat.

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SPEZIAL 4

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern

Der Zeitgeist und die transmediale Kunstrevolution

D

a BTS aus Musikern besteht, ist es unmöglich, über das, was im Moment geschieht, zu diskutieren, ohne ihre Musik, Performance und Botschaft zu hinterfragen. Einfach zu sagen, dass es talentierte, attraktive junge Sänger sind, die großartige Musik produzieren, ist keine ausreichende Erklärung für die Bedeutung des BTS-Phänomens. Dieses besondere Phänomen ist nur dann zu erklären, wenn man den Konvergenzpunkt der Plattformen der starken Bindung zwischen BTS und ihrem globalen Fandom, der Funktionsrichtungen dieser Plattformen und die Richtung des von der Masse herbeigesehnten Wandels genauer betrachtet. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei auf die „Horizontalität“ zu legen, die alle Kernelemente des BTS-Phänomens durchzieht: die der digitalen Netzwerktechnologie innewohnende Horizontalität; die BTS-Contents, die diese Horizontalität nicht mit der durch Kapital

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und Macht aufgebauten Hierarchie aufzufangen versuchen; das Verlangen der Masse nach Horizontalität in allen Bereichen wie Klasse, sozialem Status, Rasse, Sprache, Gender, Kultur und Religion, verbunden mit der BTS-Botschaft im Hinblick auf eine horizontalere Welt; die „horizontale Begegnung“ von BTS und ihren Fans, die jenes Verlangen miteinander teilen. Hinweise, die die Richtung des Wandels klarer zu verstehen helfen, sind in den Veränderungen der medialen Öffentlichkeit zu finden, die als Kunstrezipienten, Verbraucher, Fandom oder als Publikum definiert werden kann. Denn das Wesen des BTS-Phänomens hängt im Endeffekt mit dem poli-


Überall auf der Welt schauen sich BTS-Fans über verschiedene Online-Medien Videos ihrer Idole an und erstellen Videoclips mit ihren Reaktionen, um sie über die sozialen Medien zu teilen. BTS-Videos werden von den ARMYs rege reproduziert und über die digitalen Netzwerke verbreitet.

Das BTS-Phänomen beinhaltet bemerkenswerte, von der Boygroup BTS und ihrem Fandom ARMY inspirierte gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Ursächlich für dieses ästhetische, aber gleichzeitig auch politische Phänomen ist ein sich rasant veränderndes Medienumfeld, das zur Schaffung, Verbreitung und Reproduktion von Kunst rege genutzt wird. Lee Ji-young Professorin, Daeyang Humanity College, Sejong University

tischen Unterbewusstsein oder mit dem Zeitgeist zusammen, die sich hinter der explosiven Begeisterung der zahlreichen Fans verbergen.

Publikum in Bewegung

Das Medienumfeld des Publikums, das BTS-Musikvideos, Online-Installationsvideos, aber auch Konzertmitschnitte und andere Contents nutzt, besteht aus einer Vielfalt von Bildschirmen und Netzwerken. Der Begriff „Online-Installationsvideos“ umfasst eine Reihe von Videos, die von BTS veröffentlicht und unter verschiedenen Bezeichnungen wie Short Film, Highlight-Reel oder Trailer verbreitet werden. Diese Videos, die sich weder als „Musik-

video“ noch als „Film“ kategorisieren lassen, werden wie Videoinstallationen in bestimmten Zeitabständen in einer Galerie veröffentlicht, die im virtuellen Raum existiert. Sie sind also nur online vorhanden und die Abstände zwischen den einzelnen Werken sind nicht räumlicher, sondern zeitlicher Natur. Ihre symbolischen Bilder und Erzählungen, die sich jeweils auf andere BTS-Werke beziehen, bilden Ketten von Bedeutungen. Diese Art von Clips, die an Experimentalfilme, Kurzfilme oder Videokunst erinnern, sind charakteristisch für die BTS-Videos. BTS produziert also auf Basis der Technologien unseres Zeitalters eine Unmenge audiovisueller Inhalte. Musikvideos, Online-Installationen und andere Videos des „BTS Universe“, dieser fiktiven OnlineWelt der sieben BTS-Mitglieder, verwenden effektiv symbolhaltige Bilder, die in einer Struktur, in der zahlreiche Videos beständig

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aufeinander referieren, vielseitig interpretiert werden können. Diese Videos werden unter der Annahme produziert, dass die Zuschauer in digitalen Netzwerken frei auf sie zugreifen und sie verwenden können. Die Zuschauer, die unzählig viele audiovisuelle Inhalte in einem Multiplattform-Umfeld konsumieren, können sich die Videos auch unterwegs nicht nur auf ihren Mobilgeräten anschauen, sondern auch Funktionen wie „Wiederholen“, „Vergrößern“, „Farbkompensation“ oder „Editieren“ frei nutzen. In diesem Sinne können solche Zuschauer als „mobile Zuschauer“ bezeichnet werden.

Produzent und Konsument: Reziproke Umwandlung

Auf Basis der Vielfalt von Plattformen können die Zuschauer durch Verbindung oder Schnitt des Originals Remixe oder Clips herstellen. Sie können auch durch Hinzufügen ihrer eigenen Reaktionen oder Interpretationen die Contents-Vielfalt vergrößern. Die so erstellten Materialien werden gemeinsam mit den Originalwerken von BTS im Netz verbreitet. Dabei gibt es keine Beschränkungen auf eine kleine Gruppe ausgewählter Hardcore-Fans, vielmehr handelt es sich um eine gängige Methode des Austausches und der Wertschätzung unter BTS-Fans. Dieses veränderte Verhalten in der Kunstrezeption, das in seiner Gewöhnlichkeit leicht als unbedeutend abgetan werden könnte, bewirkt in Wirklichkeit tiefgreifende stilistische Veränderungen in der Kunstform an sich. Nach Ansicht des Philosophen Walter Benjamin ist eine Veränderung des Rezeptionsverhaltens der Masse der Hauptgrund für Veränderungen von Kunstformen. In seinem Werk Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit konstatiert er: „Die Masse ist eine Matrix, aus der gegenwärtig alles gewohnte Verhalten Kunstwerken gegenüber neugeboren hervorgeht. Die Quantität ist in Qualität umgeschlagen: Die sehr viel größeren Massen der Anteilnehmenden haben eine veränderte Art des Anteils hervorgebracht.“ Laut Benjamin bringt die technologiebedingte Erhöhung der Produktivität Veränderungen in den Formen der Kunstproduktion mit sich. Die technologische Entwicklung verändert unweigerlich die Art und Weise der Kunstrezeption der Masse, was wiederum zu einer qualitativen Veränderung der Kunstformen an sich führt.

Die Online-Netzwerkplattformen sind das technische Vehikel, das die Umwandlung des Publikums vom Rezipienten zum an der Kreation Beteiligten ermöglichte. Die Existenzmodi und die Rollen der online veröffentlichten Videos werden durch Streaming und Sharing des Publikums bestimmt. Im Gegensatz zu Filmen, die im Kino gezeigt oder auf DVDs angesehen werden, existieren diese Videoclips nur in Datenform, bevor sie von den Usern durch Anklicken und Teilen zum Leben erweckt werden. Diese durch den technologischen Fortschritt bedingte Veränderung der Publikumspartizipation wird bei den BTS-Videos tatkräftig umgesetzt. Die von den Zuschauern produzierten Videos existieren neben den Originalvideos von BTS auf denselben Plattformen und schaffen durch Interagieren und wechselseitige Bezugnahmen vielseitige Bedeutungen. Kunst beschränkt sich nicht länger auf die Werke professioneller Kunstschaffender, da die von den Zuschauern erstellten Videos, die die Bedeutungen der Originalwerke erweitern und reproduzieren, innerhalb der fließenden Grenzen dieser Werke enthalten sind. Bedeutung und Verwendung eines Werks werden in den Netzwerken der sich ändernden Bilder ständig neu definiert und neu geschaffen, wodurch neue Ordnungen entstehen. Dieses Neu-Ordnen ist eine Art Konvergenzprozess, bei dem verschiedene Geräte in das Benutzer-Zuschauer-Verhalten integriert werden. In Konvergenzkultur: Wo alte und neue Medien aufeinander treffen erklärt der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins diese Integration wie folgt: „Ich spreche mich gegen die Vorstellung aus, dass Konvergenz hauptsächlich als ein technologischer Prozess verstanden werden sollte, bei dem verschiedene Medienfunktionen in ein und demselben Gerät integriert werden. Konvergenz stellt vielmehr

Welche Werte werden von der medienbasierten Kunst in Bezug auf die sich verändernde Welt und auf die Richtung, in die sich unsere Zukunft bewegt, gefordert? Und in welche Richtung entwickelt sich das Medienumfeld als solches mit voller Kraft? 28 KOREANA Herbst 2019


eine kulturelle Verschiebung dar, da die Konsumenten dazu ermutigt werden, neue Informationen ausfindig zu machen und Verbindungen zwischen hier und da verstreuten Mediencontents herzustellen.“ Bei diesem Produktionsmodus werden die Grenzen zwischen Künstler und Publikum, zwischen Kunstschaffendem und Kunstkonsumierndem radikaler denn je aufgebrochen. Transzendentaler Status, Autorität und die Rollen, die dem Künstler im traditionellen Begriffsverständnis zugeschrieben werden, haben keine Gültigkeit mehr. Indem die Zuschauer über die Online-Netzwerke Verbindungen mit Kunstwerken herstellen, beteiligen sie sich an der Schaffung von Kunst und generieren innerhalb der Netzwerke neue Bedeutungen als gleichberechtigte Nutzer. Mit einem Wort: Es zeichnet sich ein radikaler Wandel in Begriff und Natur der Kunst an sich ab.

Geteilte Werte 1

1. Gibt man den Hashtag „#BTS logo“ auf Instagram ein, erscheinen Tausende, von Fans in aller Welt angefertigte BTS- und ARMY-Logos, was die Gegenseitigkeit der Beziehungen zwischen den Musikern und ihren Fans belegt. 2, 3. Ein ARMYPEDIA-Teaser auf einer Reklamefläche im Londoner Piccadilly Circus. Die vierwöchige, von BTS und Hyundai Motor Company durchgeführte Kampagne ARMYPEDIA begann am 25. Februar 2019. ARMYs loggten sich auf die Webseite der Kampagne ein und posteten Texte, Fotos und Videos über BTS.

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Als Hauptcharakteristika von Videokunst in den neuen Netzwerken sind also zu nennen: fließender Umfang der Kunstwerke, Offenheit des Werkterritoriums durch Vernetzung der Contents, Aufhebung der traditionellen Grenzen zwischen Künstler und Publikum, praktische Mobilität des Publikums aufgrund der Netzwerktechnologien. In meinem Buch BTS, Kunstrevolution habe ich den Begriff „Netzwerk-Image“ verwendet, um diese Art von Videokunst-Produktion zu erklären. Die genannten Charakteristika basieren auf den Aktionen, die die Zuschauer tagtäglich auf den gemeinsam genutzten Plattformen oder in den sozialen Netzwerken ausführen. In Anbetracht des gesellschaftlichen Einflusses der mobilen Netzwerkdienste und der wachsenden Zahl von Zuschauern, die diese Dienste tagtäglich nutzen, muss das, was die mobile Netzwerkgesellschaft des 21. Jhs von der neuen Kunstform „Netzwerk-Image“ fordert, wohl „geteilte Werte“ sein. Wie Walter Benjamin diagnostizierte, verwandelte die mechanische Reproduktionstechnik den Wert der künstlerischen Produktion vom „Kultwert“ in „Ausstellungswert“. In ähnlicher Weise verändert sich der Wert der Kunst des 21. Jhs durch den umfassenden Einsatz mobiler Netzwerktechnologien vom „Ausstellungswert“ zum „geteilten Wert“. Die Entstehung des „Netzwerk-Image“ als neue Kunstform bedeutet weit mehr als nur eine Veränderung der Erscheinungsform der Kunst. Vielmehr handelt es sich um einen gigantischen welthistorischen Wandel; will sagen, es ist ein symptomatischer Ausdruck für die Richtung des Wandels der Welt. Bei dem BTS-Phänomen geht es nicht einfach um die Verwendung der etwas besonderen Musikvideos einer populären Boygroup. Vielmehr werden Fragen aufgeworfen: Welche Werte werden von der medienbasierten Kunst in Bezug auf die sich verändernde Welt und auf die Richtung, in die sich unsere Zukunft bewegt, gefordert? Und in welche Richtung entwickelt sich das Medienumfeld als solches mit voller Kraft?

© Hyundai Motor Company

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SPEZIAL 5

BTS: Die Odyssey von sieben jungen Künstlern

Ein Sprung in Richtung globale Standards Das BTS-Phänomen dürfte Ergebnis des Aufeinandertreffens von Koreas einzigartiger Kulturtopographie und der auf Globalisierung ausgerichteten Strömung unseres Zeitalters sein. Werfen wir einen Blick auf die Implikationen, die der phänomenale Erfolg dieser sieben jungen Künstler auf die Musikindustrie und darüber hinaus hat. Jung Duk-hyun Populärkulturkritiker

„K

-Pop“ ist ein Musikgenre, das in den 1990er Jahren entstand, als koreanische Entertainmentagenturen damit begannen, „maßgefertigte“ Idolgruppen zu lancieren. Potenzielle Talente wurden über Auditions rekrutiert und in Gesang, Tanz und Fremdsprachen geschult, wobei die „Lehrlingszeit“ oft Jahre dauerte. Dieser Prozess des Schmiedens von Idolen, bei dem nur eine Handvoll Talentierter ihre Träume mittels harter Arbeit erfüllen können, ist geprägt von Elitarismus und Erfolgsmythen, die die koreanische Gesellschaft während der Phase der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beherrschten. Um im halsbrecherischen Wettbewerb überleben zu können, müssen auch die Idol-Azubis ein „komprimiertes Wachstum“ an den Tag legen. So wie das Wunder vom Han-Fluss zum Rollenmodell für andere Entwicklungsländer wurde, so sind heutzutage die K-Pop-Idole in anderen asiatischen Ländern beneidete Rollenmodelle für die Popkulturindustrie. Dieser auf Blitzerfolg ausgerichtete „koreanische Standard“ war nicht etwas Natürliches und daher mit nicht wenigen Opfern verbunden. Nach der Demokratiebewegung, die Korea in den 1980er Jah-

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ren mit voller Gewalt erfasste, und der Asienkrise 1997 wurde eine Demokratisierung der Wirtschaft gefordert; auch die in jüngster Zeit lauter werdenden Rufe, das zunehmende Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die Konflikte zwischen den sozialen Schichten zu beseitigen, sind Manifestationen der Kämpfe, die die koreanische Gesellschaft im Zuge ihrer sozioökonomischen Entwicklung auszufechten hat. K-Pop hat zwar ebenso bemerkenswerte Ergebnisse erzielt, aber auch diese hatten ihren Preis, der v.a. in der Brutalität des Idolschmiedesystems und der kurzen Lebensdauer erfolgreicher Idolgruppen zum Ausdruck kommt. In dem Bestreben, sich von der Vergangenheit zu lösen, hat Korea gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg gebracht, die einhergingen mit Forderungen nach den als universeller und rationaler erachteten „globalen Standards“, was letztendlich Risse in dem System, das die K-Pop-Industrie unterstützt


Kim Nam-joon geboren am 12. September 1994 in Ilsan, Provinz Gyeonggi-do; BTS-Leader und Lead-Rapper; Spitznamen u.a. „Meister von Preisverleihungsdankesreden“ und „Stimmmonster“; kam als erster zu Big Hit Entertainment und ist besonders begabt im Rappen, Texten und Komponieren.

Kim Seok-jin geboren am 4. Dezember 1992 in Gwacheon, Provinz Gyeonggi-do; Nebensänger; Spitznamen u.a. „Madnae“ (jemand, der sich wie der Jüngste verhällt, obwohl er der Älteste ist), „Worldwide Handsome“ und „Stimmmonster“; talentierter Vokalist und besonders bekannt für seine emotionale Sensibilität.

Min Yoon-gi geboren am 9. März 1993 in Daegu; Lead-Rapper; Spitznamen u.a. „Minstradamus“ (Kombination aus dem Nachnamen „Min“ und „Nostradamus“) und „Syubgiryeok“ (Kombination aus „syub“ (von „Suga“) und „mugiryeok“ (kraftlos - eine Anspielung auf seine Vorliebe fürs Hinlegen und Nichtstun)); Allround-Talent als Rapper, Liedtexter, Komponist und Performer.

hatte, hervorrief. BTS wurde aus diesen Rissen in der Musikszene geboren.

Jenseits von „distinktiv koreanisch“

Koreas Popmusikindustrie, die aus einem komplizierten Geflecht von Managementagenturen, Rundfunkanstalten, digitalem Musikmarkt und den Medien besteht, erlaubte einem kleinen Unternehmen wie Big Hit Entertainment keinen Zutritt. Big Hit Entertainment musste also einen langen und beschwerlichen Umweg gehen, um BTS zu launchen und voranzubringen. Die Firma bildete eine Idolgruppe mit Hip-Hop-Elementen, was damals ein noch unerprobtes Konzept war, und nutzte fleißig die SocialMedia-Plattformen, um mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Was eine unvermeidliche Entscheidung war, ebnete paradoxerweise den Weg für eine neue Ära im K-Pop.

An dieser Stelle ist ein bemerkenswerter Punkt zu beachten: Während die bereits existierenden Idolgrupppen als nicht in den Idolschmieden geformte „makellose Genies“ präsentiert wurden, demonstrierte BTS, dass das, was einen Künstler ausmacht, letztendlich nicht so sehr sein Talent, sondern vielmehr seine Einstellung ist, und dass ein Künstler nicht notwendigerweise „geboren“ wird, sondern „wächst und sich entwickelt“. BTS beschloss, das Unvollendete über das Vollendete und den Prozess über das Ergebnis zu stellen. Der Song Idol auf ihrem 2018 erschienenen Kompilationsalbum Love Yourself: Answer ist eine ehrliche Darstellung des Kampfes mit ihrer Identität als Idol bzw. Künstler, und verkündet, dass alles, was auch immer es sein mag, Teil ihrer Geschichte des Wachsens ist. Im Wandel der BTS-Jungs von Idolen zu Künstlern verbergen sich die Ängste der jungen Menschen im Korea von heute. In einer Gesellschaft, die übermäßigen Wert auf Zeugnisse und Ergebnisse legt, versucht die jüngere Generation allmählich, den Weg unabhängig vom Ziel zu genießen. Die jungen Koreaner, die unter dem Druck stehen, ein erfolgsorientiertes „Idol-Leben“ zu führen, beginnen langsam von einem „Künstlerleben“ zu träumen, einem Leben,

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Kim Tae-hyung geboren am 30. Dezember 1995 in Daegu; Nebensänger; Spitznamen u.a. „CGV“ (computer graphics + V) und „Vwimilbyeonggi“ (Wortspielerei mit der koreanischen Bezeichnung für „secret weapon“, weil V vor dem Debüt von BTS das geheim gehaltene siebte Mitglied der Gruppe war); vielseitig begabt und bekannt für die charmante Art, mit der er sich auf der Bühne ausdrückt und bewegt.

Jung Ho-seok ggeboren am 18. Februar 1994 in Gwangju; Haupttänzer und Sub-Rapper; Spitzname „Beagledol“ (Kombination aus „beagle“ und „idol“ – energiegeladen und rundum anbetungswürdig); Choreographie-Teamleiter; unbestritten der beste Tänzer der Gruppe, der in superschwierigen Sequenzen Glanzleistungen erbringt.

in das sie langsam hineinwachsen und sich allmählich entwickeln. Sie streben stärker nach globalen Standards, die über die Beschränkungen des „distinktiv Koreanischen“ hinausgehen. Selbst wenn sie „hinfallen, verwundet werden und es wehtut“, versuchen sie, ihr Leben selbstbestimmt zu führen, statt die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ist das nicht der Traum, den junge Menschen auf der ganzen Welt träumen? Die Musik von BTS bringt diese Gefühle und Anteilnahme zum Ausdruck, was die über alle Grenzen hinausgehende Resonanz erklärt.

Den Autoritarismus der Vergangenheit abstreifen

Die mit Internet und sozialen Medien einhergehende Verbreitung der Digitalkultur ist von nicht geringer Bedeutung für das verstärkte Aufkommen von Individualismus in der koreanischen Gesellschaft, die lange Zeit von Familismus und Nationalismus geprägt war. Das traditionelle patriarchalische Gesellschaftssystem und der Elitarismus der Entwicklungsjahre haben im heutigen, vom Internet geprägten öffentlichen Bewusstsein an Gültigkeit eingebüßt. Individuen,

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die zuvor nur Bestandteile der Masse waren, haben begonnen, ihre persönlichen Geschmacksvorlieben und Meinungen in den digitalen Netzwerken offenzulegen. Dieser Bruch mit der autoritären Vergangenheit zeigt sich am deutlichsten in der Populärkultur. Die einst vertikale Beziehung zwischen Stars und Fans wurde gegenseitiger und interaktiver. Die Öffentlichkeit betrachtete Prominente zudem nicht länger als Objekte der Verehrung, sondern als Individuen, mit denen sie sich identifizieren konnte. In manchen Fällen gaben die Fans sogar Ratschläge für eine wünschenswerte Karriereausrichtung ihres Stars. Diese Art von Fandom-Kultur, die in den 1990er Jahren aufkam, könnte eine erste Andeutung der jetzigen Beziehung zwischen BTS und ihrem Fandom ARMY gewesen sein. Das Fandom von BTS unterscheidet sich von dem anderer Idolgruppen darin, dass der soziale Medien-


Park Ji-min geboren am 13. Oktober 1995 in Busan; Haupttänzer und Hauptsänger; Spitznamen u.a. „Manggaetteok“ (wegen seines niedlichen Gesichts mit den Pausbacken, die an tteok (Reiskuchen) erinnern) und „Dancing Bean“ (Tanzende Bohne); schaffte es mit Topnoten auf die Busan High School of Arts; berühmt für sein hervorragendes Tanztalent.

Jeon Jung-kook geboren am 1. September 1997 in Busan; Hauptsänger, Haupttänzer und Sub-Rapper; Spitznamen u.a. „Golden Mangnae“ (auch „Maknae“ transkribiert, bedeutet „Jüngster/Kleinster“) und „Muskelschweinchen“; hervorragender Livesänger; auffällige Tanzbewegungen; sehr gut im Fotografieren, Filmen und Edieren.

raum, in dem die Fans interagieren, eine globale Bühne ist, deren Reichweite über Sprachen und Nationalitäten hinausgeht. Anders ausgedrückt: ARMY ist ein Ergebnis der Ausweitung der digitalen Demokratisierung und der dadurch hervorgerufenen Erstarkung des Bewusstseins der Masse, die in den letzten Jahrzehnten enorme Veränderungen in der koreanischen Gesellschaft bewirkt hatten, auf die globale Ebene.

In die Welt hinein

Seine geopolitische Lage ließ Korea auf der Suche nach Wachstumsmöglichkeiten den Blick stets aufs Ausland richten. Während der Entwicklungsphase wurden fehlende Ressourcen importiert, verarbeitet und als Endprodukte exportiert, um neue Wachstumsimpulse zu schaffen. Doch der „koreanische Standard“, der in kurzer Zeit ein komprimiertes Wachstum ermöglichte, hat längst an Schubkraft verloren.

In der globalisierten Welt von heute, in der die digitale Interkonnektivität immer weiter fortschreitet, sind die bestehenden Standards nicht länger unfehlbare Garanten für Prosperität. An diesem kritischen Punkt hat BTS Möglichkeiten für einen neuen Sprung nach vorn aufgezeigt. Die globale Natur ihres Fandoms bedeutet letztendlich, dass BTS zur Schaffung von emotionaler Empathie mit seinen Fans nach Universalität streben muss. Wie die jungen Künstler mit ihren Fans in aller Welt interagieren und empathisieren, könnte durchaus Hinweise darauf geben, in welche Richtung Korea seine globale Präsenz künftig ausbauen sollte. Das ganze Land ist hocherfreut über den internationalen Starruhm von BTS, und das nicht nur wegen seiner Beispiellosigkeit für koreanische Künstler, sondern auch, weil er darauf hindeutet, dass die koreanische Gesellschaft aus dem historisch bedingten engen Rahmen nationaler und regionaler Beschränkungen ausbricht und sich weiter in die Welt hinein bewegt.

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Wie die jungen Künstler mit ihren Fans in aller Welt interagieren und empathisieren könnte durchaus Hinweise darauf geben, in welche Richtung Korea seine globale Präsenz künftig ausbauen sollte.

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Poster der Welttournee 2018 Love Yourself, zu der Stationen in den USA, Kanada, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Japan gehörten. Von links: j-hope, V, RM, Jung Kook, Jimin, Jin und SUGA. © Big Hit Entertainment

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FOKUS

Bong Joon-ho

Ein Genre für sich Der Film Parasite von Bong Joon-ho, der für seine schonungslose und akribische Porträtierung der modernen kapitalistischen Landschaft gefeiert wird und damit weltweit Interesse erregte, gewann als erster koreanischer Film die Goldene Palme, den renommiertesten Preis der Internationalen Filmfestspiele von Cannes. Rechtzeitig zum 100. Jubiläum des koreanischen Films war es eine weitere bahnbrechende Leistung dieses genialen Autorenfilmers. Ju Sung-chul Chefredakteur, Filmmagazin Cine21

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assend zum 100. Jubiläum des koreanischen Films wurde Bong Joon-hos Film Parasite auf den 72. Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. „Das kommt sehr gelegen“ – wie die Hauptfigur Ki-taek, gespielt von Song Kang-ho, im Film an einer Stelle meint. Parasite schlug Filmdistributoren in aller Welt in seinen Bann. Bis zum Ende der Filmfestspiele wurde er bereits an 192 Länder verkauft – ein neuer Rekord in der koreanischen Filmgeschichte. Vor allem in Frankreich, wo der Film zuerst in die Kinos kam, schlug er wie eine Bombe ein und verdrängte sogar die Hollywood-Blockbuster Men In Black: International und X-Men: Dark Phoenix auf Platz 2 bzw. 3. Von den beiden, für den Filmstart in Frankreich angefertigten Plakaten war v.a. das zweite ein Augenfänger, auf dem Mr. Park, eine weitere Hauptfigur des Films, seiner Frau etwas ins Ohr flüstert. Dort war in für ein französisches Filmplakat in ungewöhnlich großen Lettern zu lesen: „Wenn du mir den Schluss des Films spoilerst, bringe ich dich um! (Si tu me spoiles la fin, je te tue!)“. Dieses geistreich-humorige Konzept setzte voraus, dass sich unter den französischen Filmfans bereits herumgesprochen hatte, sich bei diesem Film vor Spoilern besonders in Acht zu nehmen.

Ein langjähriger Traum geht in Erfüllung

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes waren für viele koreanische Filmemacher lange DIE Traumbühne. Spinning the Tales of Cruelty Towards Women (1983) von Lee Doo-yong lief als erster Film in der Kategorie „Un Certain Regard“ und Chunhyang (2000) von Im Kwon-taek wurde zum Hauptwettbewerb eingeladen.

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Der Weg des Wandels und der Weiterentwicklung, den Bong in den letzten knapp zwei Jahrzehnten zurückgelegt hat, entspricht den Wünschen und Erwartungen der Öffentlichkeit an die Filmwelt.

Parasite, Bong Joon-hos siebter Film, gewann die Goldene Palme, den renommiertesten Preis der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Im Kwon-taek, auch als „Regisseur der Nation“ tituliert, schaffte es ein zweites Mal nach Cannes und gewann mit Im Rausch der Farben und der Liebe (2002) den Preis für die beste Regie, womit er maßgeblich zur Bekanntmachung koreanischer Filme im Ausland beitrug. Es folgten Park Chan-wook, der für Oldboy (2003) den Großen Preis der Jury erhielt, und Lee Chang-dong, der für Poetry (2010) mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Cannes verlieh dem koreanischen Film somit gewissermaßen das Attribut „global“. Unerwähnt bleiben darf natürlich auch nicht Im Sang-soo, der mit Das Hausmädchen (2010), einem Remake des gleichnamigen Films von Kim Ki-young aus dem Jahr 1960, und Taste of Money – Die Macht der Begierde (2012) zwei Mal in Cannes vertreten war. Nach der Nominierung von Chunhyang vergingen 19 Jahre, bis schließlich durch die Auszeichnung von Parasite mit der Goldenen Palme der langjährige Traum der koreanischen Filmwelt in Erfüllung ging. Während dieser Zeit wurde der koreanische Film noch reicher an Motiven, Kulissen und Techniken. In seiner Rede nach der Preisverleihung sagte Bong Joonho, dass er bereits als Mittelschüler davon geträumt habe, Filmregisseur zu werden. Als Mitglied eines Filmclubs drehte er während seines Studiums den Kurzfilm Der weiße Mann (1994), der ihm die Aufnahme in die Koreanische Akademie der Filmkunst (KAFA) brachte. Dort produzierte er den Kurzfilm Incoherence (1994), für den er eine Einladung zum Internationalen Filmfestival von Vancouver erhielt, was ihm zu weiterer Anerkennung verhalf. Langsam erweiterte er seine Expertise, indem er z.B. für Motel Cactus (1997) im Regieteam und für Phantom, the Submarine (1999) am Drehbuch mitarbeitete.

Eine neue Phase

Bongs erster Langfilm Hunde, die bellen, beißen nicht (2000) leitete an der Schwelle zum neuen Millennium eine Wende im koreanischen Film ein. Mit seiner Mischung aus filmtypischen und film-untypischen Elementen wohnt diesem Werk eine bahnbrechende Kraft inne, die die Grenzen des herkömmlichen koreanischen Films sprengte. Bong legte eine erstaunliche Vorstellungskraft an den Tag, mit der er sich auf seine ganz eigene Art und Weise einen Weg durch die Welt der etablierten Kunst bahnte. Damals verriet er, dass Kim Ki-young, der für Horrorfilme mit Fokus auf der Psyche der weiblichen Charaktere bekannt ist, sein Lieblingsregisseur sei und er über zehn seiner Filme auf Videokassetten besitze. Als Kind sei er kaum ins Kino gegangen, sondern habe sich Filme v.a. im koreanischen © Cine21, Fotos: Oh Kye-ohk

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© CJ ENM

3 © Showbox

© CJ ENM

Fernsehen oder über AFKN (American Forces Korea Network) angeschaut. Durch die japanische Zeichentrickserie Future Boy Conan sei er mit dem Konzept der Inszenierung vertraut geworden. Während seiner Zeit an der Akademie habe er sich in depressiven Phasen diese Serie mit einer Gesamtlaufzeit von rund 14 Stunden nonstop reingezogen. Bong, der damals in der koreanischen Filmwelt noch als Störenfried oder Außenseiter galt, steht heute in deren Mittelpunkt. Die Industrie hat einen Generationswechsel erlebt: An vorderster Front stehen heute Regisseure wie Bong, die zu einer Zeit studierten, als die Studentenbewegung an den koreanischen Universitäten in Korea allmählich abebbte und die jungen Leute ungefiltert alle Arten von Popkultur – einschließlich Zeichentrickfilme und B-Filme – weniger in Kinos, sondern eher durch Videotheken und TV konsumierten. Bong unterscheidet sich daher in seinem künstlerischen Empfinden grundsätzlich von seinen Vorgängern. Er gehört zu den Filmregisseuren, die gleichzeitig Filmfanatiker sind: Park Chan-wook, der Joint Security Area gedreht hat, Kim Jee-woon, Regisseur von The Foul King, und Ryoo Seungwan, von dem Die Bad stammt. Alle drei Filme liefen im selben Jahr wie Bongs Hunde, die bellen, beißen nicht in den koreanischen Kinos an. Später wurde Bong mit seinem Monsterfilm The Host (2006) bei den 59. Filmfestspielen von Cannes in die unabhängige Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ eingela-

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© The Jokers Film

den. Der Episodenfilm Tokyo! (2008), den er zusammen mit Michel Gondry und Leos Carax drehte, sowie Mother (2009) wurden jeweils bei den 61. und 62. Filmfestspielen von Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“ gezeigt. Mit dem Film Okja (2017), einer Netflix-Produktion, zog Bong bei den 70. Filmfestspielen in den Hauptwettbewerb ein und gewann schließlich bei seinem fünften Cannes-Besuch die renommierte Goldene Palme.

Detailliert und schräg

Markenzeichen von Bong Joon-hos Filmen sind die penible Darstellung von Details, die ihm den Spitznamen „Bongtail“ einbrachte, und seine schräge Art der Inszenierung, die die französische Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma als „L’art du piksari“ („piksari“ steht in der koreanischen Umgangssprache für „Bruch in der Stimme beim Singen“ oder auch „Fehler“, „Ausrutscher“) bezeichnete. In seinem zweiten Spielfilm Memories of Murder (2003), der Bong den entscheidenden Durchbruch brachte, spielt z.B. die Handlung in den 1980ern. Um das Korea dieser Zeit möglichst getreu darzustellen, kam er der Szenenbildnerin mit Vorschlägen, die weit über das übliche Maß der Szenenbildgestaltung hinausgingen. Während Requisiten wie alte Zigarettenmarken und Fahrzeugmodelle noch als normal gelten können, waren das perverse Gekritzel auf der Wand des Wachpostens oder der Karton einer Zerealien-Marke, der


plötzlich in der Szene im Haus einer Schamanin zu sehen ist, visuelle Details, die Atmosphäre und Gefühl der damaligen Zeit wiederaufleben ließen und gleichzeitig die Handlung vorantrieben. Zudem war Bong sparsam mit Grundfarben, um die bedrückende, graue Stimmung der damaligen Zeit zum Ausdruck zu bringen. Die einzigen kräftigen Farben in diesem Film sind das Blau der Flügel eines Ventilators und das Rot der Kleidungsstücke der Opfer. Bongs Ausführung der Details wird nicht zuletzt deshalb als meisterhaft durchdacht und vorzüglich bewertet, weil sie dezent platziert sind und nicht sofort ins Auge fallen. In Memories of Murder rutscht der Kommissar aus und kollert den Damm hinunter in das Reisfeld, wo gerade die Spurenermittlungen laufen; in The Host stolpert das Monster schon bei seinem ersten Auftritt über die eigenen Füße und rutscht bei seiner Jagd auf Menschen auf der Treppe aus. Solche „Ausrutscher“ lassen Elemente, die eigentlich nicht zusammenpassen, aufeinander prallen, was Bongs Filmen den Charme des Unkonventionellen verleiht, der all seinen Werken einen besonderen Pep gibt. In seiner Rezension von Parasite schreibt David Ehrlich, ein Filmkritiker des Online-Newsletters IndieWire: „Der schwindelerregende, brillante und völlig unklassifizierbare Parasite beweist, dass Bong Joon-ho selbst zu einem Genre geworden ist.“ Dieser Satz erfasst die Essenz dieses genremäßig schwer einzuordnenden, keinem vorhersehbaren Kurs folgenden Films sehr genau. Es ist die Krönung der Werke eines zum Perfektionisten gewordenen Regisseurs, der eine alles andere als perfekte Gesellschaft so perfekt wie möglich abzubilden versucht.

Ergründung der Gegenwartsgesellschaft

Ein weiteres distinktives Merkmal von Bongs Filmen ist die

1. Memories of Murder (2003), der auf einem tatsächlichen Serienmordfall basiert, wurde auf vielen internationalen Filmfestivals in der Kategorie für koreanische Filme gezeigt, so z.B. auch auf dem Bogota International Film Festival. 2. Mother (2009), der die verzweifelten Anstrengungen einer Mutter, ihren Sohn von falschen Mordanschuldigungen reinzuwaschen, thematisiert, wurde für die 62. Festspiele in die Kategorie „Un Certain Regard“ nach Cannes eingeladen. 3. The Host (2006), der weltweit mehr als 13 Millionen Besucher anlockte, ist Bong Joon-hos erfolgreichster Film. Er wurde bei den 59. Filmfestspielen in die unabhängige Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“ eingeladen. 4. Parasite (2019) ist emblematisch für Bong Joon-hos Filmschaffen, das sich durch penible Detaildarstellungen, Aufeinanderprallen gegensätzlicher Elemente und Darstellung der dunklen Seiten des Kapitalismus auszeichnet.

intensive Auseinandersetzung mit Aspekten der Realität der koreanischen Gesellschaft wie Familienliebe und gesellschaftlicher Hierarchie in Parasite. Das Wohnhochhaus in Hunde, die bellen, beißen nicht, die Mordserie im Süden der Provinz Gyeonggi-do in Memories of Murder, der HanFluss in The Host und die instinktive Mutterliebe in Mother sind räumliche bzw. geistige Elemente, die die koreanische Gesellschaft symbolisieren. The Host ist laut Bong ein Film über die emotional-geistige Entwicklung des Protagonisten Gang-du, der erst zur Vernunft kommt, nachdem er einen hohen Preis – nämlich den Tod seiner Tochter – gezahlt hat. In Bongs Filmen bilden die Abwesenheit bzw. die Inkompetenz der Staatsgewalt stets einen wichtigen Hintergrund. In The Host sehen sich die gesellschaftlich Unterprivilegierten, die keine Hilfe von Staat oder Gesellschaft erwarten können, gezwungen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In Bezug darauf äußerte Bong in einem Interview, dass „die sozial Schwachen einen Staffellauf unternehmen, um den Stab namens ‚Schutz‘ von Läufer zu Läufer weiterzureichen“. In Mother sieht sich eine Mutter dazu gezwungen, selbst zum Monster zu mutieren: Verzweifelt über das Desinteresse der Polizei, die den Mord an einem Mädchen nur als einen von vielen weiteren „Fällen“ behandelt, setzt die Mutter eigenhändig alles daran, die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen. Auch die arbeitslose Familie in Parasite ist ein nüchternes Spiegelbild der koreanischen Gesellschaft. Nachdem sich der älteste Sohn der vierköpfigen Familie einen gut bezahlten Job als Nachhilfelehrer im Haus des reichen Mr. Park gesichert hat, erschleichen sich die drei anderen Familienmitglieder Stellungen in dem Haushalt. So überschneiden sich zwar die Welten von Arm und Reich, doch im Laufe der Zeit überkommt einen die Vorahnung, dass eine „Symbiose“ dieser beiden, an den entgegengesetzten Enden der sozialen Leiter positionierten Familien illusorisch ist. Der Film porträtiert die über alle Rassen und Nationen hinausgehenden „Landschaften des Kapitalismus in unserem Zeitalter“, was Bong in Cannes die wichtigste Auszeichnung der Festspiele einbrachte. Die Antwort auf die Frage, welchen Stellenwert Bong Joonho in den letzten knapp 20 Jahren von seinem Debüt mit Hunde, die bellen, beißen nicht bis hin zu seinem jüngsten Film Parasite in der koreanischen Filmwelt gewonnen hat, scheint damit beantwortet zu sein: Der Weg des Wandels und der Weiterentwicklung, den Bong in den letzten knapp zwei Jahrzehnten zurückgelegt hat, entspricht den Wünschen und Erwartungen der Öffentlichkeit an die Filmwelt. Bong Joon-ho war und bleibt einer der begehrtesten Namen des koreanischen Kinos.

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INTERVIEW

Hanok für das 21. Jh. Heutzutage unterliegt das Hanok, das traditionelle koreanische Haus, doppelten Beschränkungen: Die Tradition wird so weit mythisiert, dass das Hanok in seinen traditionellen Formen und Substanzen unverzerrt erhalten bleiben soll; daneben herrscht auch die Voreingenommenheit, dass der Hanok-Bau keine Eingriffe moderner Architekten zulasse. In diesem Kontext zieht der Architekt Cho Jung-goo die Aufmerksamkeit auf sich, da er das Hanok nicht als starre Tradition, sondern als „lebendigen“ Baustil betrachtet und auf Basis dieses Ansatzes neue Versuche wagt. Lim Jin-young Präsidentin von OPENHOUSE SEOUL Fotos Ha Ji-kwon

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anok ist ein traditionelles koreanisches Wohnhaus, dessen tragende Struktur aus Holz besteht. In der modernen Zeit, als Wohnhochhäuser in Korea zum Standard wurden, verlor das Hanok seinen Status als Wohnform und existierte nur noch als schutzbedürftiges Kulturerbe bzw. als eine von einer Minderheit bewohnte „kulturelle Ikone“ weiter. Nach der Millenniumwende kam es jedoch zu einer Wende: Bemühungen, den traditonellen Wert des Hanok neu zu entdecken und zu bewahren, führten zu einer Wiederbelebung dieser traditionellen Form des Wohnens durch Anpassung an die Ansprüche von heute. Cho Jung-goo streift seit 2000, als er seine Firma „guga Urban Architecture“ gründete, jeden Mittwoch durch alle Ecken und Enden von Seoul, um die Bewohner der jeweiligen Viertel zu interviewen und das Stadtbild zu dokumentieren. Im Laufe der Jahre haben sich einige Orte geändert, andere verschwanden ganz. Seine Streifzüge brachten Cho zu der Überzeugung, dass eine lebenswerte Stadt eine Stadt ist, in der Altes und Neues harmonisch koexistieren. Für Cho, der nach einer Architektur strebt, die das menschliche Leben aufnimmt und trägt, gehören auch Hanok zum modernen städtischen Leben.

Hanok neu entdeckt

Lim: Was hat Sie als zeitgenössischer Architekt auf Hanok aufmerksam werden lassen? Cho: Ich habe mich nicht von Anfang an für Hanok interessiert. Im Zuge meiner langjährigen Seoul-Exkursionen stellte ich bei genauerem Hinschauen fest, dass es auch Stadt-Hanok gibt, die im modernen, gegenwärtigen Zeitalter gebaut wurden. Es war also nicht das Hanok-Haus als traditionelles Bauwerk, das mein Interesse geweckt hat, sondern seine moderne, urbane Interpretation. Danach hatte ich die Gelegenheit, mich durch die Mitarbeit an modernen Hanok-Wohnhäusern im Seouler Stadtviertel Bukchon mit Struktur und Konzept der Hanok vertraut zu machen. Lim: Sie haben also quasi das Einmaleins der traditionellen Architektur vor Ort gelernt? Cho: So ist es. Normalerweise lernt man das aus Fachlitera-

Das Hotel Ragung, das 2005 in der alten Silla-Hauptstadt Gyeongju eröffnet wurde, war das erste Hanok-Hotel. Es ist ein Beweis dafür, dass die traditionelle koreanische Architektur mit der Zeit gehen kann. © Park Yeong-chae, guga Urban Architecture

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tur über Architekturgeschichte, aber ich habe vieles durchs Renovieren alter Hanok gelernt. Wichtig ist, dass Hanok in der urbanen Architektur von Seoul erhalten waren. Mit der Zunahme von Hanok-Projekten habe ich nicht nur an Wohnhäusern mitgearbeitet, sondern z.B. auch an Restaurants. Dabei wurde ich mit der Frage konfrontiert, wie Hanok den architektonischen Programmen der heutigen Zeit gerecht werden könnten, und kam zu dem Schluss, dass der Architekt die Antwort darauf finden muss. Durch meine Arbeit am Entwurf des Hanok-Hotels Ragung in Gyeongju (2005) erkannte ich, dass auch ein zeitgenössischer Architekt Hanok in der traditionellen Sprache der Architektur entwerfen und so großen Einfluss auf das moderne Hanok haben kann. Ich glaube, mit dem Projekt bin ich über meine Grenzen hinausgewachsen. Lim: Das Ragung war ein Projekt, das durch die Art seiner Reinterpretation und Rekonstruktion von Hanok beeindruckte. Cho: Ich denke, wenn jemand über die Geschichte der Architektur schreiben würde und dabei das zeitgenössische Hanok definieren müsste, könnte das Ragung als guter Ausgangspunkt dienen. Die Rolle des Architekten war bei diesem Projekt besonders wichtig, da ein modernes architektonisches Programm mit der Sprache der traditionellen Architektur auf neue Weise harmonisiert werden sollte. In dieser Hinsicht machte das Projekt die Möglichkeit wahr, die traditionelle Architektur mit dem modernen architektonischem Entwurf zu verbinden. Dass dieser Aspekt auch auf dem Markt Anerkennung fand, war von Bedeutung. Lim: Angesichts der heutzutage weiten Verbreitung des Wortes „Hanok“ scheint mir das Bedeutungsspektrum doch

recht breit zu sein. Ich bin neugierig, wie Sie als Architekt Hanok definieren. Cho: Gewöhnlich wird Hanok als „Haus mit Ziegeldach und traditionellem tragendem Holzgerüst“ definiert. Für mich ist Hanok ein „Haus mit Hof, das aus Naturmaterialien wie Stein, Holz und Papier gebaut ist“. Vor kurzem haben wir in Paju ein Wohnhaus aus Holz errichtet. Die Einwohner der Stadt nennen es „Hanok-Haus“. Da dachte ich, dass wir es bis zu einem gewissen Grad geschafft haben, die im Bewusstsein der Menschen verankerte Urform eines Hanok einigermaßen zum Vorschein zu bringen.

Simple, rationale Gestaltung

Lim: Was sind die bestimmenden Strukturmerkmale eines Hanok, die Sie bei Ihrer Arbeit vor Ort kennengelernt haben? Cho: Das Interessante an der Hanok-Struktur ist ihre Einfachheit. Es gibt nichts Kompliziertes daran. Hinzu kommt: Sie ist äußerst rational aufgebaut. Vom Gesamtgrundriss bis hin zur Anordnung der einzelnen Räumlichkeiten zeigt sich eine Kombination aus Rationalität und Simplizität. Ich konnte auch erkennen, wie moderne Hanok sich der Stadtentwicklung angepasst haben, so lassen sich z. B. in Bezug auf die Höhe von Dach und Fußboden subtile Veränderungen feststellen. Ein Hanok sieht einfach und unkompliziert aus, aber damit ist noch längst nicht alles gesagt. Lim: Was konstituiert Ihrer Meinung nach die „DNA“ eines Hanok, die bei architektonischen Experimenten beibehalten werden sollte? Cho: Hof und Dachtraufe würde ich sagen. Zwischen Hof und Haus braucht es die Dachtraufe als mittleren Bereich. Die Dachtraufe spendet nicht nur Schatten, sondern bildet einen Zwischenraum, in den man hinaustreten und von dort aus den Innenhof betrachten kann. Auch Einfachheit ist wichtig. Der Grundriss eines traditionellen Hanok ist meist simpel wie eine Kinderzeichnung. Daher finde ich es schade, dass die

© Park Yeong-chae, guga Urban Architecture

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Das Hotel ist so konzipiert, dass die jeweilige landschaftliche Szenerie von der erhöhten Ebene der einzelnen Räume aus genossen werden kann. Auf diese Weise bringt Ragung die Funktionen eines kleinen Boutique-Hotels mit traditioneller Ästhetik in Einklang.


„Wenn wir also neue Hanok bauen, in denen wir wohnen sollen, dann können sie nicht einfach nur wie Kulturdenkmäler sein, sondern müssen Obdach für unser modernes Leben bieten. Um am Leben zu bleiben, müssen sie sich weiterentwickeln.“ Raumstrukturen der heute neu gebauten Hanok komlizierter werden. Das Außendesign folgt zwar der traditionellen Form, aber weil der Innenraum oft übertrieben ausgestaltet wird, hat man das Gefühl, dass die einem Hanok inhärente Schlichtheit zerbrochen ist. Bei einem gut konzipierten Hanok scheinen die Räume hingegen natürlich ineinander zu fließen. Diesem Raumfluss muss neue Beachtung geschenkt werden. Lim: Was Hanok betrifft, so gibt es auch etwas zwiespältige Einstellungen. So wird z.B. behauptet, dass das Hanok als traditionelles Erbe stilgetreu erhalten werden muss. Andererseits gibt es die Kritik, dass moderne Stadt-Hanok wertlos sind und die Architekten von heute sich nicht damit beschäftigen sollten. Cho: Das zielt genau auf mich. Tatsächlich höre ich von beiden Seiten Kritik. Einige Architekten kritisieren, warum ich etwas „Sterbendes“ retten wolle, aber dieser Sichtweise kann ich nicht zustimmen. Schaut man sich die modernen Städte von heute an, so gibt es immer noch Hanok und sie sind nach wie vor bewohnt. Andererseits werde ich oft gefragt, ob Hanok in moderneren Designs denn überhaupt noch als Hanok bezeichnet werden könnten. So z. B. das Wohnhaus Nangnakeon (Haus der doppelten Freuden) im

Zusammen mit den Angestellten seiner Firma „guga Urban Architecture“ streift der Architekt Cho Jung-goo jeden Mittwoch durch Seoul, um nach neuen Möglichkeiten für das Hanok als lebendige Form der Architektur zu forschen.

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Seouler Bezirk Eunpyeong-gu, das von einer Pilotis-Betonpfeilerkonstruktion getragen wird. Das Bauwerk gewann zwar einen Architekturpreis, wird jedoch nicht als exzellentes Hanok zertifiziert, da die Betonstützen aus puristisch-traditioneller Sicht nicht akzeptabel sind. All das ändert aber nichts an meiner Überzeugung. Selbst wenn unsere Kultur zum Traditionellen zurückkehrt, kann dieses Traditionelle nie das Gleiche wie in der Vergangenheit sein. Denn wir können geschichtlich, technisch und gesellschaftlich ja nur nach vorne schreiten. Wenn wir also neue Hanok bauen, in denen wir wohnen sollen, dann können sie nicht einfach nur wie Kulturdenkmäler sein, sondern müssen Obdach für unser modernes Leben bieten. Um „am Leben“ zu bleiben, müssen sie sich weiterentwickeln. Dafür braucht es verschiedene Experimente von unterschiedlichen Personen.

Verkörperung des allgemeinen Lebens

Lim: Aus Sicht eines zeitgenössischen Architekten ist Hanok nur einer von vielen Bautypen. Vielleicht ist es auch nur eine Frage, wie man diesen Typ betrachtet und seine Merkmale interpretiert.

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Cho: Unsere Firmenphilosophie gründet auf der universellen Kreativität. Egal, was wir kreieren: Wir bemühen uns stets um Bauten, die universellen Einfluss ausüben können. Es ist wichtig, neue Wohnformen zu schaffen. Dafür müssten meines Erachtens die Grenzen zwischen traditioneller und zeitgenössischer Architektur weiter eingerissen werden. Beim Hanok ist der Entwurf besonders wichtig. Das bedeutet, dass Architekten mit ihrer eigenen Perspektive Herausforderungen angehen sollten. Ich denke nicht, dass mein Ansatz der einzig richtige ist. Wenn viele Menschen sich ernsthaft mit diesem Thema befassen, können sicher Alternativen gefunden werden. Die große Aufgabe eines Architekten ist, Wohnstätten für unser Zeitalter zu bauen. Für mich hängt ein Großteil dieser Aufgabe mit der Modernisierung von Hanok zusammen. Lim: Während Sie z.B. bei der Chirurgiepraxis von Im Jae-yang in Daegu die Erinnerungen an Hanok und japanische Stadthäuser einfingen, haben Sie auch damit experimentiert, herkömmliche Baumethoden zur Schaffung von Neuem anzuwenden. Beispiele für das Letztere sind das Hanok Mimyeongjae im Kreis Inje mit seinen drei Flügeln in Y-Form und der kreisförmige Säulengang auf dem Gelände des Lotte Resort Buyeo. Es ist interessant, dass Sie nicht an der typischen Hanok-Form festhalten, sondern mittels traditioneller Baukunst neue architektonische Ansätze schaffen. Cho: Richtig. Hanok ist die Sprache, in der ich denken und mich ausdrücken kann. Wichtig ist, wie man einen Ort versteht; dafür muss man fragen, was sich die Menschen wünschen. Daraus entwickelt sich dann die Form, denke ich. Im Falle des Besucherzentrums des Arboretums Chollipo lag der Fokus weniger auf der Hanok-Weiterentwicklung, sondern mehr darauf, ein einfach strukturiertes Gebäude mit einem Dach im traditionellen koreanischen Stil zu schaffen. Beim Gästehaus in Tosan-ri auf der Insel Jeju-do ging es nicht so sehr darum, das Hanok in der zeitgenössischen Architektursprache zu reinterpretieren, als echte traditionelle Hanok-Substanz in die Architektur direkt einzubeziehen. Der Auftraggeber wünschte sich ein Hanok-haftes Wohnhaus, meinte aber, dass sein Lebensstil kaum in ein tradi-

1. Das Haus in Tosan-ri auf der Insel Jeju-do ist auf die abfallende Topograhie seines Standortes abgestimmt. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Essbereich wurden den unterschiedlichen Ebenen angepasst.

2 © Yun Jun-hwan, guga Urban Architecture

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2. Das Tosanri-Haus reinterpriert den traditionellen Wohnstil mit steinernen Mauern für Häuser und Einfriedungen, niedrigen Dächern und einer in die Breite orientierten Gesamtanlage, die den starken Winden der Insel standhalten muss.


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4 © Park Yeong-chae, guga Urban Architecture

tionelles Hanok zu integrieren sei. Also haben wir den Stil eines Jeju-typischen Familienhauses erhalten und Materialien sowie Raumstruktur eines Hanok übernommen. Das war gewissermaßen eine „progressive Regression“.

Bescheidener Raum

Lim: Was verkörpert für Sie als Architekt ein Haus repräsentativ für Korea und unser Zeitalter? Cho: Was ich von Hanok gelernt habe, ist v.a. das Konzept des „bescheidenen Raums“. Ein Haus, das über innere Tiefe verfügt, aber sie nicht zur Schau stellt, ein Haus, das umarmt und annimmt – das ist das Haus, von dem ich träume. Dazu ist für mich, wie ich vorhin schon gesagt habe, auch die Szenerie wichtig, die sich auftut, wenn ich unter der Dachtraufe sitze – die Schlichtheit, die einem Haus mit Innenhof anhaftet. Nur so herrscht das Haus nicht über den Menschen, sondern vermittelt Behaglichkeit. Lim: Sie scheinen auf Basis Ihrer Stadtexkursionen und beständigen Experimente mit Hanok Ihre eigene Theorie der „universellen Architektur fürs Leben“ aufzustellen.

Cho: Ich bin kein Hanok-Architekt. Ich folge nur gewissenhaft dem Pfad meines Lebens als Architekt. Hanok lief mir gewissermaßen einfach über diesen Schicksalspfad. Meine Arbeit als Architekt verstehe ich als das Ziehen von Linien, die von der Vergangenheit durch die Gegenwart verlaufen. Ich bin also jemand, der das Leben in der Gegenwart, die in Verbindung mit der Vergangenheit steht, unter die Lupe nimmt und dabei Brücken in die Zukunft schlägt. Entsprechend meinem Motto „Auf der Suche nach den Formen des Lebens“ habe ich durch meine „Ortsbegehungen“ stets das Erscheinungsbild des Lebens erforscht, und ich denke, dass ich dabei im Vergleich zu den meisten Menschen mehr Dinge gesehen habe, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen. Ich sehe mich als jemanden, der von dort aus Stück für Stück eine Brücke in die Zukunft baut. Es wäre schön, wenn ich später als jemand erinnert werden würde, der aus Räumen Zuhause für unser Zeitalter geschaffen hat, d.h. viele Räume, die den wesentlichen Werten und den natürlichen Gegebenheiten unseres Zeitalters angepasst sind.

3. Mit freiem Blick auf den direkt vor der Tür liegenden Berg Bukhansan repräsentiert das Nangnakeon (Haus der doppelten Freuden) einen neuen Hausstil, bei dem traditionelle und moderne Element koexistieren. 4. Das von einer Pilotis-Betonpfeilerkonstruktion getragene Nangnakeon wurde mit Blick auf die Bedürfnisse des zeitgenössischen Lebensstils entworfen. Eingang sowie Parkraum liegen unterhalb des Numaru, des erhöht liegenden, offenen Raums mit Holzfußboden.

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VERLIEBT IN KOREA

Spurwechsel

Vom Hochgeschwindigkeitszug zur Patisserie 1

Der Spitzeningenieur Guillaume Diepvens wurde nach Korea entsandt, um dort beim Aufbau des ersten Hochgeschwindigkeitszug-Systems zu helfen. Aber dann bewirkten die Liebe des Franzosen f체r das Brot seines Heimatlandes und sein Unternehmergeist einen unerwarteten Spurwechsel vom Zug zum B채ckereibetrieb. Choi Sung-jin Gesch채ftsf체hrender Direktor, Korea Biomedical Review Fotos Heo Dong-wuk

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tellen Sie sich einmal vor, als koreanischer Ingenieur für z.B. Hyundai Engineering and Construction nach Frankreich entsandt zu werden. Ihre Hauptnahrungsmittel, gekochter Reis und Kimchi, die Sie vor Ort bekommen, finden Sie alles andere als zufriedenstellend, sodass Sie sich danach sehnen, wenigstens an einem Wochentag ordentliche koreanische Mahlzeiten essen zu können. Sie werden dann wohl versuchen, Ihren Aufenthalt so schnell wie möglich zu beenden, um wieder nach Korea zurückzukehren. Wenn das nicht machbar ist, könnten Sie sich um häufigere Heimatbesuche bemühen, um Ihr Verlangen nach echter Hausmannskost zu stillen. Guillaume Diepvens sah sich in Korea in einer ähnlichen Situation. Aber der Franzose schlug einen anderen Weg ein: Er blieb und öffnete eine Patisserie französischen Stils. Was brachte ihn dazu? Eine Art Sendungsbewusstein, französische Backwaren in einem asiatischen „Reisland“ zu verbreiten? Der lange aufgestaute Wunsch nach Selbstständigkeit? Der Überdruss, für ein großes Unternehmen zu arbeiten? Oder etwas von jedem? Eins steht jedenfalls fest: Diepvens hätte diese Entscheidung sicher nicht getroffen, wenn er sein Gastland nicht gemocht hätte. Die Frage, ob er Korea liebe, beantwortete der 44-jährige Franzose mit „Wenn dem nicht so wäre, würde ich wohl kaum seit 17 Jahren hier leben, oder?“

Sicher und unkompliziert

Diepvens fasst sein Leben in Korea in einem Wort zusammen: „unkompliziert“. Auf die Bitte, das etwas auszuführen, meinte er, Korea sei „sicher und bequem“ für Ausländer, insbesondere wegen seines hervorragenden Nahverkehrssystems und der Bequemlichkeit, mit der alle alltäglichen Bedarfsgüter besorgt werden können. Der aus einem kleinen Bauerndorf stammende Franzose lebte zwei Jahre in Paris und acht Monate in den USA, fühlte sich aber dort nicht zu Hause. „Seoul mag mal abgesehen vom Nobelviertel Cheongdam-dong in puncto Kulturleben vielleicht nicht so gehoben und nobel wie Paris sein, dafür ist das Leben für Ausländer im Vergleich zu den meisten europäischen und amerikani-

schen Großstädten hier sicherer und bequemer“, meint Diepvens. „Sicher, ich liebe Korea, aber ehrlich gesagt, war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Ich habe das Land peu à peu lieben gelernt“, sagt er. Am Anfang bereitete ihm die Tatsache, dass er kein Wort Koreanisch verstand – geschweige denn sprechen konnte – die größten Schwierigkeiten. Diepvens erinnert sich daran, wie er trotz seines gebrochenen Englisch in den USA ganz gut zurechtkam, da Französisch und Englisch viele Wortschatzähnlichkeiten aufweisen und auch im Satzbau nicht so unterschiedlich sind. In Korea wurde Diepvens jedoch nicht nur mit einer völlig fremden Sprache konfrontiert: „Die Unterschiede sind gewaltig“, meint er „und zwar nicht nur in der Sprache an sich, sondern auch im Denken“. Diepvens kam 2002 als Angestellter von Alstom, eines multinationalen, auf Schienentransport spezialisierten, weltweit operierenden Unternehmens nach Korea. Jeder fanzösische Ingenieur würde liebend gerne für diese Firma arbeiten, und mit einem Abschluss der Elitehochschule Arts et Métiers ParisTech hatte Diepvens quasi einen „goldenen Schlüssel“ in der Tasche. 1780 gegründet, hat diese prestigereiche Hochschule bisher an die 85.000 Ingenieure in den verschiedensten Fachbereichen von den grundlegenden Fertigungstechniken bis hin zur Luftfahrt hervorgebracht. Alstom war Diepvens erster Arbeitgeber und Seoul sein erster Arbeitsplatz. Seine Aufgabe bestand darin, beim Aufbau des KTX-Hochgeschwindigkeitszug-Systems mitzuwirken. Sechs Jahre später jedoch verließ er Alstom, um sich seiner

1. Guillaume Diepvens kam 2002 nach Korea, um als Ingenieur beim Aufbau des ersten Hochgeschwindigkeitszug-Systems mitzuarbeiten, vollzog dann aber einen Spurwechsel. 2. Nach sechs Jahren quittierte Diepvens seinen Job und eröffnete eine Patisserie in Cheongdam-dong, einem trendigen Viertel im Seouler Bezirk Gangnam.

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„Ich wollte eine Bäckerei eröffnen, damit die Koreaner den Geschmack von wirklich gutem französischem Brot genießen können. Einige koreanische Brotsorten kamen französischen Produkten zwar schon recht nahe, waren aber noch nicht ganz authentisch.“ Patisserie Maison Guillaume im Seouler Südviertel Gangnam zu widmen. „Ich wollte eine Bäckerei eröffnen, damit die Koreaner den Geschmack von wirklich gutem französischem Brot genießen können“ erklärt er. „Einige koreanische Brotsorten kamen französischen Produkten zwar schon recht nahe, waren aber noch nicht ganz authentisch.“

Adieu, Ingenieurswesen

Die Entscheidung, Maßstabmodelle gegen Backfolien und Öfen einzutauschen, versetzte Familie und Freunden natürlich einen Schock. Es dauerte eine Weile, bis sie seine Beweggründe verstanden und akzeptierten. Diepvens hatte wenig Wissen oder Erfahrung im Brotbacken. „Auch für mich war die Entscheidung nicht einfach. Ich habe mir tagelag den Kopf zermartert“, sagt er. Seine Eltern waren anfänglich dagegen, gaben aber schließlich nach. „Mein Vater und meine Mutter sind aufgeschlossene Menschen.“ Diepvens ging für einen vierwöchigen Intensivkurs im Brotbacken nach Frankreich und warb einige erfahrene französische Bäcker an, die ihn unterstützten. Diese Bäckermeister

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sind inzwischen nach Hause zurückgekehrt und Diepvens betreibt jetzt zwei Bäckereien mit Hilfe von französischen Teilzeitbeschäftigten. Sein vor Kurzem eröffneter zweiter Laden befindet sich in der südlich von Seoul gelegenen Satellitenstadt Pangyo. „Die französischen Bäckermeister sind hauptsächlich deshalb gegangen, weil sie mit den kulturellen Unterschieden nicht zurechtkamen“, erklärt Diepvens, hält sich aber mit genaueren Erläuterungen dieser Unterschiede zurück.

Kulturelle Unterschiede

„Ich stelle keine französischen Bäckermeister mehr ein, wenn sie kein Koreanisch können und nicht verstehen, wie die Dinge in Korea erledigt werden“, sagt Diepvens. Aber vielleicht wird er gar keine Bäckermeister mehr beschäftigen müssen, weil er mittlerweile selber einer geworden ist. Maison Guillaume mit seinem in Rosa gehaltenen Interieur präsentiert eine ansprechende Palette französischer Brote mit einer harten Kruste und einem weichen Inneren sowie Kleingebäck aller Art. Besonders ins Auge fallen die liebli-


chen pastellfarbenen Macarons, die einfach zu schade zum Essen scheinen, die Millefeuille bzw. die Pies mit den „tausend Blättern“ und die niedlichen, aus Eiweiß und Zucker gemachten Baiser, die sofort im Mund zerschmelzen. Es dauerte nicht lange, bis die echt französischen Brot- und Plätzchensorten die Geschmacksnerven der Koreaner betörten. Seit der Eröffnung 2008 läuft das Geschäft immer besser und die Patisserie konnte ihren Marktanteil gegenüber verschiedenen Konkurrenten erfolgreich verteidigen. Diepvens Schlüssel zum Erfolg liegt in seinem unablässigen Streben nach Lokalisiering, d.h. Anpassung der französischen Rezepte an den koreanischen Geschmack. Er begrüßt den Markteintritt französischer Luxusbäckereien wie Eric Kayser und Ladurée in Korea, weil sich seiner Meinung nach darin die steigende Anerkennung französischer Backwaren widerspiegelt. Eine gezielte Einführung der französischen Gastronomie in Korea strebt er jedoch nicht an, vielmehr will er sich weiterhin auf Backwaren wie Brot und darauf bezogene Produkte wie Konfitüre und Cremes konzentrieren. Zurzeit lebt Diepvens in Huam-dong, einem alten Wohngebiet in der Nähe des Seouler Bahnhofs. „Weder single noch verheiratet“, wie er es formuliert, geht Diepvens gerne bergsteigen oder unternimmt Radtouren. Er hat ausgedehnte Motorradtouren durch Korea unternommen. „Zurzeit gehe

ich einfach spazieren, wenn ich etwas Luft habe, oft zusammen mit meinem Hund“, sagt er. Die Arbeit als Patissier verlangt sowohl Köpfchen als auch Muskeln, sodass wenig Energie für andere Unternehmungen bleibt.

Anspruchsloser Geschmack

Als Vegetarier bevorzugt Diepvens einfache koreanische Gerichte wie Bibimbap (Reis gemischt mit verschiedenen Gemüsen, in seinem Fall aber ohne das sonst übliche Fleisch), Kalguksu (mit dem Messer geschnittene Nudeln in Brühe) und Sujebi (bissfeste Weizenklößchen in Brühe). Ab und zu besucht er den Gwangjang-Markt am Osttor, um Bindaetteok (Mungobohnen-Pfannkuchen) zu essen. Seine Essensvorlieben entsprechen denen des kleinen Mannes in Korea. Auf die Frage nach den Hauptproblemen beim Betrieb seiner Bäckereien nennt Diepvens seine unzureichenden Sprachkenntnisse und seine mangelnde Erfahrung in Bezug auf die koreanische Denk- und Lebensart. „Wenn ich noch mal anfangen könnte, würde ich zunächst Koreanisch und Brotbacken lernen“, sagt er, fügt dann aber hinzu, dass er Job- und Wohnortwechsel nicht bereue. „Wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe, bedauere ich nie etwas. Es ist ja letztendlich meine Entscheidung.“ Momentan bereiten ihm die galoppierenden Mietpreise das größte Kopfzerbrechen. Vor kurzem musste er einen Laden im UN Village im Seouler Stadtteil Hannam-dong schließen, weil der Besitzer die Mietpreise innerhalb kurzer Zeit stark erhöhte. „Die Mieten steigen nicht einfach, sie verdoppeln sich quasi über Nacht, um es mal plastisch auszudrücken“, sagt er. Diepvens leidet nicht als einziger unter der Gentrifizierung, einem in ganz Seoul verbreiteten, besorgniserregendem Phänomen. „In Huam-dong, wo ich wohne, erscheint ein Hotspot nach dem anderen, sodass ich mir Sorgen über galoppierende Mietpreise mache.“

1, 2, 3. Rosinenteilchen, Macaron und Millefeuille im Maison Guillaume.

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4. Maison Guillaume, das 2008 aufmachte, betörte schnell den Gaumen der Koreaner. Vor Kurzem wurde eine zweite Patisserie in Bundang, Provinz Gyeonggi-do, eröffnet.

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UNTERWEGS

Fünf Inseln im Westmeer Die Fünf Inseln im Westmeer (auch: Gelbes Meer) liegen genau an der Seegrenze, die die beiden Koreas trennt. Die meisten militärischen Zusammenstöße nach dem Koreakrieg ereigneten sich auf bzw. vor diesen Inseln. Mit dem Nachlassen der Spannungen laden die Inseln zu einem Besuch ein. Lee Chang-guy Dichter und Literaturkritiker Fotos Ahn Hong-beom

Der Hafen Dumujin auf der Insel Baengnyeong-do, der größten der fünf Inseln im Westmeer, ist für seine herrlichen, sich 4 km an der Küste erstreckenden Klippen bekannt. Da die Insel Nordkorea gegenüberliegt, sind zwar gewisse militärische Spannungen zu spüren, aber trotzdem zieht die spektakuläre Landschaft viele Besucher an. Zehn landschaftlich reizvolle Orte auf den Inseln Baengnyeong-do, Daecheong-do und Socheong-do wurden im Juli 2019 zu Nationalen Geoparks bestimmt.

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m 7.50 Uhr legt die erste Fähre nach Baengnyeong-do vollbeladen im Hafen von Incheon ab. Auf dem Deck drängen sich aufgeregte Passagiere, Rucksäcke auf dem Rücken, Gepäckbündel in beiden Händen. In Gedanken sind sie schon beim Mittagessen: Ob es Naengmyeon á la Baengnyeong-do und Kimchi-tteok geben wird? Oder einen Teller mit frischen Seegurken und Pallaengi-jjim (gedünsteter Peitschenrochen in scharfer Marinade)? Es ist verständlich, dass Erstbesucher neugierig und vorsichtig zugleich sind, denn die Fähre bringt sie geradewegs zum militärischen Pulverfass der koreanischen Halbinsel. Der Koreakrieg endete 1953 mit einem Waffenstillstandsabkommen, in dem die Militärische Demarkationslinie (MDL) entlang der damaligen Kampflinie festgelegt wurde. Die MDL ist nicht weit entfernt vom 38. Breitengrad, entlang dessen die koreanische Halbinsel nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1948 in eine amerikanische und eine sowjetische Besatzungszone geteilt worden war. Den territorialen Besitzansprüchen, die die beiden Koreas auf verschiedene, vor ihren Küsten liegende Inseln und Gewässer erhoben, wurde zwar dem Vorkriegsstand entsprechend Rechnung getragen, doch die im Westmeer gelegenen Inseln Baengnyeong-do, Daecheong-do, Socheong-do, U-do und Yeonpyeong-do, die sich breitengradmäßig ein ganzes Stück weiter nördlich der MDL befinden, wurden dem Kommando der Streitkräfte der Vereinten Nationen unterstellt, das später die nördliche, maritime Begrenzungslinie (Northern Limit Line, NLL) zwischen diesen fünf Inseln und der Provinz Hwanghae-do in Nordkorea festlegte. Heute sind diese fünf Inseln, zwischen denen bis dahin keine großen Verbindungen bestanden zu haben schienen, als „Seohae Odo“, die „Fünf Inseln im Westmeer“, bekannt.

Von Konfrontation zur Versöhnung

Die Fünf Inseln im Westmeer können nur mit Passagierfähren erreicht werden. Die Fähre, die über Socheong-do und Daecheong-do bis Baengnyeong-do fährt, pendelt dreimal am Tag. „Baengnyeong“ bedeutet wörtlich „weiße Feder“: Die 51 Quadratkilometer große Insel erinnert in ihrer Form einem fliegenden Ibis. Bis Baengnyeong-do, das am weitesten von Incheon entfernt liegt, braucht die Hochgeschwindigkeitsfähre bei ruhigem Wellengang und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Knoten etwa vier Stunden – nicht zu vergleichen mit den zwölf Stunden, die man noch in jüngster Vergangenheit unterwegs war. Allerdings behindert oft hoher Wellengang die Fahrt oder es kommt zu Ausfällen wegen Nebel und Wind.

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Die Insel Baengnyeong-do liegt etwa 200 km entfernt von Incheon. Vom Jangsangot-Kap in Nordkorea sind es jedoch nur 16 km. Yeonpyeong-do z.B. ist 10 km entfernt vom nordkoreanischen Hafen Bupo-ri. So gut wie jeder südkoreanische Fischer, der in der Nähe der Inseln auf Fang geht, kann deshalb Geschichten darüber erzählen, wie er, im dichten Nebel vom Kurs abgekommen, über die Seegrenze NLL in nordkoreanische Hoheitsgewässer geriet, um dann erschrocken schnellstmöglich abzudrehen. Für die Nordkoreaner dürften diese Inseln ein Stachel im Fleisch sein. Von Yeongpyeong-do aus kann man z.B. mit bloßem Auge Haeju, den südlichsten nordkoreanischen Marinestützpunkt, observieren. Auch die Bewegungen nordkoreanischer Marineschiffe können verfolgt werden. Nord-


1. Der Hafen Sahangpo auf der nordwestlichen Seite von Baengnyeong-do ist bekannt dafür, das hier in rauen Mengen Pazifische Sandaale gefangen werden. 2. Ein Dorfbewohner beim Trocknen von Japanischem Blatttang am Strand von Junghwa-dong, wo sich die zweitälteste presbyterianische Kirche Koreas befindet.

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korea, das die NLL nie anerkannt hat, hat eine eigene Meeresgrenze namens „Militärische Demarkationslinie im Westmeer“ ausgerufen. Sie verläuft südlich der MDL und biegt dann, die Inseln gerade noch ausschließend, nach Norden ab. Tatsächlich ereigneten sich bislang alle militärischen Auseinandersetzungen in diesem Gebiet. Am 26. März 2010 sank die südkoreanische Korvette Cheonan in der Nähe von Baengnyeong-do, 46 Besatzungsmitglieder kamen ums Leben. Eine Untersuchungsgruppe aus in- und ausländischen Fachleuten kam zu dem Schluss, dass das Schiff von einem nordkoreanischen Torpedo versenkt wurde. Am 23. November 2010 schoss Nordkorea über 170 Artilleriegeschosse und Raketen auf Yeonpyeong-do ab, wobei vier Südkoreaner getötet und 19 weitere verletzt wurden. Der

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Norden beschuldigte den Süden, während der Durchführung von Militärübungen Artilleriegeschosse in seine Hoheitsgewässer abgefeuert zu haben. Es war der erste nordkoreanische Angriff auf südkoreanisches Gebiet seit dem Koreakrieg. Die über 40 modernisierten Bunker für Zivilisten auf den Inseln erinnern daran, wie urplötzlich die Ruhe wieder zerstört werden kann. Mit den zunehmenden Spannungen und Konfrontationen wächst zwar auch die Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung, aber die Hoffnungen darauf wurden wieder und wieder enttäuscht. Derzeit richtet sich die Hoffnung auf die „Erklärung von Panmunjom für Frieden, Prosperität und Vereinigung der koreanischen Halbinsel“, die 2018 von den Staatsoberhäuptern der beiden Koreas unterzeichnet wurde.

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Auf Basis dieser Vereinbarung konnte im April 2019 der Nachtfischfang in den Gewässern um die Inseln nach 55 Jahren wieder aufgenommen und die Fischereizone stark erweitert werden. Zudem trafen sich am 30. Juni die Staatschefs von Nordkorea, Südkorea und den USA in Panmunjom und erklärten sich dazu bereit, die Feindlichkeiten zu beenden und neue Beziehungen aufzubauen. Diese Ereignisse beleuchteten zusammen mit Erinnerungen an alte, längst vergessene Geschichten erneut den Wert der beeindruckenden Naturlandschaften und der einzigartigen Kultur dieser Inseln, der nach der Teilung nicht richtig wahrgenommen werden konnte. Dadurch hat der Werbeslogan „Inseln, die man sehen möchte, Inseln, auf denen man weilen möchte“ eine realistischere Note erhalten.

Vorderste Front zur Verteidigung des Westmeers

Die nordkoreanische Provinz Hwanghae-do liegt an der nördlichen Peripherie der Metropolregion Seoul. Das Terrain dort ist zu flach, um für die Landesverteidigung von großem Belang zu sein. Viele Jahrhunderte lang machte das die Küs-

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Hinter dem Stacheldrahtverhau, der die Küste der Insel Baengnyeongdo sichert, ist Nordkorea zu sehen. In den Gewässern vor der Insel fanden 2010 die ernsthaftesten militärischen Zwischenfälle seit Beendigung des Koreakriegs (1950–1953) statt.

ten dieser Region zu einem einladenden Einfallstor für Invasionen und illegale Machenschaften. Ab dem 5. Jh., während der Zeit der Drei Königreiche (57 v. Chr.-668 n. Chr.), waren die Gewässer der Provinz Hwanghae-do Knotenpunkte auf der Seeroute, die entlang der Westküste der koreanischen Halbinsel bis zur chinesischen Halbinsel Liaodong verlief. So fielen ab Ende des 14. Jhs während der späten GoryeoZeit (918-1392) bis zum 16. Jh. in der Joseon-Zeit (13921910) hier immer wieder japanische Invasoren ein, die die Küstengebiete ausplünderten und verwüsteten. In der späten Joseon-Zeit, als in China die Ming-Dynastie (1368-1644) von der Qing-Dynastie (1636-1912) abgelöst wurde, wurden die koreanischen Gewässer von Piraten heimgesucht, die diese turbulenten Zeiten ausnutzten. Als sich mit Beginn des 18. Jhs die Lage beruhigte, drangen Fischkutter aus Qing-China in die koreanischen Gewässer ein, was zu häu-


figen Scharmützeln mit den einheimischen Fischern führte. Außerdem blühte der Schmuggel zwischen koreanischen und chinesischen Händlern. Die Insel Baengnyeong-do, die von der chinesischen Provinz Shandong nur 187 km entfernt ist und damit näher an China als an Incheon liegt, war lange Zeit der Hauptschauplatz solcher Konflikte. Zur Bewachung sowie zur Verfolgung und Festnahme von Eindringlingen errichtete die Joseon-Regierung in den wichtigsten Küstenhäfen Marinestützpunkte. Diese Forts wurden dann aber auf die Inseln verlagert, um Eindringlinge abzufangen, bevor sie einen Fuß aufs Festland setzen konnten. Anfang des 17. Jhs wurde zuallererst ein Stützpunkt auf Baengnyeong-do errichtet, wo bereits im 11. Jh. in der Goryeo-Zeit der Militärstützpunkt Baengnyeongjin eingerichtet worden war. Die Insel verfügte über den Vorteil weitläufiger landwirtschaftlicher Nutzflächen, die die Selbstversorgung der Soldaten gewährleisteten. Auch heute noch basiert die Verpflegung der auf der Insel stationierten Marineinfanteristen auf lokal angebauten Produkten. Das könnte auch der Grund dafür sein, warum immer noch mehr Inselbewohner der Landwirtschaft statt der Fischerei nachgehen.

Weg der katholischen Mission

Die Einheimischen von Baengnyeong-do glauben, dass

„Indangsu“ – eine wichtige Kulisse in Simcheong-jeon (Die Geschichte von Sim Cheong) – für das Meer im Nordwesten der Insel steht. Das Mädchen Sim Cheong, die Protagonistin dieser Volkserzählung, braucht 300 Sack Reis als Opfergabe für einen buddhistischen Tempel, damit ihr blinder Vater das Augenlicht zurückgewinnen kann. Als sie hört, dass Händler aus dem chinesischen Nanjing nach einer Jungfrau suchen, die sie für ihre sichere Heimkehr dem Meeresgott als Opfergabe darbringen wollen, bietet sie sich ihnen bereitwillig an, woraufhin ihr die 300 Sack Reis versprochen werden. Zur Erinnerung an die kindliche Pietät von Sim Cheong errichteten die Inselbewohner in Jinchon-ri den Pavillon Simcheonggak, von dem aus man einen Blick auf das in der Geschichte erwähnte Meer hat. Der Autor dieser Volkserzählung ist zwar unbekannt, dafür sind aber die Gewässer zwischen Baengnyeong-do und Jangsangot umso bekannter für ihren Seegang, sodass sie für die Händler wahrhaft furchteinflößend gewesen sein müssen. Die Nord-Süd-Küstenströmung und die Ost-West-Gezeitenströmung prallen hier ständig aufeinander, was seit jeher zu häufigen Schiffsunglücken führte. 1771 sank z.B. ein Kriegsschiff während eines Seemanövers und riss mehrere Besatzungsmitglieder in den Tod. Daraufhin setzte sich König Yeongjo (reg. 1724-1776) persönlich dafür ein, dass

Sehenswertes auf Baengnyeong-do

China

Nordkorea

Halbinsel Liaodong

Pjöngjang Saja Bawi (Lion Rock)

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Simcheonggak-Pavillon

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Monument für die Wiedervereinigung Dock im Hafen Yonggi-po

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Presbyterianische Kirche in Junghwa-dong

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Insel Baengnyeong-do Insel Daecheong-do Insel Socheong-do China

Haeju Seoul Incheon

Insel Yeonpyeong-do Insel U-do

Halbinsel Shandong

Südkorea

Sagot-Strand

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1. Das Dorf Gwanchang-dong im nördlichen Teil der Insel Baengnyeong-do. In der Vergangenheit luden die Kaufleute, die mit China handelten, auf den Dorfdocks ihre Fracht zum Deponieren in den örtlichen Warenlagern aus. 2. Vom Heimaturlaub zurückkehrende Soldaten, Inselbewohner und Besucher kommen nach einer vierstündigen Fahrt auf einer im Hafen Incheon ausgelaufenen Hochgeschwindigkeitsfähre auf Baengnyeong-do an. Die Fähren verkehren drei Mal pro Tag zwischen Incheon und dem Hafen Yonggipo.

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die Militärübungen künftig separat im Süden und im Norden von Jangsangot durchgeführt werden sollten. Es war im Bereich dieser Gewässer, wo 2010 die südkoreanische Korvette Cheonan versenkt wurde. Die Route, die von der chinesischen Halbinsel Shandong über Baengnyeong-do in die Joseon-Hauptstadt Hanyang bzw. Gaeseong (Kaesong) führte, gewann v.a. durch den Heiligen Andreas Kim Taegon (1824-1846), den ersten römisch-katholischen Priester in Korea, an historischer Bedeutung. 1846, ein Jahr nach seiner Priesterweihe in Shanghai, wurde er von Jean-Joseph-Jean-Baptiste Ferréol, dem dritten Apostolischen Vikar in Joseon, damit beauftragt, im Westmeer eine Seeroute zu erschließen, auf der die Missionare sicher reisen konnten. Zu der Zeit widersetzte sich Joseon den Forderungen der westlichen Mächte, seine Häfen zu öffnen und unterdrückte den katholischen Glauben als Häresie. Priester Kim Taegon brach im Hauptstadthafen Mapo nach Baengnyeong-do auf, wo er chinesischen Fischern zwei Landkarten und sechs Briefe für die französischen Missionare überreichte. Auf seiner Rückkehr in die Hauptstadt wurde er jedoch verhaftet und drei Monate später hingerichtet. 1984 wurde er von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Auf den fünf Westmeerinseln überrascht die große Zahl der Kirchen. Allein auf Baengnyeong-do mit seinen etwas über 5.300 registrierten Einwohnern (Stand: 2019) gibt es 13 Kirchen. 75% der Bevölkerung bekennen sich zum christlichen

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Glauben. Die Junghwadong-Kirche ist z.B. die zweitälteste presbyterianische Kirche in Korea. Als die Joseon-Regierung 1898 das Missionierungs- und Kirchbauverbot aufhob, verwandelten die dortigen Christen eine 39,6m2 große Dorfschule in eine Kirche. Neben dieser Kirche befindet sich das Missionsmuseum Baengnyeong, dessen Dauerausstellung die Geschichte der Missionierung der Insel und ihrer Nachbargebiete ab den Anfängen zu Beginn des 19. Jhs dokumentiert.

Boom westlicher Baumwollstoffe

Bevor Joseon 1876 auf Grundlage des Japanisch-Koreanischen Freundschaftsvertrags seine Häfen öffnete, monopolisierte die Regierung den gesamten Handel des Landes, was aber nicht bedeutete, dass kein Schmuggel getrieben wurde. Zu Beginn der Joseon-Zeit lief der Schmuggel über die Regierungsbüros, die in Küstenstädten wie Busan zur Abwicklung des Handels mit Japan eingerichtet worden waren, oder die Insel Tsushima. Gehandelt wurden v.a. Silber aus Japan und Ginseng aus Joseon. Im 19. Jh. blühte am Jangsangot-Kap der Schmuggel zwischen Händlern aus Qing-China und Joseon. Hauptprodukte waren roter Ginseng aus Joseon und englische Baumwollstoffe, die die chinesischen Händler mitbrachten. Im Qing-Reich war nach der Niederlage im Opiumkrieg mit Großbritannien roter Ginseng als Mittel zur Opiatentgiftung beliebt. In Joseon wiederum waren in Großbritannien oder Indien hergestellte maschinengewebte Baumwollstoffe gefragt, die als hoch-


wertiger als die groben, handgewebten Baumwollstoffe von Joseon erachtet wurden. Nicht nur die Händler von Gaeseong, sondern auch die Kapitalisten aus der Hauptstadt Hanyang machten mit dem hochlukrativen Austausch von rotem Ginseng gegen Baumwollstoffe große Profite. Auf Baengyeong-do und Socheong-do konnte der Schmuggel aufgrund der laxen Kontrolle der Behörden nur so florieren. Nach der Öffnung der Häfen fiel der Baumwollstoff-Handel, der großen Wirbel in der Wirtschaft Joseons verursacht hatte, in die Hände der Japaner. Damit geriet auch die historische Tatsache in Vergessenheit, dass der neue Trend, der die Alltagsmode der Koreaner endgültig verändern sollte, übers Meer vor Baengnyeong-do ins Land gekommen war. Höhepunkt jeden Besuchs der fünf Inseln im Westmeer bilden aber die atemberaubenden Landschaften. Die gesamte Küstenlinie wird wie Dumujin auf Baengnyeong-do von mehreren Steilklippenschichten gesäumt, die einen spektakulären Anblick bieten. Es gibt auch einen weißen Sandstrand, der so fest ist, dass sogar ein Kleinflugzeug darauf landen könnte. Geologen glauben, dass sich diese mysteriösen Insellandschaften herausgebildet haben, als sich drei im Präkambrium geformte Massive über einen langen Zeitraum allmählich an ihre heutigen Standorte bewegten und schließlich die koreanische Halbinsel formten. D. h. die gewaltige Energie, die durch ihre Kollision freigesetzt wurde, dürfte tektonische Verschiebungen bewirkt und dadurch neue bizarre Felsformationen geschaffen haben. In Anerkennung dieses geologischen Wertes designierte das Umweltministerium im Juni 2019 zehn geologisch bedeutsame Stätten der Inseln Baengyeong-do, Daecheong-do und Socheong-do zu Nationalen Geo-Parks. Da die fünf Inseln zudem vegetationsgeographisch gesehen die südliche sowie die nördliche Verbreitungsgrenze bilden, sind dort Pflanzen aus beiden Regionen heimisch. Daecheong-do ist nicht nur die nördliche Verbreitungsgrenze von Kamelien, sondern auch Habitat für Pflanzen wie Iris dichotoma und das Lauchgewächs Allium anisopodium, sodass die Insel in Wissenschaftskreisen große Aufmerksamkeit auf sich zieht.

de Gericht dann mit fermentierter Sandaalsoße (Ammodytes personatus) statt Sojasoße abgeschmeckt wird, ist eine Spezialität der Insel Baengnyeong-do. Da die Nudeln hauptsächlich aus Buchweizen bestehen, zergehen sie quasi im Mund. Zu einer vollen Mahlzeit gehört auch noch ein Teller Suyuk (in aromatischen Kräutern und Gewürzen gekochtes, in mundgerechten Scheiben serviertes Schweinefleisch), große Teigtaschen nach Hwanghae-do-Art oder Bindaetteok (Mungbohnen-Pfannkuchen). Kimchitteok, gedämpfte, mit Winter-Kimchi, Austern und Miesmuscheln gefüllte Teigtaschen, ist eine Winterspezialität, die den Wintergästen gegönnt sein möge. Alle Zutaten sind lokale Erzeugnisse. Der Werbespruch „Inseln, die man sehen möchte, Inseln, auf denen man weilen möchte“ liegt einem im wahren Sinne des Wortes auf der Zunge.

Kalte Nudeln und Teigtaschen

So, nun ist es aber Zeit für ein Päuschen und eine Stärkung: Anders als Naengmyeon nach Pjöngjanger Art, bei dem die Buchweizennudeln in kalter Rindfleischbrühe vermischt mit Hühner-, Fasanen- oder Schweinebrühe serviert werden, wird Naengmyeon nach Hwanghaedo-Art nur mit Schweinebrühe gemacht. Dass das zunächst recht fade schmecken-

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GESCHICHTEN AUS ZWEI KOREAS

© Good Neighbors

Samen des Wachstums säen Good Neighbors, eine internationale von Yi Il-ha gegründete und geführte NGO, leistet seit Mitte der 1990er Jahre humanitäre Hilfe für Nordkorea. Die Bemühungen, die über einfache Hilfsleistungen hinausgehen, setzen Beispiele für ähnliche Projekte dieser weltweit agierenden NGO. Kim Hak-soon Journalist, Gastprofessor, Fakultät für Medien und Kommunikation, Korea University

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i Il-ha, Vorsitzender von Good Neighbors, musste im letzten Februar mit ansehen, wie der Nordkorea-USA-Gipfel in Hanoi ergebnislos zu Ende ging. Der Gründer von Good Neighbors, bekannt als der „Pate der koreanischen NGOs“, war bereit, sein lange Jahre stillgelegtes Hilfsprogramm für Nordkorea wieder aufzunehmen. Yi hatte geplant, im Falle der Verbesserung der Beziehungen zwischen Washington und Pjöngjang in Nordkorea eine große Milchkuhfarm und einen Milchverarbeitungsbetrieb aufzubauen. Er wollte die Grundlagen für Schweine-, Rinder- und Hühnerzucht schaffen und Verarbeitungswerke für tierische Erzeugnisse wie z.B. Wurstfabriken einrichten. Auch hatte er gehofft, die Südkoreaner mit in Nordkorea hergestelltem Samgyetang (Gefülltes Ginseng-Huhn in heißer Brühe) zu versorgen. Aber nicht nur das: Er wollte auch die rückständige Infrastruktur des nordkoreanischen Gesundheitswesens überholen. Dieser Plan umfasste u.a. den Bau eines pharmazeutischen Forschungszentrums, pharmazeutischer Betriebe und Krankenhäuser, die hochwertige medizinische Dienstleistungen anbieten sollten. Dazu noch sollten zwei Fabriken zur Herstellung von Injektionslösungen und Kapseln sowie von Heilmitteln der traditionellen koreanischen Medizin errichtet werden. Da die Nuklearverhandlungen zwischen den USA und Nordkorea nicht weiter vorankamen, mussten alle Pläne noch einmal auf Eis gelegt werden.

Unterstützungsprojekt für Milchviehzucht

Die humanitären Hilfsprogramme von Good Neighbors im Norden lassen sich in drei Kategorien einteilen: Kinderbetreuung und -schutz, Entwicklung von Landwirtschaft und Viehzucht sowie Gesundheitsdienstleistungen. Die humanitäre Unterstützung der NGO begann 1995 mit der Lieferung von Nahrungsmitteln und Alltagsbedarfsartikeln. Damals geriet die nordkoreanische Wirtschaft in eine Abwärtsspirale, die 1977, als Yi den Norden das erste Mal besuchte, in einer weit verbreiteten Hungersnot kulminierte. 1997 lieferte Yi Mehl, Ausrüstung für Zahnkliniken, Arbeitskleidung und Handschuhe aus Baumwolle. Im selben Jahr

Yi Il-ha, der Gründer von Good Neighbors, einer NGO für internationale Unterstützungs- und Entwicklungshilfeprogramme, beim Besuch eines Waisenhauses im rund 55km von Pjöngjang entfernten Nampo (2004). Zu den seit 1995 durchgeführten Nordkorea-Hilfsprojekten der NGO gehören Schutz von Kindern, Nutztierbestand-Entwicklung sowie Gesundheitsversorgung und medizinische Dienstleistungen.

besuchte er zum ersten Mal den Norden als Leiter einer NGO der Vereinten Nationen. Das Unterstützungsparadigma von Good Neighbors änderte sich 2018, als Chung Ju-yung (1915-2001), der Gründer der Hyundai Group, in zwei spektakulären Aktionen in Dutzenden von LKWs 1.001 Rinder via den Waffenstillstandsort Panmunjeom in den Norden lieferte. Danach brachte auch Good Neighbors im September und November 2018 200 Milchkühe nach Nordkorea und baute Milchviehbetriebe auf. Während Chungs großzügige Hilfe jedoch öffentlich bekannt gemacht wurde, verlangte diesmal der Norden, dass es keine Presseberichte geben sollte. Good Neighbors war damit einverstanden. Doch die Tatsache, dass 200 Kühe vor ihrer Lieferung in den Norden in der Hafenstadt Incheon rund einen Monat in Quarantäne gehalten wurden, war nicht geheim zu halten. Die Presse bekam Wind davon und ein TV-Team filmte, wie die Kühe in zehn LKWs den Hafen verließen, was die nordkoreanischen Behörden verärgerte. Nach vielen Verwicklungen wurden insgesamt 510 Milchkühe in den Norden transportiert, die zur Grundlage des Viehbestandes von vier neuen Milchbetrieben wurden. Der Plan, Milchkühe in den Norden zu schicken, war eigentlich bereits drei Jahre davor entstanden. 1995, als Yi die chinesische Grenzstadt Dandong besuchte, traf er dort einen Australier koreanischer Abstammung, der 200 Stück einheimische koreanische Hanu-Fleischrinder in die nordkoreanische Stadt Haeju geschickt hatte. Dieser meinte, dass es hilfreicher wäre, Milchrinder statt Fleischrinder zu schicken. Die Überzeugung, dass die Nordkoreaner eine Zukunft haben könnten, wenn sie eine zukunftsfähige Milchindustrie hätten, ließ Yi einen leitenden Forscher des Instituts für Molkereitechnologie des US-Bundesstaates Pennsylvania konsultieren. Dieser war auch bereit, ihn zu unterstützen, das Vorhaben scheiterte dann aber an der Missbilligung der US-Regierung. Als ein Mitglied von Good Neighbors, der für die Molkereigenossenschaft Seoul Milk arbeitete, im NGO-Nachrichtenblatt davon erfuhr, half er Yi, die 200 Milchkühe seines Unternehmens zu einem sehr niedrigen Preis von 1,5 Mio. Won (rd. 1.125 Euro) pro Stück zu kaufen. Ein weiterer Grund für das Interesse von Good Neighbors an der Einrichtung eines Milchviehbetriebs im Norden war, dass Zucht und Betreuung der Herden einen nachhaltigen Austausch zwischen nord- und südkoreanischen Tierärzten, Milchexperten und Mitarbeitern von Good Neighboors verlangen würden. Yi und sein Mitarbeiterstab haben Nordkorea bislang rund 140 Mal besucht, Yi selbst bereits an die 120 Mal.

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1 © Good Neighbors

1. Südkoreanische Veterinäre bei der Untersuchung des Gesundheitszustands von Milchkühen der Landwirtschaftskooperative in Kubin-ri, Kreis Gangdong-gun, in der Nähe von Pjöngjang. Good Neighbors, das die Kühe lieferte, entsendet Tierärzte und andere Experten, die sich um den Viehbestand kümmern. 2. Das Pharmazieunternehmen Chongsong Pharmaceutical Company in Pjöngjang produziert Injektionspräparate. Good Neighbors hilft Nordkorea bei der Verbesserung seines Gesundheitssystems.

Mehr Einkommen für die Bürger

Danach wollte die nordkoreanische Seite mehr Unterstützung für Milchverarbeitungsanlagen, um den Mehrwert von Milch zu steigern. Nachdem Good Neighbors eine Käseverarbeitungsanlage für den Norden gebaut hatte, stellte die NGO eine einzige Bedingung: Eine Hälfte des Gewinns sollte den Dorfbewohnern und die andere Hälfte armen Kindern zugute kommen. Der Erfolg dieses Projekts hat alle Erwartungen übertroffen: Das Einkommen der Einwohner von Gubin-ri, eines Bauerndorfes im Kreis Gangdong-gun am Stadtrand von Pjöngjang, stieg innerhalb von fünf Jahren um das Zehnfache. Natürlich wuchs auch die Dorfbevölkerung. Die Dorfbewohner waren so stolz, dass sie am Dorfeingang sogar ein Schild aufstellten, auf dem ihre Leistungen in großen Lettern festgehalten sind. Nach dem Erfolg des Milchkuhprojekts bat das nordkoreanische Landwirtschaftsministerium um Unterstützung für die Hühnerzucht. Es ging darum, dass zur Veredelung der

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Hühnerrassen nicht nur die notwendige Ausrüstung, sondern auch teure Eier aus dem Ausland beschafft werden mussten. Good Neighbors kaufte Eier der produktivsten Legehennenrassen aus Frankreich, für die 5.000 bis 200.000 Won (rd. 3,75 bis 150 €) pro Ei anfielen, während der Norden eine Hühnerfarm baute, zu der Unbefugte in einem Umkreis von vier Kilometern keinen Zutritt hatten. Auf den Erfolg dieses Hilfsprojekts folgte eine weitere Bitte, diesmal für den Bau einer Futterfabrik. Good Neighbors hatte die Idee, die Produktionskapazität einer in der Nähe der nordkoreanischen Hafenstadt Wonsan befindlichen Zinkfabrik auszubauen, um mit den dort erwirtschafteten Erlösen Rohstoffe für die Futterproduktion zur Verfügung stellen zu können. Die südkoreanische Regierung finanzierte das Projekt mit 1,5 Mio. US-Dollar und einem Bankdarlehen in Höhe von 7 Mio. US-Dollar. Es war so erfolgreich, dass das Darlehen in nur zwei Jahren zurückgezahlt werden konnte. Solche in Nordkorea gemachten Erfahrungen im


geschenkt haben. Er und einige seiner Mitarbeiter verbrachten rund zehn Tage auf der Farm und kamen den dortigen Bewohnern sehr nahe. Gemeinsam fingen sie Fische in einem Bach und bereiteten einen Fischeintopf zu, den sie miteinander teilten. „Wenn Sie den Norden als einen potenziellen Markt mit herausragenden Humanressourcen und reichlichen natürlichen Ressourcen betrachten und dort investieren, können Sie Erfolg haben“, sagt Yi. „Die nationale Wiedervereinigung wird wohl früher kommen, wenn noch mehr Nordkoreaner die Chance haben, mit Südkoreanern zu arbeiten und solche Erfahrungen zu sammeln.“

Unterstützung für Kinderbetreuung und -schutz

© Good Neighbors

Betrieb von Sozialunternehmen wurden für Good Neighbors ein wertvolles Gut, das es der NGO ermöglichte, in den verschiedensten Regionen der Welt erfolgreich Entwicklungsprojekte durchzuführen. Yi ist der Ansicht, dass das humanitäre Nahrungsmittelhilfsprogramm, über das derzeit in Südkorea öffentlich diskutiert wird, schon früher hätte gestartet werden müssen. „Jetzt ist etwas zu spät dafür“, sagt er. „Den Nordkoreanern geht es nicht mehr um Spenden von einigen Hunderttausend Dollar. Vielmehr müssen wir spezialisierte Hilfsprogramme entwickeln. Wir müssen unsere personellen und materiellen Ressourcen in spezielle Bereiche wie Landwirtschaft, Viehzucht, Gesundheitsversorgung und Bildung einsetzen. Der Norden ist mehr an einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit interessiert als an Nahrungsmittel- oder Düngemittelhilfe.“ Die Erlebnisse auf der Genossenschaftsfarm Gubin-ri soll Yi eine unvergessliche „Erfahrung der Wiedervereinigung“

Good Neighbors hat insgesamt rund 220.000 Nordkoreanern, darunter auch Kindern, an 25 Standorten im Norden geholfen. Die Nahrungsmittelhilfsprogramme für Kindertagesstätten in den verschiedenen Regionen tragen dazu bei, den chronischen Nahrungsmittelengpässen in Nordkorea entgegenzuwirken. Alleine im Jahr 2018 wurden 114 Tonnen Milchpulver über Good Neighbors USA in den Norden geschickt. Außerdem wurden Bemühungen unternommen, das Gesundheitsumfeld durch Lieferung von 20 Sorten von Medikamenten zu verbessern. Weitere Lieferungen für die Bildung von Kindern umfassten 150 Tonnen Papier zum Drucken von Lehrbüchern, Lerncomputer, aber auch Sportbedarf wie Inlineskates und Fußbälle. „Eine Welt ohne Hunger! Eine Welt, in der wir zusammenleben können!“ – so lautet das Ziel von Good Neighbors. Die 1991 von Yi gegründete NGO hat sich mittlerweile zu einer weltweit aktiven Organisation mit 52 Niederlassungen allein in Südkorea und 303 Büros in rund 40 Ländern der Welt entwickelt, die Projekte für soziale Unterstützung und internationale Hilfe durchführen. Weltweit sind mehr als 3.000 Mitarbeiter aktiv, allein in Korea werden die Projekte mit den Spenden von 500.000 Mitgliedern durchgeführt. 1996 erhielt Good Neighbors als erste koreanische NGO vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) den „Allgemeinen Konsultativstatus“, die höchste UNO-Auszeichnung für NGOs. Yi fügt hinzu: „Meine Hauptaufgabe als Gründer von Good Neighbors ist es, eine Atmosphäre der Versöhnung zwischen den beiden Koreas zu schaffen. Daher können wir die humanitären Hilfsprogramme für die Menschen im Norden nicht reduzieren oder einstellen. Ich denke, ich werde meine Pflicht auf dieser Welt erfüllt haben, wenn beide Koreas sich ausgesöhnt haben und wahrer Frieden herrscht.“

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EN GANZ NORMALER TAG

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40 Jahre mit alten Büchern Jeong Byung-ho schlängelt sich in seinem Gebrauchtbuchlädchen, das er nun schon seit 40 Jahren betreibt, zwischen hohen Bücherstapeln hindurch, um eine Handvoll Bestellungen zu erledigen. Er trotzt einem Lesetrend, der Papierbücher zur Seite drängt – und viele seiner Kollegen. Kim Heung-sook Dichterin Fotos Ahn Hong-beom

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paziert man am Fluss Cheonggye-cheon, der durch die Seouler Stadtmitte fließt, entlang, gelangt man zum Pyeonghwa Sijang (wörtl.: Frieden-Markt), einem alten Geschäftskomplex. In den 1950er Jahren öffneten im Erdgeschoss viele Second-Hand-Buchhandlungen, in denen es bis in die 1980er Jahre vor Kunden nur so wimmelte. Es waren Schüler, die sich keine neuen Lehrbücher beschaffen konnten, oder Studenten, die die Universitätsaufnahmeprüfung verbaut hatten und Trost in den Schriften berühmter Philosophen suchten. Damals gab es dort 200 bis 300 Bücherläden, die alte Bücher verkauften. In den 1990ern ging es jedoch bergab mit der einst beliebten Bücherstraße, sodass heute nur noch 18 Läden übrig geblieben sind. Einer davon gehört Jeong Byung-ho, der bereits seit 40 Jahren die Buchhandlung Seomun Seojeom betreibt. „Hauptgrund für das Verschwinden der Buchhandlungen waren Curricula-Änderungen sowie neue Bestimmungen für Entwicklung und Zulassung der Bücher für Mittel- und Oberschulen “, sagt Jeong. „Davor gab es für jedes Schulfach nur ein einziges Lehrbuch, das unter Federführung des Bildungsministeriums entworfen und gedruckt wurde, danach konnten die Schulen unter mehreren Lehrwerken wählen. Damals kamen Schüler aus den Provinzen, die sich die Lehrbücher dort nicht besorgen konnten, hierher, um gebrauchte Exemplare zu kaufen. Aber in den 1990er Jahren änderte sich die Bildungspolitik, sodass verschiedene Verlage in die Lehrbuchentwicklung einstiegen und auch Nachschlagwerke herauszugeben begannen. Von da

an schrumpfte die Zahl der Gebrauchtbuchhandlungen und wird noch weiter schrumpfen, denn auch jetzt stehen Läden zum Verkauf.“

Veränderte Lesegewohnheiten

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet in Korea weltweit am schnellsten voran. Laut einer Mitte 2018 in 27 Ländern gemachten Umfrage besitzen 95% aller erwachsenen Koreaner ein Smartphone, der Rest ein Mobiltelefon, womit Korea weltweit an erster Stelle in puncto Digitalisierung der Gesellschaft stehlt. Einst träumten viele Grundschüler davon, Lehrer zu werden, heute wollen sie YouTube-Stars werden. Angesichts dieses Wandels scheint es nur natürlich, dass die Zahl derer, die noch Bücher lesen, zurückgeht. Laut den Ergebnissen einer 2017 vom Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus veröffentlichten landesweiten Umfrage zur Erfassung der Lesegewohnheiten der Bevölkerung sollen nur 60% aller Erwachsenen Bücher wie Romane oder philosophische Werke gelesen haben. Das heißt, dass vier von zehn erwachsenen Koreanern während des ganzen Jahres kein einziges Buch gelesen haben. Als Hauptgründe wurden genannt: „Zu beschäftigt“ oder „Nutze Smartphone und Internet“. Kleine, unabhängige Buchhandlungen fallen dieser Trendveränderung und den verschiedenen Rabattangeboten, die viele Internet-Buchhandlungen gewähren, zum Opfer. Jeong erklärt dazu: „Große Internetbuchhandlungen arbeiten direkt mit den Verlagen zusammen, um die Bücher billiger anbieten zu können, aber kleine und mittlere Buchhandlungen müssen über einen Zwischenhändler einkaufen, was ihre Gewinnspanne kürzt. Daher ist es unmöglich, mit den Internetbuchhandlungen zu konkurrieren. Es gibt zwar auch große Antiquariate, aber zum Glück ist diese Konkurrenz nicht so stark.“ Jeong ist zwar Vorsitzender des „Verbands der Cheonggyecheon-Antiquariatshändler“, kann aber auch nicht viel an der Situation ändern. Er sagt, der Wandel der Welt sei ja nicht aufzuhalten, also versuche er halt sein Bestes zu geben. „Mitte der 1990er Jahre wollten meine Freunde mich überreden, mit ihnen zusammen ins Stahlblechgeschäft einzusteigen“, erinnert sich Jeong. „Sie meinten, ich

1. Jeong Byung-ho inspiziert Bücher im Seomun Seojeom, der Second-Hand-Buchhandlung, die er schon seit 40 Jahren im Seouler Geschäftskomplex Pyeonghwa Sijang betreibt. 2

2. Früher gab es 200 bis 300 Gebrauchtbuchhandlungen in Pyeonghwa Sijang, heute nur noch 20.

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könne in einem Monat so viel verdienen wie ich mit der Buchhandlung in einem Jahr verdiene. Aber als ich es mir genau überlegte, kam ich zu dem Schluss, dass ich einfach weiter das machen sollte, was mir Spaß machte, da ich von Stahlplatten eh nichts verstand und auch kein Interesse daran hatte, während ich Bücher liebe.“

Liebe zur Malerei

Danach hat sich Jeong nur der Buchhandlung gewidmet. Einige Jahre später fügte er in dem Versuch, eine Geschäftsflaute zu überwinden, auf seinem Ladenschild „Design- und Innenarchitektur-Sachbücher“ hinzu. Da er sich schon immer sehr für Kunst interessiert hatte, besaß er einen großen Vorrat an kunstbezogenen Büchern, zudem schien das Interesse daran beständig zu steigen. Heutzutage stellen allgemeine Bücher zwar einen viel größeren Anteil seines Absatzes, trotzdem sind Bücher über Kunst und Malerei seine Favoriten. Er sagt, er möchte noch so zehn Jahre lang Bücher verkaufen und sich dann dem Malen widmen. Seine Frau, Yu Seol-ae, ist ebenfalls Buch- und Kunstliebhaberin. Das Ehepaar hat eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter studiert in Deutschland Orgel und Dirigieren. Der Sohn hatte Animation studiert, bevor er das Fach wechselte. Jeong glaubt, dass sein Sohn ein guter Buchhändler werden könnte, da auch er Bücher mag. „Ich habe zwar nicht die Absicht, ihn zu zwingen, das Geschäft zu übernehmen, doch falls er es möchte, überlasse ich ihm gerne alles“, sagt Jeong. Mit „alles“ meint er wohl nicht nur die Bücher, sondern auch den Laden. Jeong verkauft seine Bücher im Erdgeschoss, der zweite und dritte Stock dient als Lager. Die drei Stockwerke umfassen knapp 20 m². Das ist nicht viel, aber im Herzen von Seoul ist eine Ladenfläche dieser Größenordnung nicht zu verachten. „Ich habe die Buchhandlung von einem entfernten Verwandten übernommen, und am Anfang war es wirklich hart. Wir mussten die Miete bezahlen, hatten aber kein Geld, weshalb wir die 24-Karat Goldringe, die den Kindern nach alter Tradition an ihrem ersten Geburtstag geschenkt worden waren, im Juweliergeschäft verkauften“, erzählt Jeong. „Aber egal, wie schwer es war, wir haben unsere Miete immer pünktlich bezahlt. Wenn der Vermieter nicht zu mir in den Laden kam, um die Miete abzuholen, habe ich sie ihm auf dem Weg zur Arbeit vorbeigebracht.“ Um 1996 schlug der Gebäudebesitzer ihm vor, den Laden zu kaufen. Jeong fehlten die Mittel dafür, aber der Vermieter übernahm die Bürgschaft für ein Darlehen in Höhe von

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30 Mio. Won. Noch heute ist Jeong ihm dankbar für seine Großzügigkeit. Um Bestellungsaufträge zu erfüllen, muss Jeong die Verkaufstheke im Erdgeschoss verlassen und in die oberen Stockwerke gehen. Er hinterlässt dann eine entsprechende Notiz mit seiner Handynummer auf einem der Bücherstapel, damit vorbeischauende Kunden ihn kontaktieren können. Früher hatte er viele Stammkunden, heute kommen kaum noch welche: „Früher kamen viele Kunden mit einem Blatt Papier, auf dem sie die Titel der gewünschten Bücher notiert hatten“, erzählt er. „Manche brachten Listen mit zehn oder mehr Titeln, wieder andere hatten neben dem Titel auch noch die Namen von Autor und Herausgeber aufgeschrieben. Heutzutage gibt es diese Art Kunden nicht mehr. Manchmal kommen einige, die ein Foto von Buchdeckel oder Titel eines Werks auf ihrem Handy haben. Meine Hauptkundschaft sind ältere Menschen und es ist traurig, wenn sie sagen, dass sie Schwierigkeiten haben, die alten Bücher zu lesen, weil die Schrift so klein ist.“

Alltagsroutine rund um Bücher

Jeong wacht jeden Morgen um fünf auf und besucht die Frühmesse der katholischen Kirche Dobongsan in der Nähe seiner Wohnung. Um sieben ist er wieder zu Hause, frühstückt und fährt dann gegen neun mit Bus oder U-Bahn zur Arbeit. Einige Male pro Woche meldet er sich bei den alten Gebrauchtbuchläden im Antiquitätenviertel hinter dem Dongmyo-Schrein in der Nähe des Dongdaemun (Osttor), um Bücher zu kaufen und sich mit Buchhändlerkollegen zu unterhalten. Es gibt dort drei Gebrauchtbuchhandlungen. Manchmal schaut er auch in der Seoul Buchschatzkammer in der Nähe der U-Bahnstation Jamsilnaru (Linie 2) vorbei. Diese Einrichtung wurde im März 2019 von der Stadt Seoul eröffnet, um die Lesekultur zu befördern. Es gibt dort einen Raum für Kommissionsbuchhandel gebrauchter Bücher, ein Buchcafé, aber auch verschiedene kulturelle Veranstaltungen finden dort statt wie z.B. Ausstellungen von gespendeten Büchern, Gesprächsrunden und Auktionen seltener Bücher. Der Verkaufsraum verfügt über Stände für rund 30 Gebrauchtbuchhandlungen. Einer davon gehört der Buchhandlung Seomun Seojeom. „Dank der regen Medienberichterstattung wird die Buchschatzkammer gut besucht“, sagt Jeong. „Am Anfang gab es noch mehr Besucher, jetzt hat der Andrang schon deutlich nachgelassen, aber es ist immer noch besser als nichts.“ Auch unter den Gebrauchtbuchhandlungen gibt es Großbuchhandlungen. Diese können es sich leisten, ihren Stand


einen bestimmten Beruf zusammenzubekommen. Sie freuen sich, wenn ich die Bücher für sie zusammenstelle und schicke. Kleinere Aufträge umfassen 50 bis 100 Bücher, bei Großaufträgen können es mehrere Tausend sein. Erst vor Kurzem habe ich 2.000 Bücher losgeschickt. Vor ein paar Jahren wurde ich sogar einmal mit der Bestellung von 50.000 Büchern für ein Café-Kette beauftragt. Jedes Mal, wenn ein neues Büchercafé eröffnet wurde, brauchte man etwa 200 Bücher, die meisten davon Romane.“

Was er noch gern macht

Mit einer sich über drei Stockwerke erstreckenden Ladenfläche von nur knapp 20 m² quillt Seomun Seojeom geradezu über vor Büchern.

den ganzen Tag über von einem Mitarbeiter betreuen zu lassen, was sich entsprechend positiv in den Verkaufszahlen niederschlägt. Für alle, die wie Jeong alleine arbeiten, ist das nicht machbar. Er hinterlässt Bücher im Kommissionshandel-Raum und zahlt eine Provision von 10% des Verkaufspreises an die Stadtregierung Seoul. Nach einem Besuch in Dongmyo oder der Seoul Buchschatzkammer kommt Jeong gegen elf Uhr in seinen Buchladen. Obwohl es nicht viel Kundschaft gibt, ist er den ganzen Tag beschäftigt, sodass kaum Zeit zum Lesen bleibt. Er muss Bücher auswählen, die an die Seoul Buchschatzkammer übergeben werden sollen, und sich um den Versand von online georderten Bücher kümmern. Seit rund zehn Jahren versorgt er auch TV-Sender, die für ihre Unterhaltungprogramme Bücher als Requisiten brauchen. „Wenn es in einer TV-Serie einen Arzt gibt, dann muss in seinem Konsultationsraum doch medizinische Fachliteratur in den Regalen stehen, nicht wahr? Also wähle ich die jeweils passenden Bücher aus und schicke sie an die Sender“, erklärt er. „Früher kamen die Requisiteure zu mir und suchten die Bücher selbst aus. Es scheint aber für sie gar nicht so einfach zu sein, die richtigen Bücher für

Selbst wenn er in der Buchhandlung noch so beschäftigt ist, lässt er alles stehen und liegen, wenn ein Anruf von seiner Kirche kommt. In der katholischen Gemeinde, der er angehört, ist er „Joseph“, der Geschäftsführer eines Teams von Ehrenamtlichen, das sich beim Ableben eines Gemeindemitglieds um den gesamten Bestattungsprozess kümmert, angefangen von Waschen und Anlegen der Totenkleidung über Einsargung und Totenmesse bis zur Erd- oder Feuerbestattung. Jeong, der schon seit zehn Jahren als Geschäftsführer arbeitet, bekommt etwa zweimal im Monat einen Anruf von der Kirche. Dann muss er zwar seinen Laden schließen, aber er tut es willigen Herzens. „Es ist eine Arbeit, die ich gerne mache. Und wenn ich etwas gerne mache, dann mache ich es hundertprozentig, das ist mein Prinzip“, sagt er. Wenn er nicht zur Kirche eilen muss, macht er um 18 oder 19 Uhr Feierabend und geht nach Hause. Nach dem Abendessen listet er Bücher auf seinem Verkäuferkonto der Internetbuchhandlung Kyobo auf und überprüft die eingegangenen Bestellungen, bevor er gegen Mitternacht ins Bett geht. „Auch wenn die Zahl der Bücherleser schrumpft und die der Online-Buchhandlungen weiter zunimmt, werde ich einfach so weiterleben wie bisher. Auf meine Art und Weise. Weil ich das mache, was ich machen möchte, kann ich es wohl auch mein Leben lang machen.“ Es heißt, dass jeder Mensch wie ein Buch ist. Wenn dem so ist, dann ist Jeong wohl ein Bildband mit ruhigen Tuschebildern. Ich habe seinen Sohn zwar nicht getroffen, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass er seinem Vater ähnelt. Vielleicht können wir in zehn Jahren einen Herrn Jeong treffen, der malt, und dessen Buchladen von seinem Sohn geführt wird. Wenn der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt, könnte aus Seomun Seojeom eine Buchhandlung vom Kaliber des Strand Bookstore in New York werden, ein Familienunternehmen mit bislang 92-jähriger Geschichte.

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BLICK AUS DER FERNE

Koreanische Poesie Martin Leiner Professor an der Friedrich-Schiller Universität, Direktor des Jena Center for Reconciliation Studies

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eutschland bezeichnet sich gerne als Land der Dichter und Denker. Mit Recht beginnt aber eine im dtv-Verlag erschienene Anthologie mit der gegenteiligen Behauptung: „Wenn es ein ‚Land der Dichter‘ gibt, dann ist das wohl Korea. Südkorea zumindest ist weltweit unübertroffen, was die Produktion von Lyrikbänden und deren Auflagenhöhen angeht. Die ältesten ethnographischen Berichte aus Korea – chinesische Quellen aus dem ersten Jahrhundert nach Christus – erzählen bereits von der Begeisterung, mit der die Bewohner der Halbinsel sangen und tanzten.“ 1 Auch das älteste erhaltene Werk koreanischer Literatur, das Gongmudohaga aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, ist ein Zeugnis dafür, dass in Korea bereits in dieser Zeit Lyrik in gesungener Form dargebracht wurde. Durch die Jahrhunderte hindurch wurden Gedichte und Dichter in Korea hoch geschätzt. Eine besondere Bedeutung erhielt die koreanische Dichtung für die Identität der Koreaner aber in der Zeit der Unterdrückung der koreanischen Kultur durch die japanische Kolonialherrschaft (1910-1945). Ein bis heute sehr bekanntes, in den Schulen gelerntes und als Lied gesungenes Gedicht aus dieser Zeit ist von Yi Sanghwa (19011943): Geraubtes Land. Ein Land von Fremden jetzt – ob in geraubte Felder auch der Frühling kommt? Nach dieser Frage feiert das Gedicht in leuchtenden Farben den Frühling auf dem Land. Der liebe Graben, wie er das trockene Feld umarmt, ein Wiegenlied singend geht er dahin und tanzt … Schmetterling, Schwalbe, drängelt mir nicht, ich muss doch den Hahnenkamm am Feldrand noch begrüßen. Freilich ist der Dichter nicht unbeschwert und so endet das Gedicht mit der Strophe: Den ganzen Körper von unreifem Duft umwunden, gehe ich hin, wo sich blaues Lachen und blauer Kummer verbinden, hinkend geh ich den ganzen Tag, wie besessen vom Frühlingsgeist. Doch jetzt da die Felder geraubt sind, wird auch der Frühling geraubt sein.2 1 Marion Eggert, Vorwort zu: Dies. (Übersetzerin), Wind und Gras. Moderne koreanische Lyrik. München 1991. 11. 2 A.a.O., 27f.

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Viel geht bei Übersetzungen verloren wie der Klang der Worte, die Rhythmik, die vielfältigen Konnotationen von Worten und Anspielungen auf andere koreanische Texte; dennoch entfaltet das Gedicht auch auf Deutsch seine Wirkung. Es spricht durch seine starken sinnlichen Bilder und macht eine Erfahrung zugänglich, die die Deutschen nur ansatzweise kennen: die Erfahrung, wie eine aufgezwungene Herrschaft und eine aufgezwungene andere Kultur eindringt in alle Lebensbereiche und dabei selbst den Frühling rauben und enteignen kann. Als Forscher, der sich für Versöhnungsprozesse nach schweren Menschenrechtsverletzungen interessiert und der deshalb immer wieder nach Korea kommt, helfen Gedichte und die Gespräche mit Koreanern über Gedichte, Korea zu verstehen. Durch Gedichte aus der Kolonialzeit verstehe ich, wie tief die Koreaner von dieser Zeit geprägt sind. Fast nie in der Weltgeschichte hat eine Kolonialmacht so massiv das kulturelle Erbe eines anderen Volkes zerstört und seine Sprache unterdrückt, wie dies die Japaner in Korea versucht haben. Der Weg zu einer Versöhnung ist noch weit. Die Gedichte und die Erzählungen der Menschen zeigen, wie tief der Schaden ist, den die Respektlosigkeit angerichtet hat, mit der die Kolonialherrschaft durchgeführt wurde. Ob viele Japaner dies verstanden haben? Ich weiß es nicht. Wenn ich in Japan bin, wünsche ich mir manchmal, dass die Japaner koreanische Gedichte lesen würden. Neben dem beruflichen Interesse genieße ich die Gedichte und ihre Schönheit sehr, wenn sie wie in Yi Sanghwas Gedicht Naturerlebnis, Persönliches und Geschichtliches miteinander verweben. Selbst in den deutschen Übersetzungen gibt es unvergessliche Metaphern und Symbole. Ich nenne nur ein paar: das Mädchenlachen der Lerchen im Frühling, der unreife Duft, Blütenneid, der Tod als Tropfen kalten Taus oder die Beschreibung der reflektierenden Fassaden der Großstadt durch die zeitgenössische Dichterin Kim Hyesun (geb. 1955): In wessen Aquarium bin ich hier Wie gefangen im Spiegelkabinett kann ich heute die Augen nicht öffnen Worauf mein Blick auch trifft bin alles ich.3 Auch Weisheit und Trost vermitteln manche Gedichte, wie Trennung von Han Yongun (1879-1944), der als buddhistischer Mönch im Widerstand gegen die Japaner aktiv war und einer der berühmtesten Dichter Koreas überhaupt ist. Die wahre Liebe liebt nicht nur die Umarmung, sie liebt auch den Abschied des Geliebten. Und wahre Liebe kennt keine Zeit. Da wahre Liebe sich nicht unterbricht, fällt Trennung nur auf die liebenden Körper, ist Liebe nicht endlich. Der wahren Liebe reicht der Tod ein Messer, streut die Trennung Blumen. Die Tränen der Trennung sind das Wahre, Gute und Schöne. Die Tränen der Trennung sind Buddha, sind Moses und Jeanne d‘Arc.4

3 A.a.O., 133. 4 A.a.O., 21f.

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REISEN IN DIE KOREANISCHE LITERATUR

REZENSION

Variation von Realiät und Fantastischem Kim Do-yeon, geboren in einem Bergdorf in der Provinz Gangwon-do, das zur Stadt Pyeongchang, wo die Olympischen Winterspiele 2019 ausgetragen wurden, gehört, studierte Französische Literatur an der Gangwon-Univiersität. Diese Verbindung von Herkunft und Studienfach macht seine Schaffenswelt, d.h. Stoffe, Themen, Formen und Techniken, besser verständlich. Choi Jae-bong Reporter, The Hankyoreh

K

im Do-yeons Prosa thematisiert oft sein Heimatdorf und das Leben der Menschen dort, darunter auch das seiner Eltern. Im Gegensatz zu vielen „Bauernerzählungen“, die sich gern der Methoden des Realismus bedienen, bevorzugt er Techniken der Fantasie. Die Auszeichnung seiner Erzählung Buenos Aires um Null Uhr mit dem JungAng-Literaturnachwuchspreis der Zeitung JungAng Ilbo im Jahr 2000 markiert Kims Meinung nach sein Debüt als Schriftsteller. Davor hatte er zwar bereits 1991, als er noch studierte, und 1996 den Frühjahrsliteraturwettbewerb von zwei in der Provinz ansässigen Zeitungsverlagen gewonnen, aber die Anerkennung als Schriftsteller blieb aus. Erst nach dem JungAng-Preis erhielt er Aufträge von namhaften Literaturzeitschriften. Zwischen Studienabschluss und „echtem Debüt“ arbeitete er als Tagelöhner, half seiner Schwester beim Betrieb ihres Cafés in einer Kleinstadt und führte auch selbst mal ein kleines Café, aber nichts davon reichte zur Sicherung des Lebensunterhalts. Doch selbst in diesen schwierigen Zeiten ohne festen Job oder eigenem Dach über dem Kopf trug er stets Hoffnung ohne Gesicht, eine von Hwang Hyeon-san verfasste Studie über die Gedichte von Guillaume Apollinaire, bei sich, in der er immer wieder wie in der Bibel las. Ab und zu schickte er Postkarten ohne Absender an Hwang. Hwang Hyeon-san, der 2018 verstarb, war einer von Kims Professoren und sein Mentor. Hwang übersetzte literarische

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und theoretische Werke der französischen surrealistischen und symbolistischen Schule und widmete sich als Gedichtkritiker v.a. den experimentellen Arbeiten der sog. Futuristen. Das Buch seines Mentors und die Postkarten an ihn sind Beweis dafür, dass Kim trotz aller Schwierigkeiten und Leiden sich nie von der Literatur losgesagt hat. „Als ich mich in meinen Zwanzigern, in einem Alter, in dem Empfindlichkeit und Empfänglichkeit am ausgeprägtesten sind, für französische Gedichte und Erzählungen begeisterte, wollte ich meine Herkunft aus einem Bergnest in der Provinz fast abwerfen. Da mein Wissen aber letztendlich nur aus Büchern stammte und sich völlig von der Realität, in der ich bis dahin gelebt hatte, unterschied, waren Antagonismus und Konflikt zwischen den beiden sehr stark. Ich verspüre aber immer noch kein Interesse daran, die Wirklichkeit meiner Heimat realistisch darzustellen. Wenn ich das tun würde, würde ich kaum mehr als ein Nachahmer von Kim Yu-jong (1908-1937) oder Yi Mun-gu (1941-2003) sein, nicht wahr? Ich möchte vielmehr die fantastischen Elemente meines Schreibens ins Extreme steigern.“ Das sagte mir Kim 2012 in einem Interview. Das Fantastische, das er als seine erzählerische Strategie gewählt hat, ist in seinem Debütwerk Null Uhr in Buenos Aires deutlich zu erkennen. Die drei Tage, die ein Mann vor der Hochzeit der Frau, die er geliebt hat, in einer Pension verbringt, bilden die zeitliche Kulisse der Erzählung. Das Narrativ besteht haupt-


sächlich aus den Träumen und Fantasien des Mannes, der im Bett zwischen Schlafen und Wachsein driftet, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet. „Das harte Bett, auf dem der Protagonist liegt, wird zu einem Tor, das zu allen Orten auf der Welt führen kann“, und „der Schlaf und die Träume darin sind der Wartesaal, durch den entstellte Erinnerungen hinein- und hinausfließen“. Kims erster Roman Wie man mit einer Kuh eine Reise macht (2007) ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit einer Kuh im LKW, die er auf dem Viehmarkt nicht verkaufen konnte, eine Reise durch das ganze Land macht. Er ist in Begleitung seiner früheren Freundin, die gerade das Begräbnis ihres Mannes hinter sich hat. Die Reise selbst, die an der Ostküste beginnt und der gesamten Küstenlinie der koreanischen Halbinsel folgend schließlich am Tempel Jogye-sa in Seoul endet, haftet zwar schon etwas Fantasiehaftes an, aber v.a. der Beginn des Romans „Die Kuh sagte...“ verrät den unverwechselbaren Stil von Kim Do-yeon. Auch in seinen anderen Werken, in denen Bauerndörfer und Berge als Schauplätze dienen, unterhalten sich Kühe, Hunde, Hühner und Enten problemlos mit den Menschen. In der Erzählung Im Windsack z.B., enthalten in seinem 2010 erschienenen dritten Erzählband Re-Interpretation der Geschichte um die Zeit der Trennung, fährt der Protagonist, der zwischen Frau und Freundin schwankt, in tiefer Nacht auf der Autobahn, als ihm ein Wildschwein und ein Elch hinterherjagen und der Elch ihn um eine Mitfahrgelegenheit bittet. Als er seine Tagelöhnerjobs und den Cafébetrieb aufgab, um in die Provinz Gangwon-do zurückzukehren, war es die kleine Bibliothek im Heimatstädtchen, die Kim die Kraft gab, den elterlichen Hof nicht zu übernehmen, sondern seine Identität als jemand, der liest und schreibt zu bewahren. Er geht schon seit über zehn Jahren in diese Bibliothek, liest und schreibt dort, sodass sie zu seinem Arbeitsraum geworden ist. Impressionen seines Alltags vermitteln Kims Erzählungen Eingesperrt im weißen Leuchtturm und Bohnengeschichte, in denen die Bibliothek der Schauplatz ist und Bibliothekarinnen erscheinen. In der in seinem vierten Erzählband Bohnengeschichte (2017) veröffentlichten Erzählung Paho - Gebrochen erscheinen ein nicht mehr ganz frischer Junggeselle, der mit den Eltern zusammen auf dem Familienhof lebt und auch nach deren Tod dort wohnen bleibt, und seine Geschwister. Der auch in chinesischen Schriftzeichen angegebene Originaltitel „Paho“ ist ein Fachausdruck des Brettspiels Baduk (auch: Go), der sich auf den taktischen Spielzug „das Auge brechen bzw. zerstören“ bezieht. Um eine eigene Gruppe von benachbarten Steinen verteidigen zu können, braucht man

© Jeong Hui-seong

„Selbst heute bin immer noch nicht daran interessiert, die Wirklichkeit meiner Heimat aus realistischer Perspektive abzubilden.“ mindestens zwei Augen, d.h. zwei vom Gegner nicht besetzbare freie Punkte in der Gruppe. Der Gegner kann jedoch die betreffende Gruppe fangen bzw. töten, indem er das Zustandekommen von zwei Augen unmöglich macht, also ein Auge bricht bzw. zerstört. Wortwörtlich bedeutet das Wort „Paho“ „Brechen (Zerstören) des Hauses bzw. der Familie“. In dieser Erzählung kommen die sechs Geschwister nach dem Tod der Eltern nach Langem wieder einmal im heimatlichen Elternhaus zusammen. Der Ausdruck „beängstigend und einsam“, der mehrere Male vorkommt, steht wohl für die Gefühlslage des Protagonisten angesichts der Gier der Geschwister und deren Ehepartner in Bezug auf das elterliche Erbe. Rivalitäten und Zwietracht beziehen sich zwar zunächst einmal nur auf diese eine Familie, stehen im weiteren Sinne aber auch für das Schicksal der Landgemeinden sowie Zerfall und Zusammenbruch der ländlichen Gemeinden und der Familiengemeinschaft. Wie viele andere Werke von Kim Do-yeon, so endet auch diese Erzählung ohne markante Schlussfolgerung. Das liegt wohl nicht so sehr an dem unschlüssigen Charakter des Protagonisten, sondern eher an der dargestellten Gesamtsituation und ihrer Widerspiegelung in der Realität, die ebenso trostlos und auswegslos erscheinen.

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